Beiträge von Herius Claudius Menecrates

    Menecrates ließ sein eigenes Personal am Haupttor zurück. Von hier folgte er unbegleitet dem Offizier und seinen Soldaten. Es spielte für den Claudier keine Rolle, dass er heute erstmalig die Castra Praetoria betrat, weil sich seine Gedanken einzig um das Kommende drehten. Er blickte weder nach rechts noch nach links. Stattdessen versuchte er, mögliche Szenarien zu entwerfen und seine jeweilige Entscheidung vorwegzunehmen. Dabei kam er nicht auf die Idee, sich eine in Wohlgefallen auflösende Situation vorzustellen. Er kannte Morrigan. Sanftheit, Fügsamkeit und Willigkeit waren Attribute, die noch nie zur Perserin gehörten und warum sollte sie ausgerechnet jetzt über diese hilfreichen Eigenschaften verfügen?


    Als Tiberius vor einer Zelle hielt und signalisierte, dass sie am Ziel seien, riss er Menecrates aus seinen Gedanken. Die Schultern des Claudiers strafften sich, vielleicht versteiften sie sich auch nur, und seine Augen blickten hellwach. Das Gitter öffnete sich geräuschvoll und ohne es zu wollen, assoziierte es Menecrates mit einem sich öffnenden Maul. Er konnte bislang nichts außer den Gitterstreben sehen. Zähnen gleich ragten sie aus Decke und Boden. Was der Schlund barg, blieb noch ungewiss, eines jedoch stand fest: Der Atem dieses Schlundes schlug dem Claudier auf den Magen. Es mochte vielleicht auch Aufregung sein, aber auch ohne diese roch es hier unten nach allem nur nicht nach frischer Luft. Eine Zumutung für jeden, der sich hier länger aufhalten musste.


    Der Freigabe zum Eintreten ging eine kurze Kontrolle voraus. Menecrates' Augen versuchten indes, das diffuse Licht zu durchdringen. Die Sicht auf die Gefangene blieb ihm versperrt, bis die Soldaten zur Seite traten. Zwei Schritte trat er anschließend vor, dann signalisierte man ihm, zu verweilen.
    Er erblickte Morrigan, ohne sie jedoch rein optisch zu erkennen. Ein Haufen Körper und Gebein kauerte in augenscheinlich unbequemer Position. Er glaubte, Leben zu erkennen, ohne einschätzen zu können, ob sie der Wahrnehmung fähig war. Er ließ es zu, beeindruckt zu sein, versuchte es aber, mit sich selbst auszumachen. Was hatte er auch erwartet? Eine gepflegte Frau, ansprechbar und gleichzeitig zur Kommunikation bereit? Oder fürchtete er etwa, sie könne wie ein verwundetes Tier urplötzlich aufspringen?
    Derlei Begutachtung brachte ihn nicht voran, also schob er die Gedanken beiseite. Er atmete einmal durch, ohne tatsächlich Atemluft zu erhalten, dann machte er mit einem Räuspern auf sich aufmerksam.


    "Wir kennen uns. Ich bin Claudius Menecrates", stellte er sich vor und wartete ab, ob und wie Morrigan reagierte.

    Der sofortige Aufbruch war ganz in Menecrates' Interesse. Warten hätte Grübeln bedeutet, was nichts brachte. So aber rückte die Aufklärung greifbar nahe.
    Womit er sich allerdings nicht einverstanden zeigte, war die Eskortierung. Er folgte zwar dem Offizier, weil der seine Eintrittskarte darstellte, aber er nahm bis zur Castra eigenes Personal mit - unter anderem seinen Leibwächter Marco. Am Ende verbreitete sich noch die Neuigkeit, der Claudier sei abgeführt worden. Nicht, dass Menecrates viel auf die gemeine Zunge gab, aber er wusste auch, wie viel Schaden sie anrichten konnte und da er das Consulat anstrebte, konnte er üble Nachrede jetzt erst recht nicht gebrauchen.

