• Der goldene Gockel



    Nach den Briefen seines Sohnes Cinna hatte sich Cimber umgehend mit Zmertorix auf den Weg nach Cappadocia gemacht. Ihre Schiffsreise dauerte gute 20 Tage, ehe sie endlich Cappadocia erreichten. Gerade kehrten sie in Satala ein und zwar im goldenen Gockel. In Satala lag eines der wichtigsten Militärlager der Region, zudem lag die Stadt an der Kreuzung der beiden wichtigsten Verbindungswege. Besser konnte eine Stadt nicht liegen, geschützt vom Militär und erreichbar für jeden Händler.


    Das Schild des goldenen Gockels glänzte einladend in der Morgensonne. Kalt und trocken war es, so dass Cimber voller Genugtuung die frische Luft einatmete und seinem Begleiter Zmertorix einen freundlichen Blick zuwarf. Aus der Taberna hörte man bereits geschäftige Geräusche, der Duft frisch gebackenen Brotes mischte sich mit dem anderer warmer Speisen und wurde abgerundet von den Düften der Gewürze.


    Cimber betrat ohne zu Zögern die kleine Taberna. Wärme, Licht und ein freundliches Lächeln des pausbäckigen Gastwirtes schlugen ihnen entgegen. Im goldenen Gockel herrschte gemütliche Sauberkeit. Rund 10 kleine Tische mit dazugehörigen Stühlen, samt der Thekenplätze standen den Gästen zur Verfügung. Cimber wählte einen Thekenplatz, denn hier waren sie ganz in der Nähe des Feuers und konnten es sich gut gehen lassen.


    "Salve werte Gäste. Wir haben heute früh frisches Brot und Gemüse, ebenso frischen Puls. Was darf es sein?", fragte der Wirt und verstaute die ersten warmen Brote in einem Korb.

    "Wir nehmen zweimal das frische Brot mit Gemüse, dazu Käse und etwas Warmes zu trinken", bestellte Cimber und machte es sich auf seinem Stuhl bequem.


    Der Wirt servierte seinen ersten Gästen des Tages das frische Brot, dazu reichlich Gemüse und warmen Wein.

    "Endlich in Cappadocia, darauf trinken wir Zmertorix", sagte Cimber und hob seinen Becher.

  • Zmertorix hatte sich weigern wollen, unmittelbar nach der Ankunft in eine Taberna einzukehren, doch Cimber hatte es sich nicht ausreden lassen. In der Konsequenz saß diesem nun eine bis auf die Augen verhüllte Gestalt gegenüber. Zmertorix müffelte, sah unter dem Kopftuch aus wie ein explodierter Besen und hatte einen Bart. Er schämte sich dermaßen, dass er es nicht ertrug, seine momentane Abscheulichkeit unverhüllt der Öffentlichkeit zu zeigen. Selbst die Finger steckten in Handschuhen.


    "Danke für die Einladung", sprach er mit einer vornehmen Stimme, die seine gegenwärtige Erscheinung Lügen strafte. "Seeleute müssen ein merkwürdiges Volk sein. Freiwillig oder gar mit Freuden ein solches Dasein auf sich zu nehmen, setzt eigenwillige Charakterzüge voraus."


    Er griff nach dem Becher, dessen Wärme er durch die Handschuhe spürte, und fädelte ihn zum Trinken unter dem Gesichtsschleier hindurch. Wenigstens war der Wein gut.


    "Dich scheint die lange Reise nicht gestört zu haben? Ich für meinen Teil würde es vorziehen, schnellstmöglich eine Therme aufzusuchen und mich umzukleiden."

  • Cimber betrachtete Zmertorix von oben bis unten und schüttelte den Kopf.


    "Nein die Reise hat mir nichts ausgemacht, sie brachte mich zurück zu meinem Sohn und in die Heimat. Sie war lang und entbehrungsreich, aber für Cinna würde ich alles in Kauf nehmen Zmertorix.


    Ich verstehe Deinen Wunsch, aber vor dem Waschen benötige ich etwas Anständiges im Magen. Gleich nach dem Essen geht es in die Therme. Wir säubern uns und wärmen unsere Knochen durch.


    Du hast keinen Grund Dich hinter einem Schleier zu verstecken", antwortete Cimber und zupfte behutsam dran. Nur sanft, damit der Schleier nicht verrutschte.


    "Iss Zmertorix, dass Du bist dünn und kannst es gebrauchen", sagte Cimber freundlich und nahm einen großen Schluck warmen Wein.


    "Was hat Dich in das Gefolge von Stilo verschlagen? Und wo genau kommst Du her? Du kennst Dich gut in Cappadocia aus. Lass mal ein bisschen von Dir hören", bat Cimber freundlich und reichte Zmertorix ein dickes Stück Käse.

  • Die Aussicht auf einen baldigen Thermenbesuch stimmte Zmertorix ein wenig glücklicher. Er würde dort sehr viele Stunden verbringen und die Sklaven würden ein Stoßgebet zu den Unsterblichen senden, wenn er gegangen war.


    Auf das Zupfen am Schleier reagierte er etwas biestig. "Ein Spiegel lügt nicht! Natürlich habe ich Grund, mich zu verhüllen."


    Zmertorix hatte bei seinem letzten Blick in den kleinen Handspiegel fast geheult. Zwar transportierte er ein umfangreiches Toilettenbesteck und diverse Kosmetikartikel stets mit sich, aber er musste dazu allein sein und das war auf dem Schiff nicht möglich gewesen. Nicht viele verstanden das, besonders keine Seeleute oder Soldaten wie Cimber, die es gewohnt waren, auf engstem Raum eingepfercht ihren Verrichtungen nachzugehen, doch für Zmertorix war Körperpflege in Gegenwart anderer eine Tortur. Das war sie ja schon, wenn er allein war.


    Den Käse nahm er allerdings dankbar entgegen. Er aß davon und trank die Hälfte seines Weins, ehe er fortfuhr.


