Die Stände des Handelskonsortiums Freya Mercurioque

  • Mir gefiel ihr Selbstbewusstsein. Das zeigte, dass sie sich des Wertes ihrer Arbeit bewusst war. Während sie sprach, betrachtete ich sie . Der Unterschied in der Kleidung konnte kaum größer sein. Ihre Kleidung war einfach und praktisch. Meine hingegen war vermutlich die teuerste Kleidung in ganz Mogontiacum. Und dabei war es nur das Reisegewand eines Gelehrten, jedenfalls in Serica. Mir war aber klar, dass man bei der Herstellung von Keramik wohl auch keine Seide tragen sollte. Selbst, wenn man sich täglich neue Seide leisten könnte, wäre das ein solches Maß an Verschwendung, dass es gegen alle guten Sitten verstieße, diese so leichtfertig zu verschwenden.


    "Das sind herausragende Arbeiten, Duccia," sagte ich schließlich mit einem anerkennenden Nicken. "Nur wenigen gelingt es, selbst eine schlichte Schale in dieser Perfektion herzustellen. Jeder Gegenstand trägt eine innere Harmonie in sich." Es war kein Kompliment. Mein ruhiger, sachlicher Tonfall zeigte, dass es für mich eine reine Sachaussage machte.


    Da es unhöflich wäre, mich nicht vorzustellen, zumal sie sich ja vorgestellt hatte, holte ich das nun nach. "Vor einigen Jahren war ich schon einmal in Mogontiacum. Damals hätte ich mich als Aulus Iunius Tacitus vorgestellt. Ich stellte mich damals stets mit vollem Namen vor, um Verwechslungen mit Verwandten zu vermeiden. Für einen Juristen ist das wichtig. Doch seitdem bin ich einige Jahre gereist und war in fernen Ländern." Das war wohl auch nicht zu übersehen. "Seitdem neige ich dazu, mich als Yúnzǐ vorzustellen. Es ist der Name, den ich in der Ferne erhalten habe." Ich sprach den Namen wie gewohnt korrekt auf Serisch aus. "Ich überlasse es dir, wie du mich nennen magst."


    Nach einer kleinen, kaum merklichen, Denkpause musste ich sie noch etwas fragen. "Du bist eine Duccia... deine Familie ist von einiger Bedeutung hier in Mogontiacum, wenn ich mich recht entsinne. Wie kommt es, dass du deine Waren selbst herstellst?" Es war kein Vorwurf, obwohl es sicher Römer gab, für die es undenkbar gewesen wäre, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Meine Frage war jedoch allein von Neugier getrieben.

  • Seine Worte über meine Arbeit ließen mich für einen Moment schweigen. Komplimente über meine Keramik hörte ich durchaus häufiger, schließlich wollten manche Käufer damit wohl auch den Preis ein wenig zu ihren Gunsten beeinflussen. Doch bei ihm klang es anders. Fast so, als würde er nicht versuchen, mir zu schmeicheln, sondern lediglich feststellen, was er vor sich sah.


    Unwillkürlich glitt mein Blick zu der Schale, die er betrachtet hatte. Ein kleines, durchaus zufriedenes Lächeln legte sich auf meine Lippen. "Innere Harmonie", wiederholte ich leise. "So hat es bisher noch niemand genannt." Ich nahm die Schale erneut in die Hände und drehte sie langsam zwischen meinen Fingern. Ein wenig Tonstaub haftete noch an meinen Händen und hatte längst auch Spuren auf meiner schlichten Tunika hinterlassen. Einer meiner beiden blonden Zöpfe war mir dabei über die Schulter nach vorne gerutscht. "Aber es gefällt mir."


    Als er sich vorstellte, legte ich die Schale wieder zurück und hörte aufmerksam zu. Aulus Iunius Tacitus hätte ich mir vermutlich problemlos merken können. Bei dem Namen, den er anschließend nannte, sah das schon anders aus. "Yún..." Ich hielt inne, verzog leicht die Lippen und versuchte es noch einmal. "Yúnzǐ." Meine Aussprache kam seiner vermutlich nicht besonders nahe. Das hörte selbst ich.


    Ich hob eine Augenbraue und musste schließlich lachen. "Ich glaube, bevor ich deinen Namen jedes Mal verstümmele, bleibe ich lieber bei Iunius." Ein schelmisches Lächeln folgte.


