Arbeitszimmer | Caius Flavius Aquilius

  • Arbeitszimmer | Caius Flavius Aquilius



    Ein kleiner Raum stellt das Arbeitszimmer des Caius Flavius Aquilius dar, verschwenderisch karg möbliert, denn bis auf einen Schreibtisch aus dunklem, hochpoliertem Holz und einem bequemen Stuhl dazu in ebendieser Aufmachung findet sich in diesem Raum nur ein Regal für Schriftrollen und das mit dunkelgoldenen Vorhängen verdeckte Fenster - die Wände selbst sind dunkelrot bemalt, die Schmuckranken unter der Decke zeigen Trauben und die Blätter des Rebstocks. Neben einer reichverzierten Öllampe, die auf einer Seite des Schreibtisch steht, sorgt zur Not auch des Nachts eine stehende Öllampe in einer Ecke des Raumes für Licht. Alles in allem wirkt dieser Raum, gemessen mit dem Luxus der restlichen Villa, wie der Versuch, sich ein Refugium zu schaffen, das sich allein auf des Geistes Gaben beschränkt.
    Wer im Schriftrollenregal stöbert, sollte darin neben zeitgenössischen Dichtkunstwerken und klassischer Literatur auch die wirklich bedeutenden Schriften zur Republik und der aktuellen Politik finden. Ganz hinten, unter der 'res publica' von Cicero, findet man dann auch eher schlüpfrige Werke mit erotischem Tenor.

  • Nachdem ein Sklave mir die Post gebracht hatte, blickte ich von meiner Lektüre auf - die unsäglichen Verwaltungsberichte meiner ererbten Güter in Hispania - und wie gern nutzte ich doch die Gelegenheit, von dieser unangenehmen Arbeit erlöst zu werden, umso lieber, da ich den Absender als guten Freund in meiner Erinnerung noch einigermaßen hatte wiederfinden können. Wenigstens war nicht alles dem Fieber anheim gefallen, wenigstens waren mir diese Dinge geblieben, wenngleich nicht alle.



    Ad
    Caius Flavius Aquilius
    villa flavia in Roma
    Italia



    Marcus Corvinus suo amico Caio Aquilio s.d.


    Lieber Freund, lange haben wir nichts voneinander gehört. Genaugenommen seitdem wir damals diese zum Scheitern verurteilte Landpartie unternahmen, welche in einem Desaster enden musste. Ich frage mich heute, ob es nicht der Götter weitsichtige Entscheidung war, die deinem stattlichen Hengst den Beinbruch mit all seinen verketteten Folgen bescherte, welche uns zu einer verfrühten Heimkehr zwangen.


    Lange Zeit hörte ich nichts von dir, es hieß gar, du seist verschollen. Selbst deine Familie wusste nicht, wo du warst. Und nun erreichte mich die Kunde davon, dass du wieder heimgekehrt seist. Vermutlich viel zu spät, doch wie du vielleicht bereits weißt, befinde ich mich in Germanien. Hier ticken die Uhren anders, hier fließen Informationen aus dem restlichen Reich so träge wie klebriger Honig und hier absolviere ich derzeit meine zweite Amtszeit als tribunus laticlavius der legio secunda germanica. Es hat sich viel getan seitdem, sicherlich nicht nur bei mir, sondern gleichsam auch bei dir. Ich bin inzwischen verlobt, die Dame meines Herzens befand sich während all meiner Lebensjahre in meiner unmittelbaren Nähe, und doch wurde mir erst nach ihrer zweiten Adoption bewusst, dass sie diejenige ist, der ich bedingungslos vertraue und die ich auch weiterhin an meiner Seite wissen will. Es ist Deandra, du kennst sie sicher, wenn nicht durch ein Treffen, so zumindest vom Hörensagen. Mein Vater adoptierte sie einst als meine Schwester, und nun ist sie die Tochter des Claudius Vesuvianus.


    Wie steht es bei dir, Caius, ich hatte stets das Gefühl, dass dein Herz bereits jemandem gehört. Wirst auch du bald Verlobung halten oder wähnst du dich fortwährend auf der Suche? Sobald ich aus Germanien zurück bin, müssen wir unbedingt einen geselligen Abend verbringen. Es gibt vieles zu erzählen, so unendlich mehr als man in die spärlichen Worte eines Briefes einfließen lassen könnte. Sollte es dich vor meiner Ankunft, welche wohl zeitnah zu den nächsten Wahlen erfolgen wird, da ich zum vigintivir kandidieren werde, ins derzeitig gar nicht so kühle Germanien verschlagen, wäre es mir eine Freude, dein Gastgeber zu sein. Bei dieser Gelegenhet könnte ich dir außerdem meine reizende Base und meine liebliche Nichte vorstellen, du wirst sie gewiss mögen.


    Verzeih, dass ich so bald schließe, doch ist meine Freizeit eher knapp bemessen und weitere Briefe geschäftlicher Natur harren meiner Aufmerksamkeit.


    Vale.


    [Blockierte Grafik: http://img482.imageshack.us/img482/8357/siegelmactll2gifpc1.gif]



    MOGONTIACUM, ANTE DIEM XVIII KAL IUL DCCCLVII A.U.C. (14.6.2007/104 n.Chr.)



    Herrjeh, hatte er sich von einer Frau einfangen lassen - es traf eben immer die Besten, wenn ich bedachte, wie sich Aristides und seine Braut angeblickt hatten, wunderte es mich nicht, dass die Gabe der schönen Göttin auch diesen meiner Freunde getroffen und vernichtend geschlagen hatte. Es war eben absolut kein Kraut dagegen gewachsen, schien mir und mit einem leisen Seufzen ließ ich die Gedanken schweifen. Mein schwarzer Hengst Lapsus war längst genesen, und die Erinnerung an jenen Ausflug in die Sonne hinein war nichts anderes als ein vager Hauch warmen Windes in meinen Gedanken - dennoch, ich ertappte mich dabei zu lächeln, als ich die Lektüre des Briefes beendet hatte, und griff auch gleich zu meinen Schreibutensilien, um meinerseits eine Antwort zu verfassen.



    Ad
    Marcus Aurelius Corvinus
    Villa Aurelia, Mogontiacum
    Provincia Germania


    Flavius Aquilius suo amico Marco Corvino s.d.


    Wie lange ist es her, dass wir voneinander hörten, mein Freund? Es scheint mir eine halbe Ewigkeit vergangen, aber ein Teil dieses Empfindens liegt auch gut damit verbunden, dass ich mitnichten in Achaia weilte, wie es meine Familie und der Cultus Deorum glaubten. Vielleicht hat man Dir auch gesagt, dass ich mit Flavius Aristides aufgebrochen war, einen flüchtigen Sklaven zu fangen, der seine Tochter entführt hatte - inmitten eines heftigen Wolkenbruchs verlor ich Aristides aus den Augen und verirrte mich in einem fremden Waldgebiet. Ob der Nässe muss mich wohl ein heftiges Fieber befallen haben, an die Dinge, die nach meinem ziellosen Ritt durch den Wald geschehen sind, kann ich mich jedenfalls nur bruchstückhaft erinnern und wurde schließlich von meinem treuen Tier in Richtung des Meeres getragen, wo mich eine Fischersfamilie fand, pflegte und gesunden ließ. Da ich mich nicht an meine Herkunft entsann, nahmen sie mich als Teil der Familie auf und ließen mich in ihrer Mitte leben, als den Mann der Tochter des alten Fischers. Du wirst es sicherlich befremdlich finden, denn obwohl die Arbeit sehr hart und schwer war, die ich täglich verrichtete, fühlte ich mich nicht unzufrieden - und jene junge Frau an meiner Seite zu haben, als mein vorgebliches Eheweib, machte meine Welt vollkommen.


    Die Erinnerung kehrte jedoch erst nach einem halben Jahr wieder, und ich war da schon der Mann im Haus geworden, da der alte Fischer nicht mehr stark genug war, die Familie gegen Räuber zu verteidigen - seit einem Abend, an dem ich mir mehrere Narben im Kampf gegen dieses Banditengesindel geholt habe, kam auch mein Wissen um mein Selbst wieder, und ich kehrte in mein Leben als Patrizier zurück. Vielleicht ist der größte Hohn der gesamten Sache, dass ich Vater werde, und die Geburt meines ersten Kindes unmittelbar bevorsteht, das Kind einer peregrina, der ich einen Fischereibetrieb nahe Ostia kaufte, damit mein Nachkomme in gesicherten Verhältnissen aufwächst und sowohl diese junge Frau als auch ihr Vater keine Not leiden müssen. Wie schnell Menschen doch in der Not bereit sind zu lügen, mein Freund, dieses halbe Jahr hat mich vieles gelehrt, auch, dass in meinem Leben hier in Roma vieles fehlt, und so manches zuviel ist.


    Ich kann nur hoffen, dass Deine Zeit in Germania erquicklicher verlaufen ist als die meinige hier in Italia, und was du über Deine Liebe schreibst, scheint zumindest dieser Teil Deines Lebens erfreulicher zu verlaufen als in dem meinen. Deandra habe ich nie kennengelernt, aber ich muss nun eine gewisse Neugierde zugeben, sie dereinst an Deiner Seite zu sehen, denn eine Frau, die fähig ist, Dein Herz einzufangen, muss schon etwas besonderes sein und darob interessiert sie mich. Werde glücklich, Marcus, es wird einem im Leben nur wenig Glück geschenkt, sodass man das, was einem so von den Göttern gegeben wird, ohne einen Preis zu zahlen, festhalten sollte, so gut man kann.


    Was mein eigenes Liebesleben angeht - nun, Du wirst es Dir denken können, ich lebe nach wie vor alleine, denn meine Liebe gilt jemandem, mit dem sie niemals erfüllt werden kann, und ich kann dieses Gefühl weder ignorieren noch leugnen noch aufgeben - Du hast es schon richtig erkannt, mein Herz war nicht frei, als wir uns kennenlernten, und es wird wohl niemals frei sein, umso mehr bin ich den Göttern dafür dankbar, in Dir einen Freund gefunden zu haben. Indes, es wird mir derzeitig leider nicht möglich sein, Dich in Germania zu besuchen, auch wenn ich sehr gerne wüsste, wie Du in dieser wilden Provinz lebst und wie es dort überhaupt aussieht - ich habe hier in Roma die Ausbildung einiger discipulae übernommen und bin leider nabkömmlich, sodass unser Treffen wohl so lange warten müssen, bis Du Dich wieder nach Rom begibst, um Deine politische Karriere weiter zu verfolgen. Dann werde ich auch gerne Deine Verlobte und Deine jungen Verwandten kennenlernen - Du ahnst es vielleicht, ich bin derzeit auf der Suche nach einer passenden Braut, vielleicht finde ich sie in den Reihen einer Familie, in der ich bereits einen Freund finden durfte.


