Beiträge von Ein Vigil

    Wie immer standen zwei Vigiles am Tor und hielten Wache. Einer der beiden hatte sich gemütlich an die Wand hinter sich gelehnt und redete gerade von dem Mädchen, für das er aktuell schwärmte und welches er vielleicht zu heiraten gedachte, wenn seine Dienstzeit vollendet war, während der andere ihn ein wenig aufzog.
    “Ich schwöre, sie ist das schönste Wesen unter der Sonne!“
    “Die Frau hat nur drei Zähne, und die sind auch noch schief!“
    “Stimmt doch überhaupt gar nicht! Ihre Zähne sind strahlend weiß und sie hat das schönste Lächeln auf der ganzen Welt!“
    “Bist du sicher, dass wir von demselben Mädchen reden?
    “Na, offensichtlich nicht, denn sonst würdest du nie so etwas über sie sagen! Sie ist die wiedergeborene Venus! Und ich werde sie heiraten!“
    “Deine wiedergeborene Venus weiß noch nicht einmal, dass du existierst. Und ich wette, dass sie schon fleißig dabei ist, einen anderen von ihren Qualitäten als Ehefrau zu überzeugen.“
    “Wie meinst du das?“
    Und just da wurde der zweite Vigil aus einer möglichen Erklärungsnot heraus von dem ankommenden Interessenten gerettet. Ein kurzer, musternder Blick, gefolgt von der Standardeinweisung:


    "Geradeaus über den Hof, zweite Tür links von der großen Tür in der Mitte ist das Rekrutierungsbüro. Da melden zur Musterung."

    Und wieder hatten zwei Vigiles den Dienst am Tor, wie meistens. Nur, wenn wirklich irgendwo ein Großbrand herrschte, war die Station ganz und gar verlassen. Doch so etwas passierte ja glücklicherweise äußerst selten. Und wenn kein Großbrand war, war die Torwache vielleicht etwas langweilig, dafür aber auch sehr gemütlich.
    Die beiden unterhielten sich also gerade über die Vorzüge diverser Lupanare in der Nähe des Venustempels, als ein neuer Anwärter ankam. Ein kurzer Blick für die erste Einschätzung, ob man einen möglichen baldigen Kameraden vor sich hatte: Er hatte noch alle Gliedmaßen, war nicht blind, sah nicht irre aus. Ein bisschen heruntergekommen, aber noch nicht ganz verfloht. Kurz zusammengefasst: Brauchbar.


    "Geradeaus über den Hof, zweite Tür links von der großen Tür in der Mitte ist das Rekrutierungsbüro. Da melden zur Musterung."

    Ein erleichtertes und dennoch schmerzhaftes Stöhnen entrang sich der Kehle des Vigils. So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Langsam, seine Hände schützend vor die malträtierte Stelle haltend und humpelnd ging er voraus zu seinen Listen. Er suchte ein wenig und trug dann mit krakeliger Schrift in eine der Listen etwas ein. “Da, bitte. Zufrieden?“ zischte er Feras zu und zeigte ihm die Liste.

    “Aaaah, bist du Wahnsinnig? Lass mich los, du Schwanzlutsch...AAaah!“ schimpfte und schrie der malträtierte Vigil und versuchte irgendwie, sein bestes Stück aus dem Griff zu bekommen, ohne Feras dazu zu bringen, ihm entscheidende Teile davon zu zerquetschen. Blanker Hass stand in seinen Augen, aber ebenso die Panik vor dem, was passieren könnte. Feras machte sich hier definitiv keinen freund. “Schon gut, schon gut. Da drüben... im Regal. Nimm dir ein Paar und hau ab!“

    Na, das war aber ein schnelles Einverständnis! Der Vigil schaute noch einmal kurz verwirrt, grinste dann aber breit und ging nur allzu gerne mit Feras weiter nach hinten. Konnte es wirklich sein, dass er hier so einen Glücksgriff gemacht hatte? Wenn Feras ohnehin auf Kerle stand, konnte man das Ganze ja vielleicht ausbauen zu einem regelmäßigen Engagement. “Genau, wenn wir fertig sind, bekommst du die Caligae“ bestätigte er nochmal.
    Als sie beide weit hinten in der Rüstkammer angekommen waren, vom Eingangsbereich gut abgeschottet durch ein vollbeladenes Regal, öffnete er schnell sein Cingulum und ließ es zu Boden fallen. Das klimpernde Ding wäre nur hinderlich.

