[In den Wäldern]Für Elfen, Wichte, Disen

  • Die Tagundnachtgleiche war schon lange vorüber, der Herbst hatte alles fest in seinem Griff. Die Ernte war eingefahren und überall begannen die Arbeiten, Haus und Hof winterfest zu machen. Alles Lebende wusste, der Winter nahte. Und er würde so unerbittlich sein wie immer und die strafen, die sich nicht vorbereitet hatten. Die Zeit des Zwielichts war angebrochen.


    Und deshalb war Elfleda heute mit den Kindern hier heraus gekommen. Witjon begleitete sie – Elfleda hatte ihn mit einem knappen “Du kommst mit“ höflichst darum gebeten – und so waren sie zu fünft unterwegs. Sie trug Landulf auf dem Arm. Nahas kleiner Bruder konnte sich mittlerweile an dem ein oder anderen Stuhl schon hochziehen und wenn man ihn an beiden Händen festhielt, laufen, aber Mamas Arm war noch immer der schönste Platz. Naha und Audaod liefen selbst, auch wenn Naha immer wieder eifersüchtig auf ihren kleinen Bruder blickte und selbst wohl zu gerne getragen worden wäre.
    Witjon wiederum durfte immer wieder Audaod tragen – Naha weigerte sich beharrlich, sich von Witjon tragen zu lassen – und natürlich die Opfergaben. Heute morgen hatten sie Brot gebacken, doch nicht wie üblich. Sie hatten gesungen, Marga, Lanthilda und sie selbst, und Naha zum Mitsingen überreden wollen. Die Lieder waren so alt wie die Zeit selbst und für die Elfen und Waldgeister. Immer wieder hatten sie gesungen 'Kein Kümmel ins Brot, der bringt Elfen große Not'. Und sie hatten auch keinen Kümmel hineingetan.


    Danach waren Irrwichte im Haus versorgt worden. Schälchen waren aufgestellt worden und der Boden mit dem obersten Rahm der Milch bedeckt worden. Diese waren verteilt worden, in die Ecken des Hauses, die kleinen Nischen zwischen den Steinen, auf das Gebälk der Decke. Für die Hausgeister und Kobolde, all die kleinen Wesen, die im Dunkeln wirkten.


    Und jetzt waren die Geister der Natur an der Reihe. Daher waren sie hierher gekommen in den Wald. Die Stelle, die sie gesucht hatten, war nicht schwer zu finden. Die Eiche war alt. Sehr alt. Ihre Äste breiteten sich so weit aus, dass um sie herum kein kleinerer Baum stand. Jetzt, wo das Laub gefallen war, sah es aus, als stünde sie inmitten einer Lichtung, auch wenn dies im Sommer anders war. Schon vor Urzeiten hatte jemand hier einen Stein aufgestellt, ein einzelner Monolith, der sich aus dem gefallenen Laub grau erhob. Er reichte Elfleda etwa bis zur Hüfte und war gerade so breit, dass sie ihn noch mit beiden Händen hätte fassen können. Sein Gewicht musste gewaltig sein, und er stand hier schon so lange, dass er wie mit der Erde unter ihm verwachsen schien. Moos wuchs an seiner Seite, nun im Herbst auch fahl und gräulich wirkend. Jeder Mensch mit etwas Verstand spürte, dass dies hier ein Ort der Geister war und diesen so sehr gehörte, dass niemand auch nur daran denken konnte, daran etwas zu ändern. Zumindest kein Germane mit Augen und Ohren.


    Elfleda trat zu dem Stein und ließ ihre Hand kurz darauf ruhen. Landulf war das ganze etwas unheimlich und er fing auf ihrem Arm an, zu quängeln. Mit einem leisen Summen brachte sie ihn aber zur Ruhe, und den Kopf sicher an ihrer Schulter bergend besah er sich die hersttote Umgebung.

  • Naha
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    Was für ein Tag! Naha liebte die Geschichten um die kleinen Geister überall. Sie selbst hatte sich den ganzen Tag redliche Mühe gegeben bei den kleinen Gaben mitzuwirken, auch wenn sie dem ganzen Singsang wenig abgewinnen konnte. Ihre Mutter hatte eine glockenhelle Stimme, und ihre eigene war... so piepsig. So garnicht klangvoll. Und deshalb wollte sie sich nicht messen.