    Nach der Abreise des Kaisers in Richtung Ruhm und Ehre ist es hier in Roma still geworden, der Glanz scheint ein wenig zu fehlen, doch stört das die meisten Römer wenig, und so werden die Feiertage noch immer genossen und mit viel Prunk begangen - Du wirst feststellen, dass sich an dieser dreckigen, verhurten ewigen Stadt wenig verändert, wenn Du zurückgekehrt bist. Möge Dir Deine spärliche Freizeit die Gelegenheit zur Antwort geben, derer ich mit Freuden harren werde -


    vale.
    C' Flavius Aquilius


    ROMA, ANTE DIEM VII ID IUL DCCCLVII A.U.C. (9.7.2007/104 n.Chr.)

  • Es hatte lange gedauert, bis ich diesen Brief wieder anfassen konnte, als müssten mich die darin verborgenen Worte schneiden und verletzen, wie das Wissen darum, dass er nun fort war und ich nicht wusste, wann er zurückkehren würde. War es mir denn auf ewig bestimmt, mich nach ihm zu sehnen, ohne Sinn und Verstand? Schweigend hatte ich den Brief, den er mir hinterlassen hatte, entknüllt und ihn unter einigen schweren Gegenständen - später suchten einige Sklaven die Vasen, die ich dafür aus dem atrium entwendet hatte, aber was kümmerte es mich? - wieder halbwegs geglättet, um abermals, zum ich weiss nicht wievielten Male, die Worte zu lesen, die seine schwungvolle Handschrift für meine Augen formten. Sorgsam rollte ich den Brief schließlich wieder zusammen und verstaute ihn ihn meiner Schatulle für private Korrespondenz, die zudem abschließbar war - kein fremdes Auge sollte diese Zeilen beschmutzen, ich wollte sie mir aufheben, bis wir uns wiedersehen würden, irgendwann, irgendwo. Und ich vermisste ihn unendlich ...



    Gruß und Heil, geliebter Vetter, sterblicher Dioskur,


    Ungern möchte ich dieses Schreiben mit der Bitte um Vergebung beginnen, doch was bleibt anderes? So bitte ich dich denn, mir zu verzeihen, den Schwur, den letzen Abend, dass dies nur geschriebene Worte sind, und doch - obgleich ich alles davon zu tiefst bedauere - sehe ich in meiner Verzweiflung keine andere Möglichkeit und ich hoffe so sehr, dass du mir dies nachsehen kannst, obgleich ich mir dessen gewahr bin, dass dies längstens mir nicht mehr zusteht.


    Wenn du diesen Brief in Händen hältst, habe ich Rom bereits verlassen. Ich erwähnte jenen unglückseligen Umstand des Quintus Tullius, doch was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, dass unsere Base Leontia nicht nach Ravenna zu ihrem Vater reiste, wie wir alle dies glaubten, sondern ihm in meinem Namen folgte, wie sie glaubte nach Aegyptus, doch nur die Götter wissen, wohin er tatsächlich mit ihr zog und welch devastativen Gedanken er nachhängt. Sciurus konnte ihre Spuren bis nach Ostia hin ausmachen und ich sehe keine andere Möglichkeit, denn ihm zu folgen, mir selbst zu folgen, mir nachzujagen gleich einem Larven, zu welchem er mich längstens gemacht hat.


    Drei Bitten habe ich an dich, Caius, und obgleich ich mir dessen gewahr bin, dass es dererlei dreier zu viel sind, so bleibt mir nichts, als sie zu wagen und auf deine Freundschaft zu hoffen und zu vertrauen. Zuerst muss ich dich bitten, dass das Wissen um die Existenz und vor allem die Äußerlichkeit des Quintus Tullius und die Gefahr, in welcher unsere Base schwebt, einzig zwischen uns bleibt, denn niemand sonst weiß bisherig davon und vorerst muss dies so bleiben. Weiters möchte ich dich bitten, ein wenig auf meine Gattin zu achten. Vermutlich wird ihr meine Abwesenheit kaum Sorge bereiten, tut dies meine Anwesenheit doch viel eher, doch sofern es die Umstände erfordern sollten, so weiß ich, dass ich niemandem mehr ihr Wohl anvertrauen könnte als dir. Zuletzt wirst du der einzige Mensch sein, welcher ob meiner Rückkehr entscheiden kann, ob dies tatsächlich noch ich bin und sofern ich es nicht sein sollte, so bitte ich dich inständig darum, dafür Sorge zu tragen, dass auch er es nicht wird sein.


    Es drängt mich danach, dieses Schreiben mit Worten zu beenden, welche ich nicht mit Tinte fixieren kann, doch ich weiß, dass du wissen wirst, welche Worte dies sind, und ich hoffe, du bewahrst sie in deinem Herzen.


    Auf bald,
    [Blockierte Grafik: http://img180.imageshack.us/img180/8848/maniusunterschriftrj6.jpg]

  • Nichts lag Gracchus ferner denn seinen Vetter mit seiner Anwesenheit zu überraschen, zu überrumpeln, und erneut eine jener devastativen Situationen herauf zu beschwören, in welche sie immer wieder hinein schlitterten, seit sie beide in Rom lebten. Aus diesem Grunde hatte er sich bereits bei Aquilius ankündigen lassen, sobald jener aus der Stadt von seinem Dienst in den Tempeln in die Villa Flavia zurück gekehrt war, für einen späteren Zeitpunkt jedoch, so dass seinem Vetter genügend Zeit blieb, sich ebenfalls mental auf dieses Treffen vorzubereiten. Gracchus wusste, dass ihm in seinem desolaten Zustand selbst alle Zeit der Welt nicht würde ausreichen, um ihn auf Caius vorzubereiten, doch gleichsam sehnte er sich nach jener Geborgenheit, welche sein Vetter ihm in Achaia immer hatte geben können, gleichsam war Caius noch immer der einzige Mensch, welchem bedingungslos sein Herz gehörte und der einzige Mensch, mit welchem er bedingungslos alles konnte teilen, selbst die schauderhaftesten Erkenntnisse und Erinnerungen. Er trug nur ein einfaches, blaufarbenes Gewand ohne größere Verzierungen, als er mit seinem Sklaven Sciurus das Arbeitszimmer seines Vetters betrat. Sciurus trug dafür Sorge, dass alle anderen Sklaven den Raum verließen, bevor er selbst die Türe hinter sich schloss, denn Gracchus wollte seinen Vetter mit niemandem teilen, nicht einmal mit Sklaven. Das goldfarbene Licht der Öllampe auf dem Schreibtisch, welche bereits entzündet worden war, flackerte mit dem Zug der Türe und leckte über Aquilius' Körper.
    "Caius."
    Ein wenig verloren stand Gracchus im Raume, und doch vermochte der Anblick seines Vetters, was wochenlang nicht war möglich gewesen, dass ein ehrliches, erfreutes Lächeln sich über seine Gesichtszüge schob, dass er mit einem Male wieder Hoffnung verspürte, dass die Welt in ihre Fugen zurück finden würde, wenn nur sein geliebter Vetter ihm noch einmal konnte verzeihen.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Die Meldung, Gracchus sei wieder zurück in Rom, hatte mich überfallen wie ein eiskalter Regenguss mitten im Hochsommer. Nicht, dass ich ihn nicht hätte sehen wollen - nichts hatte ich mir in den letzten Wochen mehr gewünscht! Jeden Morgen hatte mein erster Gedanken ihm gegolten, jeden Abend war ich mit dem Gedanken an ihn in einen unruhigen Schlaf gefallen, der mich auch nicht von dem befreien konnte, was mir innewohnte - eine tiefe, unerfüllbare Sehnsucht, von der wir beide ahnten, dass sie uns nicht loslassen würde, egal, wohin wir gingen, egal, was wir taten. Es lag in der Natur des Menschen, sich am verzweifeltsten zu wünschen, was er nicht bekommen konnte, und dies mochte ein weiterer Katalysator sein, unsere reinsten Sehnsüchte herauszudestillieren. Dennoch, in seinem Brief, bevor er abgereist war, hatten eindeutige Anweisungen gestanden, wichtige Anweisungen, die ich auch ausführen würde müssen, um zu prüfen, ob er der Richtige war. Nur, wie sollte ich das wirklich prüfen? Es mussten Dinge sein, die nur wir beide wussten, und niemand sonst - und alles, was in diese Richtung ging, war mit Schmerz beladen, den ich uns nicht ersparen durfte.


    Sciurus hatte nicht viel zu tun, denn ich hatte allein gearbeitet, wohlweislich meine Stille nach einem anstrengenden Tag voller Worte anderer suchend, wenngleich meine Lektüre nicht entspannend gewesen war - das bloße Wissen, dass mich Gracchus besuchen würde, war anspannend genug, erinnerte ich mich unserer letzten Begegnung doch nur zu genau. Ich konnte es nicht ändern, mein Körper würde wohl immer auf ihn reagieren und mir den Rest ratio nehmen, den ich mir in seiner Nähe zu bewahren versuchte, aber vielleicht würde es heute besser verlaufen als sonst, wenn ich meine Distanz wahren würde.
    "Manius. Du bist zurück," stellte ich überflüssigerweise fest und hob den Blick zu ihm, trat aber nicht näher, ich blieb sitzen und vollendete, woran ich geschrieben hatte. Wenigstens zitterte meine Hand nicht, zu meiner Beruhigung, und es gelang mir, eine ruhige Miene zu bewahren, auch wenn ein Teil von mir laut danach drängte, ihn in meine Arme zu ziehen und zu berühren. Nicht einmal sein Lächeln erwiederte ich, ich durfte nicht, konnte nicht. "Du erinnerst Dich, was Du mir vor Deiner Abreise schriebst?"