    “Spaßvogel“, kam es ein wenig mürrisch von dem Vigil auf die Bemerkung mit den Nägeln hin.
    Als er gefragt wurde, was er wollte, taxierte der Mann den Tiro vor sich. Wenn der Kerl Geld gehabt hätte, hätte er versucht, zu einem Schuster zu gelangen. Außerdem machte niemand diese Arbeit, wenn er Geld hatte. Wenn er erst einmal die Caligae herausgerückt hatte, wäre es möglich, dass eine entsprechende Gegenleistung einfach vergessen werden würde, und er hatte keine Chance, sie ernsthaft einzufordern, ohne sich selbst zu verraten. Also entweder jetzt etwas gleichwertiges, oder gar nichts.
    Und eigentlich gab es da nur eines, was ihn vielleicht interessieren könnte. Er sah an dem Mann noch einmal auf und ab und sagte dann: “Wie wär es, wir gehen mal eben kurz etwas weiter nach hinten in die Rüstkammer und du bist ein wenig nett zu mir?“

    “Erste Centurie? Bwahahahaha, viel Spaß“, lachte der Vigil los und ließ damit erkennen, dass er jetzt schon wusste, was da kommen würde.
    “Wie stellst du dir das vor? Ich muss über jeden einzelnen Nagel hier buchführen. Über jeden Nagel! Weißt du, wieviele Nägel in so einem scheiß Schuh sind?“
    Der Vigil schüttelte den Kopf und machte eine kleine Pause. “Dein Centurio wird dich barfuß marschieren lassen, bis dir die Fußsohle abfällt. Ich könnte ja ganz vielleicht was organisieren, aber was gibst du mir dafür, dass ich dich vor Grisuix decke?“

    “Bitte was?“ fragte der Vigil, der heute hier in der Rüstkammer seinen Dienst schob und gerade versuchte, sich durch diverse Materiallisten zu kämpfen. “Wie können sich Caligae in Luft auflösen? In welcher Centurie bist du? Welches Contubernium?“

    Dies ist das Dienst- und Schlafzimmer des amtierenden Centurios der ersten Centurie der zweiten Cohorte Esquilina der Vigiles.


    Im Moment wohnt hier ein leicht untersetzter Gallier namens Grisuix, der seine Dienstzeit bei den Vigiles eigentlich schon längst hätte beenden können, wenn er nur gewollt hätte.

    IN NOMINE IMPERII ROMANI
    ET IMPERATORIS CAESARIS AUGUSTI



    ERNENNE ICH
    FERAS


    MIT WIRKUNG VOM
    ANTE DIEM XI KAL MAI DCCCLXVIII A.U.C. (21.4.2018/115 n.Chr.)


    ZUM
    TIRO - VIGILES


    NUMERIUS SCAEVIUS CAMERINUS [NSC]
    -------------- Praefectus Vigilum --------------

    Der Rekrutierungsoffizier nickte.
    “Gratuliere, du bist nun ein Vigil. Hier dein Einsatzbefehl. Melde dich heute noch bei deiner Cohorte, damit du passend eingekleidet bist und dir dein Schlafplatz zugewiesen wird. Die Grundausbildung erfolgt dort.“


    IN NOMINE IMPERII ROMANI
    ET IMPERATORIS CAESARIS AUGUSTI


    Der Tiro FERAS wird hiermit der


    COHORS II ESQUILINA


    der Vigiles zugeteilt.
    Er hat sich in der Castra der Cohors II Esquilina zur Grundausbildung unverzüglich zu melden.


    "IURANT AUTEM MILITES OMNIA... SE STRENUE FACTUROS.... QUAE PRAECEPERIT IMPERATOR CAESAR AUGUSTUS, ...NUMQUAM DESERTUROS MILITIAM... NEC MORTEM RECUSATUROS... PRO ROMANA REPUBLICA"flüsterte der Offizier also stückchenweise vor.

    Stata Mater ist die Göttin, die das Mauerwerk vor Feuer schützt und die Flammen erstarren lässt, damit wir sie löschen können. Sie verhindert, dass das Feuer auf andere Gebäude überspringt. Deshalb gibt es ihr zu Ehren in Rom fast so viele Gedenktafeln wie für die Laren. In der Nähe jeder der kleinen Castrae ist ein Schrein ihr zu ehren, an dem jede Nacht Fackeln entzündet werden und zwei Vigiles Wache stehen, damit kein Spaßvogel auf die Idee kommt, die Fackeln zu klauen. Am Forum Romanum ist auch eine große Statue von ihr“, erklärte der Rekrutierungs-Vigil auskunftsfreudig und ging dann mit Feras weiter zum Sacellum.

    “Hier wirst du deinen Eid ablegen vor der Standarte der Vigiles und dem Bildnis des Kaisers. Wenn du Lesen kannst, hier ist eine Tafel mit dem Text. Wenn nicht, dann sage ich dir die Eidformel leise vor, und du sprichst sie nach.“
    Der Offizier aus dem Rekrutierungsbüro hielt Feras eine Wachstafel mit dem Schwur entgegen, die er nun nehmen konnte, oder eben nicht. Lesen konnte ja schließlich nicht jeder. War zum Feuerlöschen aber auch nicht weiter wichtig.

