Beiträge von Publius Matinius Sabaco

    Auch wenn Sabacos Konzentration nicht mehr die beste war, hörte er Matidia genau zu. Er musste grinsen, als sie das mit der Sklavin sagte. Sacht schüttelte er den Kopf. "Das galt nur für dich. Für den Fall der Fälle. Ich selber brauch keine Sklavin, wozu auch. Ich brauche nur dich." Sabaco konnte ein Ungeheuer sein, wenn er jemanden hasste, doch so leidenschaftlich war er auch, wenn er liebte. Sein kleiner Bruder Ocella, den er mit seiner Liebe derart erdrückt hatte, dass er in eine andere Provinz geflüchtet war, konnte davon ein Lied singen. Nun war er Sabaco fast schon egal, weil sein ganzes Sehnen und Trachten sich auf Matidia fokussiert hatte. Und im Gegensatz zum zickigen kleinen Bruder machte sie bislang überhaupt keine Anzeichen, dass ihr Sabacos Zuneigung zu viel wäre.


    Seine Mundwinkel zogen sich zu einem leichten Grinsen auseinander, als sie sagte, sie sei sicher, es sei alles dran. Oh ja, und wie es das war. Aber sie sollte Material für ihre Fantasie mit nach Hause nehmen. Sein Gesicht wirkte entspannt, aber das war er nicht, als er seine Tunika raffte und ihr nicht ohne Stolz zeigte, was er zu bieten hatte.

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    Seine Mundwinkel zuckten, als ihre Finger etwas fester zugriffen. Was vorher noch ein bisschen weich gewesen war, wurde hart und warm wie ein glühendes Eisen. Für ihn fühlte es sich auch so ähnlich an. Doch er rückte ihr nicht weiter auf den Pelz, auch wenn er sich an sie drücken und ein bisschen an ihr reiben wollte. Sein ganzer Körper rief danach. Aber er wusste den abgewandten Blick zu deuten. Und sie hatte Recht mit dem, was sie sagte. "Nein, nicht hier. Auch wenn ein Wachturm ein guter Platz dafür ist. Wir warten bis zur Hochzeit. Dann ist es warm, gemütlich und wir nehmen uns alle Zeit der Welt füreinander. Du hast Ja gesagt, und ich werde es also bald offiziell machen. Muss deinen Bruder fragen, ich hoffe, du hast ihn gut erzogen." Er hoffte, sich vor Iunius Tacitus gut präsentiert zu haben. So gut es ein Sabaco vermochte. Er war Soldat und kein Heiliger.


    "Schau mir in die Augen, Matidia. Es ist wichtig. Du sollst sehen, dass ich ehrlich bin. Was die Treue betrifft, so verspreche ich sie dir schon jetzt, vor der Hochzeit. Ich tobe mich nicht noch ein letztes Mal aus, ziehe nicht mit den Kameraden durch die Lupanare der Stadt, wie andere das tun würden. Und wenn du es wissen willst: Das habe ich sowieso noch nie gemacht. Und jetzt warte ich auf dich." Er leckte sich die Lippen, wie immer bei wachsender Anspannung. Er fühlte sich ein bisschen erbärmlich, weil er ihr gerade sein Herz offenlegte, und seine Fingerspitzen zitterten nicht nur vor Erregung. Wie viel sollte er ihr sagen? Eigentlich ging es um die Zukunft und nicht um die Vergangenheit, die oft unrühmlich genug gewesen war. "Ich wünsche mir das Gleiche von dir, Matidia. Ich möchte sicher sein, dass unser Kind auch mein Kind sein wird. Wenn dir mal was fehlt ... wenn ich fort bin, weil der Dienst es verlangt ... sag es mir mit einem Brief. Ich kann kreativ sein, wenn es ums Lösen von Problemen geht."


