Beiträge von Tiberius Corvius Cadior

    Ich verabschiedete mich ebenfalls von Macer, nickte dem Scriba flüchtig zu und reichte Lydia die Hand.


    Mit den Worten: "Die Götter mögen uns allen stets gewogen sein", verließ ich den Raum und betrat das Vorzimmer, in dem bereits der Sklave Assindius wartete.

    Offenbar war der erste Gedanke der richtige gewesen. Ich nickte.


    „Dann trete auch ich die Rückreise an. Bei Bedarf bin ich in der Casa Annaea zu finden.“


    Möglicherweise war nun alles geklärt. Ich wollte es aber Macer überlassen, das Gespräch zu beenden.

    „Das klingt erfreulich. Da die Vorfälle ebenso wie die Casa der Annaeer in Colonia Claudia Ara Agrippinensium befindlich sind, reise ich dann einfach parallel mit der Ermittlungsperson. Oder war deine Äußerung so gemeint, dass die betreffenden Personen in der Hauptstadt befragt werden? In dem Fall würde ich mir hier eine Unterkunft suchen. Das sollte kein Problem darstellen.“


    In der Gesellschaft des Sklaven Assindius konnte man sich nicht langweilen, praktisch nirgends. Gespannt wartete ich auf den Bescheid.

    „Gut, dann halte ich mich bis auf weiteres bei meinem Factiokollegen Annaeus Florus auf. Ich nehme an, du kennst die Privatadresse des Praefecten der Classis in Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Was meinst du, welchen Zeitraum würde das betreffen?“


    Assindius würde dann eben alleine seine Familie besuchen müssen. Am Ende würde ich hier noch einen Posten annehmen, um die Zeit sinnvoll zu gestalten. Das wäre eine Überlegung wert.

    Hm, das war schwierig zu beantworten.


    „Tja, es ist so. Ich hatte einen längerfristigen Urlaub in Germania geplant, die Rückreise nach Italia würde spontan entschieden werden. In Begleitung des Sklaven Assindius wollte ich fernab der Städte einer natürlichen Lebensweise frönen - jagen, am Lagerfeuer sitzen ... wenn du weißt, was ich meine. Unser nächstes Ziel was allerdings Assindia, die Geburtsstadt des Assindius. Sie liegt in unmittelbarer Nähe von Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Er wollte seine germanische Familie besuchen. Am besten, die Nachricht würde dorthin gehen. Wir könnten sicher in Abständen vorbeischauen.“

    „Die Schilderung ist insofern komplett, als dass ich zunächst nur das zur Aussage gebracht habe, was ich tatsächlich gehört und gesehen habe. Letztlich möchte ich jedoch noch erwähnen, dass besagte Begleiter des Commodus, als sie nahe an den Mann mit Namen Tiberius herantraten, ihre Arme in jener Weise anwinkelten, die ein mit Schwert oder Dolch Ausgerüsteter einnimmt, wenn er die Klinge zieht und damit jemanden bedroht. Die Armhaltung währte über das Gespräch hinweg bis zur Geldübergabe unverändert an. Erst danach löste sich diese Haltung auf.“


    Kurz überlegte ich, ob ich noch irgendeinen Hinweis vergessen hatte, aber mir fiel nichts mehr ein.


    „Ich denke, das war es dann von meiner Seite.“

    „Nun, der Praefectus Portuensis kam wie gesagt gar nicht zu Wort. Der Regionarius unterband eine Unterredung mit ihm.


    Wir folgten daraufhin dem Regionarius in sein Officium. Als erstes wurde ich dort gefragt, ob ich mir sicher bin, dass ich einen Beamten der Regio Germania Inferior leichtfertig des Amtsmissbrauches beschuldigen will. Von Leichtfertigkeit kann keine Rede sein. Ich weiß, was ich gehört und gesehen habe.


    Anschließend wurde ich gefragt, ob ich mir die Mühe gemacht hätte, zuvor mit ihm zu reden. Daraufhin habe ich dem Regionarius erklärt, dass die Armhaltung der vermummten Männer – mal abgesehen von ihrem Äußeren – keinen Zweifel daran bestehen ließ, dass sie den Händler mit Waffen bedrohten. Nicht umsonst schwitzte der Mann und schnappte nach Luft. Ich habe ihm erklärt, dass unter diesen Umständen niemand ernsthaft erwarten kann, dass sich einfache Passanten mit neugierigen Fragen in einen erpresserischen Akt mischen.


