Beiträge von Tiberius Corvius Cadior


    Angekommen in Colonia Claudia Ara Agrippinensium spazierte ich in Begleitung von Assindius durch die Straßen. Wir trafen viele Germanen und je näher wir dem Hafen kamen mehr und mehr Römer. Ich wollte einen zuvor geschriebenen Brief an meinen Pater auf einem nach Ostia auslaufenden Schiff abgeben. Gleichzeitig sollte ich die Mutter meiner Patronin hier treffen. Sie wollte im Namen der Aurelia, die stets gute Kontakte zu den Annaern gehalten haben, herzliche Grüße zur Verlobung des Annaeus Florus mit Iulia Andreia entrichten und ein Geschenk überbringen.


    Während ich mit Assindius am Steg stand, wurde ich Zeuge einer seltsamen Unterhaltung, die sich in meinem Rücken abspielte. Ich kannte die Stimme. Oh, ich kannte sie sehr genau. Unser letztes Zusammentreffen in Rom endete wenig erfreulich.
    Unauffällig trat ich zwischen zwei ebenfalls wartende Schiffspassagiere und dreht mich um. Tatsächlich. Ehrlos, wie seit Monaten, handelte er auch hier. Ich wurde Zeuge einer Erpressung. Zwei in Mäntel gehüllte Gestalten standen hauteng hinter einem schlotternden Mann. Vor diesem stand Commodus und ich hörte jedes seiner Worte. Eine Schutzgelderpressung, wie sie im Buche stand.


    Einzugreifen wäre Selbstmord gewesen. Ich kannte das gewissenlose Verhalten des Commodus und ich erkannte die Gefahr, die von seinen Begleitern ausging, rechtzeitig. Also wartete ich ab, bis er sich entfernt hatte und sprach umgehen die beiden wartenden Passiere an.


    „Salve, wir sind hier allesamt Zeuge eines kriminellen Aktes geworden. Kann ich mit euer beider Zeugenaussage rechnen?“


    „Ungern, jeden Moment muss unser Schiff eintreffen“, sagte einer der Männer mit Namen Titus Plocius Maximus.


    „Eine freiwillige Hilfe würde sicher ein gutes Licht auf euch werfen. Eine nachträgliche Suche nach sich ihrer Bürgerpflicht entziehenden Römern weniger“, gab ich zu bedenken.


    „Schon gut, wir werden behilflich sein“, versicherte der andere, der sich Kaeso Plocius Secundus nannte.


    Zufrieden mit der Antwort begab ich mich schnellstens zu dem Händler, der von Commodus Tiberius genannt worden war.


    „Salve, mein Name ist Tiberius Corvius Cadior. Ich und diese beiden Männer”, ich wies hinter mich, “sind Zeuge deiner Erpressung geworden. Mich interessiert dein Strafregister nicht. Du hast gesagt, du bist ein ehrenwerter Händler geworden. Das kannst du ganz schnell nachweisen, indem du dein Schiff unverzüglich inspizieren lässt. Liegt dir im Anschluss daran etwas am Rückerhalt der erpressten 1.000 Sesterzen und einer Strafanzeige, damit dir gleiches nicht beim nächsten Mal erneut widerfährt, stelle ich dir unsere Zeugenaussagen zur Verfügung.“


    Noch immer zitterte der Händler am ganzen Leib. Er wehrte ab, sah sich von weiteren Erpressern umgeben.


    „Wa … wa … was willst du denn dafür? Ich habe kein Geld. Bin gerade alles losgeworden.“


    „Keine Sorge, Tiberius, dafür verlange ich nichts. Ich werde auf andere Weise entlohnt, ich brauche kein Geld. Machst du keine Anzeige, mache ich sie, du kannst es dir überlegen. Du kennst deinen Erpresser offenbar und glaub mir, auch ich kenne ihn. Es ist nicht die erste unehrenhafte Tat, die er vornimmt, wenngleich einzig diese vor dem Gesetz strafbar ist.“


    „Ohne auf den Entschluss des Händlers zu warten, winkte ich die Männer her. Assindius, du wartest hier auf die Ankunft der Herrin. Entweder bin ich beizeiten zurück oder wenn nicht, dann führe sie in die Casa Annaea. Du warst mit Deandra bereits in diesem Haus. Und wir gehen jetzt zum Praefectus“, erklärte ich den beiden Zeugen.