    Seine nächste Frage überraschte mich dagegen ein wenig. Mein Lächeln verschwand nicht, wurde aber schwächer. Für einen kurzen Moment betrachtete ich ihn schweigend. Dann senkte ich den Blick auf meine Hände. Hände, denen man durchaus ansehen konnte, dass sie nicht nur Münzen zählten und Waren auf einem Marktstand arrangierten. "Du erinnerst dich richtig. Die Duccii sind hier nicht völlig unbekannt." Ich strich mit dem Daumen über eine kleine, raue Stelle an meiner Handfläche, ehe ich wieder zu ihm aufsah.

    "Aber ich habe nie verstanden, weshalb ein angesehener Name bedeuten soll, dass man nichts mehr selbst tun darf."


    Ich griff nach einer kleinen Öllampe und hielt sie zwischen uns. Sie war schlicht gearbeitet, sauber geformt und nur mit einem zurückhaltenden Muster verziert. "Das hier existierte vor einigen Tagen nur in meinem Kopf. Dann waren da Ton, Wasser und meine Hände." Ich drehte die Lampe ein wenig, sodass das Licht über ihre Oberfläche wanderte. "Und jetzt ist es etwas, das vielleicht viele Jahre bestehen bleibt. Jemand wird es kaufen, mit nach Hause nehmen und jeden Abend sein Licht damit entzünden."


    Meine blauen Augen wanderten von der Lampe wieder zu ihm. "Warum sollte ich darauf verzichten, nur weil meine Familie einen Namen besitzt?"


    Ich stellte die Öllampe behutsam zurück und wischte meine Hände an dem Tuch vor meiner Tunika ab. Dann musterte ich ihn erneut. Die schwarze Seide, seine Art zu sprechen und vor allem dieser fremde Name hatten inzwischen meine Neugier endgültig geweckt. "Aber wenn du schon den Stand meiner Familie kennst und meine Arbeit begutachtest, darf ich ebenfalls neugierig sein." Ich neigte den Kopf ein wenig, wodurch der andere Zopf ebenso über meine Schulter rutschte. "Wie wird aus einem römischen Juristen namens Aulus Iunius Tacitus ein Mann, der sich Yúnzǐ nennt und in schwarzer Seide durch Mogontiacum läuft?" Ein kleines Grinsen erschien auf meinen Lippen. "Das klingt nach einer deutlich interessanteren Geschichte als die Frage, warum ich mir beim Arbeiten die Hände schmutzig mache."

  • Ich beobachtete, wie sie auf meine Worte reagierte. Dass ihr meine Erwähnung der inneren Harmonie gefiel, nahm ich zur Kenntnis, zeigte aber keine Reaktion darauf. Ich hatte mich klar ausgedrückt, es war ein Fakt und folglich war es völlig irrelevant, ob es ihr gefiel.


    Als sie versuchte, meinen serischen Namen auszusprechen, musste ich fast lachen. Nicht so sehr, weil sie zunächst daran scheiterte und der zweite Versuch noch nicht ganz die korrekte Aussprache traf - aber immerhin sehr nah herankam. Es amüsierte mich vielmehr, dass ich selbst mich auch nicht besser angestellt hatte, als ich diese doch sehr fremde Sprache erlernt hatte. Doch musste ich eben nur fast lachen und konnte es auf ein amüsiertes Lächeln begrenzen. "Das war gar nicht schlecht," kommentierte ich kurz.


    Dass es unverständlich war, nur auf Grund eines angesehenen Namens nicht mehr selbst handwerklich zu arbeiten, konnte ich nur bejahen und nickte entsprechend. Als sie mir dann erklärte, dass aus einem Stück Ton, Wasser und ihren Händen aus einer Idee in ihrem Kopf ein nützlicher Gegenstand wurde, konnte ich ebenfalls nur zustimmen und nickte entsprechend auf ihre Frage, warum sie nur wegen ihres Familiennamens darauf verzichten sollte, so etwas zu erschaffen. Ein Nicken schien mir als Antwort zu genügen, da mir die Frage rhetorisch erschien.


    Ihre blauen Augen und blonden Haare waren wiederum ziemlich interessant für mich, hatte ich doch bei meinen langen Reisen gesehen, dass dieses auf der Welt eher selten war. Doch das würde ich erst einmal nicht ansprechen.


