• Längst kommt Lucilla an den Feiertagen nicht mehr beladen mit Schüsseln, Schalen und Krügen zum kleinen Hausaltar. Sie kommt mit leeren Händen, dafür gefolgt von einem Sklaven, der Schüsseln, Schalen und Krüge hinter ihr herträgt. Barfuß tritt Lucilla vor den Altar, ihr Haar fällt ihr offen auf die Schultern, und rückt die kleinen Götterfiguren und Hausgeister zurecht, so dass Platz für die Gaben für Ops ist. Aus einer der Schalen von einem Sklaven nimmt sie mit einer kleinen Metallzange ein Stück glimmende Kohle und legt es in die Räucherschale, die vor der bronzenen Hippona steht. Dann legt sie vorsichtig die Salbeiblätter auf die Kohle und wartet, bis die trockenen Pflanzen zu Rauch verglühen.


    "Ops Mater, ich danke Dir für Den Segen, den Du im letzten Jahr unserer Familie zuteil werden lassen hast. Unser Dank gebührt Dir." Ein kleine Schale mit frischem Getreidekorn wandert auf den Altar, danach schenkt Lucilla Wein aus Hispania in einen silbernen Becher ein. "Schenke den Decima auch in diesem Jahr weiter Deinen Segen, beschere uns Reichtum, nicht nur materiell, sondern auch in unseren Herzen, und Erfolg. Dafür unsere Gaben." Zu guter Letzt platziert Lucilla einen goldgelben Opferkuchen auf dem Hausaltar, der danach ziemlich gefüllt ist, und schließt das kleine Opfer ab.

  • Meridius kam zum Hausalter, wie er es jeden Morgen tat um den Laren, Penaten und Göttern zu opfern. Man hatte ihn so erzogen, so war es Pflicht, Recht und Tradition bei den Decima. Und der Hausherr hatte vorran zu gehen, wenn auch der Hausherrin eine hohe Verantwortung zukam. Bis vor kurzem hatte Lucilla viele der Opfer noch übernommen. Doch nun opferte sie in der Casa Germanica und Meridius hatte die Arbeit zu übernehmen.


    "Ihr Ahnen, Hüter des Feuers, ich danke euch, dass ihr über meinem Haus gewacht habt auch diese Nacht. Meine Familie liegt in eurer Hand, ich bitte euch, wacht über meiner Frau, wacht über meinem Sohn mit dem blanken Schwert. Vater, Mutter, blickt stolz auf mich herab, der ich euch ehre von ganzem Herzen..."


    Der Duft des Räucherwerks stieg von dem kleinen Altar auf.


    "Ihr Laren, wacht an der Türe meines Hauses, haltet das Unglück fern, lasst nur das Gute herrein. Schützt mich vor dem Unglück, begleitet mich am heutigen Tage, führt meine Hand, führt meine Worte und lasst mich nicht zuschanden werden ..."


    Er brachte den Göttern nun Brot, Kuchen und Wein.


    "Ihr Götter, Iuno, Erhabene, Mutter allen Lebens, bewahre meinen Sohn, meine Gattin, meine Familie, schütze sie mit Deiner Macht..."


    Und noch einiges mehr, betete der Senator. Er bat um seine Verwandten, befahl sie dem Schutz der Götter an, dachte auch an die Entfernten, an Livianus, welcher verschollen war, an Valeria, welche sich in Ägypten aufhielt ... Er ließ sich eine Menge Zeit.

  • Die Götter verdienten Respekt. Und wenn sie ihn nicht bekamen, forderten sie ihn. Und blieb er weiter aus, straften sie. Das war eine alte Regel und Meridius hatte sie bereits in jungen Jahren gelernt. Seine Mutter hatte am Altar des Hauses gestanden, die Zweige und Hölzer verbrannt und der Duft war zum Himmel gestiegen, hatte sich würzig und süßlich in seiner Nase ausgebreitet. Er hatte vorsichtig eingeatmet, stand es ihm ja nicht zu, den Duft - welcher den Göttern vorbehalten war - zu stehlen und mit Inbrunst hatte er seine Gebete verrichtet. Mutter war eine gewissenhafte, ein innbrünstige Beterin gewesen. Erhaben und tadellos, wenn es um die Götter ging, warmherzig und aufopfernd, wenn es ihre Kinder betraf, freundlich und gütig zu den Fremden, ihrem Gemahl eine leidenschaftliche Liebhaberin. So und nicht anders hatte sie Meridius in Erinnerung. Und mit einem Lächeln stand er nun selbst am Altar seines Hauses und dachte an seine Ahnen und seine Verwandten. Tertia hatte dem Feuer nicht weniger aufopferungsbereit gedient, seine Schwester war Vestalin geworden. Und Lucilla hatte die Götter nie vergessen. Nur dass sie ihnen nun im Hause seines Schwagers diente.


    "Ihr Ahnen, nehmt dieses Räucherwerk und meinen Dank. Wacht über mein Haus und die meinen. Wacht über meine Frau und meinen Sohn. Vater beschütze sie mit dem blanken Schwert. Mutter, beschütze sie in Deiner Liebe. Ihr Laren, wacht an der Türe meines Hauses. Haltet das Unglück fern. Lasst Krankheiten und Tod nicht über die Pforten kommen ..."


    Der Duft stieg auch an diesem Tag wieder reichlich auf. Und wie jedem Tag opferte der Senator auch an diesem und an den folgenden IUNO der Erhabenen, der Göttin, die er seit der Geburt seines Sohnes am meisten verehrte. Er verdankte ihr viel.


    Seit einigen Tagen jedoch fügte er noch weitere Gebete hinzu. Seit die Amme an seinem Sohn schwarze Zeichen entdeckt hatte, betete er dafür, dass sich diese Zeichen nicht vermehrten, dass sie nicht größer wurden und dass sie nichts Böses bedeuteten. Und er bat die Götter um Verzeihung. Hatte er als Soldat zu viel getötet? Hatte er als Senator zu viel begehrt? Den Göttern zu wenig geopfert? Den Toten und Ahnen zuwenig Ehrerbietung entgegengebracht? Ihm fielen einige Situationen ein, in denen er gefehlt hatte. Umso tiefer war sein Bedauern. Umso intensiver gab er sich dem täglichen Opfer hin. Es war die Pflicht des römischen Hausherrn den Göttern zu opfern. Er wollte in dieser Hinsicht seinen Nachbarn in keinster Weise nachstehen. Die Götter sollten nicht behaupten können, dass im Hause Decima weniger aufrichtig geopfert würde, als in anderen Häusern der Stadt.

  • Die Familie der Decima war dem Kaiser treu ergeben gewesen. Livius Decimus Hispanicus, Decurio einer Ala des römischen Heeres hatte vor vielen Jahren einen Hinterhalt auf den Kaiser Lucius Ulpius Iulianus verhindert und sein Leben in diesem Kampf hingegeben. Der Kaiser hatte daraufhin der kompletten Familie das römische Bürgerrecht erteilt, zumal er selbst seine Herrschaft aus Hispania heraus errichtete und den iberischen Familien seit damals dankte. Meridius tat es seinem Vater gleich und diente ebenfalls diesem Kaiser, zunächst in den Truppen, dann in Germanien, dann im Senat. Und nun war dieser Kaiser zu den Ahnen gegangen und hatte die Herrschaft an seinen Adoptivsohn übertragen. Da es sein Wille war, würden auch die Decima diesem Kaiser dienen. Nicht anders, als sie Iulianus gedient hatten. Kaum war also der neue Kaiser Gaius Ulpius Aelianus Valerianus inthronisiert, ließ Meridius im Heiligtum des Hauses die Büsten der beiden Kaiser aufstellen.



