(Nächster Tag)
Narcissa hatte in dieser Nacht so gut geschlafen wie noch nie auf diesem Schiff und sie war ausgeruht und fühlte sich gleich viel besser, als sie aufwachte. Sie streckte sich und stieß einige Morgengrunzer aus, als sie ihre Hände zu Fäusten ballte und weit von sich streckte. Sie hatte fast nicht mehr mitbekommen, dass sie auf dem Schiff war, dass sie nach Ostia brachte, es hatte sich so ruhig angefühlt, fast wie in ihrem Zimmer zu Hause. Nur, dass sie ganz anders geträumt hatte als sonst, sie hatte von Neptunus geträumt, sie konnte sich noch genau daran erinnern. Er war attraktiv gewesen, auch wenn seine Haare und sein Bart grünblau waren. Er hatte ebenso hellblaue Augen gehabt wie sie selbst, ob ihr wirklich ein Gott erschienen war? War das nicht vermessen? Aber wenn doch, dann war sie sehr froh darum. Er hatte ihr einen wundervollen Traum und einen erholsamen Schlaf gebracht. Als sie dann aufstand, war Nicäa noch nicht im Raum, sie wunderte sich was ihre unnütze Sklavin eigentlich immer machte. Ausgelassen wie ein kleines Kind sprang sie auf und als sie begann sich ihre Haare zu kämmen fiel ihr ein Tropfen Wasser auf, der auf ihrer Stirn thronte. War das Schiff etwa undicht? Kam Wasser oder Regen hinein? Sie wischte sich über die Stirn und betrachtete den einzelnen Wassertropfen, der jetzt an ihren Fingern klebte. Es roch salzig und da fiel es ihr wieder ein, Neptunus hatte sie doch geküsst, auf die Stirn! Ihr war also tatsächlich ein Gott im Traum erschienen! Sie grinste, ließ die Bürste fallen und betete noch einmal kurz zu der kleinen Statue in der Ecke ihrer Kajüte. Es war nur ein kurzes Dankgebet, denn sie freute sich wirklich sehr. Sie konnte nicht widerstehen, das Salzwasser auf ihren Lippen zu verteilen. Sie kicherte immer noch wie ein kleines Mädchen als Nicäa hereinkam und sie fragend ansah. Dann begann das morgendliche Ritual des Waschens und Ankleidens…
…wie sollte sie nur die Reise überstehen? Mit der Langeweile hätte sie ja noch irgendwie umgehen können, aber ohne Zenon? Ihre Schwester hatte ihr einige Schriftrollen eingepackt, darunter einige Texte über Rom, aber auch erfreulicheres wie Gedichte und sogar auch ein Theaterstück. Doch Narcissa konnte sich nicht darauf konzentrieren, die Buchstaben tanzten vor ihren Augen und so gab sie es auf. Wahrscheinlich würde sie erst wieder auf dem Festland dazu kommen, zu lesen, wenn überhaupt. Wieso sollte sie etwas über Rom lernen? Sie würde sowieso die meiste Zeit in der Casa bleiben. Ihren Vetter heiraten. Verächtlich schnaubte die Zwanzigjährige. Das waren ja ganz wunderbare Aussichten! Wie hatte ihre Familie ihr das nur antun können? Sie hätte, wenn auch nur unter Zwang, den alten Händler geheiratet. Nachdem er seinen Spaß und seinen Erben bekommen hätte, wäre das Haus schnell mit allzu hübschen Dienerinnen überfüllt gewesen, die ihn gut genug ablenkten, dass Narcissa ihre Ruhe gehabt hätte. Aber nein, sie sollte ihren Vetter heiraten, von dem sie nicht mal genau wusste, in welchem Zusammenhang sie verwandt waren. Ihr Großvater hatte einen Bruder und Lucius war dessen Enkel, wenn sie es richtig verstanden hatte, also waren ihre Großväter Brüder gewesen. Oder waren es ihre Urgroßväter, die Brüder gewesen waren? War das überhaupt legal? Sie kämpfte einen Moment gegen den Wind, der ihr das Kleid vom Leib reißen wollte, dann schwankte sie in Richtung der Treppen, die sie zu ihrer Kajüte führen würden. Sie wollte sich einen Moment hinlegen. Hier auf dem Schiff war es völlig egal wann sie schlief und wann sie wach war, sie musste einfach nur die Zeit überbrücken, bis sie ankommen würden. In Italia, in Roma, in der Casa ihrer Familie. Eine plötzliche Gänsehaut ließ sie frösteln.
Sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Mutter ihr über Lucius erzählt hatte. Lucius Iunius Silanus hieß er, soviel wusste sie, er hatte braunes Haar und braune Augen. Er war älter als sie, aber nicht viel. Sie wusste auch, dass er die militärische Laufbahn eingeschlagen hatte und - da war sie sich aber nicht sicher, weil die Worte ihrer Mutter in ihrem Geschrei kaum hörbar gewesen waren - war ein äußerst erfolgreicher Mann, dem man eine große Zukunft voraussagte. Was auch sonst!? Er hatte einige Schulen besucht, wahrscheinlich militärische, aber da hatte sie schon längst weggehört. Wenn sie überhaupt zu einem Punkt in dem Gespräch wirklich hingehört hatte und nicht, wie man es von ihr gewöhnt war, mit Schimpfwörtern um sich warf und alles daran setzte, einfach nur die Nähe ihrer Eltern verlassen zu können.
Zenon hatte ihr immer beigestanden, hatte ihr zugehört, hatte sie begleitet, hatte mit ihr in ihrem Bett geschlafen, auch wenn sie dadurch kaum noch Platz in dem schmalen Bett gefunden hatte. Ihre jüngste Schwester, namens Vestina die gerade erst acht geworden war, hatte ihr eine kleine Zeichnung von Zenon gemalt und ihr zum Abschied zugesteckt, ungesehen von den Eltern und auch von Narcissa erst bemerkt, als sie eins von den vielen Kleidern ausgepackt hatte, die für die Dauer der Reise ihre Garderobe darstellen sollten. Das Bild lag nun unter ihrem Kopfkissen und es war auch das erste, was die verzweifelte Frau in die Hand nahm, als sie in der Kajüte ankam. Sie verriegelte die Tür und sperrte sich somit selbst ein, dann nahm sie eine der Kerzen und setzte sich auf das Bett. Für einige Sekunden oder Minuten oder vielleicht auch Stunden saß sie in ihrem hölzernen Gefängnis und blickte auf das leicht verknitterte Bild ihres Hundes. War es kindisch, so an ihm zu hängen? Sie hatte ihn mehr geliebt als ihre Familie, nur Vestina war mit ihrer kindlichen Art näher an sie heran gekommen. Sie trauerte um ihn mehr als wenn ihr Vater sterben würde, was sie sich insgeheim wünschte und schon mehrmals gedanklich durchgespielt hatte. Sie wurde müde und stellte die Kerze vorsichtig in eine Halterung, sie war traurig, sauer und vielleicht auch depressiv, aber in Flammen aufgehen wollte sie dagegen nicht.