Beiträge von Claudia Aureliana Deandra

    Dritter Qualifikationslauf


    Dies ist der Lauf der stärksten aller Fahrer. Jede Factio startet mit ihrem besten Mann. Da die Albata zu diesen Wagenrennen noch nicht vertreten ist, starten fünf Lenker: Dominator spectatorum für die Purpurea, Marsyas für die Praesina, Dareios für die Veneta, Brinno für die Russata und Patroklos für die Aurata.


    Die Anzahl der Wagen verspricht eine gute Übersicht über diesen Rennverlauf. Es sollte kaum Karambolagen aus Platznot geben, aber im Gegensatz dazu waren taktische Manöver viel leichter umsetzbar als bei vollen Bahnen. Da im Endlauf nur acht Gespanne starten konnten und jeweils drei Wagen aus den beiden vorangegangenen, größeren Qualifikationsläufen bereits im Finale waren, würden aus diesem Lauf nur die beiden Besten eine Runde weiter kommen. Diese Tatsache versprach einen harten Kampf, bei dem es um alles ging.


    Der Editor gab das Zeichen zum Start und fünf prächtige Gespanne stürzten aus den Boxen. Für die Praesina ging Marsyas ins Rennen und er hatte, ebenso wie Cadior, ausschließlich Pferde aus dem Gestüt Aurelia vorgespannt. Da Cadior den schwarzen Zuchthengst Imperial als linkes Außenpferd hatte und die Gestütsherrin Wert auf eine einheitliche Farbgebung legte, bestand Cadiors Gespann ausschließlich aus Rappen, während der grüne Wagen von Marsyas von vier Schimmeln gezogen wurde. Außenpferd hier war der nicht weniger prächtige Kaisoon.

    Als erster Wagen biegt der von Magister rotarum um die Wendesäule, gefolgt von Phillipus Thrax, Diokles und Rothar. Nur um einen kleinen Moment später erscheint der grüne Wagen von Lupus, der eine gigantische Aufholjagd hinlegt. Langsam zieht er außen an Phillipus Thrax vorbei und geht vor diesem in die Ostkurve der sechsten Runde.
    Phillipus Thrax scheint nichts mehr zum Zusetzen zu haben. Er fällt etwas zurück. Heiß umkämpft ist nun der dritte Rang zwischen Rothar und Lupus. Diokles scheint der zweite Platz sicher zu sein – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt und unangefochten an der Spitze liegt Magister rotarum.


    In dieser Reihenfolge geht das Feld in die letzte Runde. Die Rösser und die Lenker geben noch einmal alles. Abgeschlagen Helios und Maximus Didius Metellius. Phillipus Thrax scheint auch keine Chance auf einen der vorderen Plätze zu haben. Das Mittelfeld liegt immer noch dicht beieinander, bis Lupus scheinbar mit Leichtigkeit sein Tempo nochmals erhöhen kann. In einem unglaublichen Endspurt zieht er an Rothar und an Diokles vorbei und greift nun sogar den führenden Magister rotarum an.
    Ein Kampf um die Spitze zwischen der Praesina und der Purpurea wie bereits im ersten Qualifikationslauf und wäre das Rennen um eine Runde länger gewesen, hätte Lupus sicher den Sieg für die Praesina geholt. So heißt aber der Sieger dieses Laufes Magister rotarum. Qualifiziert für das Finalrennen haben sich Magister rotarum, Lupus und Diokles für die Veneta

    Zweiter Qualifikationslauf


    Alle Vorbereitungen zum zweiten Qualifikationslauf liefen auf Hochtouren. Die Zählwerke wurden wieder aufgefüllt, die Gespanne in die Startboxen gebracht und der Editor stand ebenfalls schon bereit.
    Wieder breitete sich eine spürbare Spannung auf den Rängen aus. In diesem Lauf würden bereits erfahrenere Wagenlenker starten. Das Tuch fiel, die Gitter vor den Boxen sprangen auf und die herausstürzenden Gespanne wurden mit großem Jubel empfangen.


