Irgendwo auf dem Weg nach Dura - Stein und Sand

  • Wir zogen durch die endlose Einöde. Immer weiter, immer tiefer in das fremde Land hinein. Auf der einen Seite sah man immer mal wieder die Mäanderschlingen des Flusses, 'Parthias grosser Strom' mit seinen fruchtbaren Ufern, auf der anderen war nur Weite. Endlos, unbegrenzt, trocken erstreckte sich die Wüste, eine windgepeitschte Ebene bedeckt mit Stein, Fels und Geröll, hin und wieder einem verdorrten Gewächs... Bis zum Horizont schweift das Augen sucht nach einem Punkt an dem es sich festhalten kann, vergeblich. Für einen wie mich, aufgewachsen in Tarraco nahe der Berge, war das beunruhigend, schwindelerregend. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass dieses Land uns einfach aufsog. Es zog einem den Boden unter den Füssen weg, machte einen klein, machte einen bedeutungslos. Wir würden immer weiter marschieren, immer weiter, und in dieser Steinwüste einfach verschwinden, vergehen wie eine dieser Luftspiegelungen wenn man sie aus der Nähe betrachten will. Nur ein paar Schritt musste man sich vom Lager entfernen, schon war man wie losgelöst, stand inmitten der Leere, hatte eine Ahnung von der Unermesslichkeit.


    Und dann das Licht! Die Sonnenuntergänge, die den Himmel in ein Meer von Feuer tauchten. Das blaue Licht am Morgen, wenn du die Zeltplane aufschlägst, das Leder knarren hörst, siehst wie jedes Steinchen einen langen Schatten wirft und die Kälte sich erst mal an dir festkrallt. Dann der goldene Schimmer wenn die Sonne höher wandert. Schnell überflutet sie alles mit ihrem Licht, es wird immer klarer, dann immer greller, hat zu Mittag eine schneidende Stärke, ein weisses Flirren darin, ein Strahlen das alles zu durchdringen scheint. Es war gar nicht mehr so heiss wie zu Beginn des Feldzuges. Aber das Licht, das Licht der Wüste... Wieder einmal wünschte ich mir, dies alles malen zu können, um es denen die in Rom geblieben waren zeigen zu können. Mit Worten kann man das nicht wiedergeben. Aber mit Malfarben wahrscheinlich genausowenig.
    Die Wüste zog mich an. Ich stellte mir vor wie ich mich verlöre, in dieser archaischen Landschaft, wie ich verschwinden würde, in ihr aufgehen, nicht einsam sondern als ein Teil der Einsamkeit selbst... es war ein träumerisches Spiel von dem ich niemandem erzählte. Nachts träumte ich andere Sachen. Von dem Feuer am Chaboras, von den toten Kameraden. Auch von meinem eigenen Sterben träumte ich ein paar Mal, es war immer der selbe Panzerreiter der mich verfolgte, mich niederritt, mich mit der Lanze tötete. Ein wirklich mieser Traum. Ich versuchte nicht zu viel drüber nachzudenken.
    Der Feldzug hatte uns alle verändert. Manchmal kam ich mir selbst fremd vor. Ich schmetterte beim Marschieren mit den anderen die Lieder, war durch meine neue Aufgabe sowieso ganz ausgelastet. Ich nahm das sehr erst, Tesserarius zu sein, und machte akribisch ausgetüftelte Wachpläne, an denen ich lange herumfeilte. Nur merkte ich schnell, dass ich es leider trotzdem niemals allen recht machen konnte.


    Eines Abends, ich war für heute fertig mit der Arbeit, nahm ich wieder mal die Flöte zur Hand, die ich einem der Maultiertreiber abgeluchst hatte. Im Schneidersitz hockte ich mich neben unser Lagerfeuer. Es war die Dämmerstunde, ein mildes Zwielicht herrschte in den Lagergassen. Ich dachte an meine Familie, an zu Hause, und spielte leise eine kleine Hirtenweise. Musca hörte mir angetan zu, er flickte gerade gewissenhaft und in aller Ruhe sein Subarmalium, mit einer Ahle, einem Stück Leder und festem Zwirn.
    Ich spielte so vor mich hin, Melodien aus meiner Heimat, und dachte dabei seit langer Zeit einmal wieder an Tarraco, früher, und auch an meine Schwester, meine liebe Seiana. Ob ich ihr vielleicht mal einen Brief schreiben sollte? Es einfach wagen? Aber was sollte ich ihr schon sagen, wahrscheinlich wollte sie nach allem was passiert war sowieso nichts mehr von mir wissen. Der Gedanke tat richtig weh. Früher waren wir meistens ein Herz und eine Seele gewesen, meine grosse Schwester und ich. Sie hat mich immer beschützt. Wenn ich allein dran denke wie sie die Fischerjungs verprügelt hat, als die mir meine neue Mütze geklaut hatten, damals, da war ich glaub ich sieben oder acht... Ich hatte sehr lange versucht jeden Gedanken an Seiana zu vermeiden, einfach auszublenden, weil es mir jedesmal so die Kehle zuschnürte, wenn ich daran dachte wie wir im übelsten Zank auseinander gegangen waren. Oder bessergesagt - wie ich einfach weggegangen war, abgehauen weil Mutter mir nicht erlauben wollte Poet zu werden. Tja, jetzt war ich doch Soldat, wie sie's immer gewollt hatte. Ob Mutter wohl stolz auf mich wäre, wenn sie noch leben würde und von unserem Bravourstück in Circesium erführe? Wahrscheinlich schon.
    Ich merkte, dass ich inzwischen, ganz ohne es zu merken, von der Melodie her auf das Lied "Von den Küsten von Britannia" umgeschwenkt war, dass wir ja so ziemlich den ganzen Tag gesungen hatten. Und weils so schön war, sangen Musca und Dasius gleich mit, und dann stimmten auch noch ein paar andere ein.
    "...und wir tragen stolz den Namen einer römischen Legion - einer römischen Legion!", erklang es vielstimmig zu meinem Flötenspiel, und dann noch die vielen anderen Strophen, eine patriotischer als die andere. Ich mochte das Lied.