    Nicht belogen zu werden, war eine feine Sache. Der Claudier schätzte Aufrichtigkeit sehr. Andererseits bekam Menecrates weder Bestätigung noch Dementi zu hören, was ihn weiterhin in Ungewissheit beließ. Er musste Morrigan sehen, sie selbst hören und in ihre Augen blicken. Diese Wahrheit wog sehr viel mehr als jede Aussage eines Dritten. Hinzukam, dass er den Offizier nicht kannte und somit nicht einzuschätzen wusste, ob er mit der Deutung von dessen Gestik und Mimik richtig lag oder nicht.
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    Er nickte ebenso ernst wie sein Gast. Ihre grundlegende Übereinkunft zeigte diese kurze, aber beiderseits eindeutige nonverbale Kommunikation. "Danke", erwiderte Menecrates, der es nicht für selbstverständlich hielt, dass seinem Wunsch stattgegeben wurde. Die Chance stand fünfzig zu fünfzig. "Ich wäre bereit", versicherte er, sollte eine schnelle Abwicklung im Sinne des Gardeoffiziers sein.


    Das Leben lehrte Menecrates, mit vielen und mit überraschenden Wendungen zu rechnen. Allerdings wäre ihm nie in den Sinn gekommen, je vor einer solchen Situation zu stehen. Er wusste nicht, was ihn im Kerker erwarten würde, ging aber erst einmal vom Schlimmsten aus und das eindeutig Schlimmste wäre eine hasserfüllte Morrigan, der es danach gelüstete, X-beliebige Bürger Roms zu massakrieren. Er wusste nicht, wie er dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Marco fiel ihm ein, auf den er selbst dann allerdings rund um die Uhr würde verzichten müssen. Er ahnte nur, dass Morrigan kaum eine Alternative blieb, sollte er sich außerstande sehen, seine Familie einer latenten Gefahr auszusetzen. Es blieb abzuwarten, wie latent die Gefahr war.

    Der Offizier besaß Stil, so viel musste ihm Menecrates lassen. Seine Kinderstube dürfte nicht die schlechteste gewesen sein, was der Claudier gewiss nicht von allen im bekannten Prätorianern sagen konnte. Seine erste Begegnung mit einem Prätorianer lag Jahrzehnte zurück. Menecrates weilte in Mantua und versah seinen Dienst bei der Prima. Er schlug damals das Angebot aus, zu der Kaisergarde zu wechseln, alleine weil der damals vorstellige Offizier vor Überheblichkeit strotzte.
    Zeit, um in Erinnerungen zu schweifen, blieb nicht. Spätestens als der Mann vor ihm von einem Auftrag des Kaisers und einer Bitte der Prätorianer sprach, war Menecrates' Aufmerksamkeit geweckt. Er vergaß sogar die Belagerung seines Atriums und als nachfolgend die Aufklärung kam, hoben sich ein wenig seine Brauen. Die Nachricht war ungewöhnlich genug, um mehr Überraschung zu zeigen, aber das verbot seine Beherrschung. Stattdessen blickte er den Offizier für Augenblicke regungslos an. Er musste zunächst sortieren.
    Sein erster Gedanke: Dieser ganze Aufwand galt nur einer ehemaligen Sklavin seines Hauses. Wie banal, ja geradezu lächerlich, doch plötzlich überkam ihn ein Verdacht.


    "Meine ehemalige Sklavin Morrigan ist in die Unruhen verwickelt", spekulierte er. Seine Stimme klang belegt und monoton. Unruhen, die Menecrates' Familie in Schrecken und Todesangst versetzt hatten. Sein Blick wanderte zu einem imaginären Punkt im Atrium, er musste seiner Ernüchterung Herr werden. Sekunden später wurde ihm das Anliegen in Gänze klar: Mit der Rücknahme der Sklavin wäre er in der Verantwortung, sie zu kontrollieren, möglicherweise zu bessern. Auf alle Fälle erwartete man von ihm, dass von ihr zukünftig keine Gefahr mehr für Rom ausging.


