Beiträge von Amytis

    Amytis war ehrlich irritiert, als der Mann offen zugab, dass er darüber nicht nachgedacht hatte. Ihr Herr wäre wohl eher wütend geworden, wenn man ihn auf einen Fehler hinwies, aber der Römer namens Yún schien sich sogar zu verneigen. Zwar hatte sie sich mittlerweile aufgerichtet, aber hielt den Blick immer noch gesenkt, dennoch musste sie wirklich mit sich kämpfen, um nicht zu ihm zu starren. Was ging hier nur vor? Dass es dann eine Weile ruhig war, ließ sicher nicht nur sie nur noch nervöser werden.
    Dann erklärte er endlich, wie er sich das vorstellte, und die Lösung war zwar etwas umständlich, aber würde funktionieren, ohne dass man irgendwem mangelnden Respekt unterstellen könnte, während er gleichzeitig sicherstellen würde, dass man seine Lektionen verstanden hatte. Amytis fiel ein Stein vom Herzen. "Amytis, Iunschí."

    Es war für die leidgeplagten Sklaven des Aurelius Pinus eine angespannte Situation, egal wie sanft die Stimme des Mannes klang, den sie immer noch nicht angesehen hatte. Ein kleiner Fehler schien zu reichen, und man müsste zu ihrem Herrn zurückkehren und beichten, dass man versagt hatte. Sie wussten beide, dass sie darunter zu leiden hätten, daher war es wohl kein Wunder, dass sie besonders eifrig dabei waren.
    "Iunschi," begann sie und der leichte Singsang ihrer Stimme, das Erbe ihrer Herkunft, stolperte ein wenig über die ungewohnten Laute. Amytis ärgerte sich, doch sie biss nur kurz die Lippen aufeinander, bevor sie fortfuhr. "Wie dürfen wir zeigen, dass wir etwas verstanden haben, wenn ihr fragt?" Als sie es aussprach, erschien es ihr bereits als eine dumme Frage, denn natürlich würde er Schweigen einfach als Zustimmung werten. Nun hatte sie aber wohl seine Aufmerksamkeit, und wusste nicht, ob das so eine gute Sache war.

    Amytis hatte sich gleich instinktiv in die vordere Reihe eingegliedert. Ihr kleiner Wuchs bedingte das wohl, und die Erziehung, die sie seit ihrer Kindheit genossen hatte, gab ihr die nötige Sicherheit. Als der Maiordomus die Verbeugung vorführte, folgte sie der Bewegung mit bedachter Ruhe, hielt den Rücken straff und die Hände korrekt gefaltet. Sie bemerkte, wie einige neben ihr schwankten, während ihre eigene Bewegung durchaus gleichmäßig und sicher blieb.


    Als der Hausherr den Raum betrat, wurde es spannend, denn sie wollte ihren eigenen Herrn sicher nicht verärgern und diese Sache hier gut machen. Sie hielt sich an die Anweisung und erhob sich, auch wenn die Haltung durchaus ungewohnt und schwer wurde, erst auf das Kommando hin. Als die beiden Sklaven, die den Blick gehoben hatten, hinausgeschickt wurden, regte sich eine leichte, aber dennoch spürbare Unruhe in der Gruppe. Amytis aber blieb weiterhin regungslos. Ihre Erziehung hatte ihr beigebracht, dass Disziplin wichtig war, und dass Strenge nur das Beste hervorbringen sollte. Das kam ihr nun zugute. Wer Ruhe bewahrte, gewann Respekt. Sie fühlte keinen Stolz, nur eine nüchterne Gewissheit, dass sie tat, was von ihr verlangt war.


    Serica. Schon in der Heimat hatte sie Geschichten davon gehört, von den Händlern aus fernen Ländern, die Seide brachten, und den langen Wegen voller Gefahren. Es schien ihr fast unwirklich, einem Mann gegenüberzustehen, der tatsächlich von dort kam oder dort gewesen war. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Ihr Blick blieb gesenkt, die Hände ruhten korrekt aufeinander. Sie hörte seine Worte aufmerksam, prägte sich die Begriffe ein: Yúnshǐ, Yúnzǐ. Die Melodie der fremden Sprache war ihr fremd, aber sie nahm sie mit stiller Konzentration auf.


