Beiträge von Flavia Celerina

    Ach dieser süße kleine Wonnebrocken! Es gefiel ihm, bei seiner 'Tante' zu sein. Jedenfalls gab er keinen Mucks von sich, der darauf hindeuten ließ, daß ihm diese Abwechslung zu wider warl. Nun ja, mir gefiel es auch, ein kleines zappelndes Päckchen in Armen zu halten. Antonia indes mußte sich mit dem Stofftier zufrieden geben. Wohlweißlich nutzte sie diese kleine Pause, um sich etwas zu entspannen.


    "Oh danke! Ich muß sagen, es ist auch angenehm, ihn zu tragen!" Mit etwas Glück, konnte das ganz schnell in Mode kommen. Ja, der kleine Mann stand mir wirklich gut, so befand ich. Ich tröstete mich für den Augenblick damit, daß es in naher Zeit anders aussehen könnte. Dann wäre ich die glückliche Mutter und das Kleine auf meinem Arm wäre mein Sohn! Oh ja! Wenn schon die ganzen Strapazen in Kauf nehmen, dann sollte es schon ein Sohn sein! Selbstredend wußte ich, wie wenig bis gar keinen Einfluß man darauf hatte. Die einzige Möglichkeit bestand darin, die Götter darum zu bitten. So hatte ich schon längst beschlossen, wenn es denn soweit wäre, Iuno einen Besuch anzustatten.


    Insgeheim dachte ich aber schon, daß es doch ganz schön anstrengend sein mußte, den ganzen Tag so gluckenhaft das Kind im Arm zu halten. Da mußte es ihr doch wie gerufen kommen, wenn die Natur ihren Tribut forderte und das Kind gewickelt oder gefüttert werden musste. Apropos wickeln, ja! Dieser Gestank beleidigte meine Nase! Er verschwand nicht einfach so, nein ganz im Gegenteil, er verstärkte sich noch. Ich wollte nicht wirklich wissen, worum es sich dabei handelte. Wohl verhielt es sich aber doch so, Klein-Manius mußte sich erleichtert haben. Es fragte sich nur, wie lange die Windel standhalten würde. Es war doch besser, ihn der leiblichen Mutter wieder auszuhändigen, bevor noch ein viel größeres Malheur geschah.
    "Meine Liebe, möchtest du nicht wieder deinen kleinen Schatz haben?"

    Ich war sichtlich erfreut, das Richtige für den Kleinen besorgt zu haben. Nicht minder albern, wie die Frau Mama, sah ich, die selbsternannte Tante, Klein-Gracchus zu, wie er mit dem Stofflöwen hantierte. Er war einfach zu drollig! Dem Kleinen vzuzusehen, war ein tagesfüllendes Werk. Man konnte sich einfach nicht sattsehen!
    Es kam wahrscheinlich auf den Blickwinkel an, manchmal schien die Ähnlichkeit zu Vater oder Mutter unverkennbar zu sein. Ich hingegen wollte mich da nicht so genau festlegen, wem der kleine Mann am Ähnlichsten war. Am Ende sagte ich noch etwas Falsches!


    Meiner Bitte wurde umgehend entsprochen und so konnte der 'Gefangenenaustausch' sofort stattfinden. Stofflöwe gegen Baby! Der arme Kleine wusste gar nicht wie ihm geschah! Er schaute so verunsichert, als er die Seiten wechselte. Der Ärmste, er war seiner Mutter und der „Tante“ hilflos ausgeliefert. Mit den Worten "Ja wer kommt denn da? Klein-Manius komm schnell her zur Tante!" übernahm ich ihn, nicht ohne die Mutter vorher beschwichtigt zu haben. "Aber ja Antonia. Ich bin so vorsichtig, als wäre er mein!" Antonia legte ihn mir in die Arme und ich achtete darauf, daß sein Köpfchen geschützt war.
    Das war wirklich ein schönes Gefühl, den Kleinen im Arm zu halten. So war nur zu hoffen, er würde nicht gleich herum zu quäken, während er bei mir war. Ich tätschelte ihn sanft und trug ihn mit mir herum. Noch war er brav und still! Hätte ich gewußt, was diese besondere Stille bei Kindern zu bedeuten hatte, dann wäre ich spätestens jetzt mißtrauisch geworden! Ach wäre er doch nur mein gewesen, dachte ich still versonnen für mich. Nur mein leises seufzen konnte man hören.
    Nanu, woher kam nur dieses... Odeur? :D