    Iulianus war zu seinen Ahnen eingegangen und die Decima würden ihn nie vergessen. Aelianus hatte den Thron bestiegen und ihm würden sie dienen. Mochten die Götter dafür sorgen, dass er das Erbe seines Vaters erfolgreich antreten würde. Und mochten sie dafür sorgen, dass sich die Sorgen um seine Gesundheit als haltlos erwiesen. Zur Vorsicht ließ Meridius jeden Tag Räucherwerk zum Himmel aufsteigen.

  • Am Tag des Totenfestes trat der Senator schon sehr früh vor den kleinen Hausaltar und brachte Speck und Bohnenbrei mit, der für die Göttin Carna vorgesehen war. Carna war die Göttin der inneren Organe und Gesundheit. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Tod dem Hause fernblieb, dass die Geistervögel nicht in der Nacht über das Haus kommen würden und Optatus die Eingeweide herrausrissen und ihm das Blut aussaugten. Meridius hatte zwar noch nie im Leben diese Geistervögel gesehen und er wusste auch von keinem Fall, dass einem Säugling wirklich die Eingeweide herausgepickt worden waren, doch auszuschließen war es nicht. Die alten Weiber und Priester erzählten immer wieder von solchen Fällen und dass sie nicht öfters auftraten, mochte daran liegen, dass an den Carnaria der Göttin geopfert wurde. Jetzt wo er selbst einen Säugling im Haus hatte, konnte er kein Risiko eingehen. Und so stand fest, dass Carna heute ihren Spreck und ihre Bohnen erhalten würde. Zusammen mit Räucherwerk, Gebeten und Fürbitten. Und es stand auch fest, dass der gesamte Haushalt am heutigen Tage nur Speck und Bohnenbrei speisen würde, vorzugsweise in der Pfanne zubereitet. Ein eigentümlicher Brauch. Wesentlich angenehmer waren die Rosenfeiern, welche mit diesem verbunden waren.


    Wenig später stieg der Duft des Opfers gemeinsam mit den Gebeten des Senators auf ...

  • Die Vestalia, das römische Opferfest zu Ehren der Göttin Vesta ging seinem Ende entgegen. Eine Woche hatte der Tempel offen gestanden. Meridius hatte dies zum Anlass genommen zumindest am heutigen Tage dort noch einen Besuch abzustatten. Lange war es her gewesen, dass Tertia als Vestalin dort gedient hatte. Er daher den Ort nicht nur aufgesucht um Vesta ein kleines Opfer zu bringen, sondern auch, um an diesem Ort seiner verstorbenen Schwester nahe zu sein. Die Räume waren voll Erinnerungen gewesen und Meridius hatte für einen Moment das Gefühl gehabt, dass sich nichts verändert hatte. Dass sie noch unter ihnen lebte. Zurück im Haus trat er vor den kleinen Altar und betrachtete nachdenklich die kleinen Figuren der Ahnen.


    "Ihr Penaten.
    Beschützt und bewacht mein Haus.
    Lasst Speis und Trank niemals ausgehen, niemals faul werden.
    Bewahrt die Einheit der Familie und beschützt das Leben meiner Lieben."


    Der Duft des Opfers stieg zum Himmel.


    Im Tempel der Vesta hatten die Penaten des Staates ihren Platz und ihnen zu dienen, war eine der größten Ehren die es gab. Doch ebenso sehr wie alles Leben von ihnen abhängig war, lag das Wohlergehen des Hauses oft in den Händen der Götter des eigenen Hauses. Der Senator wusste nur zu gut, dass alles miteinander zusammen hing. Sollte Rom auf ewig Bestand haben, musste den Göttern auch zu Hause gedient werden.

  • Mit einem Tablett voll Opfergaben und Räucherwerk trat ich eines Abends vor die Ara. Bei mir lief zur Zeit fast alles bestens und vieles besser als ich es mir hätte träumen lassen, und gerade da war es wichtig, der Geister der Verstorbenen zu gedenken, und sie mit den ihnen gebührenden Opfern zu ehren. Sonst konnten sie zu viel Glück auch schnell ins Gegenteil umschlagen lassen.
    Aus einem irdenen Topf nahm ich mit einer Zange ein paar glimmende Kohlen, die aus dem Herd in der Küche stammten, und legte sie in eine Räucherschale auf dem Altar. Ich schichtete noch etwas Räucherkohle darüber, fachte die Glut mit meinem Atem an, und sah zu, wie sie sich langsam weiter vorwärtsfrass, das Schwarz zu leuchtendem Rot machte. Es knisterte ganz leise, manchmal bildeten sich winzige Funken und zerstoben blitzschnell. Allein diese Vorbereitungen, die vertrauten Handgriffe, versetzten mich in eine ruhige, fast meditative Stimung. Erst als alles durchglommen war, legte ich das verzierte Gitter über die Kohle, und streute ein paar Körner Weihrauch darauf. Während der erst Rauch aufstieg zog ich mir eine Ecke meines Sagum über den Kopf, und liess mich auf die Knie nieder. Jetzt war ich auf Augenhöhe mit den kleinen Figuren der Laren und Penaten, die auf unserem Altar standen und über das Wohl des Hauses wachten.


    “Ihr Ahnen, divi parentes und dii manes, lares familiares und dii penates, ich bin hier um euch zu danken, für euren Schutz und eure Gunst, für euer Wohlwollen und eure Hilfe.“
    Mehr Weihrauch verzehrte sich über der Glut, der Rauch waberte gen Decke und drang mir intensiv in die Nase. Ich nahm einen Krug mit Ölivenöl zur Hand und liess den Inhalt in eine Feuerschale auf dem Altar fliessen. Mit einem Span entzündete ich es. Flammen huschten über die goldgelbe Oberfläche, und in diese hinein goß ich aus einem weiteren Krug in geschwungenem Strahl etwas Milch, dann Mulsum, zuletzt reinen Honig. Der löste sich nur schwer aus dem Topf, floß zäh; Tropfen für Tropfen verzischte in der Feuerschale.
    “Nehmt Öl und Milch, nehmt Mulsum und Honig, ihr Ahnen und haltet auch weiterhin schützend eure Hände über unsere Familie. Beschirmt uns vor Krankheit, vor Unglück und Tod, lasst keine üblen Geister über unsere Schwelle ins Haus hinein kommen“, bat ich ehrfürchtig während der libatio.


