Beiträge von Ygrid

    Die Germanin packte überall an, wo sie benötigt wurde. Ganz gleich, wie schwer oder wie schmutzig ihre Arbeit auch war. Dabei beklagte sie nicht einmal, da ihr stets bewusst war, dass sie hier ihre Schuld abarbeiten musste. Wie viel sie zu arbeiten hatte oder wie lange es dauerte, bis diese Schuld abgegolten war, war ihr selbst nicht ganz klar. Allerdings hatte sie hier ein Dach über dem Kopf und bekam täglich zu essen. Ganz nebenbei versuchte sie jedes lateinische Wort, das sie aufschnappte, zu verinnerlichen.


    Seit dem Morgen hatte sie an der Feuergrube geschuftet. Zunächst hatte sie geholfen, Holz herbei zu schaffen, um Feuer zu machen. Danach war der Ochse herbeigeschleppt wurden, der dann aufgespießt werden musste, damit man ihn über die Feuergrube hängen konnte, wo er danach für mehrere Stunden langsam über dem Feuer gedreht werden musste.
    Als Adelheidis alle Helfer zum Essen zusammen rief, zögerte sie zunächst. Denn sie, die sie doch ihre Schuld abarbeiten sollte, fand es nicht Recht, sich nun als Erste um das Essen scharen. Deswegen hatte sie sich etwas abseits gestellt. Als jedoch dann auch noch der Römer nach ihr rief, kam sie schließlich doch hervor. Sie war völlig verschwitzt und ihre Kleidung war mit einer Mischung aus Ruß und Fett verschmiert. „Ich bin hier!“

    Ygrid beobachtete den Römer, während seine germanische Begleitung ihm übersetzte. Vielleicht konnte sie aus seinem Gesicht lesen, wofür er sich entschied. Es war ihr sehr unangenehm, einmal wieder vom Wohlwollen eines Römers abhängig zu sein. Dummerweise hatte sie sich selbst in diese Lage gebracht. Also hatte sie im Grunde keine andere Wahl.
    Zunächst wechselten die beiden Worte, von denen sie nur ungefähr die Hälfte verstand. Dann seufzte er, während Ygrid den Atem anhielt. Letztendlich hatte er sich doch dafür entschieden, sich ihrer anzunehmen, so dass ihr eine ungewisse Zeit im Carcer erspart blieb. Das Gesicht der Germanin spiegelte sich ein Ausdruck von Erleichterung und Dankbarkeit. „Danke!“, sagte sie und erhob sich.

    Wieder verstand sie nur die Hälfte davon, was der Römer und die Germanin sprachen. Die Frage nach ihrem Namen hatte sie ja noch verstanden und auch das Wort ‚arbeitest‘. Mehr jedoch nicht. Sie musste unbedingt diese verdammte Sprache besser beherrschen lernen! Wenn der Römer jedoch entschied, dass sie wieder im Carcer landen sollte, dann würden ihre fortgeschrittenen Lateinkenntnisse auch nichts mehr nützen.
    „Ygrid.“ Ihr Misstrauen, dass sie gegen ihn hatte, war nicht zu leugnen.


    Dann beugte sich aber die Begleiterin des Römers zu ihr hinab und begann mit ihr in einer vertrauteren Sprache zu sprechen. Der Römer sei kein böser Mann, sagte sie. Darauf ging ihr Blick kurzzeitig wieder zu ihm. Dass es ja tatsächlich auch ‚nette‘ und hilfsbereite Römer gab, hatte sie ja tatsächlich schon einmal erfahren dürfen.
    Doch die ältere Germanin sprach weiter und in ihren Worten schwang eine Drohung mit, die keinen weiteren Zweifel zuließ. „Ich bin keine Diebin!“, antwortete die junge Frau, die gerade versucht hatte, etwas zu Essen zu stehlen. „Ich hatte nur Hunger, weil ich seit Tagen nichts mehr gegessen habe.“ Ihre äußere Erscheinung und auch ihr ausgemergelter Körper waren die beste Bestätigung für ihre Worte. „Sag deinem Römer, dass es mir leid tut und dass ich meine Schuld abarbeiten werde. Aber sag ihm auch, dass ich nicht seine Sklavin bin! Ich bin eine freie Chattin!“