    Schließlich wollte mir der Regionarius weismachen, dass die beobachtete Tat zu einem Programm der polizeilichen Behörden der Stadt gehört, die zum Ziel haben soll, das Verbrechen aus der Stadt zu jagen.“


    Innerlich schüttelte ich noch immer den Kopf über diese Erklärung. Die Verbrechen mit einem Verbrechen bekämpfen? Ohne Kontrolle des Schiffes Geld von jemandem verlangen, der irgendwann in der Vergangenheit mal krumme Dinger gemacht hatte? Jeder wusste zudem, dass ein unter Druck abgegebenes Geständnis keinen Wert besaß und der Händler hatte noch nicht einmal etwas zu gestehen, denn Commodus glaubte ihm ja sogar seine ehrenhafte Wandlung. Und anschließend das erpresste Geld noch vor Ort an die Helfer verteilen?


    “Tja, nach dieser Auskunft ließ ich mir den Namen des Mannes nennen, mit dem ich gerade gesprochen hatte, denn weder stellte er sich vor noch hielt er einen Gruß für nötig, und verließ das Officium mit dem Hinweis, dass es sicher zweckdienlich wäre, meine Anzeige zu notieren und nicht nur die, sondern alles hier Gesagte und vor allem den mir erteilten Hinweis auf das „Programm“ dieser Stadt.“

    Ich versuchte, die Schilderung so sachlich wie möglich zu halten und unterließ jede eigene Interpretation. Auch konnte ich natürlich nur über meine Beobachtungen sprechen, Lydia musste sich selbst dazu äußern.


    „Es war gegen Abend des 19.12., als drei vermummte Personen den Hafen betraten. Einer von ihnen, sprach in Hörweite einen Händler an. Da er sich nicht um eine gesenkte Stimme bemühte, konnte ich die Worte gut verstehen, ich erkannte sogar den Mann.
    Er trat dicht an den Händler, den er mit Tiberius angesprochen hatte, heran. Seine beiden Begleiter stellten sich ebenfalls eng hinter den Händler und zwar so eng, dass dieser zu schwitzen und heftig zu atmen anfing.


    Dem folgenden Wortwechsel konnte ich entnehmen, dass jener Tiberius in der Vergangenheit nicht immer saubere Geschäfte gemacht hatte, nun aber - nach seiner Aussage - seit langem ein ehrenwerter Händler geworden war.
    Dieser Aussage schenkte jener Mann, den ich unter dem Namen Commodus kenne, Glauben. Wörtlich sagte er:
    "Nun, mein guter Tiberius, dass“, damit meinte er die Wandlung des Tiberius in einen ehrenwerten Händler, „will ich überhaupt nicht abstreiten. Aber bei deiner Akte... meinst du dir schenkt jemand Vertrauen, wenn er die gelesen hat? Wer einmal schmuggelt tut es immer wieder... Der Hafen ist sehr groß, und schnell kann mal etwas auf deinen Schiff geladen werden was der Zoll gar nicht aufgenommen hat... Stell dir mal vor sowas passiert und dann bekommt der Praefectus Portuensis auch noch einen heißen Tipp... Das wäre wohl dein Finanzielles Ende."


    Der ängstlichen Nachfrage des Tiberius, wie er dem entgehen könne, antwortete Commodus:"Oh, das ist ganz einfach. 800 Sesterzen bei jeden Besuch hier in CCAA kann dich vor solchen Unannehmlichkeiten schützen."


    Nachdem der Händler protestierte, erhöhte Commodus seine Forderung sogar auf 1.000 Sesterzen.


    Mit den Worten: „Aber ich hoffe meine Vergangenheit ist bei dir sicher“, übergab der Händler Tiberius das geforderte Geld.


    Commodus nahm es mit den Worten: "Solange mein Geld immer pünktlich da ist und du dein Maul halten kannst, sollte es keine Probleme geben.", an sich. Anschließend öffnete er den Beutel und übergab vor Ort seinen beiden vermummten Begleitern einen Teil. Sie verabschiedeten sich und verließen den Hafen.“


    Kurz überlegte ich, ob ich etwas ausgelassen hatte, aber dem war nicht so.


    „Das waren die Vorfälle im Hafen von Colonia Claudia Ara Agrippinensium.“

    Wieder nickte ich zustimmend. Der Einwurf des Legatus' war berechtigt.


    „Wie ich bereits deinem Schreiber erklärt habe, waren wir auch folgerichtig zunächst zum Praefectus Portuensis, in dessen Hafen sich der Vorfall ereignet hat, gegangen. Vermutlich wäre das Gespräch mit ihm zufrieden stellend verlaufen, wenn wir nicht von dem Regionarius Gaius Indignius Dragonius just in jenem Moment, als uns der Praefectus Einlass gewähren wollte, abgefangen worden wären. Der Regionarius Dragonius gab seinem Untergebenen zu verstehen, dass er die Sache regeln wolle.


