Beiträge von Rediviva Helena

    "Es geht mir nicht anders. Es würde mir sehr schwer fallen, dich gehen zu lassen!"


    Ich hob meine Hand und legte sie sacht auf ihre Wange, während ich ihr aufmunternd zulächelte. Dieses traurige Gesicht von Pentesilea war kaum zu ertragen.


    "Hast du Hunger?"

    Ich schüttelte den Kopf.


    "Ich habe nichts getan wofür du mir danken bräuchtest, als dir die Wahrheit zu erzählen. Und ich weiß nicht ob es nicht besser gewesen wäre, es dir weiter zu verheimlichen. Mittlerweile glaube ich es."


    Ich stand auf und stellte mich lächelnd vor sie.


    "Möchtest du spazieren gehen? Oder kann ich sonst etwas für dich tun? Du bist frei zu entscheiden."


    Dann schwieg ich kurz und sah sie ein wenig ernster an.


    "Ich würde mich sehr freuen, wenn du bei mir bleiben würdest."

    "Du sprichst wahr, Pentesilea. Aber du wirst sie finden, wenn du sie auch wirklich finden möchtest. Ich weiß nicht, was mit deiner Familie ist und ich würde es gerne herausfinden - doch ich weiß nicht wie. Fahrendes Volk findet man nicht so schnell, vorallem wenn man sie nicht kennt."


    Ich seufzte kurz.


    "Aber du kannst hierbleiben und versuchen dich zu erinnern. Vielleicht kehrt die Erinnerung zurück und du bist eines Tages bereit, zurückzukehren. Niemand verlangt von dir, dass du gehst und schon gar nicht sobald du frei bist. Du kannst dir alle Zeit der Welt nehmen!"

    "Wovor hast du Angst?"


    Ich war ein wenig verwirrt und machte auch kein Geheimnis daraus. Besorgt sah ich sie an und strich ihr weiterhin sacht über die Wange.


    "Hast du Angst Dinge zu sehen, die dir nicht gefallen?"

    "Vielleicht kehren deine Erinnerungen durch eine Rückkehr zurück. Und deine Freiheit hast du dir nach meiner Meinung schon lange verdient. Du gehörst nicht in die Sklaverei und ich kann meine beste Freundin nicht als Sklavin sehen. Wirklich nicht!"

    "Weil ich Angst vor diesem Anblick hatte. Ich wusste es war nicht gerecht, es dir zu verschweigen, doch ich kann doch meiner besten Freundin nicht ins Gesicht sagen, dass sie eigentlich meine Sklavin ist."


    Ich sah wieder weg und auf den Boden. Mein Blick war ein wenig starr, denn die Erinnerungen an Maximus und die ganze Situation war auch nicht besonders erfreulich, wenn auch erforderlich.


    "Eine Freilassung wird einiges ändern. Es wird dich nicht hindern in deine Heimat zurückzukehren, du kannst aber auch hier als mein Klient und als jener der Gens Matinia bleiben. Ich werde deine Freilassung gleich verfügen."

    "Nein, Pentesilea. Du bist meine Freundin, kein Gegenstand. Gleich wo ich war habe ich Sklaven immer als Menschen behandelt und in dieser Familie wirst du auch nicht anders behandelt werden. Es wird sich nichts für dich ändern."


    Ich strich ihr auch diese Träne von der Wange.


    "Und wenn es dich tröstet, dann werde ich dich in die Freiheit entlassen, damit zu deinen eigenen Pfaden folgen kannst."


    meinte ich leise.

    Ich hörte ihre Fragen, doch ich antwortete auf beide nicht. Zweiteres hatte ich mich auch schon oft gefragt. Und ich konnte es mir nur erklären, dass sie es wegen ihrer Herkunft hatte.


    "Ich hätte dir das alles besser nicht erzählen sollen, oder?"


    Ich begann mich über mich selbst zu wundern. Hatten Metellus und Agrippa mich mittlerweile soweit zurückgeformt, dass ich jede patrizische Redensart vergessen hatte? Es schien beinahe so. Und das obwohl ich dort 5 Jahre lang, nein, 6 Jahre gelebt hatte.

    "Shht..."


    Ich bemerkte ihr Zittern und versuchte weiterhin beruhigend auf sie einzureden. Irgendwie machte sich in mir tatsächlich die Ahnung breit, dass ich sie verloren hatte.


    "Du warst es, die sie zur Welt gebracht hat, und ich bin froh dass du es warst und niemand anderes, der das nur zum Zeitvertreibt macht!"

    Ich wischte die Träne meiner Freundin sacht fort.


    "Zu Anfang war es keine besonders schöne Zeit. Maximus war strenger als ich, aber er ist eben Patrizier. Er hat es nicht anders gelernt, wobei er schon sehr verständnisvoll war. Das hieß allerdings dass ihr euch oft gestritten habt und da er dir standesmäßig gesehen weit überlegen war, musstest du oft Strafen einstecken. Das konnte ich nicht gut leiden, auch wenn es berechtigt war. Als dann Minervina kam wurdest du ruhiger und hast mir geholfen, denn sie und ich waren beide sehr geschwächt. Als wir so weit wieder standen, bist du eines Nachts verschwunden und ich ließ nach dir suchen, hoffend, dass Maximus nichts bemerkte."


    Ich hielt kurz inne. Es war so schwer an damals erinnert zu werden, doch nun musste ich ihr helfen und das konnte ich nur so, da es ihrem Wunsch entsprach. Maximus... 'Wo bist du nur? Warte ich mit gutem Grund oder... habe ich dich tatsächlich verloren?' ging es mir in diesem Moment durch den Kopf.


