Sie verstand seine Andeutungen nicht, verstand sein mühseligen Versuch nicht, ihr zuverdeutlichen, welche Ziele er denn hatte. Anders konnte er ihre Reaktion nicht deuten. Sah sie in seinen Worten wirklich nicht die Hinweise, das er so viel mehr wollte, als nur eine heimliche Affaire ? War denn die Vorstellung, das er sie zu seiner Frau haben wollte so abwegig ? Lag es daran, das er ein Patrizier war und sie nicht ? Kam sie deshalb nicht zu dem Schluss, wie ernst er es mit ihr meinte ? All das schwirrte in seinem Kopf herum, während er einfach da stand, und sie beobachtete, wie sie den Ohrring wieder ablegte, ihre ganzen Worte kamen ihm so fern und so fremd vor. Oder hatte sie ihn verstanden und wollte es nicht, das er um sie warb ? Dieser Gedanke schmerzte ihn genauso wie die Vorstellung, sie könnte seine Worte als zurückweisung empfunden haben.
Er verfluchte innerlich die Entfernung, welche nach Germanien herrschte, verfluchte alles, was ihn davon abhielt, die klaren und deutlichen Worte zu wählen, die er sonst zu wählen gewohnt war. Und es war gerade in diesem Moment, als sich an der Tür etwas regte, Stimmen laut wurden. Anscheinend hatte Titus sie eingeholt und stritt nun mit dem Tütwächter umeinlass. Doch kaum blickte er in den Laden herein, traf in ein klarer, kalter Blick seines Tribuns, der ihn sofort wieder umgekehren liess. Und auch der Händler, der wegen der Geräusche wieder zum Vorschein kam, bekam den Blick des Tiberius Vitmalacus zu spüren. Und es war ein Blick, der ihn lieber wieder zurück in seine hinteren Räume verschwinden liess, so viel ärger und auch Zorn war darin zu lesen, das es wirklich besser schien, den Kunden zunächst einmal in Ruhe zu lassen.
Doch Tiberius Vitamalacus hatte die kleine Unterbrechung genutzt, einen Entschluss zu fassen. Zu oft schon hatte das starre Festhalten an den Regeln der Tradition in seinem Leben und dem von Menschen, denen er nahe stand, für Leid und Schmerz gestanden. Und er war nicht mehr der Jüngling, der seinem Grossvater befehle erteilte, heute war er es gewohnt zu befehlen. Auch wenn sein Grossvater im Raum wäre, er hätte sich gerade jetzt ihm wiedersetzt. Nein, er war entschlossen klare Worte zu wählen, nicht auf ihre Ausweichen einzugehen, er würde dieses Missverständniss nicht so zwischen ihnen stehen lassen.
"Helena,"begann er leise, immer noch da stehend, wo er sie in seinen Armen gehalten hatte, etwas das er gerne wieder getan hätte, doch sie hatte sich gelöst und er wollte sich ihr auch nicht aufdrängen, "es ist nicht so, das ich dich nicht begehre. Nein, das tue ich, mehr als ich seit langem eine Frau begehre. Es gibt für mich zur Zeit nichts schöneres, als Zeit nur mit dir zu verbringen, dich in meinen Armen zu halten und zu küssen. Ja, das will ich ..."
Und wie er dieses wollte, jede Faser seines Körpers schrie nach ihr, verlangte nach ihrer Nähe, doch er wollte doch auch mehr und so wählte er die Worte, die er sich schon so häufig zurecht gelegt hatte, für den Fall, das eine Antwort aus Germanien käme. "Als ich nach Rom kam, führte ich mit jedem meiner Familie ein Gespräch, darüber, das es die Pflicht eines Römers sei, zu heiraten. Mich selbst sparte ich dabei aus, schliesslich war ich es schon gewesen und ich habe schon einen Sohn. Doch bald darauf lernte ich jemand kennen, jemand der mir die Augen öffnete für die Zukunft und das Schöne im Leben. Und ich erkannte, das ich seit langem es gewohnt war meine Entscheidungen allein zu treffen, das mir jemand fehlt an meiner Seite, jemanden den ich schätze und vertraue, mit dem ich nicht nur das Bett teile, sonder auch meine Entscheidungen besprechen kann, und sei es nur mal, um meine eigenen Gedanken zu ordnen."
Jene Nacht in der er diesen Entschluss fasste, liegt immer noch fest in seinem Gedächtnis eingebrannt, sie gehört zu seinem neuen Leben, so wie Helena dazu gehört. "So fällte ich eine Entscheidung und ich wünsche mir, diese ist meine letzte allein getroffene. Ich schrieb einen Brief an meinen Freund Numerianuns, legte einen Brief an deinen Vater bei. Eigentlich verbietet mir die Tradition mir, mit dir darüber überhaupt zu sprechen, bevor ich eine Antwort erhalten habe und vielleicht hätte ich lieber einen anderen Ort gewählt, doch ich möchte, das du weisst, welche absichten ich hege."
Kurz hält er inne, blickt sie an, fast scheint er noch zu zögern, eine Antwort fürchtend, die ihm nicht gefällt, doch dann fährt er fort, seine Stimme fest und entschlossen."Helena, ich wünsche mir nichts mehr, als noch mehr Zeit mit dir zu verbringen. Doch ich möchte dich nicht als meine Geliebte, sondern als meine Ehefrau."