  • Nach einer Weile hatte es sich ausgesungen, und ich beschloss jetzt wirklich mal ein paar Briefe nach Hause zu schreiben. Auf meinem Schild als Unterlage legte ich mir Schreibzeug zurecht, nahm ein paar leere Bögen Papyrus aus meinem (zerfledderten und angekohlten) Tagebuch, strich sie glatt und legte sie vor mich. Ich tauchte das Schreibrohr in die Tinte und begann.


    Liebe Seiana,
    sicher wunderst Du Dich von mir zu hören, und ich weiss auch gar nicht ob Du überhaupt von mir hören willst. Wenn nicht, naja, dann musst du den Brief ja nicht lesen... Ich wollte nur sagen dass es mir sehr leid tut dass ich Dich in Tarraco allein gelassen habe. Aber ich wusste wirklich nicht wie schlimm es um Mutter stand! Tante Anteia Quinta hat mir dann alles geschrieben. Auch wie Du Mutter beigestanden hast. Es ist schrecklich.
    Ich würde es verstehen wenn Du nichts mehr von mir wissen wolltest. Aber Du musst mir glauben, ich bereue es wirklich. Ich habe mich sogar zur Legion gemeldet, wie sie es immer wollte. Das mit der Künstlerkarriere war sowieso nix. Zur Prima bin ich gegangen, und schwupps war ich mitten meiner Grundausbildung schon mitten im Krieg. Aber Fortuna steht mir zur Seite, und das ist das wichtigste. Am Anfang dachte ich, ich packe es nicht, das Soldat sein. Der Drill ist echt mörderisch und manche Sachen einfach komisch, die Auswüchse der Hierarchie zum Beispiel. Aber ich hab mich durchgebissen, und mich irgendwie an all das gewöhnt.
    Zwei Schlachten habe ich schon überstanden! Richtige Freunde hab ich hier auch gefunden, und ich bin sogar ausgezeichnet worden, mit Armillae, aus der Hand des Imperators persönlich, nicht schlecht oder? Und ich denke, wir tun hier schon das Richtige, schliesslich haben die Parther ja als erste das Imperium attackiert, oder jedenfalls ein Klientelkönigreich von uns, jedenfalls wenn ich das recht verstanden habe. Wir schützen also das Imperium. Es ist ein gutes Gefühl mal etwas zu tun was einfach richtig ist und...


    Ich stockte. Das klang ja wie ein Anwerbe-Plakat für die Legion, was ich da gerade fabriziert hatte. Das meinte ich doch nicht wirklich so. Weil ich verlegen war und mich schämte gegenüber Seiana, deshalb drosch ich leere Phrasen. Ich kaute auf meinem Schreibrohr herum und dachte darüber nach wie das Soldat-sein das Denken veränderte. Die Anerkennung und die Kameradschaft fand ich toll, aber dass wir hier in einem fremden Land Leute umbrachten die uns persönlich nichts getan hatten, das nicht so wirklich. Oder gar Zivilisten wie beim Einsatz in Circesium. Das war eigentlich ziemlich abscheulich. Das knifflige daran war, dass dies alles zusammengehörte. Ich seufzte und beschloss meine individuellen Zweifel, meine "individuelle Dramatik" sozusagen, nicht en détail vor Seiana auszubreiten. Wenn sie noch immer so zornig auf mich war, oder mich abgeschrieben hatte, dann wollte sie das sicherlich nicht hören. Neuer Anlauf also. Ich strich die letzten Zeilen aus; sowieso würde ich das alles noch mal abschreiben müssen.


    ...Zwei Schlachten habe ich schon überstanden, und auch richtige Freunde gefunden. Wir ziehen immer weiter in das Partherland hinein. Du solltest die Landschaften hier sehen, sie sind meistens schroff und karg aber absolut grossartig. Ich hoffe aber dass der Imperator bald entscheidet, dass wir genug Städte eingenommen und Heere zerschmettert haben, und wir dann wieder nach Italia zurückkehren können. Ich vermisse dich, Schwesterchen, und ich hoffe es geht Dir einigermassen gut in Tarraco. Ich würde mich natürlich wahnsinnig freuen von Dir zu hören, was Du so machst und wie es Dir geht. Und grüsst Du bitte Scaurus von mir?
    Vale, Dein Faustus


    Ob ich das abschicken konnte? Ich dreht das Papyrus in der Hand hin und her und besah es unsicher. Mal sehen. Rom war so weit weg gerückt, und Tarraco erst...

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    Klient - Decima Lucilla

  • An Hannibal zu schreiben, das war auch gar nicht so einfach. Einerseits ging mir das Herz auf, ja, strahlte ich wie ein Honigkuchenpferd, wenn ich an ihn dachte, andererseits - wie sagt man "es macht mir fast nichts aus dass Du nur ein Sklave bist", ohne den anderen zu verletzen? Später. - Aber Lucilla! Da floss es mir nur so aus der Feder. Jedenfalls zu Beginn.