    Er wusste, dass die lange Abwesenheit von Soldaten oft zu Dramen führten. Aber bevor Matidia sich mit irgendeinem netten Nachbarn einließ, dem Sabaco anschließend den Hals umdrehen musste, würde er sich etwas anderes für sie einfallen lassen. "Im Notfall lass dich erstmal von einer Sklavin trösten. Dafür brauchst du auch nicht meine Erlaubnis, das fällt nicht unter Untreue. Aber such dir keinen ... keinen ..." Ihm fiel kein Wort ein, das für die Ohren einer Dame angemessen war. Er beschloss, dass sein Satz zu Ende war und sah sie an, die Augen nun halb geschlossen, weil ihm die forschenden Finger in der Tiefe gefielen. "Magst du ihn dir mal ansehen?"

    Die Muskeln um Sabacos Mund spannten sich, als Matinia ihn küsste und ihre Hand auf seinen Schritt legte. Etwas Großes schob sich gegen ihre Finger, warm und rasch fester werdend. Er packte ihre Schultern, nicht grob, aber sie spürte die Kraft in seinen Händen. Er würde sie gern noch inniger küssen, ihre herrlichen Brüste in den Mund nehmen und dann tiefer wandern, ihr zeigen, was seine Zunge alles konnte. Und doch war es das größte Kompliment, was er Matidia machen konnte, dass er sich noch immer zusammennahm. Fast hätte man ihn für prüde halten können, wie wenig er reagierte, dabei war das Gegenteil der Fall. Ein Sabaco kannte keine Scham. In Wahrheit hatte er Angst, weil jedes einzelne Wort der Wahrheit entsprach. Er liebte sie, und er wollte sie als seine Frau.


    "Du sprichst von Treue, Matidia. Meinst du das mit Ehrlichkeit?" Sie war so niedlich und unschuldig, dass es ihn fast schmerzte. Eigentlich war sie zu gut für jemanden ihn. Es gab keine andere Frau, bei der er je an eine Hochzeit gedacht hatte, keinen Plan B und keinen doppelten Boden, da war nur Matidia, die er für immer an seine Seite wünschte. Und wie stets erwuchs aus seiner Angst etwas Dunkles, als er sich ausmalte, was er mit einem möglichen Nebenbuhler anzustellen gedachte, und er leckte sich die Lippen, während eine Hand in Matidias Haarschopf wanderte, damit sie nicht zurückwich. "Der sehnt sich auch nach dir", raunte er und blickte nach unten. "Wenn du bloß wüsstest, wie sehr."

    Schnee war gefallen und wieder geschmolzen. Männer verließen die irdischen Gefilde, neue kamen in die Castra. Es gab Beförderungen und unehrenhafte Entlassungen, den üblichen Ärger mit fehlerhaftem Papierkram und unvollständigen Lieferungen. Es gab versteckten Alkohol auf den Stuben und die üblichen alltäglichen Bestechungen für zusätzliche freie Tage außerhalb der Mauern. Es gab Streit unter den Soldaten, Machtgerangel in den Offiziersrängen und monatelanges schlechtes Wetter.


    Und mitten darin gab es eine leere Stube, in der die Zeit stehen geblieben war.


    Sabaco saß auf dem Bett seines Bruders, tief in seinen dunklen Gedanken versunken, während eine handvoll Räucherwerk brannte. Als die Glut erlosch, erhob Sabaco sich. Diesmal sah er nicht zurück, als er die Tür hinter sich schloss, doch seine Hand ruhte noch etwas länger auf dem kalten Eisen der Klinke.

    Sabaco bedankte sich mit einem Nicken, wobei er Tacitus in die Augen sah. Erst danach richtete er den Blick auf die Dioloma. Die würde ihm in Zukunft sicher noch gute Dienste als Türöffner erweisen, mehr noch aber, wenn er das Wissen anwenden konnte. In seiner Einheit kam es immer mal zu rechtlichen Fragen, bei denen es gut war, Bescheid zu wissen, auch wenn ein Decurio nur begrenzte Befugnisse hatte. Es ging eher darum, seinen Kameraden privaten Rat geben zu können. Die Turma II war nicht dafür bekannt, dass ihre Mitglieder sich ans geltende Recht hielten. Sabaco selbst hatte sich gebessert, er hatte sich durch die Verantwortung als Decurio selbst resozialisiert oder überhaupt erst sozialisiert, aber er umgab sich nach wie vor gern mit Gestalten, deren Naturell ihm vertraut erschien. Er fürchtete die Dunkelheit nicht.


