Beiträge von Amytis

    "Nun, ich denke nicht, dass ich an einem Tag wie heute noch mit meiner Arbeit anfangen soll? Ich könnte mir aber das Haus anschauen?" Sie überlegte kurz. "Ansonsten würde ich mich im Hause der Iunier melden und mich zurückziehen."
    Trotz allem legte sie keinen Wert darauf, mit diesem Mann ihre nun freie Zeit zu verbringen. So schnell veränderte man sich nicht, und selbst wenn für ihn alles in bester Ordnung schien, waren ihre Wunden tiefer.

    Amytis überlegte nur kurz. Das klang nach einer guten Anstellung, und letztlich stand ihr ja auch frei, jederzeit wieder zu gehen. "Das klingt sehr gut, ich würde das Angebot gerne annehmen." Sie zögerte erneut. "Ein Wunsch wäre allerdings, dass ich die begonnene Aufgabe bei Tacitus zu Ende bringen möchte. Ob frei oder nicht, ist das eine Sache, die ich nicht einfach abbrechen möchte."

    Amytis warf Magnus einen längeren Blick zu. "Ich kann durchaus Melken." Sie schüttelte instinktiv bei diesem Wort den Kopf und musste sogar ein wenig grinsen. "Und auch einen Haushalt schmeißen und ich habe vieles anderes gelernt. Aber ich habe Bildung genossen in meiner Heimat und wäre... Nun ja, auf einer Stufe mit euren Patriziern gewesen." Sie wog den Kopf. So in der Richtung zumindest. "Ich kann lesen, rechnen, schreiben." Erkllärte sie dann.

    Zunächst erstarrte Amytis bei den Worten von Tacitus. Die Sache mit der Audienz war eine unerwartet erleuchtende Erfahrung gewesen, und sie wollte die Zeit mit Sporus und dem Römer nicht missen. Dann aber schlug er einen Kompromiss vor, der ihr sehr recht war. "Das wäre für mich eine sehr gute Lösung. Ich denke, so könnten wir einen Neuanfang wagen." Sie schaute die beiden Römer nochmals an. Lächelte. "Ich danke euch beiden." Und das meinte sie, trotz ihrer zwiespältigen Gefühle gegenüber Magnus, wirklich ernst.

    Amytis war durchaus überrascht von Magnus' Worten. Ja, es sprach durchaus für ihn, Sporus zu verteidigen, aber aus ihrer Sicht hatte er sich ihr noch deutlich schlimmer gegen ihren Willen aufgezwungen, als sie keine Wahl gehabt hatte, was diese Worte in ihren Ohren recht wertlos machten. Für Sporus war es dennoch sicher ein gutes Gefühl. Sie blieb daher bei ihrem bisherigen kühlen Gebahren.

    Die Lust auf den Wein war ihr in der Folge leider ebenfalls gründlich vergangen, aber sie wusste auch, dass sie ein gewisses Bild zu wahren hatte. Noch so eine Sache, die sie in der Sklaverei gelernt hatte. Sie unterdrückte daher ein verächtliches Schnauben bei den Worten Yúnzis, der es ja nicht besser wissen konnte, und Magnus sondern rollte nur insgeheim mit den Augen. Zu einer Freundschaft brauchte es zwei Personen, das schien Magnus aber egal zu sein. Sie hob dennoch ihren Becher und trank. "Ich bin froh, dass es vorüber ist. Und ich bin gespannt, wohin unser Weg nun führt, Sporus."
    Dann beschloss sie, diese Freundschaft auf eine Probe zu stellen und blickte den Aemilier an. "Ich habe meine Freiheit gewonnen, aber das Haus, in dem ich wohnte, verloren. Ich werde eine Unterkunft brauchen, werter Aemilius Magnus. Oder eine Arbeit, mit der ich mir ein Zimmer leisten kann." Sie atmete kurz tief ein und beschloss, noch mutiger zu sein. "Und auch wenn ich dankbar bin für jede Hilfe, möchte ich nur mit Menschen unter einem Dach schlafen, bei denen ich mich sicher fühle." Womöglich hatte sie nun ihre Gunst verspielt, aber es war wohl kaum sinnvoll, weiterhin nur schweigend zu grollen. Nachdem sie gesprochen hatte, nahm sie einen größeren Schluck Wein.