    Liebe Tante Lucilla,
    wir marschieren immer weiter und weiter, in diesem fremden Land. Trotzdem wir in der Zwischenzeit auch eine schlimme Niederlage haben einstecken müssen, herrscht hier noch immer eine grosse, stürmische Siegesgewissheit. Es wird viel gesungen während des Marschierens, und meine Kameraden machen schon wilde Pläne, was sie alles mit den Schätzen anstellen wollen, die uns gehören werden, wenn wir erst mal Cthesiphon geplündert haben. Ich bin auch zuversichtlich. Wir werden es den Parthern schon zeigen, hoffentlich schnell, so dass wir bald wieder zurückkehren können. Der Imperator ist zwar verwundet worden, aber er lässt sich nicht unterkriegen, und reitet manchmal sogar schon wieder in unserer Mitte, wie ein Sinnbild für die Unverwüstlichkeit Roms.
    Über Deinen Brief und die tollen Kekse und Kabbersachen habe ich mich riesig gefreut, und meine gefräßigen Zeltgenossen auch. Mein bester Freund, Marcus Sparsus, lässt Dir übrigens ein dickes Lob für das Pistazien-Gebäck ausrichten. Ich fand es auch ganz himmlisch!


    Lucilla, Lucilla, ich kann es kaum glauben dass du nun wirklich geheiratet hast. Meinen aller-allerherzlichsten Glückwunsch!!! Dein Senator kann sich wirklich glücklich schätzen, einen so guten Fang wie Dich gemacht zu haben. Aber ist das nicht langweilig, mit der ganzen Politik die Du nun betreiben musst? Immer auf dem Laufenden sein und so... Ich meine - die Senatoren und Politiker, die reden doch nur und reden und reden (mehr oder weniger) schön, aber was wirklich wichtig ist entscheidet dann sowieso der Imperator. - Das Prestige ist natürlich trotzdem enorm, klar.
    Also - zur Hochzeit bekommst du von mir zuerst mal ein paar Körner Sand, die sich hier in den Umschlag gestohlen haben... (der Sand findet seinen Weg überallhin, das ist echt zum wahnsinnig werden)... natürlich ist es Sand von frisch dem Imperium hinzugefügtem, dem parthischen Feind entrissenen Land! Na? Freust Du Dich? Ist das nicht ein patriotisches Geschenk? - Quatsch, natürlich bekommst du noch was zum Sand dazu. Es wachsen hier entlang der Flüsse so wunderschöne, ganz exotische Blumen, von denen hab ich Dir Samenkapseln gesammelt und ganz viele Blumenzwiebeln und -knollen ausgegraben, und sie mit etwas Erde sorgfältig verpackt. Ich hoffe mal, ein paar davon überstehen den Transport. Falls du Lust zu gärtnern hast.


    Leider gibt es von Livianus keine Neuigkeiten. Oder jedenfalls nichts, das ich hätte in Erfahrung bringen können. Sein Nachfolger ist nämlich der Ansicht, dass Familienbande mit dem Eintritt in die Legio gefälligst zu existieren aufzuhören haben. Stell Dir vor, er findet, dass es mich gar nichts angeht was mit meinem Onkel los ist! Ich hab sogar richtig Ärger bekommen deswegen. Deshalb kann ich Dir leider nichts neues sagen. Das Land hier ist so weit, so endlos, manchmal denke ich es hat Livianus einfach verschluckt, Und wird auch uns verschlucken wenn wir uns nicht rechtzeitig besinnen und wieder umkehren. Aber das liegt natürlich nicht in...


    Wieder liess ich das Schreibrohr sinken. Das klang viel zu defätistisch, Lucilla machte sich sicher auch schon so genug Sorgen. Ausserdem - ich hatte zwar herumgefragt und mich umgehört, wegen Livianus, aber alles hatte ich noch nicht versucht. Beim Legaten nachzufragen, dass würde ich nach dessen Tirade, da bei Edessa, mich natürlich nicht trauen - wäre ja auch sinnlos - aber vielleicht... beim neuen Praefectus Castrorum? Der war zwar auf seine Art noch viel furchterregender, aber er war fair, das hatte ich bei der Sache nach dem Überfall mit den Brandpfeilen ja gemerkt. Ja, warum nicht!


    Ich fasste mir ein Herz, warf das Schreibzeug ins Zelt, und machte mich erst mal präsentabel. Mein Cingulum klimperte munter, als ich in der Dämmerung die Gasse zwischen den Zelten entlang ging, auf die Via Principalis zu. Aber ich musste gar nicht weit gehen, schon an der nächsten Kreuzung erblickte ich den Artorier, wie er durch das Lager schritt. So unnahbar. Mit klopfendem Herzen trat ich näher. Hab Dich nicht so, Faustus!, befahl ich mir streng, und führte, als er mich dann wohl gesehen hatte, die rechte Faust zur Brust, salutierte schneidig vor ihm.
    "Ave Pri-... Praefectus!"
    Ups.
    "Hättest Du vielleicht einen kurzen Moment Zeit für mich, Praefectus?"
    , fragte ich in respektvollem Tonfall.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Damals, in Germania, hatte Avitus einen Traum. Einen schrecklichen Traum, aus dem er schweißgebadet aufgewacht war und das ganze Contubernium durch sein Geschrei aufgeweckt hatte. Er sah, wie er von Barbaren getöten wurde, niedergestreckt durch ein Schwert der Feinde. Doch am Ende sah er, wie er selbst es war, der sich mit dem Schwert niederstreckte. Ein zweites Ich war es. Doch er hatte Germania überlebt. War älter geworden und nun in Parthia. All diese Jahre hatte er diesen Traum verdrängt, hatte versucht, ihn zu vergessen, nicht über seine Bedeutung nachzudenken.


    Bis heute...


