Beiträge von Petronia Octavena

    Dagwin, der sich im Stillen immer noch fragte, ob Octavena einfach vergessen hatte, ihm Bescheid zu geben, dass ein Verwandter von ihr heute zu Besuch kommen wollte, führte den Besucher direkt ins Kaminzimmer und bat ihn, einen Moment zu warten, bis die Hausherrin ebenfalls erscheinen würde. Tatsächlich dauerte es auch einen Moment bis Octavena selbst erschien. Sie hatte - wieder einmal - im Arbeitszimmer über den Büchern ihres Mannes gebrütet; Etwas, das sie in den letzten Monaten immer öfter getan hatte. Seit Iring sie ... nun ja, freundlich angestoßen hatte, sich endlich um Witjons Erbe zu kümmern, hatte Octavena sich tatsächlich nach und nach förmlich in Arbeit gestürzt - und dabei festgestellt, dass ihr Schwager recht gehabt hatte und ihr diese Arbeit tatsächlich sogar Spaß machte. Es hatte außerdem dabei geholfen, sich die Kontrolle über ihr eigenes Leben ein Stück weit zurückzuholen. Es gab noch immer viel, das sie ständig lernte, aber immerhin fühlte sie sich nicht mehr so gelähmt wie noch im Jahr zuvor. Sie hatte sich sogar dazu durchgerungen, häufiger das Arbeitszimmer der Villa zu nutzen, was gerade zu Beginn schmerzhafter gewesen war, als sie je offen zugegeben hätte.


    Sie war so sehr in die Unterlagen vor sich vertieft gewesen, dass sie zuerst gar nicht richtig verstanden hatte, was Dagwin von ihr wollte, als er an der Tür erschienen und ihr einen Brief übergeben und verkündet hatte, dass ein Cousin von ihr im Kaminzimmer wartete. War etwa Lucius zurück in Mogontiacum? Aber warum um alles in der Welt hätte er dann ihr einen Höflichkeitsbesuch abstatten wollen? Sie hatten sich schließlich nie besonders leiden können und seit er die Stadt verlassen hatte, hatten sie auch keinen Kontakt mehr. Sie blinzelte überrascht, als Dagwin noch einmal den Namen wiederholte, den der Fremde genannt hatte. Marcus Petronius Varus ... Der Name sagte ihr tatsächlich etwas, auch wenn sie ihn nicht mehr ganz zuordnen konnte. Stirnrunzelnd erhob Octavena sich also von ihrem Platz am Schreibtisch und überflog eilig den Brief und nun fiel auch bei ihr wieder der Groschen, wer da offenbar auf ihrer Türschwelle erschienen war. Also dankte Octavena eilig Dagwin und machte sich dann auf den Weg ins Kaminzimmer, wo ihr Vetter schon auf sie warten sollte.


    "Salve", begrüßte sie ihn mit einem freundlichen Lächeln, als sie eintrat, und musterte den Fremden, der da wartete, beiläufig. Er war jung, wahrscheinlich ungefähr so alt wie sie selbst gewesen war, als sie damals bei ihrem Onkel vor der Tür gestanden hatte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn jemals gesehen hatte, bevor sie damals aus Tarraco abgereist war, schließlich konnte er kaum mehr als ein Baby oder Kleinkind damals gewesen sein und mit seinem Vater und dessen Teil der Familie war auch Octavena nie besonders eng gewesen. "Du bist also Marcus Petronius Varus?" Octavena legte leicht den Kopf schief. Ja, ein wenig meinte sie doch eine Ähnlichkeit zu seinem Vater bei ihm zu erkennen. Jedenfalls soweit sie sich noch nach all den Jahren an Calenus erinnerte. "Ich wusste gar nicht, dass du zu Besuch kommen wolltest, aber es ist immer schön, mal wieder Familie von zu Hause hier zu haben. Wie geht es deinen Eltern und dem Rest der Familie?" Wenn sie ehrlich war, war sich Octavena nicht einmal sicher, wer von den Familienmitgliedern, die sie früher gekannt hatte, alles noch lebte oder wer vielleicht inzwischen doch ähnlich wie sie auch Tarraco verlassen hatte. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie inzwischen nur noch wenig Kontakt zu den Petroniern in Hispania. Sie ging durch den Raum und ließ sich auf einem Stuhl nieder und deutete auf einen zweiten ihr gegenüber. "Aber setz dich doch erst einmal. Was verschafft mir überhaupt die Ehre deines Besuchs?"


    Sim-Off:

    Ich gehe einfach mal davon aus, dass der Brief irgendein Schreiben von Verwandten war, die Varus' Identität bestätigen. ;)

    dann mal herzlich willkommen in der Familie ... :D vom Teil der "schandhaften" Familie. Wir sind halt nur einfache Leute *Mal nach Germanien grinst*

    Hust, beschwer dich bei deinem schandhaften Vater :D


    Die Witzelei bei Seite: Willkommen in der Familie, Varus, das wird dann wirklich mal nomen est omen :D Meld dich bei mir dann einfach direkt in den PNs sobald du die Funktion hast, dann klären wir direkt Eltern und Einstieg auf kurzem Weg.

    Sehr gut :D In dem Fall hast du auf jeden Fall mein Go. Verwandtschaft würden wir dann, sofern du dich nicht bei der Wohnortsuche doch noch umentscheidest, im Zweifelsfall dann am besten kurz per PN nach der Freischaltung noch besprechen und dann die Eltern hier noch nachreichen, aber meinetwegen kannst du dich dann gerne den Petroniern anschließen :)

    Keine Schande heißt nur, dass du mit der ID irgendetwas halbwegs Respektables/gesellschaftlich Verträgliches vorhaben solltest. (Sollte dir z.B. vorschweben, den nächsten Untergrundboss der Subura spielen zu wollen, dann solltest du dir besser eine andere Gens suchen.) Alles andere sollte kein Problem sein.