    Sim-Off:

    So werde ich es auch halten. Kursiv ist germanisch. ;)

    Die Germanin hätte am liebsten losgeheult, denn ihr ganzer Plan war nach hinten los gegangen. Ihre Knie brannten und bluten. Aber das war im Augenblick nicht das Schlimmste! Viel Schlimmer war es, dass sie diesem Togaträger in die Hände gefallen war und dass seine Begleitung ihr Fluchen verstanden hatte. Also musste sie folglich auch Germanin sein.
    Der Römer packte sie an ihrem Arm und zog sie hoch. "Au, du weh tun!" Sie blickte die Zähne wie ein in die Enge getriebene Tier und betrachtete ihn mit grimmiger Miene.
    Leider war ihr Wortschatz immer noch do begrenzt, dass sie nicht alles verstehen konnte. Doch einige der gesprochenen Worte kannte sie nur allzu gut. Als das Wort Carcer fiel, kamen in ihr wieder böse Erinnerungen hoch. Das wollte sie nicht noch einmal erleben. Die ewigen Wochen im Carcer hatten ihr gereicht.
    Ganz plötzlich verschwand ihr grimmiger Blick und machte einem mitleidigen Flehen Platz.
    "Nix Carcer, bitte!" Was war schlimmer? Wieder im Carcer zu landen ode den Römer anzuzbetteln? Aber Moment mal, hatte die Frau in seiner Begleitung nicht etwas von Arbeit gesagt? Das war dann wenigstens nicht ganz so schmachvoll, wenn sie ihre Schuld abarbeitet.
    "Ich nix Carcer, ich können Arbeit!" Schwere Hausarbeit war sie von zu Hause gewohnt gewesen. Das Leben im freien Germanien war kein Zuckerschlecken!

    ...Es geschah genau das, was Ygrid sich erhofft hatte. Die Frau ging zwar nicht zu Boden, weil sie dafür einfach zu stämmig war. Aber sie geriet ordentlich ins Schwanken, so dass sie sich an dem Togaträger abstützen musste, der seinerseits aus dem Gleichgewicht geriet. Auch er konnte sich gerade noch so auf den Beinen halten. Doch zu Ygrids Freude kullerten einige verpackte Einkäufe aus der Kiepe der Frau auf den Boden. Die Frau schimpfte noch, aber das ließ die Germanin völlig kalt. Blitzschnell griff sie nach den am Boden liegenden Päckchen und wollte davon laufen. In ihren Gedanken sah sie sich schon, wie sie genüsslich in eine Wurst und in Stück Brot biss. Ach, war das lecker! Das Wasser lief schon in Ygrids Mund zusammen. Ihr Magen knurrte erwartungsvoll. Sie musste nun nur noch schnell davonrennen. Sie setzte zum Sprint in ihr sicheres Versteck an. SIe kam auch ein paar Schritte. Doch dann begann sie zu straucheln, verlor die Kontrolle und stürzte auf das harte Pflaster der Straße. Wenigstens hielt sie ihre Beute noch fest in ihren Händen.
    Ihre Knie schmerzten, denn sie waren beide aufgschürft. Ihre Kleidung hatte nun noch ein Loch mehr und sie begann deftig in ihrer Sprache zu fluchen.

    Ygrids Magen hing fast schon in ihren Kniekehlen. Ihr wurde langsam schwindelig vor Hunger und auch von dem Gerede der beiden über das Essen und Kochen. Offenbar sollte ein Fest gefeiert werden, wenn sie richtig verstanden hatte. Eine weitere Information, die sie aufgefangen hatte war, dass sie Arbeitskräfte suchten, die zu diesem Fest kochten oder in der Küche halfen. Das wäre die Chance auf eine ehrliche Arbeit und einer Bleibe für einige Tage. Doch der Mann war Römer! Für Römer arbeitete sie nicht! Am Ende versklavte er sie noch! Nein, das kam gar nicht in die Tüte! Sie hatte schließlich auch ihren Stolz! Auch wenn sie sich eigentlich diesen Stolz gar nicht leisten konnte, denn die besagte Tüte glänzte durch gähnende Leere.