    Eine Abordnung von drei Bürgern begab sich anschließend zum Officium des Praefectus Portuensis Quintus Terentius Alienus.

    Ein amüsanter Anblick, wie der Sklave hinter dem Häschen herhechtete. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, blieb ruhig auf meinem Pferd sitzen und setzte ein Grinsen auf. Genießerisch sah ich dem Treiben zu. Man bekam nicht alle Tage eine derartige Vorstellung geboten.


    Als er nach einigen Anläufen endlich den zukünftigen Braten gehändelt hatte, saß ich ab und trat näher.


    „Also, mir hat die Arbeitaufteilung gut gefallen. Meinetwegen müssen wir daran nichts ändern.“ Belustigt grinste ich Assindius an.


    Da ich nicht auf Kohlhase stand, drehte ich das Tierchen des Öfteren. Leckerer Bratenduft durchzog die Luft und ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Irgendwann war er gar und ich riss mir eine Keule ab. Herzhaft biss ich hinein. Ungewohnt dieses Art des Essens, aber es gefiel mir.


    „Morgen möchte ich Richtung Norden ziehen. Lass uns mal locker deine Assidingsdastadt anvisieren. Vorher kommen wir sicher noch an anderen Ortschaften vorbei. Immer vorausgesetzt, dass wir des nachts nicht erfrieren.“

    Daher kam also die Annahme, dass die Germanen Barbaren sind. Ich nickte verstehend. Ohne erst abzusteigen, wendete ich mein Pferd und trabte in den angrenzenden Wald. Der Blick zurück sagte mir, wo sich Assindius platzieren würde und ich späterhin das Tier treiben musste.


    Im Schritttempo ließ ich den Hengst zwischen den Bäumen durchstreifen. Ein Tier würde andere Tiere weniger verschrecken. Das hoffte ich wenigstens. Trotzdem dauerte es ewig, bis ich wenigstens einen Hasen entdeckte. Ich konnte ein Grinsen nicht verkneifen, als ich mir Assindius vorstellte, wie er diesen Gegner fertig machen würde.


    Ich kleinen Hopsern näherte sich der Hase dem Baum. Selbstredend, dass dies annähernd eine Stunde dauerte. Manchem seitlichen Schlenker musste ich begegnen, indem ich mein Pferd entsprechend führte. Es war eine wahre Geduldsprobe. Ob Assindius wohl ebenso viel Geduld auf seinem Baum aufbringen würde?


    Endlich rückte der spannende Moment näher. Besagter Baum mit germanischem Jäger kam ins Sichtfeld. Spannung pur. Hops und noch mal hops, bald war das Häschen an Ort und Stelle …

    Und wieder hatte ich Assindius’ Aufsteigen verpasst. So ein Mist aber auch. Den Rest des Weges trabte ich in lockerem Tempo, der Germane kam ja nicht in die Pötte. :D


    Bei Erreichen der Senke stieg ich vom Pferd. Schlagartig wurde mir klar, dass ich nicht mal eine Waffe hatte. Als Assindius endlich ankam, empfing ich ihn gleich mit meiner Frage.


    „Sag mal, wie hast du dir das Jagen eigentlich vorgestellt?“

    ‚Patenter Kerl’, dachte ich und nickte anerkennend.


    „Dann steuern wir am besten Assidingsda an. Schönste Frauen, bestes Met, größte Wildschweine … na, das klingt doch vielversprechend. Bärte und stärkste Männer hingegen brauche ich nicht, aber der Rest ist ausreichend. Dann lass uns mal ein Lager für die Nacht suchen. Zuvor gehen wir jagen …“ Falls ich das noch kann. „… Brennholz suchen … Haben das vor Urzeiten nicht die Frauen gemacht?“


    Ich marschierte zurück zu den Pferden und schwang mich auf den Rücken.


