Es war wie so oft ein langer Tag gewesen, einer jener Tage, die mir vieles abverlangten und an deren Ende ich eigentlich froh war, wenn ich in Ruhe noch ein wenig im Arbeitszimmer lesen konnte - aber an diesem Abend schien mir nicht beschieden, was ich mir gewünscht hatte - Zeit zum Ausruhen - und es klopfte, riss mich aus meinen Gedanken zu einer der Schriften des Tullius Cicero, und lenkte meine Aufmerksamkeit folglich in Richtung der Türe, als diese sich öffnete und Bridhe eintrat. In jenem Moment zwang ich mir eine Miene aufs Gesicht, die imstande war, meine Müdigkeit wenigstens halbwegs zu verbergen, aber ich machte mir keine allzu großen Hoffnungen, es sei ihr gänzlich entgangen, dafür lebten wir nun schon lange genug recht nahe beieinander, und sie hatte mich in vielen verschiedenen Stimmungen bislang erlebt, auch in jener, in der ich von der Welt nicht mehr viel wissen wollte.
"Guten Abend, Bridhe," sagte ich dennoch in einem einigermaßen freundlichen Ton, versuchte mich sogar an einem kleinen Lächeln, während ich mich in meinem Stuhl zurücklehnte und ihr entgegen blickte. Wenigstens sah sie nicht mehr ganz so freudlos und trostlos aus wie an jenem Tag, an dem sie sich versucht hatte das Leben zu nehmen - und so hob ich erwartungsvoll meine Brauen. "Gibt es irgend etwas?" Wahrscheinlich wollte sie mich ohnehin nur daran erinnern, dass es für mich Zeit wurde, schlafen zu gehen, auch das gehörte zu ihren täglichen Aufgaben als meine Leibsklavin.

Arbeitszimmer | Caius Flavius Aquilius
-
-
Mit dem Rücken, dicht zur mittlerweile geschlossenen Tür, stand ich da und nur widerwillig wollte ich einige Schritte hin zu Aquilius´ Schreibtisch machen. Eigentlich hatte ich vor, all meinen Mut zusammennehmen, um ihm erklären, was ich auf dem Herzen hatte. Doch jetzt stand ich wieder da und wusste nicht, wie ich beginnen sollte. Er wirkte etwas müde und überarbeitet. Dies ließ mich erst daran zweifeln, ob ich denn wirklich den richtigen Moment gewählt hatte. Doch sein Lächeln, das er mit in dem Augenblick zuteil werden ließ, als er mich erblickte, konnte mich eigentlich darauf hoffen lassen, meiner Bitte wohlgesonnen gegenüberzustehen, hätte ich mich nur nicht wieder wie gelähmt gefühlt.
Mit offenem Mund starrte ich zum Schreibtisch hinüber. Mein Herz schlug so wild, als wolle es gleich zerspringen.Ich, ich…äh ich wollte dich etwas fragen, dominus, stammelte ich schließlich.
Wieder verging eine Weile, in der ich mich darauf besinnen wollte, wie ich es ihm beibringen wollte. Wie einfach war es doch gewesen, so wie ich es mir noch über den Tag hinweg im Geiste vorgestellt hatte! In meiner Vorstellung war alles ganz leicht gewesen. Ich war zu ihm gegangen und hatte ihm frei heraus das gesagt, was ich mir zu recht gelegt hatte.Eigentlich ist es mehr eine Bitte, ergänzte ich dann noch.
Zögerlich trat ich nun doch einige Schritte näher nach vorn. Allerdings war ich noch lange nicht am Schreibtisch angekommen. Meine Arme hingen schlaff an meinem Körper herunter. Die Hände hatte ich zu Fäusten geballt, damit ich nicht nervös, wie ich nun mal in jenem Augenblick war, mit meinen Fingern spielte.Ich wollte dich darum bitten, mir zu erlauben…
Wieder stockte ich und ließ, von mir selbst enttäuscht, den Kopf hängen. Doch dann spürte ich auf einmal wieder dieses seltsame Etwas in mir, das mich auch schon in den letzten Tagen des Öfteren überrascht hatte. Es war wie Tritt oder ein Anstoß, den man mir innerlich verpasst hatte. Das veranlasste mich schließlich dazu, mich wieder zu fangen und meinen Satz, der bislang noch unvollendet da stand, zu vollenden.
Äh, mir zu erlauben, gelegentlich für ein eigenes Entgelt zu arbeiten.
Endlich hatte ich es geschafft! Wenigstens die erste Hürde hatte ich genommen und ich fühlte erstmals so etwas, wie eine innerliche Erleichterung. Doch da stand immer noch etwas im Raum, was die Angelegenheit ja so dringlich machte! Würde ich ihn damit überfordern, wenn ich mit der ganzen Wahrheit sofort ans Licht kam? Er würde es so oder so erfahren! Also besser jetzt als später!
Nicht für mich, dominus. Für das Kind, das in mir wächst, fügte ich noch schnell, fast flüsternd, an und sah ihn erstmals an diesem Abend direkt in die Augen.
-
So schüchtern, ja, fast unsicher hatte ich Bridhe schon lange nicht mehr erlebt - sie, die mich mit ihren Temperamentsausbrüchen mehr als einmal überrascht, wenn nicht gar amüsiert hatte, schien seit ihrem Gang ins Wasser gedämpft, still zu sein, in sich gekehrt, und auch am heutigen Abend wirkte sie zwar wach, aber längst nicht so lebendig und strahlend, wie sie es sein konnte. Gemächlich schob ich die Schriftrolle beiseite, in der ich gerade gelesen hatte, und lauschte dem, was sie mir in einzelnen Bruchstücken nach und nach sagte. Offensichtlich bedeutete ihr viel, was sie mich zu bitten versuchte, und ich hob schließlich meine Brauen, als der leise geflüsterte Nachsatz eine Erinnerung in mir aufkommen ließ. Schwanger? Bridhe war schwanger? Das hieß, dass ich wohl ebenso in Frage kommen konnte wie auch Severus - und jeder andere Mann, den sie in der letzten Zeit mit ihrer Gunst bedacht hatte, falls es solche derzeit gab. Schwanger. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte, war dies wahrlich das Letzte - wie bitter war doch diese Ironie. Während Gracchus ob seiner Kinderlosigkeit verzweifelte, schien mein Samen keinerlei Schwierigkeiten zu haben, sich zu entfalten, beziehungsweise, es bestand durchaus die Möglichkeit dessen. Ich musste blinzeln, und blickte sie erst einmal eine ganze Weile lang stumm an, musste mir die Worte zurechtsuchen, die ich sprechen würde, falls ich heute irgendwann noch etwas sagen würde können.