    Waren das nicht genau meine Worte? Natürlich, es war doch immer das Gleiche! Aber je eher er akzeptierte, daß eine Flucht ihn nicht viel weiter brachte und daß nun hier sein Platz war, desto weniger Schwierigkeiten würde er letztlich haben, sich hier zurecht zu finden.
    "Nun, Chimerion, verschwende deine Zeit nicht länger mit Fluchtgedanken! Es wird dir eh nicht gelingen. Deine Heimat ist nun hier in diesem Haus, bei mir und dies wird solange deine Heimat sein, wie es mit gefällt. Solange du mich nicht enttäuschst, wird es dir hier gut ergehen und dir wird es an nichts mangeln. Falls dein Drang nach sogenannter Freiheit doch stärker sein sollte, gibt es Mittel und Wege, dir diese Gedanken auszutreiben."
    Mir war dieses Thema zuwider! Ich wollte darüber nicht mehr nahdenken müssen. Ahja, er konnte massieren und kleinere Verletzungen verarzten? Seinen Herrn hatte er nach dem Bad immer massiert! Endlich etwas Erfreuliches!
    "Oh du kannst massieren! Wirklich? Dann beweise mir deine Kunst!" Demonstrativ streckte ich ihm meinen linken Fuß entgegen. Der Fuß war noch in eine filigrane, mit Goldfäden bestickte Sandale gehüllt. Oh, wie ich es liebte, wenn man mir nach einem beschwerlichen Tag die Fußsohlen massierte!

    Sim-Off:

    Lachen ist gesund! :D


    Ich lächelte in mich hinein, neeeein nicht boshaft, weil er mir zugelächelt hatte und nicht seiner Mutter. Aber nun ja, eine gewisse Schadenfreude konnte man nicht verleugnen. "Ach, hat er das vorher noch nicht getan. Bin ich die Erste, dem er zulächelt? Du kleiner Charmeur, du!"
    Was Antonia auch anstellte, der kleine Sonnenschein wollte einfach nicht mehr lachen! Klein-Gracchus wußte schon genau, daß man nicht jeder zulächeln sollte. :D Wenigstes gab er zur Ruhigstellung seiner Mutter einige Laute von sich, als diese ihn an seinem Bäuchlein gestupst hatte. Ich lächelte meinerseits auch ganz verzückt und beinahe hätte ich das Päckchen vergessen, das ich mitgebracht hatte. Es war in ein buntes Tüchlein eingewickelt und fühlte sich von außen sehr weich an. Darin verbarg sich ein Löwe aus gelbem weichen Stoff, den man dem Kleinen in die Wiege legen konnte und den er gefahrlos mit seinem Mund und der Zunge erkunden konnte. Es hatte eine gefühlte Ewigkeit bedurft, bis ich nach einem passenden Geschenk fündig geworden war.
    "Oh ja, das Geschenk! Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich danach suchen mußte! Schau mal! Ist das ein Löwe? Ja das ist ein Löwe!" Ich hatte es für den kleinen Flavius geöffnet und hielt ihm das Löwchen vor die Nase. Und siehe da! Er streckte seine Patschehändchen danach aus! Ach, mein Herz schlug höher!
    Ein großer Wunsch kam in mir auf. Natürlich mußte ich Antonia erst darum bitten. Doch mir würde sie doch meinen Wunsch nicht abschlagen!
    "Darf ich ihn einmal nehmen? Nicht wahr, du möchtest jetzt einmal zu Tante Celi!"