    "Ich stamme aus Tavium, das östliche Gegenstück zum berühmten Pessinus. Tavium ist eigentlich galatisches Territorium, aber Rom hat das bei seiner Grenzziehung nicht berücksichtigt. So gehört Tavium nun seit vier Generationen zu Cappadocia, was aber nichts daran ändert, dass die Bewohner Galater sind. Vom Stamme der Trokmer, wenn du es genau wissen willst."


    Und nun war Zmertorix ganz in seinem Element. Vergessen war die eigene Abscheulichkeit und nach einem weiteren Schluck Wein zu Kräftigung begann er darzulegen, wobei Cimber damit konfrontiert wurde, dass der Stamm der Trokmer eine Vorliebe für den Buchstaben T zu hegen schien:


    "Wir selbst nennen die Stadt Tawiniya und sie ist noch immer Kultort der alten Götter. Warum auch nicht? Viele Götter werden dort verehrt, vor allen anderen aber ist Tavium Kultort des Telipinu, Sohn des Wettergrottes Taru. Taru ist jener, den die Hellenen Zeus nennen. Entsprechend kamen sie auf den Gedanken, eine Kolossalstatue des Zeus Tavianos in Tavium aufzustellen. Telipinu wird als für die Vegetation zuständig gesehen. Sein Symbol ist die Eiche. Er steht in der Liste der Schwurgötter und man nennt ihn auch schrecklicher Telipinu von Tawiniya, da er wie sein Vater in der Lage ist, Blitze zu schleudern sowie Donner und Regen zu erzeugen."


    Spätestens jetzt begannen die meisten Zuhörer sich zu langweilen, sodass Zmertorix schaute, ob Cimber noch zuhörte. Er vermutete, dass die Details, die ihn selbst ins Schwärmen brachten, für Cimber von eher mäßigem Interesse war und kam zu dessen anderer Frage.


    "Zunächst einmal gehöre ich nicht zu Stilos Gefolge, sondern wenn überhaupt, dann er zu meinem Gefolge. Dazu, wie es dazu kam, gibt es zwei Versionen. Seine und meine. Wenn ich dir meine erzähle, zerstöre ich seinen Wunschtraum, mich gerettet zu haben. Vermutlich beleidige ich ihn obendrein, weil ich ihm eine verzerrte Wahrnehmung unterstelle.


    Aber warum erzählst du nicht stattdessen ein wenig von dir? Wie hast du Stilo kennengelernt?"


    Dass die beiden mehr als Kameradschaft verband, war Zmertorix nicht entgangen. Er wusste, dass sie sich gegenseitig Brüder nannten und einen Teil ihrer Kindheit gemeinsam verbracht hatten, doch wie es dazu gekommen war, das wusste er nicht.

  • Cimber ließ von Zmertorix Schleier ab, da dieser darauf sehr verschnupft reagierte. Der Mann war ein Mysterium. Einerseits unterhaltsam und gesprächig, auf der anderen Seite zog er sich so weit in sein Schneckenhaus zurück, dass man ihn kaum noch erkennen konnte. Cimber verurteilte Zmer dafür nicht, er ließ ihn gewähren. Wer wusste schon, warum er so handelte? Sobald sich Zmertorix Laune gebessert hatte, würde er ihn auf sein Äußeres ansprechen. Oder besser noch, nach dem Besuch in den Thermen. Cimber sah jedenfalls keinen Anlass für Zmertorix, sein Gesicht hinter einem Schleier zu verstecken. Da kannte er andere Gesichtsruinen, denen ein Schleier sehr gut getan hätte. Aber jene Personen waren weit davon entfernt, den anderen Mitmenschen überhaupt einen derartigen Gefallen zu erweisen.


    Als Zmertorix auf seine Abstammung zu sprechen kam, blühte er wieder auf. Seine Augen blitzten während er erzählte und Cimber hörte ihm nicht nur interessiert, sondern gebannt zu.


    "Du bist also ein Galater vom Stamm der Trokmer und stammst aus Cappadocia. Nun Deine Heimat ist auch meine Heimat Zmertorix, auch wenn wir Römer sozusagen zugereiste sind. Tawiniya sollten wir besuchen, vor allem die Kultstätten der Götter. Es schadet nie, dass uns die Götter gewogen sind. Gerade den Gott des Wetters Taru sollten wir ein Opfer darbringen. Unsere Freunde werden uns hoffentlich bald nach Cappadocia folgen und da können sie gutes Wetter gebrauchen. Die Winde sollten günstig stehen für ihre Reise. Du bist ein kluger Kopf Zmertorix und ein wahrhaft guter Erzähler und Lehrer. Das muss ich Dir sagen, ich höre Dir sehr gerne zu. Du weißt immer etwas zu berichten, was ich selbst noch nicht wusste", antwortete Cimber gut gelaunt und aß ein großes Stück Brot.


    Als Zmertorix fragte, wie er Stilo kennengelernt hatte, musste Cimber lächeln. Das Lächeln kam von Herzen, dass sah man dem Recken an.


    "Wie Stilo und ich uns kennenlernten? Eine sehr gute Frage Zmertorix. Wir lernten uns im Grunde gar nicht kennen, er wuchs bei uns mit auf dem Gestüt auf. Wie soll ich es formulieren? Plötzlich war er einfach an und ich hatte einen Bruder an meiner Seite. Ab dem Tag wo wir uns sahen, war die Sache klar. Das mag komisch klingen, aber wir haben uns gesehen und wussten, dass wir zusammengehören. Wir sind vom Blute her nicht verwandt und dennoch ist er mir mehr Bruder als es ein Blutsverwandter je sein könnte. Woher diese Verbindung stammt, kann ich Dir nicht sagen. Aber sie war einfach da und sie ist ein Geschenk. So wie Stilo mir als Bruder geschenkt wurde.