  • Alles in Gracchus drängte danach, seinen Vetter zu umarmen, dessen vertraute Nähe zu spüren, doch er wusste, dass er dies nicht durfte verlangen, denn zu leicht würde es sie erneut in Schmerzen stürzen. Doch auch die körperliche Distanz zwischen ihnen konnte nicht verhindern, dass er Caius' Wesen begierig in sich auf sog wie ein Verdurstender das Wasser, selbst die kühle Art, mit welcher sein Vetter versuchte auch die innere Distanz zwischen ihnen zu wahren, konnte dies nicht, jene eisige Distanz zwischen ihnen, ob derer Gracchus bereits befürchtete, sein Vetter hatte ihm nicht verzeihen können was er getan hatte.
    "Viel zu deutlich erinnere ich mich. An das was ich tat und an das was ich nicht tat, und auch an jenes, um das ich dich bat. Doch bevor du erfüllst, was ich dir auferlegte, lass mich beginnen wie so oft, lass mich noch einmal um Verzeihung bitten, für das was ich bin, denn nichts drängt mich mehr als was zwischen uns steht, denn solange es zwischen uns steht scheinen mir selbst die letzten Wochen nur unbedeutend und wenn ich weiß, dass ich dich verloren habe, dann wird ohnehin nichts mehr von Bedeutung sein, so dass all das was folgen muss ich mir gänzlich ersparen kann."
    Das Lächeln schwand aus seinem Gesicht und wich Ernsthaftigkeit, welche die Verzweiflung in ihm verbarg.
    "Was geschehen ist, ist geschehen, du weißt um meine Schwäche, ebenso wie ich um die deine weiß. Dennoch dürfen wir nicht zulassen, dass es noch einmal soweit kommt, Caius. Ich habe einen Fehler begangen als ich meinen Schwur tat, es war nicht der erste in meinem Leben und mitnichten wird es der letzte gewesen sein, doch ich habe es getan und du weißt, dass ich nicht mehr einfach zurück kann als wäre nichts geschehen. Du weißt, dass wenn ich diesen Schwur breche, nichts mehr von mir übrig ist, dass der Manius, welchen du kennst, dann nicht mehr existiert. Ich habe diese Entscheidung damals getroffen und ein marginaler Teil von mir glaubt noch immer, dass es richtig war, während ein viel größerer Teil längst daran zweifelt und sich nichts sehnlicher wünscht, als dem nachzugeben, was mich seit Jahren drängt. Doch ich kann nicht, Caius, ich kann nicht zulassen, dass es noch einmal soweit kommt wie zuletzt, nicht auf diese Weise. Lass nicht zu, dass unsere ..."
    Es kostete ihn sichtlich Mühe und Überwindung, auszusprechen, was zwischen ihnen war, selbst hier in diesem Raum, mit keinem anderen als Aquilius vor sich.
    "...dass unsere Liebe überschattet wird von diesem Verlangen, denn sie ist zu rein, zu wertvoll, um sie zu opfern."
    Wie zum Verhör stand er noch immer im Raum, mied Aquilius' Blick und fuhr alsbald fort, um die letzten Worte aus dem Zimmer zu drängen.
    "So vieles schweift mir durch die Sinne, welches nur zwischen dir und mir existiert ... welches einst zwischen dir und mir existierte, was womöglich ich durch meine Leichtfertigkeit zerstört habe. Wäre es an mir, meinen Caius zu finden, so würde ich nicht einmal wissen, wo anzufangen. Doch hoffe ich, du findest einen Anfang, denn trotz dessen, dass ich im Bewusstsein meines selbst mir dessen sicher bin, dass ich selbst noch immer ich selbst bin - obgleich auch ein Teil von mir gegangen ist mit ihm, denn nur einer von uns ist noch übrig - so weiß ich doch, dass es für dich notwendig ist, dies zu prüfen."
    Ein desperater Ausdruck legte sich über sein Gesicht als Gracchus fragend zu seinem Vetter blickte.
    "Was ist das nur für eine verrückte Welt geworden, in welcher selbst du nicht einmal mehr dir sicher sein kannst, dass ich ich bin? Was ist nur aus der Welt geworden, die einst so einfach schien?"

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Seine Worte drifteten durch den Raum, echoten in jeder Faser meines Leibes, ohne mein Herz wirklich zu erreichen, denn letztendlich war es wohl nicht mehr entscheidend, was er sagte. Wir hatten so viele sinnlose Worte getauscht, so vieles erlebt, erlitten, dass Worte nicht mehr wirklich fähig waren, all dies, die Tiefe unserer gemeinsamen Erfahrungen, wirklich zu bemessen, bis ins Letzte auszuloten. In seine Augen sehen konnte ich nicht, fast froh um das Halbdunkel in meinem Raum, denn hätten sich unsere Blicke wirklich getroffen, wäre wohl alles geschehen, nur nicht, was wir uns beide als gemeinsame Last auferlegt hatten - einander fern zu bleiben, ein Schwur, ein Leid, das wohl nicht enden würde, ausser wir würden einander gegenseitig aus dem Herz des anderen auslöschen.


    "Was sollte zwischen uns stehen, Manius? Denkst Du wirklich, irgend etwas kann sich jemals noch mehr zwischen uns drängen als die Mauern, die wir uns selbst errichten?" antwortete ich langsam, eine Hand auf die Pergamentrolle legend, an der ich gerade noch geschrieben hatte, ohne die Worte wirklich zu registrieren, die dort nun standen, sorgsam Buchstabe an Buchstabe gereiht. "Du batest mich in Deinem Brief darum, mich zu versichern, dass derjenige, der unter dem Namen Manius Flavius Gracchus zurückkehren würde, auch wirklich der echte Manius sei, und das habe ich getan, hast Du mir eben geholfen zu tun. Der andere dürfte kaum wissen, was wirklich ist, auch wenn er Dein Gesicht trägt, doch niemals sein kann, was Du bist." Niemals hätte der andere erfahren können, welches Gefühl uns beide wirklich knechtete, und so bitter ausgesprochen hätte er es wohl ebensowenig - auch wenn irgendwo ein dummer, dummer Teil von mir existierte, der sich wünschte, der andere hätte es wenigstens versucht, sich mir ergeben, und eine einzige Nacht mit mir geteilt, so grausam es auch sein mochte, sich dies zu wünschen.


    "Du würdest mich wohl nicht finden, Manius, denn was ich bin, ist so flüchtig wie das Leben selbst, hat so wenig Substanz wie die Luft, die wir doch, auch wenn wir sie nicht fassen können, zum atmen brauchen. Gäbe es einen zweiten Caius, wäre dies wohl auf ironische Weise amüsant, könnte ich ihm doch dabei zusehen, wie er meinen Namen zu seinem Vorteil nutzte, etwas, was mir selbst fern genug liegt, wie Du weisst. Aber lassen wir das, Manius, wir leben beide genug in der nicht zu verändernden Vergangenheit, dass wir eines Tages darin gefangen bleiben, wenn wir uns nicht selbst Einhalt gebieten." Ich lehnte mich zurück, betrachtete noch immer eher die Wand mit ihren Verzierungen denn sein geliebtes, vertrautes Gesicht. "Sicher bin ich mir jetzt - doch wie kann man auf einen ersten Blick sicher sein, wenn es noch einen anderen gibt, der Dir sehr ähnelt im Anblick? Doch was ist mit ihm geschehen, wenn Du sagst, es gäbe ihn nicht mehr? Hast Du für Deine Einzigartigkeit gesorgt?" Ich hätte es ihm nicht verübelt, hätte er diese Laune der Natur auszugleichen versucht, denn sie hatte ihn übel bestraft mit einem anscheinend nichtswürdigen Bruder gleichen Aussehens.

