Sein Nicken bestätigte die Aussage, Wahrheit zugesichert bekommen zu haben. Es gab auch keine Alternative für sie. Tiberius griff das Wort Güte auf und stellte fest, selten welche erfahren zu haben. Nur darauf kam es Menecrates nicht in erster Linie an. Er wartete zunächst auf einen passenden Moment, denn er wollte den in Gang gekommenen Redefluss nicht verschütten.
"Es ist hilfreich, wenn man Güte erweisen möchte, selbst diese Erfahrung gemacht zu haben, aber zwingend erforderlich ist das nicht. Du weißt jetzt, wie es sich anfühlt. Du weißt, dass Güte stärkt und die Bitterkeit nimmt. Denkst du, dies befähigt dich, eigene Güte auszustrahlen?" Er blickte nicht zweifelnd, eher aufmunternd. "Darauf, Tiberius, käme es an." Davon hing die Zukunft des Trecenarius' in vielfältiger Hinsicht ab: die Wahrnehmung anderer und seiner selbst, ob Menecratres ihm auf dem Weg half, selbst der weitere Lebensweg - beruflich wie privat.
Es gehörte Mut und Überwindung dazu, als gestandener Mann einen anderen um Hilfe zu bitten. Der Nachdruck, mit dem Tiberius bat, offenbarte dessen Notlage und berührte Menecrates im Innersten. Er hatte als Legat nicht wenige Soldaten gesehen, deren Kriegserlebnisse starke Veränderungen bewirkten. Ängste hielten Männer gefangen, Schlaf wollte sich nicht einstellen, Regungen des Gemütes schienen unter eine fetten Schicht von Trümmern begraben. Tiberius erinnerte den Claudier an sie. All diese Kämpfer Roms hatten einen Neuanfang verdient. Wenn nicht sie, wer sonst?
Er legte seine Hand auf die Schulter des Tiberiers.
"Es rettet dich nicht, mein Klient zu sein. Ich kann dir den Weg zeigen, ja, und auch sonst behilflich sein, aber beschreiten musst du ihn selbst. Bist du schon soweit? Und falls ja, wohin führt dich dein Weg?"
Er drückte noch einmal die Schulter, dann senkte er den Arm. "Deine Antwort wird uns zeigen, ob ich der passende Patron für dich bin." Es war keine Ablehnung, dafür zeichnete ein feines Lächeln zu offensichtlich das alternde Gesicht. Aber Menecrates bot seine Hand nur als Steighilfe an. Sie diente nicht als Ankerplatz, um in Müßiggang zu versinken.