    Womit sie sich allerdings maß war die natürliche Autorität mit der ihre Mutter die Geschicke zuhause lenkte. Sie hatte sehr genau mitbekommen wie sie Witjon befahl in den Wald mitzukommen, was der kleinen Naha überhaupt nicht passen wollte. Witjon war böse. Nein, er war DAS Böse. Er hatte ihren Vater verbrannt. Das würde sie nicht so schnell vergessen.
    Was Naha allerdings nicht daran gehindert hatte, nach der Vorführung ihrer Mutter schnurstracks zum im Atrium spielenden Audaod zu marschieren, mit dem linken Zeigefinger auf ihn zu zeigen und ihm mit dem Urton der Überzeugung zu befehlen: "Du kommst mit."


    Hatte funktioniert, ihr Vetter war zu verdutzt gewesen um zu protestieren, und als ihre Mutter mit ihrem kleinen Bruder und Witjon gekommen war, hatte Audaod sich klaglos angeschlossen. Natürlich von seinem Vater getragen. Und Landulf wurde von Elfleda getragen. Was bedeutete, dass Naha laufen musste. Sehnsüchtig hatte sie Ausschau nach ihrer Tante gehalten, aber Eila war nicht da. Und der alte Albin hatte zu tun. So musste sie wohl oder übel laufen, was sie dann auch mit hoch erhobenem Kopf tat, immer auf der Witjon abgewandten Seite ihrer Mutter.


    Als sie bei der großen Eiche ankamen staunte Naha erst einmal nicht schlecht. So wirklich raus durfte sie immer nur in Begleitung Erwachsener... Hartwig und Sönke nahmen sie auch ab und an mit auf die Felder, aber WIRKLICH raus durfte sie eher selten. Und jetzt das... ihre Mutter hatte ihren kindlichen Kopf vollgestopft mit den Geschichten von Elfen, Wichten und Irrwischen.. und demnach war sie auch bereit alles zu glauben, denn: was Mutter sagte war Gesetz.
    Und so starrte Naha auch mit offenem Mund auf das große Gebilde, diesen RIESIGEN Stein und die atemlose Stille.
    "Mama, kommen die Geister jetzt?", war eine selbst für Naha sehr naive Frage, aber manchmal kam sie nicht aus ihrer Haut.

  • Audaod
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    Naha konnte so eine Tyrannin sein! Audaod war manchmal wirklich überrascht, wie gut sie ihrer Mutter darin nacheifern konnte, Befehle zu erteilen. Wieso ließ sein Vater sich das eigentlich gefallen, fragte er sich manchmal. Während er so auf Witjons Schulter hin- und herschwankte, konnte er sich die Landschaft begutachten und seine kindlichen Gedanken so weit schweifen lassen, wie es sein begrenzter Horizont möglich machte. Elfleda war eine mächtige Frau, das wusste er. Aber Papa war doch noch viel mächtiger! Immerhin war er das Oberhaupt der Sippe! Jawohl, und Audaod war sein Sohn. Er war viel wichtiger als Naha, die ja auch nur ein doofes Mädchen war! Na, immerhin war sie seine Base und nicht eine von diesen anderen Nachbarsmädchen, die sich manchmal mit den Jungs anlegen wollten, manchmal aber auch blöde kichernd davonliefen. Pah, Mädchen. Eklige Schleimbeutel, allesamt! Die hatten ja gar keine Ahnung. Audaod würde einmal werden wie sein Vater. Groß, stark, mächtig. Der mächtigste Mann der Stadt würde er sein! Dann konnten sie alle mal sehen wo sie blieben. Und Naha würde für ihn kochen und waschen, genau wie Lanthilda. Der Junge musste über seinen eigenen Gedanken grinsen und hatte plötzlich einen Einfall, als er einen übergroßen Ast am Wegrand liegen sah. Er fing an auf Witjons Schultern herumzuturnen und bettelte: "Papa, lass mich runter!" Von seinem Vater erntete er nur einen verwunderten Blick, bevor er auf den Boden gestellt wurde. Schnell lief er zurück zu dem Ast, den der Wind vom Baum gefegt haben musste, und begann darauf einzutreten und daran herumzuziehen. Mit dieser Methode hatte er bald ein passables Stück abgebrochen und somit einen beinahe gerade Gehstock/Schwert/Lanze/Zauberstab geschaffen.
    "Papa, schau!" rief er mit seiner hellen Kinderstimme, als er losstürmte und Vater und Tante überholte, um ihnen seine neueste Errungenschaft zu zeigen. "Das is' mein eigenes Sax! Jetzt kann ich Feinde verhauen!" Um Anerkennung heischend lächelte er stolz und brachte dann einige Fuß Vorsprung zwischen sich und die Gruppe, um dort imaginäre Gegner zu massakrieren.