    Amytis schüttelte den Kopf. "Ich habe nichts dagegen." Immerhin ging es ja nur um den Weg bis zum Forum. Dieser war nicht das Problem, aber nachdem sie ihren Dienst bei Yúnzi geleistet hätte, wäre sie in der Zukunft nun auf sich allein gestellt. Und was diese anging, schien es, als gäbe es einen vermeintlich einfachen Weg, der ihr aber nicht zusagte, da sie mit dem Aemilier leider ein paar Dinge verband, die vermutlich die schlechteste Seite aller Römer und Männer vereinte, oder den schweren, bei dem sie aber wirklich alleine wäre. Sie seufzte innerlich.

    Amytis wollte nicht ungerecht sein, aber der Mann hatte trotzdem Dinge mit ihr getan, nur weil sie eine Sklavin war, die sie mittlerweile nicht mehr gutheißen konnte. Ja, in ihrer Heimat hatte sie das auch anders gesehen, aber gerade in den letzten Tagen hatte sie gemerkt, dass man erst wirklich merkte, wer sein Freund ist, wenn man verletzlich ist. "Gut.", sagte sie also zu Magnus und hakte sich bei ihm ein, wandte aber gleichzeitig den Blick und schaute zu Yúnzi. Dies war der Mann, der sie beeindruckt hatte, und den sie noch eher als Freund bezeichnen würde. Abgesehen davon war ihr klar, dass sie jeden Verbündeten brauchte, in der Situation, in der sie war.

    Amytis hatte die gesamte Prozedur schweigend und mit recht eisiger Miene hinter sich gebracht. Sie hatte nichts Gutes über den Verstorbenen zu sagen und kannte sich mit den Riten nicht aus, daher sagte sie einfach gar nichts, und schaute nur zu. Ganz sicher wünschte sie dem Toten keine guten Dinge, aber auch das gehörte hier nicht her. Immerhin war sie nun wieder frei, da musste sie eben auch selbst für ihre Taten und das, was sie sagte, einstehen.
    Bei Magnus' letzten Worten nickte sie leicht, sie stimmte diesen Worten durchaus zu.
    Dennoch, als er ihre Hand ergriff, zog sie diese zurück, denn diese Nähe wollte sie nicht, erst recht nicht hier. Der Tote hatte sie dem Mann neben ihr zwar zur Verfügung gestellt, aber das war von ihr aus nicht aus freien Stücken passiert. Auch wenn er netter gewesen war als andere, machte ihn dies in ihren Augen nicht besser. Sie rückte ein Stück von Magnus ab.

    Amytis hatte eine ordentliche, sauberere Tunika an, und ging schweigend neben Magnus. Sie war sich recht sicher, dass der Mann, der noch gar nicht so lange ein Geschäftspartner ihres ehemaligen Herrn gewesen war, und die ehemalige Sklavin neben ihm, kaum ein würdevolles Paar darstellten, aber vermutlich war dies das Beste, was ein Mann wie Pinus verdient hatte. Zugegeben, vor noch gar nicht so langer Zeit hätte sie einen Sklaven kaum anders behandelt als Pinus sie, aber darüber dachte sie, wenn man es so wollte, vor allem wegen Pinus, anders.
    Dennoch konnte sie sich kein trauerndes Gesicht abringen, sondern wirkte sie durchaus ein wenig selbstzufrieden, als sie mit hoch erhobenem Kopf loszog. Wenn auch nicht als dieselbe, die sie vor ihrer Gefangennahme war, aber immerhin als Freigelassene.