    Salve und willkommen im IR! Genau, die Gens Petronia ist aktiv und je nach dem, was dir so vorschwebt, finden wir auch sicher noch einen passenden Platz im Stammbaum für dich. (Um dir dann einen passenden Vater suchen zu können, würde ich dann aber in jedem Fall gerne wissen, was du grob mit der ID machen möchtest.) Ich muss dich allerdings ein wenig warnen, dass wir im Moment nur wenig aktive Familienmitglieder haben und es dementsprechend begrenzt direkten Anschluss SimOn gibt. De facto ist die Familie aktuell sowieso nur in Germanien aktiv, wo meine Octavena als wohlhabende Witwe mit ihren Kindern bei der Familie ihres Mannes lebt. (Es gibt zwar noch Petronia Susa in Rom, aber die ist die Tochter des aktuellen Schwarzen Schafs der Familie und hat deshalb keinen Kontakt zum Rest.) In Mogontiactum kann ich dir da gern Anschluss bieten, wenn du möchtest, wenn dir das mit dem direkten Familienanschluss dagegen egal ist und/oder du deinen Einstieg alleine hinbekommst, kannst du dir natürlich auch gern einen anderen Wohnort suchen. Von meiner Seite ist das in Ordnung, mach der Familie dann nur keine Schande ;)

    Octavena lachte leise. "Bei mir auch", gab sie zu und lächelte breit. Es tat gut, einfach so unbeschwert mit jemandem zu witzeln, die Octavenas Hang zur Selbstironie in Bezug auf ihr allmähliches Altern teilte. Schließlich taten sich nicht alle Frauen so leicht damit, zuzugeben, dass sie einfach keine siebzehn mehr waren und sich inzwischen ihre Prioritäten geändert hatten. Für Octavena war da tatsächlich nicht viel dabei - sie mochte, wer sie über die Jahre geworden war und verspürte auch nicht das Bedürfnis, bei Äußerlichkeiten mit den jungen Mädchen, die inzwischen waren, wie sie einmal gewesen war, zu konkurrieren - aber sie wusste nun einmal auch genau, dass das nicht selbstverständlich war. "Das wäre mir früher mal mehr oder weniger unmöglich vorkommen, aber ich nehme an, dass auch sowas sich einfach mit der Zeit ändert."


    Als Dagmar dann geradeheraus nach Ildrun fragte, machte Octavena sich gar nicht erst die Mühe, kaschieren zu wollen, dass es zwischen ihr und ihrer Tochter im Moment nach wie vor durchwachsen lief. Warum auch? Dagmar hatte Augen im Kopf, hatte das gesamte letzte Jahr seit Witjons Tod mitbekommen und, was der vielleicht wichtigste Teil war, Octavena vertraute ihr. Inzwischen hatte sie sich vielleicht wieder gefangen, aber Dagmar hatte auch in der Villa viel aufgefangen, das Octavena in den schlimmsten Wochen und Monaten nach dem Tod ihres Mannes sonst durch die Finger gerutscht wäre, und das rechnete sie ihr hoch an. Genauso wie ihren Vorschlag jetzt. "Das würde Ildrun sicher gefallen", erwiderte sie und warf Dagmar ein kleines, dankbares Lächeln zu. "Sie hat es immer geliebt, wenn Witjon ihr Geschichten erzählt hat. Schon als sie noch ganz klein war." Sie seufzte etwas wehmütig bei dem Gedanken an diese Zeiten. Damals war vieles noch einfacher gewesen. Jedenfalls, wenn es um ihre Tochter ging. "Und wahrscheinlich gefällt es ihr schon, irgendwelche eurer Geschichten zu hören, da ist es schon egal, wenn ihr Vater ihr andere hätte erzählen können", fuhr sie fort. "Diese Verbindung ist nur wichtig für sie und ... na ja, das ist Nichts, das ich ihr geben kann." Octavena zuckte etwas müde mit den Achseln. Noch so etwas, das sie in jüngeren Jahren komplett unterschätzt hatte: Dass es immer Teile im Leben ihrer Kinder geben würde, bei denen sie sich ein wenig wie eine Außenstehende vorkam. Ganz egal, wie lange sie nun schon hier lebte und wie viel sie gelernt hatte. Auch bei solchen Dingen hatte sie sich immer darauf verlassen, dass Witjon da sein würde bis ihre Kinder zumindest erwachsen waren. Und jetzt war Octavena nun einmal allein. Der Gedanke erinnerte sie unwillkürlich an den Rat, den ihr Hadamar während des letzten Julfestes gegeben hatte, und sie sah Dagmar wieder direkt an. "Darf ich dich etwas fragen? Wie hast du das damals geschafft? Mit deinen Kindern meine ich, nachdem sie ihren Vater verloren hatten."


    Sie gingen langsam weiter und so sehr Octavenas Sorge um ihre Tochter wie immer an ihr nagte, als Dagmar Gerwins Beschwerden über Farold und die unmöglichen Stellen, an denen er manchmal Leim verteilte, erwähnte, musste sie doch wieder ehrlich lachen. "Er kann froh sein, dass der Leim nur hinter der Vase war und Farold die Vasen selbst nicht irgendwo festgeklebt hat", meinte sie amüsiert, auch wenn sie sich im Stillen vornahm, zu Hause ein ernstes Wort mit ihrem Sohn zu reden. Sie ließ ihren Kindern eigentlich gerne ihre Freiheiten, aber gerade Farold musste lernen, dass er mit solchen Aktionen anderen im Haus Arbeit bereitete, die das wiederum ärgerte, selbst wenn er das nicht wollte. "Aber ja, an Kreativität fehlt es ihm wirklich nicht. Keine Ahnung, woher er das hat."

    Sie lachte noch einmal leise und blieb dann wenig später gemeinsam mit Dagmar vor einem Stand eines Schmuckhändlers stehen. Octavena ließ ihren Blick über die Auslage mit Ketten und Ringen gleiten, die alle mit Bernsteinen in verschiedenen Schattierungen verziert waren, während Dagmar sich schon eine Kette reichen ließ. "Oh, die würde dir sicher sehr gut stehen", erwiderte Octavena auf die Frage und legte prüfend den Kopf schief. Der Händler, der sofort begriffen hatte, dass er hier zwei gute Kundinnen mit entsprechend Geld gewinnen konnte, horchte sichtlich auf und bot Dagmar direkt einen passenden Ring an. Octavena betrachtete auch den Ring kurz amüsiert und nahm ihn dann dem Händler ab, um ihn im Licht zu drehen. "Aber der Schliff könnte schon etwas sauberer sein, findest du nicht?" Sie hielt Dagmar den Ring hin. Eigentlich war an dem Ring nichts nennenswert auszusetzen, aber wenn sie jetzt schon zu begeistert taten, würde der Händler sicher deutlich mehr verlangen als sowohl Ring als auch Kette wert waren, wenn Dagmar eines von beidem oder beides wirklich kaufte.

