Beiträge von Iunia Serrana

    Serrana wartete ab, bis Sabina sich auf der Bettkante niedergelassen hatte und stellte dann betrübt fest, dass sich die Kleine immer noch knapp ausserhalb ihres Gesichtsfelds befand. Die Optionen beschränkten sich also darauf, sich wieder zu erheben oder aber den Propheten näher an den Berg heran zu bekommen. Serrana überlegte keine zwei Sekunden und entschied sich dann für die bequemere Alternative.


    "Sabina, rück doch bitte noch ein bisschen näher hier hoch zu mir, dann kann ich mich besser mit dir unterhalten. Mir geht es gut, aber ich kann nicht mehr so gut stehen, und es ist schwer es sich gemütlich zu machen, wenn man erstmal so dick ist wie ich." Ihre Hand klopfte einladend auf die Matratze. Sabina konnte bei aller Wildheit durchaus sehr rücksichtsvoll sein, und falls sie es in diesem Fall wider Erwarten nicht sein würde, dann konnte Serrana sich ja immer noch wieder vom Bett hochwuchten.

    Serrana beschloss, die letzte Bemerkung des Preafectus Urbi lieber nicht zu kommentieren, doch das Lächeln, das sich jetzt auf ihr Gesicht stahl, fiel ein bisschen zu breit aus, um einfach nur höflich zu sein. Dass wohlhabende Männer sich mit ihren Sklavinnen amüsierten, war sogar für die etwas weltfremde Serrana keine Überraschung. Umso mehr freute sie sich, dass ihr Mann dieser Versuchung offenbar widerstanden hatte, und das, obwohl sie selbst zur Zeit sich ja nicht gerade auf dem Höhepunkt ihrer Attraktivität befand. Deutlich milder gestimmt als noch vor einer Minute und noch immer lächelnd nickte sie Salinator zu und ließ sie sich dann von Centho zu einer der Klinen führen, wo sie erleichtert feststellte, dass sich in der Nähe offenbar kein Hasenbraten befand.


    "Ich danke dir, Iulius Centho. Wir wissen zwar beide, dass das nicht stimmt, aber es ist trotzdem sehr nett von dir. Und Pflaumensaft wäre hervorragend, vielen Dank." Nachdem sie es sich auf ihrem Platz gemütlich gemacht hatte, wandte sie sich Dontas zu. "Du wirst Priester des Iuppiter? Das freut mich aber sehr. Weißt du denn schon, wer dein Lehrer sein wird?"

    Es hatte lange, sehr lange gedauert, bis Serrana endlich eine Position gefunden hatte, in der sie bequem genug lag, um ins Land der Träume hinüber zu dämmern. Irgendwie schien das von Tag zu Tag schwerer zu werden, denn irgendwas drückte immer oder schmerzte regelrecht, und der riesige Bauch war ständig im Weg. Vor einigen Minuten hatte Serrana jedoch wie durch ein Wunder die perfekte Lage gefunden und seufzte, die Augen geschlossen, wohlig auf. Ein ungestörtes Nickerchen, was für eine wundervolle Vorstellung... Und wenn sie ganz besonders viel Glück hatte, würde vielleicht sogar ihre Blase für die nächsten ein bis zwei Stunden Ruhe geben! Das Gesicht in die weichen Laken gedrückt, glitt Serrana immer weiter in einen angenehmen Halbschlaf hinüber, doch dann öffnete sich die Tür, und die leise Stimme ihrer Stieftochter machte alles wieder zunichte. Ein erneutes Seufzen, diesmal deutlich weniger wohlig. "Ja? Was gibt es denn, Sabina?" Wenn Fortuna heute auf ihrer Seite war, dann ließ sich Sabinas Anliegen schnell und unkompliziert erledigen, ohne die hart erkämpfte und in letzter Zeit so kostbare gemütliche Position aufzugeben. Serrana blieb also bewegungslos liegen und wartete darauf, dass Sabina weiter sprach.