    Oh, ihr Götter! Hatte sie bereits auf mich gewartet? Kaum hatte meine Hand die Tür berührt, schalle bereits ihre Aufforderung, einzutreten, an mein Ohr.
    Nun lag es an mir, mein entzückendstes Lächeln aufzusetzen, sie davon zu überzeugen, wie niedlich doch der kleine Flavius war und wie vorteilhaft sie nun nach der Geburt aussah und daß sie selbst die glücklichste Frau auf Erden sein mußte.
    "Ohhh, Antonia! Welch eine Freude! Den Göttern sei Dank, sie haben dir einen Sohn geschenkt! Du mußt sehr glücklich sein, meine Liebe! Wo ist er denn der kleine Wonnebrocken? Ahhh, da ist er ja! Ohhh, ist der aber niedlich!"
    Ich trat ein und überhäufte sie mit einem Schwall Glückwünsche und Herzlichkeiten, wie es sich eben geziemte. Wahrscheinlich hatte sie das alles in den letzten Tagen schon hundertmal gehört. Nicht jeder war so spät dran, wie ich es war. Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, hätte ich spätestens jetzt die Flucht ergriffen. Doch sie blieb standhaft! Einem Idyll gleich, saß die stolze Mutter, zusammen mit ihrem Kindlein auf dem Arm in einem bequemen Sessel und wiegte es hin und her.
    Neugierig beugte ich mich über sie und beäugte das kleine Bündel. "Nein, du bist aber wirklich süß, du kleiner Sohnemann." Ich vermied es, in einer kleinkindlichen Sprache mit dem Kleinen zu kommunizieren. Das fand ich einfach affig und diese Vertrautheiten führten nur dazu, daß der Kleine, wenn er erst einmal größer war, mich Tante Celi nannte! Dabei war ich gar nicht seine Tante. Oh, ihr Götter ich war seine Cousine! Das war ja noch schlimmer! Nein, nein, lieber die Distanz wahren! Doch der kleine Gracchus wußte schon, wie man Damen eines gewissen Alters betörte. Er hatte glächelt. Er hatte mir zugelächelt! "Antonia, hast du das gesehen, er hat mir zugelächelt! Ja guckuck, wo ist er denn der Kleine? Ja, da ist er ja der Süße! Schau mal, was sie dir mitgebracht hat, die liebe Tante Celi!" Es war einfach schrecklich miterleben zu müssen, wie man in kürzester Zeit, seine Vorsätze über den Haufen warf! :D

    Es war, als wäre ein Freudenschrei durch die Villa gezogen und ich hatte ihn natürlich auch vernommen. Antonias Kind war geboren! Hurra! Mir war es gelungen,der herrschenden Euphorie größtenteils zu entgehen.
    Ich hatte es ihr ja gegönnt, als sie sagte, sie sei endlich schwanger, die Ärmste! Innerlich haderte ich natürlich mit mir selbst. Warum war ich es nicht gewesen, die ihr Kind bekam? Ich hatte es mir immer schon so sehr gewünscht. Es war für mich der Höhepunkt meines Lebens, endlich Mutter zu werden. Unglücklicherweise hatten mir die Götter bisher mein Glück verwehrt. Bereits kurz nach der Empfängnis, hatten sie mir mein Liebstes wieder geraubt. Ich war damals in ein tiefes Loch gefallen und meinem Gatten hatte es gefallen, mir auch noch Salz in die Wunden zu streuen. Nun war er tot, den Göttern sei Dank! Das hatte er jetzt davon. Vielleichte war dies mit ein Grund dafür, warum ich mich so verbissen nach einem "Nachfolger" für ihn umschaute. Den hatte ich bereits gefunden, so hoffte ich und es war nur eine Frage der Zeit! Genau die Zeit! Sie war mein erklärter Feind. Auch ich wurde nicht jünger. Ich war schon dreiundzwanzig Jahre alt und bald schon stand mir mein vierundzwanzigster Geburtstag bevor! Wahrhaft deplorabel, um es mir den Worten meines verehrten Onkels zu umschreiben.
    Diesen Gang, den ich heute zu tun gedachte, war nicht mehr länger aufzuschieben! Tagelang hatte ich mich davor gedrückt, hatte mir Ausreden einfallen lassen, warum mir die Zeit fehlte. Doch selbst die ausgeklügelte Lüge half nichts. Ich mußte mich den Tatsachen stellen. Sie hatte ein Kind und ich hatte nichts! Ich war natürlich nicht neidisch! Neeein, natürlich nicht. Ich gönnte es ihr ja von Herzen. Die Ärmste, die Schwangerschaft mußte nun gänzlich ihre Figur ruiniert haben, ganz zu schweigen, was nach dem Stillen von ihrer Brust übrig blieb. Ich war nicht gehässig. Neeein! Ich gönnte es ihr!
    Nun stand ich vor ihrer Tür, mit einem Päckchen in der Hand und… Nein, ich klopfte nicht. Ich zögerte erst, um mir dann doch klarzuwerden, daß es keinen Aufschub mehr gab. Jetzt oder nie, auf in den Kampf!