    Gemeinsam sind wir aufgewachsen und ich kann mich an keine Zeit meiner Jugend erinnern, wo Stilo nicht bei mir gewesen wäre. Was uns verbindet Zmertorix, ist eine Freundschaft wie es keine zweite gibt. Man kann sich keinen besseren Freund als Stilo wünschen. Er ist ein geradliniger, ehrbarer Mann. Er steht für einen ein und weiß seine Ideale zu verteidigen. Er ist sich aber auch nicht zu fein, sie zu überdenken und anzupassen wenn er zu neuen Erkenntnissen kommt. Er ist großherzig und fürsorglich. All das liegt unter seiner rauen Schale.


    Warme Handlungen müssen nicht mit weichen Händen erfolgen Zmertorix.


    Stilo weißt zu kämpfen und vor allem weiß er auch für wen und wofür er kämpft. Vielleicht ist das nicht die Antwort, die Du Dir erhofft hast, aber es ist die einzige die ich Dir geben kann. Das ist meine Sicht auf Stilo, wer weiß wie seine auf mich aussieht? Oder wie er mich beschreiben würde", lachte Cimber gut gelaunt und hob seinen Becher.


    "Auf Stilo", sagte er grinsend und stieß mit Zmertorix an.


    Cimber nahm einen großen Schluck und musterte Zmertorix erneut.

    "Ich würde gerne beide Geschichten hören und keine Sorge ich schweige. Natürlich hat Stilo Dich gerne gerettet, warum sollte er Dich Deinem Schicksal überlassen, wo Du in Not warst. Das warst Du doch oder?", hakte Cimber nach und legte Zmer noch etwas Käse hin.


    Etwas mehr auf den Rippen würde Zmertorix gut tun. Zudem war er neugierig darauf, was Zmer zum Besten geben konnte.


    "Zmer, sobald wir aus den Thermen kommen, suchen wir umgehend meinen Sohn auf. Ich muss mit Cinna sprechen. Danach machen wir einen Abstecher zu unserem Gestüt, ich zeige Dir wo wir aufgewachsen sind. Glaube mir, es wird Dir gefallen. Und ich wäre sehr stolz, Dir unser Gestüt zeigen zu dürfen", sagte Cimber.


    Das Gestüt Umbrena war der ganze Stolz der Familie.


    "Bei dem Gestüt Umbrena handelt es sich um ein großes Landgut in Cappadocia, in unmittelbarer Nähe zur Stadt Caesarea. Das Landgut ist ein landwirtschaftlicher Betrieb, der sich auf die Pferdezucht spezialisiert hat. Das Gestüt besteht neben dem Hauptgebäude aus Wirtschafts- und Nebengebäuden, die innerhalb eines hoch ummauerten Hofes stehen, um den Schutz für Mensch und Tier zu gewährleisten.


    Das Haupthaus des Gestüts Umbrena ist in Form einer Porticus-Villa gehalten. Die Front gliedert sich in Eckrisaliten und den dazwischenliegenden Portikus. Also eine nach vorne offene Säulenhalle.Der Risalit oder auch Vorsprung Vorsprung ist ein zumeist auf ganzer Höhe aus der Fluchtlinie eines Baukörpers horizontal hervorspringender Gebäudeteil. Die Wohn- und Arbeitsräume des Hausherrn sowie der Familie grenzen an die Portikus. Ein großer, zentraler Raum ist an mehrere Raumfluchten angeordnet. Hierbei handelt es sich um einen unüberdachten Innenhof.


    Das Gestüt Umbrena ist eine große Anlagen mit einem großen palastartigen Hauptgebäude. Das Gestüt verfügt über beheizbare Baderäume und sogar einem Badehaus. Zudem ist ein Teil der Räume mittels Fußbodenheizung beheizt, da vor allem die Winter in Cappadocia äußerst kalt werden können. Ebenso verfügt das Umbrena Gestüt über einen Cella/Keller, der sowohl als Vorratskeller wie auch als Hausheiligtum für die Laren dient. Die Schutzgötter des Gestüt, werden in einem kleinen Gestüt eigenen Tempel verehrt.


    Der Tempel wird Dich sicher interessieren Zmertorix.


    Wie zuvor erwähnt, ist die gesamte Anlage mit einer Mauer umfriedet. Jene Mauer weist Türme und Bastionen auf, so dass das Gehöft im Zweifelsfall auch von römischen Truppen verteidigt werden kann und somit ebenso zum Schutze Caesarea beiträgt. Weiter findet man auf der Anlage des Gestüts neben Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, ein Badehaus, ein Tempel, Stallungen, ein Brunnen, sowie eine Garten- und Teichanlagen.


    Du wirst Dich dort sicher und gut aufgehoben fühlen, dass verspreche ich Dir.

    Auf dem Gestüt findet man nicht nur die aus eigener Zucht hervorragenden Reitpferde, sondern auch einige Esel, Wachhunde und vor allem die schwarzen Tauben die in der Legion auch als Brieftauben dienen. Neben dem Haupt- und Nebenhaus, befindet sich auf dem Gestütsgelände die Ställe, sowie einige Gästeunterkünfte. Das Gestüt Umbrena ist gemütlich und geschmackvoll eingerichtet. Bewohner wie Gäste fühlen sich sofort wohl und auf dem gepflegten Gestütsgelände mit seinem großen Garten und den Weiden. Hier lässt es sich entspannen. Nicht nur Pferdefreunde fühlen sich auf dem Gestüt wohl. Wer hier sein Pferd kauft, oder einige Tage verbringt hat ein Gestütserlebnis der ganz besonderen Art. So wird für unser Gestüt geworben", erklärte Cimber mit Stolz in der Stimme.


    "Komm iss auf, dann können wir uns in die Therme begeben. Aber erzähle mir trotzdem beide Geschichten Deiner Rettung, einmal Deine Version und einmal die von Stilo bitte", bat Cimber.



