Beiträge von Iunia Narcissa

    (Nächster Tag)


    Der folgende Morgen war ebenso trist wie der vergangene Abend und Narcissa wischte sich über die aufgequollenen Augen, sie brannten fürchterlich. Sie blieb noch eine Weile liegen und ließ sich dann waschen und ankleiden. Obwohl es nicht wichtig war, das wirklich zu tun, gab es ihr etwas Halt und Struktur. Sie tunkte ein Stück Brot in Öl, aß und hoffte, es würde in ihrem Magen verweilen doch die See war rau und die Wogen schlugen härter gegen das Schiff, was ein rhythmisches, aber auch unheimliches Klatschen verursachte. Nicäa blickte ihre Herrin angstvoll an und Narcissa konnte den Blick der Älteren nicht mehr aushalten. Was glaubte diese Missgeburt eigentlich wer sie war? Saß da mit ihrer griechischen Nase und sah sie so bekümmert an! Welche Erfahrung sie wohl hatte mit Schmerz? Mit Verlust? Narcissa sprang auf, ging mit großen, federnden Schritten zu der Sklavin und gab ihr wortlos zwei Ohrfeigen. Der Abdruck des Steins in ihrem Ring bildete sich auf der dunklen Wange der Griechin und Narcissa Nasenflügel bebten. Aus der Frau war einfach keine Reaktion heraus zu kitzeln!


    Übelgelaunt griff sie in das dunkelblonde Haar der Griechin und riss ihren Körper zu sich. "Blut und Spucke, Weib!"
    Schrie sie laut und warf die Ältere zu Boden. Sie wusste selbst nicht warum sie so böse war, doch, sie wusste es. Sie war allein, völlig allein und das einzige Lebewesen, dass ihr etwas bedeutet hatte war tot. Sie würde ihren Verwandten heiraten, mit ihm Schlafen, vielleicht missgebildete Kinder zeugen. Das würde ihr Leben werden, das war was ihr Vater sich für sie wünschte. Sie spuckte auf den Boden zu ihren Füßen. Dann wurde sie plötzlich nachdenklich. Dieses neue, verwerfliche Leben, das begann auf dem Festland. Und ihr Leben als Tochter hatte im Hafen von Athen geendet. Wo war sie nun? Wo stand sie solange sie noch auf dem Meer war? Nirgends! Sie war frei, hier gab es niemanden, auf den sie Rücksicht nehmen brauchte. Niemanden, der ihr etwas vorschreiben konnte. Niemanden, der ihr etwas bedeutete! Es war geradezu perfekt! Ein grimmiges Gesicht verunstaltete ihr eigentlich so liebliches Gesicht als sie auf die wimmernde Gestalt am Boden sah. Wenn sie schon gezwungen war hier auf ihren Untergang zu warten, wollte sie zuvor wenigstens noch etwas Spaß haben.

    Nachdem also auch ihr Haar gewaschen war, schlüpfte die junge Iunia in ein hellblaues Kleid, das so wunderbar zu ihren Augen passte und gürtete sich mit einem breiten Ledergürtel. Auf Schuhe verzichtete sievorerst, denn sie wollte die Kammer nicht verlassen. Der Horizont war erst wieder sehenswert, wenn er von Festland begrenzt wurde. Sie seufzte. Am Ende würde sie sich sogar noch freuen, in Rom anzukommen. Müde und mit den Nerven am Ende setzte sie sich aufs Bett, zog die Beine an und ordnete sie zu dem, was man später als Schneidersitz bezeichnen würde. Nicäa setzte sich zu ihr und bürstete ihr halbtrockenes Haar und flocht es dann in fünf dicke Zöpfe, damit es sanfte Wellen erhalten würde. Völlig unsinnig, wie ihre Herrin fand, doch sie ließ der Sklavin ihren Willen. Sie suchte nach einer der Pergamente und reichte es an die Sklavin weiter. "Lies mir vor."
    Verlangte sie und beobachtete die Sklavin, welche sich zu ihren Füßen setzte.



