Beiträge von Claudia Sisenna

    Zitat

    Original von Claudia Silana
    Silana mit tastenden Schritten suchte die Kleine und rief suchend immer wieder den Namen des traurigen Vogels, welcher entfliegen wollte: "Sisenna!" Silana achtete darauf, dass ihre Stimme vertrauensvoll und nicht schimpfend klang. Immerhin wollte sie, dass Sisenna aus ihrem Versteck kroch. In gewisserweise hatten sie beides etwas gemeinsam; denn auch Silana wollte diesem Tag entfliehen. Auch Silana gefiel der Verlauf dieses Tages nicht aber sie selbst konnte sich nicht einfach verstecken, so gerne sie es auch wollte. "Sisenna," wiederholte Silana und trat mit ihrem bekannten vorsichtigen, manchmal unbeholfenen Schritten, durch die Anlage. Ihre Augen, mitsamt ihres Kopfes, fuhren suchend umher, während ihre Arme schlendernd baumelten.


    Leider konnte Sisenna ihre große Nichte nicht hören, denn sie war ja aus dem Peristyl in den Garten geflohen und Silana stand immer noch im Peristyl - viiieel zu weit entfernt, als dass Sisenna sie hören konnte. Der Garten glich auch weniger einem Garten, sondern vielmehr einer großzügigen Parkanlage und Sisenna gab sich vor einiger Zeit extra große Mühe, möglichst weit weg von der Gesellschaft und in größter Ruhe zu trauern.

    Ein Kind hörte die Hilferufe des Türsklaven. Während es von seiner abgelenkten Mutter weitergezogen wurde, wies es mit dem ausgestreckten Arm zur Porta. Seine Mutter bemerkte derweil, dass einzelne Menschen aus Richtung der Markthalle gerannt kamen, wo sie plante hinzugehen. Viele dunkle Punkte schlugen den gleichen Weg ein. Sie schwebten über den Flüchtenden und kamen schnell voran.

    Die Aufmerksamkeit des Jungen lag bei Evax. Der Sklave ging auf die Knie und krabbelte wie ein Kleinkind, was den Buben zum Lachen reizte.
    "Mama, sieh mal!“, rief er und tippte mit dem Zeigefinger samt Arm mehrfach in Richtung der Porta. Die sich bildende Bienentraube bemerkte er nicht, die Ablenkung war zu groß. Wieder lachte er, bis ein Stein ihn stolpern ließ und seine Mutter reaktionsschnell den Kinderarm hochriss, damit der Bube nicht auf die Knie fiel. Sie zog die Tunika des Kleinen wieder glatt und als sie sich aufrichtete, sah der Platz vor der Domus anders aus.
    Menschen rannten auch hier, aber unkoordiniert und in verschiedene Richtungen, manche kreischten. Die einzelnen dunklen Punkte hatten sich zu einer in die Länge gezogenen Wolke formiert und flogen auf die Porta zu, wo schon jetzt hunderte dieser Punkte kreisten. Der Mund der Frau öffnete sich. Sie hörte Hilferufe, jemand wiederholte Prodigium, andere versuchten, durch Rufen und Armschwenken die Patrouillen der Vigilles und der Cohorten aufmerksam zu machen.
    Ein Fliehender der Markhalle besaß nur Augen für den Bienenschwarm. Als er das Ziel des Schwarms bemerkte, schlug er im Laufen die entgegengesetzte Richtung ein. Er übersah Mutter und Kind, rempelte beide an und trat das Kind zu Boden, bevor er weiterrannte. Der Kleine fing an zu weinen. Er spürte den Schmerz der aufgeschürften Haut, aber außerdem ängstigten ihn die Menschen.

    Noch viele Doppelschritte vom Ort des Geschehens entfernt rannte Sisenna. Nachzügler zeigten ihr den Weg, den der Schwarm genommen hatte. Ihre Helfer und Begleiter folgten ihr.

    Ihr blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Die Kekse schmeckten ihr plötzlich nicht mehr, weil sie anfing, sich Sorgen zu machen. Sie wusste nicht, was passierte, wenn die Vigiles eintraf. Mitten in ihre Gedanken drang das Anschwellen der Summgeräusche. Sisenna blickte zum Balken nach oben und innerhalb von Sekunden schwoll das Summen zu solcher Lautstärke an, dass sie nichts und niemanden hörte, der nicht unmittelbar neben ihr stand. Es schien Hektik unter den Bienen auszubrechen, deren Ursache Sisenna nicht erkannte, aber deren Folgen sie ahnte. Zuerst erhoben sich einzelne Bienen aus der Traube und schwebten im Zickzackflug über dem Balken. Schnell wurden es mehr und auch der Flugradius der einzelnen Bienen wurde größer. Siesenna brauchte nicht den Kopf zu ducken, denn die Bienen strebten nach oben und nicht in Fußbodennähe.
    Es dauerte nur Sekunden, dann schwirrte es unterhalb der Decke in der gesamten Markthalle. Die wachsende Anzahl an Bienen, die sich dem Treiben anschloss, verdunkelte die Decke. Noch vor Ort verbliebene Menschen rannten spätestens jetzt in Panik zu den Ausgängen - schreiend und schubsend.