    Nachdem Yún die Regeln erklärt hatte, blieb für einen Moment Stille. Viele schienen nicht zu wissen, ob Zustimmung schweigend oder mit einem Wort zu geben war. Amytis aber wollte keine Unsicherheit riskieren. Sie faltete die Hände vor dem Bauch und verbeugte sich, wie es zuvor gelehrt worden war. Der Blick blieb gesenkt und sie wartete ab.

    Da Sporus ohnehin zurückgezogen hatte, übernahm Amytis einfach das Ruder. "Ja, so ist es. Das ist Sporus, ich bin Amytis, unser Herr heißt Aulus Aurelius Pinus.", sagte sie pflichtbewusst und wartete, nun doch auch nervös, ab.

    Frisch gewaschen und frisiert und in einer ordentlichen Tunika machten die beiden Sklaven tatsächlich fast etwas her, wobei sie natürlich auf den Straßen nicht wirklich beachtetet wurden. An der Porta angekommen, zögerte Amytis' Begleitung plötzlich, was sie verwunderte. Was dachte er sich denn bloß? Würde sein Zögern etwas ändern? Wohl kaum. Sie hatten einen Auftrag, und nun nicht einmal diesen Mut aufzubringen und die Pflicht nicht zu erfüllen würde wohl nichts ändern. Sie sah den ihr immer noch unbekannten Mann neben sich an.
    "Meinst du etwa, es wird schlimmer als bei unserem Herrn?", fragte sie bitter. Dann schüttelte sie aber den Kopf. "Wir haben keine Wahl und wenn wir zögern wird man uns höchstens schlimmer bestrafen." Sie zuckte mit den Schultern, so war der Lauf der Welt, bei den Römern, aber ebenso in ihrer Heimat. Sporus und sie standen eben leider am falschen Ende der Rangordnung.
    "Also komm.", sagte sie entschlossen, trat an die Tür und klopfte an.

    Amytis wartete schweigend und mit zu Boden gesenktem Blick. Weder hatte sie Lust, sich mit dem anderen Mann zu unterhalten, noch wollte sie ihren Herrn verärgern und einfach gehen, während er fort war. Natürlich tat ihr der andere Sklave jetzt schon leid, doch sie hätte ihn kaum wegschicken können, ohne das Misstrauen von Pinus zu erregen.
    Also wartete sie, bis der Hausherr wieder da war, bis sie fragte:
    "Soll ich mich dann um den Einkauf kümmern, Herr?" Dazu war sie, dank ihrer weiteren Pflichten, bisher nicht gekommen.

    Amytis kehrte zurück. "Ein Sklave namens Sporus ist vor der Tür. Er sagt, er sucht seinen Herrn und kennt euch, weshalb er hier unterkommen möchte." Es klang verrückt, aber war die Wahrheit.

    Herrin? So hatte sie in Rom bislang noch niemand genannt, und gerade fühlte sie sich auch nicht wirklich wie eine. Aber der Mann sprach weiter, und Amytis wollte ihm zurufen, dass er, wenn er nicht wusste, wohin er wollte, bei allen Göttern doch bitte nicht ausgerechnet an diese Tür klopfen sollte. Aber nun war er ja hier.
    Sie zögerte kurz, doch letztlich konnte sie nichts ausrichten, weder für sich und schon gar nicht für diesen armen Tropf. "Er wohnt immer noch hier. Mein Herr, Aulus Aurelius Pinus, meine ich.", stellte sie klar.
    "Ich werde ihn holen, warte hier.", sagte sie und schloss die Tür wieder.