    Witjon musste lachen beim Anblick seines kleinen Kriegers. Es war wundervoll, den Kleinen zu beobachten. Er warf einen Seitenblick zu Elfleda, der vor Stolz und Freude nicht glänzender sein konnte. Audaod hatte eine Art Witjons Anerkennung zu erkämpfen, die ihn jedes Mal wieder rührte. Nicht, dass er das dem Jungen einfach so zeigte, um der Götter Willen! Aber er konnte auch nicht gänzlich verstecken, dass er stolz auf seinen Sohn war. Audaod hatte jetzt vier Winter überstanden und war kerngesund, wissbegierig und so wild und munter wie jeder Junge es in seinem Alter sein sollte. Naha war ein paar Wochen älter, aber nicht minder munter. Und doch...es gelang Witjon nicht, eine gesunde Nähe zu seiner Nichte aufzubauen. Sie schien ihn zu hassen. Und er konnte nicht verstehen, nicht im geringsten, warum sie das tat. Während sie so dahinstapften, machte er sich weiterhin Gedanken darüber, kam jedoch zu keinem klaren Ergebnis. Es machte schlichtweg keinen Sinn.


    Seine Misere wurde zumindest zeitweilig beendet, als sie die angepeilte Lichtung erreichten. Witjon hätte zwar auch etwas anderes tun können an diesem Tag, aber letztendlich war er froh, dass er Elfledas typisch befehlsartiger Einladung ohne Murren gefolgt war. Auch, wenn er es langsam irgendwie leid war, ständig nur Befehle von ihr anzunehmen. Oft genug klang sogar in ihren Ratschlägen oder Interessenbekundungen eine gewisse herrische Art durch, die sie offenbar bereits im Hause ihres Onkels gelernt hatte. Immerhin war sie eine Fürstentochter. Witjon dagegen war der Sohn eines Schmieds und sein Leben lang hatte er zwar Männer befehligt, aber immer nur in irgendwelchen Verwaltungsangelegenheiten. Und oft genug waren das auch nur unbedeutende Scribae, Sklaven oder sonstiges Gesindel gewesen. Herrje, er konnte sich immer noch nicht recht an seine Rolle als Sippenoberhaupt gewöhnen. Irgendwann musste doch einmal der Punkt kommen, an dem er sich damit arrangieren konnte.
    Seine Gedanken wurden beiseitegefegt, als Naha ihre Frage an Elfleda richtete. Witjon schmunzelte nur wissend, als er erwartungsvoll seine Schwägerin mit einem weiteren Seitenblick bedachte. Na dann erklär mal! Audaod hatte die Lichtung schon etwas eher erreicht und nur mit offenem Mund umhergestarrt. Er war offensichtlich sehr ergriffen von der Aura, die dieser Ort ausstrahlte und wandte sich mit einem leichten Zucken um, als er die piepsige Stimme seiner Base vernahm. Er hatte nicht seltener den Geschichten über das Übernatürliche gelauscht und war natürlich ebenso gespannt auf die Antwort, die nun hoffentlich folgte.

