Beiträge von DIVUS VALERIANUS

    Der fortgeschrittene Morgen hatte nicht dazu geführt, dass es Valerianus wesentlich besser ging als direkt nach dem Aufstehen. Noch immer trat seine ominöse Krankheit mal schubweise und mal kontinuierlich auf und er musste es als Glück bezeichnen, wenn er mehrere Stunden am Stück seiner Arbeit nachgehen konnte. Umso wichtiger blieb es, die Zahl der Audienzen konsequent klein zu halten.


    "Salinator soll sich damit befassen. Er wird dann ohnehin sein wichtigster Ansprechpartner sein."

    Es fiel Valerianus nicht schwer, eine gewisse Diskrepanz in den Worten des neuen Procurators und seiner handlungsweise festzustellen. Aber die Feinheiten würden sich schon noch einstellen.


    "Wenn es keine negativen Einträge oder Notizen gibt, kannst du die Antworten gleich schicken. Das erleichtert die Kommunikation dann wirklich."


    Auf die Tafel warf er folglich nur einen sehr kurzen Blick, bevor er sie mit einem Nicken als genehmigt zurück schob.

    Zum ersten Mal sah Valerianus den Mann, der sein neuer Procurator ab epistulis war und seine Worte an die Statthalter weitergab. Sein Vater hatte solche Männer zweifellos persönlich ausgewählt und schon vorher gut gekannt, aber Valerianus hatte dies seinem Bruder und dessen Empfehlungen überlassen.


    "Salve. Du wurdest in deine Aufgaben schon eingearbeitet? Um was für Beförderungen geht es?"

    Valerianus hatte zu lange aktiv an der Spitze einer Legion gestanden, bevor ihn seine Krankheit ereilte, um die Bemerkung des Legaten zu übergehen, auch wenn die Sitzung schon geschlossen war.


    "Noch kann ich die Legionen nicht entlassen und jeden einzelnen belohnen. Die Legio I hat Parthia weder als Sieger noch als Verlierer verlassen."


    Dass er nicht erfreut gewesen war zu hören, dass die Legio I ohne ausdrücklichen Befehl den Weg ins Illyricum angetreten hatte, sollte dem Legaten bekannt sein, nahm er an.

    In seiner ganzen Göttlichkeit, die man seiner Erscheinung zusprach, und seiner ganzen Kränklichkeit, die seine Erscheinung tatsächlich bot, verfolgte Valerianus die Debatte und erweckte einmal mehr den Anschein, er würde schlafen. Tatsächlich verfolgte sein Geist die Argumente recht rege, denn in der Debatte fielen Stichworte, die ihn einfach aufhorchen lassen mussten. Nur die geschlossenen Augen verhinderten, dass davon etwas nach außen drang. Dazu musste er erst seinen Mund öffnen.


    "Ihr sprecht von zwei Dingen. Mehr Priestern, die Opfer zelebrieren und mehr Zuschauern, die diesen beiwohnen."


    Alleine die Tatsache, dass er dies feststellte, drückte auch seinen Wunsch aus, diese Themen getrennt zu behandeln.

    Die Angelegenheit ließ sich für Valerianus so einfach abhandeln, wie er es gehofft hatte. Immerhin hatte er seine Procuratoren und auch die Offiziere der Garde, dass sie ihm Arbeit abnahmen und nicht neue brachten.


    "Dann legt einen verbesserten Entwurf vor. Es freut mich, dass die Garde in deiner Person nicht nur ihre militärische, sondern auch ihre juristische Verantwortung wahrnimmt."

    Mit einem Nicken dankte Valerianus seinem Bruder für das Schlußwort und versicherte sich mit einem Blick zu Salinator, dass dieser ebenfalls nichts hinzuzufügen hatte. Er war auffallend still gewesen in dieser Sitzung, auch wenn Valerianus ihn ausdrücklich mit der Absicht einer aktiveren Beteiligung zu seinem Praefectus Urbi gemacht hatte.


    "Ich danke den Herrn für ihre Anwesenheit und ihre Beratung. Mögen die Götter bewirken, dass diese Runde auch demnächst wieder so zusammentreten kann."


    Ein großer Schluck Wasser aus seinem Glas zeigte deutlich, dass er die Sitzung nun als beendete betrachtete. Eine Weile lang sortierten seine Sekretäre die Wachstafeln und sonstige Notizen vor ihm, während er selber leise mit seinem Bruder sprach. Dabei wurde ihm noch eine Tafel zugeschoben, auf die er flüchtig schaute und dann nickte, bevor er sich noch einmal bemerkbar machte.


    "Hat noch jemand Hinweise, wer sich besonders um das Andenken meines Vaters verdient gemacht hat? Den Autor des Nachrufes auf meinen Vater in der Acta Diurna werde ich mit einem Stück Land belohnen und gleiches möchte ich mit anderen Männern tun, sofern sie das Andenken meines Vaters entsprechend gewürdigt haben."

    Mehr als eine Bestätigung hatte Valerianus auch kaum erwartet. Jede Diskussion im Detail würde einen Großteil der Anwesenden wohl langweilen. Dabei schloß er sich selber ein, den die Ermüdung machte sich zunehmend bemerkbar.


    "Gut. Das wird in Kürze geklärt werden. Liegt sonst noch etwas an?"