    War ihre Anmerkung dumm gewesen? Wahrscheinlich, und ebenso wahrscheinlich hatte sie damit mal wieder unter Beweis gestellt, wie sehr immer noch das weltfremde Landei in ihr steckte, auch wenn sie mittlerweile die feinen Stoffe und das Geschmeide einer wohlhabenden Senatorengattin trug. Serrana ärgerte sich nicht zum ersten Mal über sich selbst, stellte aber wieder einmal fest, das manche Dinge auch leichter gewesen waren, als sie noch komplett arglos durchs Leben gegangen war. Sie seufzte einmal tief auf und zuckte dann mit den Schultern.


    "Hindern wird ihn wohl niemand, schließlich ist er der Stellvertreter des Kaisers. Aber wenn es wirklich so ist, wie ihr sagt, dann ist es einfach nur traurig, weil es beweist, dass alles, was über die Tugenden und Ideale unserer Vorfahren geschrieben wurde, heute keine Gültigkeit mehr hat." Serrana seufzte erneut und wandte sich dann an den Mann ihrer Freundin. "Gibt es denn irgendetwas, wie Quintus und ich dich in dieser Sache unterstützen können?" Sie sah an sich hinunter und lächelte ein wenig schief. "Ich bin im Moment ja nicht mehr die Allerschnellste, aber vielleicht kann ich ja mit irgend jemandem reden oder Briefe schreiben. Seit ich Aeditua bin, hören mir die Leute viel aufmerksamer zu als früher, und Quintus ist schließlich Senator und hat einflussreiche Freunde."

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    Adula


    Baldemars "ich auch" kommentierte Adula lediglich mit einem undefinierbaren Brummen. Was sollte sie auch sonst tun? Verlegen kichern vielleicht? Nein,weibliche Koketterie jeglicher Art lag ihr ebenso fern wie viele andere Verhaltensmuster, die man normalerweise von jungen Frauen erwartete. Adula hatte von je her nach einem ganz einfachen Prinzip gehandelt: wenn ihr der Sinn nach irgendetwas oder -jemandem stand, dann griff sie einfach zu, ohne sich weder davor noch danach auch nur eine weitere Sekunde Gedanken zu machen. Dass sie damit das perfekte Gegenteil ihrer ewig zögernden und zaudernden Herrin darstellte, war ihr vermutlich gar nicht bewusst, und falls doch, dann würde sie auch darüber nicht weiter nachdenken. Adula nahm die Dinge wie sie kamen und machte das beste daraus, und bislang war sie damit so gut gefahren, dass es keinerlei Grund gab, irgendetwas zu ändern. Es gab Wein? Prima, denn Adula hatte Durst.


    Ein entschiedenes "Ja", gefolgt von einem kurzen Kopfnicken.

    Serrana atmete einmal tief ein und aus und nickte dann, wenn auch immer noch ein wenig zögerlich. "Ja, du hast recht. Mehr können die Götter jetzt auch nicht für mich tun, ich muss einfach lernen, bei dem Gedanken an die Geburt nicht sofort in Panik zu geraten. Weisst du, im Grunde ist mir das alles schon seit Wochen klar, aber manchmal da....da kommt diese Angst einfach wieder, auch wenn ich es nicht will. In ein paar Wochen, wenn ich das Kind auf dem Arm habe, werde ich sicher darüber lachen könne, hoffe ich zumindest..." Ob Sedulus' erste Frau sich während ihrer Schwangerschaft wohl auch so hysterisch aufgeführt hatte? Vermutlich nicht, im Grunde konnte sie froh sein, dass sie so einen geduldigen Ehemann gefunden hatte. Ihre Großmutter hätte diese Panikattacken vermutlich mit ein paar wohlplatzierten Ohrfeigen behandelt, aber ob das vielversprechender verlaufen wäre? Ein kleiner Seufzer, dann nickte Serrana erneut. Was für eine schreckliche Vorstellung: ein heulendes Kleinkind und gleich daneben die ebenso heulende Mutter. Nein, das war wirklich ausreichend abschreckend!


    "Das letzte, was ich will, ist meinem Kind einen Grund zu geben, sich irgendwann mal für mich zu schämen. Ich werde versuchen, mich von jetzt an am Riemen zu reissen. Was sollen die Leute in Mantua sonst von mir denken..."