    Er blieb noch für einen kurzen privaten Wortwechsel, dann bequemte er sich hoch und nahm Abschied. Die Pflicht rief. Und noch etwas anderes ...

    Sabaco nickte. "So ist es, Aemilius. Das war ein guter Kurs. Momentan habe ich keine weiteren Fragen, aber falls mir welche in den Sinn kommen, werde ich dir schreiben oder mal auf eine Posca in die Domus Iunia kommen, um die eine oder andere juristische Feinheit zu erörtern." Was auch ein guter Vorwand war, Iunia Matidia wiederzusehen. Dass Iunius Tacitus bald auf eine große Reise gehen würde, wusste Sabaco nicht.


    "Danke auch von meiner Seite, es war lehrreich und unterhaltsam. Tja, und wenn es mal wieder ums Militärrecht geht ... ich stehe zur Verfügung." Dabei sah er beide an. Wahrscheinlicher war, dass Aemilius Secundus seinen Rat benötigte, aber vielleicht wäre auch für Iunius Tactitus Sabacos Perspektive dereinst interessant.

    Sabaco nickte und machte sich eine entsprechende Notiz, wobei er stark aufdrückte, so dass die Buchstaben fett gerieten. "Danke für die Erläuterung und für die Hinweise. Keine weiteren Fragen!"


    Ihm hatte das Rollenspiel Spaß gemacht. Tatsächlich war der wirkliche "Lucius" seinerzeit mit einer eher milden Strafe davongekommen, doch der Bursche wurde die derben Scherze auf seine Kosten für den Rest seiner Dienstzeit nicht mehr los. Wenn man Sabaco fragte, war dies die eigentliche Strafe, sich jedes Mal einen dummen Spruch anhören zu müssen, wenn man an einem Friedhof vorbeikam oder an einem Marktstand, der Fleischwaren verkaufte.

    Kein Einspruch möglich, nachdem das Urteil einmal gesprochen wurde ... nur Appellatio ... Sabaco machte sich einen entsprechenden Vermerk. Er hatte das Ganze noch für einen Teil der Verhandlung gehalten. Aber er war hier, um zu lernen. Besser, er irrte sich jetzt, als wenn es Ernst wurde.


    "Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich nicht nur abnicke, sondern ein bisschen diskutiere. Wir sind ja hier im Unterricht und mir hilft das, die Sache zu verstehen. Darum würde ich gern noch weiter nachbohren. Was Arrest nur während der Freizeit betrifft - da bin ich einverstanden. Das würde den Dienstbetrieb nicht gefährden.


    Aber zur Kollektivstrafe möchte ich noch etwas loswerden, was vorher vielleicht nicht ganz klar wurde. Die Quelle des Gestanks wurde ja durch die Kameraden selbst identifiziert. Allerdings eben nicht sofort. Eine Leiche beginnt schleichend zu riechen, zunächst nur wie die Luft beim Fleischer, nicht sehr appetitlich, aber auch nicht übelkeiterregend. Ernsthafter Gestank ist je nach Temperatur frühestens nach zwei Tagen zu erwarten, und so ein Schlafraum ist nicht sonderlich warm. Erst nach drei Tagen hat es wirklich stark gerochen, und dann war auch jedem klar, dass es Fleisch sein muss, was da irgendwo verwest. Allerdings hat keiner mit einer Leiche gerechnet, sondern an vergammeltes Essen gedacht, das irgendwo versteckt worden war, bis dann der Schock kam. Insofern ist meiner Meinung nach schon richtig, was ich sagte, dass es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis auf eine garantierte Mitwisserschaft geben kann. Hellsehen kann schließlich keiner von den Jungs. Und wer denkt denn an so was!"