    Nun, der Knabenliebe gab er sich wohl nicht hin. Nicht nach dieser Reaktion. Aber im Grunde tangierte mich dies auch nur peripher, welchen Neigungen sich meine Sklaven hingaben. In dieser villa gab es eine Unzahl von Sklaven beiderlei Geschlechtes. Wenn er seine 'Bedürfnisse befriedigen musste', wie er sagte, würde er hier sicher fündig werden.
    "Deine Reise?" fragte ich überrascht. "Du meinst, deiner Flucht! Sage mir, was hättest du getan, wäre deine Flucht geglückt. Wärest du dann in deine Heimat zurückgekehrt, wo du dann hättest feststellen müssen, daß nichts mehr so ist, wie es war?" Sklaven! Ich verstand nicht, weswegen sie sich überhaupt dem Gedanken der Flucht hingaben. Sie hatten es doch gut, er hatte es doch gut, solange er tat, was man von ihm verlangte!
    Ich überlegte noch immer, wozu ich ihn noch benutzen konnte. Geschichtenerzähler und Leibwächter waren ja schon wichtige Dinge. Aber wie konnte ich ihn noch lukrativer einsetzten? Vielleicht konnte er mich ja bei meinen Einkäufen begleiten. Natürlich nicht nur als einer der Sklaven, die die Einkäufe schleppten, nein vielleicht konnte er mich auch beraten, wenn er einen Sinn für Farben und Formen hatte. Oder konnte er massieren? Es ging doch nichts über eine gute Massage nach dem Bad. Dann müsste ich nicht immer die Thermae Agripae aufsuchen. Das hieße allerdings auch, Abschied von Minos nehmen. Nun ja, das konnte ich gerade noch verkraften.
    "Sag mir Chimerion, verfügst du noch über besondere Fähigkeiten, die mir nützlich oder die meiner Entspannung dienlich sein könnten?"

    Keiner konnte mir nachsagen, ich wäre ein Sklavenschinder! Wer das behauptete, kannte mich nicht wirklich. Ein Sklave hatte von mir nichts zu befürchten, wenn er ehrlich und demütig war und vor allen Dingen, wenn er nicht vergaß, wo sein Platz war.
    Chimerion machte so den Eindruck auf mich, als wüßte er genau, wo sein Platz war und das war auch gut so. Warum sollte ich mich dann nicht ab und an erkenntlich zeigen und ihn an den Vorzügen des Lebens teilhaben lassen?
    "Wie ich sehe, schmeckt sie dir, nicht war? Hier, möchtest du noch eine Frucht? Greif ruhig zu. Du hast nichts zu befürchten!" Ich sah, wie er sie ganz langsam aß. Einen solchen Leckerbissen mußte man einfach genießen. Jemand wie er, konnte es sich nicht leisten, die Feige einfach achtlos hinunterzuschlucken.
    "Oh ja, in der Tat! Dieser Raum und alles was du hier siehst, ist nach meinen Wünschen gestaltet worden. Es ist mein Rückzugsgebiet. Der Platz an dem ich neue Kraft schöpfe und an dem ich mich der Entspannung hingebe. Und ja, das Bett ist sehr bequem!"