    Es vergingen einige Stunden, in denen Nicäa ihrer Herrin einige griechische Göttersagen vorlas, denn sie war Griechin. Sogar so griechisch, dass sie niemals richtig Latein gelernt hatte, was Narcissa aber nicht weiter störte. Sie hatte sich sowieso schon vorgenommen, sie gegen jemand anderen auszutauschen, wenn sie erst mal in der Casa angekommen waren. Dann wurde Narcissa etwas munterer, ihr Magen hatte sich entweder beruhigt oder sammelte nur Kraft für eine neue Attacke, doch das ständige Unwohlsein wurde etwas weniger schlimm. Energisch stand sie auf und die beiden Frauen gingen ans Deck um den Sonnenuntergang zu beobachten. Ein weiterer Tag war vergangen, wieder war sie weiter weg von zu Hause und näher zu ihrem neuen Ehemann gekommen. Sie war immer noch auf diesem vermaledeiten Schiff gefangen und es war immer noch kein Land in Sicht, doch die Müdigkeit half ihr, das zu vergessen. Erst, als der Nachthimmel den letzten Rest des Tages übernommen hatte bewegte sich die junge Iunia wieder, sie beobachtete die Sterne und machte sich nicht die Mühe ein Gähnen zu unterdrücken. Langsam ließ sie sich von ihrer Sklavin über das wankelmütige Schiffsdeck führen, kletterte die steilen Treppen hinab und ließ sich in ihrer Kammer in ein langes Nachthemd kleiden. Ihre Füße waren kalt, sie vermisste Zenon, der sie ihr sonst gewärmt hätte und sofort war der Hass auf ihren Vater wieder da, keimte auf und verrauchte nur langsam. Sie weinte sich in ihren Schlaf und ignorierte das tröstend gemeinte Griechisch, mit dem ihre Sklavin sie zu beruhigen versuchte.

    Mit Verachtung stieß sie die Frau von sich weg. Wie konnte sie nur? Wutschnaubend schritt Narcissa wieder zu ihrem Bett. Die Sklavin stand immer noch an derselben Stelle, hielt mit weißen Knöcheln die Karaffe und atmete schwer.


    "Lass den Krug hier und räum auf. Ich will dich nicht mehr sehen. Sonst vergess ich mich."


    Eisig wehten die Worte zur Sklavin, die sich in Windeseile daran machte zu gehorchen und die Kajüte zu verlassen. Narcissa dagegen schlenderte ruhig und als wäre nichts gewesen zu der abgestellten Karaffe, verdünnter Wein, genau, was sie jetzt brauchte. Sie fingerte nach einem der Becher, die auf einem der kleinen Tischchen standen und setzte sich aufs Bett, die ersten drei Becher Wein waren schnell geschluckt, dann ließ sie sich mehr Zeit. Ja, so konnte man eine Seereise auch überstehen. Der Alkohol begann noch lange nicht zu wirken, doch es kehrte etwas Ruhe ein in die Gedankenwelt der jungen Frau. Nach dem fünften Becher beugte sie sich nach unten und hob wahllos eine der Schriftrollen auf, die vor dem Bett verstreut lagen. Es war etwas über Rom, wie sie auf den ersten Blick lesen konnte und mit einem weiteren Becher in der Hand rückte sie sich das Kopfkissen zurecht und begann zu lesen.





    (Nächster Tag)


    Narcissa wusste nicht wann sie eingeschlafen war oder für wie lange, nur träge öffnete sie ihre Augenlider. Es war vollkommen schwarz in der Kajüte, sie erkannte nicht mal mehr ihre eigene Hand vor Augen. Irgendetwas zwickte sie am Hinterkopf und sie fischte eine Haarspange aus ihrem verwuschelten Haar, bevor sie einen nassen Fleck im Bettzeug bemerkte. Sie tastete danach und roch dann an ihren Fingerkuppen, es war der Wein. Anscheinend war ihr der letzte Becher weggerutscht, wie sie völlig ungerührt feststellte. Sie setzte sich auf und erhob sich, was sie augenblicklich bereute. Ihr sowieso schon gepeinigter Magen rebellierte ob der schnellen Bewegung und sie setzte sich sofort wieder, blickte in die Schwärze und versuchte ihren Atem zu kontrollieren. Doch es half alles nichts, ihr Körper beugte sich krampfartig nach vorne und sie erbrach den Wein auf die Holzdielen, die sie nicht sehen konnte. Es dauerte einige Zeit, bis sich Narcissa aufrichtete und wenn der Weinfleck nicht gewesen wäre, hätte sie sich einfach nach hinten fallen lassen.


