Auch Serrana verabschiedete sich von Aculeo mit einem Lächeln, wandte dann jedoch ihre volle Aufmerksamkeit Roxane zu. Und besondere Konzentration war auch von Nöten, denn die ihr gegenübersitzende junge Frau sprudelte gleich eine derartige Menge an Informationen und Fragen hervor, dass Serrana nach kurzer Zeit bereits der Kopf schwirrte und sie sich wirklich bemühen musste, nichts wichtiges zu überhören oder bei ihrer Antwort zu vergessen.
Der erste Umstand, der sie wirklich in Erstaunen versetzte, war die Vielzahl an Gedanken, die sich Roxane zum Thema Religion offenbar bereits gemacht hatte. Serrana selbst hatte nie dazu geneigt, Dinge gleich welcher Natur kritisch zu hinterfragen, sofern ihr die entsprechende Quelle vertrauenswürdig erschien. Das römische Götterbild und -verständnis hatte sie von klein auf mit der Muttermilch in sich aufgesaugt, und sie wäre niemals auch nur auf die Idee gekommen, irgendeinen Aspekt davon in Frage zu stellen, ganz im Gegenteil. Serrana war derart von der römischen Überlegenheit in allen Belangen überzeugt, dass sie fremde Kulturen und damit einhergehende Ideen zwar faszinierend fand, es aber niemals in Betracht gezogen hätte, Teíle für sich selbst zu übernehmen.
Aufmerksam folgte sie Roxanes Erklärungen, war jedoch bereits nach kurzer Zeit ein wenig verwirrt.
"Verzeih mir die Frage, aber wie kann kann eure Religion monotheistisch sein, wenn es neben eurem Schöpfergott noch andere Gottheiten gibt, auch wenn diese weniger wichtig sind? Die Juden sind auch monotheistisch, aber sie sagen auch ganz klar, dass es keinen anderen Gott neben ihrem eigenen gibt." Serrana dachte einen Moment lang über diese Vorstellung nach und schüttelte dann den Kopf. "Nur einen einzigen Gott, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Einen Gott, der wichtiger ist als alle andere, das ist schon etwas anderes. Iuppiter zum Beispiel ist der allmächtige Göttervater, und er steht über dem Rest. Und in gewisser Weise arbeiten die Götter auch Hand in Hand, jeder einzelne von ihnen gewährt einem bestimmten Teil unseres Volkes und Reiches seinen besonderen Schutz. Und was die fremden Kulte und Götter angeht..." Serrana zuckte ein wenig entschuldigend mit den Schultern."....viele Gottheiten wurden nur auf Anraten der libri Sibyllini aufgenommen, meistens in Kriegs- oder sonstigen Krisenzeiten, um dem einfachen Volk ein wenig Ablenkung und Hoffnung zu geben oder um eine besondere Verbundenheit mit Gebieten wie Griechenland oder Kleinasien deutlich zu machen. Mit Konkurrenz für unsere alten Götter hat es auf jeden Fall nichts zu tun, da sie in dieser Hinsicht frei von Eifersucht sind." Serrana nickte bekräftigend und runzelte dann die Stirn. "Mit Sekte der Christen hab ich mich bislang noch nicht näher befasst, aber sie ist mir nicht wirklich geheuer. Ganz abgesehen davon, dass mich meine Freundin Claudia Romana, die eine Dienerin der Vesta ist, ganz ausdrücklich vor ihr und ihren Irrlehren gewarnt hat." Und da alles, was aus Romanas Mund kam, in Serranas Augen ausserhalb jeglichen Zweifels oder irgendeiner Kritik stand, würde sie sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht näher mit den seltsamen Gedanken der Christianer beschäftigen.