Beiträge von Diagoras von Melos

    Wie erfreulich, dachte sich Diagoras, ein göttlicher Soldat mit unendlicher Weisheit gesegnet regiert uns. Oder jedenfalls Theodoros, der dem Göttlichen ja in Rom bedeutend näher gewesen war. Aber gut, ein wenig rhetorisches Ohrenschmalz für die Römerfreunde im Raum war sicherlich diplomatisch gemeint, auch wenn Theodoros leider nicht wie ein Diplomat, sondern wie ein junger Akroates aussah, der gerade seinen ersten Vortrag halten sollte. Aber auch das kann man positiv sehen ...


    Diagoras machte sich nichts vor: er wurde von den meisten Menschen als junger sophistischer Schwätzer abgetan, und Theodoros zweifellos als ein Eierkopf, der nur seine Wissenschaften in eben diesem hatte ... alles hatte seine Vorteile. Das Pferd war aus dem Stall und nun im Rennen ... das Spiel konnte beginnen ... ob wer danach Beifall klatscht? :app:

    Diagoras kramte in seinem Lederbeutel, den interessanterweise die Wachen nicht durchsucht hatten und für den sich auch sonst niemand interessiert hatte. Nicht, daß er den Präfekten mit einem Obstmesser hätte ermorden wollen, nicht einmal für eine anständige Rasur hätte es gereicht, aber immerhin.


    Er fand einen kleinen Drüwken, den er mit dem Messer schnell in vier Spalten teilte und sich eine davon in den Mund steckte. Das Gespräch mit dem Magister hatte ihn schläfrig gemacht, als hätte es Tage gedauert, eine kleine Erfrischung war da nur recht und billig, bis der Römer geruhte, zu erscheinen.

    Bürger!


    Diagoras nahm den Granatapfel aus dem Mund, schluckte ein paar Fruchtstücke und spuckte die Kerne auf den Boden:


    Der vorliegende Entwurf der "Erweiterten Bestimmung bezüglich Angehöriger anderer Poleis und Ethnoi" ist offensichtlich im Widerspruch zu den seit altersher in allen Völkern, Poleis und Stämmen geltenden Gesetzen: niemand ist automatisch irgendeines Volkes, irgendeiner Polis und irgendeines Stammes, außer dessen, der er durch seine Geburt bzw. durch seinen Vater angehört.


    Die Bestimmung:


    "1b) Jeder mündige Rhomäer, der in Alexandria ansässig ist, genießt automatisch die selben politischen Rechte wie ein alexandrinischer Bürger. Die Polis Alexandria erkennt die rhomäische Grundausbildung vollwertig als Ersatz für die Ephebia an."


    tritt die Freiheit und Unabhängigkeit der ehrwürdigen Gründung des göttlichen Alexander mit Füßen wie auch die sämtlicher Poleis in der Oikumene.


    Zudem: welche Rechte hat ein "alexandrinischer Brüger" - ein polites Alexandrinos? "Der alexandrinische Bürger hat das volle aktive und passive Wahlrecht in der Stadt inne. Er kann bei den Volksversammlungen mitstimmen und sich für ein Amt der Stadt bewerben lassen." So sagen es die Gesetze über die Polites Alexandrinoi. Diese hier vorgelegten Bestimmungen widersprechen darüberhinaus der Grundverfassung unserer Polis, niedergelegt im Anhang des Codex Universalis, Pars Tertia Decima - Katastasis Alexandres, Subpars Prima - Politea:


    "§ 1 (3) Als Polites Alexandres gilt der, der die Ephebie durchlaufen hat und von der Volksversammlung durch Abstimmung in die Bürgerschaft aufgenommen wurde, sowie jedes eheliche Kind eines Polites. Ebenso gelten alle, denen die Proxenia verliehen wurde, als Polites."


    und Subpars Quarta - Ephebia


    "§ 8 (1) Die Ephebia ist die Voraussetzung zur Erlangung des aktiven und passiven Wahlrechtes in Alexandria für alle freien Menschen ungeachtet von Stand und Herkunft. Die Ephebia wird von der Polis vergeben." Von "automatisch" lese ich da nichts!


    Nun wird man einwenden - und das mit Recht - daß nach § 6 (2) dem göttlichen Kaiser und allen anderen Römern die Proxenie verliehen wird, die auch eine Ephebie als Voraussetung unnötig macht, siehe § 8 (6). Nun aber: warum wird das, was schon festgelegt ist, nochmals festgelegt? Was für eine Mogelpackung wird uns da vorgelegt?