    Ihre Frage zu meiner Person wollte ich ihr gerne gewähren und sie erschien mir fair. Quid pro quo. Ich hatte etwas gefragt, nun durfte sie auch etwas fragen. Höflich lächelnd antwortete ich. "Gewiss darfst du fragen, aber es ist eine sehr lange Geschichte, wenn ich sie ausführlich erzählen will. Deshalb gebe ich dir erst einmal die Kurzfassung. Sie beginnt... mehr oder minder hier in Mogontiacum. Nachdem ich hier einen Cursus Iuris gegeben hatte, blieb ich noch hier. Doch war es..." Ich drehte mich ein wenig und deutete in Richtung des Buchhändlers in der Markthalle. "Dort hinten, wo ich eine auf Latein und Griechisch kommentierte Karte der Welt fand. Ich kaufte sie und studierte sie. 'Karte der Welt' ist nicht ganz richtig, wie ich später herausfinden sollte, denn sie zeigte nur ein großen Teil der bekannten Welt bis an die Grenzen des Reichs Alexanders des Großen. Die Kommentare waren allerdings wertvoll. Es wurden Länder, Menschen, Handelswaren, Landschaften und Wege beschrieben. Und das war für mich ein Zeichen Minervas. Ich hatte einst am Museion in Alexandria studiert und mich der Sammlung von Wissen und Erkenntnis verschrieben. Dieses Zeichen konnte ich nicht ignorieren. Diese Karte konnte mich bis nach Serica, das Land, aus dem die Seide stammt, führen." Ein wenig musste ich mich bremsen, um nicht stundenlang über die Karte und alle Planungen zu dozieren. "Also, ich kehrte dann nach Rom zurück, kaufte mir von meinem gesamten Vermögen Waren, die ich unterwegs mit gutem Gewinn verkaufen konnte, und einen Gladiator als Sklaven, um mich unterwegs zu beschützen. Dann ging es ostwärts, durch Parthien und Baktrien, über ein hohes Gebirge und an einem noch höheren Gebirge entlang immer weiter ostwärts, bis ich schließlich tatsächlich in Serica ankam. Unterwegs freundete ich mich mit einem serischen Händler an, der mir seine Sprache beibrachte. In seiner Heimat angekommen, ließ mich der dortige... Legatus zur Audienz zitieren und ich konnte ihn für mich gewinnen. Durch philosophische Diskussionen wurden wir Freunde. Als es an der Zeit war, weiterzuziehen, erhob er mich in den Beamtenstand, denn in Serica genießen Beamte ein hohes Ansehen und ein gutes Einkommen. Außerdem sind viele Beamte vor allem eins - Gelehrte. Er schickte mich mit einem Auftrag in die Hauptstadt. Dort empfing mich ihr Kaiser, ernannte mich zum Gesandten und erhöhte meinen Beamtenrang. Mit viel Geld und wertvollen Waren kehrte ich zurück, nun aber über den Seeweg, zuerst nach Indien und dann nach Aegyptus. Und von dort ging es zurück nach Rom und schließlich wieder hierher. Die schwarze Seidentracht ist die Amtskleidung eines serischen Gelehrten. Wer sich damit auskennt, erkennt sogar meinen Beamtenrang. Die Hofkleidung ist aber noch prachtvoller. Meine jetzige Kleidung würde eher als Reisegewand angesehen. Und der Name Yúnzǐ," nun lächelte ich etwas verklärt, als ich an die Geschichte dachte, "kommt daher, dass mein Freund, der serische Legatus, bei unserer ersten Begegnung den Namen Iunius nicht richtig aussprechen konnte und mich Yún Yù nannte. Mit der Anerkennung als gelehrter Meister wurde das hinzugefügt. Und weil man es hinter den vermeintlichen Nachnamen anfügt, wurde daraus Yúnzǐ. Es bedeutet also nichts anderes als 'Meister Yún'." Kurz zuckte ich mit den Schultern. "Es ist also eigentlich ganz einfach." Dabei grinste ich breit, wohlwissend, dass die ganze Geschichte alles andere als einfach war. Es waren einige Jahre gewesen und ich selbst hatte mich sehr stark verändert, war ein paar mal fast im Elysium gelandet und hatte mehr gesehen, als die meisten Menschen selbst in mehreren Leben sehen würden.

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