  • Die Worte seines Vetters schossen durch den Raum, zielten auf Gracchus Innerstes ab und ließen sein Herz in einem dumpfen Schlag zerbersten. Er hatte alles verloren - Leontia, seinen Zwilling, sich selbst und nun auch noch Caius. Mit zitternden Händen ergriff er den Stuhl, welcher Aquilius gegenüber stand, ließ sich hernieder sinken, versank gleichsam in der Tiefe endloser Ödnis, war nicht nur durch den Schreibtisch getrennt von seinem Vetter, nicht nur durch die Mauer, die sie sich hatten errichtet, sondern durch ein Leben, durch nichts geringeres als sich selbst. So bohrte sich denn noch immer der Splitter durch sein Leben, welchen einst der Fluch in sein Ich hatte getrieben, so ging ihm verlustig, was längst wichtiger war denn öffentliche Pflicht.
    "So sind wir uns doch noch immer ähnlicher, als du glaubst. Denn ich bot Quintus mein Leben, entgegen aller Zweifel über all jene Dinge, welche er damit anstellen mochte, nicht, um ihm zuzusehen, wie er mein Leben nutzt, sondern um dem meinen zu entkommen, um frei zu sein ... für dich."
    Seine Worte erstarben langsam. Die Hände in seinem Schoße zusammen gelegt, betrachtete Gracchus sich dabei, wie er seine Finger knetete, und unterdrückte das tiefe, innere Drängen, seiner Traurigkeit und dem Fluss seiner Tränen wie zu oft in den letzten Wochen erneut freien Lauf zu lassen. Mit heißerer, trockener Stimme fuhr er fort.
    "Er wollte es nicht, wollte nicht Manius Gracchus sein, nicht werden. Wer kann es ihm verdenken? Alle sehen sie nur immer den erfolgreichen Manius, Sacerdos im capitolinischen Tempel, Gatte der Claudia Antonia, erfolgreicher Viginitvir und Quaestor, auf bestem Weg ... ja, wohin? Dorthin, wo sie ihn sehen wollen, da oben, wo ein Flavius hin gehört, und sie erwarten, dass er ob dessen glücklich und zufrieden ist, dass er anerkennt, was er sein muss. Aber Quintus, Quintus konnte den wahren Mainus sehen, denjenigen, welcher dies alles nie wollte, er ließ sich nicht durch die Fassade täuschen, nicht einmal durch seine Machtgier, und das was er sah, das war es nicht wert, es einzutauschen, nicht einmal gegen das darbende Leben in der Subura oder in Piraterie. Vielleicht braucht es den Ursprung aus einem Punkt, um dies zu sehen, vielleicht sind zwei, wie wir es waren, tatsächlich nur ein Ganzes, aufgeteilt und doch zusammen gehörig. Und nun ... nun ist noch weniger übrig und kein Mensch wird um ihn trauern. Wie sollte ich nicht an Vergangenem festhalten, wo doch in der Gegenwart, in der Zukunft fehlt, was mir, was dem Ich hinter der Fassade, mehr bedeutet als alles Amt und Würde, wo all das verloren geht, was ich wünschte?"
    Sein Blick hob sich von seinen Händen, er schaute starr zu Aquilius hin.
    "Er ist tot, untergegangen auf dem Mare Internum, ich konnte ihn nicht einmal mehr erreichen. Ich mag ihn nicht gekannt haben, und doch war er mein Zwilling und ich weiß, dass über alle Unterschiede uns mehr verband als nur unser Äußeres. Leontia ist tot, untergegangen, nicht durch seine Schuld, doch mit ihm auf dem Mare Internum, und ich hoffe so sehr, dass sie bis zuletzt glaubte, dass ich bei ihr war. Ich habe sie geliebt, Caius. Nicht wie ich dich liebe, nicht gekrönt mit all dem körperlichen Sehnen, doch mit allen Sinnen meines Geistes. Und du, Caius? Du bist nicht tot und doch sitzt du vor mir, als wärst du ein Fremder, als wäre ich ein Eindringling in deinem Leben, und ich habe das Gefühl, dass auch zwischen uns alles tot ist. Und ich? Ich wünschte, ich wäre ..."
    Ein kalter Schauer jagte durch jede Faser in Gracchus' Körper.
    "Wo hat es begonnen, das ist die Frage, die ich mir noch immer wieder und wieder stelle. Ist Leontia tot, weil Quintus sie zu dieser Reise überredete? War Quintus dort, weil ich ihm mein Leben bot? Ist Leontia tot, weil sie glaubte, dass ich mit ihr ging? Ist Quintus tot, weil er versuchte, ich zu sein? Begann das alles bei mir und hätte es nicht mit mir ein Ende finden sollen? Ich habe sie verraten, habe mich selbst verraten, habe dich verraten, und doch sitze ich noch immer hier. Das ist mein Tod, Caius, das leise Sterben des Manius Gracchus hinter der Fassade. Es begann mit einem Fluch und es wird erst enden, wenn nichts mehr übrig ist, das es von ihm zu zerstören gilt."
    Langsam stand er auf, sich der Flucht zuwendend.
    "Was macht es noch für einen Unterschied, wer von uns zurück gekommen ist? Wohin zurück? Zu wem? Es bleibt ihm nur eine trostlose Fassade, eine leere Hülle ohne Inhalt. Vergiss den Manius, den du kanntest, denn ich habe dein Leben schon weit genug mit mir hinab gerissen. Du hast Recht, Caius, die Vergangenheit muss endlich vergehen und vergangen bleiben."
    Als er sich umwandte, der Türe zu, starb ein weiterer Teil von Manius Gracchus, leise, unbemerkt, doch für ihn gab es keine Zukunft mehr. Es drängte ihn danach, sich noch einmal bei Caius zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, für das, was war, doch er schwieg, harrte einen Herzschlag aus und begrub jenes Verlangen mit sich selbst.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Ich konnte nicht sprechen, nicht weinen, nicht einmal lachen über die Ironie eines sarkastischen Schicksals, das uns stets immer wieder aufs Neue aufeinander zu und voneinander weg driften ließ, als wolle es erkunden, wieviele Höhen und Tiefen wir noch fähig waren zu erleben und durchzustehen. Diese Tiefe allerdings, die aus seinen Worten sprach, mochte vielleicht zu tief sein, um überlebt zu werden, zu tief, um überwunden zu werden, denn was sich in den letzten Monaten angekündigt hatte, sprach er nun offen aus - wie wenig ihm das Leben, das er führte, angenehm war, wie wenig es ihm gefiel, seinen Weg zu gehen, den er nur zum Teil selbst gewählt hatte und auf dem er für den restlichen Teil wie ein von ewigen Erwartungen und Wünschen anderer immer weiter getrieben wurde, ohne einen Ausweg aus der Dunkelheit zu sehen. Und Leontias Tod mochte dies noch verstärkt haben, wie sehr er sie doch geliebt haben musste, wenn diese eine zusätzliche Wunde endgültig alles mit hinabriss. Ich hatte sie nie wirklich kennengelernt, aber ich kannte Manius gut genug, um zu ahnen, dass sie ein ganz besonderer Mensch gewesen sein musste, sonst hätte er kaum sein Herz so sehr an sie gehängt.


    Langsam legte ich eine Hand auf die Platte meines Schreibtischs, fühlte die tröstliche, klare Glätte des Steins, um mich dann aus dem Stuhl empor zu drücken, der meinen Körper soeben noch beherbergt hatte. Als er sich abwandte, machte ich einen Schritt auf ihn zu, nur einen, einem dunklen, düsteren Schatten gleich im Zwielicht meines Arbeitszimmers, eine passende Stimmung wohl, denn nicht anders sah es in meinem Inneren aus, wenn er nicht bei mir war.
    "Für mich macht es einen Unterschied, Manius," sagte ich schlicht, und ein weiterer Schritt führte mich voran, das halbe Aeon an Distanz zwischen uns weiter überbrückend. Er schien so fern zu sein, so kalt, so allein, und dies war mehr, als ich im Innersten ertragen konnte, jemals würde ertragen wollen. Denn fernab allen Wollens meines Körpers war das Wollen meines Herzens stärker, und dieses Herz gehörte ihm ganz. "Du bist derjenige, den ich vermisst habe, nicht Dein Bruder, Du bist derjenige, über dessen Rückkehr ich mich freue, Dein Bruder ist mir dabei gänzlich einerlei - er wäre es allerhöchstens nicht, weil er Dein Fleisch und Blut ist, aber Du bist derjenige, den ich mir zu sehen gewünscht habe." Noch ein Schritt, ein leiser, unmerklicher, und mit der Nähe zu ihm flutete auch unbewusst sein Geruch mit ihm, diese vertraute Ode seines Körpers, die dem Gesang des meinen so ähnlich war.


    "Und solange ich an Dich glaube, meinst Du wirklich, der wahre Manius müsse sterben? Das glaube ich nicht, denn Du bist ein starker Mensch, auch wenn Du Dich selbst schwach glaubst. Du könntest fortlaufen, doch Du tust es nicht, Du stellst Dich immer wieder den Dingen, die Dich so sehr dauern - auch wenn es tausend Wege gäbe, dem zu entfliehen. Du aber gehst den schwierigeren Weg, und das, Manius, hat wenig mit Zerbrechen zu tun. Und Du vergisst, was ich Dir bereits gesagt habe: Ich bin an Deiner Seite. Wenn alles andere Dich nicht bestärken kann, dann kann ich nur hoffen, dass es dies ist." Ich atmete tief durch und ein letzter Schritt führte mich in seine direkte Nähe, sodass ich vor ihm stehen blieb, und nur noch flüstern musste: "Ich bin froh, dass Du wohlauf zurück bist, Manius. So froh."

  • Mit dem ersten Wort seines Vetters strauchelten Gracchus' Absichten bereits, er stockte und hielt beinahe den Atem an. Einige Herzschläge lang schloss er die Augen, spürte Aquilius' Näherkommen, spürte die starke Präsenz, welche von ihm ausging, spürte den Geliebten in seinem Rücken. Er drehte sich um, blickte endlich dem Vetter in die Augen, schüttelte traurig den Kopf.
    "Ich weiß nicht, Caius, ich weiß nicht mehr wohin. Alles läuft aus den geplanten Bahnen, zerrinnt mir zwischen den Fingern, löst sich in Staub auf, sobald ich danach greife. Ich habe das Gefühl, ich verliere ... "
    Der Verstand war es, was er glaubte ob all dessen verlieren zu müssen, doch sprach er dies nicht aus.
    "Ich glaubte, mich an jene Werte festhalten zu können, welche mein Vater mir gab, welche mein Vater mir aufzwang, glaubte wenigstens in der Pflicht bestehen zu können, war es doch das, zu was er mich sein Leben lang drängte und was ich glaubte beweisen zu müssen. Doch nachdem dies zu keinem Ziel führte, auf keinem Weg, klammerte ich mich verzweifelt an das, was ich immer geglaubt hatte, dass dies noch viel wichtiger sei, die Familie. Doch alles zerbricht, was mir wertvoll ist."
    Verzweiflung spiegelte sich in den Tiefen seiner Augen, jene Verzweiflung, welche ihn seit Wochen gefangen hielt, seit dem Fluch Arrecinas, seit sich mehr und mehr abzeichnete, dass er in seiner patrizischen Pflicht hatte versagt, seit jenem verhängnisvollen Zusammentreffen mit Caius, seit Quintus aufgetaucht war, seit er von dessen und Leontias Tod wusste.
    "Ich weiß nicht mehr wohin, Caius. Es bleibt keine Flucht in die Pflicht, denn sowohl im Cursus Honorum als auch im Cultus Deorum kann ich nicht fortführen, was ich begonnen habe, ohne ein blamables Bild für die Familie zu bieten. Auch das Militär bietet keinen Fluchtweg, denn du weißt, dass ich dies nicht kann. Und hier, hier zerstöre ich nur was mir wichtig ist. Es ist ... es ist dieser Fluch, Caius, ich werde ihn nicht los und er reißt all jene ins Verderben, die mir teuer sind. Leontia, sie ... wenn es je eine Frau gab, welche ich vergötterte, so war sie es. Sie war ... sie war eine Muse, meine Muse. Seit jenem Tage der Bestattungsfeier Onkel Corvinus' als sie sich zu mir in die Bibliothek gesellte wo ich in den Schriften des Platon las, wo unsere Geister gemeinsam auszogen die Geheimnisse seiner Gleichnisse zu entdecken, seit jenem Tage waren mir die Worte in ihrer einfachen Aneinanderreihung nicht mehr genügend. In Gedanken an Leontias reinen, unschuldigen, beinahe epiphanen, jungfräulichem Geist, ihre ungetrübte Neugier und ihr unbeflecktes Wesen wollte ich stets Perfektion in das Bild meiner Schrift bringen, wollte ich mit der Klangfarbe der Worte ein Gemälde erschaffen, mit ihren Silben ein Lied spielen, nur um ihres Wesen gerecht zu werden. Als sie in Rom eintraf fürchtete ich ihre Nähe, befürchtete in ihrem Angesicht nicht bestehen zu können. da ich niemals dazu fähig sein würde, meine Worte wie in Briefen zu novellieren, und doch beflügelte ihr Anblick meinen Geist nur noch mehr, trieb mich an und meine Schriften voran. Doch nun wird mein Geist keine Ruhe mehr finden, die Schriften werden kein Ende finden, denn wie könnten sie dies ohne Leontia, werden sie ohne ihren Geist doch nur ein leerer Kelch sein. Sie ist hinfort aus diesem Leben, meinetwegen, weil sie mir vertraute, und Quintus ist hinfort, weil er ich war. Wie soll das weitergehen? Ich weiß nicht mehr wohin, Caius, ich würde fortlaufen, doch ich weiß nicht wohin."
    Er sog die Luft ein, den herben Odeur seines Vetters gleichsam, welcher sogleich Reminiszenzen an Vergangenes in ihm erblühen ließ. Eines nach dem Anderen, dies war es, was Furianus ihm hatte geraten, und er klammerte sich verzweifelt daran.
    "Ich werde für Leontias ordnungsgemäße Bestattung Sorge tragen, im Kreise der Familie nur, doch ihre Gaia muss Ruhe finden. Ebenso der Genius Quintus', es ist das Mindeste, was ich ihm schulde. So denn ihm im Leben sein rechtmäßiger Platz verwehrt blieb, wird er ihn zumindest nach dem Tode erhalten."