"Äh ..." war das erste, das ich nach dieser langen Pause überhaupt herausbrachte, um dann etwas mehr Schwung zu holen. "Also grundsätzlich sehe ich da kein Problem, wenn es angesehene Häuser sind, Bridhe, und ich will Bescheid wissen, wohin Du gehst - alleine wirst Du nicht in fremde Haushalte gehen, ich denke, Micipsa könnte Dich begleiten, seine Statur dürfte so manchen vorwitzigen Verrückten abschrecken. Ansonsten weisst Du, dass alles, was Du verdienst, auch in meinen Besitz übergeht, wie Du mir gehörst? Ich werde dies also in Verwahrung für Dich nehmen ..." Ein Gedanke blitzte auf und verlangte nach Beachtung. "Du willst dieses Geld sicher nicht ohne Grund verdienen, denn ein Kind würde in diesem Haushalt jederzeit versorgt werden ... lass mich raten, Du willst Dich irgendwann freikaufen?" Damit war es heraus, und noch konnte ich alles andere irgendwie zurückdrängen, für einen Augenblick die Frage nach dem Kind beiseite schieben, das meines sein konnte. Bei Mars, konnte es wahr sein?
-
Offensichtlich hatte meine letzte Bemerkung ihre Wirkung nicht verfehlt! Er bedurfte einige Zeit, bis Aquilius etwas darauf erwidern konnte. Was dann allerdings folgte, erschütterte mich so sehr in meinem Inneren, sodass ich am liebsten Reißaus genommen hätte. Diese scheinbare Leichtigkeit, mit der er es zu nehmen schien, war einfach unerträglich für mich. Ob er überhaupt wusste, worüber wir hier sprachen? Nein! Seine Sachlichkeit, über die Dinge zu sprechen, ließ mich eher vermuten, dass ihm mein wahres Ansinnen bislang verborgen geblieben war. Doch ich war mir meiner Sache sicher. Immer und immer wieder hatte ich darüber nachgesonnen und nachgerechnet. Jedesmal kam ich auf das gleiche Ergebnis. Es konnte nicht anders sein. Es musste einfach so sein. Es war so!
Noch immer ruhten meine Augen auf ihm. Nichts hatte sich in meinem Ausdruck geändert. Ein starrer Blick, zwar auf ihn gerichtet, doch eher ins nichts blickend. Es fiel mir schwer, etwas darauf zu sagen. Immer noch suchte ich nach den geeigneten Worten, um dankbar zu erscheinen und um meine wahren Gedanken möglichst zu verschleiern, so gut es ging.Ich danke dir für dein Entgegenkommen!
Das war alles, was ich vorerst herausbrachte. Eine sachliche Antwort die seiner sachlichen Erklärung würdig.Seine letzte Bemerkung allerdings, veranlasste mich, doch noch zu einer Äußerung.Ja, es gibt einen Grund dafür. Ich sagte, es ist nicht für mich. Es ist für das Kind. Es soll nicht das gleiche Schicksal teilen müssen, wie seine Mutter! Es soll frei sein!
Mein Kind sollte keines dieser bemitleidenswerten Gestalten werden, die man, solange sie klein und niedlich waren, wie kleine Schoßhündchen behandelte und sobald sie dem Kleinkindalter entwachsen waren, bewusst machte, was sie eigentlich wirklich waren. Ob es für mein Anliegen eine rechtliche Grundlage gab, wusste ich nicht. Es war mir auch gleich. Schließlich war es doch sein Kind! -
Langsam nickte ich zu ihren Worten - letztendlich war es nachvollziehbar, dass sie umso mehr nun die Freiheit wollte, da sie wusste, sie würde ein Kind haben. Laut dem Gesetz nach wäre es ein römischer Bürger, wenn ich sie freiließ, und dieses Recht gab diesem Kind bedeutende Vorteile gegenüber dem Leben als Sklave. Ja, wahrscheinlich hätte ich mich selbst ebenso in diesem Weg versucht, wäre ich an ihrer Stelle gewesen. Allerdings würde es schwer sein für eine schwangere Frau, innerhalb so kurzer Zeit genug Geld zu verdienen, um sich die Freiheit zu erkaufen. "Nun, wenn Du eine Freigelassene wärest, würde das Kind das römische Bürgerrecht erhalten - ich nehme an, darauf willst Du hinaus. Nur zu verständlich ..." sagte ich langsam, meine Gedanken noch einmal ausgesprochen wiederholend, aber ich kam mir dabei vor wie ein Idiot. War sie von mir schwanger? Oder von Severus? Kam noch jemand sonst in Frage? Genau wie bei Orestillas Schwangerschaft brauchte ich eine Weile, um all dies überhaupt zu realisieren. Dass es möglich war. Dass es vielleicht mein Kind war, das jetzt in ihr heranwuchs. Aber, wenn ich jetzt fragte, gab ich dann nicht auch zuviel in ihre Hände, wenn ich ihr verriet, dass mir dies nicht egal war? Dass mir nicht egal war, von wem dieses Kind war? Ich wusste nicht, wie man auf so etwas richtig reagierte, letztendlich war noch nie eine Sklavin von mir schwanger gewesen, oder hatte es mir nie gesagt.