    Das sie sich bewusst war, es müsse nun endlich etwas passieren, änderte sie ihren Plan. In der Kiepe der Frau waren schon einige Leckereien zusammengetragen. Wenn sie davon wenigsten ein paar Sachen erbeuten konnten, wäre ihr schon viel gedient gewesen. Aber so einfach kam sie nicht an die Kiepe heran. Die Frau war nicht nur korpulent sondern auch noch groß! Aber wenn sie zu Boden stürzte, musste sie nur schnell sein.


    Als sie den richtigen Zeitpunkt für gekommen hielt, bog sie ab, machte einen großen Bogen, so dass die den beiden in wenigen Minuten gegenüber treten würde. Dann wollte sie die Frau fest anrempeln, damit sie hinstürzte und danach würde sie sich ihr Diebesgut schnappen und damit so schnell wie irgendwie möglich davon rennen.


    Gedacht, getan! Sie tat so, als würde sie in eine andere Richtung schauen als sie auf die beiden ins Visier nahm und auf Kollisionskurs ging. Mit einem ordentlichen Rempler schubste sie die Frau und...

    Nach einer Weile war Ygrid auf ein seltsames Paar aufmerksam geworden. Ein junger Mann und eine ältere Frau, die locker seine Mutter hätte sein können. Er in eine Toga gekleidet, wie ein Römer, doch die Frau sah überhaupt nicht römisch aus. Die beiden waren genau die Sorte von Passanten, auf die Ygrid gewartet hatte, denn sie war davon überzeugt, dass ein solcher Togaträger ihr nie im Leben nachrennen könnte, nachdem sie ihm den Geldbeutel gestohlen hatte. Ebenso die Frau, sie hatte ein bisschen zu viel auf ihren Rippenund würde es ebenfalls mit ihr nicht aufnehmen können. Also heftete sie sich an ihre Fersen und verfolgte die beiden mit einem gewissen Abstand, gerade so groß, damit sie hören konnte, was die beiden miteinander sprachen. In den letzten Monaten hatte die Germanin ihre Sprachkenntnisse noch etwas verbessern können. Dennoch hörte sich ihr Latein zuweilen recht merkwürdig an. Ihr Sprachverständnis hingegen war viel besser geworden, so dass sie ohne Weiteres dem Gespräch der beiden folgen konnte.
    Sie sprachen vom Essen.Ein Fest sollte gefeiert werden. Ein wahres Festmahl sollte es geben, bei dem ihr das Wasser im Mund zusammen lief. Es war sehr lange her, seitdem sie zum letzten Mal Fleisch gegessen hatte. Ygrids Magen begann noch lauter zu knurren und der Hunger wurde unerträglich. Noch hatten die beiden nichts gekauft. Bei nächster Gelegenheit, wenn sie an einem der Stände Waren kauften, wollte sie zuschlagen und dann genauso schnell wieder verschwinden. So lautete ihr Plan.

    Sie war Dativius dankbar gewesen, dass er sein Essen mit ihr geteilt hatte und ihr über die kalten Monate hinweg ein Dach über dem Kopf geboten hatte. Doch irgendetwas hatte sie dort nicht halten können. Das Leben in einer großen Stadt wie Mogontiacum war für sie ungewohnt. Sie liebte ihre Freiheit und sie sehnte sich nach dem Wald und der Natur, dort draußen, wohin sich kein Römer freiwillig hinwagte. Natürlich war ihr war ihr nicht entgangen, wie gut es den Menschen hier ging. Manchen Menschen.


    Seitdem sie die Casa Dativia verlassen hatte, lebte sie mehr oder minder wieder auf der Straße. Jeder Tag war wieder ein Kampf ums eigene Überleben geworden. In den Sommermonaten schlief die meist draußen. Doch der nächste Winter würde mit Sicherheit wieder kommen.
    Manchmal hatte sie Glück und fand für ein paar Tage eine Arbeit, mit der sie etwas Geld verdienen konnte. Doch oftmals lebte die von Almosen oder Gestohlenem.
    Der Platz vor der Markthalle hatte sich als guter Platz erwiesen, um Ausschau nach möglichen Opfern zu halten, denen sie etwas Gekauftes, oder im Ideslfall gleich den ganzen Geldbeutel stehlen konnte. Von hier aus konnte man sich schnell unter die Leute mischen und in ein sicheres Versteck verschwinden.


