Beiträge von Flavius Prudentius Balbus

    Etwa eine halbe Stunde später entschloss ich mich dann aufzubrechen. Ich hatte eh schon etwas früher entschieden keinen weiteren Tropfen mehr zu trinken und so konnte ich von dem Angebot des Wirts nicht wirklich profitieren, der Wein auf Kosten des Hauses musste für mich ausfallen. Es kümmerte mich aber auch nicht wirklich, denn es würden eh noch andere Tage kommen.


    "Also, dann machts noch gut!"


    sprach ich zu ein paar anderen Offizieren, zwängte mich hinter dem Tisch hervor durch die Menge bis zum Tresen und beglich meine ausstehende Rechnung, auch wenn der Wirt meinte, dass dies nach dem Vorfall doch nicht nötig sei. Ich bestand jedoch darauf, wollte mir nichts zu Schulen kommen lassen und faselte noch etwas von 'dass es wieder in Ordnung kommen würde' und 'dass er sich keine Sorgen machen müsse'. Dann grüßte ich ihn, warf noch einen Blick zurück zu den Männern der Neunten und begab mich dann zum Ausgang, nicht ohne einer weiteren Bedienung, die recht nett schien und einen üppigen Busen hatte noch ein Zwinkern zuzuwerfen.


    Die frische Luft vor der Taverne tat unglaublich gut. Colonia war eine rechte ansehnliche Stadt, musste ich zugestehen, man konnte recht gut feiern. Dann machte ich mich auf den Weg Richtung Castellum, pfiff ein Liedchen, wie man es auch in Rom zu pfeifen pflegte. 'Dolce far niente'.

    Das ganze beruhigte sich wieder. Die Einheimischen entschlossen sich zu Liebe des Wirtes, dem sie keine Scherereien bereiten wollten, besser abzuziehen, da sich eine Schlägerei mit römischen Soldaten im allgemeinen nicht lohnte und zudem dem guten Wirt ein paar Tage Zwangschließung des Ladens drohen konnten. Unruhig rannte dieser dann auch zwischen den Parteien hin und her, äusserte sein Bedauern über den Messerüberfall auf den römischen Soldaten, versicherte, dass die Wunde ganz schnell verheilen würde, kündigte an, dass für den Rest des Abends für die Soldaten alle Weine umsonst seien, schalt seinen zukünftigen Schwiegersohn einen Vollidioten und schickte ihn mitsamt seiner Freunde aus der Taverne und seine Tochter hinauf in die Stube. Während er also die Streithähne auseinander brachte, besah ich mir kurz den Arm des Soldaten, und in der Tat, die Wunde war nicht der Rede wert, eine Katze hätte größeren Schaden angerichtet. Einzig der Blick des Einheimischen Heißsprons, den er uns zuwarf und der von seinen Freunde unter Zwang aus der Taverne befördert werden musste, gefiel mir ganz und gar nicht. Aber er würde sich draussen schon wieder abkühlen. Passiert war ja nichts.

    Es kam dann doch, wie es kommen musste. Ich wusste nicht mehr, wie es geschah, doch urplötzlich waren die Einheimischen aufgesprungen und hatten einem der Sodlaten eine geklebt. Wussten die Götter wie es geschah.


    "He, Du Bastard!" <Ach leck mich am Arsch, Du Sack!"
    "Du, pass auf, mit wem Du sprichst!" -- "Scheiß Römer!"
    "Germanischer Hundsfott"


    Die Schimpfworte wechselten sich schneller ab, als ich mitkam und wie ich mich gerade darüber informierte, dass der ganze Ärger nur deshalb ausgebrochen war, weil einer der Soldaten die Tochter des Wirts, welcher Germane war, etwas genauer beäugt habe, und einer der Einheimischen zufällig deren Verlobter war, und dass er dem Mädel an den Hintern gegrabscht habe, nicht aus böser Absicht, aus Erheiterung, als Kompliment zu verstehen... und so weiter und so fort... wie auch immer hatte plötzlich einer von diesen einheimischen Kerlen ein Messer in der Hand und stach zu.


    Zum Glück erwischte er den Soldaten nur am Arm und das auch nicht mal richtig, so dass maximal eine Streifwunde dabei heraussprang. Wie ich die Situation erfasste erhob ich mich und ging dazwischen.


    "He, was soll denn das. Beruhigt euch, ehe es hier noch Tote gibt."


    Ich drängte den Römer nach hinten, schlug dem Einheimischen mit meinem Becher das Messer aus der Hand und baute mich vor ihm auf. Er sah mich aus seinen zornigen Augen an und schnaubte wie ein Irrer, wurde dann jedoch von seinen Leuten zurückgehalten. Zum Glück war ich nicht der Einzige, der es nicht zu einer Eskalation der Situation kommen lassen wollte.

    Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Stimmung heute Abend noch umkippen konnte. Ich war mir jedoch nicht so ganz sicher, ob ich das ganze einfach nur zu negativ sah, denn noch war ja alles in bester Ordnung und der Wirt lieferte ständig noch mehr Wein an den Tisch, so dass sich Verbrüderungsszenen mit Reden über das bessere Volk permanent abwechselten.


    Ich hielt mich dennoch ein wenig aus dem Gespräch heraus, hatte ich doch schon einen in der Krone und wusste, dass es an der Zeit war mich zurückzunehmen, wenn ich nicht etwas falsches sagen wollte. Balbus, dachte ich mir, so langsam wird es Zeit aufzustehen, die Zeche zu bezahlen und dann wieder zurück ins Castellum zu marschieren. Morgen würde ein langer Tag werden und die Arbeit war wie immer anstrengend, auch wenn sie weitgehend aus dem Erledigen von Bürokram bestand.

    "Weißt Du..." quatschte mich einer der Einheimischen an, "im Grunde ist es doch so, tschuldigung, dass es uns unter euch Römern gar nicht mal so schlecht geht. Okay, ihr seht nicht gerade gut aus, aber he, wer kann schon alles haben. Ihr habt uns die Thermen gebracht, die Aquädukte, echt tolle Straßen, so dass man auch bei beschissenem Wetter gut von A nach B kommt, da kann man die Legionen und die komische Rechtssprechung schon mal vergessen..."


    Er lachte, kam sich lustig vor, und wir alle lachten mit, soviel Wein hatten wir schon intus.


    "Klar." antwortete einer der Soldaten. "Du darfst das nicht unterbewerten. Was war Germanien schon vor uns? Ein Sumpf. Nichts weiter! Ihr konntet nicht schreiben, nicht lesen, reinstes Barbarenland... Also ich finde, es war höchste Zeit, dass wir kamen. Und so mies sehen wir jetzt auch nicht aus."


    Auch er lachte und die anderen Römer stimmten mit ein.


    "Roma victrix!"

    Es war schon spät am Abend, als in der Taverne "Ums Eck" einkehrte um noch ein paar Becher Wein zu trinken und mich mit einigen Soldaten zu unterhalten. Wie immer waren wir recht guter Stimmung, hatten das Geld locker sitzen, die Zunge kaum im Griff, stießen mehrmals auf den Kaiser an, stürzten die Becher auf das Imperium hinunter und machten uns über die fetten Matronen der bleichen Senatoren in Rom lustig, die ausser schwache Reden zu halten, nicht allzuviel zu stande brachten, sich aber umso mehr bedeutend und unersetzbar vorkamen.


    Ich hatte an diesem Abend schon einige Becher getrunken, als sich zu unserem Tisch auch ein paar Einheimische mischten, die kräftig mittranken und auf die Völkerverständigung anstießen. Wir alle waren ja irgendwie Menschen und im Grunde war es egal, ob man Römer oder Germane war, aus welchem Flecken Erde man kam und all dieser Kram, im Grunde - und da waren wir uns schnell einig - wollte doch jeder nur friedlich leben, ein gesichtertes Auskommen haben, die Brüste seines Weibs liebkosen und jeden Tag eine warme Mahlzeit auf den Tisch bekommen.


    "Roma victrix!" stimmte einer der Männer an und wir alle hoben unsere Becher.


    "Pax Romana" brüllte ein anderer und irgendwie hatte er Recht. Das eine war ohne das andere irgendwie wertlos. Zusammen dagegen das Elysium auf Erden.

    Vor dem Ehegemach ging die Sause indess erst richtig los. Der Legatus hatte die Türe von innen geschlossen und ich stimmte mit den anderen in die Hochzeitsgesänge ein. Sklaven traten hinzu und schenkten ausgiebig Wein aus. Und er wurde von mal zu mal immer besser.


    "Hymen, o Hymenäus, hierher komm, o Hymenäus!"


    Die Frauen stimmten ihren Teil an.


    "Hesperus, welches Gestirn ist feindlicher uns als das deine?
    Du, der vermag aus den Armen der Mutter die Tochter zu reißen,
    Die nach Kräften sich sträubt, von der Mutter Arm sich zu trennen,
    Und dem begehrlichen Manne das züchtige Mädchen zu bringen!
    Wie kann schlimmer der Feind wohl eroberte Städte behandeln?"


    Mein Blick schweifte hinüber zu einer hübschen Sklavin.