    Sabaco ließ Tacitus nicht aus den Augen, während dieser seine Sicht darlegte. Das hörte sich schon ganz anders an, als die Forderung nach einer Decimatio. Trotzdem war Sabaco noch nicht zufrieden. "Einspruch", verkündete er, noch immer ganz in seiner Rolle des Verteidigers von Lucius.


    "Eine Arrestierung ist unüblich und ich halte sie auch für unnötig. Eine Arrestierung schadet dem Dienstbetrieb und damit der Sicherheit des Imperiums. Auch störrische Soldaten haben ihre Pflicht zu erfüllen und sich nicht auf Kosten ihrer Kameraden auszuruhen! Es gibt andere Möglichkeiten zur Disziplinierung."


    Da sein Antrag, die Klage abzuweisen, abgeschmettert worden war, ging es nun darum, ein gerechtes Strafmaß zu ermitteln. Als Offizier einer Grenzeinheit hatte Sabaco davon freilich andere Vorstellungen als ein ziviler Advokat oder ein Senatorenknäbelein. Er holte entsprechend auch etwas weiter aus, um seine Argumentation nachvollziehbar zu machen.


    "Die Forderung nach einer Arrestierung sollte sicherstellen, dass Lucius sich nicht während der laufenden Ermittlungen aus dem Staub macht. Aber falls jemand sich unerlaubt vom Lager entfernt, gilt das als Fahnenflucht. Man müsste schon sehr verzweifelt sein, um diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, denn sie gehört zu den schwersten militärischen Verbrechen. Die Strafen sind drakonisch. Die Strafen für ein Disziplinarvergehen ... nun ja. Sie haben eher symbolischen Charakter. Ich glaube nicht, dass Lucius oder seine Kameraden einer Anklage wegen Fahnenflucht gegenüber der jetzigen Verhandlung den Vorzug geben würden. Lucius wurde angeklagt, aber er ist noch immer Soldat des Imperiums."


    Er gab einen Moment Verschnaufpause, um das setzen zu lassen, dann fuhr er fort: "Das Einnähen einer Leiche in der Strohmatratze betrachte ich als Disziplinarvergehen und beantrage, es als solches zu ahnden. Da es sich um das erste Disziplinarvergehen des Miles Lucius handelt, sollte es bei einer disziplinarischen Verwarnung bleiben. Als solche ist sie straffrei. Erst bei der dritten disziplinarischen Verwarnung ist es üblich, den Fall vor ein Militärtribunal zu bringen, wo die Tribuni über das weitere Schicksal des Soldaten entscheiden."


    Somit begründete er, warum er das Verfahren nicht nur wegen der formalen Mängel der Anklage, sondern auch aufgrund der beim Militär üblichen Abläufe ablehnen würde. Aber nun war bereits ein Urteil gesprochen worden und so musste Sabaco sich mit dieser Situation anfreunden und auseinandersetzen.


    "Was die angenommene sakrale Grenze des Militärlagers betrifft ... nun ... die Grenze eines Feldlagers ist ein physischer Schutzwall. Sie wurde aus praktischen Erwägungen heraus gezogen - um Feinde und Unbefugte draußen zu halten - nicht aus religiösen Gründen. Zumindest weiß ich davon nichts. Trotzdem stimmt wohl jeder hier zu, sogar Lucius selbst, dass ein Bett in einem Gruppenschlafraum kein geeigneter dauerhafter Aufbewahrungsort für eine Leiche ist. Ich stimme folglich der Einschätzung von Iunius Tacitus zu, dass die Sicherheit der Kameraden gefährdet wurde, sei es durch Gefährdung der Pax Deorum, sei es durch krank machende Leichendämpfe.


    Die Forderung nach Sühnung halte ich demnach für angemessen. Lucius soll sich um die Organisation und Finanzierung des Begräbnisses kümmern und den Göttern der Unterwelt auf eigene Kosten einen schwarzen Stier opfern. Außerdem hat er sich gebührend bei seinen Kameraden zu entschuldigen!"


    Allerdings war Sabaco immer noch nicht fertig.


