Menecrates ließ sein eigenes Personal am Haupttor zurück. Von hier folgte er unbegleitet dem Offizier und seinen Soldaten. Es spielte für den Claudier keine Rolle, dass er heute erstmalig die Castra Praetoria betrat, weil sich seine Gedanken einzig um das Kommende drehten. Er blickte weder nach rechts noch nach links. Stattdessen versuchte er, mögliche Szenarien zu entwerfen und seine jeweilige Entscheidung vorwegzunehmen. Dabei kam er nicht auf die Idee, sich eine in Wohlgefallen auflösende Situation vorzustellen. Er kannte Morrigan. Sanftheit, Fügsamkeit und Willigkeit waren Attribute, die noch nie zur Perserin gehörten und warum sollte sie ausgerechnet jetzt über diese hilfreichen Eigenschaften verfügen?
Als Tiberius vor einer Zelle hielt und signalisierte, dass sie am Ziel seien, riss er Menecrates aus seinen Gedanken. Die Schultern des Claudiers strafften sich, vielleicht versteiften sie sich auch nur, und seine Augen blickten hellwach. Das Gitter öffnete sich geräuschvoll und ohne es zu wollen, assoziierte es Menecrates mit einem sich öffnenden Maul. Er konnte bislang nichts außer den Gitterstreben sehen. Zähnen gleich ragten sie aus Decke und Boden. Was der Schlund barg, blieb noch ungewiss, eines jedoch stand fest: Der Atem dieses Schlundes schlug dem Claudier auf den Magen. Es mochte vielleicht auch Aufregung sein, aber auch ohne diese roch es hier unten nach allem nur nicht nach frischer Luft. Eine Zumutung für jeden, der sich hier länger aufhalten musste.
Der Freigabe zum Eintreten ging eine kurze Kontrolle voraus. Menecrates' Augen versuchten indes, das diffuse Licht zu durchdringen. Die Sicht auf die Gefangene blieb ihm versperrt, bis die Soldaten zur Seite traten. Zwei Schritte trat er anschließend vor, dann signalisierte man ihm, zu verweilen.
Er erblickte Morrigan, ohne sie jedoch rein optisch zu erkennen. Ein Haufen Körper und Gebein kauerte in augenscheinlich unbequemer Position. Er glaubte, Leben zu erkennen, ohne einschätzen zu können, ob sie der Wahrnehmung fähig war. Er ließ es zu, beeindruckt zu sein, versuchte es aber, mit sich selbst auszumachen. Was hatte er auch erwartet? Eine gepflegte Frau, ansprechbar und gleichzeitig zur Kommunikation bereit? Oder fürchtete er etwa, sie könne wie ein verwundetes Tier urplötzlich aufspringen?
Derlei Begutachtung brachte ihn nicht voran, also schob er die Gedanken beiseite. Er atmete einmal durch, ohne tatsächlich Atemluft zu erhalten, dann machte er mit einem Räuspern auf sich aufmerksam.
"Wir kennen uns. Ich bin Claudius Menecrates", stellte er sich vor und wartete ab, ob und wie Morrigan reagierte.