    Sie hörte Schritte, nicht weit entfernt und bald schon wurde die Tür aufgestoßen, die sie nicht wieder verriegelt hatte. Nicäa stand im Türrahmen und blickte bestürzt auf ihre Herrin, die sie im Schein der mitgebrachten Lampe erkennen konnte. Sie hastete auf sie zu und diesmal lies sich Narcissa völlig gleichgültig von ihr aufhelfen. Die Sklavin setzte ihre Herrin auf den nahegelegenen Stuhl und bezog das Bett neu und wischte dann mit dem dreckigen Laken den Boden sauber. Sie verschwand für einige Minuten und Narcissa griff gelangweilt nach einer Handvoll der blauen Trauben, die ansprechend dekoriert in einer Schale lagen. Sie drückte zwei zwischen ihre Lippen, spürte das weiche Fruchtfleisch als sie darauf biss und spuckte sie winzigen Kerne einfach auf den Boden. Es war ihr egal, ob sich das schickte oder nicht. Sie schaffte es, sich die Weintrauben einzuverleiben, bevor Nicäa zurück kam und in ihren starken Armen einen Bottich mit Wasser manövrierte. Sie stellte diesen in der Mitte ab, schloss die Tür und begann mehrere andere Windlichter anzuzünden, bis es in dem Raum reichlich hell wurde.


    Wortlos beobachtete Narcissa ihr Tun und lehnte sich einfach nur gegen die Stuhllehne, sollte sie sich etwa waschen? Warum? Sie würde noch eine Weile auf diesem Schiff festsitzen, für wen also schick machen. Doch sie roch selbst, wie verschwitzt sie war und wie der Wein aus ihren Poren drang und der saure Geruch von Galle in ihrem Mund mit dem schalen Geschmack, den auch die Weintrauben nicht überdecken konnten. Eine Seefahrt die ist schön, dachte sie ironisch und stand von alleine auf und zog ihr Kleid aus. Sie reichte es, immer noch wortlos, ihrer Sklavin und begann dann sich waschen zu lassen. Das kalte Wasser tat ihrer Haut gut und Nicäa ließ sich Zeit, tauchte den Schwamm immer wieder in das Wasser und bearbeitete so ihren gesamten Körper. Zum Schluss wickelte die Sklavin sie in ein großes Handtuch und stellte den einzigen Stuhl im Raum mit der Lehne zum Tisch, auf diesem platzierte sie den Wassereimer und bat dann ihre Herrin sich zu setzen. Alles war improvisiert auf so einem Schiff, doch Narcissa hielt es nicht für nötig das zu kommentieren. Es war ihre erste und letzte Seereise, wenn es nach ihr ging.

    Doch anscheinend war genau das der Fall, denn der Seemann ging wortlos und die Sklavin trat ein, in der einen Hand einen Krug haltend, in der anderen einen Teller balancierend. Missmutig verdrehte die Iunia die Augen, hatte sie denn immer noch nicht aufgegeben? Wie lange sollten sie dieses Spiel noch spielen, sie wollte nicht essen! Eine senkrechte Zornesfalte bildete sich auf ihrer hellhäutigen Stirn und Narcissas schmaler Mund wurde zu einem hellrosa Strich, der absolut nicht mehr freundlich aussah. Nicäa trat von einem Bein aufs andere und traute sich nicht ihre Herrin anzusehen, als sie deren Gesichtsausdruck wahrnahm. Aber sie hatte klare Instruktionen erhalten und dazu gehörte auch die junge Herrin sicher und wohlbehalten an ihren Bestimmungsort zu bringen. Nicht nur lebend, sondern wohlgenährt und gesund, das war doch klar. Sie musste etwas essen! Zaghaft kroch ihr dünnes Stimmchen zwischen ihren Lippen hervor und war nur zu hören, weil die beiden Frauen relativ dicht beieinander standen.


    "Herrin, bitte, du musst etwas essen. Nur etwas Brot, es ist euer Lieblingsbrot, mit Oliven und Kräutern drin. Bitte, tut es für Zenon."


    Die Sklavin bereute ihre Worte in derselben Sekunde, in der sie sie ausgesprochen hatte und presste ihre Lippen aufeinander. Es dauerte eine Weile, nichts geschah und sie hob erstaunt den Kopf um zu sehen, was ihre Herrin machte - als ein blutroter Schmerz auf ihrer Wange begann und sich blitzschnell auch auf der anderen Wange einstellte. Zwei saftige Ohrfeigen erteilte ihr Narcissa, der Teller fiel zu Boden, doch die Herrin beachtete das gar nicht. Narcissa trat einen Schritt auf die ungleich ältere Frau zu und packte sie wild an den Haaren, riss ihren Kopf nach hinten, so dass sie sie ansehen musste. Ihre Stimme war nicht mehr als ein zischelndes Flüstern, so sehr musste sie sich beherrschen und die Frau vor ihr nicht einfach zu erdrosseln.