    "Als du wieder da warst, kehrte eine ziemlich ruhige Zeit ein, er hatte nichts von deiner Abwesenheit bemerkt. Die Zeit verging auch schnell, wir haben uns immer mehr angefreundet, doch es hat lange gedauert bis das Vertrauen wieder hergestellt war. Dann zog Maximus los und.. naja kehrte nicht mehr zurück. Und dann verschwandest auch du, wenige Wochen darauf, als ich in Rom als Aedil war. Bis ich dich wieder traf."


    Ich strich ihr sanft über die Schulter.


    "Das war damals schon was. Als Minervina geboren war und du sie in deinen Armen hieltst. Als ich sie das erste Mal gesehen habe. Sie mochte dich vom ersten Augenblick an, aber Kinder bemerken ohnehin meist zuerst wer ein guter Mensch ist. Noch viel früher als wir Erwachsenen..."

    "Da gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Aber das Gefül des Sandes unter deinen Füßen, das kommt aus deiner Heimat. Du kommst aus der Gegend von Syria, warst in einem Nomadenvolk. Erinnerst du dich an Syria?"


    Ich strich ihr mit meinem Daumen sanft über den Handrücken. Ich machte mir Vorwürfe und ganz besonders Sorgen, denn ich hätte es ihr wirklich nicht erzählen dürfen. Doch nun war es zu spät. Ich rückte näher an sie heran und legte meinen Arm um sie und zog sie sacht an mich.

    "Weil du von deiner Heimat fortgerissen wurdest. Das hat dir damals verständlicherweise nicht gepasst. Und du hast auch versucht nach Hause zurückzukehren, nachdem Minervina und ich wieder auf den Beinen waren, hättest es auch fast geschafft. Dann hat dich aber ein Bekannter zu mir zurückgebracht."

    "Weil du sehr aggressiv warst und niemanden an dich herangelassen hast. Und deshalb auch bewahren. Als meine Sklavin habe ich jede Verantwortung für dich."


    Ich drückte ihre Hand leicht. Es tat mir schon jetzt leid, dass ich es gesagt hatte. Ich hätte sie belügen sollen und heimlich ein Pergament ausschreiben, welches sie freistellte.

    "Ich weiß es nicht. Du bist meine Freundin. Ich habe dich niemals als eine Sklavin angesehen, du warst nur auf dem Papier, nach dem Recht und nach der Sitte eine Sklavin. Was dich bislang auch vor vielem bewahren konnte."


    Ich hatte meine Lautstärke gesenkt und sah langsam wieder zu ihr.

    "Wie gesagt, was vorher war, weíß ich kaum. Aber ich glaube... Na.. Du bist jedenfalls.. damals als Sklavin zu uns gekommen. Mit dir konnte man kaum sprechen und erst durch Minervina wurdest du ruhiger, wir freundeten uns langsam an."


    Ich wandte den Blick ein wenig ab und sah an ihr vorbei. Ich brachte es nicht fertig, sie anzusehen. Das Schwerste war nun gesagt, je nach Reaktion konnte man jetzt ruhiger weiter sprechen.

    "Nein, so ward mir zumindest berichtet. Und das was ich selbst gesehen habe sah auch nicht besonders seetüchtig aus. Aber mach dir nichts draus, dafür kannst du wesentlich besser mit Kindern als ich."


    Der Nervosität in meinem Blick wurde nun ein Lächeln hinzugefügt. Dann seufzte ich kurz.


    "Du bist vor gut 6 Jahren zu uns gekommen, durch Maximus. Ein paar Monate vor Minervinas Geburt..."

    Ich ergriff eine ihrer Hände. Ich wusste nicht, ob ich es ihr sagen konnte, hatte Angst vor ihrer Reaktion. Ich hatte mich sehr an sie gewöhnt und mir tat es leid, dass ich damals diesen brutalen Kerl auf sie angesetzt habe. Sanft strich ich über die Narben.


    "Ich habe dich suchen lassen. Kurz zuvor hatte ich dir einen Auftrag erteilt, von welchem du jedoch nicht zurückkehrtes. Niemand hat dich auffinden können, bis du mir eines Tages wieder in die Arme gelaufen bist, wenn du dich erinnerst."


    Ich sah ihr in die Augen. Ich hatte schlechtes Gewissen, weil ich solange geschwiegen habe. Hätte ich es doch damals schon getan. Aber ich war viel zu schwach gewesen.

    Ich lächelte und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Dann sah ich ihn wieder an.


    "Doch sag, erzähl mir mal von dieser Valeria! Ich kenne sie gar nicht und ich würd gern mehr über sie erfahren. Ich weiß nur dass du sie bald heiratest, sie recht jung ist und die Tochter von Commodus, einem Freund..."

    Ich atmete einmal tief durch - ich würde anders anfangen.


    "An was kannst du dich erinnern? Ich weiß, es wird nicht viel sein. Was weißt du über mich und um unser Verhältnis? Was von Minervina? Ich schätze, wie du hierher gekommen bist, weißt du nicht mehr?"

    "Das mag sein, Fleisch ist sehr gesund. Doch... nagut, cih will es dir zuliebe versuchen, aber erwarte nicht zuviel!"


    drohte ich lächelnd und mit einem leichten Zwinkern. Ein wenig bangte es mir schon vor der Reaktion meines Magens, denn man konnte mein Enthalten schon beinahe als Fasten bezeichnen.