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Wie konnte ein einziger Mensch nur immer so verzweifelt sein wie er? Ich hatte niemanden in meinem Leben jemals kennengelernt, der so sehr voller Verzweiflung über sein Dasein von Tag zu Tag straucheln musste, der so vieles besaß, ohne es zu wollen, so vieles hätte haben können, ohne danach zu streben, und doch zutiefst unglücklich war. Wenn auch immer ein Beweis für das ironische Gespür der Götter strittig sein mochte, Gracchus war in meinen Augen der absolute Beweis dafür.
    "Vielleicht ist es das Leben selbst, das sich nicht in die Bahnen zwingen lässt, die wir für dieses wünschen, und umso weniger so gerät, wie wir es geplant haben, je mehr wir versuchen, es zu bezähmen?" gab ich zu bedenken, als er von seinen Planungen sprach. "Die Werte unserer Väter, was sind sie denn wirklich wert? Würde ich mich an jedes Wort halten, das mein Vater einst zu mir sprach, wäre ich jetzt ein miserabler Politiker und unglücklich wie der einsamste Mensch auf dieser Welt, Manius, und genauso ist es Dir ergangen, als Du versucht hast, einen Weg zu beschreiten, den Dein Vater für Dich bestimmt hat. Unsere Väter mögen sich vieles wünschen, doch spätestens wenn sie uns verlassen, müssen wir unseren eigenen Weg finden, der vielleicht schwerer zu entdecken ist als alles andere, aber doch mehr mit dem zu tun hat und haben wird, was wir uns wünschen, nicht, was andere für uns für das Beste halten."


    Langsam hob ich eine Hand, berührte seinen Oberarm, hielt ihn fest und stützte ihn zugleich, denn es war nicht offenkundig, wessen er mehr bedurfte, eines Haltes, einer Stütze, oder einfach nur eines Menschen, der keine Ansprüche mehr an ihn stellte.
    "Glaubst Du ernsthaft, Du könntest diese Familie blamieren? Felix verschanzt sich hinter seinen Rosen und gelegentlichen Gesprächen mit den Familienmitgliedern, wenn er nicht gerade seine Langeweile im Senat pflegt, Furianus nimmt eine jede langweilige Stellung an, sobald sie ihm nur einen wohlklingenden Titel und mehr Geld verspricht, Lucullus liegt seit Wochen darnieder und scheint gar nicht mehr aufstehen zu wollen, ich habe es bisher zu einem wenig ambitionierten Priester geschafft, Minervina wirft sich dem praefectus praetorio an den Hals - soll ich diese Aufzählung noch fortführen? Glaubst Du wahrhaftig, die Tatsache, dass Du noch nicht Senator bist oder noch nicht flamen, würde irgend etwas verschlimmern? Oder das Erreichen dieser Ämter etwas verbessern? Finde Dich damit ab, diese Familie ist, was sie ist, mit allen dunklen und verrückten Punkten, die unsere Ahnen uns vererbt haben. Ein jeder hier hat seine Fehler, und auch wenn Du sie nicht gesehen haben magst, ich bin mir sicher, selbst Leontia war nicht so perfekt, wie man es sich wünschen könnte, ebensowenig ein Quintus, der lieber Dich kopierte, denn ein eigener Mann zu sein."


    Ich drückte seinen Arm behutsam, wenngleich ich den Kopf schütteln musste über die schiere Wucht der von mir vorgetragenen Beispiele. "Behalte sie Dir, wie sie war, im Herzen, Manius, und lass die Erinnerung an sie dort lebendig bleiben, doch trauere nicht wie ein Wahnsinniger um etwas, das Du nicht haben kannst. Die Götter, die sie zu sich riefen, kann ich nur zu gut verstehen, denn wenn es ihr gelang, Dich so zu verzaubern, wie liebreizend muss sie gewesen sein! Wer sind wir, dass wir gegen die Beschlüsse der Götter opponieren, selbst wenn sie uns noch so ungerecht erscheinen mögen?" Ein wenig Zeit verstrich, und ich atmete tief ein, als er die Bestattung ansprach. "Wenn Du es willst, stehe ich Dir bei den Vorbereitungen zur Seite, Manius, wie es sich gehört. Ich glaube kaum, dass Felix als der Hausherr hier mehr tun will als nur anwesend zu sein."

  • Die Worte seines Vetters strömten auf Gracchus ein, prasselten auf ihn hernieder wie kalter Eisregen, wie grobe Hagelkörner schlugen sie ihm auf sein Gemüt, konnte er sich doch dem Kern der Wahrheit darin nicht verschließen, doch waren sie gleichsam so fern all dessen, woran er glaubte, woran er zu glauben glaubte, woran er versuchte zu glauben, um nicht ohne Glauben zu sein. Betreten senkte er den Kopf, schüttelte ihn leicht, entließ seine Worte in kaum mehr denn einem Flüstern.
    "Was bleibt von uns, wenn wir die Werte verlieren, derer wir uns immer so sicher glaubten? Wertelosigkeit, ist es das, was diese Familie noch prägt? Ist es das, wo unser Weg uns hin führt, ist es das, was wir sind, das, wie wir uns neu definieren?"
    War es der Geist seines Vaters, welcher ihn heimsuchte und jede Verfehlung ihm vor Augen hielt, oder war er es, der den Geist seines Vaters herbei sehnte, um sich selbst der Verfehlung anklagen zu können, bevor ein anderer dies tat? Noch immer zweifelnd blickte er zu seinem Vetter, dessen Berührung nicht ihn in Pein durchfuhr, wie befürchtet, sondern nur eben in jener angenehmen Weise, wie Aquilius sie angedachte, in jener Weise, die ihm jeher so viel mehr Kraft gegeben hatte als tausend Worte dies von anderen Menschen konnten tun.
    "Weil die Familie ohnehin blamabel ist, müssen wir uns dem ebenfalls ergeben? Weil die Welt vom tarpeischen Felsen springt, müssen wir hinterher? Wenn ich wüsste, dass dort unten der Weg ist, welchen ich suche, ich würde springen, Caius, doch so ich auch nicht mehr weiß, wo der Weg ist, ich weiß, dass er dort unten nicht beginnt und nicht endet. Wohin sollen wir streben, wenn wir kein Ziel mehr vor Augen sehen? Wofür lohnt es noch zu streben, wenn kein Ziel mehr vor uns ist? Eben daraus erwächst doch die gesamte Misere, wohin noch soll ich streben, wenn weder die Werte meiner Vorfahren, noch meine eigenen mir einen Weg bieten? Verschlimmern oder verbessern, was nützt es, wenn ich mich doch nur vor mir selbst schäme? Du lebtest schon immer in den Tag hinein, du sorgst dich niemals um das Morgen, trittst Pfade aus, wo zuvor nur Dickicht war, und ich beneide dich noch immer um diese Fähigkeit. Doch ich kann dies nicht, ich brauche wenigstens eine schmale Linie am Boden oder einen Laut, dem ich folgen kann, ich brauche ein Ziel in der Ferne oder etwas, woran ich mich entlang hangeln kann. Ich werde niemals ein Visionär werden, niemals ein Philosoph mit bahnbrechenden Ideen und auch kein Künstler, welcher aus Nichts die Welt erschafft, doch ... ich hatte immer gehofft, dass zumindest ... nun, dass ich zumindest einen kleinen Beitrag werde leisten können, welcher unserer Familie zur Ehre gereicht. Doch ich sehe nicht einmal mehr diesen schmalen Pfad vor mir."
    Langsam, beinahe ein wenig zögerlich hob Gracchus seine Hand und legte sie auf Caius' ausgestreckten Arm, spürte die vertraute Wärme in seiner Handfläche und ein schmales, doch freudloses Lächeln begann seine Lippen zu kräuseln.
    "Oh, Caius, warum nur musst du dir dies Klagen immer anhören? Du hast einen viel besseren Freund verdient als mich. Und widersprich mir nicht, gestehe dir nur ein einziges mal ein, dass es so ist. Es beweist, dass auch die Götter einen Sinn für Ironie besitzen, dass sie uns hier in dieses Leben zusammen stellen. Nun, um ein wenig Ordnung in das Chaos der Ironie zu bringen, welche durch ihn nur noch verstärkt wurde ... würdest du Quintus mit mir bestatten? Niemand sonst kann ich darum bitten, denn niemand sonst weiß um ihn in dieser Art und so soll es bleiben."
    In Gracchus' Sinne breiteten sich bereits notwendige Vorbereitungen aus, doch etwas nagte an seinem Verstand, produzierte dabei ein derart lautes Rascheln, dass es sich nicht ließ ignorieren, bis die Erkenntnis der Aussage schließlich zu ihm hindurch brach. Er hob den Kopf und suchte einen Augenblick nach der passenden Frage.
    "Was meintest du eigentlich damit, dass Minervina sich dem praefectus praetorio an den Hals wirft? Sie ist doch in Aegyptus?"
    Die Überzeugung in jener letzten Frage war weitaus geringer, als Gracchus sich dies wünschte. Ein äußerst beklemmendes Gefühl schlich sich langsam seine Wirbelsäule hinauf und sorgte dafür, dass er sich noch gerader aufrichtete, als er dies ohnehin war, denn schon einmal hatte Minervina wenn auch nicht gelogen, so doch nicht die gesamte Wahrheit gesprochen, so dass es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass sie nicht aus gänzlich uneigennützigen Gründen die Reise hatte angetreten.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • "Ein jeder Flavier hat sich bislang die Werte, denen er folgen will und die er für richtig erachtet, selbst gesucht, und es liegt nicht an unseren Eltern, dies für uns dauerhaft und unverrückbar zu entscheiden, Manius," erwiederte ich ernst und hielt seinen Blick, als hinge unser beider Zukunft davon ab. "Ich sage nicht, dass wir nicht danach streben sollten, das Beste aus dem zu machen, was wir sind, doch denke ich, jene Hast, die sich andere Familien oftmals anmerken lassen, ist bei uns nicht richtig. Wen kümmert es, ob Du heute oder morgen Senator bist, Manius, denn ich weiss, eines Tages wirst Du es sein, schon allein ob Deiner Geistesgaben und Deiner lauteren Art wegen. Der Kaiser wäre ein Idiot, würde er nicht all Deine Vorzüge erkennen - und ich sage Dir, wenn ein Narr wie Furianus Senator wird, weil sein Vater an allen und jeden Ecken Druck dafür machen musste, schaffst Du es zur rechten Zeit mit Leichtigkeit allein durch Dein Können. Zu streben ist kein Fehler, doch zuviel auf einmal zu wollen hat noch niemals zum Ziel geführt, nur zum Wahnsinn, an dem wir Flavier näher stehen als es uns lieb sein kann. Denke an Domitians gute Vorsätze, und was daraus wurde. War nicht auch er ein Flavier, der getrieben vor Angst, man könnte ihn an jeder Ecke belauern, sein Leben zuletzt fristen musste? Willst Du so leben? Ich sage Dir, Manius, strebe ruhig nach etwas Höherem, aber doch nicht mit aller Gewalt. Sonst zerbrichst Du früher oder später unter dem Druck, den Du Dir ganz alleine bereitest."