    Ich will mich eigentlich nicht groß in die Diskussion hier einmischen, möchte aber kurz die Warnungen von Stella und Maesa an der Stelle wirklich auch nochmal bekräftigen. Wir leben in wirklich massiv wissenschaftsfeindlichen bis -leugnenden Zeiten und da stoßen einfach ein paar gut gemeinte Argumente in die Richtung von mehreren gleichberechtigten Ansichten an ihre Grenzen. Nichts gegen Yoga, die berühmte Gemüsesuppe oder einen guten Tee, aber passt auf mit den Relativierungen. Physische wie psychische Erkrankungen gehören medizinisch behandelt und der Weg von etwas zu blauäugigen Argumenten pro "Natürlichkeit" und gegen "die" Medizin zu wirklich gefährlichen Thesen, die schlicht und ergreifend in der extremsten Form Leute umbringen, kann wirklich erschreckend kurz sein. (Was auch der einzige Grund ist, warum ich mich hier gerade äußere. Ich habe das live miterlebt und dieses Kippen kann schnell passieren und ist alles andere als schön.) Ich möchte das niemandem hier unterstellen und lese eure Posts hier erstmal auch nur als Austausch, aber die Einwände, die hier kamen, sind schon wirklich wichtig. Und wenn es nur ist, damit sie als kleine Erinnerung an alle geäußert wurden.

    Octavena schmunzelte und merkte, wie etwas von der Anspannung, die sie schon den Morgen über begleitet hatte, von ihr abfiel. "Calvena ist notorisch schlecht in Wegbeschreibungen, aber wenn ich sie richtig verstanden habe, sollte er irgendwo da hinten stehen", erwiderte sie, allerdings ohne echte Abneigung in ihrer Stimme, und deutete vage nach vorne in die Richtung, in die sie ohnehin gingen. Sie mochte Calvena wirklich, betrachtete sie sogar als eine ihrer wenigen echten Freundinnen, weil sie zu denen gehörte, die auch zu ihr gehalten hatten, als sie sich nach dem Tod ihres Mannes eine Weile zurückgezogen hatte. Nur redete ihre Freundin auch viel und war wenig pragmatisch, weshalb es schwer sein konnte, ihr eine klare Antwort auf so banale Fragen wie der nach einer Ortsangabe zu entlocken. "Mal sehen, ob wir diesen ... Crius? Crixus? ... Ich bin mir nicht mehr sicher, wie sein Name war, aber es war irgendetwas in die Richtung." Octavena zuckte mit den Achseln. "Na ja, wir werden schon rausfinden, ob er heute hier ist und wir seinen Stand finden. Aber in jedem Fall sind angeblich seine Waren im Moment wohl der letzte Schrei in der Stadt." Ihre Stimme nahm bei diesen Worten einen gespielt verschwörerischen Tonfall an, obwohl Octavena wusste, dass sie davon überhaupt erst eher spät als früh erfahren hatte. Früher, da hätte sie das vielleicht gestört, aber da hatte es auch noch nicht so viele Dinge in ihrem Leben gegeben, die nun einmal ihre Aufmerksamkeit beanspruchten. Und in den letzten Monaten waren das eher mehr als weniger geworden.


    Im Grunde störte sie das auch nicht zu sehr. Ruhige Abende bei einem Glas Wein, wie Dagmar sie kurz darauf vorschlug, kamen Octavena ohnehin inzwischen immer verlockender vor. Sie war zwar nicht alt - noch nicht - aber sie war auch nicht mehr so jung, als dass sie Ruhe nicht zu schätzen gewusst hätte. Sie mochte den Trubel, mochte es, in Bewegung zu sein, mochte es, etwas zu tun zu haben, aber irgendwann brauchte es nun einmal auch Pausen davon. "Sehr gerne", erwiderte sie also lächelnd und blieb kurz stehen, um ihren Blick über ein paar Stoffauslagen eines Standes streifen zu lassen, den sie passierten, ging aber direkt weiter, als nichts davon ihre Aufmerksamkeit länger hielt. "Vielleicht bekomme ich ja auch Ildrun dazu, sich uns ab und zu mal anzuschließen. Die Übung würde ihr guttun und vielleicht gefällt es ihr ja sogar." Octavena verzog ein klein wenig das Gesicht, verkniff sich aber gerade noch selbst das Seufzen, das sie am liebsten hinterher geschickt hätte. Das war natürlich utopisch. Ildrun würde sich eher mit Händen und Füßen wehren, bevor sie sich mit ihrer Mutter und ihrer Tante hinsetzte und die Abende nähend verbrachte. Aber irgendwann würde selbst Octavenas störrische Tochter lernen müssen, dass sie nicht ewig ein Kind bleiben konnte, das durch die Villa Duccia tobte, als ob sie nichts je dazu bringen konnte, doch erwachsen zu werden. Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe nichts Besonderes im Sinn. Ich habe mich eigentlich nur von Farold dazu überreden lassen, ihm noch einmal etwas von dem Leim mitzubringen, mit dem er so gerne bastelt", fuhr sie mit einem kleinen Grinsen fort. "Das werde ich zwar bereuen, aber versprochen ist versprochen. Ansonsten will ich mich nur umsehen, was mich so spontan anlacht." Octavena lachte unwillkürlich. "Was dann wohl bedeutet, dass ich wahrscheinlich wirklich wieder nur Schmuck kaufe. Vielleicht schaue ich aber nach ein paar Stoffen. Ich hätte eigentlich gerne ein paar mehr Tücher, wenn es im Herbst dann wieder kühler wird. Ich habe das Gefühl alles, was ich noch zu Hause habe, ist inzwischen entweder zu schwer für die Übergangszeit oder ein wenig zu alt und abgetragen."

    Es war ein schöner Sommertag, selbst nach Octavenas Maßstäben, und damit eigentlich auch eine perfekte Gelegenheit, um eben dieses gute Wetter zu nutzen und mal wieder nach Mogontiacum auf den Markt zu gehen. Octavena hatte es sich seit dem Frühjahr selbst nach und nach wieder angewöhnt, öfter wieder ihr Gesicht in der Stadt zu zeigen und ihre Freund- und Bekanntschaften dort zu pflegen, aber sie war noch immer seltener nur zum Vergnügen hier als früher. Als junges Mädchen, kurz nach ihrer Ankunft in Mogontiacum, war sie oft einfach so hier gewesen, aber dafür fehlte ihr inzwischen oft die Zeit. Nicht immer, aber doch wenigstens meistens. Oder zumindest hatte sie das Gefühl, dass das so war. Böse Zungen - also allen voran ihre Tochter - fanden ja, dass Octavena einfach nur ein Problem damit hatte, Kontrolle abzugeben und schlecht die Dinge einfach laufen lassen konnte, aber da war Octavena ihrerseits natürlich anderer Ansicht. Jedenfalls, wenn man sie danach fragte.