    Es hatte also bisher keine Eurydike gegeben. Nun ja, das war nicht weiter schlimm. Schließlich war er ja auch kein thrakischer Prinz, sondern nur ein thrakischer Sklave. Doch mit der körperlichen Liebe schien er schon in Kontakt gekommen zu sein. "Für deine Dienste? Welche Dienste waren das?" Das stürzte mich nun in arge Bedrängnis! Welche Sklavinnen hatte ich denn zur Verfügung, die ich ihm für seine Dienste zur Verfügung stellen konnte? Ich dachte einmal nach. Mhhm, da war zum einen Ylva. Nun ja, wenn ich es ihr befehlen würde, dann würde sie sicher nicht zögern, meinen Wünschen nachzukommen. Dann war da noch die Sklavin meines Onkels, dieses störrische Ding. Ach nein, sie war ja schwanger! Wie man so hörte, hatte sie Aquilius´ Aufmerksamkeit bereits geweckt. Nun, dann gab es noch diverse Küchenmägde, die nicht ganz so schrecklich aussahen. Doch da befiel mich ein Gedanke...
    "Oh, du gibst dich doch nicht etwa der Knabenliebe hin, wie Orpheus?"

    Nun ja, was sollte man davon halten? Besonders erfreut war er von dieser Nachricht nicht gerade gewesen! Bildung bedeute ihm wohl doch nicht so viel, wie ich gedacht hatte. Doch wenn ihm eines Tages die Geschichten ausgingen, gab es wohl keinen Hinderungsgrund mehr, nicht die Bibliothek aufsuchen zu wollen.
    Etwas irritiert sah ich meiner Katze nach, die Reißaus genommen hatte. Das war äußerst eigenartig! So hatte sie sich noch nie verhalten. Saba mochte ihn offenbar nicht. Glücklicherweise gehörte ich nicht zu den Menschen, die aus der Reaktion einer Katze ihre Schlüsse zogen.
    "Hier, möchtest du eine getrocknete Feige? Sie kommen direkt aus Griechenland. Aus Thessaloniki, um genau zu sein. Über die Via Egnatia hat man sie nach Rom gebracht." Ich hielt ihm die Frucht entgegen. Er konnte sie nehmen oder es lassen. Falls er sie nicht mochte, würde die zuckersüße Frucht in meinem Mund verschwinden.
    Soso, es war ihm also nicht unangenehm und er tat nur, was ich ihm auftrug! Na, das war doch gut zu wissen! Süffisant lächelte ich ihn an. "Nun, ich wüßte aber schon gerne, was deine Empfindungen sind!"
    Ich fühlte mich doch sehr selbstsicher, diesem Sklaven gegenüber. Keine Minute dachte ich daran, er könne mir etwas zuleide tun. Und wenn, würde er das bitter bereuen.
    Doch sein Geständnis, meiner Schönheit betreffend, schoben alle wirren Gedanken wieder beiseite.
    "Sag Chimerion, gab oder gibt es eine Eurydike?"

    Nun, das war mehr, als man erwarten durfte! Ein Leibwächter, der des Schreibens und Lesens mächtig war und auch noch so verwegen aussah, das gab es auch nicht alle Tage in Rom. Damit würde ich in jedem Fall Aufmerksamkeit erregen.
    Ich nickte nachdenklich und während ich mir eine weitere Traube in den Mund schob, kam mir eine Idee! Warum sollte dieser Bursch nicht vielseitig verwendbar sein. Eine Katze schnurrte ja auch nicht nur den ganzen Tag!
    "Gut! Nun, diese Villa verfügt über eine recht umfangreiche Bibliothek. Der Bibliothekar ist zwar ein Hausdrache, doch wenn man nett zu ihm ist, offenbart er seine Schätze. Du hast von mir die Erlaubnis, dich in der Bibliothek aufzuhalten, während deiner freien Zeit. Dort kannst du dir Wissen aneignen und dir neuen Stoff für deine Erzählungen besorgen. Ich möchte, daß du mich in Zukunft mit solchen Geschichten unterhältst, wenn mir danach ist."
    Mittlerweile hatte er sich neben mich gesetzt. Er hatte dies nur zögerlich getan. Nun saß er kerzengerade da, so als sei es ihm unangenehm. Ich fragte mich, wieso das so war. Ein solches Verhalten kannte ich nur von kleinen Mädchen, die sich vor fremden zierten.
    "Was ist? Ist es dir so unangenehm, in meiner Nähe zu sein? Bin ich etwa in deinen Augen unansehnlich?" Natürlich scherte es mich nicht, was ein Sklave dachte oder fühlte, doch wenn es um mein Aussehen ging, konnte ich äußerst nachtragend sein!
    Saba, meine geliebte Katze und der lebende Beweis von Corvinus´ inniger Zuneigung, war von dem Sklaven weniger angetan. Nachdem er Platz genommen hatte, begann sie zu fauchen und mit einem Satz hüpfte sie von meinem Bett und suchte sich ein anderes Plätzchen.