    Es dauerte nicht sehr lange, da öffnete sich die Porta und Amytis, mit ein wenig unordentlicher Frisur zu leicht geröteten Wangen, steckte ihr hübsches Näschen heraus. "Ja?"

    Sanft oder nicht, Amytis ertrug es schweigend und innerlich abwesend. Der Mann nahm sich, was er wollte und war damit letztlich offensichtlich zufrieden. Dass er sie danach noch im Arm hielt, mochte ihm freundlich erscheinen, doch obwohl Amytis es als Unterschied zu der üblichen Behandlung wahrnahm, fühlte sie sich, wie so oft, einzig elend. Dennoch starrte sie ohne sonderlich viel Regung nur geradeaus, bis die Worte ihres Herrn eine willkommene Ausrede war, sich von dem Mann zu lösen und rasch ihre Tunika überzustreifen.
    "Ja, Herr.", sagte sie, seine Rüge ignorierend, da sie ja kaum eine Wahl gehabt hatte, und neben Einkauf und dem Öffnen der Porta auch noch hier alle Hände voll zu tun hatte. Womöglich brauchte ihr Herr mehr als einen Sklaven?
    Amytis nickte dem Gast zu und entschwand gen Porta.

    Amytis senkte den Blick, als sie Magnus’ Worte hörte – sie wusste, dass Komplimente nichts bedeuteten. Nicht für eine Sklavin. Freundliche Worte konnten genauso gut der Auftakt zu Grausamkeit sein wie ein scharfer Befehl. Und doch… ein leiser, fast beschämender Teil in ihr fror einen Augenblick lang ein, als Magnus nicht gleich zupackte, nicht gleich nahm, wie Aulus es tat.

    Sie antwortete mit leiser, geübter Stimme, deren Tonfall weder Verlockung noch Ablehnung trug, sondern bloß Ergebenheit:

    „Wenn es Euer Wunsch ist, dominus.“

    Ihre Finger zitterten kaum merklich, als sie einen Schritt näher trat. Sie kannte ihre Rolle. Nichts an ihrer Haltung war trotzig oder einladend – nur duldsam. Und unter dieser Duldsamkeit: Leere. Kein Trotz, kein Widerstand. Nur das Schweigen eines Mädchens, das längst verstanden hatte, dass niemand kam, um es zu retten. Und dass es auch niemanden interessierte, ob ihr Körper gefiel oder ihr Geist darunter zerbrach.

    Sie blickte kurz zu Aulus, der sich selbstzufrieden zurücklehnte,

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    wie ein Mann, der ein gutes Geschäft gemacht hatte. Und Magnus, dieser Mann mit den freundlichen Worten und der fremden Art – auch er würde tun, was Männer taten. Ob mit mehr Sanftheit oder nicht, am Ende war es immer gleich.

    Amytis spürte, wie ihr der Atem kurz stockte. Der Wechsel zwischen der schneidenden Kälte in Aulus' Stimme und der neugierigen Höflichkeit von Magnus war wie ein Sprung zwischen zwei fremden Welten. Die Art, wie Magnus sprach, war nicht unangenehm – beinahe so, als wollte er sie als Mensch sehen. Doch sie wusste, dass auch das nur Fassade war. Sie war Besitz, nichts weiter.

    „Ja, dominus,“ sagte sie leise und stellte den Korb mit den Einkäufen ab. Ihre Glieder schmerzten noch vom Marsch durch die Stadt, und der Stoff der Tunika klebte unangenehm an ihrer Haut. Ein dunkler Fleck hatte sich an ihrem Rücken gebildet, dort, wo der Schweiß am meisten geflossen war.

    „Das Reich der Parther ist heiß und staubig im Sommer, dominus. Weite Ebenen, viele Pferde…“, begann sie leise zu antworten, während sie hinter den beiden Männern herging, in Richtung des Magnus Cubiculum. Ihre Stimme war ruhig, aber leicht angespannt – sie sprach, weil es erwartet wurde, nicht aus Freude am Erzählen.