    Auch Serrana verabschiedete sich von Aculeo mit einem Lächeln, wandte dann jedoch ihre volle Aufmerksamkeit Roxane zu. Und besondere Konzentration war auch von Nöten, denn die ihr gegenübersitzende junge Frau sprudelte gleich eine derartige Menge an Informationen und Fragen hervor, dass Serrana nach kurzer Zeit bereits der Kopf schwirrte und sie sich wirklich bemühen musste, nichts wichtiges zu überhören oder bei ihrer Antwort zu vergessen.
    Der erste Umstand, der sie wirklich in Erstaunen versetzte, war die Vielzahl an Gedanken, die sich Roxane zum Thema Religion offenbar bereits gemacht hatte. Serrana selbst hatte nie dazu geneigt, Dinge gleich welcher Natur kritisch zu hinterfragen, sofern ihr die entsprechende Quelle vertrauenswürdig erschien. Das römische Götterbild und -verständnis hatte sie von klein auf mit der Muttermilch in sich aufgesaugt, und sie wäre niemals auch nur auf die Idee gekommen, irgendeinen Aspekt davon in Frage zu stellen, ganz im Gegenteil. Serrana war derart von der römischen Überlegenheit in allen Belangen überzeugt, dass sie fremde Kulturen und damit einhergehende Ideen zwar faszinierend fand, es aber niemals in Betracht gezogen hätte, Teíle für sich selbst zu übernehmen.
    Aufmerksam folgte sie Roxanes Erklärungen, war jedoch bereits nach kurzer Zeit ein wenig verwirrt.
    "Verzeih mir die Frage, aber wie kann kann eure Religion monotheistisch sein, wenn es neben eurem Schöpfergott noch andere Gottheiten gibt, auch wenn diese weniger wichtig sind? Die Juden sind auch monotheistisch, aber sie sagen auch ganz klar, dass es keinen anderen Gott neben ihrem eigenen gibt." Serrana dachte einen Moment lang über diese Vorstellung nach und schüttelte dann den Kopf. "Nur einen einzigen Gott, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Einen Gott, der wichtiger ist als alle andere, das ist schon etwas anderes. Iuppiter zum Beispiel ist der allmächtige Göttervater, und er steht über dem Rest. Und in gewisser Weise arbeiten die Götter auch Hand in Hand, jeder einzelne von ihnen gewährt einem bestimmten Teil unseres Volkes und Reiches seinen besonderen Schutz. Und was die fremden Kulte und Götter angeht..." Serrana zuckte ein wenig entschuldigend mit den Schultern."....viele Gottheiten wurden nur auf Anraten der libri Sibyllini aufgenommen, meistens in Kriegs- oder sonstigen Krisenzeiten, um dem einfachen Volk ein wenig Ablenkung und Hoffnung zu geben oder um eine besondere Verbundenheit mit Gebieten wie Griechenland oder Kleinasien deutlich zu machen. Mit Konkurrenz für unsere alten Götter hat es auf jeden Fall nichts zu tun, da sie in dieser Hinsicht frei von Eifersucht sind." Serrana nickte bekräftigend und runzelte dann die Stirn. "Mit Sekte der Christen hab ich mich bislang noch nicht näher befasst, aber sie ist mir nicht wirklich geheuer. Ganz abgesehen davon, dass mich meine Freundin Claudia Romana, die eine Dienerin der Vesta ist, ganz ausdrücklich vor ihr und ihren Irrlehren gewarnt hat." Und da alles, was aus Romanas Mund kam, in Serranas Augen ausserhalb jeglichen Zweifels oder irgendeiner Kritik stand, würde sie sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht näher mit den seltsamen Gedanken der Christianer beschäftigen.