    Wenn diese neuen erweiterten Bestimmungen gebilligt werden, bedeutet daß, daß faktisch jeder Römer, den sie nach Alexandrien einschiffen, hier automatisch aktives und passives Wahlrecht genießt, ohne irgendeine Ahnung unserer Gesetze und Gebräuche zu haben, denn er braucht ja auch keine Ephebie abzulegen. Das ist ein Unding!


    Und über kurz oder lang werden nicht die freien griechischen Bürger Alexandriens, sondern die römischen Zugereisten, die man als gekaufte Stimmen hierher karrt, in Alexandrien die Politik machen und nicht mehr die Alexandriner. Das ist eine Gefahr!


    Die Verleihung der Proxenie an jeden Römern und den Kaiser ist im Grunde eine Formalie, eine Ehre, von der der Großteil der cives Romani sicherlich nichts weiß und die wahrzunehmen ihnen nicht in den Sinn käme.


    Zudem ist es eine Mißachtung der ekklesia, diesen Vorschlag zunächst dem Präfekten der Provinz und dann erst dem eigentlichen bestimmenden Organ, der ekklesia, vorzulegen. Das ist ein Frevel!


    ... und nebenbei ein versuchter Bruch des §2a ...


    Darum beantrage ich primum hiermit, einerseits diese sogenannten "erweiterten Bestimmungen" wegen der Verfahrensmängel im Procedere im Ganzen zurückzuweisen und die Prytanen mit einer ordentlichen Verfahrensaufnahme zu beauftragen und den Entwurf zuerst der Ekklesia und dann nach Verabschiedung dem Präfekten zur Promulgation zu übersenden, wie es sich gehört.


    Weiters fordere ich, den Abschnitt 1b zu streichen, da er eine völlig überflüssige Wiederholung darstellt.


    Römische Bürger sind als Einwohner Alexandriens herzlich willkommen, aber automatisch - ja: automatisch! - können sie billigerweise nicht am politischen Leben aktiv und passiv teilnehmen, und schon gar nicht ohne die geringste Kenntnis griechischer Sitten und Gebräuche.


    Darum beantrage ich secundum, daß römische Bürger mit Ablegung der Ephebie dieselben Voraussetzungen erwerben können wie alle Bürger Alexandriens, im Sinne einer Sympolitie und damit beantrage ich im Gegenzu eine Änderung des § 8 (6) dahingehend, daß Ihnen zwar die Proxenie, aber nicht damit auch das aktive und passive Wahlrecht zugebilligt wird, jedoch gerne nach Ableistung der Ephebie.


    Und tertium anempfehle ich der ekklesia, den Prytanen einen Rechtslehrer auf Kosten der Polis zu stellen, um ihre offensichtlichen Defizite in der Kenntnis der Gesetztexte zu beheben.


    Diagoras sah sich um und hoffte, damit einen Nerv der Bürger getroffen zu haben, da er glaubte, mit seiner Besorgnis nicht allein zu sein ...


    Sim-Off:

    Der Gesetzesentwurf - und die Bestimmung in der Katastasis - ist wirklich problematisch: im Tabularium steht: "Der alexandrinische Bürger hat das volle aktive und passive Wahlrecht in der Stadt inne. Er kann bei den Volksversammlungen mitstimmen und sich für ein Amt der Stadt bewerben lassen. [...] Das Bürgerrecht ist durch das Durchlaufen der Ephebia zu erreichen. SimOff ist dazu auf jeden Fall das Ablegen des abschließenden Tests notwendig." Die Voraussetzung ist der Status des Peregrinus. SimON kann also gemäß dieser letzten Bestimmung kein civis Romanus volles aktives und passives Wahlrecht genießen, d.h. ein Römer genießt SimOn nie dieselben politischen Rechte, von denen 1b und § 8 (6) spricht. Außer, er wird Peregrinus und durchläuft das SimOff/On-Ephebie-Verfahren ... das Tabularium - und die Pars Tertia Decima - Katastasis Alexandres im Anhang des Codex Universalis widerspricht also der Bestimmung 1b, was diese dann SimOn eigentlich unsinnig macht ... Man sollte vielleicht insgesamt mehr Klarheit über "Bürgerrecht", "polites Alexandrinos", "proxenie" usw. schaffen ...