    Mit langsamen Bewegungen legte ich eine weitere Opfergabe auf dem Altar ab. Es war die Statue eines kleinen Pferdes, aus Bronze zierlich gefertigt und mit Sattel und Zaum versehen. Die war für meinen Bruder, der Pferde so geliebt hatte. Sein Tod lag noch nicht lange zurück.
    “Appius mein großer Bruder, ich weiß nicht ob Dein Schatten hier weilt, oder in dem Land das Du Dir zur Heimat erwählt hast. Ich wollte Dir nur sagen, dass Dein Faustillus Dich nicht vergessen hat... und ich hoffe dass Du es gut hast wo immer Du auch bist... und dass Du jetzt mit Deiner Aeala vereint bist.“
    Das war zu traurig. Ich schluckte schwer und starrte düster in die Flammen. Von unserer engen Familie waren nur noch Seiana und ich übrig... ach nein, korrigierte ich mich, ich hatte ja nun wieder einen Vater, und auch zwei Geschwister dazu, wobei ich auf den Bruder wirklich keinen Wert legte. Aber die Schwester war sehr liebenswert.


    Für meine Mutter legte ich einen Strauss Myrthenzweige auf die Ara – das waren ihre Lieblingsblumen gewesen, und für meinen leiblichen Vater die kleine Bronzefigur eines Adlers, der ein Gladius in den Klauen hielt. Das war unpersönlich, aber ich wusste wirklich nicht womit man seinen Manen eine Freude bereiten könnte. Etwas steif sprach ich sie an:
    “Meine Eltern, seid versichert dass ich voll Respekt und Liebe an euch denke... und dass ich euch auch als Livianus' Sohn immer ehren werde!“
    Mehr wusste ich den beiden gegenüber nicht zu sagen, und streute schnell den Rest Weihrauch auf die Glut, dazu Myrrhe und Narde. Eine würzig süsse Note mischte sich in den Rauch – die erinnerte mich infamerweise an guten ägyptischen Hanf. Ich krauste die Nase, und versuchte nicht daran zu denken, wie lange ich mich nun schon kasteite und mir des Anstands halber solche kleinen, wie auch die größeren, Freuden versagte.


    “Ihr Ahnen, divi parentes und dii manes, lares familiares und dii penates, nehmt diese Gaben und nehmt meinen Dank.“
    Mit einer Wendung nach rechts erhob ich mich. Ich liess das Sagum vom Kopf gleiten, und öffnete dann ein Fenster, um die dichten Rauchschwaden abziehen zu lassen.

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    SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA

    Klient - Decima Lucilla

  • Grau scheint ihr der Tag zu sein, ein helles, leeres Grau, inhaltslos und leicht, aber leicht auf eine Art, die schwer ist – ein Grau, in dem man sich selbst verliert, ein großes, verschlingendes Nichts. In diese Art von Grau scheint ihr der Tag getüncht zu sein. Was faszinierend ist angesichts der Tatsache, dass der Himmel ein zartes Blau trägt… oder auch wieder nicht, ist das Blau doch so zart, dass es beinahe durchscheinend wirkt. So durchscheinend, dass man die Leere, das Nichts dahinter erahnen kann. So durchscheinend, wie sie sich fühlt.


    Leise waren Seianas Schritte, die sie zur Ara lenkten, beinahe lautlos. Sie hatte vorbereitet, was nötig war, hatte es schon in der vergangenen Woche vorbereitet gehabt, aber es schien bisher nicht der passende Zeitpunkt gewesen zu sein. Immer war etwas zu tun gewesen… Seiana wusste, tief in ihrem Herzen, dass es nicht daran lag, dass sie zu viel zu tun hatte, dass sie ihr Opfer aufschob. Es hatte ganz andere Gründe. Es hatte dieselben Gründe, aus denen ihr Schritt auch jetzt langsam und zögerlich war.


    So viel geschieht in letzter Zeit. Viel zu viel. Sie fühlt sich, als sei sie nicht mehr in der Lage Schritt zu halten, als wüchse ihr alles über ihren Kopf. Altes, Vergangenes, längst hinter sich gelassen Geglaubtes bricht wieder über ihr herein. So gut ist sie darin, zu verbergen und zu verdrängen… Und doch sind da die Momente, in denen sie dazu nicht in der Lage ist. Momente, in denen sich offenbart, was ihrem Inneren zugrunde liegt. Der Bodensatz der Seele. Alte Narben, alte Wunden, nie vollständig verheilt. Wie können Wunden heilen, wenn nie die Zeit, der Raum zum Heilen gelassen wurde? Wie kann Raum zum Heilen gelassen, geschaffen werden, wenn die Konfrontation mit dem Schmerz so viel schlimmer ist als die Flucht… So lange die Balance zu halten ist, so lange es einen nicht einholt, ist es einfacher, zu fliehen. Aber irgendwann holt es einen ein. Wie eine Lawine, so unaufhaltsam. Irgendwann holt einen alles ein.


    Langsam und zögerlich trat sie vor die Ara. Das Kohlebecken glühte vor sich hin, tauchte ihre Umgebung in ein sanftes Licht. Seiana stellte den Korb ab, den sie dabei hatte, und holte Salz, Brot und Wein hervor, verteilte sie mit Bewegungen, die nur deshalb ruhig waren, weil sie sich jahrelang in Kontrolle geübt hatte. Bereitete sie vor und opferte sie schließlich.


    So durchscheinend fühlt sie sich… Und es sind diese grauen Tage, in denen sie realisiert, dass sie sich nie Zeit zum Trauern genommen hat. Oh, sie hat getrauert. Sie hat getrauert. Aber sie hat sich… nie Zeit dafür genommen. Raum gelassen. Hat Trauer und Verlust und Schmerz nur so weit zugelassen, wie unumgänglich war, um nicht zu zerbrechen. Aber es rächt sich, irgendwann. Es holt einen ein. Es holt sie ein. Und alles scheint plötzlich in Frage gestellt. Ein ganzes Leben auf dem Prüfstand. Ein ganzes Leben vor Gericht, vor einem Richter mit kalten, unbarmherzigen Augen.


    Seiana kam einfach nicht umhin, sich zu fragen, ob es richtig war, was sie tat. Wie sie ihr Leben lebte. Sie entzündete ein Räucherstäbchen und dachte an ihre Mutter, zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst, ohne dass von außen ein entsprechender Auslöser gegeben war. Sie hatte sie geliebt. Aber sie hatte immer damit leben müssen, dass sie – in ihren eigenen Augen wenigstens – nie an erster Stelle gestanden hatte. Das dritte Kind von vieren. Ein Mädchen. Das noch dazu bei weitem nicht dem Bild eines braven Mädchens entsprach, wie sie es hätte sollen, das zu wild, zu unbändig, zu stolz gewesen war. Das die Erwartungen der Mutter nicht erfüllt hatte. Und dann war ihre Mutter gestorben, gestorben, bevor sich daran etwas hatte ändern können. Was ihr blieb, war das schmerzhafte Gefühl, nie genug gewesen zu sein. Genauso wie das schmerzhafte Gefühl, dem Herzen ihrer Mutter nie so nahe gewesen zu sein wie ihre Geschwister.


    Man glaubt immer, so viel Zeit zu haben. Zeit ist etwas, das unendlich ist. Und obschon man um die Endlichkeit dessen, was in dieser Welt existiert, weiß, scheint Zeit doch auch für einen selbst unendlich zu sein. Im Übermaß vorhanden. Erst, wenn es zu spät ist, erkannt man seinen Trugschluss.