    "Von einer Kollektivstrafe halte ich nichts, da nicht sicher gesagt werden kann, dass die Kameraden des Contuberniums tatsächlich Mitwisser waren. Sie sollen folglich dazu ermahnt werden, auf ihren offenbar verwirrten Kameraden besser achtzugeben, sich um ihn zu kümmern und ihn dabei zu unterstützen, das Begräbnis und die Sühnung zu organisieren und überhaupt die ganze Angelegenheit wieder in Ordnung zu bringen. Bei Bedarf haben sie ihm auch finanzielle Hilfe zu leisten. Außerdem hat Lucius bei einem Medicus vorzusprechen, der seine geistige Eignung zum Militärdienst überprüfen soll."


    Es war klar, dass diese Untersuchung beim ersten Vergehen pro Lucius ausgehen würde, aber allein dieser Auftrag wäre ein Tritt in Lucius' Nieren und jemand müsste schon ernsthaft verwirrt sein sein, um eine solche Demütigung ein zweites Mal über sich ergehen zu lassen. Ginge es nach Sabaco, hätte er es dabei und bei der Ermahnung der Kameraden, sich besser um Lucius zu kümmern, bewenden lassen, da die Leiche niemand Wichtiges und erst Recht kein Römer gewesen war, aber irgendwo musste man einen möglichst fairen Kompromiss finden und nicht nur seine Sicht durchboxen wollen. Sabaco wartete gespannt, wie Tacitus als Richter auf seinen Einspruch reagieren würde.

    "Die Wahrheit auszusprechen, ist kein Vergehen", sagte Sabaco süffisant. "Darüber hinaus wurde der Miles Lucius natürlich längst angehört. Seine Antworten spielen aber keine Rolle, da nach wie vor keine rechtliche Grundlage benannt wurde, die eine Klage begründen würde. Stattdessen wurde vom Kläger ohne Kenntnis der genauen Umstände und ohne jede Rechtsgrundlage ein Strafantrag gestellt, der scharf nach Willkür stinkt. Darum bleibt es bei meinem Antrag, die Klage aufgrund formaler Mängel abzuweisen. Ein Decurio, wie der Kläger ihn benannte, war übrigens nicht involviert."


    Das hätte Aemilius Secundus wohl gern, dass der Fall sich bei der Ala und unter Sabacos Obhut zugetragen hätte und er dafür vom Dienst suspendiert worden wäre.


    Nun war Iunius Tacitus in seiner Rolle als Richter am Zug ...

    Den Göttern sei Dank gab es noch den Legatus legionis, der bei solchen Einfällen auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte, und die ritterlichen Tribuni, die mit dem senatorischen Tribun gemeinsam das Tribunal bildeten. Ein selbstherrlicher Alleingang, wie er Aemilius Secundus vorschwebte, war daher ausgeschlossen. Als der Streit in eine offene Drohung gipfelte, schnaubte Sabaco nur.


    Er schlüpfte in seine Rolle als Verteidiger des Soldaten Lucius und legte los:


    "Die Äußerung von Aemilius Secundus erfüllt nicht die formalen Anforderungen einer Anklage. Er stützt sich nicht auf geltendes Recht, sondern auf persönliche Interessen. Ich beantrage darum, die Klage abzuweisen. Der Fall gehört stattdessen als Disziplinarverfahren in die Hände des direkten militärischen Vorgesetzten gelegt, in diesem Fall der Centurio."

    "Nein, das wäre nicht die angemessene Strafe", polterte Sabaco. Das Grinsen war ihm vergangen, als ihm klar wurde, dass Secundus seinen Vorschlag ernst meinte. Bei den Göttern, dieser Mann war als Tribunus laticlavius für die Gerichtsprozesse in der Legio zuständig!