    Beinahe wäre Diagoras endgültig weggedudelt, als es klopfte und eine Stimme irgendwas draußen rief. -.^ Er wälzte sich aus dem Bett, grapschte nach einer Ölfunzel, die natürlich nicht mehr brannte und tappte im Dunkeln zur Tür:


    Ich habe bislang drei verschiedene Arten von Chrysochroa corbetti in meinem Bett ausgemacht, wir sind hier also mindestens zu viert. Wahrscheinlich aber willst Du zu mir, oder irre ich mich? Was kann ich für Dich tun?


    Diagoras blinzelte und sah sich einem Mann gegenüber, der bei "Achaia sucht den Superkitharoden" sicherlich reihenweise Männer- und Mädchenherzen gebrochen und den 1. Platz ohne Gefangene zu machen erobert hätte. Ob er für seinen jüngeren Bruder vorsorglich um ein Autogrammaton bitten solle?

    Leutselig lächelnd und nach keiner bestimmten Richtung nickend trat Diagoras in die Exedra. Den ein oder anderen glaubte er zu kennen; bei einem Mann mit einer Narbe auf der rechten Backe war er sich sicher, daß er in Ephesos eine Schriftrolle hatte mitgehen lassen - jedenfalls war mit Ende seiner Amtszeit dort die Nachfrist schon seit einiger Zeit überschritten und angemahnt worden. Der Epistates der Kelsos-Bibliothek hatte sich nie dazu durchringen können, reklamierte Bücher durch grobschlächtige skythische Burschen bei den Säumigen eintreiben zu lassen, ein direktes und effizientes Verfahren, wie Diagoras fand.


    Er druckste ein wenig an einer korinthischen Säule herum und biß in eine Birne, denn er war vor Sonnenaufgang noch schnell zum Markt gelaufen, um seinen Tagesbedarf an Kernobst aufzufüllen. An ein mit schwelenden Kohlen gefüllten Tripod gelehnt, beobachtet er das Geschnatter der Großen Geister.


    Theodoros wehte herein und setzte sich schnurstracks auf den freie Stuhl des Epistates, ein Vorgang, der, wie Diagoras bemerkte, genau beobachtet wurde und durchaus geteilte Reaktionen hervorrief. Diagoras grinste und verbarg die Grimasse mit einem weiteren Biß in die herrliche Doppelte Philippsbirne.

    Als Diagoras des abends zum Museion zurückkehrte, um nochmals aus einer Rolle einige Passagen zu kopieren, wartete am Empfang ein junger Mann auf ihn, der sich als Dienstmann der Verwaltung vorstellte und ihm ein Zimmer innerhalb des Museions offierierte. Es seien nur einfache Räumlichkeiten, aber sauber, ordentlich und dennoch frei von offensichtlichem Ungeziefer. Da der Stadtpark zwar ebenfalls sauber und ordentlich war, dennoch voll von offensichtlichem Ungeziefer, schaltete Diagoras sein Gehirn erst garnicht ein und ließ sein Mundwerk gleich eifrige Zustimmung artikulieren.


    Im Zimmer angekommen, das tatsächlich frei von offensichtlichem Ungeziefer war (wie sich herausstellte, waren jedoch einige reizende Käferarten schon Hauptmieter, aber wer will angesichts schillernder Rückenpanzer von "Ungeziefer" reden?), räumte Diagoras seine Tasche aus, war einige Apfelgriepsche kurzerhand aus dem offenen Fenster und warf sich mit lustvollem Stöhnen auf seine Kline. 'Autsch' rief er und fluchte ein wenig im ionischen Dialekt, das Zimmer war auch frei von offensichtlich weichen Liegen. 'Fehlt nur noch die schwarze Suppe und schon fühle ich mich wie in Sparta' dachte er ärgerlich. Wenn ihm etwas auf die Sandalen ging, dann mangelnder Komfort und ein hartes Bett. Er zählte bis Enneakaideka und schloß die Augen ...

    Diagoras hob die linke Augenbraue, sah sich um, zog sich - ah! - einen Stuhl heran und setzte sich. Nach kurzem Kramen und Kruschen beförderte er einen Apfel ans Tageslicht, biß hinein und sah den Magister heiter interessiert an, so als ob Diagoras ein Student der Medizin sei, und der Magister ein interessanter diagnostischer Fall zu werden verspreche.


