Eine ganze Zeit lang musste der Tiberier mit seinen Mitbrüdern warten, ehe der Aemilier erschien. Er hatte einen hochroten Kopf und wäre fast gestolpert, als er die Curia betrat.
Er begrüßte rasch die anwesenden Brüder, dann setzte er seine religiöseste Miene auf. Alles war bereits bereit: Eine Sau, die ordentlich gemästet wirkte, wurde von einem Tempeldiener am Strick geführt, Durus hatte das Ritualmesser in Händen, das er zu gegebener Zeit dem Mitbruder reichen würde. Ein weiterer Arvale trug eine Schüssel mit mola salsa, ein dritter eine Kanne Wein. So konnte Pansa nach einem kurzen Voropfer und der rituellen Händereinigung endlich mit dem Hauptopfer beginnen.
Einer der Opferdiener entrollte eine Schriftrolle und gab dem Aemilier den Text flüsternd ins Ohr, sodass dieser laut sprach:
"O Angerona, herrliche Göttin, Geheimnisvolle!
Seit ältester Zeit befreist Du uns vor der Angst, die unsere Herzen gefangen hält, die unseren Geist lähmt und den Körper schwächt.
Daher bringt die Bruderschaft der Arvalen seit ältester Zeit Opfer zu Deiner Ehre dar. In jenen Tagen, in denen wir Saturn, den Herrn des Überflusses, ehren und jenes goldene Zeitalter feiern, in denen alle Menschen und Götter frei waren von Angst und Furcht, opfern wir jenes Schwein, dessen Blut Dir gefällt.
Auch das folgende Jahr mögest Du, herrliche Göttin, unsere Herzen und Körper stärken, den Geist befreien, aufdass wir furchtlos dem schlimmsten Feind, der feindlichen Natur entgegentreten, dass uns weder Krieg, noch Unruhe, weder Sturm, noch Überschwemmung, weder Feind, noch Natur uns ängstige, dass einzig den unsterblichen Göttern unsere Furcht gelte.
So dies geschehe, Angerona, möge unser Dienst ewig und unsere Opfer groß sein im nächsten Jahr und von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Durus lauschte den Worten. Der Dienst der Angerona war Durus ein sehr persönliches Anliegen, denn tief in seinem Inneren quälten ihn so manche Ängste, die er niemals zum Vorschein gebracht hätte. Seit wenigen Monaten war eine entscheidende hinzugekommen: Wer würde seiner gedenken, wenn er starb? Gerade bei Betrachtung der Lage von Quintus war er darauf gekommen - er stand im Feindesland und kein Sohn würde seinem Genius opfern, keiner die Familienlinie weiterführen. Vielleicht war er daher ermahnt worden...
So bemerkte der Tiberier kaum, wie der Opferdiener und Aemilius Pansa kurze Worte wechselten und erst der Schrei der Sau riss Durus aus den Gedanken. Blut spritzte und ein Tropfen trat tatsächlich den Saum des Gewandes der Götterstatue. Ein weiterer Durus' weiße Tunica. Ob es ein Zeichen der Verbundenheit war? War Angerona ihm gnädig?
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