    Seine Finger fühlten sich warm an, vertraut, angenehm, und ich war froh darum, dass ich es ohne diesen stets auflodernden Hunger genießen durfte, wenigstens an diesem Tag schien unsere Begegnung frei davon zu sein. "Du bist, wie Du bist, Manius, und so bist Du mir mein Manius, ob Du nun klagst oder nicht," sagte ich schlicht, um dann hinzuzufügen: "Wenn es Dein Wunsch ist, dann werde ich Dir bei der Bestattung Quintus' als Dein Verwandter und Freund zur Seite stehen, wie es sich gehört. Immerhin war er zum Teil ein Mitglied unserer verlotterten und kaputten Familie, wenigstens im Tod soll er einen angemessenen Platz finden." Kurz überlegte ich das procedere durch, das im Fall einer anstehenden pompa funebris durchexerziert werden musste, und kam zu dem Schluss, dass es wohl am besten ohne einen allzu auffälligen Trauerzug vonstatten gehen sollte, um nicht zuvielen Aufklärung über Quintus' wahre Natur geben zu müssen. Als er jedoch Minervina ansprach, schnaubte ich nur leise und recht verächtlich.
    "Sie ist doch hier?" Den Kopf schüttelnd, fuhr ich fort: "Neulich kam der praefectus mit Uniform und Gefolge hier an, um mit ihr ein Abendessen zu begehen, und kaum dass sich Antonia und ich zu ihnen gesellt hatten, wie es sich gehörte, flohen sie uns in den Garten - wenn du mich fragst, steht uns entweder bald Ärger ins Haus, weil dieser Springbock sich auf alles wirft, was Brüste und ein angenehmes Lächeln hat, oder aber, noch schlimmer, eine unstatthafte Heirat. Da er Arrecina nicht bekam, muss es wohl eine Flavierin ohne wachsamen Vater sein, wie mir scheint."

  • Hatte Gracchus an einem Defizit an Vertrauen und Hoffnung in sich und die Welt zu tragen, so besaß Aquilius mehr als genügend davon für sie beide zusammen. So war dies schon seit ihrer Jugend gewesen, ohne Aquilius' Zuspruch hätte Gracchus sich vermutlich kaum je zu jedweden eigenen Leistungen hinreißen lassen, würde vermutlich noch in gegenwärtiger Zeit an Buchstaben und Zahlen verzagen, von weitreichenden Gedankengängen ganz zu schweigen. Er hatte geglaubt, dieses defätistische Zögern würde mit der Zeit sich legen, hatte geglaubt, eines Tages ob der zurückliegenden Strecke des Weges stolz darauf zurück und ob dessen frohgemut nach vorn blicken zu können, doch noch hatte er diesen Punkt augenscheinlich nicht überschritten. Ob dessen war er froh, dass Aquilius noch immer an seiner Seite stand, noch immer ihn vorwärts zog und noch immer auf ihn verlass war ohne Einschränkung. Was auch immer geschah, Aquilius würde dafür Sorge tragen, dass er nicht am Boden zerstört liegen blieb, ebenso wie er würde dafür Sorge tragen, dass Aquilius nicht würde in leichtsinnige Höhen abheben, sondern am Boden der Tatsachen blieb. Die Worte seines Vetters indes klangen in diesem Augenblicke so konkludent, dass Gracchus sich längstens fragte, weshalb nicht Aquilius bereits im Senat saß, und sie klangen so von Wahrheit durchdrungen, dass neben aufkeimender Affirmation auch ein zarter Hauch von Furcht durch seinen Körper schwang, Furcht darüber einstmals im Wahn zu versinken und zu enden wie Domitianus, denn oft genug quälte Gracchus des nächtens bereits der Hauch der Unterirdischen und bisweilen sogar des Tages, obgleich er dies erfolgreich verdrängte.
    "Ich bin froh, dass nach alldem du noch immer mein Caius bist."
    Er ließ im Unklaren, ob sich dies alles auf Aquilius' Ausflug in die Welt der einfachen Bürger bezog, auf das verhängnisvolle Geschehen im heimischen Balneum oder seinen eigenen Ausflug auf der Suche nach seiner Base und seinem Zwilling - doch war dies ohnehin nur marginal, vermutlich war sich Gracchus dessen selbst nicht gänzlich sicher, vermutlich betraf dies ohnehin all dies und doch nichts davon, und in jedem Falle würde Aquilius wissen, wie dies zu verstehen war. So vertiefte Gracchus denn das Thema nicht weiter, ein leichtes Verstärken seiner Berührung kündete einzig davon, dass er nicht nur den Worten seines Vetters konnte folgen, sondern dass gleichsam der Sinn dahinter bis zu seinem Geiste vorgedrungen war.
    "Es wird nur eine sehr einfache Bestattung sein, ohne großes Aufsehen. Nur ein stellvertretender Leichnam, wir beide, einige Träger und ein oder zwei Klageweiber. Nicht mehr, denn die Riten können wir selbst vollziehen. Leontias Bestattung verlangt ein wenig mehr, doch gleichsam wird es eine familiäre Angelegenheit bleiben. Hierbei werden wir abwarten müssen, ob Aetius aus Ravenna anreisen möchte, zudem habe ich Serenus angewiesen ob dessen mit Minervina nach Rom zurück zu kehren."
    Womit Gracchus' Gedanken zurück zu seiner Schwester drifteten. Es verstimmte ihn ein wenig, in welchem Tonfall Aquilius über sie sprach, doch nicht etwa, da Aquilius kein Recht dazu würde besitzen, sondern ob der Furcht, dass dies gute Gründe könnte haben. Dennoch versuchte er, eine rationale Erklärung zu finden.
    "Eine unstatthafte Heirat? Ich bitte dich, Caius, das ist doch absurd! Er hat sie gekauft, vermutlich ist sie ob ihrer Indignation darüber mit ihm in den Garten. Die Summe, mit welcher der praefectus sie aus den Händen der Entführer auslöste, ist noch immer nicht beglichen. Ich muss gestehen, dass dies mein Versäumnis ist, schon längstens sollte diese Angelegenheit geklärt sein, doch es kam einfach zu viel mir in den Weg."
    Genau genommen war es einzig sein Zwilling gewesen.
    "Wenn er sie ob der Sesterzen wegen bedrängt oder gar erpresst, so kann ich gut nachvollziehen, dass sie sich ob dessen vor der Familie schämte. Vor ihrer Abreise nach Aegyptus wandte sie sich desperat ob der zurückliegenden Geschehnisse an mich und sagte zu, nach dieser Reise eine standesgemäße Ehe einzugehen, freiwillig und ganz ohne mein Zutun. Sie ist eine Flavia, Caius, und sie ist sich dessen bewusst."
    Nachdenklich löste Gracchus die Hand von seines Vetters Arm und hob sie zu seiner Unterlippe, um daran zu kneten.
    "Wenn ich alsbald alles in die Wege leite, so kann ich womöglich diese Kompromittierung begleichen, noch bevor Minervina zurück in Rom ist, so dass sie sich nicht mehr mit dem praefectus wird abgeben müssen."

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Wenn es doch nur immer so gewesen wäre wie im Augenblick - eine stumme, unerfüllbare Hoffnung, denn unser stilles Übereinstimmen im Geiste war ein seltenes, kaum zu genießendes Geschenk, welches uns die Götter höchst selten gewährten. Gäbe es diese Augenblicke nicht, wäre ich inzwischen wohl längst an unserem Gefühl verzweifelt, das uns so wenig Hoffnung ließ, sich jemals erfüllen zu dürfen, doch so war es erträglich, verlängerte die Qual zwar, doch auf einem Standpunkt, der nicht so grausam und unwirklich schien wie der einer vollkommen verzweifelten Liebe. Manchmal glaubte ich, in uns beiden zwei Pole eines Ursprungs zu erblicken, denn beide hatten wir die flavischen Erbteile mehr als reichlich erhalten, die Unbeständigkeit, der vorauseifernde Geist der alten Flavier war uns ebenso zueigen wie die Ruhelosigkeit, die uns nicht verweilen lassen mochte, wenn wir glaubten, einen kurzen Augenblick des Verschnaufens erreicht zu haben.


    Und doch - wo Manius, dessen hervorragendes Wissen, dessen Integrität und Lauterkeit ihn zu einem hervorragenden Senator gemacht hätten, seine eigenen Wege und Motive oftmals einmal zuviel als zuwenig bezweifelte und überdachte, sich der dunklen Verzweiflung über Dinge anheim gab, die er nicht ändern konnte, war ich derjenige, der vorauseilte, ohne sich Gedanken zu machen, der die Position des Beobachters lieber einnahm als die des Machers, der lieber kommentierte als veränderte, und damit leichtlebig und unentschieden wirken musste - eine Mischung aus uns beiden indes hätte wohl einen neuen imperator hervorgebracht. "Ich werde so lange Dein Caius sein, solange Du mein Manius bist," schloss ich den Gedanken ab und lächelte unwillkürlich. Es war, wie es eben ist, und ich hatte mich daran gewöhnt.


