Sisenna folgte dem hilflosen Blick des Aedils. Sie verstand aber nicht, wieso Sofian die Lösung sein sollte, deswegen sah sie wieder zu Flavius. Seine Antwort kam zögerlich und auch inhaltlich gefiel sie ihr nicht. "Du weißt es also nicht", wiederholte sie kraftlos. Denn selbst wenn Alexandria zufällig stimmte, es nützte ihr nichts. Sie wusste nicht einmal, wo der Ort lag. Wie sollte sie ihre Bienen dorthin bekommen und den Honig zurück?
Sie verstand außerdem nicht, warum ihr der Aedil angeblich nicht besser helfen konnte als jeder andere. Er kümmerte sich um die Märkte. Betriebe mussten bei ihm an- und wieder abgemeldet werden. Das wusste Sisenna genau, weil sie ihre Bienenzucht selbst angemeldet hatte. Deswegen müsste er eigentlich wissen, ob Alexandria stimmte oder nicht. Vielleicht gab es im Augenblick keinen Händler, der Grundstücke verkaufte, schon möglich. Warum aber formulierte er es nicht so?
"Was mache ich denn jetzt? Und woher weiß ich, wer überhaupt Grundstücke hat, die er verkaufen könnte?“ Das Risiko, als Kind von Privatverkäufern übers Ohr gehauen zu werden, war groß. Wollte der Aedil das wirklich empfehlen?
Während Sisenna um eine Lösung bat, bahnte sich vor der Basilica ein Drama an. Die Bienenkönigin ließ sich zwar für den Transport in eine beengte Röhre stecken, aber als das Flugloch gleich nach der Ankunft bei der Basilica Iulia geöffnet wurde, entstand Unruhe in der Röhre. Die Königin suchte seit ihrem Auszug aus dem heimischen Bienenstock eine Bleibe, wo Platz genug für den Bau von Waben für die Aufzucht von Arbeiterbienen und für die Bevorratung mit Honig war. Die Transportröhre eignete sich dafür nicht, deswegen flog die Königin kurz nach der gründlichen Inspektion der Röhre aus. Der Schwarm folgte ihr.
Im Erdgeschoss der Basilica Iulia befand sich eine Markthalle. Diverse Verwaltungen, so auch der Sprechsaal der Aedile, lagen ein Stockwerk darüber. Angelockt von den fruchtigen Dürften diverser Obstsorten, kehrte der Schwarm Bienen in einem Bogen zur Basilica zurück, nachdem die Königin den dünner werdenden Nektarduft noch rechtzeitig bemerkte. Sie steuerte im direkten Anflug auf den Eingang zur Markthalle zu und schlüpfte zwischen den Marktbesuchern hindurch. Tausende Bienen folgten ihr.
Erschrocken sprangen Personen zur Seite, eine Frau schrie, ein Kind fing an zu weinen, weil es geschubst wurde. Der Bienenschwarm drehte eine Runde und ließ sich am Balken über dem Bäckerstand nieder. Einzelne Bienen fielen nach unten, kamen wieder auf die Beine und verkosteten eine Cremefüllung für Teigtaschen. Die Bäckerin wedelte mit den Händen, um die Bienen von ihrer Ware zu verscheuchen. Kein Kunde würde Teigwaren mit Bienen als Belag kaufen, und prompt wurde sie gestochen.
Die Bienen hingegen stellten schnell ein reichhaltiges Nahrungsangebot fest und begannen mit ihrem Schwenzeltanz, der den bei der Königin verbliebenen Arbeiterinnen die Richtung zur Nahrungsquelle anzeigte. Weitere Bienen fielen in gezieltem Flug über die Gebäckauslage her.
"Kann mir jemand helfen?!", rief die Bäckerin. Sie hielt sich die anschwellende Hand und sorgte sich um ihr Geschäft.