    Eheu, Magister ...

    Zitat

    Original von Theodoros Alexandreus


    Zufrieden, wenn auch verwundert, denn eigentlich müsste er doch entscheiden, wer Gastrecht genießt und wer nicht, verabschiedet er den Gast. "Ich werde bei Gelegenheit bei dir vorbeischauen."


    Sim-Off:

    SimON wußte/weiß Diagoras noch nichts von seinem Zimmer, das passiert zeitlich erst nach seinem Besuch bei Theodoros zu fortgeschrittener Stunde durch die Verwaltung. Auch SimOff hatte er davon keine Ahnung zum Zeitpunkt des Gesprächs. =)


    Höchsterfreulich, dann mach ich mich mal in die Sandalen ... bin momentan bei den Chaldäischen Schriften zu finden, habe da einige nette Probleme und noch nettere Lösungen entdeckt. Leb' wohl!

    Zitat


    Gerade war Theodorus in Gedanken damit beschäftigt, was er mit dem Melier machen sollte (denn irgendwas hatte er definitiv mit ihm vor, er wusste nur noch nicht, was), als dieser sich einfach so blumigst empfahl und im Begriff war, den Raum zu verlassen.


    "He, Moment noch, warte!" ruft Theodorus ihn zurück. "Wo kann man dich finden, wenn man dich sucht?"


    Hier, Theodoros. Hier im Museion. Mögen Dir Kräfte des Herkules zufallen, Du hast auch viele Arbeiten vor Dir! Wir sehen uns vielleicht schon morgen ...

    Grüße und Segen, Magister.


    Diagoras von Melos bin ich, meines Zeichens Lehrer an der platonischen Akademie in Athen und hier in Alexandria als Sprecher der griechischen Bibliotheken und Lehranstalten in den Provinzen Achaia und Asia. Mein eigentliches und vordringliches Ziel war ein inoffizielles Gespräch mit dem Epistates Tychios, wie Ihr aber zweifelsohne wißt, weil dieser aufgrund des unergründlichen Ratschlags der Götter nicht mehr unter uns. So muß ich das Angenehme eines Höflichkeitsbesuches mit dem Nötigen aufgrund der veränderten Situation verbinden und möchte dem Präfekten meine Aufwartung machen.

    Zitat

    Original von Theodoros Alexandreus


    Diagoras sinnierte lange wie abwesend, seufzte dann und meinte dann:


    Einen Toten, lieber Theodoros, kann man nicht vertreten, das würde bedingen, daß Thychios irgendwann wiederkehrt, was die Götter verhüten mögen. Hoffentlich wird er verbrannt und nicht nach ägyptischer Sitte bestattet. Organlose Widergänger haben so etwas widerliches. Buh!


    Er grinste einschief und sah dabei wie ein zu groß geratener Junge aus, der gerade vorhat, eine Magd zu erschrecken.


    Aber genug der Sophisterey. Dein Interesse ehrt mich unverdient: Ich habe mich aus gesundheitlichen Gründen in Alexandreia niedergelassen und mich auch schon vom Gymnasiarchos in die Bürgerliste einschreiben lassen. Um meine Atmung ist es nicht zum besten bestellt, ich komme leicht außer Puste und im Asklepeion hat man mir die trockenen Winde Ägyptens ans Herz gelegt. Den Lehrstuhl habe ich noch inne, allerdings ist es eher ein Ehrenamt, denn eine wirkliche Verpflichtung. Momentan bin ich völlig freigestellt. Vielleicht halte ich in ein oder zwei Jahren, wenn meine Studien hier Ergebnisse zeitigten, eine Veranstaltung dort. Oder auch später. Jedenfalls fühle ich mich momentan durchaus sehr belebt, sicherlich das gute Klima.


    Der Meler erhob sich und ließ die Gelenke krachen:


    Nun, ahoj und Segen: ich möchte noch einen Höflichkeitsbesuch machen und nachdem wir so wunderbar geplaudert haben muß ich an meine Pflichten als Neuankömmling in dieser Stadt denken und ihnen leider nachkommen. Ich hoffe innig, Euch alsbald wieder begegnen zu dürfen, so es Eure Zeit erlaubt. Ich empfehle ich ...

    Verzeih' O Theodoros, wenn ich Dir Dir da widersprechen muß.


    Diagoras nippte erneut an seinem Becher und schlug die Beine übereinander.