    An diesem Tag war es wieder einmal soweit. Ygrid hielt ihre Ajgen auf. Ihr Magen knurrte und ihr hätte sicher auch einmal wieder ein Bad gutgetan. Es gab also viele Anreize, heute erfolgreich zu sein...

    Auf dem Weg zu den Cannabae gingen Ygrid viele Dinge durch den Kopf. Wieder einmal gab es eine Veränderung in ihrem Leben. Seitdem sie das Haus ihrer Eltern verlassen hatte und zusammen mit ihrem Bruder sich Arwid angeschlossen hatte, war dies dauernd geschehen. Zu Anfang fand sie es spannend, von zu Hause fort zu kommen und sich vom einen ins andere Abenteuer zu stürzen. Doch bald hatte sie lernen müssen, dass alles was sie oder andere in ihrem Umkreis taten, Konsequenzen für sie haben konnte. Von Mal zu Mal waren diese Konsequenzen härter und weitläufiger geworden. Die Sache mit Arwid war eskaliert, was ihrem Bruder und vielen anderen, die sie gekannt hatte, das Leben gekostet hatte. Sie selbst hatte dem Tod ins Auge geblickt und hatte danach einer ungewissen Zukunft entgegengesehen. Wechselvolle Zeiten lagen nun hinter ihr. Vielleicht war nun der Zeitpunkt für etwas mehr Stabilität in ihrem Leben bekommen.


    Dativus, der Händler, der sie aufnehmen wollte, konnte sie noch gar nicht richtig einschätzen. Er hatte sich als recht wortkarg präsentiert, was sie allerdings nicht gestört hatte, da sie sich auch sehr zurückhaltend gegeben hatte. Nun war sie gespannt, was sie in seinem Haus erwarten mochte. Seit dem sie im besetzten Germanien lebte, hatte sie schon einiges erlebt und gesehen. Vieles war für sie neu gewesen und Dinge, die hier als ganz normal wahrgenommen wurden, waren ihr fremd gewesen. Keine Frage, die Römer hatten einen hohen Lebensstandard mit nach Germanien gebracht, von denen viele im freien Germanien nur träumen konnten. Ygrid allerdings hatte bisher nur wenige diese Errungenschaften für sich nutzen können. Daher stand sie manchem sogar eher kritisch entgegen.


    Endlich hatten sie das einstöckige Gebäude erreicht. Ygrid begutachtete es mit staunenden Blicken. Da sie niemals eine Villa von innen gesehen hatte und auch der Palatin ein Begriff war, mit dem sie nichts anfangen konnte, war das Heim des Dativus im Augenblick der Inbegriff römischer Wohnlichkeit. „Es ist schön!“, antwortete sie. Sie folgte ihm ins Innere und war überrascht über die Reinlichkeit und die Ausstattung, die für den Händler vielleicht nichts Besonderes war, für Ygrid aber nahezu alles überstieg, was sie bisher kannte.
    Dativus bot ihr einen Stuhl an. Nur zögernd nahm sie Platz. Ihre Unsicherheit angesichts der neuen Umgebung und der Umstände, konnte sie einfach nicht verbergen. „Ein Bier, bitte,“ gab sie zur Antwort, als er ihr etwas zu trinken anbieten wollte. An den warmen Würzwein der Römer musste sie sich erst noch gewöhnen. Wenigstens war nun das Getränk etwas, was sie von zu Hause kannte. Zu Anfang nippte sie nur verhalten daran. Später nahm sie einen Schluck davon. „Welchem Stamm gehörst du an?“, fragte sie nach einer Weile, um das Schweigen zu brechen.