  • "Schmeichler!" Zmertorix wippte die Hand auf und ab, um das Lob ob seiner Erzählkünste abzuwiegeln, während er sich in Wahrheit darüber freute. "Ein angehender Priester muss sich natürlich zu artikulieren wissen. Die Sprache der Götter gleicht nicht der unseren, sodass ihre Botschaften für uns oft rätselhaft erscheinen. So sollte zumindest ihr sterblicher Übersetzer klar verständliche Worte finden und zwar in beide Richtungen."


    Dabei dachte er an seinen Freund und Bruder im Geiste Leonnorios, den er zwar als Mensch schätzte, ihn aber dennoch als stammelnden Idioten betrachtete.


    "Warme Handlungen müssen nicht mit weichen Händen erfolgen ... ein tiefer Sinnspruch, eines Soldaten würdig. Bei deiner Schwärmerei ob des Gestüts Umbrena bekommt man ja selbst Lust, ein paar Tage deine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Aber in meinem gegenwärtigen Zustand würde ich die Gastgeber beleidigen."


    Er schaute Cimber zwischen den schmutzigen Stoffbahnen hervor an.


    "Meine sogenannte Rettung ist eine längere Geschichte. Ich schlage vor, dass wir aufessen und dem Wirt eine Botschaft für deinen Sohn hinterlassen, während wir uns in den Thermen reinigen. Dort erzähle ich dir, wie Stilo und ich uns kennenlernten. In der Zwischenzeit wird Cinna sicher aufgetaucht sein.


    Danach unternehme ich noch eine kleine Reise. Ich hörte, in Caesarea habe ein Laden eröffnet, der sich auf die Wiederherstellung ruinierter Erscheinungsilder versteht. Dufter Viri nennt er sich, diesen würde ich gern ausprobieren. Du musst wissen, dass ich mich nun bereit fühle, die Große Mutter nicht nur zu ehren, sondern ihr auch zu dienen, indem ich ihrem Kult beitrete. Entsprechend wichtig ist, dass ich mich würdig präsentiere."


    Ob Cimber ihn begleiten mochte, fragte er nicht, da er diesen nicht in die Verlegenheit bringen wollte, ablehnen zu müssen, weil seine soldatische Pflicht ihn in Satala nahe der Legio festnagelte, wovon Zmertorix ausging.

  • <<< RE: Baracke der Legionsreiterei


    "Es ist nichts vorgefallen, Stilo hat nur per Brief erfahren, dass Fango in Rom angekommen ist. Also hat er sich Urlaub genommen und ist in Windeseile abgereist, um ihn nicht zu verpassen."


    Cinna bestellte für sie beide honigglasiertes Fleisch und Nussbällchen. Er fand die Rückkehr seines Vaters war Anlass zu schlemmen.


    "Erzähl mal von deiner Zeit fern der Heimat. Wie ist es dir ergangen in den letzten Jahren? Wie ist dir das kalte feuchte Wetter im Norden bekommen? Und sind die Barbaren dort grässlicher als unsere eigenen?"


    Das war nur halb ernst gemeint, denn die "Barbaren" Cappadocias waren alles andere als primitiv und die Tempelfürsten schwelgten in einem Wohlstand, der den Durchschnittsrömer vor Neid erblassen ließ. Mit Cappadocia war Cinna in einem vielseitigen und toleranten Umfeld aufgewachsen und entsprechend entspannt, was andere Kulturen anging. Reisenden aus aller Herren Länder in ihren exotischen Trachten, die über die Seidenstraße kamen, waren genau so präsent wie die alten einheimischen Kulte, unter anderem jener der Magna Mater.


    "So, wie du von Zmertorix sprichst, zieht er bald bei uns im Gestüt ein", witzelte Cinna. "Aber für einen Wallach ist auf jeder Weide Platz."


  • Cimber nahm neben Cinna Platz und machte es sich gemütlich. Er ergänzte die Bestellung um einen Krug Posca für sie beide und freute sich, mit seinem Sohn Zeit verbringen zu können. Die Bestellung klang lecker und ganz nach seinem Geschmack.


    "Stilo hatte sich die Adoption in den Kopf gesetzt, er wollte die beiden so gerne adoptieren. Wer kann ihm die überstürzte Abreise in dem Fall verdenken? Hoffen wir dass alles seinen Gang geht und für keinen der drei unnötige Schwierigkeiten geschehen. Du weißt wie die Bürokratie laufen kann Cinna. Man kann sich in ihr schlimmer verlaufen, als in so manchem Wald.


    Die schönste Ferne ist nicht vergleichbar mit der Heimat Cinna. Wir waren in Germania inferior stationiert, die Hauptstadt ist Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Über die Provinz kann ich Dir erzählen, dass dort verschiedene, germanische Stämme leben. Die Hauptstadt der Provinz - Colonia Claudia Ara Agrippinensium, genauer gesagt der Stadtkern ist von einer Mauer umschlossen. Die Stadt ist weiter in insulae unterteilt. In der Stadt ist der Statthalter der Provinz stationiert, der Statthalterpalast, das Praetorium, ist öffentlich zugänglich. Öffentliche Bauwerke und Bauten die Du dort findest sind Tempel, Therme, Brunnen, sogar einige Privathäuser. Alles dort ist etwas gehoberne Klasse Cinna, dass siehst Du schon allein an den Mosaiken in den Privathäusern.


    Wirtschaftlich lebt die Provinz von der Landwirtschaft. Der Boden ist gut, die Wetterlage dementsprechend. Sogar über Bodenschätze verfügt die Provinz, die selbstverständlich genutzt werden. Mit die besten Kunden der heimischen Waren ist die Armee. Also alles im allen eine reiche Provinz an eigenen Schätzen und auch was Du dort erleben kannst. Die Religionen in dem Gebiet sind derart unterschiedlich, so gemischt wie sie nur sein können.