    Seiana vermisste ihre Mutter – sie vermisste die Stärke, die sie immer ausgestrahlt hatte, die Ruhe und Sicherheit. Sie vermisste es, dass sie – so wenig sie auch ihren Erwartungen entsprochen haben mochte – mit ihr immer jemanden gehabt hatte, der… da gewesen war. Und allein dieses Bewusstsein, das Wissen, dass jemand da war, selbst wenn alle Stricke rissen, vorbehaltlos, hatte eine Sicherheit bedeutet, deren Fehlen ihr nun umso schmerzhafter bewusst wurde, da sie es in den letzten Jahren so völlig ignoriert hatte. So lang war ihr Tod schon her, und doch tat es in manchen Momenten noch so weh, als wäre es erst gestern geschehen. Sie fehlte ihr. Sie fehlte ihr so sehr.

  • Sie war allein. Die Parentalia waren eigentlich ein Familienfest, für die Verstorbenen, aber mit den Lebenden. Dennoch war sie allein. Seiana stand vor dem Hausaltar, reglos, mit verschränkten Armen, und atmete den Geruch der glühenden Weihrauchkörner ein, die sie entzündet hatte. Mattiacus, der einzige ihrer näheren Verwandten, der mit ihr in Rom war, und der einzige, der in dieser Casa lebte, sah sie herzlich selten. Sie hatte mittlerweile so viel zu tun, dass sie es häufig noch nicht einmal schaffte, die normalen Essenszeiten einzuhalten. Und diese waren bereits seit längerem die einzigen Gelegenheiten, bei denen es eine Chance gab, Mattiacus zu treffen, wenn sie nicht gerade explizit nach ihm suchte. Und Verus... Verus. Nun, der stand auf einem völlig anderen Papyrus. Sie würde ihm noch schreiben müssen, dachte sie, aber das war etwas, was sie augenblicklich noch aufschob. So konsequent sie normalerweise vorging, gab es doch Taten, die wohl überdacht sein mussten, noch mehr als sonst. Die Mitteilung, die ihr vorschwebte, die Worte, die sie Verus mitzuteilen gedachte, gehörten zu jenen Taten. Noch dazu, da sie gedachte diese Worte eben zu verschriftlichen. Sie würden mehr wirken, auf diese Art. Aber sie würden auch nicht einfach verhallen, würden nicht mehr zurückgenommen werden können.


    Sie war allein. Selten wurde ihr das so schmerzlich bewusst wie an diesen Tagen. Selten brannte die Erinnerung an die, die sie verloren hatte, so stark in ihr – selten ließ sie zu, dass sie überhaupt zu brennen vermochte. Es war leichter, damit umzugehen, wenn sie die Gedanken an ihre Familie einfach in Kälte erstickte. Ihre Eltern, ihre Brüder... Alle waren sie tot, alle außer Faustus. Und der war in Aegyptus. Augenblicke lang erlaubte sie sich, ihre Gedanken schweifen zu lassen, hin zu ihrem jüngeren Bruder. Stellte sich vor, was er wohl gerade tat. Und wünschte sich, er wäre hier. Die einzige Gesellschaft, die sie selbst in Momenten wie diesen ertragen konnte, wenn sie derartiger Stimmung war. Nicht einmal Elena hatte sie dann in ihrer Gegenwart ausgehalten. Allerdings, Elena hatte sie sowieso zunehmend schwerer ertragen. Nicht, weil sie aufgehört hätten befreundet zu sein... aber sie hatten sich mehr und mehr in eine unterschiedliche Richtung entwickelt. Oder, was exakter war: Seiana hatte sich in eine andere Richtung entwickelt. Wo die Decima sich mehr und mehr verschloss und abkühlte, blieb die Sklavin so emotional und offenherzig wie eh und je. Selbst der Verlust Katanders, unter dem Elena sehr gelitten hatte, und sein noch immer ungewisses Schicksal hatten nicht dazu geführt, dass sich daran etwas geändert hätte. Und Seiana war das irgendwann zu viel geworden. Das war mehr Gefühl, mehr offen gelebte Emotion, mehr offensiv gezeigte Zuneigung – auch ihr selbst gegenüber – als sie ertragen konnte. Und so hatte sie Elena schließlich wieder nach Hispania zurück geschickt. Beileibe nicht gegen ihren Willen, vielmehr hatte sie sie darum gebeten, und Elena, die natürlich die Veränderungen gespürt hatte, hatte sich nicht lange bitten lassen. Dazu kam, dass sie auch froh gewesen war, Rom den Rücken kehren zu können. Sie war Iberin mit Leib und Seele. Sie liebte Hispania. Und in Rom gab es zu viele Orte, die sie an Katander erinnerten, mit dem sie auf eine Art glücklich gewesen war, die Seiana für sich selbst schon längst als unerreichbar abgehakt hatte – von der sie nicht einmal geglaubt hätte, dass sie existieren könnte, hätte sie es nicht eben bei den erlebt.


    Ja, sie wünschte sich, Faustus wäre hier. Der einzige Grund, warum sie die Götter nicht um seine Rückkehr bat, lag in ihrer Überzeugung, dass er glücklich war bei der Legio in Aegyptus. So glücklich ein Mann sein konnte, wenn er gerade auf einem Feldzug war. Und so sehr sie sich wünschte, ihn hier zu haben, so wenig konnte sie das fordern, wenn es nur um sie ging. Seiana unterdrückte ein Seufzen und rieb sich über ihre Stirn. Der Weihrauchgeruch setzte ihr langsam zu – aber sie stand auch schon lang genug hier. Sie hatte heute noch anderes vor. Mit bedächtigen Bewegungen verteilte sie Brot, Salz und Wein, stellte auch einen der Kränze bereit, die sie hatte anfertigen lassen – die übrigen waren im Haus aufgestellt –, richtete sich dann auf und wandte sich um, um das Opfer am Grabmal ihrer Familie vorzubereiten.

  • Der süßlich-schwere Geruch von Weihrauch durchdrang die Luft vor dem Hausaltar in der Casa Decima, und die Körner knacksten und knisterten leicht, während sie verkohlten. Es war Abend, noch nicht allzu spät, aber doch bereits dunkel, und Seiana kniete vor dem Altar, neben sich eine alte Tunika von ihr, von früher, sowie ein Spielzeug. Mehr hatte sie nicht übrig von früher. Vielleicht hätte sich in Tarraco noch etwas gefunden... aber hier hatte sie nichts. Sie war schon lange kein Kind mehr, sie musste dieses Ritual nicht durchführen, um Abschied zu nehmen von ihrer Kindheit. Aber es war ein Ritual, das dazu gehörte, und es diente auch dem Abschied von den Hausgöttern... bevor sie morgen durch die Ehe unter den Schutz anderer gestellt werden würde. Und so hatte sie diese zwei Dinge aufgehoben, für diesen Tag, um das Ritual durchführen zu können. Um der Symbolik willen, die es darstellte.