  • Mit ein wenig gemischten Gefühlen sah Elfleda Audaod dabei zu, wie er die Luft um sich herum verdrosch. Sicher war sie dafür, dass die Kinder allesamt möglichst bald groß, stark und auf das Leben vorbereitet wären. Und dennoch verging die Zeit so schnell. Sie konnte sich noch an Audaods Geburt erinnern, wie schwer sie Callista gefallen war und wie die Mutter dabei schließlich gestorben war. Und jetzt war der Knirps schon vier Jahre alt, wie Naha. Selbst Landulf konnte schon laufen. Und sie selbst wurde auch nicht jünger.
    Sie merkte, wie Witjon sie anstrahlte, nachdem sein Großer mit dem Stock abzischte und schonmal vorlief. Sie lächelte leicht zurück. Eines der wenigen Male, wo sie lächelte, in letzter Zeit machte sie das nicht allzu oft. Ihre Gedanken waren zu sehr bei dem, was sie tun sollte und was es alles zu bedenken galt. Und nun auch noch, wie sie Witjon von 'seiner' Idee, sie zu heiraten, überzeugen sollte.
    Sie hatte ja versucht, etwas netter zu sein. Zuvorkommender. Und ihn nicht mehr gar so sehr herumzuscheuchen. Aber manchmal ging es einfach nicht anders. Außerdem schaute er immer nur verwirrt, wenn sie ihn mal nicht herumscheuchte. Und überhaupt, er machte nicht, was er sollte. Und Elfleda hatte schon genug andere Sorgen, und wann sie das letzte mal so richtig, also so RICHTIG entspannt war, davon wollte sie lieber gar nicht erst anfangen. Kurzum, sie hatte ihre Taktik rasch verworfen.


    Nun aber war die Situation etwas anders. Freier. Und der Ort, zu dem sie gingen, tat sein übriges dazu.
    Elfleda strich einmal über den rauen Stein, als Nahe ihre Frage stellte. Auch Audaod kam hinzu und hing an ihren Lippen. Wie alle Kinder, wenn es um die Naturgeister und ihre Geschichten ging. Selbst Landulf, der kaum mehr als 'Mama, da!' sagte, wenn er etwas interessant fand, sah sie mit neugierigen Augen an und wartete auf eine Antwort.
    “Die sind schon hier“, meinte sie mit geheimnisvollem Unterton in der Stimme und ließ sich zu ihren Kindern runter in die Hocke. Sie wollte Landulf absetzen in das tiefe, raschelnde Laub, aber der machte mit einem “Äh-äh“ und einem Klammern an ihrem Kleid deutlich, dass er auf ihrem Arm bleiben wollte und sich nicht traute. Also ließ sie ihn einen Moment noch im Arm, streichelte ihn kurz ermutigend, und setzte ihn dann vorsichtig ab. Das gefiel Landulf zwar nicht, aber er wusste, wie wenig Erfolg Gequängel versprach. Elfleda verhätschelte ihre Kinder nur in Maßen.
    “Wir sehen sie nur nicht, weil sie sich vor unseren Blicken verbergen. Sie bleiben in den Schatten, rascheln durch das Laub, wirken im Geheimen.“ Sie ließ einen Moment den Moment und die Atmosphäre wirken, ehe sie ihren Blick von den Kindern zu dem Baum lenkte. “Aber an solchen Orten wie hier, da können wir sie fühlen, wenn wir nur ein bisschen aufpassen. Hier stößt unsere Welt an ihre.“
    Elfleda hatte die Geschichten geliebt, als sie ein Kind war. Selbst die vom Herbst, von der Disenzeit, vom Winter und den Raunächten. Elfleda, die Elfenschöne, selbst in ihrem Namen trug sie diese Kräfte der Natur. “Und deshalb bringen wir ihnen hierher auch unsere Opfergaben. Für die Rumpelwichte, Irrlichter, Feen, und die Disen. Denn den Disen gehört der Herbst. Sie machen, dass die Blätter fallen und die Welt einschläft, und im Frühjahr dann wecken sie wieder alles auf.“ Das war hoffentlich eine kindgerechte Erklärung. Eigentlich kannten die Kinder die Geschichte. Sie waren auch das letzte Jahr mit hier gewesen, aber wie das bei kleinen Kindern war, sie erinnerten sich nicht daran. Ein Jahr war in einem so jungen Leben eine unendlich lange Zeit.