    Hinein ging es in die erste Runde, in der Helios für die Aurata startet, Lupus für die Praesina, Magister rotarum für die Purpurea, Phillipus Thrax für die Russata, Diokles für die Veneta, Rothar ebenfalls für die Veneta und Maximus Didius Metellius für die Russata. Den mit Abstand schlechtesten Start erwischte Helios, doch auch Phillipus Thrax und Maximus Didius Metellius kamen nicht so recht in Fahrt.
    Das Gedränge war groß, als es in die erste Linkskurve ging und fast wäre der Wagen von Lupus gekippt. Glücklicherweise konnte sich der Lenker dagegen werfen und damit Schlimmeres verhindern. Um die Spitze in dieser Runde kämpften Magister rotarum, der leicht führte und nach ihm Rothar und Diokles. Zwischen den letzten beiden Lenkern entwickelte sich ein Rangkampf, der relativ unverständlich war – fuhren doch beide Gespanne für die Veneta.


    Mit der Peitsche schwingend, trieben die Lenker ihre Tiere in die nächste Runde. Ein schwieriges Unterfangen war das immer für die Aurigae, da die Leinen, die die Verbindung zu den Pferden darstellten, an der Riemenschnürung ihrer Oberkörper befestigt war. Hier war keinerlei Hilfengebung möglich, geschweige denn Signale per Fingerspitzengefühl.
    Diokles startet einen Angriff auf den führenden Magister rotarum und ein Teil der Zuschauer sprang von den Sitzen und schrie jubelnd los. Am Ende der zweiten Runde wird aber klar, dass Diokles nicht vorbei ziehen kann. Magister rotarum behauptet die Führung weiterhin. Lupus versucht wieder Anschluss an die Führungsgruppe zu finden. Langsam allerdings nur schiebt er sich heran.


    Die dritte Runde läuft gut an für Maximus Didius Metellius, aber kurz nach der Kurve verschenkt er schon wieder seinen Vorteil und fällt zurück.
    Helios immer noch an letzter Stelle. Was macht er bloß mit seinem Gespann? Völlig unverständlich wie er die Kurven angeht und den Pferden nicht den nötigen Freiraum schafft. Vielleicht hat er einen schlechten Tag. Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht.


    Die vierte und fünfte Runde bringt kaum irgendwelche Änderungen. Dieses Rennen birgt nur wenige Überraschungen. Es sieht ganz nach einem Start-Ziel-Sieg von Magister rotarum für die Purpurea aus und ebenso eine Start-Ziel-Niederlage für Helios. Einzige Spannung verspricht der Kampf von Lupus für die Praesina, der sich Runde um Runde näher an die Spitze heran schiebt. Phillipus Thrax für die Russata, Diokles für die Veneta, Rothar ebenfalls für die Veneta bilden das Verfolgerfeld und liegen nicht weit hinter Magister rotarum zurück.


    Die sechste und siebte Runde werden darüber entscheiden, welche drei Gespanne dieses Qualifikationslaufes in das Finale einziehen.

    Die siebte Runde entscheidet alles. Drei Lenker aus diesem Qualifikationsrennen kommen in das Finale. Der Sieg und der Zweite Platz scheinen klar zu sein. Der Sieg geht an Plinius und Vir fortis Orci läuft als Zweiter ein.


    Die übrigen Lenker holen noch einmal alles aus ihren Tieren heraus. In einem spannenden Finish, in dem Quintus Arius der Jüngere, Hermes und Cadior wetteifern, kann sich der Lenker aus der Aurata ganz knapp durchsetzen. Er fährt um eine Nasenlänge vor Cadior und Hermes ein. Im Finalrennen also Plinius, Vir fortis Orci und Quintus Arius der Jüngere.
    Relativ abgeschlagen sind Kyrios Agoon und hinter ihm Pegasus. Welch ein Drama! Pegasus, der einen so hervorragenden Start hingelegt hatte, läuft als Letzter dieses Qualifikationsrennens ein.


    Cadior, Hermes und Pegasus, die absoluten Neulinge in der Arena, haben ihr bestes gegeben. Doch zeigt sich wieder einmal, ein erfolgreicher Wagenlenker musste über mehr als nur taktisches Geschick und körperliche Kraft verfügen. Er brauchte vor allem Erfahrung und diese konnten sie hier schon einmal sammeln. Es war beständig ein Balanceakt, die richtige Mischung aus Geschwindigkeit und Kurvenlage zu finden, wenn es galt, die Wendepunkte zu umfahren. Gefürchtet waren sie diese Linkskurven und gleichzeitig die Chance auf einen Rennvorteil für den erfahrenen Wagenlenker.
    Wie viel an solcher Erfahrung aber für einen Sieg nötig war, zeigt das Schicksal des Kyrios Agoon. Obwohl dieser bereits an zwei Rennen teilnahm, reichten auch seine Erfahrungswerte nicht über den vorletzten Rang hinaus.