    Er suchte wieder den Blickkontakt, bevor er fragte: "Besteht die Möglichkeit, vorher mit ihr zu sprechen?" Seit Morrigans Auszug waren immerhin Jahre vergangen.

    "Siehst du, Faustus, die Korruption hat Hochkonjunktur und du fragst mich vor kurzem, warum ich dich beschenke? Die Römer, auf die man sich blind verlassen kann, sind rar gesät. Ich möchte tun, was ich tun kann, um mich deiner Gesellschaft dauerhaft zu vergewissern."
    Er nahm ebenfalls noch eine Eihälfte und verlängerte so die Ei-Essorgie.


    "Ja, genau dieser Livianus. Außerdem war er vor sehr vielen Jahren mein Legat. Aber anders als bei Macer", sie erlebten ja gerade die mangelnde Verbundenheit, "ist aus dem Dienstverhältnis Freundschaft geworden. Seiner Unterstützung wäre ich gewiss gewesen, leider weilt er nicht in Rom, weswegen ich nicht der Aurata beitreten kann." Er zeigte die leere Handfläche und fügte an: "Wahrscheinlich wären zwei ehemalige Legaten auch zu viel in einer Factio." Er schmunzelte.


    "Faustus, ich möchte gern, dass du dich bei beiden Factiones umhörst. Die Häuser der Factio Praesina und der Factio Purpurea sind beide im Umfeld der Trajansmärkte zu finden. Vielleicht ist es dir danach möglich, eine Meinung zu bilden. Ich wüsste auch gerne, wie offen man in beiden Factiones für einen Investor ist, der nicht gedenkt, im Hintergrund zu bleiben."

    Die offizielle Verkündung der Sieger stand an. Der Sprecher besaß ein weithin hörbares Organ, als er die Lenker aufrief. Menecrates stand neben ihm und an seiner Seite drei Sklaven - jeder hielt etwas in den Händen.

    "Platz drei beim Wagenrennen anlässlich des Wahlkampfes von Senator Claudius Menecrates belegt
    Prusias Kynegros aus der Factio Veneta."


    Beifall brandete auf, während Menecrates einen Lederbeutel aus der Hand des ersten Sklaven entgegennahm.
    "Glückwunsch zu Platz drei“, sagte er und überreichte den Beutel mit klingender Münze.

    "Platz zwei belegt Amasis aus der Factio Russata."
    Wieder ließ sich Menecrates einen Lederbeutel geben. Dieser war doppelt so groß wie der erste.
    "Glückwunsch zu Platz zwei."“ Der Beutel wechselte den Besitzer, bevor der Ausrufer begann, mit schwingenden Armbewegungen das Publikum zum Klatschen und Jubeln zu animieren.

    "Sieger des Wettkampfes ist…" Der Jubel sollte an Wirkung zunehmen, bevor er weitersprach. "…Hamiris, der für die Factio Veneta angetreten ist."

    Unter Beifall überreichte Menecrates mehrere Lederbeutel mit Münzen, sowie einen Pokal und ein Medaillon aus reinem Gold. "Gratulation zum Sieg meines Wahlkampfrennens!"

    Sim-Off:

    Übergabe in der WiSim



    Menecrates winkte noch einmal den Zuschauern zu, dann verließ er die Sandbahn. Sicherlich wollte der Sieger noch eine Ehrenrunde drehen.
    Bald darauf leerte sich das Stadium und auch Menecrates verließ in Begleitung seiner Familie, seinem Sekretär und den hauseigenen Helfern eine der bedeutendsten Stätten seines Wahlkampfes.

