Er schritt sehenden, aber nicht kontrollierenden Auges Richtung Podest. In jüngeren Jahren wäre Menecrates bei einem vergleichbaren Akt deutlich angespannter gewesen als jetzt. Er vertraute den Beauftragten und wurde nicht enttäuscht. Sein Blick erfasste den augenfälligen Opferplatz samt Foculus, er nahm die Absperrungen, die Tribüne sowie Wachsoldaten wahr und erblickte die kleine Gruppe des Collegium Pontificium. Das anvisierte Ziel - die kleine Tribüne - rückte in den Hintergrund, er schwenkte ab und steuerte auf die Gruppe zu. Die Anwesenheit von insgesamt vier Pontifices zeigte ihm, welche Bedeutung der Kaiser trotz seiner Abwesenheit der Weihung zukommen ließ.
"Salvete!", grüßte er beim Eintreffen, nickte jedem zu und verweilte kurz bei Flavius Gracchus. Gern hätte er ihm zur Ernennung seines Sohnes gratuliert, aber er fand, das Thema passte hier und heute nicht. Er würde es nachholen.
"Ich freue mich über eure Anwesenheit und bin sicher, sie wird dazu beitragen, die einst hier Lebenden für unser Bauvorhaben milde zu stimmen." Nach ein paar höflichen Worten verabschiedete er sich, um anschließend eine weitere kleine Gruppe zu passieren. Einige Ministri und Popae hielten sich bereit, die Kohle in der Feuerstelle glimmte bereits.
Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Weihehandlungen konnten jederzeit beginnen, wenn Menecrates das Zeichen gab. Er nickte den Ministri und Popae zu, schenkte ihnen ein Lächeln und entdeckte schließlich Iulius Avianus, der wegen seiner angepassten Tunika zunächst nicht aus der Gruppe hervorstach, nun aber auf ihn zutrat.
"Iulius, ich bin von dir Perfektion gewohnt und auch hier hast du deinem Ruf alle Ehre gemacht. Natürlich bin ich zufrieden! Ich gehe noch kurz zur Tribüne, dann komme ich wieder. Du kannst mich begleiten oder warten." Menecrates hatte entschieden, nicht persönlich die Opferhandlungen vorzunehmen, sie aber auch nicht wie einer der geladenen Gäste von der Tribüne aus zu verfolgen. Er höchstpersönlich wollte die Genii Loki um ihre Gunst bitten, denn die Station war sein Schützling, sein Herzblut und jede Mühe wert.
Er schritt weiter Richtung Tribüne, um die Ehrengäste zu begrüßen, bevor er zur Opferstelle zurückkehren wollte. Centurio Octavius fing ihn allerdings vorher ab und meldete. Die Informationen nahm Menecrates zufrieden entgegen, nur das Salutieren musste er unbedingt noch mit den Urbanern über. Natürlich musste diese Respektsgeste nicht fortlaufend gezeigt werden, aber zumindest beim ersten Aufeinandertreffen von Untergebenen und Vorgesetztem. Eine offene Kritik sparte er sich, denn er wollte die Weihung nicht mit schlechten Worten belasten. Stattdessen blickte er zu dem Mann, der ihm vorgestellt wurde. Eigentlich hatte er keine Zeit, aber da Menecrates durch und durch höflich war, konnte er unmöglich weitergehen, ohne wenigstens nachzufragen.
"Germanicus Cerretanus, was gibt es?" Es klang nicht unfreundlich, eher ein bisschen besorgt, da Menecrates nicht wusste, was auf ihn zukam.
Als letztlich auch dieses geklärt, er sich beim Betreten der Tribüne die Füße waschen ließ und dort alle Ehrengäste begrüßt hatte, kehrte Menecrates an die Opferstelle zurück. Allein die Tatsache, dass am unteren Ende der Tribüne eine Wasserschale aufgestellt war, zeigte ihm, wie sorgfältig die Weihung organisiert war.
Am Opferplatz angekommen, atmete er einmal durch. Dann trug auch schon ein Helfer die Wasserschale heran und während ein weiterer nochmals seine Füße wusch, reinigte er sich die Hände. "Möge dieses Wasser alle Unreinheit von meinem Körper waschen wie das Verwandeln von Blei in Gold. Reinige den Verstand. Reinige das Fleisch. Reinige den Geist. So ist es."
Er ließ sich die Hände abtupfen, dann fuhr er fort.
"Werte Ehrengäste, Bürger und Soldaten Roms. Wir sind heute zusammengekommen, um die Genii Loki dieses Platzes zu besänftigen. Ruft mit uns die Geister der hier ehemals Lebenden an und bittet um ihre Gnade, dass sie unserem Vorhaben, ihnen ein Bauwerk unbekannter Funktion auf ihr Land zu setzen.“ Er blickte in die Runde und verfolgte, wie die Anwesenden mit Wasser besprenkelt und somit gereinigt wurden.
Erst danach legte er ein Stück der Toga über den Kopf und hob die Handflächen.
"Geister, die ihr hier ruht; Götter, die ihr uns betrachtet - seid uns wohlgesonnen. Wir stören eure Ruhe und bitten um Vergebung. Wir möchten auf diesem Grund eine Station für die Sicherheit bauen und erbitten euer Wohlwollen. Nehmt unsere Gaben an und entschuldigt unser Handeln. Wir schätzen euch sehr."
In Iulia Aviana Minor erkannte Menecrates die Verwandte seines Tiro, der heute eine besondere Rolle zuteil wurde. Menecrates überließ den Fortgang ihr.