    Sie war auch heute nicht ganz entspannt, obwohl sie sich darauf gefreut hatte, herzukommen. Sie ging wirklich gern auf den Markt, das hatte sie schon immer, und sie war dieses Mal auch nicht allein unterwegs, sondern hatte sich mit Dagmar verabredet, mit der sie nun anfing, zwischen den Ständen herumzuschlendern. Trotzdem hatte sie sich heute morgen - mal wieder - mit Ildrun gestritten, die es nach wie vor nicht müde wurde, nur Widerworte zu geben und der alles, was ihre Mutter so sagte, nicht in den Kram passte. Und diese Streitereien waren auch jetzt noch immer genauso kräftezehrend, wie eh und je. Auch deshalb war es wohl gut, einmal rauszukommen, aber ganz abgeschüttelt hatte Octavena das Gefühl bisher nicht bekommen. Auch wenn sie sich Mühe gab.


    "Es ist schön, mal wieder hier so in Ruhe unterwegs zu sein. Ich vergesse immer, wie sehr mir das fehlt bis ich mal wieder herkomme", sagte sie trotzdem - oder gerade deswegen - zu Dagmar, während sie so zwischen den Ständen entlang gingen und lächelte. "Meine Freundin Calvena meinte, als ich sie vor einer Weile besucht habe, dass jetzt wohl ein neuer Händler mit wirklich schönem Schmuck öfter hierher auf den Markt kommt, bei dem muss ich glaube ich auch mal vorbeigehen. Willst du dir auch etwas Bestimmtes ansehen?"

    Duccia Camelia (Ildrun)

    "Das könnte dir mit Asper und Papias wohl auch passieren", erwiderte Ildrun auf Tariqs Ausführungen über die Hunde in seiner Heimat, grinste aber dabei breit, um deutlich zu machen, dass sie das nur halb ernst meinte. An sich stimmte natürlich, was sie sagte: Die beiden konnten gefährlich sein - sie waren es nur eben nicht gerade jetzt, wo sie es sich gerade träge auf dem Boden bequem machten und sonst weder Tariq noch Ildrun im Moment viel Beachtung schenkten. "Jedenfalls, wenn du sie ärgern würdest." Die Erklärung, dass er sonst einfach vor allem mit deutlich gefährlicheren Tieren zu tun gehabt hatte, ergab allerdings schon mehr Sinn als die Vorstellung, dass er einfach aus einem Land kam, in dem es keine Hunde gab. Wahrscheinlich hatte Farold auch bei dem Rest, den er so geplappert hatte, irgendetwas falsch verstanden und Cappadocia war gar nicht so viel anders als Mogontiacum.


    Bei seiner nächsten Frage hielt Ildrun kurz inne und sah ihn prüfend an, konnte aber keine Kritik in seinem Tonfall oder seinem Blick erkennen. "Ich bin gerne draußen", erwiderte sie dann wahrheitsgemäß. "Und ich mag die Hunde. Eigentlich die meisten Tiere." Sie zögerte erneut, als ihr klar wurde, dass das vermutlich eine ziemlich nichtssagende Erklärung war, wenn man das Leben in der Villa nicht kannte. "Ich war einfach schon immer viel draußen und außer meiner Mutter hat da auch nie jemand etwas dagegen gehabt", erklärte sie und zuckte dazu beiläufig mit den Achseln, so als ob sie über die normalste Sache der Welt redete, denn tatsächlich tat sie das ja auch, jedenfalls in ihrer Welt. "Das war schon immer so und na ja ... ist eben auch so geblieben. Ich kenne das gar nicht anders." Natürlich wusste Ildrun auch irgendwo, dass sie damit deutlich anders aufwuchs als die meisten anderen Mädchen - ihre manchmal dann doch sehr römische Mutter mit manchmal doch sehr römischen Erziehungsvorstellungen erinnerte sie da ja schließlich oft genug daran - aber das änderte nichts daran, dass für Ildrun diese Freiheiten, die sie hier genoss, schlicht selbstverständlich waren. Seit sie laufen konnte war sie immer zuerst nur durch die Villa und später über das gesamte Gelände getobt, sei es allein oder mit den Kindern der Angestellten. Sie kannte jeden Winkel hier, jedes Versteck. Die Villa und das Gelände drumherum waren nun einmal ihr Zuhause. Sie grinste verschwörerisch. "Und draußen ist es leichter, den Regeln meiner Mutter aus dem Weg zu gehen."

    Auch von mir alles Gute! Wir hatten zwar Simon wie Simoff das letzte Mal vor einer gefühlten Ewigkeit direkt miteinander zu tun, aber ich habe immer noch gute Erinnerungen an meine Anfangszeit, als ich hier gefühlt ziemlich chaotisch reingestolpert bin, und war/bin dir damals wie heute dankbar für die nette Aufnahme ins IR damals. In gewisser Weise springe ich deshalb heute noch immer hier rum :D In dem Sinne schließe ich mich den anderen an und vielleicht liest man sich ja doch in ferner Zukunft wieder ;)

    Duccia Camelia (Ildrun)

    Ildrun grinste selbstzufrieden, als Tariq sich von ihr provozieren ließ. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie damit voll ins Schwarze getroffen hatte und er das jetzt nur nicht vor ihr zugeben wollte. Trotzdem stichelte sie nicht weiter, schließlich gab es für sie keinen Grund, Streit zu suchen. Sie fühlte sich nur für den Moment noch ein klein wenig selbstbewusster als ohnehin.