    Er nickte bei fast jedem Satz, den Faustus sagte, ging aber erst einmal auf die Aussage zu einer eigenen politischen Karriere ein.
    "Solltest du je deine Meinung ändern und doch einmal kandidieren, werde ich dich ins Schlepptau nehmen", versicherte Menecrates lachend. "Ansonsten nehme ich mir zwar vor, deutlich egozentrischer zu werden, aber ob mir das gelingt, ist eher zweifelhaft. Wir alle kommen schlecht aus unserer Haut. Außerdem denke ich , wer Gutes sät, wird Gutes ernten können." Er stockte, weil seine Aufzählung vorhin das Gegenteil bewies. Er half bisher jedem, der ihn fragte. Fragte einmal er, wies man ihn ab.
    Sein Blick, der Faustus traf, musste Bände sprechen. "Was soll's." Er schüttelte den Kopf, denn seine Lebensdevise bekam Risse und wankte.


    "Faustus, welche Factio würdest du wählen? Die Praesina ist eine Factio mit langer Tradition. Sie gehört zum Kleeblatt der Jahreszeiten und verkörpert den Frühling." Er lächelte, denn er mochte den Frühling. "Das Wermutströpfchen ist einer der sich hervorhebenden Mitglieder. Du kennst ihn vermutlich noch: Marcus Artorius Rufinus. Es gibt außerdem absolut keine erfolgreiche Wagenlenker." Er zuckte mit der Schulter und fuhr fort.
    "Die Purpurea und die Aurata wurden erst viel später eingeführt. Die Aurata fällt außerdem aus, du hast es ja gehört. Livianus ist ein Mann, denn ich gewiss nicht übergehen möchte. Er ist ein guter Mann. Bliebe alternativ die Purpurea. Ihre Lenker sind allerdings nur unbedeutend besser. Es gibt keine fragwürdigen Mitglieder, so viel ich weiß, leider ist sie auch eine eher neumodische Factio."


    Sichtlich gespannt wartete Menecrates auf Faustus' Meinung.

    Nachdem Macer gegangen war, schlenderte Menecrates ins Atrium zurück. Er wirkte gedankenversunken, als er eintrat.
    "Was denkst du?", fragte er Faustus, "wird er meine Kandidatur öffentlich unterstützen?" Ein zweifelnder Blick traf Faustus, dann beantwortete sich Menecrates die Frage selbst. "Ich denke nicht. Zweimal habe ich das Thema angesprochen, zweimal ist er nicht darauf eingegangen."


    Er nahm sich den Teller mit den Eihälften, ging zur Sitzgruppe und setzte sich. "Komm, greif zu", bot er Faustus an.
    "Wenn ich einmal resümiere, dann habe ich zu einhundert Prozent eine abwehrende Haltung angetroffen bei jedem Senator, den ich bisher um Unterstützung gebeten habe. Es begann beim Kaiser, es ging weiter bei den beiden amtierenden Consuln und es endete hier und heute. Ich denke, daraus kann ich Lehren ziehen." Er würde zukünftig seine Unterstützung nur der Familie zukommen lassen. Auch der erweiterten Familie, sofern Sympathien im Spiel waren, was nicht immer zutraf. Klienten wären noch unterstützenswerte Kandidaten, aber danach hörte ab sofort seine Gönnerhaftigkeit auf. Er wollte sich nicht zum Hampelmann machen.


    "Was hältst du übrigens von den Factiones? Welche würdest du wählen?"

    "Oh", entfuhr es Menecrates und er musste über sich selbst schmunzeln, als er den Hinweis des Consuls hörte. "Ja, richtig. Sogar noch eine ganze Weile", bestätigte er, danach hörte er weiter zu. Als Rabuleius schließlich mit einer Frage endete, blickte Menecrates ihn einige Augenblicke wortlos an. Er überlegte währenddessen, ob er gerade wieder etwas Falsches gesagt hatte. Es klang so, als wäre eine Einladung zum Essen keineswegs angebracht bei einem Wunsch wie dem von ihm geäußerten.
    "Was müsste es denn stattdessen sein", fragte er in einer Naivität, die wohl nur einem aufrechten Mann zueigen sein kann oder einem Träumer oder einem Kind.