"Was meinst Du, wer ist der Vater?" brachte ich die Frage dann doch heraus, flehend, fordernd, unsicher und streng zugleich, im vollkommenen Zwiespalt dessen, was ich gerade empfand. Empfand ich überhaupt etwas in diesem Moment, durfte ich etwas empfinden? Vielleicht war es von Severus und sie würde mir erzählen, es wäre mein Kind, es war einfach alles möglich. "Und ...wie lange weisst Du es schon? Das ist ...einfach ...sehr überraschend für mich." Wünschte ich mir ein weiteres Kind? Vielleicht eine Schwester für meinen kleinen Sohn, der in Ostia aufwuchs? Oder noch ein Sohn? Ich wusste nicht, was ich empfand, ob ich empfand, ich starrte sie ebenso an wie sie mich anblickte, ohne zu wissen, ob sich jetzt die Erde unter mir auftun würde oder nicht.
-
Ob er so langsam zu verstehen begann, worum es mir ging? Ich konnte es nicht so richtig einschätzen, denn ich spürte auch eine gewissen Unsicherheit und Zweifel bei ihm. Aber musste doch Verständnis dafür haben! Jede Mutter wünscht sich doch nur das Beste für ihr Kind. Wobei es mir völlig gleich war, ob mein Kind das römische Bürgerrecht erhielt oder nicht. Wichtig war mir nur eins, es sollte frei sein!
Warum zögerte er auch nur eine Minute? Ich wollte doch nichts geschenkt haben! Ich wollte nur alles für mein Kind tun! Er sollte sich zu nichts verpflichtet fühlen! Nur eins wollte ich, sein Wort darauf, dass mein Kind frei sein würde. Zu gerne hätte ich gewusst, was nun in seinem Kopf vorging. Was er dachte und was ihn beschäftigte. Man konnte es ihm deutlich ansehen, dass ihn diese Botschaft nicht völlig kalt gelassen hatte. Und ja, endlich kam die Frage, die ihn offenbar so eingespannt hatte! Die Frage nach dem Vater des Kindes. Natürlich, diese Frage war berechtigt. Aber sie zeugte auch davon, was er von mir wusste oder im schlimmsten Falle, wie er von mir dachte. Ich wollte nicht empört darüber erscheinen, auch wenn diese Frage mich traf. Doch der ersten Frage folgte auch bald eine weitere. Bestand also doch ein gewisses Interesse? So wie für mich diese Situation neu und ungewohnt war, musste es natürlich auch für ihn sein.Ich habe mich Cungah anvertraut, als es mir vor einiger Zeit jeden Morgen immer wieder schlecht war. Sie ist sich ganz sicher! Seit einigen Tagen spüre ich nun auch etwas, doch schon seit längerem beobachte ich Veränderungen an meinem Körper. Es kommt nur einer in Frage als Vater.
Ich sah ihn eindringlich an, vielleicht um mir selbst die Antwort zu ersparen. Diese eine Nacht hatte alles in meinem durcheinandergewirbelten Leben verändert. Ich bereute zu tiefst, was geschehen war. Doch ich konnte daran nun nichts mehr ändern. Ja, ich brachte nur Unheil! Wieder fragte ich mich warum man mich nur an jenem Morgen aus dem Wasser gezogen hatte. Ein Kind, das keinen Vater haben würde und das im schlimmsten Falle als Sklave zur Welt kam, war wirklich das Letzte, was ich haben wollte. Doch es gab keinen Aufschub mehr. Diese eine Antwort war ich ihm noch schuldig.
Es ist deines! antwortete ich leise.
In meinen Jungmädchenträumen hatte ich es mir immer ganz anders vorgestellt. Die Realität war erdrückend! -
Also doch. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte oder nicht. Letztendlich war ich niemals wirklich wild auf Kinder gewesen, hatte nie danach gestrebt, welche zu zeugen, und doch war es wohl wieder passiert. Ein zweites Kind, eines, das auch noch von einer Sklavin zur Welt gebracht werden würde. Dass es hier nicht mehr viele Möglichkeiten geben würde, war klar - ich konnte sie kaum als Sklavin behalten, denn mein Kind als Sklaven aufwachsen zu sehen war indiskutabel. Es zu verheimlichen ebenso - manch ein anderer Patrizier hätte das wohl getan, aber ich hatte nicht vor, dieselben verlogenen Spielchen mitzumachen wie alle anderen. Wenn es mein Kind war, dann sollte es als freier Mensch aufwachsen können, nicht als verstoßener Bastard einer verbitterten Mutter.
"Wir werden also ein Kind haben," sagte ich und war mir gleich darauf überaus bewusst, wie dämlich und hohl das klingen musste. Im Grunde sollte man bei einer solchen Eröffnung freudestrahlend der werdenden Mutter um den Hals fallen und ihr versichern, dass man sich nichts schöneres vorstellen konnte, als gerade mit ihr ein Kind zu haben - zumindest war ich mir ziemlich sicher, dass sich das eine Frau wünschen würde in einer solchen Lage - aber ich war in diesem Moment einfach zu überrascht. Zu wissen, dass die Leidenschaft jener Nacht tatsächlich ein Leben gezeugt hatte, war einfach überwältigend.Dann musste ich mit einem Mal lächeln. Es war mir bei Orestilla nicht vergönnt gewesen, mein Kind wachsen zu sehen, aber hier würde das der Fall sein. Und es würde hier aufwachsen, als umsorgtes Kind einer patrizischen Familie, nicht weniger. Nicht als Erbe, aber doch als ein Kind, das viele Möglichkeiten mehr haben würde als ein einfacher Bürger, unendlich viele mehr als ein Sklave. "Das ist einfach wundervoll!" Und in dem Augenblick, da ich es aussprach, meinte ich es auch so. Sicher, es würde wieder ein Stückchen mehr Verantwortung auf mir lasten, aber war es nicht auch ein Geschenk der Götter? Etwas Einzigartiges, ein Kind zu haben? Ich erhob mich und schritt zu ihr, um sie dann einfach in meine Arme zu ziehen, nicht leidenschaftlich, nicht begierig, einfach nur erfreut, für den Moment weder müde noch erschöpft, es war einfach von mir abgefallen, als ich dies vernommen hatte.