    Als Tariq dann tatsächlich ihrem Vorschlag nachkam und Asper die Hand hinhielt, um den Hund daran schnuppern zu lassen, sah Ildrun ihm sowieso ganz genau an, dass er sich mehr vor dem Tier fürchtete als er gerade behauptet hatte. Ildrun dagegen beobachtete vollkommen entspannt, wie Asper sich genau so verhielt, wie sie erwartet hatte: Er schnupperte einen Moment an Tariqs Hand und verlor dann schnell wieder das Interesse und machte kehrt, um zurück in Richtung Torschatten zu trotten. Was Ildrun schon vorher gewusst hatte, schien Tariq dagegen ehrlich zu überraschen und das wiederum ... wunderte Ildrun dann doch. "Was hast du denn erwartet?", fragte sie und runzelte die Stirn. Nicht, dass er mit seiner Vorsicht gegenüber den Hunden vollkommen falsch gelegen hätte, das wusste sogar Ildrun, auch wenn sie das gerne leugnete. Asper und Papias waren gerade vollkommen ruhig und entspannt, weil sie wiederum entspannt war und sie wussten, dass dann im Moment keine Gefahr von Tariq ausging, auch wenn er ein Fremder war. Hätten sie ihn als Eindringling oder Bedrohung wahrgenommen, hätte diese Begegnung aber auch anders ablaufen können. Aber so, mit Ildrun direkt in der Nähe? Da gab es eigentlich nichts zu befürchten. "Haben die Leute da, wo du herkommst, keine Hunde?" Das erschien ihr zwar merkwürdig, aber es hätte immerhin erklärt, warum er sich jetzt für die Hunde der Villa interessierte, obwohl es nicht so wirkte, als ob er sie tatsächlich mochte. Und Ildrun wusste tatsächlich sehr wenig über Cappadocia und hatte auch ihrem Bruder bei seinem Geplapper nicht wirklich zugehört, mit dem er ihr schon brühwarm mehr oder weniger alles weitererzählt hatte, was er bisher so über Tariq und dessen Heimat aufgeschnappt hatte. Nachdem Farold aber auch irgendetwas von Feuer erzählt hatte, das aus dem Boden kam, wäre ein Land, in dem die Leute keine Hunde hielten, vermutlich noch verhältnismäßig unspektakulär gewesen. Zumindest, wenn seine Fantasie nicht schon wieder mit ihm durchgegangen war oder er irgendetwas falsch verstanden hatte.

    Duccia Camelia (Ildrun)

    Bei Tariqs Antwort legte Ildrun den Kopf ein wenig schief. Was glaubte er denn, wie viele lang abwesende Familienmitglieder mit Gästen im Schlepptau normalerweise so bei ihnen aufschlugen? Natürlich meinte sie Hadamar. "Ja, den meine ich", sagte sie trotzdem schlicht, ging aber nicht weiter auf die Verwandtschaftsverhältnisse ein, sondern versuchte, sich einfach nur unbeeindruckt zu wirken. Das hätte bedeutet, zu erklären, wie genau sie mit Hadamar und seinen Geschwistern verwandt war, und das wiederum hätte bedeutet, über ihren Vater zu sprechen, was das letzte Thema war, das sie einfach so mit einem Wildfremden anschneiden wollte. Abgesehen davon verstand sie sowieso nicht ganz, warum man Verwandtschaft so aufdröseln sollte. Am Ende war sowieso alles einfach Familie. Ob ein Onkel jetzt ein Onkel war, weil er ein Vetter zweiten oder dritten Grades ihres Vaters gewesen oder doch wieder anders verwandt war, war dann auch schon egal.


    Tariq schien allerdings ohnehin in Redelaune zu sein, denn er fuhr direkt damit fort, ihre erste Frage zu beantworten. Ildrun hörte ihm zu und streckte dabei beiläufig wieder die Hand nach Papias aus, der weiter neben ihr stand und zwar kurz zu Tariq hinübersah, aber wohl mehr auf Streicheleinheiten aus war als sich um den Fremden zu kümmern. So vorsichtig wie Tariq die beiden Tiere beobachtete, glaubte Ildrun zwar nicht, dass er Hunde unbedingt mochte, aber damit war er nicht der erste, der den beiden mit vorsichtiger Skepsis begegnete. Und auch nicht der erste, bei dem ihr das ihrerseits weitgehend egal war.

    "Kommt drauf an, wen du fragst", erwiderte sie stattdessen auf seine Frage und zuckte mit den Achseln. "Meine Mutter hat Angst vor ihnen." Weil ihre Mutter wie immer mit allem maßlos übertrieb und auch sowieso nicht besonders gut mit Tieren konnte. "Aber mich mögen sie." Ildrun strich Papias weiter sanft über den Kopf, während Asper nun neugierig in Tariqs Richtung guckte und dabei ein wenig mit der Nase schnupperte, als er versuchte, den Geruch des Fremden aufzunehmen. Die Andeutung eines Grinsens erschien auf Ildruns Zügen, als sie nun auch bewusst registrierte, wie vorsichtig Tariq seinerseits Abstand zu dem Tier hielt. Er wirkte zwar auf jeden Fall ein ganzes Stück älter als sie, aber den Gedanken, dass er sich trotzdem vor den Hunden fürchten könnte, während sie nicht im Geringsten Angst hatte, fand sie irgendwo lustig. Da redete ihre Mutter immer endlos davon, dass Ildrun noch ein Kind sei und die Hunde kein Spielzeug, und dann war sie jetzt diejenige, die jetzt mit den beiden Hunden vollkommen entspannt war. Wobei es sowieso wenig gab, das Ildrun wirklich Angst machte, dafür war sie sowieso inzwischen zu alt. Jedenfalls sagte sie sich das selbst. "Meistens sind sie harmlos", fuhr sie dann aber fort und war froh, dass ihre Mutter nicht hier war, um ihr schon wieder darin zu widersprechen. "Wenn du sie in Ruhe lässt, lassen sie dich auch in Ruhe." Ildrun lächelte, als Papias einen zufriedenen Laut von sich gab, als sie ihn weiter kraulte. "Aber man muss nur wissen, wie man mit ihnen umgehen muss." Sie ließ Papias los und nickte in Aspers Richtung, der gerade ein paar träge Schritte auf Tariq zu machte. "Probier es aus, wenn du willst. Wenn du ihm die Hand hinhältst, kann er deinen Geruch aufnehmen. Dann erkennt er dich später wieder." Sie sah zu ihm hinüber und ihre Augen blitzten herausfordernd auf, während sie nun wirklich grinste und sich dabei bewusst ein wenig größer machte. Eigentlich gab es keinen Grund, weshalb sie ihn hätte herausfordern müssen, aber so etwas kümmerte sie ohnehin selten. Besonders nicht, wenn sie neugierig war oder versuchte, aus jemandem schlau zu werden. So wie jetzt. "Oder hast du Angst?"