  • Witjon hörte ebenfalls gebannt zu, als Elfleda das Wesen und Wirken der Naturgeister erklärte. Nicht jedoch, weil er die Geschichten nicht schon alle kannte. Nein, er schwelgte für einen Moment eher in Erinnerungen. Damals, als er an einen einsamen Opferstein in einem heiligen Hain hinausritt und einen verstörenden Traum erlebte, der ihm die Nähe der Welt Geister nur allzu sehr verdeutlicht hatte. Zumindest dachte Witjon so darüber.


    Audaod
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    Witjons Sohn hielt gespannt die Luft an, als seine Tante erzählte. Irrlichter, Rumpelwichte, Feen, Disen...wie spannend! "Und wie mach'n die Diwen...die Disen, dass alles schläft?" fragte er in kindlicher Neugierde.


    Amüsiert beantwortete Witjon die Frage an Elfledas Stelle. "Niemand weiß das genau, denn sie wirken ja im Geheimen. Kein Mensch kann sie sehen. Aber fühlen tun wir sie oft. Siehst du, die Blätter fallen schneller, je kälter es wird. Die Disen rufen die kalten Winde, die dir immer Gänsehaut machen." Er grinste Elfleda verstohlen zu und packte seinen Sohn dann bei den Schultern, um ihn ein Stück nach vorn zu schieben. "Kommt, lasst uns das Opfer beginnen, damit sie uns wohlgesonnen sein werden. Du willst dich ja nicht mit einem Rumpelwicht anlegen, oder?" Fragend sah er Audaod an, der mit schreckgeweiteten Augen zurückstarrte. Mit hastigem Kopfschütteln verneinte er dann. "Nein, bloß nich'! Tante Elfweda, kanns' du anfang'?" Witjon zwinkerte der Tante zu und nahm dann den Umhängebeutel mit Opfergaben von der Schulter, die er Elfleda auffordernd reichte.

  • Kurz lächelte Elfleda Witjon zu, als er die Erklärung übernahm. Ja, die Disen sah man nicht, nur ihr Wirken. Am Eindringlichsten, wenn sie einen Menschen verließen und damit jeden Hauch von Leben mit sich nahmen. Ein Grund mehr, sie milde zu stimmen, auf dass sie als helfende Geister einen lange bei Gesundheit hielten und nicht entschwanden.
    Und Audaod war auch ansprechend beeindruckt und wollte, dass jetzt geopfert würde. Und das kam der Mattiakerin genau entgegen, denn solange die Kinder da aufmerksam wären und mitmachen wollten, war alles perfekt. So musste sie schon nicht schimpfen und irgendwie Ordnung in diesen Bündel junger Katzen hineinzubringen versuchen.


    Elfleda stand also mit einem Lächeln auf und hielt Witjon den ausgestreckten Arm entgegen. Immerhin trug er alles, was geopfert werden sollte, bei sich. “Gut, und ihr drei, helft mir. Naha, magst du gleich die Milch opfern? Und Audaod, du das Brot? Ja? Und du Landulf, passt auf, dass alle alles richtig machen.“ Letzterer zumindest verstand wohl ohnehin nicht, aber er hörte seinen Namen und grinste seine Mama an, bevor seine Aufmerksamkeit vom raschelnden Laub gefangen wurde. Das war gerade so spannend, dass Elfleda hoffte, dass es ihn lange genug ablenkte.
    Sie ließ sich von Witjon also auf dem mitgebrachten Beutel alles anreichen. Als erstes gab er ihr den Schlauch mit Rahm, den Elfleda an Naha weiterreichte. Danach das Brot, das sie Audaod in die Hand drückte. Sicher, ein Opfer war eine ernste Angelegenheit. Aber die Kinder hatten schon zig Mal zugesehen, sie wussten, wie ernst es war, und dass Elfleda wie ein Donnerwetter unter sie fahren würde, sollten sie daran denken, das ganze nicht mit der nötigen Ehrfurcht zu behandeln.
    Als alle schließlich soweit versorgt waren, konnte es auch losgehen. Elfleda sah noch einmal zwischen allen umher – Landulf spielte gerade mit Begeisterung mit zwei Händen voller Laub – und trat dann zum Stein. Ihr Blick richtete sich auf den Baum, der wie ein lebendiges Monument der Ewigkeit in den Himmel ragte.
    “Kleines Volk, die ihr im Verborgenen wirkt und lebt! Geister der Erde, die ihr uns Kraft gebt! Hört uns an! Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende. Ein Jahr, für das euch unser Dank gebührt. Eine reiche Ernte ist gewachsen, die uns durch die kalte Jahreszeit bringen wird.
    Disen, weise Frauen, die ihr das Leben gebt und mit euch nehmt, helfende Geister, die ihr alles bewahrt. Wir danken Euch für dieses Jahr. Für die vielen kleinen Dinge, die im Verborgenen stattfanden, für das Wachsen des Getreides, für das Wachsen der Kinder, für jeden guten Tag. Jetzt, da der Winter naht und ihr euch mit allen Dingen schlafen legt, bringen wir euch unseren Dank, und bitten darum, dass ihr das nächste Jahr so fruchtbar sein lasst wie das vergangene. Seid milde zu uns in diesem Winter, und erweckt im Frühjahr alles zu neuem Leben. Wir bringen euch gutes, frisches Brot, gebacken aus dem letzten Korn des Jahres, und den süßen Rahm der Milch, wie es Tradition ist. So war es, und so soll es immer sein.“