    „Die Männer dort tragen bunte Stoffe und... und unsere Feste dauern oft tagelang. Es gibt Tänze, Lieder… und viel Wein. Aber anders als hier, süßer, mit Gewürzen.“

    Aulus ging voraus, mit dem selbstzufriedenen Schritt eines Mannes, der die Kontrolle behielt – und Amytis wusste, dass genau das ihn reizte. Magnus schritt neben Amytis, sein Blick ruhiger, aber durchdringend. Sie fühlte sich wie unter Glas, zur Schau gestellt und doch irgendwie beobachtet, als hätte er vor, Schichten von ihr zu lesen wie aus einer Schriftrolle.

    Der Gang durch die Villa war nur kurz, doch lang genug, um das Pochen in ihrer Brust stärker werden zu lassen. Noch bevor sie das Zimmer erreichten, flackerte in ihr ein einziger Gedanke auf: Wie lange würde er zuhören, bevor er verlangte, was alle verlangten?

    Amytis senkte demütig den Kopf, wie es sich gehörte, doch innerlich schnürte sich ihr Magen zusammen, aber sie antwortete leise auf die Worte ihres Herrn:

    „Verzeiht, dominus, der Markt war heute... sehr voll.“

    Ihr Blick blieb auf den kühlen Marmorboden gerichtet, obwohl sie die brennenden Augen Pinus’ spüren konnte. Die Ankündigung ließ ihr Herz schneller schlagen — ein bitteres Wissen, das sich wie kalter Wein in ihrem Innern ausbreitete. Sie hatte keine Wahl, hatte nie eine gehabt.

    Als Gaius Aemilius Magnus seine Hand ausstreckte, hob sie vorsichtig den Blick. Es war ungewöhnlich. Kein Zwang, keine grobe Geste, sondern fast eine Höflichkeit, die sie nicht gewohnt war. Zögerlich legte sie ihre schlanke Hand in seine, spürte den festen, aber nicht brutalen Griff.

    „Ja, dominus... Amytis“, antwortete sie auf seine Frage, ihre Stimme noch etwas rau von der trockenen Luft des Marktes. „Ich stamme aus dem Partherreich.“

    Für einen Moment wagte sie es, ihm kurz in die Augen zu sehen. Da war keine offene Verachtung, kein bloßer Hunger. Nur Neugier – gefährlich auf ihre eigene Art, aber anders als das, was sie von Aulus kannte.

    Dann senkte sie wieder demütig den Blick, wartete reglos auf das, was von ihr erwartet wurde. Ihr Herz klopfte heftig gegen ihre Rippen, während der schwere, staubige Geruch ihrer durchgeschwitzten Tunika in ihre Nase stieg und die leisen Geräusche des Brunnens im Atrium fast in Vergessenheit geraten ließ.

    Amytis schritt durch die hohe, mit Marmor verzierte Porta des Hauses und ließ den lärmenden Markt hinter sich. Der kühle, schattige Innenhof des Hauses begrüßte sie mit einer fast beruhigenden Stille, die nur vom leisen Plätschern eines Brunnens und dem sanften Rascheln der Blätter im Garten unterbrochen wurde.

    Ihr Blick wanderte über das beeindruckende Atrium, dessen Boden von einem großen Mosaik ziert wurde – das Bild eines Löwen, der mit wachsamen Augen das Tor bewachte. Der prächtige Marmor, der das Raumgefühl in hellem Licht erstrahlen ließ, spiegelte das Tageslicht wider und ließ den Raum fast erhaben wirken. Amytis setzte ihren Weg fort, den Korb mit den Einkäufen fest an sich gedrückt, als sie die Schritte zu den Innenräumen erreichte.

    Dort, hinter einer Säulenreihe, konnte sie die gedämpften Stimmen von zwei Männern hören – die eine, die ihres Herrn, Aulus Aurelius Pinus, und die des Fremden, der kurz vor ihrer Abreise angekommen war. Sie atmete tief ein, schüttelte die restlichen Gedanken des Marktes ab und trat ein.