    "Wage es nicht seinen Namen in den Mund zu nehmen oder ich werde dich eigenhändig auspeitschen und an die Schiffsmannschaft verschenken. Ist das klar?"

    Gerade zog sie eine leichte Decke über sich und wollte vor sich hin dösen, als ein kräftiges Pochen an der Tür sie aus der Lethargie riss. Erschrocken richtete sie sich auf und lauschte für einen Moment, jemand rief ihren Namen, ganz eindeutig, aber sie erkannte die Stimme nicht. Es war eine dumpfe, männliche Stimme, vielleicht jemand von der Schiffsbesatzung? Was wollten die? Sie blieb noch einen Moment sitzen und stand dann langsam auf, das Gehen fiel ihr hier leichter, weil sie den Horizont nicht sah und das Schwanken ihr dadurch nicht so bewusst wurde. Sie erreichte die Tür und legte ihr Ohr gegen das von Würmern zerfressene Holz. Natürlich - warum auch nicht!? - schlug eine feste Männerfaust genau jetzt gegen das Holz, welches leicht vibrierend den lauten Ton weitergab und dann hörte sie wieder die Stimme. "Iunia Narcissa, öffne die Tür, sofort!" schallte es mit Nachdrücklichkeit. Eigentlich wollte sie sich schon aus Prinzip abwenden und zurück ins Bett schlurfen, doch dann siegte die Langeweile in ihr. Vielleicht war ja irgendwas geschehen. Vielleicht war ihre Sklavin über Bord gefallen und sie konnte den Kapitän bestechen, so dass er sie in Rom laufen ließ und ihr Verschwinden meldete. Sind sie eben zusammen über die Reling geplumpst, immer noch besser als den eigenen Vetter zu heiraten. Selbst wenn es jetzt legal war… Narcissa seufzte, trat einen Schritt zurück und entriegelte die Tür. Mit einer Augenbraue in der Höhe sah sie fragend zu dem gebräunten Seemann, der immer noch mit erhobener Faust dastand. Hinter ihm erkannte sie ihre Sklavin Nicäa, die mit sorgenvollem Ausdruck auf ihrem dunklen Gesicht in die Kajüte blickte. Hatte sie sich etwa Sorgen gemacht? Dummes Ding.

    (Nächster Tag)


    Narcissa hatte in dieser Nacht so gut geschlafen wie noch nie auf diesem Schiff und sie war ausgeruht und fühlte sich gleich viel besser, als sie aufwachte. Sie streckte sich und stieß einige Morgengrunzer aus, als sie ihre Hände zu Fäusten ballte und weit von sich streckte. Sie hatte fast nicht mehr mitbekommen, dass sie auf dem Schiff war, dass sie nach Ostia brachte, es hatte sich so ruhig angefühlt, fast wie in ihrem Zimmer zu Hause. Nur, dass sie ganz anders geträumt hatte als sonst, sie hatte von Neptunus geträumt, sie konnte sich noch genau daran erinnern. Er war attraktiv gewesen, auch wenn seine Haare und sein Bart grünblau waren. Er hatte ebenso hellblaue Augen gehabt wie sie selbst, ob ihr wirklich ein Gott erschienen war? War das nicht vermessen? Aber wenn doch, dann war sie sehr froh darum. Er hatte ihr einen wundervollen Traum und einen erholsamen Schlaf gebracht. Als sie dann aufstand, war Nicäa noch nicht im Raum, sie wunderte sich was ihre unnütze Sklavin eigentlich immer machte. Ausgelassen wie ein kleines Kind sprang sie auf und als sie begann sich ihre Haare zu kämmen fiel ihr ein Tropfen Wasser auf, der auf ihrer Stirn thronte. War das Schiff etwa undicht? Kam Wasser oder Regen hinein? Sie wischte sich über die Stirn und betrachtete den einzelnen Wassertropfen, der jetzt an ihren Fingern klebte. Es roch salzig und da fiel es ihr wieder ein, Neptunus hatte sie doch geküsst, auf die Stirn! Ihr war also tatsächlich ein Gott im Traum erschienen! Sie grinste, ließ die Bürste fallen und betete noch einmal kurz zu der kleinen Statue in der Ecke ihrer Kajüte. Es war nur ein kurzes Dankgebet, denn sie freute sich wirklich sehr. Sie konnte nicht widerstehen, das Salzwasser auf ihren Lippen zu verteilen. Sie kicherte immer noch wie ein kleines Mädchen als Nicäa hereinkam und sie fragend ansah. Dann begann das morgendliche Ritual des Waschens und Ankleidens…