-
Am liebsten hätte ich mich irgendwohin verkrochen, wo mich niemand gefunden hätte. Doch gab es derzeit kein Entrinnen für mich. Ich hatte meinen Blick gesenkt und wartete nun nur noch auf eine Entscheidung. Große Hoffnungen hatte ich mir eh keine gemacht! In so kurzer Zeit das nötige Geld zusammen bekommen, um wenigstens die Freiheit für das Kind erkaufen zu können, grenzte fast an ein Ding der Unmöglichkeit! Ich wusste, was noch alles vor mir lag und ich wusste, dass ich es schaffen musste. Niemals würde ich es mir verzeihen können, würde ich es nicht schaffen.
Die Minuten, die vergingen, bis endlich ein Wort von ihm käme, lasteten wie Blei auf meinen Schultern. Bitte sag ja! Bitte! Dann endlich! Beim Klang seiner Stimme blickte ich auf. Wir? Wir werden ein Kind haben? Warum war er so grausam zu mir? Warum machte er auch noch Scherze? Ich wusste, er konnte es nicht ernst gemeint haben. Nicht wir! Er hatte es mir mehr als einmal deutlich gemacht, dass es ein wir nicht geben würde und auch nicht geben konnte. Also warum das alles jetzt? Plötzlich, ein Lächeln und dann dieser Ausspruch , einfach wundervoll! Wundervoll? Jetzt war ich vollkommen verwirrt! Meinte er es wirklich so?
Nein, aufwachen Bridhe! Du träumst nur! Wach auf!
Dann stand er unvermittelt vor mir und zog mich an sich heran. Ich wusste nicht mehr, was mit mir geschah. Längst hatte ich die Kontrolle über mich selbst verloren. Ich ließ einfach locker und alle Spannung fiel von mir ab.Du freust dich, also? bemerkte ich, immer noch zweifelnd.
Was muss ich tun, das es frei sein wird? -
"Natürlich freue ich mich! Ein neues Leben ist doch etwas Wunderbares, und ein Kind ... die Götter wissen, dass ich niemals etwas Schlechtes daran finden könnte," sagte ich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Im Augenblick noch fiel es mir leicht, dieser Nachricht positiv gegenüber zu stehen - wahrscheinlich würde ich es spätestens dann bereuen, wenn das Kind Bridhes Neigung zu wechselhaften Stimmungen geerbt haben würde und in der Zeit des Heranreifens meinen letzten Nerv geraubt hätte, sei es weil ein Sohn seinen eigenen Weg mit aller Gewalt gehen will oder eine Tochter ihre erste Liebesromanze erleben würde, aber an so etwas dachte ich nicht unbedingt jetzt.
"Was hast Du denn gedacht, das ich tun würde? Dir das Kind nehmen? Oder dergleichen? Bridhe, ein Kind ist doch ein Geschenk. Nur weil wir Römer in einigen Dingen anders denken und handeln als Du es vielleicht gewöhnt bist, sind wir noch lange keine Unmenschen," sagte ich schließlich und bekam dieses Lächeln einfach nicht von den Lippen."Und was Du für dieses Kind tun kannst .. im Grunde nichts. Nur ich kann etwas dafür tun und das werde ich. Kein Nachkomme der Flavier wird als Sklave zur Welt kommen." Allerdings, wenn es das war, worauf sie eventuell spekuliert hatte, wenn es nicht mein Kind war, sondern das Severus' ... konnte sie so falsch sein, mich so belügen? Ich blickte sie forschend an, ernst geworden, und doch, das Lächeln blieb. Ein unwilliger Vater war ich nicht, würde ich wohl auch nie sein. Momentan nur ein recht überraschter.
-
Diese körperliche Nähe zu spüren, die nicht aufdringlich oder leidenschaftlich war, tröstete mich und half mir, nicht völlig zusammenzubrechen. Seit der Trennung von Severus,
war ich doch danach auf der Suche, nach einer Schulter zum anlehnen. Dass es nun wieder Aquilius´ Schulter sein würde, die sich mir zum anlehnen bot, damit hatte ich nicht gerechnet. Auch seine Erwiderung auf die "frohe Botschaft" hatte ich so nicht erwartet. Warum zweifelte ich noch immer, dass er es wirklich ernst meinte? Vielleicht weil ich immer noch nicht richtig verstehen konnte, was geschehen war und welche Konsequenzen daraus erwachsen konnten. Die Geschichten, die ich von anderen Sklaven gehört hatte, die in die Sklaverei hineingeboren worden waren, hatten in mir bewirkt, mich gegen diesen Gedanken zu sträuben. Doch mit jedem weiteren Wort aus seinem Mund, kam ich langsam zu der Überzeugung, dass es kein Traum war. Trotz allem war ich innerlich zerrissen. Einerseits war da Freude und unendliche Dankbarkeit, doch konnten sie nicht vollends ausbrechen, denn diese Traurigkeit und der Schmerz, die immer noch in mir waren, legten sich wie eine undurchdringliche Hülle darüber. Reflexartig schlangen sich vorsichtig meine Arme um ihn, so als wollte ich ihn festhalten und aus Dankbarkeit drücken. Tränen der Freude, nicht der Trauer, saugten sich in seine Tunika.Doch plötzlich hielt ich inne, drückte mich leicht von ihm ab, um ihm in die Augen blicken zu können. Nicht minder forschend war mein Blick. Allerdings konnte ich nicht lächeln. Er sollte wissen, dass es mir nicht um mich ging. Mein Kind war es, worum es ging. Es war in dieser Sache völlig schuldlos und ich hätte es niemals ertragen können, wenn e für meine Fehler hätte zahlen müssen.
Ich möchte, dass du weißt, du bist zu nichts verpflichtet! Es war alles meine Schuld, dass es nun so weit gekommen ist. Ich möchte nichts, was du mir nicht auch aus freien Stücken gegeben hättest. Ich bitte dich nur für mein Kind!