    Dennoch rührte sie sich nicht, kniete einfach nur da und starrte nun schon einige Momente lang mit leerem Blick in die Kohleschalen. Morgen. Morgen würde es so weit sein. Und sie... fühlte sich nicht bereit dafür. Überhaupt nicht. Sie wollte hier nicht weg, sie hatte sich ihr Leben hier eingerichtet, und sie kam zurecht. Was musste sie da denn heiraten? Was musste sie ihr Heim verlassen, sich woanders einleben, sich an eine andere Umgebung gewöhnen? Sie hatte lange genug gebraucht, um sich hier endlich etwas aufzubauen, ein Umfeld, ein Netz, das ihr Halt gab und in dem sie sich wohl fühlte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie sich so... verloren gefühlt. Und weder in Hispania, noch zunächst in Rom, noch in Alexandria war es ihr gelungen, sich wieder so etwas wie ein Zuhause zu schaffen. Für einige Zeit hatte sie geglaubt, Archias könnte ihr das bieten... Alexandria, so schön und lebenslustig diese Stadt auch war, war nie ihre Stadt gewesen, aber mit Archias... war sie offener gewesen. Nur hatte sich das alles als Trugschluss entpuppt. Es war ein Fehler gewesen, im Nachhinein war ihr das nun klar. Sie hatte für diesen Fehler bezahlt... und hatte ihre Lehre daraus gezogen. Hatte sich darauf konzentriert, sich selbst etwas zu schaffen, was ihr Halt gab, so dass sie nicht angewiesen war dafür auf einen anderen Menschen, der doch nur enttäuschte. Und sie hatte geglaubt, dass ihr das auch gelungen war, mit ihrer Arbeit, mit all den Tätigkeiten, die sie sich nach und nach aufgeladen hatte, und es funktionierte ja auch. Nur... sie hatte Angst, dass es nur hier funktionierte. In ihrem vertrauten Umfeld, mit ihrem vertrauten Rhythmus. Selbst hier wurde es ja schwieriger, seit die Casa nicht mehr so leer war – wie sollte es dann erst werden, wenn alles um sie herum anders, neu war? Und wenn sie noch dazu nicht mehr allein war, sich nicht mehr würde zurückziehen können wie und wann sie wollte, sondern... auf einen anderen würde Rücksicht nehmen müssen. Sie würde einen Mann haben. Würde mit ihm... zusammenleben, mit allen Konsequenzen, die das so mit sich brachte. Sich anzupassen. Kompromisse zu machen. Nachzugeben. Alles Dinge, die vornehmlich von einer Frau erwartet wurden – und in denen sie nicht mehr sonderlich gut war. Bei Archias hatte sie das noch gekonnt, hatte seinem Willen in der Regel nachgegeben und einfach geschwiegen und gelächelt, aber wie gut sie sich das wieder würde aneignen können, bezweifelte sie. Und dann war da noch der so simple Fakt, dass sie mit ihm schlafen würde. Und obwohl sie sich mittlerweile dank gelegentlichen Zusammenseins mit Raghnall sicher war, dass ihr das Erlebnis mit dem Sicinius nicht mehr dazwischen funken würde, hieß das noch lange nicht, dass sie der Hochzeitsnacht gelassen entgegen sehen konnte. Beinahe wünschte sie sich, es wäre schon passiert, wünschte sich, er hätte sie verführt. Oder es ihretwegen auch einfach eingefordert. Egal, so lange sie es nur hinter sich hatte und wusste, was sie mit ihm erwartete.


    Seiana schloss die Augen. Eine Nacht noch, und ein Tag. Dann würde sie in der Casa Terentia sein, verheiratet, die Hausherrin dort. Und sie würde erfahren, wie sich ihr Leben als Ehefrau gestalten würde. Kein Grund, sich jetzt so unendlich viele Gedanken darüber zu machen. Und doch rotierten ihre Gedanken weiter und weiter, wie in einer Endlosschleife gefangen.

  • Dem Weihrauchduft folgend, trat ich auf leisen Sohlen zum Hausaltar. Meine Schwester kniete davor, mit geschlossenen Augen. Morgen war ihr großer Tag, und die Riten dafür begannen schon heute abend. Aber sie sah nicht so aus als würde sie still beten... sie sah gequält aus. Ich streckte die Hand aus und berührte ihre schmale Schulter.
    “Alles in Ordnung, Seiana?“
    Eine dumme Frage eigentlich, ich sah ihr ja an, dass es ihr nicht gut ging. Und ich machte mir Vorwürfe, dass ich sie in den letzten Tagen nicht mehr unterstützt hatte bei den organisatorischen Sachen, aber... naja, sie konnte sowas einfach viel besser! Außerdem war ich mit meinem furiosen neuen Posten ganz und gar beschäftigt gewesen...
    “Ach, ist das nicht der Kreisel, der noch von Großtante Drusilla stammt?“

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    Klient - Decima Lucilla

  • Sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht einmal bemerkte, wie sich jemand näherte... und als sie eine Hand unerwartet auf ihrer Schulter spürte, zuckte sie kurz zusammen. Ihr Kopf wandte sich mit einem Ruck um, sah nach oben – dann flog ein schwaches Lächeln über ihre Züge, als sie Faustus erkannte. „Ein bisschen müde, aber...“ Sie deutete ein Achselzucken an, warf einen Blick auf die Sachen neben sich und nickte. „Ja, genau der ist es.“ Seiana nahm den Kreisel in die Hand und drehte ihn zwischen ihren Fingern ein wenig hin und her. „Setzt du dich ein bisschen zu mir?“ bat sie dann, ihn erneut ansehend.

  • Wie schreckhaft sie war. Ich streichelte ihre Schulter brüderlich, und nickte, setzte mich dann zu ihr auf den Boden. Das Spielzeug, das alte, brachte Erinnerungen zurück. Unser Peristylgarten in Tarraco, viel bescheidener als der, den wir hier hatten, der staubige Boden, in den dieser Kreisel taumelnde Linien gezogen hatte. Ich lächelte wehmütig, als ich an uns als Kinder zurückdachte, mich streifte der Hauch der Vergänglichkeit.
    Wir sind es, und wir sind es nicht.
    “Übermorgen hast du den ganzen Trubel hinter dir. Dann bist du die meistbeneidete Matrona von Rom. - Bona Dea, ich kann mir gar nicht vorstellen dass du nicht mehr hier wohnen wirst. Die Sklaven werden uns alle auf der Nase rumtanzen...“