    Post hatte sie erreicht und eine Acta Diurna Ausgabe war dabei. Ganz beiläufig hatte Avitus sie überflogen, bis eine kleine, unscheinbare Notiz seine volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Name. Sein Name. Artorius. Cnaeus Artorius Severus... sein Sohn. Sein Sohn bei der Legion in Germania. Eiskalt wurde es Avitus in diesem Moment und er erblasste sogar. Trat hinaus aus seinem Zelt, in senen Gedanken verloren, irrte er durch die Gassen, merkte gar icht, wie er sich unbewusst den Zeltreihen der ersten Kohorte näherte.


    Sein Sohn bei der Legion. Dieser dumme, verzogene Bengel. Avitus wusste um das gespannte Verhältnis zwischen ihm und Cnaeus. Dass es so gespalten war, hatte er nicht geahnt. Und befürchtete nun, dass der Traum Wirklichkeit werden könnte. Dass er es zugelassen hat, das sein Sohn als gemeiner Soldat im fernen Germania Dienst tat. Dass er im Traum nicht ein zweites Ich gesehen hat, sondern sich selbst aus denAugen seines Sohnes, seines sterbenden Sohnes, der fallen würde durch das Schwert eines Barbaren. Sein Blut... an den Händen irgendeines Germanen.


    Nein, dazu durfte es nicht kommen. Cnaeus war viel zu jung. Verdammt, der Junge war kaum erst sechzehn Jahre alt. Hatte bei seiner Probatio bestimmt ein falsches Alter angegeben. Avitus war wütend und besorgt zugleich. Er hasste diesen Traum, hatte ihn schon immer gehasst, schon immer gefürchtet. Weil er Angst hatte vor seiner Bedeutung, Angst davor, dass etwas Schlimmes auf ihn wartete. So schwierig Cnaeus auch war, er war sein Juge, sein Fleisch und Blut.


    So schritt Avitus, in Gedanken vertieft, merkte zunächst gar nicht, dass er von einem Miles angesprochen, blickte ihn an. Der decimer. Verdammt, der Bengel war nicht viel älter als Cnaeus.
    "Decimus Serapio..."
    An die Namen der Milites der Erste Kohorte erinnerte sich Avitus. Kannte sie alle.


    Ob er Zeit für den Jungen hatte. Musste etwas wichtiges sein, dass er ihn direkt ansprach. Avitus versuchte, seineGedanken zu ordnen, wollte icht unaufmerksam erscheinen oder gar angeschlagen. Ein abergläubiger Primipilaris, ein Praefectus, der sich vor einem Traum fürchtet. Oh ja, das würde den Milites bestimmt Mut machen.
    "Gewiss miles, worum geht es?"
    sagte er, setzte sich aber in Bewegung, die Via Principalis entlang... Er ahnte fast, worum es ging.

  • Es freute mich, dass er meinen Namen noch wusste. Und natürlich war ich erleichtert nicht gleich den Kopf abgerissen zu bekommen, weil ich ihn störte, beim was auch immer, inspizieren oder spazieren - oder vielleicht sogar beim grübeln...? Ja, er sah irgendwie so nachdenklich aus, heute, der Erste Speer (für mich war er das und würde es in Gedanken wohl auch bleiben), aber nein, ich musste mich irren. So ein eisenharter Mann grübelte nicht, der handelte, der nahm die Dinge wie sie kamen, unerschütterlich, stoisch, echt römisch.
    Er begann die Via Principalis entlangzuschreiten, und ich ging neben ihm her, und suchte - durch die Begegnung mit dem Legat Tiberius vorsichtig geworden - nach Worten um meine Frage einwandfrei zu formulieren. Links und rechts von uns erstreckten sich endlose Zeltreihen, gleichförmige spitze Winkel, ein wenig dunkler als der dämmerblaue Abendhimmel in dem blass die ersten Sterne blinkten. Lagerfeuer glommen, knisterten und der Rauch stieg mir in die Nase. Das Dornengestrüpp das hier wuchs gab einfach kein anständiges Feuer, es loderte schnell hoch, dann war es schon ausgebrannt.
    Ich bemerkte, dass ich unwillkürlich beim Gehen fast genau die Körperhaltung des Artorius Avitus angenommen hatte. Manche Schauspieler meinen ja, dass man eine Rolle verinnerlicht, sie überhaupt erst versteht, indem man sich deren Bewegungen, also die charakteristischen aneignet. Deshalb war ich immer aufmerksam dabei ihn zu beobachten, die Art wie er sich bewegte, die Weise in der er sprach, und versuchte mich danach zu richten - ich hoffte ein wenig, dadurch hinter sein Geheimnis zu kommen, das Geheimnis des perfekten Soldaten sozusagen. Aber in seiner Gegenwart mochte das seltsam wirken, also liess ich es schnell wieder sein.
    "Danke Praefectus. Es ist wegen des verschollenen Legaten. Ich bin sein Neffe, und ich wollte mich erkundigen, also wenn Du gestattest, ob es vielleicht irgendwelche Erkenntnisse gibt inzwischen, oder Hinweise auf das was mit ihm passiert ist, oder wo er ist und natürlich... ob er noch am Leben ist."
    Bang blickte ich ihn von der Seite an. Der Schein eines Lagerfeuers an dem wir vorbeikamen beleuchtete seine gestrengen Gesichtszüge, und ich versuchte krampfhaft in ihnen zu lesen, zu erkennen ob sich da nicht irgendwo eine Regung zeigte und mir etwas verriet was er mir nicht sagen wollte.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Der verschollene Legat... Avitus hatte schon geahnt, dass dieses Thema dem jungen Decimer auf der Seele lag, ihn die Frage quälte, ob nicht etwas Neues über den Verbleib des Legatus in Erfahrung gebracht wurde. Er selbst hatte sich oft genug die Frage gestellt, was genau da passiert war. Der Fall wurde nie restlos aufgeklärt. Ein Schauplatz, einige tote Equites und ein verschollener Legatus. Das war alles, was sie wussten. Und es war nicht gerade viel.
    "Ich bedauere, miles Decimus..."
    sagte Avitus
    "... doch leider gibt es nichts Neues über den Verbleib deines Onkels"
    Sein Legat und Patron war also der Onkel dieses auf den ersten Blick so gar nicht typischen Legionär. Er blickte ihn an, diesen etwas zurückhaltenden Decimer, der ihn unsicher und doch voller Hoffnung auf eine positive Antwort ansah. Doch die Hoffnung war umsonst, Avitus musste sie enttäuschen.
    "Ich kann mir vorstellen, dass dich diese Antwort nicht gerade zufriedenstellt, Decimus Serapio..."
    Avitus blieb stehen, blickte den Legionär an
    "... doch sei versichert, von allen milites in der castra weiß ich mit am besten, wie du dich fühlen musst. Decimus Livianus war mein patronus und sein Verschwinden... oder besser gesagt, die Ungewissheit über seinen Verbleib, gibt auch mir Anlass zur Sorge"
    Avitus ging langsam weiter, verschränkte die Arme auf dem Rücken, erhobenen Hauptes.
    "Wie viel weißt du über das Verschwinden deines Onkels, miles Decimus?"