    Sie gab Audaod einen kleinen Wink, er solle das Brot auf den Stein legen. Dann nahm sie Naha hoch. Zwar würde Witjon sie viel leichter hochheben, denn mit ihren vier Jahren wurde Naha doch langsam schwer. Aber Elfleda wollte jetzt kein Theater, und aus irgendeinem Grund machte Naha bei Witjon immer Theater. So also nahm sie sie hoch, damit sie die Milch über den Stein in eine kleine Mulde gießen konnte, damit das Opfer vollzogen wurde.

  • Audaod
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    Audaod nickte eifrig, als er so freundlich zur Mithilfe bewegt wurde und platzierte sich aufmerksam neben seiner Großtante. Witjon bedachte seinen kleinen Neffen mit einem Lächeln. Der Pimpf genoss es im Laub herumzufuchteln, Blätter zu knittern und Erde zu zerreiben. Der Wald war eben doch der wundervollste dreckige Spielplatz für Kinder.
    Ehrfurchtsvoll nahm Audaod das Brot entgegen und lauschte dann wie verzaubert den Worten, die die Geister bewegen und den Duccii ihre Gunst sichern sollten. Er meinte bereits fühlen zu können, dass die Disen sich ihnen zuwandten. Das goldene Laub der umstehenden Bäume raschelte, als eine kühle Brise über die Baumwipfel hinwegwehte. Audaod lief ein Schauer über den Rücken. Das mussten sie sein! Jetzt waren sie ganz nah bei ihnen, beobachteten sie, lauschten Elfledas Worten. Angst erfasste den Jungen unwillkürlich und er schluckte geräuschvoll. Starr vor Ehrfurcht verharrte er einen Augenblick regungslos, als Elfleda ihm einen Wink gab. Jetzt war es so weit, jetzt kam sein Teil. Eine sachte Berührung an seiner Schulter - von Witjon behutsam und beinahe unmerklich ausgeführt - riss ihn dann aus der Starre. Audaod legte das Brot in seiner kindlichen Ungelenkheit auf den Stein, um daraufhin zügig einige Schritte rückwärts zu machen, wo er bei seinem Vater stehen blieb und mit großen Augen das weitere Vorgehen beobachtete. Er hatte zwar schon Opfer mitgemacht, doch war es jedesmal wieder ein aufregendes Ereignis, das zugleich unheimlich schön und schön unheimlich war.
    Als nächstes hob Elfleda ihre Tochter hoch, damit diese die Milch den Geistern darbringen konnte, was ebenfalls reibungslos über die Bühne ging. In ihren weißen Bahnen versickerte die Milch langsam in der Mulde, bis der Schlauch bis auf den letzten Tropfen leer war. So war es, und so soll es immer sein. Witjon hoffte, dass die Disen seiner Familie auch dieses Jahr wohlgesinnt waren. Seit Callistas und Landos Tod war Wolfriks Sippe weitestgehend von ernsthaftem Schaden an Gesundheit oder Eigentum verschont geblieben. Hier und dort hatte es mal Krankheitsfälle gegeben. Doch die Kinder waren durch jeden Winter gekommen und auch die Hausangestellten hatten soweit alles gut überstanden. Ida war wieder guter Hoffnung und so betete Witjon im Stillen ganz besonders für die werdende Mutter, auf dass sie ihr Kind wohlbehalten zur Welt bringen mochte. Außerdem hatte es keine allzu tiefen Einschnitte in die Ernten gegeben, die nicht hätten ausgeglichen werden können. Alles in allem konnte man schon sagen, dass es die Duccii derzeit recht gut hatten, was Vorräte und Gesundheit anging. Hoffentlich nahmen die Disen das nicht zum Anlass, demnächst mal wieder zwischen sie zu fahren und Unheil zu bringen. Die Milch war nun gänzlich versickert und Naha wurde zurück auf den Waldboden gestellt. Alle verharrten einen Augenblick in Stille. Einzig das Rascheln der Blätter und das Heulen des Windes waren zu hören. Herbstgeruch lag in der Luft, der Moos, Laub und Feuchtigkeit in sich vereinte. Witjon sog die Luft tief ein. Er liebte dieses Land. Er liebte seine Stadt. Er liebte seine Familie. Seine Familie? Witjon warf einen Seitenblick auf Elfleda und Naha, zu deren Füßen Landulf nun auch zu spielen aufgehört hatte und mit großen Augen um sich schaute. Naha hegte eine Abneigung gegen ihn. Sie akzeptierte offensichtlich nicht, dass Witjon der Mann im Haus war. Und Elfleda? Sie war Landos Frau gewesen. Witjon schalt sich innerlich einen Narren. Audaod war sein Sohn, aber Elfleda und Naha und der kleine Landulf waren Landos ein und alles gewesen. Er liebte sie alle, doch würde er jemals eine Familie haben wie er es sich immer gewünscht hatte? Er wusste es nicht.
    An seiner Seite meldete Audaod sich in diesem Augenblick leise flüsternd zu Wort: "Was passiert jez'...?" Während er fragte, sah er zu seinem Vater hoch und dann zu Elfleda, so dass er nicht gleich wahrnahm, wie ein Eichhörnchen sich der Rückseite des Steins näherte und vorsichtig die Umgebung ausspähte.