-
Ihr Körper fühlte sich seltsam schmal in meinen Armen an und ich konnte es einige Augenblicke lang kaum glauben, dass sie wirklich und wahrhaftig schwanger sein sollte - aber Cungah hatte in diesen Dingen Erfahrung, sie hatte nicht nur einem flavischen Kind auf die Welt geholfen, ganz zu schweigen vom Nachwuchs innerhalb der Sklavenschaft, sie hatte sich ganz gewiss nicht geirrt. Zu wissen, dass in Bridhes Leib neues Leben heranwuchs, das wir beide gezeugt hatten, erschien mir seltsam, überraschend, aber auch gleichermaßen zauberhaft und unglaublich. Wie würde es wohl aussehen? Würde es ihr schwarzes Haar haben oder mein blondes? Würde es ein Junge oder ein Mädchen sein? Aber für diese Fragen würde noch viel Zeit sein und bleiben in der Zukunft - soviel war sicher. Dass sie sich an mich schmiegte, erfüllte mich mit einer gewissen Wehmut, denn letzten Endes war sie nun schon die zweite Frau, die mein Kind auf die Welt bringen würde, ohne dass ich als Lebensgefährte an ihrer Seite stehen würde. Als Freund, ja, auch als Vater des Kindes, aber nicht als liebender Mann, nicht als Partner.
Als sie zu weinen begann, reagierte ich, wie ich wohl immer reagieren würde - ich streichelte langsam und bedächtig ihr Haar, auch, weil ich mir nicht sicher war, was diese Tränen bedeuteten. Ihre Worte vermochten meine Zweifel, die bleibende Unsicherheit zumindest für den Augenblick zu zerstreuen, und so nickte ich langsam. "Ich weiss das, Bridhe, und dass Du für Deine Freilassung arbeiten wolltest, werde ich nicht vergessen. Dieses Kind soll es gut haben, und weil ich denke, dass ein Kind nur dann zufrieden aufwachsen kann, wenn auch seine Mutter zufrieden ist, wäre ich wohl der Letzte, der Dir diesen Wunsch verweigern könnte. Früher oder später hätte ich Dir die Freiheit ohnehin gegeben, jetzt ist es eben früher als gedacht. Kannst Du glauben, dass in spätestens neun Monden ein kleiner Mensch in Deinen Armen liegen wird? Unser kleiner Mensch?"
-
Eigentlich wäre dies ein Grund zur Freude gewesen. Das war es doch, wonach ich mich seit dem Tage meiner Verschleppung gesehnt hatte! Endlich wieder frei zu sein. Doch eine rechte Freude wollte noch nicht in mir aufkommen. Vielleich weil ich es immer noch nicht richtig glauben konnte aber vielleicht auch, weil ich von der Schwangerschaft selbst überrumpelt worden war. Ich hatte mir in meiner Lage kein Kind gewünscht. Zwar war es früher immer mein größter Wunsch gewesen, eine Familie zu gründen und auch Kinder zu haben, doch entsprang dieser Wunsch aus einer längst vergangenen Zeit.
Erst seine letzten beiden Fragen brachte mich dann doch noch zum schmunzeln.
Ich wusste, wie es war, einen Säugling im Arm zu halten und mir war auch bekannt, wie man ihn pflegen musste. Nach dem Tod meiner Mutter, war mir, als die älteste Tochter im Haus, die Aufgabe zuteil geworden, mich um meinen kleinen Bruder zu kümmern. Damals war er auch erst einige Tage alt gewesen, als mein Vater ihn mir in die Arme gelegt hatte. Damals war ich dreizehn, fast selbst noch ein Kind. Doch natürlich wäre es diesmal anders. Ich war diejenige, die das Kind austrug und die es gebären würde. Auch wenn es kein Wunschkind war, würde ich ihm trotzdem all meine Liebe schenken.Nein, ich kann es noch nicht richtig glauben, dass es unser Kind sein wird. Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, Mutter zu werden. Aber jetzt kann ich mich darauf freuen!
Jetzt müsste ich keine Angst mehr davor haben, eines Tages von meinem Kind getrennt zu werden, weil man es vielleicht verkauft hätte. Es wäre ab dem ersten Tag an bei mir und ich könnte erleben, wie es heranwachsen würde. Ich würde ihm alles beibringen, was ich wusste, würde ihm von meiner Heimat berichten, ihm die Geschichten erzählen und die Lieder singen, die ich noch von meiner Mutter kannte. Es sollte auch die Sprache seiner Mutter lernen, damit es wissen würde, woher es kam. Ich müsste mir noch einen Namen überlegen. Einen schönklingenden Namen, in dem sich die saftig grünen Wiesen und die Kraft des tosenden Meeres wiederspiegeln würden.
Bei all der Euphorie, stellte sich mir allerdings auch die Frage, wie er sich meine Freilassung vorgestellt hatte. Von Straton wusste ich, dass man ein Mindestalter von dreißig Jahren haben musste, um freigelassen zu werden. Davon war ich ja nun noch Jahre entfernt. Sollte es doch noch andere Möglichkeiten geben? Diese Frage ließ mir keine Ruhe! Ich musste es wissen!
Wie wird es sein, wenn du mich freilässt. Ich meine, wie ist der Ablauf, was wird da passieren?
-
Ein wenig nachdenklich schien sie geworden, aber wer wäre das nicht angesichts der auf uns zukommenden Entwicklung? Man wurde nicht einfach nebenbei Mutter oder Vater - sicher, beim Akt der Zeugung selbst verlor man oft keinen weiteren Gedanken an etwaige Folgen, das hatte ich in jener Nacht schließlich auch nicht getan, aber sobald man die Wahrheit erfuhr, war die Welt plötzlich ungleich mehr an Fragen und Befürchtungen angefüllt. Wenigstens gab es keine Sorgen um die finanziellen Verhältnisse in meinem Haushalt, die Grundstücke und Betriebe in meinem Besitz fuhren genug Gewinne ein, um noch eine ganze Menge Kinder mehr angemessen zu versorgen. Langsam strich ich ihr mit der Hand eine Strähne aus ihrer Stirn und lächelte etwas. Noch konnte ich mir sie nicht ganz als Mutter vorstellen, aber wenn sich ihr Bauch runden würde, wäre dies eine andere Sache. Ein zweites Kind ...wirklich, die Götter gingen seltsame Wege.
