Der Consul hörte Dives bis zum Ende zu, auch wenn er gleichzeitig realisierte, dass die zuerst erscheinende Kooperation wohl doch eine Fehleinschätzung war.
"Tja, so hat jeder seine Sorgen", erwiderte er auf den langen Redebeitrag des Iuliers. Eine Mischung aus Resignation und Nachdenklichkeit bei gleichzeitigem Unverständnis ergriff ihn. "Wie es scheint, macht sich aber außer mir keiner Sorgen um den Verfall der alten Werte. Nicht einmal diejenigen Senatoren, die den unerhörten Auftritt der Sergia miterlebt haben."
Er atmete einmal durch, dann schwieg er, bevor sich Senator Flavius Gracchus zu Wort meldete. Auch hier hörte er genau zu und die Auskunft gab ihm zu denken. Zugegeben, Menecrates gehörte zu den besonders gläubigen Römern, aber er würde sich nie anmaßen, den Willen der Götter deuten zu können. Gracchus hingegen wusste, wovon er sprach. Vermutlich handelte Menecrates aus Unkenntnis übervorsichtig.
"Ich habe das Herculesopfer während meiner Praetur vor allem als Sühneopfer verstanden. Ich kannte damals - im Grunde bis gestern - die Ursache der staatlichen Krise nicht und ich neige wohl dazu, Unerklärliches auf den Willen der Götter zurückzuführen. Es beruhigt mich erheblich, wenn hier offensichtlich die Meinung herrscht, dass kein göttlicher Wille hinter dem Aufstand steckt. Das macht die Bekämpfung der Ursache im Grunde einfachter.
Die Erkenntnis, das Verstehen der Zusammenhänge jedoch, kam gestern so plötzlich und glich einer Eingabe wie projiziert auf mich von einem Gott."
Er blickte von Gracchus, zu Iulius, dann in die gesamte Runde. Auch zu Scato blickte er, dessen Wortmeldung zunächst enttäuschend auf ihn gewirkt hatte, dem er aber bescheinigen musste, wie besonnen er vorging.
"Werte Senatoren, ich bitte euch, hört mir zu. Ihr alle seid Römer. Ihr gebt alles für das Reich, um es zu stärken, und doch ist das manchmal nicht genug. Wir müssen es zeitweilig auch schützen, vor allem vor dem Verfall. Rom fußt auf einem Wertegerüst und wenn wir erlauben, dass auch nur ein Fuß dieses Gerüstes wegbricht, fängt Rom an zu kippen. Es wird straucheln und schließlich zusammenbrechen, wenn wir die Stütze nicht erneuern. Lasst uns die alten Werte schützen!"
Er sammelte seine Gedanken, dann fuhr er fort.
"Es ist schwer in Worten zu beschreiben, was die Kommission gestern erlebt hat. Das Auftreten der Zeugin Sergia hat mich zutiefst schockiert und der Kommission vor Augen geführt, was passiert, wenn Frauen die Karrieren von Männern beschreiten. Sie trat unsere alten Werte mit Füßen. Sie prahlte, sie verhielt sich fordernd, respektlos und verhöhnte offen die anwesenden Offiziere, Senatoren und den Consul. Sie beschmutzt das Bild unserer tugendhaften Römerinnen. Ich bin heute mit einem Stapel an Wachstafeln erschienen. Wer sich ein Bild machen möchte, der kann in den Abschriften des Sitzungsprotokolls nachlesen. Hervorheben möchte ich das Gedankenprotokoll meines Ianitors, der mir den Auftritt der Sergia an der Porta beschrieben hat!"
Er nahm die Wachstafeln, jede trug einen von Sergias Redebeiträgen, und verteilte sie willkürlich in der vordersten Reihe.
"Es stand mir mit einem Male vor Augen, dass dieses Vorbild, was so laut durch Roms Straßen krakelt, dass sie eine Ritterin aus eigener Kraft ist, wo sich doch ein Römer in Bescheidenheit üben sollte, dass es diese fatale Vorbildwirkung ist, die Frauen ermutigt, sich über Männer zu stellen. Die Frauen ermutigt, Männer zu morden, denn Tatsache ist, es gab in den Anfängen nur männliche Mordopfer und die Täterin hieß Varia. Und selbst wenn Sergia nicht krakelend in Erscheinung tritt, weiß doch jeder in Rom, dass Frauen männliche Karrierewege beschreiten.
Ich möchte das Bild tugendhafter römischer Frauen nicht verlieren. Es soll nicht im Strudel der Wertezerstörung untergehen." An dieser Stelle klang Wehmut mit, aber schnell fasste sich der Consul und rief das Gremium an.
"Stellt eure Befindlichkeiten, eure Sympathien und Abneigungen in den Hintergrund. Hier geht es nicht darum, wer und ob sich jemand profilieren könnte, hier geht es um unser Rom. Lasst uns zusammenarbeiten und einen gemeinsamen Gesetzesentwurf kreieren, der all unsere Sorgen berücksichtigt. Meine, eure, jede einzelne. Ich bin dafür bereit, von einzelnen Positionen meines Entwurfes abzurücken."
Er suchte in den Gesichtern nach der Grundstimmung, die vorherrschte, dann fuhr er fort.
"Mir ist Folgendes wichtig: Ich möchte zumindest in Rom keine Frau in einer ritterlichen oder senatorischen Position sehen und ich möchte für das gesamte Reich ein Ausbildungsverbot für Frauen an der Waffe, mit Ausnahme für Sklavinnen."