    Während Tariq losgezogen war, um das Gelände der Villa zu erkunden, war Octavena ihrerseits zunächst im Haus verschwunden, um Ilda zu suchen, und dann kurz auf dem Hof erschienen, um nach ihren Kindern zu sehen. Farold hatte wie versprochen Ildrun gefunden und ihr den Mantel gebracht, den sie auch angezogen hatte, aber als Octavena nach draußen gekommen war, hatte Ildrun sich trotzdem noch aus dem Staub gemacht, bevor Octavena auch nur mit ihr sprechen konnte. Stattdessen war Farold auf seine Mutter zugelaufen und hatte sie plappernd zurück ins Haus gelotst. Das war Absicht gewesen, so viel hatte auch Octavena begriffen, aber trotzdem mitgespielt. Ildrun trug den Mantel, das war Octavenas Sieg für diesen Morgen und das musste fürs erste reichen.


    Während Octavena also mit Farold zurück im Haus verschwand, lief Ildrun in die entgegen gesetzte Richtung. Sie hatte keine Lust, mit ihrer Mutter schon wieder über irgendetwas zu diskutieren. Wenn es nicht der Mantel war, dann würde sie sicher als Nächstes mit einem Schal anfangen, dann damit, dass es ja eigentlich sowieso zu kalt war, um draußen zu sein, oder was auch immer ihr sonst gerade so an Übertreibungen einfiel. Farold ließ das noch meistens mit sich machen, aber der musste auch - anders als Ildrun - nur richtig gucken, um ihre Mutter um den Finger zu wickeln. Nicht, dass Ildrun das nicht ab und zu nutzte und ihn vorschickte, wenn sie wollte, dass Octavena besser mit Farold beschäftigt war, statt Ildrun selbst auf die Nerven zu gehen, aber das änderte nichts daran, dass sie sich ihrer Mutter nur entziehen konnte, wenn sie nicht streiten wollte. Also lief sie stattdessen nach vorne zum Tor, um nach Asper und Papias zu sehen. Um diese Uhrzeit waren die beiden schon lange gefüttert und damit würde es eine Weile dauern, bis es irgendjemandem auffiel, wenn Ildrun sie mitnahm, um mit ihnen eine Weile übers Gelände zu ziehen. Und wenn doch, war das wahrscheinlich erstmal nur Leif, der in der Regel Besseres zu tun hatte als schnurstracks zu Octavena zu laufen, um ihr davon zu erzählen und so die nächste Diskussion zwischen Mutter und Tochter vom Zaun zu brechen.


    Sie wollte sich gerade mit den beiden Hunden in Richtung Garten verdrücken, da fiel ihr Blick auf einen Fremden, der ihr entgegenkam, und sie hielt inne. Sie kannte sonst jeden Bewohner der Villa, die meisten sogar schon ihr ganzes Leben oder wenigstens so lange sie sich erinnern konnte. Was umgekehrt bedeutete, dass das wohl der Junge war - auch wenn er doch ein ganzes Stück älter als Ildrun wirkte - von dem Farold schon erzählt hatte. Das bedeutete dann wohl, dass er inzwischen doch auch aufgestanden war, nachdem Farold den halben Morgen scheinbar vor seiner Tür herumgelungert hatte. Zuerst war Ildrun versucht, beiläufig mit den Hunden das Weite zu suchen, ehe er sie bemerken konnte, doch dann siegte ihre Neugier. Statt zu verschwinden, ging sie deshalb nur im Schatten des Tors in die Hocke, um die beiden Hunde abwechselnd hinter den Ohren zu kraulen, und beobachtete dabei über die Köpfe der Tiere hinweg, wie Tariq sich näherte.


    "Suchst du jemanden?", fragte sie schließlich von ihrem Platz im Schatten aus, als er in Hörweite war, teils um einfach nur auf sich aufmerksam zu machen, ehe sie sich langsam erhob und ihn mit einem neugierigen Blick bedachte. "Du bist Tariq, oder?", fragte sie rundheraus. "Der Gast, der gestern mit meinem Onkel gekommen ist." Der Onkel, den sie bisher verpasst hatte und an den sie sich auch nur bestenfalls vage erinnerte, weil er so lange weg gewesen war. Aber bei einer großen Familie wie ihrer machte ein Onkel mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr. Zumal ihr ihre Familie in letzter Zeit sowieso oft genug vor allem auf die Nerven ging. "Ich bin Ildrun."

    Octavena nickte langsam und ein warmes Lächeln erschien auf ihren Zügen. "Das kann ich gut verstehen", erwiderte sie und entschied sich einfach dafür, nur den unkomplizierteren Teil seiner Worte aufzugreifen. Sie verstanden sich vielleicht gut, aber sie würde sicher nicht hier und jetzt ausdiskutieren, warum es ihr etwas unangenehm war, wie viel sie von ihren Sorgen hier gerade zugegeben hatte, ganz egal, was er sagte. Sie machte sich keine Illusionen, dass diese Dinge nicht dem Rest der Familie genauso klar waren und Hadamar schon deshalb früher oder später mitbekommen hätte, dass Ildrun sich schwertat, aber in der Regel beließ sie es dabei. Octavena konnte nicht verhindern, dass die anderen Augen im Kopf hatten, aber sie musste nicht noch zusätzlich darüber reden und dann am Ende doch nur weiter breittreten, dass ihre Bilanz als Mutter seit dem Tod ihres Mannes ganz offensichtlich eher durchwachsen war. Oder wie sehr das an ihrem Stolz und allem, das sie war, nagte. "Diese Familienfeiern in großer Runde sind viel wert", fuhr sie deshalb einfach fort. "Das würde mir glaube ich inzwischen auch sehr fehlen. Ich hätte es dir nur natürlich gegönnt, in etwas ..." Sie zögerte kurz, als sie nach dem richtigen Wort suchte und verzog dabei flüchtig das Gesicht, lächelte dann aber trotzdem. "Na ja, sagen wir einfach in etwas weniger komplizierten Zeiten heimzukommen. Die es einfacher machen, so eine Feier richtig zu genießen. Ich kann mir vorstellen, dass es auch so schon etwas ungewohnt sein kann, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen." Octavena jedenfalls wäre es das, aber für sie gab es inzwischen sowieso deutlich mehr Dinge, die sie in Mogontiacum hielten, als solche, die sie zurück nach Tarraco hätten ziehen können.


