Ein Dichter?! Wie schön! Warum Sie?! War nicht Musa selbst die künstlerisch Begabtere von beiden gewesen? Ihr wäre es nämlich egal gewesen, wenn er monetär nichts zu bieten hätte, wenn auch der Großvater wohl nichts davon hielten würde. Doch wenn er sinnliche, romantische Verse verfassen konnte, dazu malerisch wie auch plastisch begabt wäre. Kaum vorzustellen, was passieren könnte… stundenlanges debattieren über Phaedrus …, Sabellus… Sie musste anschließend beim Gedanken an Sebellus grinsen.
"Ähm, das weiß ich doch nicht. Die reine körperliche Ästhetik ist doch nur ein Bruchteil, Marcella. Vielmehr müssen der Geist, die Seele und der Leib im Einklang sein. Außerdem seien die Soldaten nach Meinung von Magister Erigyius nicht gerade mit Intellekt gesegnet."
Widerwillig nahm sie ihr fein mit roten Rosen gestrickte Seidentuch aus der Tasche.
"Wenn es sein muss. Dir zuliebe. Aber nur dir..."
Bevor sie das Tuch los lies. Ging sie in sich und schloss ihre Äuglein. Bitte Favonius, lass mein Tüchlein vom Winde getrieben, einfach hinab auf dem Boden fallen.
Es flog, und flog…
"Und nun?" Blickte sie Marcella mit einem schmollenden Gesichtsausdruck und miesepetrig an. "Zweck erreicht?"
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Ich schaute dem militärischen Gepränge zu, den Männern mit ihren Schwertern, welche diese meine patria, auf der nur Eisen zu gedeihen schien, so groß und mächtig gemacht hatten; spürte die Präsenz des Mars Ultor in den altüberlieferten Riten
.... da fiel mir etwas Kleines, Weiches, Duftiges in den Schoß wie ein Gruß aus elysaeischen Gefilden.
Ein Seidentüchlein war es, mit Rosen bestickt. Es duftete ganz zart und fein wie die Anemonen im Furischen Hortus im Frühjahr.
Sicherlich stammte es aus weiblicher zarter Hand.
War es verloren gegangen oder mit Absicht geworfen? Der Kontrast zum Schauspiel der Entsühnung der Waffen ließ mich lächeln, und ich behielt es in meiner Hut, um es seiner Eigentümerin später zurückzugeben.
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In den Augen der alten Götter war nicht selbstverständlich, das geschah, was heutzutage allenthalben geschah: Das nämlich der Mitmensch dem Mitmenschen das Leben nahm. Daher wurden die Waffen entsühnt, und die Weisheit der Alten ergriff mich zutiefst. Nur die Götter konnten Leben nehmen, und wenn ein Mensch allzu sehr gegen die Gesetze der Menschen verstieß, musste er wie es im Falle von sündigen Vestalinnen geschah, der Erde zurückgegeben werden.
Gleichzeitig war ich mir sicher, dass fast niemand mehr an den eigentlichen Sinn dieses großartigen Rituales dachte. Wie so vieles in Roma war es zu einer penibel einzuhaltenden Abfolge von Gesten erstarrt, meiner Ansicht nach der Grund dafür, dass so viele Römer den neuartigen orientalischen Kulten anhingen, die kribbelnd das Sinnliche ins Übersinnliche erhoben: Isthar, Isis und vielleicht auch die Christianer, obwohl man denen eine eher körperfeindliche Einstellung nachsagte.
Die geistige Leere ließ sich nicht mit noch mehr Praetorianern bekämpfen. Aber das waren Gedanken, die ich für mich behielt - vielleicht würde ich sie in mein Werk der neuen Politeia oder Res Republica einfließen lassen, wenn ich je dazu käme, ein solches zu schreiben.
Ich ließ meine weitschweifigen Gedanken und befahl Diocles, meinem Leibsklaven, der mich begleitet hatte, das mit roten Rosen bestickte Seidentüchlein emporzuhalten. Das die Besitzerin es sähe, das wäre in dieser Menschenmenge allerdings ein großes Entgegenkommen Fortunas gewesen.
Wie sie wohl aussah? Jung ode alt? Blond oder dunkel? Zumindest wohlhabend - das Tüchlein sah danach aus. Wie sie wohl war? Gescheit oder schlicht im Gemüt? Hochmütig oder freundlich? Ernsthaft oder leichtfertig? Sittsam oder kokett?
Die Tatsache, dass sie ein seidenes Tüchlein verloren hatte, sprach für leichtfertig; wäre es jedoch Absicht gewesen, war sie kokett.