    Amytis nickte Yúnzi zu. "Danke. So eine Möglichkeit hat man ja nicht so schnell wieder." Jemand mit ihrer Vergangenheit wohl erst recht nicht. Sie würde ihn auch fragen, ob sie weiterhin bei ihm übernachten könnte, immerhin legte sie wenig wert darauf, in das Haus des Pinus zurückzukehren, in dem so viele unschöne Dinge für sie passiert waren. Aber um das zu klären wäre später Zeit.
    An den Aemilier gewandt schüttelte ich den Kopf. "Ich..." Sie stockte. Eigentlich hatte sie ablehnen wollen, da sie ihrem ehemaligen Herrn kaum eine Träne nachweinen würde. Es wäre Heuchelei. Andererseits sollte sie ihm wohl für diese letzte Geste dankbar sein, und immerhin gefiel ihr der Gedanke gut, dass Pinus' ehemalige Sklavin seinen Trauerzug anführte. Das war wohl das, was von seinen Taten übrig blieb, und am Ende war Amytis übrig geblieben. Soviel zu Würde und Glanz. "Also gut.", sagte sie dann. "Wenn der Advokat dies für annehmbar hält?" Yúnzi würde wohl wissen, ob die Ehrerbietung oder der kleine Triumph der Freigelassenen dabei überwog.

    "Ich würde auch gerne zunächst meine Aufgabe für dich erledigen, Yúnzi. Und mich dann entscheiden, wie es weitergeht.", sagte Amytis und fand, dass so eine Sache doch ganz gut zum ablenken war.

    Für Amytis stand die Welt für einen Herzschlag still. Die Worte klangen in ihren Ohren nach und sie konnte sie nicht fassen, während es um sie herum unruhiger wurde. Frei. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Als wäre sie aus einem schlechten Traum aufgewacht. Doch mit der Freiheit kam auch die Leere: Was nun? Wohin? Und vor allem: Wer würde die Leute hindern, sie erneut in Besitz zu nehmen?


    Ihr Blick glitt zu Sporus, der zusammengebrochen war, das Kästchen mit seinem offensichtlich grausamen Inhalt noch in der Nähe. Sie hatte Mitleid, aber gerade auch keine Kraft mehr für ihn, wollte sie sich doch am liebsten ebenfalls auf den Boden setzen. Stattdessen wandte sich Magnus zu.

    Ihre Haltung blieb aufrecht, die Schultern gerade, doch in ihren Augen loderte eine kühle Entschlossenheit, die sie sich in den letzten Stunden in der casa iunia erkämpft hatte. Sie senkte den Blick nicht, wie sie es bisher getan hätte, sondern hielt ihn fest auf den Mann gerichtet, der sie eben noch wie ein Stück Vieh beansprucht und sich auch zuvor schon hinter dieser Porta an ihr bedient hatte. Dennoch versuchte sie sich zu beherrschen, war er immerhin einer der wenigen gewesen, die Mitgefühl gezeigt hatten. Sie presste die Hände zu Fäusten, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, und mühte sich um Besonnenheit.

    „Ich danke für dieses Angebot. Doch ich möchte keine voreiligen Entscheidungen treffen.“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

    Dann drehte sie sich leicht zu Yúnzi, immer noch wachsam. „Ich habe eine Frage: Was wird aus uns, den Freigelassenen? Haben wir Anspruch auf etwas aus diesem Haus? Auf Schutz, bis wir unseren Weg finden? Oder müssen wir Rom verlassen?“

    Ihr Blick glitt kurz über die Passanten, die Sklaven des Hauses. Perle mit Makeln, dachte sie bei sich. Das würde sie immer bleiben.

    Amytis war Yúnzi schweigend gefolgt und hatte vieles erwartet, aber nicht das hier. Ihr Herr war tot? Es war verwirrend, denn sie war doch nur eine Nacht fort gewesen. Was war geschehen? Leid tat es ihr wirklich auch nicht, da er sie nicht gut behandelt hatte. Einer der Gäste des Hauses, die sie hatte 'bedienen' müssen, war ebenfalls anwesend und erhob nun nicht nur Anspruch auf das Haus des Aureliers, sondern auch auf sie selbst. Ein Zufall? Ging das nicht nur ein wenig schnell, wo Pinus' Leichnam nicht einmal kalt war, sondern die Nachricht auch noch ganz frisch? Ihr wurde schlecht, gerade nach den letzten Tagen war diese Selbstverständlichkeit, wie über sie bestimmt werden sollte, noch schwerer zu ertragen und sie bemühte sich, den dreisten Kerl nicht anzuschauen. Immerhin wusste sie ja sehr gut, wofür er sie haben wollte.
    Stattdessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Sporus, der einen Brief und ein Kästchen in die Hand gedrückt bekam.