    Allen Lenkern gilt dennoch unser Glückwunsch. Feiert den Sieger und verachtet die Verlierer nicht allzu sehr. Sie stehen erst am Anfang ihrer Laufbahn.
    Im nächsten Rennen befinden sich die Fortgeschrittenen. Sind wir auf deren Leistungen gespannt.

    Erster Qualifikationslauf



    Das Startsignal erfolgte, die Gitter der Tore öffneten sich und die Gespanne stürzten aus ihren Boxen. Peitsche schwingend trieben die Aurigae ihre Gespanne sofort in den vollen Galopp. Die ersten 170 Meter der Strecke war es den Lenkern verboten, die auf den Boden gemalten Linien zu missachten und in die Bahn eines anderen zu kreuzen. An dieser Stelle punkteten die bloße Schnelligkeit der Tiere und das Geschick des Lenkers, diese so schnell wie möglich in den vollen Galopp zu bringen.


    Im Nu war diese Strecke zurückgelegt und die Gespanne suchten sich einzusortieren. Dabei drängt Vir fortis Orci den Kyrios Agoon von der Bahn und Cadior verdrängt Quintus Arius den Jüngeren. Mit einem rasenden Tempo ging es um die hintere Zielsäule und auf der Gegenseite zurück zur Wendemarke nahe dem Startpunkt. Pegasus liegt vor Plinius und Vir fortis Orci am Ende dieser Runde.


    Es ging in die zweite Runde und eines der Eier und der Delphiene, die den Zuschauern die jeweilige Runde anzeigten, wurde herab genommen. Pegasus verliert an Geschwindigkeit als er von Vir fortis Orci attackiert wird. Er fällt ein Stück zurück und liegt nun mit ihm gleich auf. Bei Kyrios Agoon läuft es ebenfalls nicht ganz rund. Er wird von Hermes angegriffen, dem Cadior und Quintus Arius der Jüngere folgen.
    Am Ende dieser Runde liegen Plinius, Pegasus und Vir fortis Orci fast gleich auf.


    Es gibt ein großes Gedränge als die Gespanne um den Wendepunkt rasten und Pegasus wird gänzlich abgedrängt. An ihm zieht nun noch Hermes und Kyrios Agoon vorbei und erhöhen ihr Tempo auf gerader Strecke. Cadior und Quintus Arius der Jüngere begeben sich gemeinsam in den Aufholkampf. Sie schieben sich immer näher an die anderen heran. An der Spitze in dieser Runde liegt Plinius vor Vir fortis Orci. Es zeichnet sich ein Zweikampf zwischen den Wagen der Praesina und der Purpurea ab.


    In der vierten Runde zeigt Cadior einen sehr aggressiven Fahrstil. Er drängt Pegasus, der immer weiter zurück fällt, und Kyrios Agoon von der Bahn und setzt sich vor diese. In seinem Schatten fährt beständig Quintus Arius der Jüngere, der sich am Ende der vierten Runde die Vorarbeit von Cadior zunutze macht und sich an ihm vorbeischiebt. An der Spitze ändert sich wenig – Plinius liegt vor Vir fortis Orci und Hermes, den bisher kaum jemand beachtet, was sich in der nächsten Runde schnell ändern sollte.


    Die fünfte Runde beginnt und Cadior wird zwischen Kyrios Agoon und Pegasus eingeklemmt. Passieren hier Absprachen zweier Gespanne auf dem Rennoval? Er muss sein Gespann hart zügeln und verliert dadurch an Geschwindigkeit. Außen und somit die längste Strecke von allen fahrend, überholt er im Laufe der fünften und sechsten Runde beide Gespanne. Er treibt seine Pferde zu höchstem Tempo an und holt langsam wieder auf.



    Was für ein Pferd dieser Imperial – das linke Außenpferd im Gespann und der Schrittmacher für das Tempo. Dabei steht dieser Hengst erst kurzzeitig im Training. Das ist ein Pferd mit Zukunft! Unglaublich, wie Cadior alles aus ihm herausholt. Ein begnadeter Fahrer – trotz der schlechten Ausgangsposition arbeitet er sich Zug um Zug nach vorn.
    Plinius scheint seine Führung weder in der fünften noch in der sechsten Runde hergeben zu wollen. Er baut seinen Vorsprung auf Vir fortis Orci aus. Der dritte Platz ist jedoch heiß umkämpft. Mal liegt Quintus Arius der Jüngere und dann wieder Hermes vorn.