"Ach, das sind eine Menge unnützer Formalitäten, wobei die wichtigste darin bestehen dürfte, dem zuständigen Beamten klar zu machen, dass Du über dreissig Sommer alt bist - aber mit ein bisschen Farbe und einer Nacht ohne Schlaf bekommt man das leicht hin." Ich war da recht zuversichtlich, dass es einen Sklaven im Haushalt gab, der sich auf die Kunst verstand, sie ein wenig älter aussehen zu lassen - ansonsten musste ich den Beamten eben bestechen.
"Ich hätte nicht gedacht, so schnell wieder Vater zu werden," sagte ich schließlich und löste mich schließlich behutsam von ihr, um ans Fenster zu treten und hinaus zu blicken, ohne mich jedoch vollkommen von ihr abzuwenden. Ein Geschwisterchen für meinen Erstgeborenen, das war ein Glücksfall, und gleichsam würde es sicherlich eine Menge Ärger mit der Familie deswegen geben, wenn ich das Kind ebenso anerkannte. -
Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich hörte, wie einfach es doch war, die Freiheit zurück zu erlangen. Etwas, das mir bis dato unüberwindlich schien, konnte durch eine einfache Lüge überwindbar gemacht werden.
Mir wurde fast schwindlig dabei. Ich war die ganze Zeit einem Irrtum aufgesessen, einem Gesetz, das man bei Bedarf umgehen konnte. Meine Freiheit würde auf einer Lüge basieren! Ich konnte es nicht fassen! Ich versuchte Worte dafür zu finden, doch in diesem Fall war ich mehr als sprachlos! Und Aquilius, er der er stets auf die Wahrheit bedacht war, der nichts mehr als die Lüge hasste? War dies das große, zivilisierte Rom, dass stets auf die ach so barbarischen Völker hernieder schaute? Ich konnte es nicht glauben! All das war nur Fassade!Er sprach weiter und entfernte sich langsam von mir, ohne mir allerdings den Rücken zuzuwenden. Aber ich konnte nicht richtig zuhören. Mich beschäftigte immer noch die Verfahrensweise meiner Freilassung. Es wiederstrebte mir, wenn ich daran dachte, durch eine Lüge wieder frei zu sein. Ein anderer hätte wahrscheinlich dazu geschwiegen und den Dingen seinen Lauf gelassen. Doch nicht ich!
Du willst deswegen lügen?, platzte es aus mir heraus. Etwas Vorwurfsvolles lag in meiner Stimme und im nächsten Moment bereute ich es eigentlich auch schon wieder, etwas gesagt zu haben, denn damit gefährdete ich die Freiheit meines ungeborenen Kindes.
Ja, ich hatte ein Problem damit! Dass er keine Gegenleistung für meine Freilassung beanspruchte war die eine Sache aber eine Lüge? Nein, das wollte ich nicht! -
"Nein, will ich nicht," sagte ich und seufzte gleichermaßen. Diese Schwindelei war mir tatsächlich nicht besonders angenehm, letztendlich war und blieb es eine Lüge, denn sie war nicht dreissig und würde schätzungsweise noch mindestens zehn Jahre lang nicht dreissig sein. An den Tatsachen ließ sich nicht rütteln, sie war jung, sie sah zum Anbeißen aus und ihre Haut war nun einmal so glatt und rein wie die einer jungen Frau - wann immer eine Frau hätte wünschen können, älter auszusehen, dies war eine der wenigen Gelegenheiten, wie auch kindliche lupae oftmals zu wünschen begannen, für älter und damit auch für erwachsener gehalten zu werden. "Letztendlich ist diese Lüge nicht der Weg, der mir gefallen kann, um Dir Deine Freiheit zu geben, aber schätzungsweise der einzige, um es zu bewerkstelligen, ohne dass Du tatsächlich so lange warten musst und das Kind als Sklave auf die Welt kommt." Ich drehte den Kopf wieder in ihre Richtung und betrachtete ihr von der Erregung vage gerötetes Gesicht, um dann etwas gequält zu lächeln. Jener Morgen, an dem sie versucht hatte mich zu täuschen, kehrte in der Erinnerung ausgesprochen deutlich zurück, auch die Ohrfeige, die sie von mir dafür bekommen hatte.
"Ich werde Lügen nie zu schätzen wissen, Bridhe, und ich bin froh, dass Du es überhaupt ansprichst. Jeder andere hätte sich auf die Freiheit gefreut und nichts gesagt, Du aber ... ich habe mich nicht getäuscht in dem, was ich damals auf dem Sklavenmarkt zu erkennen hoffte, einen Menschen mit einer aufrechten Einstellung zur Welt. Diese Scharade gefällt mir nicht, wahrhaftig nicht, und ich hoffe, ich finde einen Weg, bei dem man darauf verzichten kann - ich habe in Rom noch keinen Sklaven freigelassen, vielleicht verzichten sie auf die persönliche Begutachtung, wie es in meiner Heimat üblich wäre, dann ist das alles ohnehin unnötig. Aber wenn es sein muss, Bridhe, dann werde ich lügen, weil es einem sinnvollen Zweck dient. Weil es Dir und dem Kind ein besseres Leben ermöglichen wird. Und nur deswegen." Einen anderen Grund hätte ich auch nicht akzeptiert. In meinem Haushalt wurde nicht gelogen, wenn es nicht unbedingt sein musste, wenn ein Leben davon abhing, war das ein wichtiger Grund.
-
Sollte mich das jetzt beruhigen? Ja, das sollte es! Ich konnte auf einmal Severus´ Worte nachvollziehen, wenn er immer gegen Rom und die Römer wetterte. Doch gut. Es würde sich auch nichts daran ändern. Wichtig war doch nur, dass das Kind frei wäre –und ich auch! Ich! Warum kam bei diesem Gedanken nicht ein Fünkchen Freude auf. Ich würde wieder frei sein, so wie früher! Vielleicht weil es mir in diesem Moment auch bewusst wurde, dass ich zwar frei sein würde, doch hier bleiben musste. Ich würde nicht nach Éirinn zurückkehren, so wie ich es mir immer in meinen Träumen vorgestellt hatte. Ich musste mich weiterhin mit der Hoffnung begnügen, eines Tages zurückkehren zu können.