    „Wer als erstes in der Senke ist, fängt den Ochsen, den wir nachher essen.“ Und schon jagte ich los.

    Ich bemerkte das Grinsen bei meinem Begleiter und sah ihn fragend an. Was der wohl gerade dachte? :D


    Als die Abwicklung mit den beiden Alpenbauern erledigt war, musste ich erst mal was loslassen.


    „Kumpel, tu mir den Gefallen und red verständlich, wenn du in meinem Beisein bist. Ich kann die Einheimischensprache nicht mehr. Ich hoffe mal, die Leute haben dich verstanden. Sehr intelligent sahen die beide nicht aus. Ansonsten …


    Nun beginnt mein Urlaub. :D Wir müssen uns um Essen und eine Bleibe für die Nacht kümmern. Dabei habe ich nicht vor, an einem Ort lange zu bleiben. Ich will was sehen vom Land und natürlich was erleben. Von wo kommst du eigentlich her?“

    Ich glaub’, ich hatte mich verhört. Zwergenbegleiter? Ich war gebürtiger Germane und um keinen Deut kleiner als Assindius.
    Ich plusterte mich auf, regte mich aber gleich wieder ab. Es brachte nichts rumzustreiten.


    „Gut, dann folgen wir ihr mal.“ Während des Laufens überlegte ich angestrengt, wie ich einem Germanen den Weg nach Rom erklären sollte. Außerdem musste ja auch noch Eis in die Villen Mantuas, nach Ostia und Misenum.


    Aufzeichnen wäre vielleicht die einfachste Lösung.


    Bei den beiden Männern angelangt, erklärte ich die Menge, legte für jede Villa eine Zeichnung an, hinterließ die jeweiligen Namen der Villen und sah dann Assindius an.


    „Den Vorschuss bekommen die Leute jetzt, die Hauptbezahlung erfolgt bei Ablieferung.“


    Ich nickte dem Sklaven zu, er möge den Beutel locker machen oder wenigstens einen Teil davon. Albern genug, dass er als Sklave das Geld der Patronin aufbewahrte.

    Verdutzt blickte ich meinen ortsunkundigen Begleiter an. Hatte mir Deandra ihn nicht extra wegen seiner Kenntnisse mitgegeben? Hach, wenn man sich nicht um alles selbst kümmert ...


    „Dann lass uns mal loslaufen. Den erstbesten Bauern sprechen wir einfach an. Es geht außerdem nicht um einen Eisverkauf. Die Leute erhalten ein Taschengeld, wenn sie das kostenlose Eis der Alpen in die aurelischen Villen transportieren. Es wird zum Verzehr und für die Kühlung gebraucht.“


    Nach einigen Meilen des Weges erblickte ich doch tatsächlich ein altes Mütterlein auf einer Alm.


    „Bitte sehr, mein Reisebegleiter. Sprich sie auf unser Anliegen an.“ Zu etwas musste der Sklave ja gut sein. ;)

    Germanischen Boden unter den Füßen. Von der kurzen Reise zu Beginn des Jahres einmal abgesehen, lagen Jahrzehnte zwischen mir und dieser Provinz. Ich wollte in Begleitung von Assindius den römischen Alltag für gewisse Zeit vergessen und zurück zu den Wurzeln finden. Ob es noch meine waren, würde sich später zeigen.


    „Assindius, als erstes kümmern wir uns einmal um die Eislieferung für die Patronin. Dazu müssen wir jemanden finden, der in den Alpen lebt und damit Handel betreibt. Du kennst dich besser aus. Welcher Ort ist dafür am besten geeignet?“

    In Begleitung von Assindius, dem Leibsklaven meiner ehemaligen Herrin und jetzigen Patronin Aurelia Deandra, ritt ich die Straße entlang, die uns nach Germanien führen sollte. Eine Zeit der Erholung und Entspannung lag vor mir. Ich würde das arbeitsfreie Leben in vollen Zügen genießen. Vermutlich würde ich danach erneut ein Amt bekleiden, aber darüber dachte ich derzeit nicht nach. Also hing ich meinen Gedanken nach, mich drängte nichts. Der Spaß würde wohl erst in Germanien losgehen. Bis dahin sollte ich alle Verpflichtungen und andere hinderliche Gedanken von mir gestreift haben.