    …wie sollte sie nur die Reise überstehen? Mit der Langeweile hätte sie ja noch irgendwie umgehen können, aber ohne Zenon? Ihre Schwester hatte ihr einige Schriftrollen eingepackt, darunter einige Texte über Rom, aber auch erfreulicheres wie Gedichte und sogar auch ein Theaterstück. Doch Narcissa konnte sich nicht darauf konzentrieren, die Buchstaben tanzten vor ihren Augen und so gab sie es auf. Wahrscheinlich würde sie erst wieder auf dem Festland dazu kommen, zu lesen, wenn überhaupt. Wieso sollte sie etwas über Rom lernen? Sie würde sowieso die meiste Zeit in der Casa bleiben. Ihren Vetter heiraten. Verächtlich schnaubte die Zwanzigjährige. Das waren ja ganz wunderbare Aussichten! Wie hatte ihre Familie ihr das nur antun können? Sie hätte, wenn auch nur unter Zwang, den alten Händler geheiratet. Nachdem er seinen Spaß und seinen Erben bekommen hätte, wäre das Haus schnell mit allzu hübschen Dienerinnen überfüllt gewesen, die ihn gut genug ablenkten, dass Narcissa ihre Ruhe gehabt hätte. Aber nein, sie sollte ihren Vetter heiraten, von dem sie nicht mal genau wusste, in welchem Zusammenhang sie verwandt waren. Ihr Großvater hatte einen Bruder und Lucius war dessen Enkel, wenn sie es richtig verstanden hatte, also waren ihre Großväter Brüder gewesen. Oder waren es ihre Urgroßväter, die Brüder gewesen waren? War das überhaupt legal? Sie kämpfte einen Moment gegen den Wind, der ihr das Kleid vom Leib reißen wollte, dann schwankte sie in Richtung der Treppen, die sie zu ihrer Kajüte führen würden. Sie wollte sich einen Moment hinlegen. Hier auf dem Schiff war es völlig egal wann sie schlief und wann sie wach war, sie musste einfach nur die Zeit überbrücken, bis sie ankommen würden. In Italia, in Roma, in der Casa ihrer Familie. Eine plötzliche Gänsehaut ließ sie frösteln.



    Sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Mutter ihr über Lucius erzählt hatte. Lucius Iunius Silanus hieß er, soviel wusste sie, er hatte braunes Haar und braune Augen. Er war älter als sie, aber nicht viel. Sie wusste auch, dass er die militärische Laufbahn eingeschlagen hatte und - da war sie sich aber nicht sicher, weil die Worte ihrer Mutter in ihrem Geschrei kaum hörbar gewesen waren - war ein äußerst erfolgreicher Mann, dem man eine große Zukunft voraussagte. Was auch sonst!? Er hatte einige Schulen besucht, wahrscheinlich militärische, aber da hatte sie schon längst weggehört. Wenn sie überhaupt zu einem Punkt in dem Gespräch wirklich hingehört hatte und nicht, wie man es von ihr gewöhnt war, mit Schimpfwörtern um sich warf und alles daran setzte, einfach nur die Nähe ihrer Eltern verlassen zu können.



    Zenon hatte ihr immer beigestanden, hatte ihr zugehört, hatte sie begleitet, hatte mit ihr in ihrem Bett geschlafen, auch wenn sie dadurch kaum noch Platz in dem schmalen Bett gefunden hatte. Ihre jüngste Schwester, namens Vestina die gerade erst acht geworden war, hatte ihr eine kleine Zeichnung von Zenon gemalt und ihr zum Abschied zugesteckt, ungesehen von den Eltern und auch von Narcissa erst bemerkt, als sie eins von den vielen Kleidern ausgepackt hatte, die für die Dauer der Reise ihre Garderobe darstellen sollten. Das Bild lag nun unter ihrem Kopfkissen und es war auch das erste, was die verzweifelte Frau in die Hand nahm, als sie in der Kajüte ankam. Sie verriegelte die Tür und sperrte sich somit selbst ein, dann nahm sie eine der Kerzen und setzte sich auf das Bett. Für einige Sekunden oder Minuten oder vielleicht auch Stunden saß sie in ihrem hölzernen Gefängnis und blickte auf das leicht verknitterte Bild ihres Hundes. War es kindisch, so an ihm zu hängen? Sie hatte ihn mehr geliebt als ihre Familie, nur Vestina war mit ihrer kindlichen Art näher an sie heran gekommen. Sie trauerte um ihn mehr als wenn ihr Vater sterben würde, was sie sich insgeheim wünschte und schon mehrmals gedanklich durchgespielt hatte. Sie wurde müde und stellte die Kerze vorsichtig in eine Halterung, sie war traurig, sauer und vielleicht auch depressiv, aber in Flammen aufgehen wollte sie dagegen nicht.