    Ganz gleich, was die Nornen für Ygrid vorgesehen hatten, befand sie sich nun an einem Punkt, an dem sie nicht wählerisch sein konnte. Es blieben nicht mehr allzu viele Optionen übrig, derer sie sich bedienen konnte. Entweder sie ging dort draußen auf der Straße zugrunde oder sie nutzte jede Chance, die sich ihr bot. Etwas dazwischen gab es für sie nicht. Schlussendlich musste es doch einen Grund gegeben haben, weshalb der Römer und seine Männer sie gefunden und sich ihrer angenommen hatten. Wie im Einzelnen ihre Zukunft im Haus des Dativus aussah, würde sich noch zeigen.
    Der Händler war zwar Germane, was allerding nicht viel heißen musste. Schließlich gab es eine Vielzahl von germanischen Stämmen, die sich untereinander nicht immer grün waren.
    „Dann nehme ich gerne dein Angebot an.“ Ygrid hatte ihren Entschluss gefasst. Im Prinzip konnte sie, so wie sie war, mit ihm gehen, denn sie war nicht im Besitz von diversen Habseligkeiten. Die Kleidung, die sie ursprünglich anhatte, war längst dem Feuer übergeben worden.

    Ygrid hatte mit ihrer Vermutung richtig gelegen. Dies war also Dativus. Sie war gespannt darauf, wie sich der Händler entschieden hatte. Eines war sicher, wenn er sie aufnehmen würde, konnte sie sich endlich wieder in ihrer Muttersprache verständlich machen, denn zu ihrer großen Freude sprach er chattisch. Doch noch hatte er sich nicht geäußert, was er mit ihr vorhatte. Dies übernahm aber dann der Römer. Er sprach für Dativus und teilte ihr mit, dass er sie aufnehmen wolle. Das kam nun doch sehr überraschend und genau so konnte man auch den Gesichtsausdruck der Germanin beschreiben.
    „Du willst mich wirklich bei dir aufnehmen?“ fragte sie den Händler in ihrer Muttersprache, so als wolle sie sich noch einmal versichern. „Wie kann ich dir das jemals vergelten?“ Dann lenkte sie ihren Blick wieder zu dem Römer, der natürlich ihre Antwort nicht verstanden hatte. „Danke für Hilfe. Ich gehen mit Dativus, “ antwortete sie in ihrem begrenzen lateinischen Wortschatz und schien nun richtig erleichtert. Wie gerne hätte sie ihm noch mehr mitgeteilt, wie sie sich nun fühlte und wie hoffnungsvoll sie nun wieder war. Doch dazu waren ihre Sprachkünste einfach zu beschränkt.

    Die Begegnung mit dem Römer hatte Ygrid noch lange beschäftigt, bis sie am Abend endlich eingeschlafen war. Sie hatte lange geschlafen. Erst nach Sonnenaufgang war sie aufgewacht und hatte sich gewaschen. Danach kleidete sie sich wieder in die germanische Tunika. Eine Bedienstete der Taberna hatte ihr dann später eine Schale mit frischem Puls gebracht, die sie gegessen hatte. Nun fühlte sie sich gestärkt und wartete darauf, was der Tag ihr bringen mochte. Der Römer hatte ihr versprochen, mit dem germanischen Händler zu sprechen.


    Plötzlich klopfte es. Ygrid spritze von ihrem Bett auf und ging zur Tür, um diese zu öffnen. Sie erkannte den Römer wieder, der mit einem fremden Begleiter an der Tür stand. „Salve!“ begrüßte sie ihn und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann musterte sie kurz den andern Mann, bei dem es sich wohl im den besagten germanischen Händler handeln musste. Auch ihn begrüßte sie, allerdings mit einem germanischen „Heilsa!“

    Auf diese Antwort war die Germanin ganz und gar nicht vorbereitet. Vor allem, dass er sie nicht als seine Feindin betrachtete. Denn eigentlich kannte er sie ja gar nicht. Er wusste doch gar nicht, ob sie etwas im Schilde führte. Doch das tat sie gewiss nicht mehr.
    Sie nickte ihm zu. Dann folgte ein aufrichtiges „Danke“, bevor sie sich von ihm abwandte und zurück in ihr Zimmer ging. Sie wollte sich noch weiter ausruhen, denn niemand konnte sagen, was der nächste Morgen bringen mochte.