    "Ja, mach dir keine Sorgen, mit mir ist alles in Ordnung." beantwortete Serrana betont munter die Frage ihres Mannes. Die Versuchung war groß, das körperliche Unwohlsein durch weitere besorgte Blicke seinerseits und ein paar anschließende Streicheleinheiten auszugleichen, aber Serrana erinnerte sich noch zu gut daran, wie sehr sie sich in Sedulus' Büro geschämt hatte, nachdem sie einen der hysterischen Heulanfälle hinter sich gebracht hatte, die sie in letzter Zeit so häufig überfielen. Ausserdem waren sie nicht allein, und die Vorstellung, in Anwesenheit der drei Patrizier oder gar ihrer Stieftochter lautstark zu jammern, war abschreckend genug. Kurz darauf wurde sie jedoch auch durch eine Äusserung ihres Gastgebers erfolgreich auf andere Gedanken gebracht und sie riss erstaunt die Augen auf. "Eine ganze Therme nur für uns allein?" fragte sie ungläubig, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre müden Augen wider Erwarten zu funkeln begannen. Was für eine wundervolle Vorstellung: ein oder zwei Stunden im heissen Wasser einer Therme, eine kleine Massage vielleicht und dann direkt ins warme Bett... Hunger hatte Serrana eher weniger, aber ihren übrigen Mitreisenden ging es da sicher anders, und vor allem Sabina brauchte regelmäßige Mahlzeiten, dass hatte Großmutter Laevina mehr als einmal betont, bevor der Reisetrupp der Germanici sich in Rom auf den Weg gemacht hatte.


    "Ein Imbiss wäre sehr nett, Aurelius Ursus, vielen Dank für deine Gastfreundschaft."

    Allein bei der Vorstellung, dass Calvenas Mann es sich mit dem zur Zeit mächtigsten Mann in Rom noch mehr verderben könnte, wurde es Serrana schon ganz schlecht und sie fiel vehement in das Nicken ihres Mannes ein. "Ja, genau das wollte ich damit auch sagen. Ich kann ohnehin nicht verstehen, wie ein Mann in der Position des Praefectus Urbi sich so aufführen kann. Einen verdienten Praetorianer aus Rom zu vertreiben, nur weil er wegen einer Frau beleidigt ist, also wirklich...Da müsste er doch meilenweit drüberstehen." Serrana hatte in den Monaten seit ihrer Ankunft in Rom bereits einiges von ihrer Blauäuigkeit eingebüßt, aber so ganz war die Vorstellung, dass ein hohes Amt zwangsläufig an hohe moralische Tugenden und Prinzipien gekoppelt war, noch nicht verschwunden.

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    Adula


    Ein wenig unschlüssig sah Adula erst auf Baldemars Hand und dann auf den Brief in ihrer eigenen und ließ sich dann langasam auf der Bank nieder. Seine Frage verwirrte sie ein wenig. Ob sie Zeit hatte? Ihren Auftrag hatte sie erledigt, und andere Arbeiten hatte ihre Herrin ihr für den heutigen Tag nicht aufgetragen, also hatte sie vermutlich Zeit. Und da der Germane nicht zu der Mehrzahl von Menschen gehörten, die Adula dadurch in die Flucht schlugen, dass sie permanent auf sie einredeten oder ihr dumme und überflüssige Fragen stellen, fiel ihr die Antwort doch recht leicht.


    "Hm..ja, glaub schon."

    Als sie den besorgten Unterton in Sedulus' Stimme hörte, hob Serrana kurz den Kopf und biss sich beim Anblick seines Gesichtsausdruck auf die Unterlippe, bevor sie den Blick schnell wieder senkte. Allzu lange war das Gespräch mit Romana noch nicht vergangen, in dem sie vollmundig angekündigt hatte, künftig voll stoischer Gelassenheit und Würde mit diesem Thema umzugehen, gleichgültig was auch immer geschehen würde. Und jetzt? Jetzt stand sie da und heulte ihrem Mann wieder einmal wie ein kleines Kind die Tunica voll, ein Verhalten, für das ihre Großmutter vermutlich nur den Ausdruck "armselig" übrig gehabt hätte. In einer Mischung aus Scham und Ärger auf sich selbst wischte Serrana sich die Augen halbwegs mit dem Handrücken sauber und schniefte dann erneut, bevor sie erst stockend und dann immer schneller das hervorsprudelte, was sie schon seit so langer Zeit in den Krallen hielt.