    Die Landschaft und Natur sind ebenfalls wunderbar, viel Grün und wie gesagt reicher Boden. Dennoch habe ich unsere Heimat vermisst. Unsere Heimat hat ihren eigenen Reiz, sie mag schroff wirken, aber wir wissen dass es nur der erste Eindruck ist, den uns unser Land zeigt. Genug von mir und meinem Reisebericht, was war hier los? Was ist geschehen, dass die Truppe derart mit der Moral am Ende ist Cinna?", fragte Cimber und nahm einen Schluck Posca.


    "Zmertorix bedeutet mir viel, er ist ein Freund. Jedenfalls würde ich ihn so bezeichnen, für den Rest habe ich noch keine passende Beschreibung gefunden. Noch ist der Wallach kein Wallach, dass hört man. Aber ob Hengst oder Wallach, wir würden schon einen Stall für ihn finden. Dass stimmt", grinste Cimber über den Rand seines Bechers hinweg.

  • Ludi Megalenses


    Die Ludi Megalenses stand bevor und der Zug der Galli war etwas, dass Zmertorix sicher nicht verpassen wollte. Die Prozession war ein Spektakel für jung und alt und bot weit mehr, als einen festlichen Umzug mit Opfergabe. Wagenrennen, Theateraufführungen wurden zudem geboten. Dies alles konnten sie sich anschauen, aber Hauptbestandteil war der Umzug der Priester, welche ihre Göttin huldigten. Man sagte, dass sich jene Priester selbst entmannt hatten. Wahrheit oder Mythos? Cimber wusste es nicht. Allerdings konnte es ein Mythos sein, denn die Priester gaben sich farbenfroh und stark geschminkt. Vielleicht war so die Legende aufgekommen, dass sie mehr opferten als jene Priester die anderen Gottheiten huldigten. Zmertorix hingegen war immer noch ein Hengst, wie Cinna es formuliert hatte. Das "Wiehern" verriet es allen. Natürlich musste Cimber sich für seine These eingestehen, dass er noch nie mit einem anderen Galloi gesprochen hatte. Es war also durchaus möglich, dass die Stimme dieser Männer wesentlich höher war und sie als Verschnittene auswies.


    Bei der Vorstellung allein, sich selbst derart zu verstümmeln, lief es Cimber kalt den Rücken herunter. Er war alles andere als weich, er hatte Verletzungen gesehen, die anderen das Blut in den Adern gefrieren ließen. Er hatte gestandene Männer nach ihren Müttern schreien hören, als jede Hoffnung verloren war, sie sich dennoch immer noch ans Leben klammerten wo es kein Überleben mehr gab. Und er hatte Männer vor Erleichterung fallen sehen, als die Rettung genaht war. Es gab derart viel Grausamkeit und Brutalität auf der Welt, dass er diese Opfer schlichtweg als überflüssig empfand.


    Die Welt war was sie war und einem wurde schon oft mehr genommen, als man zu geben bereit war.

    Wieso also dieses Opfer?


    Falls der Verschnitt Tatsache war, musste er Zmertorix vor sich selbst retten. Aber war das wirklich eine Rettung oder verdammte er ihn damit zu etwas was er nicht sein wollte? Und was wollte Zmertorix wirklich sein? Was war er unter all der Schminke und dem bunten Stoff? Was verbarg sich hinter dem bunten Gesicht und den hellen Haaren? Eines war sicher, ein wacher und messerscharfer Verstand. Doch wofür setzte Zmertorix ihn wirklich ein? Oder welche Abgründe offenbarten sich in seiner Seele? Eine einfache Handreichung konnte niemanden aus dem persönlichen Sumpf retten. Aber es war ein Anfang, verhinderte ein fester Handgriff doch, dass der andere versank. Herausziehen ging nur gemeinsam.


    Die Reise nach Rom stand kurz bevor. Sie würden erneut das Schiff nehmen und Cimber würde mit Zmertorix diese Reise antreten. Jene nach Rom und eine ganz andere, wenn Zmertorix es zuließ.

  • Dass der Tribun persönlich den Duplicarius Umbrenus Cimber aufsuchte, war kein gutes Zeichen. Er legte ihm mit einem durchdringenden Blick ein Papyrus auf den Tisch:



    Urlaubsbescheinigung



    Duplicarius Appius Umbrenus Cimber

    der Legio XV Apollinaris


    ist


    für den Zeitraum der Ludi Megalensis

    einschließlich der erforderlichen Reisezeit


    beurlaubt.


    Gezeichnet

    Titus Tuccius Tychicus


    legio-xv-tribunus-angusticlavius.png



    "Ich warte immer noch auf den Bericht zum Zustand der Truppe, Duplicarius. Der beantragte Urlaub wird dieses Mal bewilligt, doch das wird ein Einzelfall bleiben, wenn ich nicht zeitnah Ergebnisse deiner Arbeit sehe." Die Worte waren leise gesprochen, sodass nur Cimber und gegebenenfalls dessen Sohn sie verstehen konnten. "Enttäusche mich nicht."


    Damit verließ der Tribun die Lokalität.


    Innerlich hoffte er, dass der Umbrenus versagen würde, damit zu gegebener Zeit die gerechte Konsequenz erfolgen konnte. Die alte Rivalität ihrer Familien ließ ihn für diesen Mann nur das Schlechteste wünschen und den unverdienten Urlaub hatte er nur bewilligt, um diesen später als Werkzeug gegen den Duplicarius einsetzen zu können. So lange Cimber einen Wert für die Legio hatte, die unter Tychicus´ Obhut ihren Dienst versah, ruhte die weiße Schlange. Doch sie würde das Haupt erheben, sobald der Umbrenus seinen Wert verlor. Ihr Biss würde noch eine Generation später schmerzen.


    Den Happen, den Tychicus heute hinstreute, würde Cimber fressen. Und er sollte sich daran verschlucken.