  • Nichts neues... Und es klang nicht so als würde er mir was verheimlichen. Ich nickte stumm, senkte den Kopf und starrte geknickt auf den Sand der Lagerstrasse über den wir hinwegschritten. Viele Fusspuren von Caligae zeichneten sich darin ab, und ich dachte an die Spuren, die mein Onkel hinterlassen hatte durch seine Taten, grosse, ehrenhafte, heroische Spuren, die mich immer so eingeschüchtert hatten. Ein kalter, trockener Wind strich durch das Lager, er verwehte die Fussabdrücke im Sand. Ich fragte mich, ob die Spuren, die mein Onkel hinterlassen hatte, genauso vergehen würden, irgendwann...
    Der Erste Speer blieb stehen und sprach mich wieder mit Namen an. Ich sah auf und begegnete seinem Blick. Er war Klient von Livianus? Verwundert hörte ich seine freundlichen, verständnisvollen Worte, die hätte ich aus dem Mund dieses Mannes gewiss nicht erwartet! Aber sie taten mir wirklich gut, und obwohl er mir nichts sagen konnte das Anlass zur Hoffnung gegeben hätte, war es doch ein Trost schon allein zu wissen dass es noch andere gab die sich sorgten, und dass daran nichts unnormales oder unsoldatisches war. Ja, die Ungewissheit, ich hasste diese Ungewissheit, sie lag wie ein Nebel über dem Verschwinden meines Onkels, ein Nebel den mein Blick nicht durchdringen konnte und hinter dem ich mir darum um so schlimmere Dinge ausmalte.
    "Ich wünschte ich könnte irgendwas tun...!", entfuhr es mir leise - aber was?
    (Mich als Parther verkleiden, im Alleingang in die Hauptstadt einschleichen - ein Leichtes für einen iberischen Bravo - dann in den Palast eindringen, dem Grosskönig auf seinem Thron den Dolch an die Kehle setzen und eiskalt verlangen: "Gib meinen Onkel heraus, Drecksparther, oder dein letztes Stündlein hat geschlagen!" - Nnnnein, besser nicht.)


    Er ging weiter und ich neben ihm her. Ein paar Soldaten kamen vorüber und grüssten ihn, dann waren wir schon fast am Ende der Lagerstrasse, vor uns lagen der breite Streifen des Intervallums und die Porta Pricipalis Dextra, jenseits die endlose Wüste.
    "Nun, was der Imperator sagte, dass er von einem Ausritt nicht zurückkam, das weiss ich natürlich, Praefectus - und ich habe auch mit einem aus seiner Eskorte gesprochen," - und mit vielen anderen die mir nichts hatten sagen können oder wollen - "...der meinte, sie seien nur ein Stück vorausgeritten, und als sie zurückkamen waren alle tot, erschossen, und vom Legaten keine Spur."
    Rätselhaft, das ganze. Wirkte so gezielt. Dann waren da natürlich Gerüchte, und die beliebte Frage cui bono. Oder es war nur Pech, eine Laune Fortunas vor der auch die Mächtigen nicht gefeit sind.
    "Es gibt natürlich die verschiedensten Gerüchte", erzählte ich, ein wenig sarkastisch, "eines wilder als das andere, von bösen Geistern die ihn entführt haben, von einem parthischen Spion in seiner Umgebung der ihn verraten habe, manche glaube sogar die Götter hätten ihn sich als Opfer genommen, im Gegenzug für unseren Sieg vor Edessa."
    Irgend so ein Armleuchter hatte tatsächlich gewagt zu behaupten, Livianus sei in Wirklichkeit zu den Parthern übergelaufen, deshalb so spurlos verschwunden und deshalb so sang und klanglos ersetzt worden! Aber den hatte prompt ein ausgerenkter Kiefer davon abgehalten weiter Verleumdungen zu verbreiten. Ich nahm die Arme, die ich unwillkürlich auf dem Rücken verschränkt hatte, wieder nach vorne, und rieb mir nachdenklich den Schmiss an der Wange.
    "Ich frage mich warum die Parther, wenn er ihnen in die Hände gefallen ist, noch keine Forderungen gestellt haben, für einen Austausch gegen ihre Leute, Praefectus."
    Sogar in dem schlimmen Fall dass er tot war, könnten sie doch immer noch etwas für seine sterblichen Überreste verlangen. Bestimmt würde der Imperator dafür sorgen wollen, dass sein treuer General in der Heimat die letzte Ruhe fände.
    Oder gab es da noch etwas zu wissen? Fragend blickte ich den Praefectus an, und hoffte irgendwie doch immer noch, dass dieses Rätsel sich lösen, und Onkel Livianus heil und gesund wieder auftauchen würde. Ich meine - man hört doch zum Beispiel allenthalben von Leuten die durch seltsame Umstände ihr Gedächtnis verlieren, und nach langer Zeit, schon totgeglaubt, sich doch wieder erinnern und zu ihren Lieben zu Hause zurückkehren. Wahrscheinlich waren das nur Sensations-Geschichten, so wie die von fliegenden Kühen und Seeungeheuern im Tiber, aber ich klammerte mich halt an jeden Strohhalm.