    Dann allerdings kamen die Themen des Alltags zurück, und ich nickte zu seinen Überlegungen, schien es mir doch auch angemessen, bei Quintus nicht zu übertreiben - Leontia hingegen, die ein geachtetes Familienmitglied gewesen war, musste alle Ehren erfahren, die wir ihr zu geben fähig waren. "Serenus ... womit uns das nächste Problem ins Haus steht, denn er ist unstet und sein Vater hat bei der Erziehung offenkundig das Wichtigste versäumt zu tun, darum werden wir uns kümmern müssen, sobald er längere Zeit hier weilt. Er soll nicht, wie zu viele andere unserer Familie als verzogenes Balg enden, das nicht zu schätzen weiss, was ihm durch seine Geburt für Türen geöffnet wurden." Das Benehmen des jungen Flaviers bei der Verlobung seines Vaters war absolut undenkbar gewesen, auch wenn es diese sterbenslangweilige Feier wenigstens unterhaltsam gemacht hatte - so durfte er sich der Öffentlichkeit nicht präsentieren.


    "Was Minervina angeht, glaube mir, ich erkenne eine brünftige Stute, wenn ich sie sehe. So verträumt schauen Frauen, wenn sie verliebt sind, und ich denke, dieser Emporkömmling hat es geschafft, ihr flavisches Herz zu erweichen, wenn nicht bisher schlimmeres geschehen ist. Er hat keinen guten Ruf, und ich traue ihm nicht weiter, als ich ihn werfen könnte. Vielleicht erscheint es ihr als standesgemäß, einen reichen Plebejer zu heiraten, der derzeitig einiges an Einfluss besitzt, hast Du einmal daran gedacht? Frauen denken bei solchen Sachen ausgesprochen selten rational und logisch." Ich strich mir mit der Hand durch mein Haar und überlegte, dass ich bisher keine Frau kennengelernt hatte, die nicht im Moment der fleischlichen Erhitzung, gepaart mit der Verwirrung des Cupido, alle Vorsicht hätte fahren lassen - was mir nicht zuletzt eine Menge Schlafzimmertüren geöffnet hatte. Wenn es in der Villa Flavia einen Experten für Fehlverhalten aus ungestillten Begierden heraus gab, dann war das zweifellos ich.

  • Nachdenklich legte Gracchus den Kopf ein wenig schief, knetete weiter unbewussterweise an seiner Unterlippe, bis dass er schließlich die Hand sinken ließ und langsam den Kopf schüttelte.
    "Ich denke nicht, dass Serenus tatsächlich unstet ist. Nun, er mag ein wenig durcheinander sein, doch bei allen Göttern Caius, welches Kind wäre dies nicht, das unter den Augen Agrippinas aufwachsen musste. Sie ist wahrlich eine Hydra, eine Zunge schärfer als die nächste, ihre Ansprüche höher noch als die aller Väter der Welt zusammen genommen."
    Ein subliminaler Hauch von Furcht schwang in seiner Stimme mit beim Gedanken allein an Aristides' Mutter. Noch immer hoffte er, da sie diesbezüglich nichts weiter erwähnt hatte, dass sie nicht zu Leontias Bestattung nach Rom würde anreisen.
    "Ich sage es dir in völligem Ernst, sie hat sich in den Kopf gesetzt, die Großmutter eines Kaisers zu werden, nachdem es zur Mutter nicht reicht, und wenn Serenus vermeintliche Scherze über seine Zukunftsträume als Imperator macht, so sind dies ernsthafte Hintergedanken, welche Agrippina ihm injiziert hat. Viel eher, als dass er als verzogenes Balg endet, befürchte ich, er könnte eines Tages mit einem Messer im Rücken erwachen, noch ehe er überhaupt zu einem Manne herangereift ist, denn du weißt, dass die kaiserliche Garde in solcherlei Dingen keinerlei Spaß versteht, vor allem und in besonderer Weise nicht in Hinsicht auf uns Flavier und unsere Sprösslinge. Dennoch, Serenus ist ein überaus aufgeweckter und wissbegieriger junger Mensch, ich konnte dies selbst feststellen. Natürlich muss er vor allem anderen lernen, dass eine öffentliche Blamage der Familie in keinem Fall zu dulden ist, gleich wie sehr er sich in seiner persönlichen Ehre angegriffen fühlt, doch darüber hinaus besteht sicherlich noch die Hoffnung, dass ein großer Flavier aus ihm werden wird."
    Womöglich eines Tages vielleicht sogar ein Kaiser, doch soweit wollte Gracchus in keinem Falle denken.
    "Was meine Schwester betrifft, hüte bitte deine Zunge, Caius, wenn du von ihr sprichst! Ich dulde nicht, dass irgendwer sie als brünftige Stute bezeichnet, auch du nicht, und selbst dann nicht, wenn dies der Wahrheit entsprechen mag. Dennoch, ich mag es bezweifeln, dass dies so ist. Obgleich ..."
    Hatte seine Mutter nicht auch seinen Vater geliebt und war nicht Minervina den größten Teil ihres Lebens bei ihrer Mutter aufgewachsen? Hatte sie nicht selbst auf eben jene Verbindung verwiesen? Wer konnte wissen, welche Weisheiten ihre Mutter ihr trotz besseres Wissen mit auf den Weg hatte gegeben.
    "Nein."
    Er schüttelte energisch den Kopf.
    "Sie kann nicht ernsthaft glauben, dass sie diesen Caecilius heiraten kann. Er zeigt nicht einmal die geringsten Ambitionen, das ist völlig inakzeptabel. Sie würde die gesamte Gens blamieren. Nein, Caius, du musst dich irren. Wir haben darüber gesprochen, sie hat ihre Entscheidung getroffen und ich vertraue ihr."
    Immerhin war sie seine Schwester und wem sollte man trauen können, wenn nicht der Familie?
    "Caecilius dagegen traue ich nicht einmal so weit, wie du ihn werfen könntest, denn selbst, wenn du dich nicht bemühst, könnte es nicht nah genug sein. Ich kenne ihn kaum, doch Aristides' Überzeugung reicht mir völlig, er ist immerhin kaum ein Mensch, welcher zu Übertreibungen neigt, und selbst wenn nur die Hälfte all dessen der Wahrheit entsprechen sollte, was er berichtete, so ist es noch mehr als genug Grund, meine Schwester vor diesem Praetorianer zu bewahren. Wir stehen in seiner Schuld, ich werde diese Schuld begleichen, danach braucht er sich in diesem Hause nicht mehr blicken zu lassen, es sei denn auf Order des Imperators hin."

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • "Ich sagte doch, verzogenes Balg. Ob nun durch Weichheit seiner Werte oder durch die viel zu überzogenen Ansprüche seiner Mutter, kommt auf dasselbe hinaus, er wird es schwer haben mit diesem Anspruch, und ist der Keim erst einmal in jungen Jahren gelegt, opponiert er entweder irgendwann energisch gegen diesen Wunsch seiner Mutter, oder aber er sucht mit aller Gewalt ihren Anspruch zu erfüllen - und beides wäre nicht gut für seine weitere Entwicklung. Ich hoffe doch, er reißt nicht wieder aus, sobald er erst einmal hier ist, und wir können einen mäßigenden Einfluss auf ihn ausüben. Einige Wochen im Dienst des Cultus Deorum, im Kontakt mit den Sorgen der einfacheren Menschen, könnten vielleicht helfen, einiges gerade zu rücken," überlegte ich und schüttelte dann den Kopf. Dass Aristides kein Mustervater war, lag auf der Hand, als Angehöriger der Legion konnte man nicht zuhause sein und auf die Kinder aufpassen - aber dass Agrippina anscheinend ein so schlechtes Werk getan hatte, war dann doch zuviel des Guten. Serenus' Verhalten bei der Verlobung hatte uns einen Vorgeschmack gegeben, wozu er fähig war, und ich befürchtete, wenn ich ehrlich war, weitaus schlimmere Eskapaden.


    Dass Gracchus seine Schwester verteidigte, ließ kurz meine Mundwinkel zucken, es war so ritterlich und gleichzeitig sinnlos, konnten wir uns denn nicht immer alles sagen? "Manius, Du weisst, wie sich Stuten aufführen, wenn sie rossig sind, und wie wenig sie dann davon zurückhält, sich zu nehmen, was sie wollen. Mit Frauen in einem gewissen Alter ist es nicht anders, ihr Körper erwacht, und sie nehmen die Bereicherung ihrer Empfindungen nicht so klar wahr, wie es ein Mann gezwungen ist zu tun, um eine gewisse dignitas zu wahren. Verliebtheit ist gefährlich, entsinne Dich Arrecinas Schicksal! War sie nicht auch eine Flavierin, wohlerzogen, ganz der Stolz ihres Vaters? Und doch wurde sie zur Gespielin eines Sklaven, und das mit Gefühl und Genuss dahinter. Ich bitte Dich, sei vorsichtig, vor allem, wenn es um jene geht, die Du liebst - sie braucht unsere Zustimmung zu einer Ehe nicht, und das macht die Sache ungleich gefährlicher." Wenn es jemanden gab, dem ich sicherlich niemals trauen würde, war es meine Familie, denn ich kannte die Schwächen der Flavier nur zu gut. Sie würden sich immer Lücken und Möglichkeiten suchen, um sich elegant und gewinnbringend durch die Schwierigkeiten des Lebens zu lavieren.


    "Ich kann nur sagen, was mir mein Instinkt verrät - und dieses Abendessen war alles, aber sicher kein Freundschaftsbesuch. Tagsüber war sie aufgeregt und auch erregt, scheuchte die Sklaven hin und her, wie ich später erfuhr, damit alles perfekt ist - und sie suchten beide die Einsamkeit des Gartens sehr schnell. Was, mein werter Vetter und engster Freund, was würdest Du bei solchen Dingen denken? Zudem - Minervina brächte etwas in eine Ehe mit ein, was der Caecilier niemals gewinnen wird: Wahre Abstammung, das Blut eines Kaisergeschlechts." Damit lehnte ich mich gelassen zurück und betrachtete ihn genau. Vielleicht war mein Misstrauen unbegründet, aber von uns beiden kannte ich Frauen besser, und noch besser ihren Hang, irrationale Entscheidungen zu treffen.