    “Sehr schön. Dann kommt jetzt die übliche Belehrung. Die Vigiles gehören nicht zum Exercitus Romanus, unterliegen aber weitestgehend denselben Regeln. Du wirst zunächst als Tiro aufgenommen und erhältst eine Grundausbildung, die insbesondere den Einsatz der Feuerlöschwerkzeuge beinhaltet, aber auch ein rudimentären Kampftraining. Danach bist du ein vollwertiger Vigil und als solcher verantwortlich für Brandschutz, Brandlöschung, Verfolgung von kleineren Straftätern und entflohenen Sklaven, Nachtwache und Aufrechterhaltung des Kultes der Stata Mater.“ Kurz hielt er inne und überlegte, ob er wohl etwas vergessen hatte. Dann fuhr er fort.
    “Es gibt drei Mahlzeiten am Tag und du wohnst in der dir zugeteilten Castra. In deinem Fall... hmhmhm...“ Er sah seine Listen durch und suchte wohl nach derjenigen Einheit, die am dringendsten Nachschub benötigte. “.. ach, nehmen wir die Cohors II Esquilina. Ohne Erlaubnis darfst du dich nicht von deiner Cohorte entfernen. Dies gilt insbesondere im Brandfall! Du hast sämtlichen Befehlen deiner Vorgesetzten stets und ohne Widerspruch zu gehorchen. Die Ausrüstung wird dir für die Zeit deines Dienstes gestellt. Du verpflichtest dich für sechs Jahre zum Dienst. Dies ist kürzer als bei anderen Einheiten, allerdings haben die Vigiles auch das höchste Risiko für Tod, Verstümmelung, Erblindung und dergleichen durch Brand. Wenn du die sechs Jahre überlebst, erhältst du die Möglichkeit... ach, nein, du bist Libertinus, also erhältst du das Recht für deine Kinder, dass diese römische Bürger werden. Aufgrund der aktuellen Rechtslage ist dir das ja nicht möglich.


    Wenn du mit all dem einverstanden bist, gehen wir zum Fahnenheiligtum und du legst deinen Schwur ab. Danach erhältst du deinen Einsatzbefehl für die Cohors II und meldest dich in der dortigen Castra für die Zuteilung zu einer Centurie, deiner Ausrüstung et cetera.
    Noch Fragen?“

    “Gesund wie ein Rennpferd“, bescheinigte der Arzt seinem Kollegen.


    “Gut, dein Genuschel hat er offensichtlich auch verstanden, damit ist klar, dass er hört.“ Es folgte noch ein wenig weiteres Gekritzel auf der Tafel.



    Name: Feras, Libertinus


    Name und Stand Eltern: Raschno und Dilara, Peregrini ?


    Alter: 30


    Erfahrung: keine


    Vorerkrankungen: keine


    Körperlicher Zustand: sehr gut


    Gehör: gut


    Sonstiges: Wagenlenker. Pferdeknecht.



    Kurz überlegte der Rekrutierungsoffizier mit starrem Blick auf die Tafel, ob noch was fehlte, aber scheinbar war er soweit zufrieden.
    “Schön, wenn du mir jetzt noch versichern kannst, dass du keine Straftaten begangen hast, sind wir auch schon durch.“ Immerhin sollte man ja die Kriminellen verhaften und nicht noch selbst ausbilden.

    “Das mag alles sein, Tribun, aber man fragt vorher um Erlaubnis!“ donnerte Camerinus einmal.
    “Wenn du bei deiner Einheit bist, bist du der ranghöchste Befehlshaber, trotz deinen jungen Jahren. Daher kannst du dort deinen Hund mitnehmen. Allerdings erwarte ich, dass du vor weiteren, selbständigen Entscheidungen dir die Erlaubnis des Subpraefectus oder von mir einholst, sofern diese Entscheidungen nicht einzig dein Aufgabengebiet betreffen. Dein Amt ist das Einstiegsamt in die Ritterkarriere, daher ist klar, dass du noch viel lernen musst.
    Ich werde dich daher einer erfahrenen Einheit zuweisen. Du erhältst das Kommando über die Cohors II Esquilina. Diese ist zuständig für die Bereiche Esquilin und Alta Semita. Der Centurio der ersten Centurie dort heißt Grusuix. Halte dich an den Mann, der gehört zu den erfahrensten Vigiles in ganz Rom.
    Von Zeit zu Zeit werde ich meinen Subpraefectus vorbeischicken oder Berichte anfordern. Also lerne, zeige römische Tugenden und vor allen Dingen: Lass die Villen da oben nicht abfackeln!“

    Bei dem Wort 'freikaufen' blickte der Vigil noch einmal kurz auf und kritzelte auf seiner Tafel herum.



    Name: Feras, Libertinus


    Name und Stand Eltern: Raschno und Dilara, Peregrini ?


    Alter: 30


    Erfahrung: keine


    Vorerkrankungen: keine


    Körperlicher Zustand:


    Gehör:


    Sonstiges: Wagenlenker. Pferdeknecht.



    Dann wandte er sich an den ebenfalls anwesenden Arzt. “Wenn du sowieso schon grade da bist, dann kannst du ja eben mal auf den körperlichen Zustand schauen“, sagte der Rekrutierungsoffizier.


    “Ich hab befürchtet, dass du sowas sagst“, meinte der Arzt grinsend und wandte sich dem Rekruten zu. “Gut, dann bitte einmal die Arme zur Seite ausstrecken. Hmhm.. Und einmal die Zunge bitte raus und 'Aaah' sagen. Hmhm... und dann noch bitte einmal zehn Kniebeugen.“