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    Klient - Decima Lucilla

  • Avitus konnte es gut verstehen, dass es dem jungen Decimus unter den Fingernägeln juckte und er am liebsten etwas unternommen hätte. Avitus selbst hatte schon mit dem Gedanken gespielt und das mehr als einmal, einen Trupp zusammenzustellen und ihn suchen zu lassen. Aber wo? Dieses Land schien unendlich und die Parther kannten sich hier so gut aus, wie er in einem römischen Kastell. Er konnte überall sein, sogar nur wenige Meilen von hier, mochte in eben diesem Moment gefesselt auf das Lager blicken und Avitus und Serapio beobachten, wissend, dass es für ihn unerreichbar war. Und wo anfangen mit der Suche...
    "Auf Gerüchte würde ich nicht vielgeben, miles Decimus"
    antwortete er, kopfschüttelnd.
    "Der legatus hatte einen Ausritt unternommen. Seine Eskorte wurde niedergeschossen, von ihm selbst fehlt seit dem jede Spur. Wir haben Pfeile gefunden. Sie sind typisch und genau so gebaut, wie die alle anderen, die auf uns hier abgeschossen werden. Es waren keine Geister oder Dämonen"
    sagte er. Ob es besser war, zu wissen, dass der Legat von den Parthern und nicht von Dämonen entführt wurde? Nun, Avitus wusste es nicht.


    Sie waren nahe des seitlichen Tores und Avitus bog in den Intervallum ein, schritt ihn entlang, entgegen dem Urzeigersinn.
    "Es waren die Parther..."
    sagte er leise, aber mit Überzeugung, so, als hätte er vorher Überlegungen angestellt und wäre dann zu einem Schluss gekommen, den er laut dachte.
    "Keine Sorge, miles Decimus. So bald ich etwas höre..."
    'so bald' bedeutete in diesem Fall, dass Avitus nicht davon ausging, dass Livianus tot war
    "... werde ich es dich wissen lassen"


    Avitus blickte zum Decimer, suchte nach Worten, die vielleicht etwas mehr Hoffnung machten. So etwas wollte ihm aber ums Verrecken nicht einfallen und daher klang das Folgende eher... kalt und grausam, denn beruhigend.
    "Ich habe bei Edessa einen parthischen General gefangen genommen. Ausserdem haben wir in Edessa viele hochrangige Geiseln bekommen. Wenn die Parther deinen Onkel haben sollten und ihren General und die anderen Geiseln heil und in einem Stück zurück haben wollen, werden sie ihm nichts antun..."
    Das jedoch zu garantieren war nicht möglich, aber das wussten sie wohl beide.
    "Bis dahin tu mir einen Gefallen, Decimus Serapio. Lasse dich von deinen Sorgen nicht ablenken. Die legio braucht milites, die voll bei der Sache sind. Du hast dich bei Edessa und Circesium bewiesen, miles. Ob es Glück war oder Können, oder eine Mischung aus beidem, sei dahin gestellt. Fakt ist, du hast dir mehr oder weniger einen Namen gemacht. Ich will dich nicht auf einer Gefallenenliste stehen haben, nur weil du dich im falschen Augenblick... eben diesen Augenblick lang hast ablenken lassen, von Sorge oder dem blinden Wunsch nach Vergeltung"
    sagte Avitus. Und bevor der Decimer sich zu viel auf diese Worte einbildete, erklärte ihm Avitus, warum er ihn - und andere verdiente Milites - nicht auf der Gefallenenliste stehen haben wollte.
    "Das wäre nicht gut für die Moral deiner comilitones"
    Einmal Soldat, immer Soldat.