  • Cimber neigte ergeben das Haupt, als sein Tribun ihm zu Recht eine Schelte erteilte. Natürlich wartete der Tribun noch auf den Bericht. Oder der Bericht wartete auf den Tribun, wie man die Sache sah. Denn Cimber war erst bereit den Bericht zu schreiben, sobald der Bericht so aussah wie er es sich wünschte. Sogar dann noch würde er ihn hier und da schönen, damit der Tucci noch blasser wurde, als er von Natur aus schon war. Vielleicht würde ihm der Bericht aber auch genau die fehlende Farbe ins Gesicht zaubern. Ein hübsches Rot auf den sonst so knochigen, blassen Wangen würde der Schlange gut zu Gesicht stehen.


    Es würde sich erweisen, wer hier zuletzt lachte und Schlangen lachten bekanntlich nie, Pferde schon.

  • Direkt nach ihrer Ankunft aus Rom waren Zmertorix und Cimber im Goldenen Gockel eingekehrt. Nun war der Gockel ihre letzte Anlaufstelle in Satala, bevor sie erneut nach Rom aufbrechen würden. Zmertorix würde die Schiffsreise vermutlich wieder verdammen und dennoch mit stoischer Ruhe ertragen. AlsZmertorix endlich im Goldenen Gockel angekommen war, erkannte Cimber ihn kaum wieder. Er sah wie verwandelt aus und dennoch blieb er gleich, auf unerklärliche Weise. Darüber konnten sie während der Schiffsreise sprechen, denn genau die hatte Cimber für sie beide gebucht.


    Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Schiff. Die Reise dauerte ebenfalls genau 20 Tage, ehe sie endlich Rom erreichten. Rom der Nabel der Welt und viel wichtiger noch, Austragungsort der Megalesia - dem Zug der Galli.



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    RE: Megalesia | Der Zug der Galli

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    Da Madara nicht so lange reiten konnte und das Pferd mit dem doppelten Gewicht mehr Pausen benötigte, verbrachten sie für Stilos Verhältnisse wenig Zeit auf dem Pferderücken, dafür umso mehr an den einschlägigen Rastplätzen. Stilo kannte die Einheimischen, wusste, welche für ein paar Sesterze ein Gästezimmer für die Nacht bereitmachten und sie bereitwillig mit Speis und Trank versorgten. So kamen sie aller paar Tage in den Genuss eines festen Daches über dem Kopf und die hygienische Vernachlässigung hielt sich in Grenzen. Wäre er allein geritten oder mit einem Kameraden, hätte das anders ausgesehen und er wäre erst einen Tagesritt vor Satala in einen Haushalt geschlüpft, um nicht völlig abgewrackt im Militärlager anzukommen. Aber das wollte er einer Dame nicht zumuten.


    "Hier sind wir. Satala. Perle des Ostens, Stolz des Kaisers."


    Das staubige Dörfchen von 150 Häusern glotzte ihnen aus plumpen Fenstern entgegen. Im Süden thronte als finsterer Klotz das Castellum der Legio XV Apollinaris, aufgrund von dessen Gegenwart die Siedlung überhaupt erst entstanden war.


    "In die Castra kann ich dich nicht nehmen, du wirst außerhalb auf deinen Bruder warten müssen. Mit einem höheren Rang sähe das anders aus. Der alte Tribun Tuccius lässt seinen reizlosen Stock von einer Frau bei sich wohnen, Aelia Saxa. Du wirst sie erkennen, wenn du sie siehst, ein dürres langes Elend. Ich brauche dir nicht zu erklären, dass sie mit Vorsicht zu genießen ist. Mein Vater sprach: Meide dürre Frauen, sie sind verwurmt und bösartig. Das hätte auch dem Tuccius mal einer sagen sollen, inzwischen sieht er genau so aus."


    Er ließ das Pferd halten, quetschte sich vor ihr herunter und half dann Madara aus dem Sattel.


    "So. Hier sind wir, der Goldene Gockel, die haben Gästezimmer und das Essen ist gut. Hast du genügend Geld bei dir?"

  • Madara schüttelte bedauernd den Kopf.


    "Nein leider habe ich gar kein Geld bei mir. Ich wollte den Räubern keinen Grund geben, mir zu schaden. Zudem wollte ich mich als Sklavin ausgeben, deshalb trage ich keine einzige Sezterze bei mir Stilo. Kannst Du mir bitte aushelfen, oder für mich bürgen, damit ich in der Taberna anschreiben lassen darf? Cimber wird mich garantiert auslösen. Nein ich weiß Stilo, in der Castra habe ich nichts verloren. Dort würde ich mich auch verloren fühlen, ja sogar ängstlich unter all diesen fremden Männern. Sicher sind dies Römer und sie dienen unserem Schutz, aber dennoch sind es Fremde und ich habe dort nichts verloren. Zudem sagte unser Vater stets eines, das Gesicht eines Mannes siehst Du im Licht, den Charakter von ihm siehst Du im Dunklen.


    Mir scheint diese Frau nicht redlich, die freiwillig dort wohnt, wo es nur Männer gibt die auf Frauen verzichten müssen. Aber nach Deiner Beschreibung sieht sie so aus, als habe sie nichts zu befürchten. Aber es gibt andere Frauen, ich hörte von ihnen. Sie schleichen um die Castra und machen fremden Männern schöne Augen. Gerade Männer in Rüstungen haben es ihnen angetan, manche von ihnen sind sogar verheiratet und geben sich Fremden hin. Du kennst mich, ich bin keiner dieser Frauen, ich suche einen Mann und zwar meinen Mann. Also selbst wenn ich dürfte, würde ich die Castra nicht betreten.


    Cimber sagte, alle Tucci sehen ab 30 Jahren aus wie Dörrobst, nur nicht so appetitlich", schmunzelte Madara hinter vorgehaltener Hand.

  • "Oder wie abgestorbene Bäume, wenn sie vor einem stehen. Wenn sie liegen, wie ein Stapel ausgebleichtes Brennholz."