    Mit der Peitsche schwingend, trieben die Lenker ihre Tiere in die letzte und entscheidende Runde.
    Hamiris startete einen erneuten Angriff auf den führenden Amasis und ein Teil der Zuschauer sprang von den Sitzen. Der erste Platz wird wohl zwischen diesen beiden Lenkern ausgefochten werden. Hamiris konnte nicht vorbeiziehen, denn Amasis behauptete die Führung weiterhin. Prusias Kynegros versuchte, wieder Anschluss an die Führungsgruppe zu finden, was ihm schließlich gelang. Er verdrängte dabei Bagoas. Und auch Pigor Secundus schob sich langsam näher heran.
    Perikles, Oxtaius und Lusorix schienen ihre Tiere verausgabt zu haben. Es gab weder Rangeleien noch Aufholmanöver oder nennenswerte Einbrüche. Diese Lenker liefen am Ende in der gleichen Reihenfolge ins Ziel wie in der Runde zuvor. Aber noch war der Wettkampf an der Spitze nicht entschieden. Es kämpften Hamiris und Amasis um Platz eins und Bagoas mit Prusias Kynegros um Platz drei, wobei sich Pigor Secundus auch noch nicht geschlagen geben wolltel. Bald waren diese drei Wagen kaum noch in der Staubwolke der beiden vor ihnen laufenden zu erkennen. In einem packenden Finish konnte Prusias Kynegros auf den letzten Metern seine Kontrahenten noch auf die nachfolgenden Plätze verweisen.
    Vor ihm - und bevor er Platz drei für sich sichern konnte - rasten Amasis und Hamiris ins Ziel. Gekämpft hatte Amaris heldenhaft, aber den längeren Rest-Atem besaß Hamiris bzw. dessen Pferde.


    Platz eins belegte Hamiris aus der Factio Venta, Platz zwei ging an Amasis aus der Factio Russata und den dritten Platz sicherte sich noch ein Lenker aus der Veneta: Prusias Kynegros.
    Auf den weiteren Plätzen: Pigor Secundus, der beste Lenker aus der Factio Albata, gefolgt von Bagoas aus der Russata, Perikles aus der Albata, Oxtaius aus der Veneta und Lusorix aus der Albata.

    Nachdem die Wagen zum Stillstand gekommen waren, betrat der Ausrufer das Oval. Auch der Ausrichter des Wettkampfes Claudius Menecrates begab sich auf die Sandbahn und wartete, bis der Jubel der Fans und auch die Buhrufe der anderen verstummten.

    Als Menecrates sein Atrium betrat, konnte er nicht umhin, wieder einmal die Belagerung des eigenen Heimes durch Prätorianer als unangenehm zu empfinden. Würden sie seinem Schutz dienen, sähe es anders aus. Er plante, seinem Personal für zukünftige Besuche eine andere Reihenfolge anzuordnen. Sie würden zuerst ihn holen und er danach entscheiden, wohin der Einlass erfolgen sollte - falls er erfolgen sollte.
    Nichtsdestotrotz erwartete er Nachrichten und somit neue Informationen aus der Castra, was ihn wiederum versöhnlich stimmte. Eine gewisse Distanz wahrte er trotzdem.


    Er machte den Kommandieren aus und ließ sich Zeit auf dem Weg Richtung Wasserbecken. Dann verhielt er den Schritt - in dessen Nähe - und grüßte.
    "Salve, was ist der Grund für den Besuch?" Ein Druck in der Magengegend ließ ihn daran zweifeln, dass erhoffte Informationen eintrafen, und er ließ ihn nicht unbedingt gastfreundlich erscheinen.

    Die fünfte Umrundung der Spina brachte weder Spannung noch Überraschungen. Fast jeder Überholversuch wurde vereitelt. An der Spitze veränderte sich nichts - Hamiris lag immer noch vor Amaris und Bagoas. Die Lenker schienen ihre Plätze sichern zu wollen. Wer im Windschatten eines anderen fuhr, sparte zudem die Kräfte seiner Tiere. Platz vier wurde weiterhin von Perikles gehalten und Platz fünf von Prusias Kynegros. Auf dem letzten Platz, und scheinbar zu keiner Steigerung fähig, liegt Oxataius. Einzig der Zweikampf zwischen den Factiokollegen Lusorix und Pigor Secundus ging in eine neue Runde und am Ende der fünften lag schließlich doch Pigor Secundus wieder vor Lusorix.