    Sim-Off:

    :D Du bist echt das Beste, was mir im IR je widerfahren ist! :D


    Irgendwie saß der Sklave noch immer nicht im Sattel. Ich grinste. Traute der sich nicht? Etwas wollte ich noch warten, dann würde ich absteigen und ihm raufhelfen. „Geht’s?“, fragte ich anteilnehmend. :D

    Ein Blick genügte und ich wusste Bescheid.


    „Ah, Assindius nehme ich an? Erstmalig bekomme ich als ehemaliger Sklave einen Sklaven an die Seite.“ Ich grinste. „Nur damit keine Missverständnisse aufkommen … Mein Gepäck trage ich selbst und auch sonst wünsche ich nicht, dass du deine Hand unter meinen Hintern hältst. Alles klar?“


    Sogleich wandte ich mich an meinen Bruder.


    „Gib gut Acht auf unsere Stadt und ansonsten … wir sehen uns wieder.“


    Ich umarmte Ingeniosus, klopfte ihm auf das Schulterblatt und verschwand mit meinen Gepäckstücken aus der Tür. Draußen angelangt verstaute ich die Sachen auf dem Pferd, was als Begleittier laufen sollte. Anschließend nahm ich die Zügel meines Schimmels, griff in den Mähnenansatz und schwang mein Bein über den Rücken des Hengstes. Das Gestüt benötigte um diese Zeit die Deckhengste nicht und so waren unsere Tiere allesamt männlich. Die Stuten waren zumeist tragend. Für sie wäre eine solch lange Reise zu strapaziös gewesen.


    „Wie sieht es aus, Assindius? Kommst du?“


    Abwartend saß ich im Sattel.

    "Viele Häuser stehen leer, weil deren Bewohner auswärts tätig sind. Ich weiß, das ist jetzt auch kein Trost."


    Dass mir mein Bruder die Abreise schwer machen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Vielleicht war das aber normal, wenn ein Großteil Verantwortung die Schultern wechselte.


    "Natürlich komme ich zurück! Ein paar Wochen wird es allerdings dauern."


    So richtig einschätzen konnte ich es allerdings nicht.


    "Auf jeden Fall bin ich nicht aus der Welt. Du kannst mir jederzeit Briefe schreiben. Nachteilig ist, dass die Factioversammlungen wegfallen. Darauf hatte ich gezählt. Vielleicht hätte ich doch eher diese Reise antreten sollen. Du wirst jedenfalls merken, wenn du mehrere Monate eine Stadt verantwortlich geführt hast, bist auch du erholungsreif. Klar ist auch, dass ich mich dann über deinen Urlaubswunsch nicht gefreut hätte."


    Verständnisvoll nickte ich.

    Ich begab mich auf den Marktplatz der von mir so lange betreuten Stadt. Es war seit Moanten geplant, dass ich mich zumindest zeitweise aus der Verwaltung zurückziehe.


    "Als Bürger dieser Stadt nutze ich die Möglichkeit, die Forderung auf Neuwahlen für die Stadtverwaltung zu stellen. Ich rufen zum sofortigen Zeitpunkt die Wahl aus. Kandidaten mögen sich stellen. Es sind zwei Posten als Duumvir zu vergeben.


    Die Amtsperioden sind neuerdings vier Monate. Nicht kürzer, aber möglicherweise länger. Ich werde in dieser Periode nicht kandidieren, aber keine Sorge - ich komme garantiert zurück."


    Damit verließ ich den Marktplatz und ging zurück in die Casa Corvia.