    Ich leerte meinen Becher auf das Brautpaar und schloß mich den erheiterten Hochzeitsgesängen an, die nun vereinzelt einsetzten. Nach den Traditionen würde nun eine Brautführerin die beiden Ehepartner zum Ehegemach führen, während sich die Hochzeitsgesellschaft noch mit Wein und Gesängen einen mindestens ebenso schönen Abend machte.


    "Auf das Brautpaar!"


    stimmte ein älterer Herr ein und eine kleine Gruppe jüngerer Männer intonierte schon das erste Lied.


    "Auf, ihr Freunde, erschienen ist Hesperus, lange erwartet,
    Sendet er endlich sein glänzendes Licht vom Olympus herüber.
    Zeit ist's, sich zu erheben, das üppige Mahl zu beenden,
    Bald erscheint auch die Braut, und bald wird's festlich erschallen..."

    Es war schon auffallend. Immer wenn der Legatus mich sprach, fragte er nach dem Wohlbefinden meines Vaters. Gut, sie hatten soweit ich wusste einmal zusammen gearbeitet und waren auch in der selben Factio gewesen, doch hatte die Beziehung neben dem Respekt immer auch eine gewisse Spannung beinhaltet.


    "Soweit ich weiß, geht es ihm gut, Legatus."
    antwortete ich.


    "Ehe ich es vergesse, ich habe natürlich auch ein Hochzeitsgeschenk für Dich und die ehrenwerte Gemahlin. Ich hoffe, dass ihr etwas mit Orakelweihrauch anfangen könnt. Er war nicht einfach aufzutreiben."

    Das Angebot kam überraschend und unerwartet. Ich war erst soeben zur Neunten zurückgekehrt, hatte mich noch nicht einmal richtig eingelebt und bekam nun das Angebot zur Zweiten versetzt zu werden. Hauptsächlich um in der Provinzverwaltung tätig zu sein. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf und ich versuchte in der Schnelle abzuschätzen, welche Perspektiven sich mir boten und wie die Alternativen aussahen. Sollte ich zusagen? Oder ablehnen und bei der Neunten bleiben? Konnte man das Angebot des Patrons ausschlagen?


    "Das Angebot kommt überraschend, Patronus..."


    Ich wechselte die Anrede.


    "Doch ich sage zu."


    Ich hatte mich instintiv entschieden. Die Provinzverwaltung schien mir mehr Abwechslung zu bieten, zumal ich ja immer noch Angehöriger einer Legion bleiben würde. Zweifelsohne würde es jedoch bedeuten, mich von einigen alten, vertrauten Offizieren zu trennen und bei der Zweiten, was die Verbindungen betraf. von vorne anzufangen. Abenteuer hatte ich jedoch bisher nie gescheut.

    Er hatte in der Tat recht. Es hatte sich einiges verändert, anderes war jedoch gleich geblieben. ICH hatte mich verändert. Ich wusste nicht ob es an der Arbeit in Tarraco lag, oder ob es hier an Germanien lag, oder an allem, die neunte war anders geworden.


    "Routine, Legatus. Die übliche Arbeit bei den Legionen.
    Es ist überall das selbe."


    Ich musste lächeln, als ich es sagte.

    Ich war in Gedanken gerade damit beschäfigt, jener Grazie die Kleider vom Leib zu reißen, als der Legatus zu mir trat und mich ansprach. Die Realität hatte mich wieder.


    "Salve Legatus. Ich bin in der Tat wieder bei der Neunten. Die Verbrecherjagd war zwar spannend, aber irgendwann musste es ja wieder zur Truppe zurückgehen.


    Eine schöne Hochzeit. Ich gratuliere."


    fügte ich noch an.

    Ich war gerade auf dem Rundgang durch das Castellum als ich in das Rekrutierungsgebäude trat um mir einmal anzusehen, welche neuen Rekruten eingetroffen waren. In der Tat bildete sich auf dem Gang eine kleine Schlange. Ich wusste nicht woran es lag, aber das gute Wetter und die viele Sonne schien bei einigen jungen Männer die Lust nach Abenteuer aufkommen zu lassen, und da der Limes nahe lag, und der Kampf gegen die Germanen mehr Auszeichnungen versprach als ein Besuch im Bordell, meldeten sie sich hier.


    Ich blickte mich in dem Raum um, nickte einem Schreiber zu, dann auch dem Rekruten, welcher offensichtlich als nächstes an der Reihe war und sprach dann zum Primus Pilus:


    "Lass Dich nicht stören. Ich seh mich nur ein wenig um."


    Mit diesen Worten ging ich durch den Raum, um den Tisch herum und sah mich in den Akten der neu registrierten etwas um.