Ich sah wieder zu ihm auf und erkannte ein Lächeln, zu dem er sich eher zwingen musste, als das es freien Herzens kam. Ja, diese Geste, die eigentlich unbedeutend war, beruhigte mich wieder und er tat mir plötzlich leid.Die Lüge ist ein Instrument, dessen wir uns manchmal bedienen müssen, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt. Wie kann ich das jemals wieder gut machen?
Es musste doch etwas geben, was ich tun konnte! Ich wollte nicht ewig in seiner Schuld stehen. Ich zermarterte mir das Hirn nach der Frage, was ich geben konnte. Was sollte ich geben? Ich hatte ja nichts! Wobei das nicht ganz zutreffend war! Wie ein Geistesblitz traf es mich. Meine Augen blitzten in jenem Moment auf, als ich eine Antwort gefunden hatte.
Ich werde dir versprechen, so lange hier zu bleiben, wie du es wünschst und ich hoffe, du wirst mich nicht weg schicken...und ich... ich habe da noch etwas. Etwas, was ich dir schon lange geben wollte, weil es ja gar nicht mir gehört … ich muss es nur schnell holen. Bitte entschuldige mich einen Augenblick.
Mit diesen Worten lief ich zur Tür und lief rasch hinüber in meine Kammer um dort etwas zu holen. Nach nur wenigen Minuten war ich wieder da und hielt ihm ein flaches, in Stoff eingewickeltes Päckchen entgegen.
Hier, bitte nimm das. Es gehört mir nicht und ich will es auch nicht!
Vielleicht war dies wirklich der unpassendste Moment, mit dem Beichten zu beginnen. Doch ich spürte, dass ich es jetzt tun musste! -
"Die Lüge ..." sagte ich leise, und die Worte fielen mir nicht unbedingt leicht dabei. "... manchmal rettet sie ein Leben vor dem Untergang, einen Menschen vor einem sinnlos traurigen Schicksal und manchmal ist sie unumgänglich, um nicht einem Feind etwas in die Hand zu geben, mit dem er einen in die Knie zwingen kann. Rom ist eine auf Lügen gebaute Stadt, so traurig es auch ist, an jeder Ecke wird Dir die Lüge nachgeworfen. Eine willige lupa? Natürlich freut sie sich über jeden Besuch, denn sie muss davon leben, dass sie Dich damit täuscht, es bereite ihr Vergnügen. Ein treuer Freund im Senat? Natürlich lächelt er Dir heute zu, weil Du ihm nützt, und morgen tritt er Dich in den Rücken, weil Du nutzlos geworden bist .. es gäbe so viele Beispiele, Bridhe, und ich schätze die Lüge umso weniger, je mehr ich von den Menschen lerne, je mehr Schmutz sie um sich anhäufen, um irgendwann darin zu ersticken. Aber ... wenn diese Lüge etwas gutes bewirken kann, dann ... dann muss es eben sein." Schweigend blickte ich sie an, als sie mir von Wiedergutmachung sprach, davon, bei mir zu bleiben, solange ich wollte - und es schmerzte mich mehr, sie dies sagen zu hören, als ich es gedacht hätte, ohne zu wissen, warum es mir wehtat.
Sie sollte sich nicht verpflichtet fühlen zu bleiben, ich hatte es immer gehasst, wenn eine Frau sich mir gegenüber so verhielt. Aber ich sagte nichts, ich konnte und wollte nichts sagen, noch nicht. Noch war die Angelegenheit längst nicht ausgestanden. Sie ging und kam kurze Zeit später mit einem etwas unförmigen Paket in Händen zurück, das mich die Brauen heben ließ. Wieder irgendein Kultartikel für die Anbetung ihrer Göttin? Aber was sie sagte, ließ mich schlimmeres vermuten. Hatte sie etwa aus dem Zimmer eines anderen Flaviers etwas gestohlen? Stirnrunzelnd begann ich, den Stoff zurückzuschlagen, um mir anzusehen, was sie mir da gegeben hatte - man mochte mir die Verwirrung durchaus auch anmerken, denn mit einer solchen Wendung hatte ich nicht unbedingt gerechnet.
-
Zu gerne hätte ich gewusst, was in jenem Moment in ihm vorging, als er damit begann, das Tuch umzuschlagen und somit langsam, doch unaufhaltsam das Schmuckstück freilegte. Der kostbare Halsreif, den mir Severus einst als Liebesbeweis geschenkt hatte und der dann der Auslöser für unsere Trennung geworden war, erstrahlte in voller Pracht, als er endlich vom Stoff befreit, in Aquilius´ Hand lag. Das Geschmeide war aus Gold, von dem wie eine schimmernde Kaskade feine Kettchen herabströmten, die in tropfenförmigen, tiefblauen Saphiren endeten. Ein einzelner, größerer, geschliffener Saphir war, von filigranen Ornamenten umgeben, in den Halsreif eingearbeitet. Die Saphire leuchteten, wie das blaue Meer an einem Sommertag. Das formvollendete Schmuckstück wäre eine Zierde an jedem Hals einer edlen Dame gewesen und sicher hätte eine andere Frau alles darum gegeben, es behalten zu dürfen. Doch ich fühlte nur eine ungeheurere Erleichterung, als ich den Schmuck endlich losgeworden war. Fast hatte ich schon vergessen, dass ich ihn noch immer besessen hatte. Seit jenem Abend an den Saturnalien, als ich ihn mir in Lucas cubiculum wieder geholt und ihn ein letztes mal getragen hatte, lag er sicher verborgen in meiner Kammer und schlummerte vor sich hin.