    Der eine oder andere Unmutslaut hallte über das Oval, weil die Zuschauer mehr Aktionen sehen wollten. Alle hofften auf eine Steigerung der Spannung in Runde sechs.
    Lange tat sich nichts beim letzten Gespann des Feldes, aber plötzlich holte es auf. Zu erwarten, dass es derart viel verlorenen Boden gutmachen könnte, wäre vermessen gewesen, aber immerhin schob sich dieses Gespann einen Platz nach vorn. Schlusslicht dieser Runde bildete nun Lusorix.Pigor Secundus und Prusias Kynegros schienen sich zu verbünden. Sie griffen in einer Zange den bislang vor ihnen liegenden Perikles aus der Factio Albata an und es gelang ihnen schließlich diesen Lenker vom bislang sicher geglaubten vierten Platz auf den sechsten zu verdrängen. So etwas wollten die Zuschauer sehen. Natürlich nicht alle, denn während die einen jubelten, schreien erbost die anderen. Die Aktion brachte aber wieder Spannung ins Geschehen, was letztlich allen gefiel.
    Bagoas verteidigte seinen dritten Rang, während Amasis das wohl schnellste Tempo des gesamten Wettkampfes aus seinen Pferden holt, um sich vor der finalen Runde den Spitzenplatz zu sichern. Lange hielt Hamiris aus der Veneta dagegen, aber schließlich musste er Amasis aus der Russata ziehen lassen.

    "Ja, sehr gerne", erwiderte Menecrates auf die Ankündigung, dass sie sich bei der Rede im Senat und beim Wagenrennen erneut begegnen würden. Das 'oder', hoffte er, traf nicht zu. Er geleitete den Gast noch zur Porta.
    "Vielen Dank für die vielen guten Hinweise. Und - wie gesagt - ich würde mich freuen, wenn du meine Kandidatur unterstützt."

    Natürlich strebte Menecrates nicht danach, ganz Rom für sich zu gewinnen, aber da es sich um seine erste Kandidatur zum Consulat handelte und er wenig Glück beim Antreffen von ehemaligen Consuln hatte, begann er, sich Gedanken zu machen. Da half es sehr, jemand zu sprechen, der in dieser Sache bereits Erfahrungen sammeln konnte.

    "Wenn du der Meinung bist, diese Vorbereitungen reichen aus, dann will ich gern auf dein Wort vertrauen. Halbe Sachen mache ich nicht, ich werde mich in jeden meiner Plänen hineinknien. Ich wusste nur nicht, ob das, was ich initiiere, auch ausreicht. Dann danke ich dir für deine Zeit und deinen Rat."

    Während Menecrates auf das Ergebnis der Eingeweideschau wartete, nahm er einen Luftzug wahr, der ihn seitlich traf, aber nur die Wange berührte. Die Götter sandten viele Zeichen. Sie ließen Vögel fliegen, sandten Blitze, ließen Wasser sprudeln und sandten Luftzüge aus. Im Moment des Zeichens lächelte Menecrates, denn er wusste, ohne es wirklich wissen zu können, dass die Eingeweideschau positiv ausging.
    Prompt erklang der Ruf des Priesters: "Litatio!"
    Menecrates nickte lächelnd und sah dankbar zu seinen Enkelkindern, während das Opfer bereits zerteilt wurde. Ein Schenkel und weitere wertvolle Teile wurden der Göttin geopfert, einen Teil bekam die Priesterschaft und den Rest - verfügte Menecrates -soll an Hungerleidende verteilt werden.


    "Lasst uns nach Hause gehen", schlug er zufrieden seinen Enkelinnen vor, als sich die Priesterschaft bereits zurückgezogen hatte.