    Diese Tatsache zusammen mit der unfreundlichen Begrüßung, die da lautete: "Was wird denn das hier?" und die fadenscheinige Erklärung, die uns der Regionarius bezüglich der Handlungsweise des mir bekannten Täters weismachen wollte, ließ mich zu dem Schluss kommen, dass er in diese Erpressung verwickelt sein muss. Du bist sein nächster Vorgesetzter. Mir blieb keine andere Wahl, als mich an dich zu wenden.“


    Ich legte eine kurze Sprechpause ein, um mich an den Vorfall zurückerinnern zu können. Die Bilder liefen vor meinem geistigen Auge ab und die Worte kamen mir wieder in den Sinn.

    Ich nickte zustimmend, genau das waren meine Gedanken.
    Bemüht, so konkret wie möglich auf die Frage des Legaten zu antworten, sparte ich mir die Bemerkung, dass Lydias Bezeichnung „Zwischenfall“ die Angelegenheit verharmlost darstellte.


    „Wir sind Zeugen einer Schutzgelderpressung geworden.“


    Bereit jederzeit ausführlicher zu werden, wartete ich auf Detailfragen.

    Gern hätte ich mir ein Wiedersehen mit dem Legaten Purgitius Macer unter andren Umständen gewünscht. Obwohl wir uns kannten, stellte ich mich für das Protokoll mit vollem Namen vor.


    „Salve! Mein Name ist Tiberius Corvius Cadior. Ich bin römischer Bürger und habe seit Mitte Mai die Stadtverwaltung von Mantua geleitet.“


    Besorgt schaute ich zu Lydia. Hoffentlich besaß sie gute Nerven und war hilfreich. Emotionale Ausbrüche würden uns nichts nützen, eher schaden.

    Fast hatte ich diesen Ausbruch erwartet. Bereit unmittelbar nach der beobachteten Tat war Lydia vollkommen kopflos gewesen. Ich legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.


    „Lydia, wir sind hier, damit solchen Machenschaften die Grundlage entzogen wird. Du kannst mit deiner Aussage am besten helfen, dass Leuten wie diesen das Handwerk gelegt und unser Reich sicherer wird. Beruhige dich, alles wird gut. Vertraue mir.“

    Bedauernd zuckte ich mit den Schultern.


    „Wir hatten leider keine andere Wahl, als hierher zu kommen. Die Tat selbst geschah im Hafen der Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Der Praefectus Portuensis , den wir zunächst aufsuchen wollten, war entweder beschäftigt oder nicht zugegen. Wir sind vom Regionarius Gaius Indignius Dragonius vor dessen Büro aufgefordert worden, ihm zu folgen. Die nachfolgende Unterredung hat jedoch in mir die Vermutung genährt, dass der Regionarius in diese Sache verwickelt ist und aus diesem Grunde haben wir uns gezwungen gesehen, die übergeordnete Stelle aufzusuchen. Deswegen sind wir hier.“


    Ich blickte flüchtig zu Lydia.

    ‚Oje’, dachte ich. So viel Lärm zu so früher Stunde. Trotzdem bemühte ich mich um einen freundlichen Tonfall bei meiner Antwort. ;)


    „Ich hasse sie. In den nächsten zwei Stunden werde ich höchsten in Ein-Wort-Sätzen sprechen.“
    Hoffentlich reichte das Lydia als Vorwarnung. Sie sollte nicht annehmen, ich sei komplett maulfaul geworden.


    Schweigend packte ich die wenigen Sachen zusammen. Für den Fall, dass Assindius uns nachreisen würde, hinterließ ich eine Nachricht. Anschließend nahm ich wortlos Lydias Gepäck und stiefelte los. Mit einer Kopfbewegung forderte ich sie auf, mir zu folgen. Ein Zwinkern sollte die Stimmung etwas heben, denn reden und ein früher Morgen passte eben nicht zusammen. Viele Meilen lagen vor uns ...

    Nach einer langen Reise kamen Lydia und ich in der Hauptstadt an. Der Tag war fortgeschritten.


    „Na, komm, Lydia. Lass uns die Angelegenheit hinter uns bringen.“Ich zwinkerte ihr aufmunternd zu. Es gab sicher schönere Tätigkeiten. Unser Ziel war der dem Regionarius übergeordnete Beamte und das war der Legatus Augusti pro Praetore. Gemeinsam betraten wir den Vorraum zum Officium des Legaten.


    „Salve“, begrüßte ich den Scriba. „Mein Name ist Tiberius Corvius Cadior. Meine Begleitung ist Lydia Lisander. Wir möchten den Legatus Augusti sprechen, denn wir sind Zeugen einer kriminellen Handlung geworden.“