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    Klient - Decima Lucilla

  • Übermorgen. Übermorgen. Seiana schloss die Augen und erlaubte sich für einen Moment, sich vorzustellen, es wäre schon übermorgen. Der Trubel würde dann vorbei sein, da hatte Faustus recht, und die jetzige Ungewissheit wohl auch, jedenfalls ein Teil davon... die Unsicherheit darüber, wie sie sich ihr Leben in der Casa Terentia einzurichten vermochte, hingegen noch nicht, so schnell würde das kaum gehen. Aber der Anfang wäre auch in dieser Hinsicht dann schon gemacht. Und allzu viele terentische Verwandte gab es in Rom nicht, was auch schon mal positiv war, für sie jedenfalls. Nicht noch mehr Menschen, bei denen sie sich daran würde gewöhnen müssen, mit ihnen zusammenzuleben. „Meistbeneidet...“ Sie schnitt eine kurze Grimasse, teils amüsiert, teils zweifelnd. „Wenn ich nicht bald nach der Hochzeit schwanger werd, werden sie mich vermutlich schon in ein paar Monaten zum Abschuss freigeben.“ Sie war nicht alt, aber eben auch nicht mehr die Jüngste. Aber... Schwanger. Kinder. Das konnte sie sich nun überhaupt nicht vorstellen. Gar nicht. Sie und Kinder... das... Nein. Zum Glück lenkte Faustus von diesen Gedanken ab. „Naja...“ Sie schmunzelte leicht. „Muss einer von euch Männern halt auch mal heiraten. Die Casa braucht eine Hausherrin.“ Sie schwieg einen Moment und warf noch ein paar Weihrauchkörner in die Kohlen, und ihre Miene wurde wieder ernster. „Aber ich kann sicher regelmäßig nach dem Rechten sehen und mich um das Wichtigste kümmern. Oder vielleicht würde Venusia sich darüber freuen, wenn sie den Haushalt hier übernehmen kann für einige Zeit. Die Aufgaben, die Verantwortung...“ Nicht einmal Seiana war entgangen, dass Venusia still geworden war und sich deutlich zurückgezogen hatte. Vielleicht würde ihr das tatsächlich helfen... und sie zugleich an Rom binden, denn Seiana war immer noch ein wenig besorgt darüber, Venusia könnte die Kinder nehmen und nach Germanien abreisen – um dort mit ihnen zu bleiben. Zugleich allerdings fühlte es sich so seltsam an, ihren Platz hier aufzugeben. Sie drehte den Kreisel ein weiteres Mal in ihren Fingern hin und her, bevor sie ihn schließlich auf dem Boden aufsetzte und mit einem leichten Schnippen in Bewegung setzte. Aufmerksam verfolgte sie das Kreiseln, wartete auf den Moment, in dem es zu einem Schlingern werden würde. „Ich kann's mir auch nicht vorstellen, Faustus. Ich hab keine Ahnung...“

  • Also, mangelnde Fruchtbarkeit war in unserer Gens eigentlich nie ein Problem gewesen... Aber natürlich war das Gebären gefährlich für jede Frau. Unglücklich blickte ich Seiana von der Seite an. Es war eben so eine ewige Sache, wir Männer mussten der Gefahr auf dem Schlachtfeld die Stirn bieten, die Frauen der im Kindbett... So war die Natur. Trotzdem fiel es mir schwer, meine Schwester ziehen zu lassen... Aber ich sagte mir, dass ein, zwei süße Kinder, ihr bestimmt guttun würden. Mehr einfache Freuden in ihr Leben bringen, sie ausgeglichener machen und so... -
    Ach jeh, durch ihre Hochzeit gingen mir nun wirklich die Ausreden flöten.
    “Ja.... muß wohl mal einer von uns.“ meinte ich leidig. “Sobald ich wieder ganz beisammen bin, und etwas Zeit für die Brautsuche finde... Aber mein neuer Posten, ich kann dir sagen, der ist äußerst zeitaufwendig.“
    Ihr Angebot machte mich nachdenklich. Mein erster Impuls war, sie zu bitten sich weiter um alles zu kümmern... aber sie würde dann ein eigenes Heim haben, das ihrer Aufmerksamkeit bedurfte.
    “Das ist eine sehr gute Idee glaube ich. Mit Venusia. Wir sollten sie in aller Form fragen.“
    Ich wedelte einen Weihrauchschwaden vor meiner Nase weg, und sah auf den Kreisel, sein Drehen zog unweigerlich den Blick an.
    “Du darfst nicht so viel drüber nachdenken, Schwesterherz.“ sagte ich ernsthaft. “Es nützt doch nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Denk doch lieber mal an all die Leute, die täglich heiraten, darunter sind die größten Dummköpfe, und arme Schlucker, und komische Figuren, und doch bekommen die meisten es doch irgendwie so einigermaßen hin mit der Ehe. Wie sollten zwei so kluge Menschen wie ihr, ohne Geldsorgen und beide doch ganz manierlich, es nicht auch hinbekommen, hmm?“

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    Klient - Decima Lucilla

  • Für einen winzigen Moment grinste Seiana sogar. „Du wirst das schon hinkriegen…“ Wenn es nach ihr ging, konnte Faustus gerne unverheiratet bleiben. Aber wie bei ihr selbst auch ging es nicht nach ihr… Die Familie brauchte gute Verbindungen, und sie brauchte Nachwuchs – Nachwuchs, der den Namen Decimus trug. Dazu konnte sie nichts beitragen, und nachdem ihre älteren Brüder kinderlos gestorben waren, blieb wohl auch Faustus nichts anderes übrig, als irgendwann mal zu heiraten.
    „Dann fragen wir Venusia“, meinte sie anschließend. Es fühlte sich immer noch merkwürdig an, aber in der Hinsicht machte Seiana sich nichts vor: sie konnte sich nicht um zwei Haushalte gleichzeitig kümmern und um ihre Betriebe und um ihre Aufgaben als Auctrix und Rectrix. Es ging einfach nicht. Und es machte auch keinen Sinn – warum sollte sie in der Casa Decima nach dem Rechten sehen, wenn doch die Witwe eines Decimus und Mutter zweier Decimer hier lebte? Es war Venusias Aufgabe, sich hier zu kümmern… und es wäre auch ihr Recht gewesen, vor Seiana, gestand sie sich ein, spätestens als Venusia endgültig hier eingezogen war. Nur hatte zu dem Zeitpunkt schon Seiana sich um alles gekümmert, und Venusia hatte nie auch nur eine Andeutung gemacht, sich hier ebenfalls einmischen zu wollen… und Seiana hatte sie nie gefragt. Hatte nicht einmal daran gedacht, sie zu fragen, und war insgeheim, unbewusst wohl auch froh darum gewesen, dass ihr da nichts streitig gemacht worden war, dass sie sich nicht einer anderen hatte unterordnen, noch nicht einmal sich absprechen müssen.