    Ansonsten könnte er die Sitzung wohl schließen.

    Valerianus nahm kaum an, dass die Vorschläge ihm persönlich unterbreitet werden mussten und von ihm abgenommen werden mussten. Für die Priesterschaft gab es die Collegien.


    "Dann sorge dafür, dass er zur nächsten Sitzung des Collegium Pontificium geladen wird. Dort wird er Gehör erhalten."

    Die Begrüßung mit den guten Wünschen zur vergangenen Nachtruhe gehörte inzwischen genauso zu den täglichen Floskeln wie die morgentliche Visite seines Leibarztes, die Valerianus inzwischen kaum noch ernst nahm. Die Erwartung, dass man sich in Rom erfolgreicher um ihn kümmern konnte als im Illyricum, hatte sich kaum erfüllt. Wenn es ihm besser ging, dann führte er das nicht mehr auf die Ärzte zurück.


    "Danke der Nachfrage. Was steht heute auf der Agenda?"

    Einer der Männer, die im Halbrund hinter Valerianus Platz genommen hatten, beugte sich nach vorne und schob seinem Herrn eine Notiz zu und flüsterte ihm etwas zu. Valerianus blickte danach auf und suchte erneut den Blickkontakt mit den Senatoren Purgitius Macer und Tiberius Vitamalacus.


    "Bietet sich dort vielleicht ein Tausch an? Purgitius Macer schlug Terentius Cyprianus für ein ritterliches Kommando vor und dieser dient derzeit in der Legio I."

    Valerianus wirkte ein wenig frischer als sonst, als er dem Tribun gegenüber trat. Vielleicht war tatsächliche eine gesundheitliche Besserung eingetreten, vielleicht hatte er auch nur ausnahmsweise gut geschlafen oder gerade eben eine gute Nachricht erhalten. Die Vergabe der täglichen Parole handelte er trotzdem wie immer mit anderen täglichen Pflichten ab, um den Zeitaufwand so effizient und knapp wie möglich zu halten.


    "Sei gegrüßt, Tribun. Besondere Meldungen?"

    Würde ihm seine Krankheit nicht jegliche Tätigkeit verleiden, selbst wenn es nur Herumsitzen und Zuhören ist, hätte Valerianus diese Debatte vielleicht sogar als spannend empfunden und sich aktiver eingebracht. So aber reichten ihm wenige eindeutige Stimmen, um die Diskussion weiter zu bringen.


    "Dann soll es so sein und der Mann wird Tribun. Salinator, hätte deine ehemalige Legion noch Bedarf? Oder Tiberius Vitamalacus, wie sieht es mit der Legio I aus?"

    Eine Weile grübelte Valerianus vor sich hin, wann er zuletzt gemeinsam mit seinem Vater einen Wünsch geäußert hatte und wohin ihn sein Vater zuletzt begleitet hatte. Aber egal ob er an seinen leiblichen Vater oder seinen Adoptivvater dachte, erschien ihm kein konkretes Ereignis vor seinem geistigen Auge.


    Erst später schien ihm wieder bewusst zu werden, dass sein Bruder im Raum stand. Immernoch grübeln blickte er ihn an.


    "Der Vater kommt also aus Hispania? Wenn er gute Kritiken und Empfehlungen hat, dann stelle ihn ein. Seinem Sohn soll der gewünschte Weg auch gestattet sein."


    Mit letzterem hatte er ohnehin nicht viel zu tun, denn für die Arbeit im Senat hatte er ja insbesondere seinen Bruder.

    Valerianus nahm es dankbar zur Kenntnis, dass das Gespräch nicht schon wieder mit seinem Gesundheitszustand begann. Er hätte ohnehin nichts neues zu berichten gehabt.


    "Vater und Sohn erschienen unabhängig voneinander? Das sind erstaunliche Familienverhältnisse, gerade wenn es um solche Wünsche geht. Hat der Sohn die Zustimmung seines Vaters für seinen Wunsch nach politischer Betätigung?"

    Die Stille in der übrigen Runde deutete Valerianus an, dass das Thema nicht sonderlich umstritten war. Umso weniger Interesse hatte er an einer unnötigen Ausdehnung.


    "Der Mann wird in den Ordo aufgenommen. Haben wir weitere Namen oder schreiten wir zum nächsten Punkt?"

    Schweigend und regungslos wie immer, hörte Valerianus auch diesem Vorschlag zu. Er brauchte nicht lange, um sich über Vorteile und Nachteile der Idee Gedanken zu machen.


    "Diesem deinen Wunsch werde ich selbstverständlich nicht im Wege stehen. Im Gegenteil, ich unterstütze dies. Du weisst, dass ich gehofft hatte, dass du mir politischen helfen würdest. Genau dort kannst du es tun."

    Gesichtsausdruck und Gestik Valerianus' machten deutlich, dass es ihm nicht besser als an den anderen tagen ging, noch bevor er den Mund öffnete und eben jenes selber verkündete.


    "Die Ärzte sagen, dass ein solcher Anfall wie vor dem Conventus jederzeit wieder kommen kann."


    Er deutet auf einen Brief auf seinem Tisch.


    "Ich habe meiner Frau geschrieben. Sie will sich auf den Weg hierher machen. Ich soll dir Grüße ausrichten, warum auch immer. Aber gut, du bist wegen anderer Dinge hier. Sprich."