Diesen Brief hatte der Iulier heute aus der Curia Ostiensis mit nach Hause genommen. Das Siegel war unbeschädigt und der Inhalt des Schreibens folglich niemandem außer dem Absender bisher bekannt. Dass der Duumvir hin und wieder auch einige Akten und/oder Korrespondenzen mit in die Villa Iuliana zur Bearbeitung nahm, war ebenfalls nicht ungewöhnlich, sondern absolut normal. Es würde daher folglich wohl kaum jemand auf die Idee kommen, dass es in diesem Schreiben vielleicht nicht nur den neusten Klatsch aus der Casa Iulia, wo immerhin Dives' nächster Verwandter Centho bettlägerig war, ging.
In seinem mehr oder weniger bescheidenen Privatofficium setzte sich der Duumvir an seinen Schreibtisch und starrte für einen Moment gedankenverloren auf den Brief. Wieso hatte sein Onkel den eigentlich in die Curia geschickt, statt hierher in die Villa? Er schüttelte den Kopf. Dives sollte wahrscheinlich einfach mal damit aufhören auch seine Privatpost mit dem prunkvolleren Duumvir-Siegel zu zeichnen...
Entspannt zurückgelehnt und einen Becher frisches Wasser in Griffweite brach der Iulier das Siegel und begann in aller Ruhe und völlig ungestört zu lesen:
'Glückwünsche... blabla... Kommando über die Stadtkohorten...' Bis dahin gab es nichts Neues. Über dieses Kommando hatte Dives bereits über kleine Umwege erfahren, wenngleich er sich natürlich eine Benachrichtigung gewünscht hätte. Andererseits war wohl dieses Kommando schlicht das Trostpflaster des fetten Vesculariers für die verlorene Quaestorenwahl Proximus'. Das würde erklären, weshalb sein Onkel weder das Eine noch das Andere berichtet hatte. Fakt war und blieb: Salinator roch noch immer keine Lunte von der wahren iulischen Einstellung zu ihm - und das war gut so!
Die nächsten Zeilen hingegen beunruhigten Dives da schon deutlich mehr. Eine einzige Meinungsverschiedenheit, die den Pompeius dazu brachte, dass der seinen Anverwandten seine Gunst entzog? Das hörte sich schon ziemlich hart an, wenngleich dies ja nicht unbedingt gleichzusetzen wäre damit, dass der deshalb nun begann gleich gegen die Iulii zu agieren! Doch eine ausgesprochene Warnung... Das schien dem Iulier doch eine heikle Angelegenheit zu sein, sodass er sich entschloss Augen und Ohren besonders wachsam sein zu lassen - vor allem für jeden Pompeius, von dem er hörte! (An irgendwelche Frauen dachte - gerade - Dives naturgemäß nicht.)
Es folgte eine kurze Ernüchterung, die letztlich jedoch in ein seichtes Lächeln mündete. Beinahe hätte Dives wirklich geglaubt, dass sein Onkel ihn informationstechnisch tatsächlich einfach so auf dem Trockenen würde sitzen lassen! Zum Glück jedoch belehrte ihm Proximus eines besseren, wenngleich besonders viel den folgenden Worten auch wieder nicht zu entnehmen war. Er würde also nicht in den Krieg ziehen - nicht im Moment. Das hieß im Klartext auch, dass es jeden Tag anders kommen könnte! Aber das musste in einem Krieg wohl so sein und so versuchte Dives dies als eine positive Nachricht zu verbuchen und versuchte sich einzureden, dass damit also sein Onkel Proximus zuminest vorübergehend in Sicherheit wäre.
Und Serapio?! 'Über die Praetorianer kann ich dir nichts sagen. Mehr gibt es momentan nicht zu berichten.' Wollte er damit sagen, dass er nicht mehr berichten konnte? Oder dass er nicht mehr berichten wollte? Oder hieß es gar, dass es mehr nicht dazu zu sagen gab, weil nach dem Abzug der Stadtkohorten aus dem Umland nach Roma irgendwie klar wäre, dass keinesfalls alle diese Truppen jetzt bis zum Ende des Krieges in der Ewigen Stadt verbleiben würden?! Müsste Dives also klar sein, dass die Vigiles kaum gegen die cornelischen Legionen ziehen würden und wenn die Stadtkohorten es auch nicht taten, es dann ja nicht mehr allzu viele Möglichkeiten gäbe, wen man weg schickte?