    Faustus‘ nächste Worte… erwischten sie dann kalt. Sie hatte nicht mit einem Rüffel gerechnet, und irgendwie… war es einer? Ihr war ja selbst klar, dass sie zu viel grübelte, vor allem über Dinge, die sie ohnehin nicht ändern konnte. Und trotzdem… Jammer nicht. Er sagte das nicht, er meinte es auch nicht, das wusste sie, aber wie in einer selbstzerstörerischen Schleife gefangen drängte sich ihr dieser Vorwurf nahezu wie von selbst auf. Jammer nicht. Es geht dir gut. Du hast alles – nur keinen Grund zu jammern. Seiana zwang sich zu einem Lächeln. Er hatte ja Recht, das wusste sie. Natürlich würden sie das hinbekommen, natürlich würde es funktionieren. Sie wollte nicht heiraten, wollte nicht ihr Umfeld wechseln, ihr Leben ändern, aber genau das würde passieren – und sie sollte sich besser darauf konzentrieren, alte Strukturen in sich zu zerstören, damit sie aus den Trümmern etwas neues würde bauen können, anstatt sich festzuklammern an dem, was jetzt war, und sich davor zu fürchten, dass das nicht mehr passen würde in Zukunft. Und zerstören musste sie dafür… denn auf die Idee, verkrustete Strukturen einzuweichen und umzuformen kam sie nicht. Und selbst wenn sie darauf gekommen wäre: es wäre fraglich, ob sie dazu wirklich in der Lage sein würde.
    „Du hast Recht“, antwortete sie in ruhigem Ton, aber obwohl sie es tatsächlich so meinte, hatte sie sich innerlich zurückgezogen, und ihr Lächeln war das übliche, das sie nach außen hin so häufig zeigte – höflich, vage, aber nicht ehrlich. Es sah wunderbar aus, hatte sie es doch perfektioniert mittlerweile, aber es erreichte ihre Augen nicht. Die blieben… verschlossen, gaben keinen Einblick in ihr Inneres preis, und das verlieh auch dem Lächeln stets eine kühle Note. „Natürlich bekommen wir das hin. Es ist nur… die Ungewissheit, weißt du? Ich wünschte einfach, ich hätte die Hochzeit und den Umzug und all das… schon hinter mir.“ Sie zuckte die Achseln, immer noch lächelnd, betrachtete den Kreisel, der noch immer genug Schwung hatte… und griff dann mit einem Mal danach. Stoppte ihn mitten in der Bewegung, besah ihn sich kurz, und legte ihn dann zum Altar. Zeit, von sich und sich selbst abzulenken, beschloss sie, und weiter über dieses Thema zu reden machte ja ohnehin wenig Sinn. Und Faustus‘ neuer Posten, den er vorhin angesprochen hatte, bereitete ihr mindestens genauso viel Kopfzerbrechen. Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, dass er zu den Prätorianern versetzt worden war. Es war eine große Ehre, ganz sicher, und sie war stolz auf ihn, unglaublich stolz… Aber so ganz wohl fühlte sie sich nicht bei dem Gedanken, wie viel Einfluss ihr Zukünftiger damit nun über ihre Familie hatte, und wie sehr sie das in das Spannungsfeld zum Praefectus Urbi rückte… von dem der Versetzungsbefehl offenbar direkt gekommen war. Recht abrupt also wechselte sie nun das Thema. „Dein neuer Posten…“ Seiana musterte ihren Bruder von der Seite. „Du bist vorsichtig, ja?“

  • Dieses merkwürdige Lächen, das mir schon aufgefallen war, als sie mich nach meiner Rückkehr begrüßt hatte... wann hatte sie sich das angewöhnt? Es war mir beinahe unheimlich, wenn sie mich so anblickte, und ihre verständigen Worte wirkten dadurch so... künstlich auf mir. Ich hatte sie gekränkt, soviel war sicher.
    “Schwester, schau mich nicht so an!“ wehrte ich mich. “Es tut mir leid wenn ich flapsig war, ich mein es doch nicht so. Ich weiß ja auch nicht was wird, und versteh dass du... Bedenken hast, und will dich nicht hergeben.“
    Impulsiv legte ich den Arm um sie und drückte sie fest, mit einer Zärtlichkeit, die rau war, um nicht in Sentimentalität zu zerfließen.
    “Ich wollte doch nur sagen damit: ich habe Vertrauen in dich, dass du das hinbekommst. Du hast schon so viel durchgestanden und.... Dinge gemeistert und zum guten gewendet. Allein wie du ihn schon gezähmt hast, zuerst kam er als Prätorianer, um das Haus zu durchsuchen, und morgen kommt er als Bräutigam, um dich zur Frau zu nehmen, das ist allein dein Werk!“
    Mein schlechtes Gewissen stach mich, als sie meinen Posten ansprach, denn ich hatte ihr nichts von der bevorstehenden Reise erzählt. Um ihr das Fest nicht zu trüben, und auch weil ich mich davor scheute, ihr eine Lüge zu erzählen, ihr aber die Wahrheit nicht sagen konnte, und es schon ahnte, dass sie sich mit Ausflüchten nicht zufriedengeben würde.
    “Mhm.“ Ich nickte. “Du kennst mich doch.“

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  • Sie sollte ihn nicht so ansehen? Wie sah sie ihn denn an? Seianas Lächeln schwand, und für einen Moment war sie ehrlich verwirrt, was er hatte, funktionierte ihre Maske doch einfach zu gut mittlerweile... bei anderen. Die sie nicht so gut kannten. Dass es daran lag, realisierte Seiana in diesem Moment allerdings nicht. „Du... warst nicht flapsig“, brachte sie nach einem Moment des Schweigens hervor, während er sie an sich drückte. Jammer nicht, echote es in ihrem Kopf, und sie presste kurz die Lippen aufeinander. „Ich weiß, dass du Recht hast“, wiederholte sie, während sie seine Umarmung erwiderte, und diesmal klang es schon ehrlicher, mehr nach ihr selbst.
    Dann allerdings lachte sie auf, und das Lachen klang... teils ehrlich amüsiert, teils ein wenig ungläubig... aber auch eine leicht bittere Note schwang darin mit. „Gezähmt? Das ist nicht dein Ernst.“ Sie löste sich von ihm und grinste flüchtig, während sie sich innerlich ermahnte, dass sie vorsichtig sein musste. Faustus wusste genug, dass auch ihm klar war, dass diese Hochzeit kein reines Vergnügen war, aber er wusste eben nicht alles, wusste nicht, wie sehr das Ganze auf Messers Schneide gestanden hatte, wusste nicht, was der Terentius ihr angedroht hatte, sofern ihr nichts eingefallen wäre. Wenn er das gewusst hätte, hätte er niemals davon gesprochen, dass sie den Terentier gezähmt hätte. Eher dass es umgekehrt war... Aber er wusste nichts, und das sollte auch so bleiben. „Das konnten weder Parther noch Ägypter, so jemand lässt sich nicht zähmen. Schon gar nicht von einer Frau.“ Sie schlug einen leichten Tonfall an, in der Hoffnung, Faustus würde darauf eingehen, ließ ihre Worte nach einem Witz klingen. „Der will nur nicht mehr allein sein, das ist alles.“


    Aufmerksam musterte sie ihn dann. „Jaaa...“, antwortete sie gedehnt, diesmal in einem Tonfall, in dem sie auch: gerade deswegen ja hätte sagen können. Das Problem war nur: sie konnte nicht zu viel sagen. Aus demselben Grund, aus dem sie nicht wirklich auf die Sache mit dem Zähmen hatte eingehen können. Faustus wusste ja nicht, warum das ein Grund zur Sorge für sie war, dass er nun auch noch so sehr in den Einflussbereich des Terentius geraten war. „Versprich mir einfach, dass du aufpasst. Rom ist... nicht ganz ungefährlich im Moment, mit dem Praefectus Urbi...“ Sie stockte kurz, überlegte, was sie sagen sollte. „Ich weiß noch nicht, wie der Praefectus Praetorio zu ihm steht, aber er scheint ihm nicht ganz so... verbunden zu sein wie sein Vorgänger.“ Ihr fiel gar nicht auf, dass sie ihren Zukünftigen gerade nicht einmal bei seinem Gensnamen genannt hatte. „Hat der Praefectus Urbi irgendwas zu dir gesagt bei eurem Gespräch?“