    Als die Gespanne um den Wendepunkt rasten, gab es Gedränge, in dessen Folge Perusias Kynegros von Oxtaius von der Bahn gedrängt wurde. Nutzen konnte der Lenker aus der Veneta den Patzer des Venetalenkers nicht, denn den gutgemachten Boden verlor er bereits auf den nächsten fünfzig Metern. Er beendete Runde drei wieder als Letzter. Am Ende des Feldes gab es generell keine Veränderung: Pigor Secundus lag immer noch vor Lusorix und Oxaitus, aber an der Spitze des Feldes tat sich etwas. Dem Gedränge am Wendepunkt konnte Hamiris - ebenfalls aus der Veneta - gekonnt entgehen. Er nutzte den Freiraum und gab seinen Pferden die Zügel frei. Für die Zuschauer entwickelte sich das Rennen zu einem echten Nervenkiller, denn längst „sicher“ geglaubte, fielen zurück und auch in dieser Runde arbeitete sich ein Gespann vom Mittelfeld an die Spitze, jener Hamiris. Platz drei belegte Bagoas aus der Russata, der eine solide Leistung zeigte, Platz fünf hält Perikles aus der Albata.

    Runde vier brachte keine Veränderungen an der Spitze. Es schien, als wollten die ersten drei Platzierten nur ihre Plätze halten. Hamiris aus der Veneta führte vor Amasis aus der Russata und Bagoas, ebenfalls aus der Russata. Prusias Kynegros versuchte seinen vierten Platz zu halten, musste dann aber den aufholenden Perikles aus der Albata vorbeiziehen lassen. Auf den hinteren Plätzen kam auf gerader Strecke etwas Spannung auf. Es zeichnete sich ein Zweikampf zwischen zwei Wagen der Albata ab. Lusorix, der bisher Siebtplatzierte, versuchte, seine Position zu verbessern, was ihm kurz vor Ende der vierten Runde auch gelang. Er verdrängte seinen Factiokollegen Pigor Secundus und schickte ihn Platz acht.

    "Vermutlich denken Bürger, die gepflegte Feindschaften zu anderen Mannschaften hegen, alleine deswegen weniger an Unruhen im Staat, weil sie ganz in der Factio-Feindbild-Rolle aufgehen", mutmaßte Menecrates. "Es wird sie vom Alltag ablenken", sann er weiter. "Das Mitfiebern gibt ihnen Erfüllung." Er selbst konnte es nur bedingt nachvollziehen, aber seine geplante Aktivität in einer Factio sollte auch nicht die eigenen Gelüste stillen.


    "Jedenfalls habe ich viel zu durchdenken Dank deiner Informationen." Auch Menecrates wollte den Besuchstermin nicht ewig ausdehnen, denn es gab unglaublich viel zu tun, aber er wäre ein schlechter Gastgeber, würde er dem Gast dies zu verstehen geben. Er trank stattdessen einen Schluck Quellwasser.

    Das Startsignal erfolgte, die Gitter der Tore öffneten sich und die Gespanne stürzten aus ihren Boxen. Peitsche schwingend trieben die Aurigae diePferde in den Galopp. Die ersten über 100 Meter der Strecke war es den Lenkern verboten, die auf den Boden gemalten Linien zu missachten und in die Bahn eines anderen zu kreuzen. An dieser Stelle punkteten die bloße Schnelligkeit der Tiere und das Geschick des Lenkers, diese so schnell wie möglich in den vollen Galopp zu bringen.
    Den besten Start erwischte dabei Hamiris aus der Veneta gefolgt von zwei Gespannen, eins aus der Albata gelenkt von Perikles, das andere aus der Russata gelenkt von Amasis. Jede Factio konnte jubeln, denn einer ihrer Lenker mischte ganz vorne mit.
    Im Nu war die Strecke zurückgelegt und die Gespanne mussten sich einsortieren. Dabei drängte Amasis den Lenker aus der Albata - Perikles - von der Bahn, sodass dieser etwas an Boden verlor. In rasendem Tempo ging es um die hintere Zielsäule und auf der Gegenseite zurück zur Wendemarke nahe dem Startpunkt. Die drei am besten gestarteten Gespanne lagen immer noch vor dem Feld - Hamiris vor Amasis und Perikles - während Pigor Secundus: offensichtlich in Schwierigkeiten steckte. Seine Pferde wirkten steif, als hätten sie sich vorher nur ungenügend warmgelaufen. Er bildete das Schlusslicht. Vor ihm Bagoas, Lusorix und Oxtaius.