    Oder: laß' es mich anders formulieren: Im Grunde ist es gleichgültig, wer Thychios getötet hat, wenn Tychios getötet wurde - das schließt auch den Fall ein, daß Ihr darin verwickelt seid, was ich wiederum nicht wirklich glaube. Ich bin nicht amoralisch, aber auch kein Moralist, soll heißen: ich goutiere nicht, daß er getötet wurde, aber ich bin froh, daß nun der Stuhl des Epistates zur Disposition steht. Mir wäre eine andere Lösung lieber gewesen, aber so ist es Wille von Tyche - und daraus muß man das Beste machen.


    Tatsächlich aber ist ein ermordeter Vorgänger eine schwere Hypothek für den Nachfolger, vor allem, da Ihr Tychios noch lebend begegnet seid - und nicht etwa erst nach seinem Tode überhaupt in Alexandria eingetroffen seid.


    Philosophisch gesagt: nicht die Wahrheit ist entscheidend, sondern das, was andere für die Wahrheit halten. Nicht die Wahrheit vernichtet, sondern das Gerücht. Und selbst wenn ein Schuldiger gefunden wird, wird irgendjemand doch behaupten, er sei gedungen. Von Euch - verzeiht!, von mir für die Athener und die Ionier, oder - den Rhomaiern, deren Gegner er ja auch war. Und gerade diese Vielfalt ist unser Glück. Denn für alle ist ein Verdacht eine Katastrope. Aber eder hat auch Vorteile durch den Tod des Tychios ... ich sollte der Tyche ein Libations-Opfer aus Dankbarkeit darbringen ...


    ... sprach's und goß den Rest des Wassers mit einer leichten Bewegung der Hand auf den Boden.

    Oh, habt Dank', Ehrenwerter, einen Stuhl und etwas Quellwasser - hoffentlich kein Brunnenwasser ... hihih - - So.


    Er schenkte sich einen Becher ein - natürlich bis zum Rand - nippte ein wenig daran, während er einen kleineren Schwall über seine Kleidung goß, stellte das Gefäß zurück, biß wieder ein Stück von seinem Apfel:


    Hoffentlich bekomme ich keine Bauchschmerzen von der Kombination - und wenn ... Schule? Ich bin in Ephesos aufgewachsen, also Schüler der ionischen Naturphilosophen, und habe an der Akademie in Athen meine Studien erweitert. In Ephesos war ich 2. Bibliothekar an der Kelsos-Bibliothek und danach bis vor kurzem in Athen Lehrer für Kosmologie und Historia.


    Ich werde bei Gelegenheit brieflich Deine Grüße und Deine Versicherungen übermitteln, wobei ich schon in Attika Deine Argumentation - wenn auch in meinen bescheidenen Worten - vertreten habe. Ich finde bei Dir meine Sicht also nur bestätigt.


    Trotzdem: die Situation ist kniffelig, es wäre in jedem Falle hilfreich, wenn sich herausstellen würde, daß Tychios eines, nunja, natürlichen Todes gestorben wäre. Herzanfall am Brunnenrand, während er eine Ode rezitierte oder irgendetwas in der Preislage ... die Situation ist ungünstig - für die Römer, die Griechen - und für Dich als Einzelperson. Denn nichts belastet so sehr wie ein ermordeter Vorgänger ...


    Hoppla - hier geht's ja zu wie auf der Agora. Noch jemand vor der Tür!


    Sim-Off:

    Was "Feines"? Aha ... :D Schau'n mer mal ...

    Hochverehrter Theodoros,


    Diagoras wippte vom linken aufs rechte Bein, griff in seine Ledertasche und förderte einen kleinen rot-grünen Apfel zutage. Da biß er hinein und meinte - während er in seiner linken Backen kaute:


    Ist das nicht offensichtlich? Das Museion braucht keinen um sich selbst kreisenden Bibliothekar, dessen Säfte allein schon beim Wort 'Rhomaier' in Wallung geraten ...


    ... er deutete sacht eine Würgereiz an ...