    Sabaco mäßigte seine Lautstärke und kämpfte mühsam seinen Zorn herunter. "Nutzen wir es doch als Fallbeispiel und betrachten es juristisch", sagte er ruhiger, "wofür wir schließlich hier sind. Also, Aemilius Secundus. Hör zu und lerne. Zum einen gibt es schon lange keine Dezimation mehr, die war ein ekelhaftes Verfahren aus der Republik. Die fällt also komplett durchs Raster deiner Möglichkeiten. Kollektivstrafen schaden zudem mehr als das sie nützen, weil sie ungerecht sind. Sie sollten mit Bedacht eingesetzt werden, am besten gar nicht. Zum anderen: Als welche Art Vergehen würdest du das Bunkern einer Leiche bezeichnen?"


    Sabaco kannte sich mit ziviler Gerichtsbarkeit nicht aus, dafür umso besser mit dem Alltag bei den Streitkräften. Als Decurio musste er selbst gelegentlich Soldaten bestrafen und kannte daher seine Grenzen und Möglichkeiten. Vor allem lebte er seit vielen Jahren schon mit den Soldaten zusammen, die Ala war seine Familie und sein Leben, während die Legio für den Senatorensohn nur eine Sprosse auf der Karriereleiter war, was man dessen herzlosem Kommentar auch anmerkte.


    Lauernd spähte Sabaco über den Tisch. Den Advokat, der sie in dieser Angelegenheit ausbilden sollte, hatte er in seinem Eifer einfach übergangen.

    Sabaco warf Secundus einen Blick zu und zeigte ein vielsagendes Grinsen. Das wäre die perfekte Gelegenheit, Anekdoten herauszukramen und über die Mannschaftsdienstgrade zu lästern, natürlich nur aus anderen Turmae. Kurz rang Sabaco mit sich, weil es nicht wirklich zum Thema gehörte, aber dann konnte er es sich nicht verkneifen.


    "Ich kannte mal einen, da hat es bei jeder Stubenkontrolle gestunken. Egal, wie sehr die Jungs geputzt und gewischt haben, es wurde immer schlimmer. Dann kam raus, dass einer von denen eine Leiche in seine Strohmatratze eingenäht hatte. Jetzt stell dir vor, du bist als Offizier für den Kerl verantwortlich und musst dich mit so einem Fall befassen. Da weißt du auch nicht, ob du lachen oder heulen sollst."

    Eisenkarawane

    In den kupfernen Baumkronen tanzte das Sonnenlicht, als ob die Natur ein letztes Fest vor dem Einbruch des Winters feierte. Das erste Herbstlaub rollte leise raschelnd über die staubige Straße, ein Anzeichen der nahenden Kälte. Was wie ein friedlicher Herbsttag im freien Germanien hätte sein können, wurde jäh unterbrochen vom dumpfen, rhythmischen Hämmern eisenbeschlagener Hufe, das sich aus dem Südwesten näherte. Doch da war auch das Rollen von Rädern und das schwere Schnaufen von hart arbeitenden Ochsen.


    Bald verdarb der Anblick der narbigen, bärbeißigen Männer von der Turma Secunda die Idylle, von denen fast jeder sowohl germanisches Blut in den Adern als auch germanisches Blut vergossen hatte. Für die rückständigen Barbaren waren sie nichts weiter als Verräter, doch für jene Germanen, die Wohlstand und Fortschritt suchten, waren sie die mutigen Verteidiger ihrer Zukunft. Sie verkörperten eine germanische Tugend, die weit über das primitive Gezanke der Hinterwäldler hinausging, die sich in ewigen Kleinkriegen aufrieben und am liebsten ungestört von Rom bleiben wollten.


    Matinius Sabaco, der römische Decurio der Turma, hatte sich schon als Kind wenig um die Idee der Volkszugehörigkeit geschert. Für ihn war es nie so einfach gewesen, dass einen Meter hinter der Grenze die Menschen plötzlich klüger oder dümmer wären. Ihn interessierte nur, ob das Herz eines Menschen am rechten Fleck saß. Er war bekannt dafür, die Germanen unter seinem Kommando zu hätscheln und feindliche Exemplare ohne Zögern zu töten – genau wie er es mit einem verräterischen Römer tun würde, wenn es nötig war.