  • Ich errötete leicht, als der Erste Speer mich wegen der Gerüchte, über die ich mich da ausliess, zurechtwies. Hoffentlich sah man's nicht, bei dem Zwielicht. Ich war ja nicht so abergläubisch! Normale Pfeile... ja, wer hätte je davon gehört dass böse Geister ihre Opfer mit normalen Pfeilen niederstreckten. 'Es waren die Parther', das so felsenfest vorgebracht zu hören, war gut, das wollte ich ja glauben, und beschloss es auch zu glauben, die Alternative wäre zu schändlich. Ich mag ja manchmal naiv sein, aber ich sehe (meistens) einfach lieber das Gute in den Menschen die mir begegnen.... Und wieder war ich überrascht, man hätte meinen könne er versuche mich aufzumuntern.
    "Danke Praefectus.", sagte ich tiefempfunden, auf seine Versicherung mir Bescheid geben zu lassen wenn es etwas neues gab, und war dankbar dass auch er offenbar nicht die Hoffnung aufgegeben hatte. Ja, einen Augenblick lang stutzte ich, fragte mich: Was ist denn da los? Ist das derselbe der ohne mit der Wimper zu zucken Gefangene zur Folter schickt, Soldaten bei Widerworten die Knochen bricht, Köpfe abhacken lässt und so weiter... Was ist mit dem Damoklesschwert Artorius Avitus passiert, dass er auf einmal so nett ist?
    Aber schon im nächsten Augenblick, entsprach er schon wieder voll und ganz meinen Erwartungen. Ein eisiger Schauer rann mir über den Rücken, als er so gleichgültig, so völlig gnadenlos-kaltblütig über die Geiseln sprach. Was für ein unheilvolles Versprechen von Grausamkeit schwang da mit, in dieser Aussage. Brr, ich unterdrückte ein Frösteln. Das mit dem feindlichen General wusste ich, hatte ich ja noch so halb mitgekriegt, nachdem Sparsus mich zum Adler geschleift hatte... Das brachte mich quer auf den Gedanken an die Acta, und ich überlegte, ob man da nicht vielleicht mal ein patriotisches Portrait über den Praefectus bringen sollte, so mit ein paar Fragen und Antworten gewürzt? - Wäre bestimmt interessant! Ich sollte Lucilla mal fragen. Spannender als die Berichte über glattzüngige, stromlinienförmige Politiker jedenfalls, und es wäre eine gute und unverfängliche Gelegenheit ihn auszufragen... Musste ich unbedingt im Auge behalten, die Idee.


    Oh, und dann kam was, das ging mir runter wie Honig! Mich bewiesen, mir einen Namen gemacht - ich lächelte breit, und meine Augen strahlten nur so, als er das sagte. Der Ruhm von Circesium war mir ja schon ein wenig zu Kopfe gestiegen, jetzt sowas vom Pri-äh, Praefectus zu hören, das war als hätte mir einer einen Lorbeerkranz aufs Haupt gedrückt. Ich fühlte mich leicht, beschwingt, luftig als würde mich gleich der nächste Windstoss vom Boden abheben lassen. (Dass Fortuna da mitunter stark ihre Hände im Spiel gehabt hatte, dass hatte er gut erkannt - aber wen kümmert das schon?)
    Was die Vergeltung anging, so hatte ich immer gedacht ich wäre für sowas überhaupt nicht der Typ. Aber seit Livianus' Verschwinden, Lucullus' Tod, den verbrannten Kameraden am Chaboras, verspürte ich das ein oder andere Mal doch den überwältigenden Drang es den Parthern nach Strich und Faden heinzuzahlen. Wie in Circesium, da hatte ich mich schlussendlich auch mitreissen lassen, in dem üblen allgemeinen Rausch des Plünderns und Widerständler umbringen - wollte gar nicht mehr daran denken.
    Die Ernüchterung kam zuletzt. Ach so. Enttäuscht erkannte ich - es ging ihm natürlich nicht um mich, den einzelnen Soldaten, sondern nur um die Moral der Truppe. Prompt hatte ich wieder Bodenhaftung. Lass Dich nicht umbringen, Faustus, es könnte Deinen Kameraden den Tag verderben. Einen Moment später musste ich leise schmunzeln darüber - das klang einfach so typisch für die Legion! Aber bestimmt war das kein Scherz gewesen, also verbarg ich es hinter einem Reiben des Kinns mit der Hand und gelobte dann, wieder ganz ernst:
    "Jawohl Praefectus, ich werde mich ganz auf die Sache konzentrieren! Und mich nicht ablenken lassen, von Dingen die ich sowieso nicht ändern kann. Zu wissen dass ich nicht unwissend bleibe, wenn es etwas gibt, das beruhigt mich schon ein Stück weit.... - Darf ich Dich noch etwas fragen, Praefectus?"
    Die Gelegenheit war so günstig. Und von Onkel Meridius, der mir vielleicht auch Antwort hätte geben können, hatte ich leider nichts gehört. Ich stiess ein kleines Steinchen mit der Fusspitze weg, blickte zu den Wachen auf dem Wall in einiger Entfernung, dann weiter hinauf zum Himmel, auf dem sich immer mehr Sterne abzeichneten, atmete tief die kalte, trockene Luft ein.
    "Gibt es ein Geheimnis?", stellte ich dann, beinahe drängend, die Frage aller Fragen, die mir schon seit dem ersten Scharmützel auf der Seele lag. Unverwandt heftete ich die Augen auf ihn. Wenn es eines gab, dann musste er es kennen!
    "So etwas wie einen Schlüssel, oder... eine praktische Philosophie, um angesichts des ganzen hier - des Krieges, des Tötens - so gelassen zu sein, so... gar nicht davon berührt zu werden, wie Du Praefectus?"

  • Von der Frage unbeirrt schritt Avitus weiter. Oft genug hatte er sie sich selbst gestellt. Eine Antwort darauf wusste er nicht.
    "Ich weiß es nicht, miles Decimus..."
    er blickte zu Serapio.
    "Das überrascht dich jetzt wohl. Aber so ist es. Eine universelle Lösung gibt es in diesem Fall nicht. Zumindest kenne ich sie nicht. Jeder geht auf seine eigene Weise damit um. Siehst du diesen miles dort, den Mann mit der Handmühle?"
    er deutete auf einen Legionär unweit von ihnen, der gerade vor dem Zelt Getreide für sein Contubernium mahlte. Er saß alleine und trotz der Dämmerung sah man Nachdenklichkeit auf seinem Gesicht.
    "Das ist Licinius Fuscus. Ein guter Mann. Bemerkst du wie nachdenklich er wirkt?"
    In diesem Moment warf er Miles ihne einen Blick zu und nickte, als er Avitus erkannte. Avitus nickte zurück.
    "Er hofft, all das hier gesund zu überstehen. Hat sein Ziel fest vor Augen. Hat alles andere ausgeblendet. Irgendwann erst, werden ihm die Erinnerungen zurückkommen und ihn womöglich quälen. Aber im Moment, berührt ihn hier nichts wirklich"