    Als Octavenas Blick durch die Erwähnung der Feier schließlich einen Moment lang zurück zum Haus glitt, wurde ihr doch wieder ein wenig bewusst, dass sie vermutlich langsam wirklich so lange vom Fest verschwunden war, dass es früher oder später jemandem auffallen würde. Und wenn es nur war, weil sich irgendwer doch noch Gedanken um sie machte, was Octavena vielleicht nicht gefiel, aber zumindest nicht vollkommen unberechtigt war, wenn man bedachte, warum sie sich überhaupt zurückgezogen hatte. "Ich sollte dann wahrscheinlich mal wieder zurück, bevor ich mich doch zu sehr rar mache", sagte sie mit einem etwas müden, aber bewusst nicht traurigen oder genervten Unterton, als sie wieder Hadamar ansah. Sie hätte gelogen, wenn sie behauptet hätte, dass ihr schon wieder vollkommen danach war, sich unter die Feiernden zu mischen, aber sie wusste auch, dass sie es mehr bereuen würde, wenn sie sich zu sehr abkapselte. Dafür hatte sie sich zu sehr auf diesen Abend gefreut, auch wenn ihr Plan, ihre Sorgen für einen Abend zu verbannen, dann doch nicht aufgegangen war. "Willst du dich mir anschließen oder bleibst du lieber noch etwas hier draußen?"

    Die Sonne schien und Octavena hatte schon seit Tagen gute Laune. Wirklich gute Laune. Das überraschte sie selbst ein wenig, weil diese Art Tage im letzten Jahr selten genug gewesen waren, und dann überraschte es sie auch wieder … kein Stück. Der Frühling hielt gerade Einzug in Mogontiacum. Endlich. Viel zu spät, wie Octavena fand, so wie jedes Jahr. Nur dieses Jahr hatte das auf eine Weise gestimmt, die anders als sonst gewesen war. Dieses Jahr hatte sie nicht nur einfach über das Wetter gemurrt und darüber, dass diese germanischen Winter einfach viel zu lang, kalt und nass waren, sondern dieses Jahr hatte sie all das irgendwann fast unerträglich gefunden. Nicht einfach nur, weil sie auch nach all den Jahren, die sie nun schon hier lebte, eine vage Sehnsucht nach der Hitze Hispanias hatte, sondern weil der Winter auch eine weitere Sammlung an ersten Malen ohne ihren Mann mit sich gebracht hatte.


    Sie vermisste Witjon nach wie vor, auch wenn sie sich sagte, dass das vermutlich albern war. Sie hatte ihn damals geheiratet, weil ihr Onkel das so arrangiert hatte, und Octavena hatte im Grunde nur keinen Einspruch erhoben. Warum auch? Witjon war wohlhabend und einflussreich und damit eine wirklich gute Partie, der Altersunterschied zwischen ihnen war nicht so groß gewesen, wie er bei so manchem anderen Mann hätte sein können, und sie hatte ihn ja auch tatsächlich sympathisch gefunden. Ganz davon zu schweigen, dass sie ja auch hatte heiraten wollen und insgeheim erleichtert gewesen war, dass es nun tatsächlich endlich einen Mann gab, der sie haben wollte. Das waren alles brauchbare Ausgangsbedingungen für eine Ehe gewesen und Octavena hätte sich genau damit auch zufriedengegeben. Ein Zuhause, ein Mann, der sie nicht lieben, aber vernünftig behandeln musste, und natürlich Kinder. Das wäre genug gewesen. Und vermutlich hätte das das gesamte letzte Jahr deutlich einfacher gemacht. Hätte.


    Gleichzeitig hatte der erste Winter nach dem Tod ihres Mannes Octavena vor allem eins noch einmal verdeutlicht: Sie vermisste Witjon, aber sie freute sich auch auf den Frühling. Sie freute sich darauf, dass alles wieder grünte und blühte, auf längere Tage und warmen Sonnenschein. Sie wollte endlich wieder den Frühling tatsächlich genießen. Sie wollte endlich etwas anderes tun als ihr Leben zusammen zu halten. Sie wollte nicht mehr traurig sein. Und im Gegensatz zu den langgezogenen Monaten im letzten Frühjahr und Sommer, als sie sich dazu hatte zwingen müssen, sich zusammenzureißen, fiel ihr das im Moment mit jedem Tag ein bisschen leichter. Octavena hatte schlicht das Gefühl, sich langsam, aber sicher die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückzuerobern. Schritt für Schritt. Zuerst im Haus und bei allen Aufgaben, die sie hatte schleifen lassen, weil ihr Kopf andernorts gewesen war, dann bei Witjons Erbe, von dem sie zwar immer noch nicht alles verstand, aber Fortschritte machte, und bald auch noch bei allem anderen, was noch so offen war. In ein paar Tagen war sie mit einer Freundin verabredet, um der auf den Zahn zu fühlen, was sie in den letzten Monaten so an wichtigem Klatsch und Tratsch verpasst hatte, und damit würde sie auch bald dem Gerede von Frauen wie Ceionia Secunda, die Octavena während der Saturnalienfeier in der Villa Duccia auf die Nerven gegangen war, ein Ende gesetzt haben. Es ging wieder bergauf. Endlich.


    Also stand Octavena an diesem Morgen in aller Frühe auf, öffnete das Fenster und atmete erst einmal gut gelaunt die kühle Frühlingsluft ein. Sie blieb dort einen Moment lang stehen und genoss das gute Wetter ehe sie sich wieder umdrehte und sich summend und pfeifend in ihren Tag stürzte. Als sie am Schminktisch vorbeiging, hielt sie kurz inne, als ihr Blick kurz an der Schmuckschatulle mit der Kette und den Ohrringen hängen blieb, die Witjon ihr zu Farolds Geburt geschenkt hatte, und ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. Beides gehörte immer noch zu ihrem Lieblingsschmuck, auch wenn sie es im letzten Jahr nicht über sich gebracht hatte, weder die Ohrringe noch die Kette tatsächlich zu tragen. Vielleicht sollte sie das demnächst mal wieder ändern, wenn sich die richtige Gelegenheit für beides bot. Aber das hatte Zeit. Heute wartete erst einmal ihr Alltag in der Villa auf Octavena. Ein Schritt nach dem anderen. Und zumindest heute würde ihr nichts und niemand die Laune verhageln können. Das war ein Anfang.