  • Stille hatte sich über die Lichtung wie ein Tuch gelegt. Kein Vogelsang, kein Rauschen, kein Wind, nur eine feierliche Ruhe, die zum Anlass des Opfers passen wollte. Selbst die Kinder waren ruhig und ließen sich von der Magie des Ortes tragen. Sogar Landulf, zu klein um wirklich zu verstehen, was vor sich ging, hatte aufgehört, im Laub zu spielen und schaute sich gespannt und neugierig um. Fast schien es, als suche er nach kleinen Elfen und Kobolden. Elfleda erinnerte sich an diese Zeit, als sie noch ganz klein war, und diese Wesen viel realer waren, weniger abstrakt als jetzt. Solange man ganz klein war und nichts wusste, nichts verstand und hinterfragte, da war man dieser Welt viel näher, in jeder Beziehung. Nicht nur, dass die Kinder die Disen und Wichte viel körperlicher erfuhren als die Erwachsenen, sie beschwören konnten, sie zu sehen und zu hören; sie waren auch sehr viel häufiger Opfer dieser unsichtbaren Kräfte, dass die Disen ihren Lebensatem mit sich nahmen, oder sie im Wald verunfallten beim Spielen, weil sie irgendwo hochgeklettert und dann abgestürzt waren.
    Dennoch lächelte Elfleda ganz leicht, als sie sah, wie die drei Kinder sich umschauten, beinahe ehrfürchtig, und das Opfer vollbrachten. Keiner tanzte aus der Reihe, jeder wusste um die Wichtigkeit der Aufgabe. Und jeder machte artig mit. Ja, Elfleda war durchaus zufrieden mit ihrer kleinen Meute.