    Amytis hörte schweigend zu, als Yúnzi sprach. "Danke Yúnzi."
    Sie warf einen kurzen Blick zu Sporus und legte ihm eine Hand an den Unterarm. Nicht einmal unbedingt eine tröstende Geste, eher ein Zeichen, dass er nicht allein war.
    Sobald Yúnzi gegangen war, würde sie mit Sporus etwas essen, und sich dann auf dem Weg zu ihrem Herren machen. Sie war sehr gespannt, was dieser sagen würde.

    Amytis war für einen Moment sprachlos. Die Worte, die er wählte, und mehr noch die Art seiner Verneigung trafen sie unerwartet. Sie senkte den Blick dennoch, weil sie Zeit brauchte, ihre Stimme zu finden. Als sie sprach, war ihr Ton leiser als zuvor.

    „Wenn du mich so nennst, Yúnzi,“ sagte sie schließlich, „dann nur, weil auch eine Perle nicht ohne Makel ist.“ Ein schwaches, ehrliches Lächeln zeigte sich. „Perlen entstehen durch Verletzung. Etwas Fremdes dringt ein, und der Körper versucht, es zu umschließen. Unschädlich zu machen. Man sieht am Ende nur das Ergebnis, nicht den Schmerz.“ Sie hielt inne, als hätte sie selbst nicht erwartet, das auszusprechen. „Ich fühle mich vielleicht wie eine Perle mit kleinen Fehlern. Mit Rissen, die sie von anderen abhebt, weil sie das Licht ablenken.“ Sie hob den Blick ein wenig. „Aber vielleicht ist das nicht nur ein Makel.“

    Ihre Hände lagen ruhig ineinander. „Wenn ich heute anders denke als früher, dann nicht, weil ich klüger geworden bin, sondern weil ich gezwungen war zuzuhören und auszuhalten.“

    Ihr Blick glitt kurz zu Sporus, der etwas abseits stand. „Es gibt Menschen, die niemals in Geschichten erscheinen werden und dennoch Größe besitzen“, fügte sie hinzu. „Nicht jeder Krieger führt ein Schwert. Manche ertragen Leid, ohne daran zu zerbrechen.“ Es war keine feierliche Aussage, eher eine schlichte Feststellung.

    Dann neigte sie leicht den Kopf. Keine tiefe Verbeugung, sondern eine bewusste Geste.

    „Wenn du mir erlaubst, ohne gesenkten Blick zu sprechen, dann nehme ich dieses Geschenk an“, sagte sie.

    Einen Augenblick schwieg sie, bevor sie leise hinzufügte: „Vielleicht sind es genau diese stillen Begegnungen, die es wert sind, erkannt zu werden.“ Und sie war unendlich dankbar, hier zu sein, als sie den Kopf hob und ihn anschaute. Tränen waren in ihren Augen, als sie dankbar lächelte.

    Amytis hörte aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Die Namen, die er nannte, waren ihr fremd, doch die Gedanken dahinter nicht. Als er geendet hatte, neigte sie leicht den Kopf, vor allem aus Respekt vor der Sorgfalt, mit der er sprach. Dann antwortete sie ruhig und überlegt.

    „Ich denke, er hat Recht“, sagte sie. „Zumindest in dem, was das Ziel betrifft. Ein Sieg ohne Kampf schont nicht nur das eigene Volk, sondern auch den Feind. Wer nicht erniedrigt wird, kann später Teil von etwas werden.“

    Sie hielt kurz inne und faltete die Hände. Ihre Stimme blieb beherrscht, doch sie sprach nun aus Erfahrung, nicht mehr nur aus Erziehung.

    „Früher hätte ich geglaubt, dass solche Siege eine Sache des Adels sind“, fuhr sie fort. „Man lehrte mich, Herkunft bedeute Verantwortung und Weitsicht. Dass jene, die oben stehen, besser vorbereitet seien, und wüssten, was richtig ist.“ Ein leiser Atemzug. „Seit ich eine Sklavin bin, denke ich anders darüber.“ Ihr eigener Herr war das beste Beispiel dafür. Sie hob den Blick ein wenig, ohne ihn direkt anzusehen.