Etwas verunsichert schaute ich zu Aquilius, der wie es schien, auch nicht recht wusste, was er davon halten sollte, was er da in Händen hielt. Wie oft hatte ich diesen Moment der Übergabe vor meinem inneren Auge durchgespielt und darüber nachgedacht, was ich sagen sollte! Nun, als es endlich soweit war, da fehlten mir auf einmal die Worte. Eines war sicher, trotz allem was vorgefallen war, wollte ich Severus´ Tat nicht verraten.Ich wusste, er hatte für seine "Morgengabe" getötet! Doch, dass Blut an dem Schmuckstück klebte, würde Aquilius von mir nicht erfahren. Nächtelang hatte ich wach gelegen, weil mir die Frage, was ich mit dem Halsreif tun sollte, den Schlaf raubte. Die wenigen Male, da ich ihn getragen hatte, waren eher dunkle und schicksalhafte Momente gewesen. Dieses Ding brachte mir nur Unglück, so glaubte ich. Vielleicht würde er einer anderen Trägerin mehr Glück bringen.
Hätte ich verschweigen sollen, dass der Schmuck sich in meinem Besitz befunden hatte? Schließlich war er bislang unentdeckt geblieben und sicher wäre er wahrscheinlich auch bis zu meiner Freilassung nie entdeckt worden. Dann hätte ich ihn verkaufen können.
Der Moment, da sich unsere Blicke trafen, schien endlos zu sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte ich schließlich doch einige gestammelte Worte heraus. Fast überschlug sich mein Herz.Ich.. ich… äh.. möchte ihn .. äh.. nicht behalten. Bitte… nimm du ihn!
-
Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem exquisiten und ganz offensichtlich teuer gewesenen Schmuckstück wie diesem. Es war sicher ein Einzelstück, denn der Goldschmied hatte gute Arbeit geleistet, und es war sicher nichts, das eine Sklavin einfach so besitzen konnte, wenn sie nicht etwas dafür getan hatte - oder es gestohlen. Warum hatte sie so ein wertvolles Stück? Wer hatte noch davon gewusst? Straton vielleicht? Ich würde ein sehr eingehendes Gespräch mit ihm führen müssen, soviel war sicher. Wenn er etwas gewusst hatte, und mir nichts davon gesagt ... meine Gedanken schweiften ab und als eine längere Pause entstanden war, in der ich einfach nur das Schmuckstück angestarrt hatte, blickte ich wieder zu Bridhe auf.
"Woher hast Du das ...?" fragte ich, meine Stimme tonlos, wenngleich noch nicht vom Ärger durchdrungen, den ich im Innersten empfand. Irgend etwas war in meinem Haushalt vor sich gegangen und es hatte sich keiner auch nur im geringsten bemüßigt gefühlt, mir etwas zu sagen. Und das würde in Zukunft aufhören. Ich konnte mich nicht in meinem eigenen Haushalt lächerlich machen lassen, von niemandem. Wahrscheinlich lachten die meisten Sklaven ob meiner häufigen Milde ohnehin über mich, aber das ... as schmerzte. Das schmerzte ganz gewaltig und es gefiel mir ganz und gar nicht.
-
An der Art, wie Aquilius mich ansah und wie er seine Frage gestellt hatte, konnte ich bereits erahnen, dass er über das Auftauchen des Schmuckstücks gar nicht amüsiert war. Zwar konnte er noch seinen Ärger im Zaun halten, doch es war nur eine Frage der Zeit bis er sich nicht mehr zurückhalten konnte.
Warum ich aber nach allem was geschehen war, Severus noch immer schützen wollte, war selbst für mich nur schwer nachvollziehbar. Vielleicht war mein Schuldgefühl der Grund. Insgeheim war ich noch immer von der fixen Idee beseelt, an allem, was Severus getan hatte, um an das Geld für diesen Schmuck zu kommen, eine Mitschuld zu haben.
Doch mit welcher Erklärung sollte ich denn jetzt aufwarten? Eine plausible Erklärung, woher der Schmuck kam, hatte ich nicht. Warum hatte ich auch nur den Halsreif aus seinem sicheren Versteck geholt? Später, wenn ich dann wirklich frei gewesen wäre, hätte ich ihn ganz einfach zu Geld machen können. Und jetzt? Jetzt hatte ich mir vielleicht alles zunichte gemacht! Ich musste wirklich verrückt sein! Aber war es nicht auch so, dass ich endlich mein Gewissen von dieser schweren Last befreien wollte? Gleich was es auch war, Aquilis hatte mir eine Frage gestellt, die absolut ihrer Berechtigung hatte und ich musste schleunigst eine Antwort präsentieren. Eine Antwort, die möglichst allen gerecht wurde! Doch gab es eine solche Antwort überhaupt? Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr kam ich zur Überzeugung, dass das eine das andere ausschloß!Der Schmuck, …er.. er war ein … ein … Geschenk!
Ich stammelte mehr, als dass ich frei heraus sagte, was es mit dem Schmuck auf sich hatte. Sein fordernder Blick, der auf mir lastete, schien mich erdrücken zu wollen. Mir wurde auf einmal heiß und kalt und meine Angst, die ich ausstand, war kaum noch zu verbergen. Ich wünschte, ich wäre an einem andern Ort, weit, weit weg, von hier. Bitte höre doch auf, zu fragen! Ich möchte dich nicht anlügen müssen! Doch mein stilles bitten, das sich höchstens in meinen Augen spiegelte, würde sicher nicht stattgegeben werden. Meine Antwort verlangte förmlich nach einer weiteren Rückfrage.
Aber eigentlich hatte ich doch nichts zu befürchten, wenn man es einmal ganz nüchtern betrachtete. Schließlich hatte ich nichts Böses getan! Ich hatte nicht gestohlen und ich hatte auch nichts anderes unrechtes getan! Lediglich hatte ich mir den Halsreif wieder aus Lucas Cubiculum geholt, ohne ihn vorher zu fragen. Aber das war doch nicht stehlen!Ich… ich habe nichts unrechtes getan, dominus! Das musst du mir glauben!
Noch einmal versuchte ich, diesmal etwas sicherer, ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. Er kannte mich doch jetzt schon ein wenig! Er würde doch nicht glauben, dass ich ... Nein, bestimmt nicht!
Jetzt mitmachen!
Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!