    “Jetzt...“, antwortete sie auf Audaods Frage in einem Tonfall, der recht selten bei ihr zu hören war: verträumt. “... gehen wir langsam nach Hause und hoffen, dass die Disen sich genauso über das Opfer freuen wie die Wichte bei uns zuhause sich über die Milch. Und heute Abend...“ Beim Sprechen nahm sie Landulf wieder hoch auf den Arm und nahm ihm noch ein paar Blätter aus der Hand, was erst zu einem Quängeln und dann zu einem unwilligen Wimmern bei dem Kleinen führte. Aber sie sollten sich langsam auf den Heimweg machen. “...machen wir im Kaminzimmer ein schönes Feuer und wir überreden Marga, ein paar schön unheimliche Geschichten von den Disen zu erzählen. Was meint ihr? Von Yaga, oder von Holle?“ Einige dieser Geschichten würden noch Jahrtausende später als Märchen den Kindern erzählt werden, immer ein wenig angepasst, ein wenig verändert und an die Gegebenheiten der Zeit angepasst. Aber wer würde schon denken, dass man aus einer großen Schicksalsmacht der Winterzeit einmal eine Frau Holle machen würde, die den Schnee brachte, oder aus der weisen Frau der Wälder eine Baba Yaga, eine mächtige (und oft bösartige) Hexe?


    Ein Eichhörnchen kam langsam näher, blieb aber in sicherer Entfernung zu den Menschen. Vor allem im Winter, wenn es wenig anderes gab, gab es durchaus einige Jäger, die auch mal ein Eichhörnchen erlegten, um es auf dem Feuer zu rösten und zu essen. Und Jahrhunderte, bevor Zobel ein Zeichen für Herrschaft war, und Jahrtausende vor Nerz, war das rote Fell der Eichhörnchen Material für viele Herrschaftsmäntel, eben weil es viel Arbeit war, daraus einen Mantel herzustellen, und der Rest des Tieres zum verzehr eher weniger geeignet. Es schmeckte furchtbar.
    Aber es gab noch etwas anderes, für das Eichhörnchen standen, und weswegen Elfleda leicht traurig lächelte, als sie es sah. Sie liefen den Weltenbaum rauf und runter, verbreiteten Gerüchte, stifteten keckernd Streit. Mit ihrem roten Fell waren sie Geschöpfe Lokis, des Listigen, des Tricksers. Des Chaoten, der ihrem Mann seinen Namen geliehen hatte. Sie sah das kleine Wesen einen Moment noch an, ehe sie Landulf auf ihrem arm zurechtrückte.
    “Also, lasst uns heimgehen.“

  • Audaod
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    "Au ja! Kamingeschichten!" jubilierte Audaod auf der Stelle, erschrocken über die Lautstärke seines Ausrufs, der nach den Momenten der Stille jetzt beinah ohrenbetäubend anmutete. Etwas gedämpfter fuhr er deshalb fort: "Ich will über Holle hör'n." Nicht, dass er jemals vom Wörtchen 'möchte' gehört zu haben schien. Sich seiner Unhöflichkeit bewusst geworden setzte Audaod aber wenigstens ein kleinlautes "Bitte" hintendrauf, das selbstredend von einem bezaubernden Bettelblick begleitet wurde. Elende Kleinejungentrickserei!


    Witjon blieb weiterhin stiller Beobachter. So entging ihm ebenso wenig wie Elfleda das Eichhörnchen, Lokis kleiner Streithahn. Schwere Stille legte sich über die Lichtung, die Witjon unangenehm war. Erleichtert nickte er deshalb, als Elfleda sich überwand und die ganze Gruppe zum gehen aufforderte. "Ja, ab nach Hause," stupste Witjon daraufhin seinen Sohn an, der sich vom Anblick des Wuscheltierchens abrupt losgerissen sah und nicht zauderte die ersten Schritte auf dem Heimweg zu tun. Sie verließen ehrfürchtig schweigend den Ort ihres Opfers und alsbald war Audaod wieder der stürmische Weltenerkunder, der mit Stock und Stein bewaffnet im Unterholz verschwand und sich den Weg wenige Schritt parallel des Pfades gegen Troll- und Koboldhorden freikämpfte. Witjon stapfte neben Elfleda her, von Naha mit Ignoranz gestraft. Sie wechselten nicht viele Worte auf dem Heimweg.

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