    "Naja, du weißt doch, dass ich immer schon Angst davor hatte...Ich hab das auch mal Claudia Romana erzählt, und die war so nett und hat eine Leberschau durchgeführt...und....dabei ist dann herausgekommen, dass ganz viele Götter verärgert waren, du glaubst gar nicht wie lang diese Liste war, Quintus..." Serrana schauderte leicht bei der Erinnerung und drückte sich unwillkürlich wieder näher an ihn. "Und dann ist Romana nochmal vorbeigekommen und hat mir gesagt, dass man die Götter mit Opfern milde stimmen kann, und stell dir vor, sie ist mit mir tagelang zu all den Tempeln gelaufen und hat mir geholfen, weil ich ja nicht selbst opfern kann zur Zeit..."Allmählich hatte sich ihre Atmung wieder beruhigt und Serrana ließ einen noch etwas zittrigen Seufzer hören. "Eigentlich sind alle Opfer angenommen worden, und das ist ein gutes Zeichen...aber...aber zwischendurch vergess ich das und krieg wieder Angst. Tut mir leid, dass ich mich aufgeführt habe wie ein kopfloses Schaf, im Moment fang ich bei jeder Kleinigkeit an zu heulen, es ist so peinlich..." Serrana seufzte erneut und starrte angestrengt auf ihre Füße, oder besser gesagt, auf die Stelle ihres beeindruckenden Bauches, unter der sie ihre Füße gerade vermutete.

    Ad
    Manius Tiberius Durus
    Villa Tiberia
    Roma


    Salve, Pontifex Tiberius,


    es ist mir eine besondere Freude dich darüber zu informieren, dass die Ausbildung des Quintus Flavius Flaccus inzwischen erfolgreich beendet wurde. Er hat sich stets durch besonderen Arbeitseifer, Wissensdurst und eine beeindruckende Sorgfältigkeit hervorgetan und auch Pedania Iunor, die aufgrund meiner Schwangerschaft den praktischen Teil seiner Ausbildung übernommen hat, hat nur lobende Worte für ihn übrig. Wir beide sind sicher, dass Flavius Flaccus den Dienst an den Göttern auch weiterhin vorbildlich erfüllen wird und dass ihn noch große Aufgaben erwarten.


    mögen die Götter Dich und die Deinen beschützen,


    Iunia Serrana

    Oja, Serrana hatte eine Menge guter Vorsätze, was ihr Auftreten in der Öffentlichkeit betraf. Geistreich wollte sie sein, charmant und witzig, schlagfertig im Rahmen des Erlaubten und bei all dem natürlich trotzdem jederzeit ihrem Stand entsprechend würdevoll. Für eine Minute lang schien das heute abend sogar zu klappen. Als Dontas auf Sedulus und sie zukam, neigte Serrana lzur Begrüßung leicht den Kopf und lächelte.
    "Salve, Dontas. Wie schön, dass wir uns hier wiedertreffen. Ist es dir mittlerweile gut ergangen?" Erleichtert, dass ihre verspätete Ankunft bislang keine unangenehmen Folgen gezeigt hatte, wollte sie sich gerade dem Gastgeber zuwenden, als der Praefectus Urbi in einer Weise dazwischenfunkte, die weder geistreich, noch charmant dafür aber so unüberhörbarer war, dass Serranas gute Vorsätze und mühsam antrainierte Sicherheit im Nu verpufften wie Luft aus einer angestochenen Schweinsblase.
    So rot wie schon lange nicht mehr starrte sie den so gut gelaunten Praefectus Urbi fassungslos an wie das Kaninchen die Schlange, und ihr zum Gruß bereits geöffneter Mund öffnete sich kurz, blieb ein paar Sekunden offen stehen und klappte schließlich wieder zu. Und während sie innerlich noch ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, eine halbwegs akzeptable Entgegnung auf die Begrüßung des Praefecten zu finden, drang die Bedeutung seiner Worte erst vollständig zu ihr durch, und in Verwirrung und Scham mischte sich eine gehörige Portion Misstrauen.
    "Sklavinnen? Von welchen Sklavinnen spricht er da, Quintus? Und was hattest du mit denen zu tun? Nun sag schon!" zischelte sie so leise, dass es hoffentlich nur Sedulus hören konnte. Immerhin hatte Salinator das Attribut "die schönsten" gebraucht, und damit waren sicher nicht Dienerinnen vom Schlag der alten Quadrata gemeint.