    Octavena musste sich erneut ein wenig zusammennehmen, um sich nicht zu deutlich anmerken zu lassen, wie … ja, fast schon rührend sie insgeheim manche von Tariqs Fragen fand. Nicht, dass an seinem Gedankengang etwas falsch oder sie deswegen beleidigt gewesen wäre, aber für Octavena lag es auf der Hand, dass ein Anwesen wie die Villa gut geschützt war. Vermutlich spielten die Hunde dabei nicht einmal die größte Rolle, sonst hätte Leif sich vermutlich längst auf ihre Seite geschlagen, statt ihr zu versichern, dass nichts dabei war, wenn Ildrun an den Hunden hing und ständig mit den beiden durch die Gegend lief. Und auch sonst war die Villa sicher, das war so ein Haus immer. Dafür steckte hinter dem Bau der Villa und der Familie, die sie bewohnte, auch eindeutig genug Geld und Ansehen.

    "Oh, nein." Octavena schüttelte auf die Frage nach Ildrun und ob sie sich um die Hunde kümmerte knapp den Kopf. "Das wäre dann wohl eher Leif, der hat die beiden schon vor Jahren für meinen Mann abgerichtet", erwiderte sie und lächelte weiter, wenn auch ein klein wenig gezwungen. "Ildrun mag nur Tiere und hat eine Schwäche für die Hunde. Sie soll die beiden eigentlich am Tor oder bei den Ställen lassen, wo sie hingehören, aber sie hört da nicht immer auf mich." Oder nie. Und weil es im Moment einfacher war, sich ihre Streitereien mit Ildrun ganz bewusst auszusuchen statt sich mehr oder weniger ohne Unterbrechung mit ihr anzugiften, ließ Octavena sie in dieser Sache im Speziellen einfach in Ruhe. Auch wenn das vermutlich nicht ewig so würde weitergehen können. Aber das waren alles keine Dinge, mit denen Tariq sich beschäftigen musste, also behielt Octavena das für sich.


    "Gerne", sagte sie stattdessen, nachdem sie die letzten organisatorischen Dinge für den Tag geklärt hatten und Tariq sich bei ihr für ihre Zeit bedankte. "Wenn dir später noch etwas einfällt, kannst du sonst auch die anderen oder die Hausangestellten fragen." Sie erhob sich von ihrem Platz am Tisch und sah kurz zu Marga hinüber, die aber in der Ecke döste, woraufhin Octavena beschloss, sie einfach in Ruhe zu lassen. Dass die Reste vom Frühstück noch weggeräumt werden mussten, musste sie der alten Köchin nicht noch einmal extra sagen und sie zu wecken hätte sie vermutlich eher geärgert als die Teller kommentarlos stehenzulassen. Und auch wenn Octavena als Hausherrin genau genommen nichts von Marga zu befürchten hatte, hatte sie schnell begriffen, dass es für alle im Haus besser war, wenn sie sich gut verstanden, und diese Strategie auch nie bereut. Sie nickte in Richtung Tür, um Tariq wie versprochen den Weg zurück durchs Haus zu zeigen und ihm noch, wenn nötig, ein paar Fragen zu beantworten, wo was war, ehe sie sich auf die Suche nach Ilda machte. Und dann würde erstmal Farold dran sein. Der hatte vorhin so verdächtig unbeeindruckt geklungen, als sie ihn daran erinnert hatte, sich etwas Warmes anzuziehen, da würde Octavena sicher noch einmal nachhaken müssen, bevor sie sich um ihre eigentlichen Aufgaben für heute kümmerte.

    Octavena schmunzelte amüsiert. "Nass" wäre nicht das erste Wort gewesen, womit sie Germanien beschrieben hätte, aber es traf das Land hier trotzdem recht gut. Sie hätte vermutlich zuerst an die Kälte gedacht, gerade um diese Jahreszeit, aber egal ob kalt oder nass, Feuergeister passten tatsächlich nicht hierher. "Die Römer kennen zumindest Flussgeister", erwiderte sie. "Aber die müssen eher selten besänftigt werden, jedenfalls wohl nicht so wie eure Djinni. Nach germanischen Geistern solltest du aber eher Hadamar oder seine Geschwister fragen. Da bin ich die falsche, um dir großartig etwas erzählen zu können." Das stimmte tatsächlich nur bis zu einem gewissen Grad. Octavena lebte inzwischen lang genug in einer germanischen Familie, zu der ja nicht zuletzt auch ihre eigenen Kinder gehörten, um ein paar Dinge zumindest aufgeschnappt zu haben, aber abgesehen davon, dass die anderen sich tatsächlich besser damit auskannten, würde Tariq die Frage vielleicht nutzen können, um mit dem Rest der Familie genauso ein wenig ins Gespräch zu kommen. Dem neugierigen, aber etwas unsicheren Eindruck nach, den er bisher auf Octavena machte, konnte das vielleicht nicht schaden.


    Als Tariq dagegen erwähnte, gerne die Wachhunde sehen zu wollen, hob Octavena kurz überrascht die Brauen. Sie hatte angenommen, dass er nur aus Höflichkeit nach den beiden gefragt hatte, auch wenn natürlich nichts dagegen sprach, wenn er sich die Tiere ansehen wollte. "Du kannst gerne mal beim Tor vorbeisehen, eigentlich sollten sie wie gesagt meistens da sein. Sonst ist wahrscheinlich meine Tochter mit ihnen hier irgendwo auf dem Gelände unterwegs", erklärte sie. "Magst du Hunde? Oder warum interessierst du dich für die beiden?"


    Octavena registrierte kurz darauf das leichte Bedauern, mit dem Tariq den Teller mit dem Essen vor sich schließlich zur Seite schob, und beschloss, dieses Detail im Hinterkopf zu behalten. Es passte zu seiner allgemeinen Zurückhaltung und dazu, wie er vorher schon das Essen in sich hinein geschaufelt hatte. Er war es wohl wirklich gewohnt, dass er sich primär selbst um sich kümmern musste. "In Ordnung, dann gebe ich Ilda Bescheid wegen der Wäsche." Octavena nickte und sprach damit auch weiterhin die Gedanken, die sie sich so machte, nicht aus, um Tariq nicht am Ende noch mehr in Verlegenheit zu bringen. "Und ein Bad können wir dir auch nachher noch einlassen. Nach der Reise war das ja sowieso nur zu erwarten." Sie nickte in Richtung des Tellers. "Brauchst du sonst noch etwas? Sonst kann ich dir den Weg zurück zeigen und fange dann mal Ilda ab." Ein schiefes Grinsen erschien auf ihren Zügen. "Und ich sollte wohl mal für alle Fälle draußen nach Farold sehen. Nachdem er heute schon den ganzen Morgen die Füße still gehalten hat, hat er jetzt sicher nur Flausen im Kopf."