    Die siebte Runde wird die Entscheidung bringen.

    Nun fing das Warten auf den ersten Vorlauf an und die Verlosung der Startplätze. Diese konnte schicksalhaft sein. Ein günstiger Startplatz bot oft entscheidende Vorteile und ließ Vorentscheidungen fallen. Einige der aus Marmor erbauten Carceres an der Stirnseite des Circus boten nämlich schon durch ihre Lage größere und andere wiederum geringere Startvorteile.


    Endlich standen die Gespanne für den ersten Qualifikationslauf und die Startplätze fest. Es starten mit folgender Reihenfolge: Cadior für die Praesina, Kyrios Agoon für den König von Tylos, Plinius für die Praesina, Pegasus für die Purpurea, Vir fortis Orci für die Purpurea, Hermes für die Veneta und Quintus Arius der Jüngere für die Aurata. Mit Absicht wurden diesmal die weniger erfahrenen Starter in einen Lauf genommen, um ihnen einen faireren Kampf zu bieten.
    Wie ich sehe, haben Cadior und auch Kyrios Agoon die schlechtesten der Startplätze bekommen. Das betrübt mich sehr, stammt doch Cadior aus meinem eigenen Rennstall, aber so ist das eben. Wollen wir sehen, ob er sich trotzdem relativ gut platzieren kann. Er trägt jetzt – wie alle anderen – eine Art Sturzhelm, welcher die schlimmsten Folgen bei einem möglichen Sturz mindern soll.


    Niemand im Circus Maximus ist noch ruhig und gelassen. Weder die Wagenlenker, noch die Zuschauer und auch nicht die Pferde. Gerade wurden die Gespanne in die Startboxen gebracht, was aufgrund der allgemein spürbaren Aufregung kein leichtes Unterfangen war. Es herrschte eine relative Stille voller Erwartung auf den Tribünen und so konnte man das Wiehern und Schnauben der Pferde hören und ebenso ihr aufgeregtes Scharren mit den Hufen.


    Marcus Didius Falco, der Editor, stand in seiner Loge und war bereit sein Tuch fallen zu lassen und somit das Startsignal zu geben.


    Sim-Off:

    Achtung! Auf dem Bild sind schon jeweils sechs Startplätze beidseitig geschaffen wurden. Man sieht aber gut, die unterschiedlichen Startbedingungen für die einzelnen Gespanne.

    Die Opferung zu Ehren des Apollo beendete den Einzug – die Spiele waren nun eröffnet. Der Zug der Priester und die Factioangehörigen der Praesina verließen nun wieder die Arena. Sie machten Platz für die Gespanne und die Vor-Attraktion dieser Spiele – das Achtergespann.


    Langsam wuchs die Spannung erneut. Letzte Wetten wurden abgeschlossen, manch einer besorgte sich noch Backwaren und Obst im Untergeschoss für die nächsten Stunden. Wieder andere nahmen ein letztes Mal die Dienste von Wahrsagern und Astrologen in Anspruch. Unruhig rutschte die Menge auf ihren hölzernen Sitzplätzen hin und her.


    Endlich öffnete sich an der Stirnseite des Circus das große Tor und eingehüllt in einen begeisterten Begrüßungsapplaus, preschte ein Achtergespann in das Rennoval. Vier Rappen und vier Schimmel zogen in einem atemberaubenden Tempo den leichten grünen Wagen über die Bahn. Fast konnte man meinen er würde jeden Moment abheben.


    Auf dem Wagen ein junger Mann, die Haare zu einem Zopf gebunden, eine grüne Tunika an und im Gegensatz zu den Wettkampfgepflogenheiten, hielt er alle Leinen der acht Rösser in der Hand. Was für eine Leistung – wer einmal so viele Leinen von Pferden, die galoppieren, in der Hand hielt, der weiß wovon ich spreche.