    (Drei Tage später)


    Das sanfte Schaukeln des Schiffes wurde von gelegentlich höheren Wellen unterbrochen und Narcissa konnte die Bewegungen spüren, die durch das gesamte Schiff liefen. Mal rauf, dann wieder runter, etwas nach links, anschließend ein Stück nach rechts - kraftlos hielt sie sich mit einer Hand den Bauch, doch da war nichts mehr, dass sich gewaltsam den Weg nach oben kämpfen konnte. Seit sie das Schiff betreten hatte war ihr bereits speiübel und es trug gehörig zu ihrer traurigen Stimmung bei. Beinahe empfand sie es als passend, dass sie seekrank war, was sie vorher nicht gewusst hatte. Die Trauer um Zenon war so groß wie zuvor und sie erlaubte es sich gar nicht, sich gut zu fühlen. Sie verweigerte das Essen, das ihre Sklavin ihr immer wieder vorhielt und diese gab auch bald auf.


    Nachdem Narcissa zum dritten Mal einen Teller mit Brot und Trauben gegen die Wand ihrer Kajüte geworfen hatte und die Sklavin nur knapp einem Becher Wein ausgewichen war beließ sie es einfach dabei. Narcissa wollte nicht essen, also aß sie nicht. Sie würde sich sowieso nur erbrechen, warum sich also zwingen? Sich sogar zwingen lassen? Genervt zog Narcissa die Stirn kraus, gerade schwappte eine besonders große Welle gegen den Bug und sie krallte sich an der Reling fest. Sie konnte keinen einzigen Vogel am Himmel erkennen, nur einige hellweiße, fluffige Wolken, die gemächlich Richtung Festland zogen. Der Horizont schien sich alle paar Augenaufschläge neu zu positionieren und es fiel ihr schwer, auf das offene Meer zu sehen. Es schien ihr Unwohlsein nur zu verstärken, doch sie hatte es nicht mehr unter Deck ausgehalten. Die stickige Luft war widerwärtig, die von Schweiß, Nahrungsmitteln und salzigem Fischgeruch durchsetzte Atmosphäre in dem Inneren des Schiffes ließ die junge Iunia nicht richtig atmen, es stank einfach nur fürchterlich in der Nase der Schwarzhaarigen. Doch auch hier oben war es nicht viel angenehmer, der Wind riss an ihrem hellen Kleid und die muskulösen Seemänner schauten nur allzu gerne zu ihr, was sie geflissentlich übersah. Die Sonne war nicht mehr so kräftig wie noch im Sommer, Herbst kündigte sich an und sie fragte sich seufzend, wie dieser wohl in Rom aussehen mochte. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber sie vermisste ihre Heimat. Sie zog ihre Palla wieder an die richtige Stelle und fragte sich gelangweilt, womit sie ihre Zeit verbringen sollte. In mehr als einem Gesicht der kurhaarigen Männer sah sie möglich Ideen aufblitzen und so ging sie lieber wieder in ihre Kajüte. Nicäa war nicht da und daher nahm die junge Domina ihre Chance wahr und verriegelte die Tür. Seufzend sah sie sich in der winzigen Kajüte um, die ihr Gefängnis auf dieser Reise war. Ihr bleib nicht viel zu tun, daher legte sie sich ins Bett und kuschelte sich in die seidenen Kissen, Mitbringsel aus Achaia, von denen sie sich nicht trennen wollte. Auch eine feine Decke hatte sie bei sich und diese legte sie über ihren jugendlichen Körper, so weiß und rein, doch von so viel Hass und Leid getrieben. Doch nun war es keines dieser zwei Gefühle, die ihren Körper in Aufruhr versetzten, die Lust war es, die sich ihrer bemächtigte. Sanft legten sich ihre Hände auf ihren Busen, streichelten und streiften, liebkosten und fassten, kniffen und zogen, wanderten weiter hinab und erledigten, was bisher noch kein Mann erledigt hatte. Sie war eine Jungfrau, ganz wie es sich gehörte, doch sie kannte die Gefühle von Lust und Begierde. Sie war nicht dumm, sie hatte andere beobachtet, zugehört, hatte die Geburt ihrer Schwester miterlebt. Doch Anstand und Standesdünken hatte ausgereicht, sich vor jedem Mann in Acht zu nehmen. Und wofür? Ihr bebender Körper schwitzte und sie konnte leise Stöhner nicht unterdrücken. Wofür? Für einen Verwandten! Die Erlösung, an der sie so nah vorbei geschrabbt war, zog sich zurück und wütend beendete die junge Iunia ihr Treiben.