    Kam es mir nur so vor oder starrte er mich an? Ich konnte mich auch getäuscht haben. Nun, er war eben nicht nur ein Sklave, er war auch ein Mann und mir, einer Frau oblag es, über ihn zu entscheiden. Das musste wahrlich an ihm nagen. Zuweilen hatten Männer ihre Schwierigkeiten mit dominanten Frauen. Er hingegen hatte darin keine Wahl. Er hatte es zu akzeptieren. Wenn nicht, dann gab es Mittel und Wege, um ihn gefügig zu machen.
    Doch nun lauschte ich erst einmal seiner Gesichte, die er mir erzählte. Die Geschichte von Orpheus war mir nicht fremd. Bei dem, von mir so geschätzten Ovid, fand Orpheus und Eurydike Erwähnung in seinen Metamorphosen. Ich mußte ja eingestehen, alle fünfzehn Bände hatte ich noch nicht gelesen. Stets hatte ich mir nur die Rosinen herausgepickt und der Mythos um Orpheus gehörte eindeutig dazu!


    Seine Art, die Geschichte wiederzugeben, gefiel mir. Er schien über ein gewisses Maß an Bildung zu verfügen. Das war gut. Ein hirnloser Muskelprotz hatte zwar durchaus seine Vorzüge, jedoch ein Muskelprotz mit Bildung noch viel mehr!
    "Ja, die Geschichte von Oprheus und Eurydike ist mir wohlbekannt. Ovid hat den Stoff in seinen Metamorphosen verarbeitet," sagte ich beiläufig, während ich mich an der bereitsehenden Obstschale gütlich tat. "Nun, das war überaus gekonnt vorgetragen! Gelangweilt hast du mich jedenfalls nicht. Hat man dir in der Vergangenheit den Weg zur Bildung ermöglicht? Kannst du schreiben und lesen?"
    Ich überlegte immer noch, was ich mit dem Burschen anstellen sollte. Vielleicht gab eine Unterhaltung noch mehr Aufschluß darüber.
    "Komm her und setzt dich!" Ich winkte ihn herbei und gebot ihm, auf der Kante des Bettes Platz zu nehmen.

    Guten Morgen!
    Ich genieße gerade mein Wochenende! :D
    Neeeeeeiiiiin, nein, ich erledige lästigen Papierkram. Wenn man selbstständig ist, dann ist frei haben nicht gleich frei haben -.^ :D

    Kaum hatte ich alle begrüßt, drang auch schon eine, mir wohlbekannte Stimme an mein Ohr. Voller Freude wandte ich mich um, damit ich mich davon überzeugen konnte, daß meine Sinne mich nicht getrügt hatten.
    Nein, getrügt hatten sie mich nicht! Er war es, den ich bereits schon sehnsüchtig erwartet hatte. Ich strahlte ihn an und wäre am liebsten zu ihm geeilt, um ihn dann in meine Arme schließen zu können. Aber nein, das verboten mir die Konventionen. Welches Aufsehen würde ich dadurch erregen! Nein, dies kam einem gesellschaftlichen Selbstmord gleich. So bleließ ich es bei einem freundlichen Zunicken und einer freundlichen Begrüßung, wie es sich geziemte. "Salve Corvinus! Wie schön, dich wieder zu sehen!" Mittlerweile war es so ungewohnt für mich, ihn Corvinus zu nennen, doch in der Öffentlichkeit war dies doch angebrachter.