    Mit einer Selbstverständlichkeit, die fast an Frechheit grenzte, patrouillierte die Turma Secunda regelmäßig durch das freie Germanien. Die berittenen Soldaten boten Karawanen bestimmter Händler Geleitschutz, um sicherzustellen, dass die für Rom wichtigen Güter unbeschadet in die römischen Gebiete gelangten. Auch an diesem Tag begleitete die Turma eine Ladung der feinsten Eisenbarren, die sie zu einem Spottpreis von den Germanen erworben hatten – für die Römer ein Schnäppchen, für die Germanen ein Vermögen, das ihre haarigen Hände niemals zuvor gehalten hatten. Die einheimischen Händler fühlten sich sicher und während der letzten Rast hatten sie unbeschwert mit den Soldaten geredet und ihnen einen herrlich würzigen Fleischeintopf mit Sahnesoße auf eigene Kosten gekocht.


    Sabaco, der im vorderen Drittel der Truppe ritt, war zufrieden mit seiner Leistung und der Ordnung, die er in dieser halben Wildnis aufrechterhielt. Die Operation Sommergewitter hatte sich aus Gründen verschoben, die nur die ganz hohen Tiere der Ala I Aquilia Singularium und der Provinzverwaltung kannten. Doch wie es aussah, entfaltete die Straße selbst bereits eine beachtliche Wirkung. Unter seiner Führung würde die Turma Secunda weiterhin das fragile Gleichgewicht zwischen römischer Macht und germanischem Stolz bewahren.

    Der Stilus kritzelte im Schnelldurchlauf über der Wachstafel, als Sabaco versuchte, eine Kurzfassung mitzuschreiben.


    Rolle des Kaisers in der Rechtssprechung

    • Kaiser = höchste Instanz, damit auch Berufungsinstanz
    • Kaiser kann alle Prozesse der ordentlichen Gerichtsbarkeit*, an sich ziehen und entweder selbst, oder durch von ihm ernannte Richter, verhandeln lassen.
    • Allein der Kaiser kann die Urteile dieser von ihm eingesetzten Gerichte aufheben.

    Durch seine Urteile setzt der Kaiser den Maßstab der Rechtsauslegung und ermöglicht so eine dauerhafte und in sich schlüssige Rechtsprechung. Prätoren haben diese Möglichkeit nicht, da ihre Amtszeit auf ein Jahr begrenzt ist.



    Appellatio

    • Möglichkeit zur Berufung mit Kaiser als Berufungsinstanz
    • steht theoretisch jedem Bürger zu, praktisch nur den wichtigen Leuten
    • Sinn: ungerechte Urteile können korrigiert und gerechte Urteile abschließend bestätigt werden.


    Hinweis


    Als Oberkommandierender des Exercitus Romanus hat der Kaiser auch für die Soldaten die finale und höchste Rechtsprechungskompetenz.


    _________________________________________________________

    *die nicht unter das Senatsprivileg des § 19 Absatz 4 Codex Iuridicialis fallen


    "Um noch mal bei der Appellatio einzuhaken", mischte Sabaco sich ein, "so gibt es in der Rolle des Kaisers als Oberbefehlshaber der Streitkräfte einen festen Rahmen. Der Kaiser befasst sich erst beim Dienstgrad vom Centurio aufwärts und nur im Falle einer Todesstrafe mit dem verhängten Urteil. Für ein anderes Strafmaß und niedere Dienstgrade gibt es keine Möglichkeit, sich an den Kaiser zu wenden. Wenn jeder die Möglichkeit hätte, zum Kaiser petzen zu gehen, weil er von seinem Vorgesetzten zum Latrinendienst verdonnert wurde, wäre das ja lächerlich!"