    Überreizt sprang sie auf und ihre Kleid fiel wieder an seinen rechtmäßigen Platz, sie ging eine Weile auf und ab und griff dann nach einem tönernen Kelch, gefüllt mit verdünntem Wein. In Eile trank sie diesen leer und warf ihn mit einem rastlosen Schrei gegen die Wand. Verdammtes Schiff! Verdammte Eltern! Sie fand einen Teller, der ebenso an die Wand flog, dann schnappte sie sich ein Kissen und riss solange daran herum, bis nur noch lose Fetzen den Boden übersäten. Ihre Empörung ebbte ab, doch der Groll blieb. Sie blickte sich um und ihr Blick blieb an der kleinen Statue des Neptunus hängen. Der Gott des fließenden Wassers, wie sie wusste, Beschützer der Seefahrer und Meeresgott. Eigentlich ein griechischer Gott, doch die Römer übernahmen ihn und stellten ihn mit seinen Symbolen, dem Dreizack und einem Delfin, dar. In einer fahrigen Bewegung kniete sich die junge Frau vor die Statue, entzündete etwas Weihrauch in einer kleinen Schale, richtete die halbvertrockneten Blumen, die ihre Sklavin bei ihrer Ankunft auf dem Schiff arrangiert hatte. Narcissa richtete ihre Hände nach oben, mit den Handflächen dem Himmel entgegengestreckt, den sie nicht sehen konnte und auch nicht wollte. Mit leiser Stimme sprach sie zu dem Gott, bat um eine sichere Überfahrt, bat um eine weniger schlimme Seekrankheit.


    Für sie war der Tag nun zu Ende und sie ergab sich mit einem Becher Wein den Armen des Schlafes, der sie unruhig empfang und gnädig genug war, ihr etwas ihrer Stärke zurück zu geben.

    DCCCLVIII A.U.C. (105 n.Chr. - Einstieg ins Spiel am Hafen von Athen)


    Zusammen mit ihrer jüngsten Schwester Vestina und ihren Eltern saß Narcissa in einer bequemen Pferdekutsche, die sie nach Athen brachte - wo sie auf das Schiff gehen würde, dass sie nach Ostia zu bringen hatte. Neben der gemächlich durch die Menschenansammlung fahrenden Kutsche liefen die Sklaven, darunter Nicäa, eine ältere griechische Sklavin die sie begleiten würde. Narcissa saß lautlos und beinahe wie betäubt neben ihrer erst achtjährigen Schwester, die besorgt die Hand ihrer Schwester hielt. Es waren hektische Tage gewesen und sie begriff noch nicht ganz, dass sie die Ältere wahrscheinlich nicht mehr wieder sehen würde. Wenn sie in vier Jahren ins richtige Alter käme und einen ansprechenden Mann finden konnte, mochte sie Narcissa besuchen kommen. Doch in ihrem kindlichen Herz brannte der Abschied, als wäre er für immer. Ihre kleinen blauen Äuglein tränten und auch die von Narcissa, wenn auch aus völlig anderen Grund. Zenon war tot, ihr Vater hatte ihn vor ihren Augen erschlagen! Allein bei dem Gedanken an dem kläglichen Winseln das der große Hund hatte verlauten lassen, als man ihn so grob behandelte, drehte sich ihr der Magen um und sie wollte am liebsten den wenigen Mageninhalt, der sich krampfhaft in ihrem Körper zu halten versuchte, auf ihren Vater übergießen. Ihre Augen brannten von all den ungeweinten Tränen und sie blickte völlig abwesend hinaus in die Straßen, sah die Menschen in Athen und sah sie wieder nicht.