    Dürre und blonde Menschen verkörperten in Stilos Augen den Anachronismus jeder Attraktivität. Man sollte nicht oberflächlich sein, sagte irgendwer, aber wen kümmerte es. Stilo fand es in Ordnung, diese Sorte von Mensch hässlich zu finden und den brünetten, sinnlichen Typus wundervoll. Er fand es auch in Ordnung, in Schubladen zu denken. Ein Gegner auf dem Schlachtfeld war ein Feind und fertig. Ob er privat ein netter Kerl war, vielleicht Vater eines Kindes, das ihn mit Piepsstimmchen Papa nannte, war Stilo gleichgültig. Es musste ihm gleichgültig sein. In dieser Weise ordnete er auch sein übriges Leben in simplem Pragmatismus und war damit glücklich.


    "Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Stabsoffiziere ihre Frauen mitbringen. Wer sich denen nähert, braucht hinterher nicht zu heulen. Aber man ist ja in der Castra nicht eingesperrt - außer als Tiro - und der Dienst macht einen müde. So ist die Disziplin eigentlich ganz gut."


    Von seiner eigenen Centuria abgesehen ... oder der ersten. Wer wusste, was die so trieben, wenn die Nacht sich auf Cappadocia senkte.


    "Was auch an diesen herumschleichenden Frauen liegt, wie du sie nennst", ergänzte er. "Sie kosten nicht viel. Manche werden sogar von ihren eigenen Männern geschickt, um auf diese Weise ein paar Asse mit nach Hause zu bringen. Oder von ihren Vätern: Die hoffen auf eine gute Partie unter den Römern, denn wenn ihre Töchter von einem Römer geehelicht werden, erhalten sie das Bürgerrecht mit allem Drum und Dran. Römerinnen gibt es hier wenige, so dass die Chancen dafür nicht schlecht stehen. Und was die übrigen Frauen betrifft ... mal unter uns. Kannst du es jemandem verdenken, einen Mann in Rüstung anziehend zu finden?"


    Er blinzelte Madara zu.


    "Als Sklavin ausgeben, was hast du für Gedanken. Willst du, dass man dich züchtigt und in Schande zurück nach Hause schleift? Wer sich wie eine Sklavin benimmt, wird wie eine behandelt. Du musst dir um das Geld keine Sorgen machen. Ich werde heute für dich bezahlen, so dass du mit der Unterkunft und mit Speis und Trank versorgt bist und lasse dir noch etwas Taschengeld da, falls du in die Thermen baden oder einkaufen gehen möchtest. Ich gehe davon aus, dass Cimber sich die übrige Zeit finanziell um dich kümmern wird. Falls nicht, dann hast du noch mich. Ich komme morgen wieder und schaue nach dem Rechten. Also, ich muss los."


  • Madara lauschte Stilos Worten mit Unglauben und Bestürzung.

    "Von ihren eigenen Männern und Vätern geschickt. Meine Sicht ist die einer wohlbehüteten und unwissenden Tochter und Schwester. Ich kann froh sein Euch zu haben, dass ich es mir bis jetzt leisten konnte derart naiv zu denken Stilo. Ob ich mir eine Frau vorstellen kann, die einen Mann nicht in Rüstung attraktiv findet? Nun sollte eine Frau ihren Mann nicht immer attraktiv finden? Wenn es nur die Rüstung macht Stilo, gilt mein Bedauern dem Mann.


    Meine Pläne in Rettungsunternehmungen sind nicht die ausgefeiltesten oder besten Stilo, vor allem weil das mein erster Plan war. Ich hielt es für eine gute Idee, mich als Sklavin auszugeben, diese würden die Räuber doch nicht überfallen. Nein natürlich möchte ich nicht gezüchtigt oder irgendwohin geschliffen werden, dies alles diente nur dazu Euch zu warnen. Damit ich Euch überhaupt warnen konnte, wollte ich Euch so schnell wie möglich erreichen. Mein Plan war unmöglich und unnützt. Was habe ich davon, außer dass ich nun in diesem Fussel herumlaufe und in einen stinkenden Umhang gehüllt bin? Es wird so lange reichen müssen, bis Cimber hier ist und", Madara stockte.


    "Ja was dann Stilo? Was kann Cimber ausrichten oder was könnt Ihr beiden überhaupt unternehmen? Zwei Mann und eine Frau, retten 82 Pferde? Ich habe nicht einmal an Geld gedacht und muss feststellen, dass meine ganze Aktion trotz aller Überlegung doch am Ende sehr kopflos war. Ich Danke Dir für alles, wie stets, wie immer. Pass bitte auf Dich auf und sag meinem Bruder, dass er sich etwas einfallen lassen muss", antwortete Madara und drückte Stilo zum Abschied die Hand. Ihn in aller Öffentlichkeit zu umarmen, gehörte sich in ihrem Alter nicht mehr, auch wenn sie sich im Moment wie ein kleines Mädchen fühlte. Hilflos und in eine stinkende Decke gehüllt.

  • Stilos Schmunzeln verbreiterte sich. Madara hatte seine Andeutung nicht verstanden. Aber sie war auch nicht Sabaco, der die Menschen mit der Präzision eines Filetiermessers lesen konnte, selbst wenn man das so einem Grobholz kaum zutrauen mochte. Sabaco hätte gewusst, was Stilo mit seinen Worten sagen wollte, aber er war nicht hier. Und es war nicht absehbar, wann und ob sie sich je wiedersehen würden. Stilo schob den wenig erbaulichen Gedanken auf Abstand.


    "Deine Idee war tapfer, Madara, aber überstürzt. Doch nun sind wir ja hier und alles ist gutgegangen. Cimber wird aus der Ferne nichts anderes tun können, als eine Brieftaube mit einem entsprechenden Befehl zurück zum Gestüt zu schicken."


    Stilo wies mit dem Daumen nach draußen. Er nahm bei fast jedem Ritt eine oder mehrere schwarze Brieftauben im Transportkäfig mit. Diese würde zwar in der Casa Seia landen, doch die Sklaven würden die Botschaft an das Gestüt weiterleiten.