    Auch ich hatte mich eingefunden, stand aber etwas abseits und unterhielt mich mit einem der alten Centuriones, welcher mir noch aus der gemeinsamen Zeit in Hispania vertraut war. Er hatte verdammt viel zu erzählen wie mir schien und kam aus dem Berichten nicht mehr heraus. Immerhin kam ich so auf das Laufende und es war fast so, als wäre ich nie von der Legion weg gewesen. Nachdem er einige Namen mehrere male genannt hatte, dieses und jenes in den farbigsten Bildern schilderte, hätte ich schwören können, jeden einzelnen der Genannten so gut wie meinen Bruder zu kennen...

    Auch ich schloß mich dem Applaus für die Schauspieltruppe an und musste zugeben, dass das kleine Mogontiacum, einiges auf die Beine stellen konnte. Wie ich applaudierte fiel mein Blick auf eine Frau, welche schräg gegenüber im Raum auf einer Kline Platz genommen hatte. Sie gehörte offensichtlich zu einem älteren Magistraten, warf mir aber immer wieder ein Lächeln zu. Ich erwiederte dies galant, konzentrierte mich dann aber - nicht ohne zu lächeln - auf das Hauptgeschehen.

    Das Schauspiel war amüsant und immer wieder musste ich in das Gelächter der Zuschauer mit einstimmen. Ich liebte den Witz des Aristophanes und genoß die gut platzierten Pointen. Einzig die Thematik schien mir heute nicht gut zu tun, denn zu dem Vergnügen einer Vereinigung mit dem weiblichen Geschlecht war ich schon seit Wochen nicht mehr gekommen.


    Ich blickte mich daher in dem Saal um. Vielleicht ließ sich ja eine Dame finden, welche signalisierte, einer leidenschaflichen Affäre nicht abgeneigt zu sein...

    Zitat

    Original von Decima Valeria
    "Feliciter!" "Feliciter!" "Feliciter!"


    Nun stimmten viele die ersten Hochrufe und Hurrarufe ein, manche klatschten und andere wollten dem Paar Glück wünschen und ihm gratulieren.


    Als der Moment endlich gekommen war, stimmte auch ich in die Jubelrufe mit ein und wünschte meinem Patron und ehemaligen Legatus nur das Beste. Hatte er es tatsächlich noch geschafft und geheiratet. Ich dachte einen Moment über mein eigenes Leben nach, erinnerte mich an Tertia, Lucilla, diese kleine mit dem netten Arsch, deren Name mir entfallen war, dann Livilla ... War ich überhaupt für eine Beziehung geboren worden? Ich zuckte mit der Schulter. Noch war ich kein altes Eisen, ich war Tribun, besaß ein gewisses Vermögen, stammte aus einer Senatorenfamilie. Wenn es nötig sein würde, würde sich immer noch eine Frau finden lassen. Do zur Zeit liebte ich meine Freiheit.

    Was für ein Wetter und was für Zeiten. Irgendwie hatte sich kaum etwas verändert, war alles beim Alten geblieben. Nur ich hatte mich verändert und so ging ich erneut ans Fenster und sah hinaus. Im Innenhof der Principia unterhielten sich einige Soldaten im Plauderton und ich hatte das Gefühl zwar hier her zu gehören, aber einer vergangenen Zeit anzugehören, oder doch einer zukünftigen? Ich wusste es nicht.

    Ich hatte mich, wie es sich gehörte, ebenfalls auf dem Appellplatz eingefunden und befand mich unter dem Stab des Legatus Decimus Livianus. Es war fast wie früher, fast alle wichtigen Offiziere waren anwesend. Meridius war damals - in Hispania - Kommandeur gewesen, Livianus schickte sich an Führungspositionen zu übernehmen und mich hatte man als Regionarius vorgesehen und abkommandiert gehabt. Heute - hier in Germanien - schloß sicher der Kreis, auch wenn einige der alten Kameraden nicht mehr unter uns weilten. So hatte Praetorianus in Hispania sein Leben gelassen, waren mein Bruder und Crassus nach Rom gegangen.

    Auch ich hatte mich zu dem Bankett eingefunden und auf einer bequemen Liege Platz genommen. Als der Senator aufstand und ein Stück ankündigte, hatte er meine ganze Aufmerksamkeit. Nichts ging über Satire und Ironie, und Aristophanes versprach immer die derbsten Späße. Und in der Tat ging es auch schon gut los.



    :D Ich schmunzelte und lachte. Ich hatte das Stück zwar schon einige mal gesehen und auch gelesen, doch immer wieder erheiterte es mich aufs Neue. Mein Blick schweifte durch den Saal und blieb an der vollbusigen Frau eines Magistraten hängen. Charmant lächelte ich ihr zu.