    „Viele, die Macht besitzen, sind nicht geduldig genug für einen Sieg ohne Gewalt. Sie sagen, sie wollen Frieden und Zusammenarbeit, doch sie ertragen die Zeit nicht, die es braucht, dies erreichen. Ruhm und andere Belohnungen sind verlockend.“

    Bei der Bemerkung über Rüstung und Herkunft zeigte sich ein schwaches, nachdenkliches Lächeln.

    „Als ich von Rüstungen sprach, meinte ich weniger ihre Notwendigkeit als ihre Bedeutung. In meiner Heimat zeigen sie Zugehörigkeit. Sie sagen, wer zählt und vermeintlich geschützt werden muss. Dass dies ungerecht ist, habe ich erst wirklich verstanden, als ich selbst nicht mehr dazugehörte.“

    Sie schwieg einen Moment. Es waren durchaus nicht unbedingt ungefährliche Gedanken, die sie hier äußerte, aber sie fühlte sich frei genug, es zu tun.

    „Die Geschichte dieses Mannes zeigt, dass der Himmel andere Maßstäbe haben muss als Menschen. Wir haben eine vermeintliche Ordnung, doch vielleicht kommt es darauf nicht an? Vielleicht ist der beste Krieger nicht der, den keine Klinge trifft, sondern auf den keine Klinge zielt? Einer, der Macht besitzt, und sie für Gutes einsetzt? Solche Menschen sind selten.“

    Sie senkte den Blick wieder.

    „So sehe ich es, Yúnzi.“

    Amytis hielt einen Moment inne, bevor sie antwortete. Die Frage war offen gestellt, ohne eine Falle zusein, und sie spürte, dass hier nicht die richtige, sondern eine ehrliche Antwort gesucht war. Sie hielt den Blick gesenkt, auch um ihre Worte zu ordnen, und hob ihn dann wieder leicht, ohne ihm direkt in die Augen zu sehen.


    In meiner Heimat,“ begann sie ruhig, „sagt man, ein Krieger sei dann der Beste, wenn er nicht kämpfen muss.“ Sie ließ die Worte kurz stehen. „Fähigkeit im Kampf ist notwendig, ja. Ebenso Kenntnis von Taktik und Ordnung. Aber all das kann man lernen. Was nicht jeder lernt, ist Maß. Der beste Krieger weiß, wann Gewalt schadet, selbst wenn sie ihm selbst nützen würde. Und er kennt seine eigene Furcht. Und somit seine Grenzen.“

    Ein wenig Wind zog durch das Peristyl, und sie legte eine kurze Pause ein.

    Charisma und damit auch Ruhm,“ fuhr sie fort, „sind wichtig, aber gefährlich. Es kann Männer führen oder sie verblenden. In Parthien vertraut man einem Krieger erst dann wirklich, wenn er auch schweigen kann, wenn andere seinen Ruhm preisen.“


    Dann hob sie den Blick ein wenig weiter. „Darum stehen die besten Krieger nahe beim Herrscher. Nicht, weil sie am härtesten zuschlagen, sondern weil sie das Reich als etwas Größeres begreifen als sich selbst.“

    Sie schwieg, merkte erst jetzt, wie frei sie gesprochen hatte. Einen Augenblick lang war da Unsicherheit, ob sie zu weit gegangen war. Doch sie blieb ruhig stehen, die Haltung wahrend, kein Wort zurücknehmend.


    „So habe ich es gelernt,“ fügte sie schließlich hinzu, wieder leiser. Und sie wusste sehr gut, dass vieles davon auch nur Theorie war und vielleicht gar nicht so gelebt werden konnte.

    Abgesehen davon sind die Rüstungen unserer Krieger zu teuer für jeden der nicht aus dem Adel stammt.“, fügte sie nun mit einem leichten Schmunzeln hinzu.