    Sabaco begann zu begreifen, dass es beim Verständnis der Gesetze vor allem darum ging, zu erahnen, was der Gesetzgeber meinte, weniger darum, was tatsächlich dastand. Sein angespannter Gesichtsausdruck wich einer gewissen Hilflosigkeit. Er war nicht gut darin, andere Menschen zu verstehen. Der Deutungsspielraum, der vermutlich dazu gedacht war, den Offizieren eine gewisse Handlungsfreiheit einzuräumen, öffnete zudem auch der Willkür Tür und Tor. Das konnte ihm in die Hände spielen, aber auch Probleme bescheren, denen gegenüber er machtlos sein würde. "Verstehe", brummte er, zutiefst unzufrieden, aber einsichtig, bevor Iunius Tacitus mit dem nächsten Themenkomplex fortfuhr.


    "Keine Fragen", sagte er, nachdem die Ausführungen geendet waren.

    Sabaco war weitaus weniger zufrieden. "Daraus kann man keine Handlungsanweisung ableiten", murrte er. Den Codex Militaris musste ein Vollpfosten geschrieben haben, ein Zivilist, der nie den Schlamm eines Militärlagers gekostet hatte. "Wie alt ist der Schinken? Der gehört reformiert." Doch es war noch nicht alles, was der Decurio zu bemäkeln hatte.


    "Da steht: 'Unter Kriegsrecht wird nicht bestraft, wer bewaffnete Feinde des Reiches oder deren aktive Helfer festnimmt, schädigt oder tötet.' Du leitest daraus den Umkehrschluss ab, dass loyale Römer nicht geschädigt werden dürfen. Ich verstehe nicht, wie du das ableitetst, weil da zum Beispiel gar nichts über den Bürgerstatus steht! Weshalb sollte man loyale Römer nicht schädigen dürfen, aber loyale Peregrini schon?"


    Doch Sabaco, dessen Wahrnehmung ihrer eigenen Logik folgte, war noch nicht fertig. "Theoretisch könnte man doch auch den Umkehrschluss ableiten, dass unbewaffnete Feinde des Reiches und deren Helfer nicht festgenommen, geschädigt und getötet werden dürfen. Ein Wahnsinniger, der mit bloßen Händen Leute von einem Viadukt stößt, so dass sie sich alle Knochen brechen, dürfte nach diesem Gesetzestext", er schaute missbilligend auf sein Exemplar des Codex Militaris, "unter Kriegsrecht tun und lassen, was er will."

    "Ja, danke, Iunius Tacitus. Es war verständlich. Aber ich habe noch eine." Leider betraf sie erneut den Codex Militaris, was naheliegend war in Anbetracht des beruflichen Hintergrunds des Fragestellers. "Ich bin eher Pragmatiker. Welche Auswirkungen hat das Kriegsrecht konkret auf den Alltag einer Provinz? Manchmal beschlagnahmen die Legionen zum Beispiel Getreide, wobei ich glaube, dass sie das immer dürfen. Die Jungs müssen schließlich was futtern. Solche Sachen." Dass auch die zivile Bevölkerung etwas essen musste, war Sabaco egal, so lange es nicht seine Familie und Freunde betraf, und die würden mit Sicherheit nicht hungern müssen.

    Sabaco hörte aufmerksam zu, als es um das juristische Verhältnis von Zivilisten und Soldaten ging.


    "Ich habe noch eine Frage zu deinen vorherigen Ausführungen. Du hast gesagt: Wenn ein Zivilist die Truppen im Frieden finanziell schädigt, zum Beispiel durch Diebstahl oder Betrug, sind zivile Gerichte zuständig. Wer legt aber fest, wann Frieden herrscht und für welchen Bereich gilt das? Bestimmt das der Statthalter für seine jeweilige Provinz? Oder legt das der Kaiser fest und es gilt für das gesamte Imperium? Die Legionen in den Grenzregionen haben schließlich fast immer irgendwo mit den Barbaren Ärger. Echten, dauerhaften Frieden gibt es nur im Inland."


    Sabaco wiegte nachdenklich den Kopf. "Ich kann es mir nicht vorstellen, dass hier in Germania superior kein Kriegsrecht herrschen würde, aber wo kann man das in Erfahrung bringen?" Ein bisschen peinlich war das schon, andererseits war er nur Decurio und es war die Schuld der Politiker, wenn die einfachen Soldaten nicht über deren feine Entscheidungen informiert waren.