    Kein Problem für Cadior, den jüngsten Wagenlenker der Factio Praesina und Sklave im ersten Gestüt der Factio, dem Gestüt Aurelia.
    Hervorragende Tiere besaß dieses Gestüt, wenn diese auch noch nicht lange im Training standen. Wollen wir sehen wie sie abschneiden am heutigen Tage. Wollen wir sehen zu welcher Begeisterung oder Enttäuschung sie uns führen.


    Nun aber genießt den Anblick dieses Achtergespanns voll Feuer, voll Kraft, voll Schönheit und Schnelligkeit.


    Vor der steinernen Tribüne, auf der der Imperator und die Censoren Platz genommen hatten, stoppte Cadior fast aus dem Galopp in den Stand. Eine Staubwolke aus feinsten Sandpartikelchen erhob sich kurzzeitig und sank auf den Boden zurück. Nach dieser kurzen Ehrerbietung trieb er die Rösser in schnellem Lauf auf das große Tor zu und verließ unter tosendem Beifall die Arena.

    Nach der Rede des Pater Factionis war die Opferung an der Reihe.


    Die Spielen standen im Namen des Apollo, dem Gott der Sonne. Ein Stier musste geopfert werden. Unruhig warf das Tier bereits den Sand hinter sich. Die Rufe und das Klatschen der Zuschauer hatten es beunruhigt.


    Eine Frau trat aus der Reihe der Priester hervor. Es war Didia Aelia und sie wurde von Lucius Tiberius Vibullius begleitet. Offenbar wird nun die Opferung von der Camilla unter Mithilfe des Duumviren von Ostia zelebriert.

    „So soll es sein. Gern reise ich in deiner Begleitung, allerdings führe ich sehr viele Tiere aus meinem Gestüt mit. Achtzehn an der Zahl. Sechzehn kommen zum Einsatz und zwei sind vorgesehen, falls etwas Unvorhergesehenes passiert.“


    Ich zwinkerte Agrippa zu und drehte mich um. Ich wollte zurück in das Gestüt. Kurz wartete ich, ob er mich begleiten würde.

    Offenbar hatte der Lucius Ulpius Iulianus Stimmprobleme. Er winkte kurz zum Volk und setzte sich.
    Man munkelte in Rom, er plane den weiteren Ausbau des Circus Maximus, um noch einmal 100.000 Menschen mehr aufnehmen zu können und anstelle der acht zugleich zwölf Gespanne. Aber das war nur ein Gerücht. Niemand wusste genaues. ;)


    Als sich der Imperator setze, folgte das Volk seinem Beispiel und ließ sich ebenfalls wieder nieder. Manch ein verwegener Mann nutzte die Enge auf der Tribüne und drückte sich fest an die Seite seiner oft unbekannten Nachbarin. Zum Abrücken hatte sie keine Chance. Entweder bremste ihr Nachbar auf der anderen Seite, oder die hölzerne Sitzreihe hatte ein Ende.


    Ruhe zog nach dem Hinsetzen nicht mehr in den Circus ein. Immer noch drängten Massen nach und immer noch liefen hektisch die Vorbereitungen. Niemand der Anwesenden wollte sich auch beruhigen. Alle hatten den Spielen schon lange entgegenfiebert. Jeder Römer gleich welchen Ranges sehnte die willkommene Ablenkung von seinem mühsamen Tagesgeschäft herbei.


    Durch das mittlere Haupttor des Circus traf nun der Zug der Götterbilder ein. Zuerst die Sänger und Musikanten, dann diejenigen, welche die Spiele veranstalten. Allen voran Marcus Didius Falco, Pater der Factio Praesina. Er stand auf einem hohen Wagen in herrlicher Tracht – eine goldgestickte Toga über einer bestickten Tunika. Ein Kranz aus goldenen Eichenblättern und mit Edelsteinen besetzt hielt ein Sklave über seinem Haupt. In der Hand hielt er das Elfenbeinzepter mit dem Adler.


    Jubelnd stand die Menge erneut auf und begrüßte den Zug mit großem Beifall. Auf das genauestes beobachteten sie die Zeremonie, welche die Spiele eröffnen sollte. Nichts durfte falsch laufen, kein Fehler durfte passieren – die sakralen Vorschriften waren überliefert, die feierlichen Rituale vorgeschrieben.


    Die Bilder der Götter wurden auf Bahren und Thronen getragen, ihre Attribute auf kostbaren Wagen gefahren, welche Maultiere, Pferde oder Elefanten zogen. Zahlreiche Priesterschaften begleiteten sie. Statuen, Altäre und die Gestelle wurden auf der Spina platziert.