    Gegen Ende hatte Serrana bereits die Befürchtung gehegt, dass diese Reise niemals mehr enden würde. Natürlich waren die gemeinsamen Tage mit den Anderen, vor allem mit den anderen Frauen, ungemein spannend und unterhaltsam gewesen, aber auch wenn sie so gut wie möglich versucht hatte, sich nichts anmerken zu lassen, so war es für die Iunia im beengten Reisewagen doch von Stunde zu Stunde ungemütlicher und beschwerlicher geworden. Mittlerweile schien nicht nur ihr Rücken sondern auch alle anderen Glieder zu schmerzen, ihr Bauch fühlte sich noch um mindestens fünf digiti dicker an, und sie war aller Überdrehtheit und Aufregung zum Trotz todmüde. Mit Müh und Not ein Gähnen unterdrückend zwang sie sich zu einem einigermaßen frischen und ausgeruhten Gesichtsausdruck und lächelte ihren Gastgeber dankbar an.


    "Vielen Dank, Aurelius Ursus, es ist wirklich beeindruckend hier." sagte sie aufrichtig und sah sich mit zwar etwas müden aber nichtsdestotrotz ausgesprochen neugierigen Augen um. Wer wusste denn schon, ob sie jemals wieder die Gelegenheit bekommen würde, in einem echten Praetorium zu wohnen! "Ich bin sicher, wir werden uns hier sehr wohl fühlen. Meinst du, es wäre möglich, als erstes ein Bad zu nehmen?"

    Serrana betrat an der Seite ihres Mannes das iulische Triclinium und blieb ein wenig zögerlich im Eingang stehen. Die Gäste hatten es sich bereits auf den Klinen gemütlich gemacht und die entspannte Gesprächsatmosphäre deutete an, dass Sedulus und sie tatsächlich ein wenig spät mit ihrem Besuch dran waren.
    Nachdem sie eine Weile den Blick über die versammelte Gästeschar hatte schweifen lassen, stuppste sie Sedulus unauffällig in die Seite. "Schau mal, ist das da drüben nicht der Praefectus Urbi? Und da ist Dontas, der junge Mann, der auch dem Cultus Deorum beitreten will...Und das da vorn ist doch Quintilius Sermo, oder nicht? Und Centho natürlich, aber wo ist Calliphana? Ich kann sie nirgendwo sehen..." Ein wenig enttäuscht, dass sie ihre Freundin nicht unter den Anwesenden entdecken konnte, war Serrana schon, aber vielleicht vielleicht war diese als Frau des Gastgebers ja auch nur kurz irgendwo im Haus verhindert. "Was meinst du, können wir Centho wohl einfach ansprechen? Er scheint sich gerade sehr angeregt mit dem Praefectus Urbi zu unterhalten."

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    Artanes



    Artanes, dessen Gedanken wieder zu den Ereignissen der verhängnisvollen Nacht zurückgeschweift waren, während der Pontifex die Leiche inspizierte, hob überrascht den Kopf. "Du willst ihn mitnehmen? Nun, mir und meinen Männern soll es recht sein, ich denke, wir werden uns alle wohler fühlen, wenn er nicht mehr hier ist. Auch wenn jetzt schon nicht mehr allzu viel von ihm übrig ist..." Der Rex Nemorensis räusperte sich, ohne sich die Mühe zu machen seine Erleichterung ob dieser Ankündigung zu verbergen und kratzte sich dann nachdenklich am Hinterkopf, während sich seine Stirn in Falten legte. "Also..."begann er schließlich die Frage des Flaviers zu beantworten "...zuerst war da dieser Schrei von der Frau. Glaub mir, Pontifex, ich habe schon so einiges in meinem Leben gesehen und gehört, aber bei diesem Schrei standen sogar mir die Haare zu Berge."Artanes räusperte sich erneut, diesmal aus Verlegenheit, weil er unbeabsichtigt eine Schwäche preisgegeben hatte. "Aus diesem Grund brach ich das Opfer sofort ab und kam hierher. Dieser Mann war bereits tot, daran bestand kein Zweifel. Seine Leiche war blutüberströmt, ebenso wie die Kleidung der Frau." Artanes verzog bei der Erinnerung leicht das Gesicht und kratzte sich erneut."Naja, sagen wir die paar Fetzen, die sie noch am Leibe trug, sie war nämlich so gut wie nackt. Und ob sie geschändet wurde..." Er zuckte gleichmütig die Achseln. "Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß es nicht, Pontifex. Sie war völlig aufgelöst und hat geweint, ja. Aber das Blut an ihrem Körper war seins und ihre Kleidung sah nicht zerissen aus." Ein erneutes Schulterzucken. "Andererseits war es dunkel, vielleicht hab ich auch etwas übersehen. An eine Waffe kann ich mich auf jeden Fall nicht erinnern, weder bei ihr noch bei einem ihrer Sklaven, aber einer von denen hat sofort behauptet, seine Herrin sei vergewaltigt worden. Sie selbst dagegen hat ausgesagt, ihr toter Begleiter sei ermordet worden und der Täter sofort geflohen."