    Sie schritten weiter.
    "Oder siehst du den optio dort auf dem vallum? Sohn eines Senators..."
    sagte Avitus so neutral wie möglich. Das hieß, dass der Mann bereits als Optio zu ihnen kam, kurz vor dem Krieg.
    "Er betrachtet das hier als ein großes Abenteuer und ist auf armillae und phalerae aus. Ihm sind die toten Feinde, die Zerstörung und der Tod um uns herum nicht nur egal, ihn stacheln diese Dinge hier wohl erst so richtig auf
    damit drang dann wohl doch so etwas wie Kritik nach aussen. Abenteurer und Einzelgänger waren hier im Grunde fehl am Platz.


    "Wie gesagt, miles Decimus, jeder muss lernen, auf seine eigene Art und Weise damit umzugehen. Manche suchen hier das Abenteuer, manche betrachten es als eine Prüfung, andere haben akzeptiert, dass jeder Tag der letzte sein kann, haben sich diesem Schicksal ergeben, wieder andere vertrauen felsenfest auf das Wohlwollen der Götter. Ich selbst..."
    Avitus stockte. Bisher hatte er mit niemandem über so etwas gesprochen und es fiel nicht leicht.
    "... denke da eigentlich gar nicht so viel drüber nach. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen. Nur das zählt..."
    Was ihn wohl dem Miles mit der Handmühle irgendwie ähnlich machte. Zum Teil zumindest, denn irgendwann würden auch Avitus die Erinnerungen zurückkommen an die Taten hier, an das Blut, das Feuer und die Asche. Dass für Serapio seine letzten beiden Sätze wohl die entscheidenden sein würden in seiner Antwort, bemerkte Avitus in diesem Moment nicht einmal.

  • In hochgespannter Erwartung hing ich förmlich an den Lippen meines Idols, hoffte darauf dass er mich seiner Weisheit würde teilhaftig werden lassen. Aber so einfach war das nicht... Ich weiss es nicht sagte er, und Jeder auf seine eigene Weise. Enttäuscht senkte ich den Blick, biss mir grübelnd auf die Unterlippe. Wie konnte es sein dass er das Geheimnis nicht kannte, oder bestand das Geheimnis vielleicht darin dass es gar keines gab...? Auf eine gewisse Weise schien er mir auf einmal entzaubert, der Praefectus, aber auch menschen-näher als ich ihn zuvor gesehen hatte.
    Mit den Augen folgte ich seinem Deuten, und nickte als ich Fuscus erkannte. Ein angenehmer, stiller Zeitgenosse. Auch den Optio auf dem Wall begutachtete ich kurz, und krauste die Nase bei der Charakterisierung. Klar, der Krieg zog die Leute, die sich um jeden Preis profilieren wollten, an, so wie ein Kadaver die Fliegen.
    Nachdenklich spielte ich mit dem Ancillium-Amulett um meinem Hals, tippte mit dem Fingernagel auf das kühle Metall von dem ich mir ganz sicher war dass es mich schon oft vor Üblerem beschirmt hatte. Ich sann darüber nach, wieviel von dem Wesen der Soldaten hier damit zusammenhing dass, wie der Praefectus meinte, eben jeder seine eigene Art hatte mit dem Krieg irgendwie klarzukommen.
    Die Saufgelage von Centurio Flavius, die distanzierte Ironie von Optio Priscus, das witzige auf die leichte Schulter nehmen von Sparsus, Silios Prahlereien, Rupus' Rohheit, vielleicht sogar die unheimliche kalte Leere die der neue Legat um sich herum verbreitete - ob das womöglich alles Ausdruck davon war? Aber vielleicht war das auch übertrieben es so zu sehen, oder es machte keinen Sinn da zu trennen zwischen dem eigenen Wesen, und dem Weg den man sich gesucht hatte.


    "Pflicht.", wiederholte ich. Darauf lief es irgendwann immer hinaus. Die Worte prägten sich mir ganz tief ein.
    Ich habe eine Pflicht zu erfüllen. Nur das zählt...
    Ein sprödes Geheimnis, eine glanzlose Offenbarung. Erinnerte mich an meinen Centurio, der sah das ja auch so ähnlich.
    "Es ist einfach... wenn ich die ganzen Toten sehe, bei uns und bei ihnen, dann... dann frage ich mich was alles verloren gegangen ist, mit diesen Menschen, mit jedem einzelnen - jeder war anders, jeder irgendwie besonders, hatte Pläne für die Zukunft oder Freunde denen er wichtig war oder Familie natürlich, aber der Krieg verschlingt sie einfach, ohne Unterschied, wie ein Götze, ein blutiger Moloch, der sich von den Gefallenen ernährt... gierig und fett..."
    Ich schluckte und versuchte dieses beklemmende, ghoulische Bild vor meinem inneren Auge zu vertreiben. Passend war es natürlich nicht gerade mich dem Praefectus so anzuvertrauen, aber es war die ruhige Freundlichkeit mit der er mir begegnete, und dann auch der Moment, so an der Grenze zwischen Tag und Nacht, an der Grenze zwischen dem festgefügten Lager und der vagen Unendlichkeit der Wüste, der mich meine Gedanken einfach aussprechen liess.
    "Ich schreibe immer alles auf. Und ich bin auch wirklich froh über die Kameradschaft hier. - Die Pflicht, also die Pflicht an sich, werde ich dann versuchen noch mehr zu verinnerlichen... Vielen Dank Praefectus, für Deine Zeit und Deinen Rat."

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