    "Was Cimber aus den Informationen macht, werden wir sehen. Wichtig ist, dass er es erst einmal erfährt. Du wirst von uns hören, entweder von ihm oder von mir. Also. Man sieht sich."


    Er nahm ihre fleischige kleine Hand, die er sanft drückte. Mit einem Lächeln wandte er sich ab, um Cimber aufzusuchen.


    RE: Baracke der Legionsreiterei >>

  • Madara drückte ebenso die Hand von Stilo zum Abschied. Mit einem Lächeln verabschiedete er sich, um ihren Bruder Cimber aufzusuchen. Madara schaute Stilo hinterher, bis sie ihn aus den Augen verlor. Es war ein seltsames und beklemmendes Gefühl nach dem Überfall und der Reise nach Satala wieder allein zu sein. Sie hoffte, dass Stilo Cimber schnell erreichte und dass die beiden zu ihr mit Cinna zurückkehren würden. Sobald die Familie wieder vereint war, würde alles gut werden. Jedenfalls hoffte sie dies. Mit ihren feisten Fingern zog sie den alten Umhang fester um sich, straffte die Schultern und betrat den goldenen Gockel.


    Sie nahm sich ein kleines Zimmer und orderte ein gefülltes Brot und einen Krug Posca. Der Wirt war so freundlich, ihr beides hinauf auf das Zimmer zu tragen und dort auf einen kleinen Tisch abzustellen. Viel bot das Zimmer nicht, aber es war ausreichend. Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und ein kleines Feuerbecken für die kalten Nächte. Als der Wirt Madara wieder allein gelassen hatte, verschloss sie die Tür und setzte sich auf ihre Schlafstätte. Die alte Decke sah besser aus, als ihr Umhang. Stilo hatte Recht gehabt, sich als Sklavin auszugeben, war wirklich keine kluge Idee gewesen.


    Aber woher sollte sie das wissen? Vielleicht war diese Idee dumm, aber dies war immer noch besser, als die Hände hilflos in den Schoss zu legen. Mehr als ihre Brüder warnen konnte Madara nicht. Doch genau jene Warnung musste ihre Brüder erreichen und da sich keiner verantwortlich fühlte, hatte sie die Aufgabe selbst in die Hand genommen. Mit einem leisen Seufzer stand sie wieder auf und hing ihren Umhang über jenen Stuhl, den sie nicht benötigte. Auf dem anderen nahm Madara Platz und aß langsam und bedächtig ihr gefülltes Brot.


    Stille herrschte in dem kleinen Zimmer und es war etwas muffig. In ihrem großen Gestüt herrschte immer Trubel, zu keiner Zeit war es wirklich leise. Ein Umstand, der Madara gefiel und der ihr jetzt besonders bewusst wurde. Sicher unten in der Taberna war etwas los, sie hörte die üblichen Geräusche. Dennoch saß sie hier auf ihrem Zimmer allein und fragte sich, wie es dazu nur hatte kommen können. Das zu fragen nützte nur nichts, denn weder kam sie auf die Antwort, noch brachte dass die Pferde ihrer Familie zurück.


    Ihr blieb nur eines übrig, auf ihre Brüder und auf ihren Neffen zu warten. Die Anspannung löste sich so langsam und genauso löste Madara ihre Haare. Der Zopf zog und zerrte zusätzlich an ihren Nerven. Etwas gestärkt und mit dem Gefühl, doch ein klein wenig etwas zur Rettung des Gestüts beigetragen zu haben, legte sie sich ins Bett. Ihre Gedanken waren bei Stilo. Hoffentlich erreichte er schnell und sicher Cimber.

  • Tag und Nacht wechselten sich ab, was nicht wechselte war ihre Unterbringung. Noch immer saß sie im goldenen Gockel fest. Von Stilo und Cimber keine Spur. Was hatte sie erwartet bei einer Männerwirtschaft? Ein guter Mann benötigtige eine passende Frau. Selbst der beste Mann verlor schnell das Ziel aus den Augen, wenn seine Frau nicht ein wachsames Auge auf ihn, seine Aufmachung, seinen Weg und seine Karriere hatte. Die gute Frau wusste, wie sie ihren Mann motivierte und auf ihn achtgab. Es war schon so manche Karriere gescheitert, weil eine unfähige Frau nicht in der Lage war, entsprechende fördernde Einladung zu arrangieren. Ebenso gab es für den ersten Eindruck keine zweite Chance. So oblag es auch der Frau ihren Mann nur vorzeigbar vor die Tür treten zu lassen, damit dieser in seiner ganzen Macht und Pracht strahlen und ihrem Haus Ehre bringen konnte.


    Die behütende und umsorgende Hand fehlte eindeutig bei Stilo und Cimber, stellte Madara betrübt fest und überlegte wie sie es bis zu den beiden schaffen konnte. Vielleicht sollte sie ihnen eine Nachricht hinterlassen und sich selbst auf den Weg machen? Eine Miet- oder Soldklinge könnte sie zu ihrem Schutz begleiten. Die Rechnung würde Cimber übernehmen müssen, sie konnte schließlich nicht bis zu seinem Dienstende im goldenen Gockel hocken und auf ihre Abholung warten.


    Natürlich wusste Madara, dass Cimber genau wie Stilo anderes zu tun hatten, als die Aufpasser für sie zu spielen. Allerdings fragte sie sich insgeheim, warum sie keinen Abgesandten geschickt hatten. Hatten die beiden sie über ihre Arbeit, Akten oder anderen Angelegenheiten vergessen? Genau das galt es heraus zu finden.


    Madara warf ihren neuen Umhang um die Schultern, den sie sich hatte von Besitzer des Goldenen Gockels beschaffen lassen. Der Umgang war wie alles andere auf die Rechnung für Cimber gesetzt und angeschrieben worden. Mit neuem Mut und neuer Kleidung machte sich Madara auf den Weg ihre Verwandten zu suchen.

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