    Es ist doch bald soweit... Der Satz war zweifellos tröstend und vor allem aufmunternd gemeint gewesen, aber bei der ohnehin schon reichlich angeschlagenen Serrana verfehlte er in diesem Moment leider die geplante Wirkung und löste eine ganz andere aus. Laut aufheulend vergrub sie ihr Gesicht im Stoff von Sedulus' Tunica, so dass ihre Worte vermutlich nur noch sehr undeutlich zu hören waren.
    "Ja, ich weiß....nur...nur noch ein paar Wochen...und...dann...dann kommt das Kind...und...vielleicht sterbe ich dann wie meine Mutter...und...du...du wirst mich nie mehr anders sehen als so... wie einen dicken Sack Mehl...."

    Serrana schüttelte den Kopf. "Nein, ich finde dich nicht anstrengend. Keine Ahnung, was Großmutter an dir auszusetzen hat, offenbar hast du es einfach schon ein paar mal geschafft sie mit irgendwelchen Bemerkungen gründlich auf die Palme zu bringen, gleichgültig ob mit Absicht oder nicht." Nur wenige Sekunden folgte ein weiteres Kopfschütteln, diesmal noch deutlich entschiedener. "Pflegen? Großmutter? Nie und nimmer! Calvena hat mir erzählt, wie biestig sie damals tagelang war, nachdem sie auf den Fontinalia ins Impluvium gefallen ist. Kaum ein Sklave hat sich bei ihr ins Zimmer getraut, weil sie sie alle angeblafft hat. Naja, nicht, dass es sonst anders wäre... " Serrana seufzte resigniert, um ihren Mann kurz darauf überrascht anzusehen. "Wie ich darauf komme?"fragte sie mit einer Mischung aus Selbstmitleid und Scham. "Das sieht man doch...alles an mir sieht irgendwie dick aus. Ich hatte immer ganz dünne Handgelenke, und schau nur, wie dick und angeschwollen die jetzt sind..." Wie zur Bestätigung hielt sie Sedulus beide Hände unter die Nase und wedelte damit herum, dann ging ihr Blick an ihrem Körper hinunter und ein leises Schniefen ertönte. "Meine Fußgelenke sind genauso dick, das sieht furchtbar aus, so plump..." das Schniefen wurde lauter,"....und von meinem Bauch will ich gar nicht erst reden. Stell dir nur vor, wenn ich stehe, dann kann ich meine Füße nicht mehr sehen, das ist ja so schrecklich..." Die Schniefer gingen jetzt in Schluchzer über, und Serrana heulte leise vor sich hin. "Wwwer weiß, vielleicht küsst du mich ja nur noch aus Pflichtgefühl, und nicht weil du es wirklich möchtest...."

    Serranas Blick ging eine Weile mit zunehmender Besorgnis zwischen Valerian und Sedulus hin und her, während sie deren Gespräch folgte.


    "Sei aber um der Götter willen vorsichtig, dass du ihn nicht noch mehr verärgerst. Der Praefectus Urbi scheint schnell etwas in den falschen Hals zu bekommen, nicht auszudenken, wenn er sich eine zusätzliche Schikane für dich einfallen lässt, Valerian. Calvena braucht dich jetzt in Germanien, riskier bitte nicht, dass er dir die Rückkehr aus irgendeinem Grund verwehrt oder sonst was in den Weg legt."