    Ihre Gedanken waren erfüllt von den trauen braunen Augen ihres Hundes, dessen Kopf mit ihrem auf einer Höhe war, wenn sie nebeneinander gesessen hatten. Gewesen war, er war tot! Als letzter Pfand ihrer Disziplin erschlagen, um sie zu brechen und sie zu zwingen ihren Verwandten zu heiraten. Zum Wohl der Familie, natürlich. Sie schnaubte und ignorierte den erstaunten Blick ihrer Mutter. Innerlich tobte es in ihr und wäre sie nicht so unsäglich traurig gewesen, dann hätte sie sich mit Händen und Füßen gewehrt. Aber was machte das noch für einen Sinn? Sollten die gierigen Harpyien, die ihre Eltern waren, sie doch verschiffen. Ohne Zenon hatte ihr Leben in Achaia keine Freuden mehr für sie.




    Am Hafen angekommen entstiegen sie der Kutsche und Vestina hielt immer noch krampfhaft ihre Hand. Während sich die Familie mit dem Kapitän unterhielt und Geld den Besitzer wechselte, beobachtete Narcissa ruhig das blaue Wasser, welches sanft den Bug des Schiffes umspielte und irgendwie genauso verletzlich aussah, wie sie sich gerade fühlte. In einem von den Eltern ungesehenen Augenblick kniete sie sich zu ihrer jüngeren Schwester und reichte ihr einen ihrer eigenen Ringe, der jetzt zwar noch zu groß war, aber ein schönes Andenken sein würde. Sie küsste sie sanft auf die Stirn und sagte dem Blondschopf Lebewohl. Vielleicht kam sie deshalb so gut mit dem Nachzügler der Familie zurecht, weil sie nur halb zu ihrer Familie gehörte - jedenfalls wenn man den Gerüchten Glauben schenkte. Verwunderlich war es schon, dass sie als Einzige seit Generationen blonde Haare hatte. Aber auch Narcissa hatte so eisig blaue Augen wie ihre Schwester, selten in ihrer Familie, aber sie mochte es. Genauso wie ihre Haare nicht braun, sondern schwarz waren.


    Dann war der große Augenblick gekommen und ihre Mutter brach pflichtbewusst in Tränen aus, die wohlgemeinten Ratschläge von einer Hausfrau und Mutter zu einer, die es bald werden würde überhörte Narcissa dabei geflissentlich. Sollte sie sich ihre Weisheiten doch sonst wo hin schreiben. Sie war viel zu verletzt und auch beleidigt um dem Ganzen noch Bedeutung zuzumessen. Sie wurde kurz umarmt und Narcissa ließ es geschehen. Ihr Vater besaß Anstand genug, ihr nur zuzunicken, was sie allerdings nicht erwiderte. Sie hatte sich fest vorgenommen, in ihrem Leben kein Wort mehr mit ihm zu wechseln, ob persönlich, in einem Brief oder auch nur durch einen Laufburschen ausgerichtet. Für sie war er so tot wie das weiße Fellbündel, dass er einfach in einen Graben geschmissen hatte. Gestern, nachdem der fette, alte Händler enttäuscht - aber um eine hohe Entschädigungssumme reicher - von dannen gezogen war. Nein, ihr Vetter musste es sein!


    Der Kapitän begleitete sie auf das Schiff, ihr Hab und Gut war verstaut, ihre Sklavin würde nun ihre Kajüte einrichten und dann galt es die schätzungsweise 8 Tage nach Ostia, dem Hafen Roms, zu überstehen. Sie stand an der Reling und beobachtete die Seefahrer, wie sie das schwere Gefährt langsam in Bewegung setzten, sie winkte der kleinen Vestina zu und wandte sich dann ab. Mit kerzengeraden, steifen Schritten ging sie in ihr Zimmer, trank vom Wein, den sie mitgenommen hatte und der eigentlich ein Geschenk an ihren Vetter und ihren zukünftigen Mann sein sollte. Es half ihr einzuschlafen, auch wenn es erst früher Nachmittag war, doch sie konnte es einfach nicht anders aushalten.



    Sim-Off:

    reserviert

    *verbeug* Danke fürs Freischalten! :)


    Ein kleiner Fehler, den ich übersehen habe ist, dass ihr Wohnort Alexandria ist, was nicht stimmt. Roma ist es, sorry für die Umstände.

    Mhh, es haben sich kleine Änderungen ergeben. Ich werde mich erstmal mit Lucius Iunius Silanus beraten müssen. Bis dahin bitte ich von einer Freischaltung abzusehen.
    Danke. :)