    Es ging in die zweite Runde und je ein Ei und Delfin, die den Zuschauern die jeweilige Runde anzeigten, wurde runtergenommen. Prusias Kynegros, der in der ersten Runde nur im Mittelfeld lag, startete einen überraschenden Angriff und überrumpelte dabei seine Gegner. In einer beispiellosen Aufholjagd zog er an einem Gespann nach dem anderen vorbei und schaffte es sogar, den herausgearbeiteten Vorsprung in Runde drei mitzunehmen. Perikles und Amasis verstrickten sich in Zweikämpfe, was sie die vorderen Plätze kostete. Sie rutschten ab auf Platz fünf und vier. Bagoas wiederum, bei kaum jemandem auf dem Schirm, fuhr ein taktisch kluges Rennen. Während sich andere verzettelten, nutzt er die Chance und schob sich Stück um Stück vor. Am Ende dieser Runde haben seine Pferde die Nase bis auf den zweiten Platz vorgeschoben.
    Als Letzte dieser Runde umfuhren Pigor Secundus (als drittletzter), Lusorix als Vorletzter und Oxtaius als Letzter die Wendemarke.

    Musikanten und Sänger sowie die Wagen vom Ausrichter der Spiele und seines Sekretärs verließen das Oval, während Iulius Avianus mit seinen Helfern noch die Gewinne unter das Volk brachte. Fast alle Kugeln fanden einen Besitzer, einige wenigen würden im Nachhinein und zu Füßen von Zuschauern noch entdeckt oder zertreten werden.
    Als auch dieser Wagen die Sandbahn verließ, betrat ein Ausrufer das Oval. Er hielt eine Wachstafel in den Händen, hob den Arm, um für Ruhe zu sorgen, und begann anschließend zu brüllen: "Gemeldet zu diesen Spielen haben die Factiones Russata, Albata und Veneta.
    An den Start gehen:
    Von der Factio Russata - Amasis und Bagoas,
    von der Factio Albata - Pigor Sekundus, Perikles und Lusorix
    und von der Factio Veneta - Hamiris, Prusias Kynegros und Oxtaius."


    Der Ausrufer ließ den Fanblöcken Zeit, ihren favorisierten Lenkern zuzujubeln, bevor er weitersprach.

    "Die Startplätze wurden durch Losentscheid ermittelt. Demnach starten die Lenker in folgender Reihenfolge von rechts nach links:
    Pigor Sekundus, Oxtaius, Bagoas, Hamiris, Perikles, Lusorix, Amasis, Prusias Kynegros."

    Spätestens jetzt erfasste die Aufregung auch den letzten Wagenlenker und Zuschauer. Selbst die Pferde spürten die Spannung und ließen sich vom Lärm der Zuschauer beeinflussen. Nicht jedes Gespann ließ sich willig in die Startbox führen. Schweiß trat den Helfern auf die Stirn und auch einzelne Pferde schwitzten, wenn auch nicht vor Anstrengung, so doch vor Aufregung. Einzelne wieherten oder schnaubten, andere scharrten mit den Hufen.


    Claudius Menecrates, der Editor, befand sich inzwischen in seiner Loge und erhob sich in diesem Moment. Er warf seinen Enkelkindern noch einen Blick zu, dann hob er das Tuch. Es diente als Startsignal, sobald er es fallen ließ.
    Lange zögerte er nicht, dann sank das Tuch zu Boden, die Startboxen öffneten sich und die Gespanne zogen an.