    Zum ersten Mal, seitdem sie begonnen hatte mit dem Römer zu sprechen, lächelte Ygrid. „Danke!“, antwortete die Germanin. Der Römer hatte anscheinend eine ordentliche Summe dafür bezahlt, dass sie hier bis zum nächsten Tag bleiben konnte. In diesem Mann zeigte sich Rom von einer unerwartet freundlichen Seite. Fragte sich nur, ob er dafür auch eine Gegenleistung erwartete. Denn die Römer taten doch nichts ohne Hintergedanken! Was also waren seine Bedingungen für die Hilfe, die er ihr angedeihen ließ? Hatte ihr denn ihr Bruder nicht immer und immer wieder eingebläut, dass man den Römern nicht trauen konnte! ‚Lass dich nur nicht einlullen, von diesem Kerl!‘ hätte ihr wahrscheinlich ihr Bruder geraten. Doch ihr Bruder war tot und sie war vollkommen allein und ohne Schutz.


    Der Römer erhob sich und schien sich von ihr verabschieden zu wollen. Auch Ygrid wollte sich wieder in ihr Zimmer zurückziehen. Doch bevor sich der Römer von ihr abwenden konnte, berührte ihre Hand seinen Arm, um ihn kurz aufzuhalten. „Warum du helfen?“, wollte sie wissen.

    Der Römer dämpfte erst einmal Ygrids Hoffnungen und Wünsche. Schließlich konnte er nicht für den Händler sprechen. Doch vielleicht, mit ein wenig Glück würde sich dieser Händler ihrer annehmen und ihr Arbeit und eine Bleibe geben können. Dann hätte sie eine Perspektive.


    Nach Rom schreiben, um sich nach Norius Carbo zu erkundigen, hatte er ihr auch noch angeboten. Das konnte sicher nichts schaden. Natürlich hatte die Germanin keinen blassen Schimmer davon, wie groß Rom war und wie schwierig es sein konnte, dort jemanden zu finden. Doch in ihrer Vorstellung schien dieses Unterfangen ganz leicht zu sein und sie stellte sich bereits vor, wie Carbo auf ihre Rückkehr reagieren würde, denn letztendlich hatte sie ihn ja mir nichts dir nichts verlassen. Erschwerend kann nun noch hinzu, dass sie ein unendlich weiter Weg trennte. Einfach helfen konnte ihr Carbo, sofern er gefunden wurde, über diese große Distanz nicht. Ebenso war es für Ygrid unvorstellbar, eine so weite Strecke zurückzulegen, die nötig war, um nach Rom zu reisen.


    „Ja, du können schreiben,“ pflichtete sie ihm dann nickend bei. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.

    Natürlich! Diese Antwort kam so unerwartet. Offenbar suchte sie niemand mehr. Die alte Ygrid war also tatsächlich tot. Gestorben im Carcer der römischen Castra. Niemand brachte sie mehr mit Arwid und seinem lächerlichen Aufstand in Verbindung. Was blieb, war eine neue Chance und der Römer zeigte ihr auf, welche Möglichkeiten sie nun hatte. Bei dem Gedanken, nach Rom zu gehen, stockte ihr der Atem. Alleine dort hinzugelangen überstieg ihr Fassungsvermögen. Rom – das war unendlich weit weg. Wenn sie sich hier in Mogontiacum schon fremd fühlte, wie würde es dort erst sein?


    Doch dann erwähnte er noch einen germanischen Händler. Vielleicht war das die Lösung. Mit etwas Glück fand sie bei diesem Händler eine Anstellung oder womöglich konnte er ihr bei der Suche nach einer Arbeit und einer Bleibe behilflich sein. Außerdem war der Händler Germane und kein Römer, was das Ganze noch etwas mehr sympathischer machte.
    „Ich kann gehen zu germanische Händler? Kann arbeiten dort und bleiben?“, fragte sie vorsichtig. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr konnte sie sich mit diesem Gedanken anfreunden.