    ... und der die lateinische Abteilung - die übrigens so schlecht nicht ist - am liebsten schließen und die Rollen verbrennen würde, wenn nicht ziemlich viele und ziemlich bewaffnete Rhomaier in Alexandria weilten. Das Museion braucht einen Griechen, einen Hellenen, der mit den Rhomaiern umgehen kann und auch an ihnen interessiert ist. Das mag nicht jedem stolzen Griechen einleuchten, daß jemand vom Zentrum des Wissens in Alexandria an die Peripherie nach Rom geht, um dort Wasauchimmer zu tun oder nicht zu tun. Aber es ist pragmatisch, wissenschaftlich gedacht und klug, jedenfalls für einen Epistates der größten und wichtigsten Bibliothek in der gesamten Welt, der zivilisierten, der römischen und der restlichen Welt.


    Er grinste. :D


    Und, sagen wir mal, gerade die attischen und die ionischen Zentren der Wissenschaften sind sehr an einem harmonischen und funktionellen Verhältnis mit den Römern interessiert, die Zeiten der überheblichen Provokationen ist vorbei und kontraproduktiv; Prodikos von Abdera, der neue Leiter der platonischen Akademie in Athen, ist einer derer, für ich spreche.

    Sim-Off:

    Danke. :) Hatte im Forum der Akademie gelesen, daß jemand ins Museion zur Bestandsaufnahme geschickt worden ist - und diese Frau ist auch mit dem Epistates zusammengetroffen. Daher Diagoras' prinzipielle These von der Unterordnung ... SimOn. ... bringt mich zwar ein wenig aus dem Konzept, so ich eins hatte, aber irre werd' ich nicht daran ...


    Ich? Daigoras schmunzelte, Nein, immo vero! Aber irgendjemand wird es behaupten. Und jeder, der schon einmal Phylakes-Romane gelesen hat, wie von Christa Agatha, der weiß, daß Hercules Potator *) als erstes frägt: "Cui bono? Wem nützt's? Und da stehst Du, Tyche sei Dank, ganz vorne in der Warteschlange. Und daß die Akademie in Rom nichts mit dem Museion zu tun hat, naja, wie man es interpretiert. Bei der Ernennung des nächsten Epistates wird Rom sicherlich auch gerne mitreden wollen. Und damit meine ich nicht nur den gottgleichen Kaiser, egal wie das Parthien-Abenteuer ausgeht. Und egal wie dieses Abenteuer ausgeht - ich bin nicht der einzige, der sich Dich als Nachfolger des Tychios wünscht ... Und in gewisser Weise bin ich deshalb auch in Alexandria.





    Sim-Off:

    *) Hercules Potator = Hercule Poirot, poivrot = Säufer

    Das freut mich, daß Ihr mir zustimmt: die Ereignisse stellen sich eigenartig dar, sind es aber vielleicht überhaupt nicht.


    Diagoras räusperte sich einen nichtvorhandenen Frosch aus dem Hals.


    Jedenfalls wird es nicht wenige geben, die glauben, zwischen Eurer sehr geschätzten Rückkehr an das Museion von Alexandria und dem überraschenden Tod des umso wengiger geschätzten Epistates des Museion eine Verbindung ziehen zu können.


    Die bestehende formale Unterordnung des Museion in Alexandria unter die Schola in Rom war und ist dem überwiegenden Teil der Wissenschaftler Griechenlands und Ioniens ein Dorn im Auge. Und es ist wohl mehr als ein offenes Geheimnis, daß der Einfluß Roms, der sich ja nicht in Personalangelegenheiten erschöpft, von bestimmten Kräften weiter ausgebaut werden soll, das Museion an die kurze Leine genommen werden soll. Über kurz oder lang dürfte irgendwer - offiziell oder nicht - aus Rom auftauchen und diese kürzere Leine mitbringen.


    Er hielt kurz inne um die Reaktion auf dem Gesicht seines Gegenübers zu erkunden ...


    Damit seid sicher nicht Ihr, hochverehrter Theodoros, gemeint, auch wenn ... ich darf mir die Freiheit erlauben, offen zu sprechen? Danke. ... auch wenn Euer Aufenthalt in Rom so manchen an Eurer Loyalität und Integrität zweifeln läßt.


    Mit einer lauen Handbewegung wischte er diese Zweifel wie irgendein Insekt beiseite:


    Tychios war wissenschaftlich gesehen vielleicht eine Null, mit Sicherheit aber eine trübe Funzel, aber unbestreitbar ein unbedingter Kämpfer für den Erhalt des griechischen Einflusses am Musieon. Jetzt ist der Epistates tot, Ihr, Theodoros seid da. - Könnt ihr mir folgen?


    Diagoras blickte freundlich lächelnd in Theodoros' graue Augen.