  • "Großmutter"
    , verbesserte Gracchus seinen Vetter während dessen Rede, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, denn es machte ohnehin keinen Unterschied hinsichtlich Serenus. Der Cultus Deorum hatte dem Jungen gut getan, er hatte viel Interesse an den Riten gezeigt und womöglich konnte Aqulius ihn noch einiges lehren, nun da Gracchus dies nicht mehr tat und noch immer nicht wusste, ob er es wieder würde tun können. Noch immer war sein Weg diffus, obgleich er durchaus gewillt war, irgendwo hin zu gehen, solange nur Aquilius an seiner Seite ging. Doch ohnehin war dies vorerst nebensächlich, denn schon sprach Aquilius erneut in Rätseln, von Dingen, welche keinen Sinn ergaben, wie hinter einem Schleier aus Regen verborgen. Allmählich glaubte Gracchus sich in einem Theaterstück gefangen, einem billigen Possenspiel womöglich, doch keinesfalls in jener tiefgehenden Tragödie, welche dem flavischen Haushalt von Standes wegen wäre angemessen gewesen.
    "Arrecina ... Gespielin eines Sklaven ... von was sprichst du?"
    Ein Bild formte sich vor dem Inneren seiner Augen, ein Bild Arrecinas, jenes scheuen und untadeligen jungen Mädchens, welches seine Nichte war, wie sie verängstigt ob der Unterirdischen in ihrem Zimmer stand, wie ihr schmaler Körper in seinen Armen zitterte und sie sich vor der Dunkelheit und dem Schlaf fürchtete. Ein kalter Hauch zog über Gracchus' Nacken, er versteifte sich und spürte gleichsam, wie die Knochen in seinen Beinen weich wurden, wie eisige Hände nach seiner Kehle griffen und aus der Ferne sich feixende Stimmen zu nähern suchten, ein dumpfes Tuch legte sich über seine Sinne, sein Atem verlor den regelmäßigen Puls. Unsicher wich er einen Schritt zurück, haltsuchend an die Wand neben der Tür, zu welcher er vor Augenblicken noch geflüchtet war, um sich selbst zu entkommen, doch allmählich dämmerte ihm - noch immer gegen seinen Willen, dass nicht er sein schlimmster Feind würde sein. Er wollte nicht wissen, von was Caius sprach, weder über Arrecina, noch über seine Schwester, denn zu groß war die Furcht vor der Wahrheit der Worte seines Vetters, denn er wusste, dass Aquilius die Wahrheit sprach, vor allem dann, wenn er über Gespielinnen und Stuten sprach.
    "Das kann alles nicht sein, Caius. Arrecina, Minervina ..."
    Er brach ab. Minervina. Was verband ihn mit seiner Schwester? Was verband seine Schwester mit der Familie? Hatte sie nicht viel mehr Anteil an der Familie erhalten dürfen als er, der er ins ferne Achaia gesandt worden war. Konnten beinahe Fremde, welche auf die Ehre der Familie drängten, so viel mehr erreichen, als eine Mutter selbst? Hatte sie dies überhaupt? Konnte Minervina gleichsam so weit von der Untadeligkeit ihrer Schwester entfernt sein, welche ihr Leben aufgeopfert hatte für die Familie?
    "Sie gab mir ihr Wort ... ihr Wort ..."
    Glaubensbrecher, Verbrecher, Wortbrecher. Er wollte nicht daran glauben, er wollte es nicht, nicht so lange noch eine winzige Spur von Hoffnung bestand.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • "Äh ja, Großmutter ..." Unsere Familienverhältnisse, so verworren und diffus wie stets, hatten mich wieder einmal auf den Holzweg geführt, aber was machte es schon, Agrippina war Serenus so nahe gewesen, dass die Grenzen zwischen Mutter und Großmutter sicherlich verwischt waren. Wie auch immer, sie hatte eindeutig zuviel Einfluss auf ihn ausgeübt, und sicherlich nicht nur zu seinem Vorteil. Kaiser zu werden mochte für einen Patrizier ein hohes Ziel sein, aber man sollte sich stets vor dem Fehler hüten, es zu laut auszusprechen.
    "Sie waren ineinander verliebt, Manius, das war meines Erachtens nach der einzige Fluch, an dem sie litten. In Arrecinas Alter ist es nicht erstaunlich, sich in einen stark wirkenden Mann zu verlieben, und dass Rutger alle Gelegenheiten nutzte, seinen Vorteil zu erhalten, dürfte ebensowenig erstaunen. Sie ist nicht die erste Frau, die sich in einen Sklaven verliebte, und er ist sicher nicht der letzte Mann gewesen, dem dies zu schmeicheln wusste." Ich hob etwas die Schultern, mehr gab es für mich zu dieser Sache im Grunde nicht zu sagen, es war gewöhnlich genug, und es passierte Tag für Tag.


    "Ach Manius, nimm dies doch nicht so schwer. Nicht jedes unschuldig wirkende Geschöpf ist dies auch, das ist alles - und auch Patrizierinnen sind vor unpassenden Liebschaften nicht gefeit. Glaube mir, ich bin nicht ohne Grund misstrauisch, wenn mir die Unschuld einer Frau beschrieben wird, die meiste Zeit steckt recht wenig dahinter - ebensowenig, wie die meisten als tugendsam beschriebenen Männer dies wirklich sind. Die meisten verstecken ihre Untugenden nur sehr geschickt. Nimm den Menschen ihre Schwächen nicht zu krumm, Manius, es ist einfach viel zu oft viel zu leicht, schwach zu sein und Fehler zu begehen. Niemand ist perfekt, Perfektion ist allein den Göttern vorbehalten."
    Es war eine traurige Einsicht, aber doch eine realistische, und ein wenig wunderte ich mich schon, dass sich mein Vetter bisher anscheinend seinen Glauben an die Menschheit bewahrt hatte - bei alledem, was ihm bisher zugestoßen war, war das höchst erstaunlich. Aber vielleicht gehörte er auch zu den Menschen, deren Hoffnung schwer zu zerstören war - ich war über diesen Punkt allerdings inzwischen weit hinaus.

  • "Verliebt!"
    Es war sonderbar, wie dieses Wort Gracchus im Halse stecken blieb und er es gleichsam ausspucken konnte, als hätte er sich daran die Zunge verbrannt. Wut stieg in ihm auf, angefacht von seiner ohnehin schon völlig derangierten Gemütslage war es diesem Aufwallen von Zorn ein leichtes, die seit jeher gepflegt und gehegte Mauer der Gravitas zu durchbrechen. Mühsam presste er die Kiefer aufeinander, mühsam nur hielt er seine Verachtung zurück, zwang seine Worte zwischen den Zähnen hindurch.
    "Wen schert es, wenn sie einen Sklaven liebt! Soll sie sich ein Dutzend halten, wenn es ihr Spaß macht, doch erst, wenn sie bereit ist, gleichsam ihre Pflicht zu erfüllen. Bei Amor, Anteros und Angerone, als hätte nicht ein jeder von uns seine Bettgefährten und Liebschaften, doch ist das etwa einen Grund, das halbe Haus auf den Kopf zu stellen!? Kann nicht ein Mensch in dieser Familie einmal nur an die Familie denken!?"
    Es war endgültig um Gracchus geschehen. Im Grunde genommen lebte er doch in einer recht behüteten, ordentlichen, agreablen und von Wahrheit und Güte durchdrungenen Welt, so war zumindest seine Überzeugung entgegen allen Widrigkeiten und entgegen jeglichen Erlebens, doch vermutlich - unzweifelhaft - war die Wahrnehmung seines Umfeldes zu sehr von seinem inneren Sehnen und Wunschdenken geprägt und damit so fern der Realität wie das Elysium vom Hades war entfernt.
    "Schwäche! Schwäche ist dazu da, um sie zu überwinden! Wozu sind die Tugenden uns mitgegeben, wenn nur doch ein jeder sich über die Bemühung darum hinweg setzt! Sind denn hier alle nur noch von Sinnen? Du hättest sterben können im Ansinnen, sie aus ihrer Tollheit zu reißen und nur die Götter haben verhindert, dass auch deinen Leichnam wir noch müssen bestatten! Ich habe die Pforten zur Unterwelt geöffnet, um einen Fluch zu brechen, welcher nicht vorhanden war - wen wundert da noch, dass die Unterirdischen mir noch immer zürnen?! Ist es denn zu viel verlangt, dass sie darüber nachdenken was sie tun, bevor sie die halbe Familie ins Verderben reißen? Sollen sie doch ihr eigenes Leben hinfort werfen, sollen sie sich im Dreck suhlen, wenn es das ist was sie wollen, sollen sie sich einem einzigen Gott an den Hals werfen, wenn es dies ist, wonach es ihnen verlangt, sollen sie sich an den Hals werfen, wem sie wollen, wenn sie nur nicht hernach erwarten, dass die Familie für sie eintritt, dass die Familie sie aus allem wieder heraus holt, dass die Familie überhaupt noch die ihre ist! Niemand muss perfekt sein, doch solange sie Flavia sind, haben sie sich wie Flavia zu benehmen!"
    In seiner Rage packte Gracchus seinen Vetter an den Schultern, schüttelte ihn leicht.
    "Ich habe es satt, ich habe es wahrlich satt alles und jeden nur irgendwie immer wieder ins Lot biegen zu müssen, mir den Kopf zu zerbrechen über ihr Schicksal, welches sie hernach doch nur wieder hinfort werfen ohne auch nur darüber nachzudenken, ohne auch nur im Mindesten an die Konsequenzen für die Familie zu denken! Ich habe es satt!"
    Laut hallte der letzte Satz durch den Raum, zu laut in Gracchus' Ohren, zu laut für ihn. Er erstarrte, als würde er erst jetzt bemerken, was geschah, blickte auf seine Hände, welche die eines Fremden zu sein schienen, welche sich im Griff um Aquilius' Schulter hatten verkrampft. Es kostete ihn Mühe, seine Gliedmaße zu befehligen, von seinem Vetter zu lassen, los zu lassen, abzulassen. Betreten senkte er den Blick, in Scham über sich selbst und darüber bereits erneut am Verzweifeln, da er spürte, dass in eben diesen Augenblicken neuerlich ein Teil seiner Welt jeglicher Grundlage wurde beraubt und darob in sich zusammen brach. Von niemandem erwartete er Perfektion, da er selbst nur allzu genau wusste, dass dies unmöglich war, doch er erwartete das Streben danach und wenn auch dies nicht, so war das Mindeste, war das Geringste, was er in dieser Familie erwartete nur mehr die Wahrheit.
    "Verzeih. Ich bin nicht mehr ich selbst. Das ist ... zu viel auf einmal ... und ich ... ich will das nicht glauben müssen."
    Langsam schüttelte er den Kopf, als könne er so verhindern, dass die Wahrheit sich in seinen Sinnen würde festsetzen.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!