  • "Doch, war ich wohl." murmelte ich in der Umarmung. Aber es lag doch nur daran, dass ich es nicht sehen konnte, wenn sie sich so quälte... und dann irgendwas dummes sagte, um die Situation aufzulockern... oder so ähnlich. Ausserdem kannte ich es von mir selbst, diesen ungesunden Hang sich zu viele Gedanken zu machen, es lag wohl in der Familie, jedenfalls in unserer Verästelung. Ich glaube, es stammte von anteiischer Seite, unsere Mutter war auch manchmal so gewesen. Die glorreichen Decimer-Ahnen dagegen konnte ich mir kaum in der Pose der Melancholie vorstellen. Es passte nicht zu ihnen. Als ich einmal mein großes Idol Artorius Avitus gefragt hatte, was das Geheimnis war, alles so gelassen und kaltblütig zu ertragen wie er das tat, da meinte er nur auf seine lakonische Art: "ich denke da eigentlich gar nicht so viel drüber nach". Und ich glaubte mittlerweile, dass er mir damit wirklich das Geheimnis verraten hatte.
    'Gezähmt' war auch zu flappsig. Seiana wies es weit von sich. Aber wie sie von ihrem Zukünftigen sprach, das klang richtig ehrfürchtig. Etwas das ich von ihr kaum kannte.
    "Meinst du echt? Hm... ich weiß ja nicht, aber.... ist das nicht vielleicht auch ein guter Grund?" gab ich zögerlich zu bedenken. Heiraten um nicht mehr alleine zu sein. Komische Vorstellung, ich würde nie auf die Idee kommen, dass eine Ehefrau mir irgendwie Gemeinschaft oder Vertrautheit schenken könnte.


    Mein Gewissen stach noch empfindlicher, als meine kluge Schwester mich so genau ins Auge fasste.
    "Ich pass auf, ich versprech's dir." gelobte ich. Natürlich würde ich das, ansonsten würde ich nicht weit kommen mit meiner Mission Antiochia... und auch nicht heil zurückkommen, woran mir ja doch auch selbst was lag... Delikate Dinge waren das, die sie auf einmal ansprach. Ich wurde nervös, erhob mich und versicherte mich, dass auch wirklich kein Sklave in unserer Nähe herumstand, alle Fenster zu waren, kein Lauscher in der Nähe war.
    "Im Vertrauen, Seiana" meinte ich dann leise, mich wieder zu ihr setzend, "und nur, wirklich nur unter uns beiden: ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Stadtpräfekt selbst an Terentius' Verbundenheit auch seine Zweifel hegt. Der Verbundenheit zum Kaiser. Vielleicht ist es nur das gewöhnliche Mißtrauen mächtiger Leute. Aber du solltest es wissen. Und wenn du irgendwas in der Hinsicht erfährst, dann mußt du es mir sagen, ja? Wir müssen alle aufpassen."

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  • Die Frage brachte Seiana tatsächlich zum Nachdenken – vor allem, weil sie gar nicht wusste, ob das stimmte. Ob der Terentius tatsächlich auch daran gedacht hatte, Gesellschaft haben zu wollen, als er sich entschieden hatte ihr Angebot anzunehmen. Zwar war er ja nun recht lange unverheiratet geblieben… dennoch war ihr Kommentar eigentlich nur als Scherz gemeint gewesen.
    Aber: war es denn ein guter Grund zu heiraten, um nicht mehr allein zu sein? Sie konnte das nicht so recht beurteilen… sie konnte nicht einmal sagen, ob sie es mochte, allein zu sein. Sie mochte es einfach nur, ihre Ruhe zu haben… Und das war etwas anderes als allein zu sein… oder gar einsam. „Naja… wenn man… sich versteht. Gut miteinander auskommt. Dann… sicher.“ Es würde zumindest vieles einfacher machen, wenn das eintrat. Aber ob das bei ihr und dem Praefectus Praetorio der Fall sein würde, wusste sie eben nicht.


    Sie musterte ihren Bruder eingehend… und hoffte, dass er auch wirklich auf sich aufpassen würde, aber… das Problem war einfach, dass er eben nicht alles wusste. Und sie hatte auch keine Ahnung, wie sehr der Praefectus Urbi selbst gewollt hatte, dass die Gens Decima irgendwie in den Schmutz gezogen wurde; im Grunde wusste sie noch nicht einmal mit letzter Gewissheit, dass er hinter der Durchsuchung steckte. Sie konnte ihm also nicht zu sehr ins Gewissen reden, das würde nur wieder auffallen. Was sie aber tun konnte… sie sah Faustus nachdenklich dabei zu, wie dieser aufstand und sich kurz vergewisserte, dass niemand lauschen konnte, während sie einen plötzlichen Einfall in ihrem Kopf hin und her wendete. Der Iunius. Sie konnte den Iunius bitten, auf ihren Bruder acht zu geben… sicher, er war nur ein Miles, und ihr Bruder Tribun, was die Möglichkeiten von vornherein limitierte. Und er musste in jedem Fall in Faustus‘ Einheit sein, sonst war es völlig sinnlos, und das würde sie noch herausfinden müssen. Aber wenn ja… ihr Bruder würde das nie, niemals, unter gar keinen Umständen erfahren dürfen, weil er sonst wohl ausflippen würde, vermutete sie. Aber es würde sie beruhigen zu wissen, dass es jemand bei den Prätorianern gab, der ein Auge auf Faustus hatte, auch wenn es nur ein Miles war…


    Sie schob den Gedanken für den Moment beiseite und konzentrierte sich wieder auf ihren Bruder, als dieser sich erneut zu ihr setzte, und als er weitersprach, huschte ein Ausdruck der Überraschung über ihr Gesicht. „Zum Kaiser? Das hat dir der Vescularius gesagt?“ Sie strich sich über die Lippen, abschätzend, überlegend. Ich bin loyal zu Rom. Zu Rom, nicht zu den Amtsinhabern… außer sie behandeln mich gut, echote es in ihrem Kopf. So in etwa waren seine Worte gewesen, als sie bei ihm gewesen war, jenes erste Mal. Amtsinhaber, das konnte sich genauso gut auf den Kaiser selbst beziehen… Aber der Praefectus Urbi war nun auch kein Mensch, dem sie unbedingt Vertrauen schenkte. Ganz im Gegenteil. Zwischen welche Fronten waren sie da nur geraten? Und die nächste Frage: sollte sie das Faustus jetzt sagen? Diesen einen Kommentar? Der noch dazu eigentlich eher dazu gedacht gewesen war ihr klar zu machen, dass ihr Zukünftiger nichts gegen den Vescularius hatte, so lange der für Ruhe sorgte und ihm einen Anteil der Macht zugestand… „Ich meinte damit eigentlich eher, dass ich den Eindruck habe Terentius… denkt und handelt durchaus eigenständig, was nicht schlecht ist, finde ich. Der vorige Gardepräfekt dagegen, dieser Marius… ganz ehrlich, das war ein Schoßhund des Praefectus Urbi“, sagte sie zunächst nur… grübelnd starrte sie dann in die Flammen, bevor sie noch leiser anfügte: „Ich glaube… mein Eindruck bisher ist, dass er ein Machtmensch ist. Wie der Praefectus Urbi auch. Das Problem ist nur: der Kaiser ist es ganz offensichtlich nicht, oder er ist zu schwach, zu krank, um hier entsprechend aufzutreten und seine Präfekten im Zaum zu halten.“ Und eine solche Konstellation war immer gefährlich. Seiana rieb sich über die Stirn. „Ich werd Augen und Ohren offen halten… mal sehen, was ich in Erfahrung bringen kann.“

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