    Im Gegensatz zu ihrer Befürchtung schien das Lächeln des Mannes sogar noch ein wenig breiter zu werden, was sie wirklich wunderte. Seit ihrer Gefangennahme, hatte man sie höchstens überlegend angelacht, aber das hier wirkte so ganz anders. Er bedankte sich und gab ihr nicht einmal das Tuch zurück. Das brachte sie noch mehr aus dem Konzept, denn sie war doch eine Sklavin und genau dafür hier, oder? Da sie in dieser Erwartung die Hand ausgestreckt hatte, stand sie kurz etwas verloren da, aber immerhin konnte sie den Blick senken und ihre roten Wangen so ein wenig überspielen. Sie hatte sie beide in Verlegenheit gebracht, zumindest dachte sie das, und kam sich dumm dabei vor.
    "Ich habe gehört, dass auch griechische Philosophen wussten, dass Geist und Körper zusammengehören, in gewissem Maße.", sagte sie zu seinen Worten, vielleicht etwas zu spontan und zu schnippisch, ohne ihn beeindrucken zu wollen, aber durchaus angeregt von der Verlockung, ein Gespräch auf einer etwas anderen Ebene zu führen, als in ihrem bisherigen Sklavendasein, in welchem ihr Körper eine viel zu große - die einzige - Rolle gespielt hatte. So viel wusste sie von diesen Dingen nicht, aber: "In meiner Heimat sind die besten Krieger jene, die dem Herrscher am nächsten stehen und das Reich lenken." Vermutlich war das im Römischen Reich nicht anders, aber eben unter anderem dank dieses Reichs mussten die Parther eine recht wehrhafte Gesellschaft sein. Und logischerweise stellte der Adel natürlich auch die Denker des Partherreichs, was für Amytis den Kreis schloss. "Ich wünsche dennoch, dass alle Räuber dich verschonen.", schloss sie dann, ein wenig unterwürfiger.

    Amytis nickte Sporus freundlich zu, als er sich zu ihr gesellte. Wie es ihm wohl ging? Hoffentlich hatte er diese geschenkte ruhige Nacht wenigstens genießen können. Yúnzis Übungen begutachtete sie mit dem Blick einer jungen Frau, die durchaus in ihrer Kindheit ebenfalls Krieger beobachtet hatte, und daher zumindest erkannte, dass er wusste, was er tat. Und es sah beeindruckend aus, ebenso wie es dem Mann, wie jedem anderen Mann auch, durchaus stand, wenn er sich so bewegen konnte. Sie seufzte leise und wünschte sich, so einen friedlichen Morgen und dieses Schauspiel öfter genießen zu können, als wieder zu dem zurückkehren zu müssen, was sie beide bei ihrem Herrn erwartete.

    Als Yúnzi endete und zu ihnen kam, suchte sie eilig nach einem Tuch und womöglich einem Becher mit einem Getränk, um es ihm zu reichen. Zumindest das Tuch fand sich, und sie hielt es ihm hin, als sie ihn ebenfalls anlächelte, auch wenn sie damit vielleicht etwas zu weit ging. "Ich war früh wach, Yúnzi. Und die Übungen waren sehr eindrucksvoll."

    Amytis hatte ein wunderbares Nachtlager gehabt, und es war schön gewesen, Sporus so zu sehen, dennoch war die Nacht für sie unruhig gewesen. Die Trauerfeier war das eine, aber sie hatte keine Andenken an den Verstorbenen gehabt und sich früh zurückgezogen. Aber das ganze drumherum, Yúnzi und seine Familie, die ihre Sklaven so anders behandelten als ihr eigener Herr. Es war ein Welt, in der sie so viel lieber leben wollte, und gerade deshalb kaum ertragen konnte, dass sie bald schon wieder von hier fort musste. Doch es gab nichts, was sie dafür tun konnte.
    So hatte sie nur wenig Schlaf gefunden und als sie ein paar sehr leise Geräusche hörte, verließ sie ihr Lager und schaute den Übungen des Hausherren schweigend zu. Yúnzi beeindruckte sie auch heute noch, und es war trotz des Schwerts ein friedlicher Anblick der ihren Augen schmeichelte.