    Nun ergriff Marcus Didius Falco das Wort.

    Endlich ist er da, der lang ersehnte Tag, an dem die Ludi Apollinaris Extraordinem stattfinden.
    Seit den frühen Morgenstunden strömen die Menschen gleich welchen Ranges zum Circus Maximus.


    Für den Auftakt werden bereits Götterstatuen und Bilder vom Capitol in Richtung Circus Maximus getragen. Es herrscht eine fiebrige Stimmung auf den Rängen. Als schließlich der Imperator und dessen Angehörige erscheinen, erhebt sich die Menge von den Plätzen und jubelt ihm zu. Sie schwenken Tücher und rufen Grußworte, die allerdings im Getöse untergehen.

    Ich fragte mich, wie Agrippa das wohl gemeint haben könnte: ‚Rom wird wohl noch eine Weile auf mich verzichten können…’ Ich war mir nicht sicher, ob er damit ‚sofort’ meinte oder ‚erst nach den Spielen’. Rätselnd schaute ich den Tribunus Plebis an.


    „Ich reise morgen in der Frühe nach Rom, da ich maßgeblich an der Planung der Spiele beteiligt war und auch für deren reibungslosen Ablauf mitverantwortlich bin. Wenn du möchtest, dann kannst du mich begleiten. Ich werde wohl erst im nachhinein Zeit für ein Gespräch bei einem Becher Wein haben“, erklärte ich freundlich.

    „Ob man sich bei einem solchen Rennen wohl entspannen kann, wage ich zu bezweifeln.“


    Ich lachte Agrippa an und versuchte mir das bildlich vorzustellen. Genüsslich auf einer hölzernen Bank sitzend, um sich die schubsende und tobende Menge, die keine Rücksicht auf Füße oder volle Weinbecher nimmt und ein Schreien und Jubeln in der Luft, dass die Ohren klingen.


    „Nun, wenn du nach dem Rennen vielleicht doch etwas wirkliche Entspannung brauchst, dann komm einfach in meiner Villa hier in Ostia vorbei. Dort könntest du in Ruhe einen Becher Wein genießen.“

    „Oh das freut mich“, erwiderte ich Agrippa. „Doch leider, Crassus sprach nicht oft über seine Gefährten und so sagt mir dein Name jetzt nicht viel.“ Bedauernd hob ich die Schultern.


    Nach einer kurzen Pause kam mir ein Gedanke.


    „Ist es möglich, dass du zu den Spielen kommst?“, fragte ich erwartungsvoll.

    „Du kennst meinen Onkel Crassus?“, fragte ich begeistert. Plötzlich war das Eis gebrochen. Endlich jemand, mit dem man über alte Zeiten plaudern konnte.


    „Er war ein Freund sagst du? Vielleicht hat er ja mal deinen Namen erwähnt.“ Erwartungsvoll sah ich den jungen Mann an. Wer war er wohl?

    In weniger als 36 Stunden beginnt die spektakulärste Massenunterhaltung, die es je im Imperium gab. Drei Vorläufe – so viele gab es noch nie – im Vorprogramm ein Achtergespann und im Endlauf die Besten der Besten.
    Bürger Roms, was wollt ihr mehr, eilt herbei, ergötzt euch an dem Rennen und fallt in den Begeisterungstaumel.


    Doch zuvor…. vergesst nicht zu wetten. Setzt auf eure Factio, auf eurer Lieblingspferd, auf euren Favoriten und nutzt die Chance auf einen Gewinn.


    Den Wagenlenkern und den edlen Rössern wünsche ich schon jetzt Hals- und Beinbruch! Fahrt anständig und rammt nicht euren Kontrahenten. Unsportlichkeiten werden zwar nicht geahndet, aber ich will kein Tier zu Schaden kommen sehen. ;)

    „Mein Name ist Aurelia Deandra. Es ist noch nicht lange her, dass ich nach Ostia zog, aber mir scheint, die Stadt ist dir noch viel weniger vertraut als mir.“


    Ich machte eine kurze Pause und sah den Fremden nachdenklich an. Grad eben war er noch sehr betrübt und jetzt schien dieses Gefühl wie weggewischt zu sein.


    „Wo sonst wenn nicht hier bist du zu Hause und warum trieb es dich denn fort? “