    Nichts hätte an diesem Tag meine Stimmung trüben können, gar nichts. Im Gegenteil, ich genoß es, in der Gesellschaft der Familie und der geladenen Gäste zu sein. Aquilius´ Kompliment ließ mich leicht verlegen werden. Es lag mir fern, die Braut in den Schatten zu stellen. "Findest du? Nun ja, man kann ja schon etwas üben," antwortete ich scherzhaft. Wo war eigentlich die Braut? Ich schaute mich um und erstarrte! Nicht etwa, weil ich die Braut entdeckt hatte, nein, diese Sklavin war es, die aus dem Hintergrund getreten war und nun auf´s Neue meinen Unmut erregte. Was hatte sie hier zu suchen? Selbst Marcus´ Lächeln konnte mich in diesem Augenblick nicht erweichen. Antonias Begrüßung war es schließlich, die mich aus der Starre riß. Ich ließ mir nichts anmerken und tat nonchalant. "Antonia! Ja, dieses Plätzchen sollte man sich merken! Wie geht es dir, meine Liebe und vor allen Dingen, wie geht es dem Kleinen?" In den nächsten Tagen mußte ich sie unbedingt einmal besuchen kommen. Ich beneidete sie. Sie hatte das, was ich mir so sehnlichst wünschte.
    Letztendlich begrüßte mich auch noch der Bräutigam und ich mußte schon sagen, ich war zuerst auf eine gewisse Art sprachlos und errötete, bei dem, was er sagte. Ich beehrte sein Herz? Wie meinte er das nur? Aber nein, es war nur ein Kompliment, weiter nichts! Glücklicherweise fand ich recht bald meine Sprache wieder und auch meine Haut fand zu ihrer rechten Teintfarbe zurück. "Oh salve Aristides! Du schmeichelst mir. Ich freue mich auch, an diesem großartigen Tag hier zu sein! Du mußt heute sehr stolz sein! Meine Glückwünsche mögen dich und deine zukünftige Frau begleiten!“ Wo war sie denn nun, die Braut? Ich konnte sie immer noch nicht entdecken!

    Meine Neuanschaffung hinter mir wissend, begab ich mich auf direktem Wege zu meinem Cubiculum. Das, was ich im Atrium bereits bewundern konnte, hatte mir überaus zugesagt. Nun blieb zu hoffen, daß der Inhalt bot, was die Verpackung versprochen hatte.
    Ylva öffnete mir die Tür, damit ich unverzüglich in meinen Gemächern verschwiden konnte. Sie schloß sie auch wieder, nachdem der Sklave eingetreten war. Sie selbst blieb auch, da ich sie stets um mir haben wollte.
    Das Fenster zu meinem cubiculum war abgedunkelt, damit sie Strahlen der Sonne nicht eindringen konnten und es einigermaßen erträglich blieb. Die Hitze um diese Zeit, war einfach unerträglich und die Sonne schadete schlichtweg meinen Teint.


    Erschöpft ließ ich mich in mein Meer aus Kissen gleiten und griff nach einem Becher, der mit einem Fruchtsaft-Wasser-Gemisch gefüllt war und auf einem Tischchen stand, welches direkt neben meinem Bett seinen Platz hatte. Das Getränk bot mir die nötige Erfrischung.
    Meine geliebte Saba kam sofort angelaufen, als sie mich kommen gehört hatte. Leise näherte sie sich auf ihren Samtpfoten meinem Bett und fand schließlich zu meinen Füßen einen Platz.
    Dann fiel mein Bilck auf den Skalven, der inmitten des Raumes stehen geblieben war.
    "Nun Chimerion, unterhalte mich! Erzähle mir etwas oder vollführe etwas, was mich begeistern könnte."
    Hoffentlich folgte nun nicht eine dieser unsäglich traurigen und zugleich langweiligen Sklavengeschichten. Dann hätte ich mit tatsächlich überlegen müssen, ihn wieder zuzück zu geben.