NEIN! Es gab bestimmt noch eine andere Lösung! Es musste einfach noch eine andere Lösung geben! Kurz überlegte der Iulier, dann hatte er es: Der Fettwanst spielte die Schildkröte! Er ließ einfach alle verfügbaren Kräfte nach Roma kommen, zog dann seinen Schwa..eren Bauch ein und hoffte die Gefahr aussitzen zu können! Genau! Das würde der Vescularier bestimmt tun... das würde er ganz bestimmt machen... das wäre angesichts der katastrophalen Nahrungsmittelsituation ja auch nicht völlig dämlich, nein... Mist! Noch eine Alternative? Dem Iulier wollte zumindest nichts so richtig einfallen. Dann musste er selbst etwas tun, ganz klar. Er musste IRGENDETWAS tun! Nur was tat man in einer solchen Lage? Dives hatte bisher noch keinen Bürgerkrieg in dieser Form miterlebt. Als Domitian einst ermordet wurde, war der kleine Iulius mal gerade zarte sieben Jahre alt - seit etwa einem Monat. Um seine Mutter hatte er sich damals absolut nicht Sorgen müssen. Roma war weit weg. Und sonst stand Dives niemand derartig nah, dass es ihm besonders wichtig gewesen wäre ihn oder sie in Sicherheit zu wissen.
Jetzt war alles anders. Jetzt war er erwachsen, ein Mann. Jetzt... holte er scheinbar alle nie gemachten Sorgen nach. Was für eine Prüfung der Götter... 'Die Götter!', ging es ihm auf, sodass er beinahe aufgesprungen wäre. Doch stellte sich mit dieser Idee nur das nächste Rätsel: Wen rief man an? Gut wäre wohl jemand, der Soldaten beschützte. Also Mars? Dives rümpfte die Nase. Mars war immer so... brutal. Außerdem hatte der bestimmt schon über genug Leute zu wachen. Und was brachte eine Bitte, wenn der Gott am Ende vor lauter Gebeten genau DEN EINEN Schützling vergaß? Dieses Risiko bestand wohl - gerade bei einem Bürgerkrieg. Dann Minerva? Die war dem Iulier schon wesentlich sympathischer mit ihrer Weisheit und Weitsicht. Doch gerade ein Capitolium hatte wohl jede größere Stadt, sodass auch diese Möglichkeit aus Überlastungsgründen auszuscheiden schien. Außerdem wäre dies wohl auch ein interessantes Bild: Ein schwuler Mann bittet eine Frau um ihren göttlichen Schutz für den attraktiven Praetorianerpraefectus. Die Göttin würde sich vor Lachen wohl kaum wieder einkriegen (zum Glück konnten sich die Unsterblichen ja nicht tot-lachen).
Ach, das war schwierig... Das war wirklich alles andere als leicht. Der Duumvir lehnte sich wieder ein wenig zurück, trank einen Schluck des geschmacklosen Wassers, machte die Augen zu und dachte zurück an schönere Zeiten: Hinterm Nymphaeum in den Horti Luculliani war es schön gewesen. Was hatte Serapio da gleich gesagt? Dives wäre süß... So süß, wie... Äpfel? Er bekam es irgendwie nicht mehr so ganz zusammen. Aber von Äpfeln hatte er auch gesprochen, den goldenen Äpfeln der Hesperiden, genau. Und an seinen eigenen Kommentar mit L..adon erinnerte sich der Iulier natürlich auch. Er hatte den Decimer gefragt, ob ein Hercules in ihm stecken würde, weil der ja einst die Äpfel geraubt hatte, die den Göttern die ewige Jugend schenkten. 'Hercules?', überlegte der Duumvir. Ja, was war eigentlich mit diesem Gott? Könnte er den nicht vielleicht um etwas Beistand für Serapio bitten? Ostia hatte schließlich sehr wohl einen Herculestempel und an den Gott dachten vielleicht nicht ganz so viele Schutzsuchende.
Dann kam dem Iulier noch eine ganz verwegene Idee: Er würde nicht Hercules um Schutz für Serapio bitten, sondern ihn fragen, ob der das nicht quasi zur Chefsache machen könnte. Das Verhältnis von Iuppiter zu Hercules war doch schließlich alles andere als schlecht. Und wenn Hercules also stets ein Auge darauf haben würde, dass sein Papi ein Auge auf Serapio hätte, dann sollte der wohl ganz gute Chancen haben, heil aus der ganzen Nummer raus zu kommen (was natürlich nicht hieß, dass er auf der Seite der Gewinner stehen müsste - Salinator sollte bitteschön trotzdem verlieren)! So ganz ausgereift war die Idee noch nicht, wie Dives fand. Doch der Anfang gefiel ihm schon mal: Ein typisches Schweineopfer für Hercules und ein Gelübde für Iuppiter. Wäre nur die Frage, das Dives ihm dises mal versprach. Mit einem einfachen Opfer wäre die Sache wohl nicht getan...
Dives entzündete eine Kerze und hielt das Schreiben seines Onkels in diese. Er hatte den Brief gelesen. Für weitere Augen war der nicht bestimmt. Dann begann sich der Iulier mit seiner weiteren, alltäglicheren Korrespondez zu befassen. Gute Ideen konnte man schließlich nicht erzwingen!