    Sisenna sprang von ihrem Platz. "Sie schwärmen aus!", schrie sie gegen den Lärm an.
    Die kreisenden Bienen hatten sich plötzlich für eine spezielle Richtung entschieden und strebten dem westlichen Ausgang zu. Den ersten folgten weitere bis sich nach und nach auch die noch auf dem Balken verbliebenen anschlossen. Innerhalb kürzester Zeit leerte sich die Markthalle, das ohrenbetäubenden Surren ebbte ab.


    Sisenna musste nicht zum Balken schauen; sie wusste, der war leer. In Panik rannte sie hinaus, um die Richtung zu wissen, wohin es ihre Bienen zog.

    Das ins Auge fallende Objekt, wenn man in westlicher Richtung die Basilica Iulia verließ, war das Haupthaus der Societas Claudiana et Iuliana. Bienenschwärme flogen auf der Suche nach einer neuen und dauerhafte Bleibe niemals weit. Die Chance, den geeigneten Ort gefunden zu haben, standen im Zentrum Roms schlecht, also würde diese Station sicherlich eine Zwischenlösung für die Bienenköniging sein. Sobald sie erkannte, dass hier der Bau von Waben und das Sammeln von Nahrung kaum möglich war, würden sie erneut schwärmen.


    Im Augenblick landete aber eine Biene nach der anderen oberhalb der Eingangstür.

    Grundstücksbegrenzungen, Pferde, Häuserwände flogen an Sisennas Auge vorbei, ohne dass sie diese entsprechend zuordnen konnte. Als ihre Wahrnehmung im Atrium klarer wurde, konnte sie sich nicht erklären, wie sie hierhergekommen war. Es dauerte Momente, dann schwand die Bleiche ihrer Haut und ihre Atmung beruhigte sich wieder. Eine gesunde Optik strahlte sie zwar noch nicht aus, aber sie wirkte nicht mehr benommen.
    "Da war ein Mann", sagte sie mit aufgerissenen Augen. "Ich habe ihn genau gesehen. Er hat sich nicht bewegt, überall war Blut, es roch entsetzlich und er hat sich nicht bewegt. Bin ich daran schuld?" Hilfesuchend blickte sie sich um, erkannte ihren Onkel, Sofian und all die anderen Menschen im Atrium. "Warum hat ihn niemand gerettet? Warum bin ich gerettet? Ist das meine Schuld?" Aufstehen konnte und wollte sie nicht. Sie zog die Beine an und schlang die Arme darum, als müsse sie sich selbst festhalten.

    Die Art, wie Sofian nach Valentinus rief, riss auch den letzten Helfer aus seiner Schreckstarre. Sie sahen vor Minuten, wie der Schwarm aus dem Behältnis floh, wussten aber nicht, was sie tun sollten. Plötzlich kam Bewegung in die Helfer.
    "Ich gehe", rief einer, nahm seine Beine sprichwörtlich in die Hand und lief, als wäre Pluto persönlich hinter ihm her. Er würde eine Weile brauchen, bis er - zurück in der Villa - Valentinus fand und mit ihm zurückkehrte.


    Sisenna kaute unterdessen ihren Keks. Die Angst um ihre Bienen unterdrückte sie, weil sie auf Valentinus' Erfahrung setzte. Angst um ihre Person kannte sie nicht. Außerdem kreisten ihre Gedanken um Sofian, bis der Aedil sie ansprach - IHN hatte sie gänzlich vergessen. Sie hörte auf zu kauen, sah Flavius Scato an und hörte zu.
    "Ja, das ist gut", sagte sie auf den Vorschlag hin, dass die Feuerwehrleute den Markt räumen würden. Den Vorschlag fand sie hilfreich, sie wollte selbst, dass die hektischen und ängstlichen Marktbesucher verschwanden. Dann allerdings keimte Sorge auf. Sie ließ die Hand mit dem Keksrest sinken und blickte Scato furchtsam an. "Die werden aber nicht auf meine Bienen spritzen, richtig?"


    Bevor eine Antwort kam, machte sich Sofian in ihrem Rücken bemerkbar. Erst wollte sich Sisenna nicht umdrehen, aber ihr Sklave schlug freundliche Worte an, sodass sie ihm schnell vergab. Nachtragend konnte sie keiner nennen, sie verzieh schnell. Ihr leuchtete außerdem ein, was Sofian sagte. Damit bestätigte er ihre erste Annahme, dass er aus Angst unfreundlich auftrat.
    "Ich habe längst eingesehen, dass du mir nicht helfen kannst, weil du mit deiner Angst alles nur schlimmer machen würdest", verteidigte sie sich, während sie sich zu ihm umdrehte. "Ich fand nur nicht schön, dass du mich allein gelassen hast." Das meinte sie nicht wörtlich. Sie fühlte sich im Stich gelassen, weil er sich nicht bemühte, sie zu unterstützen. Er wollte nur fliehen und das konnte Sisenna nicht.
    "Du hast Recht, meine Bienen sterben, wenn sie stechen", sagte sie leise und zum ersten Mal erfasste sie Resignation. "Hoffentlich ist Valentinus bald hier." Ihr Blick richtete sich nach oben. So lange der Schwarm an dem Balken hing, gab es Hoffnung. Er musste nur abgekehrt und in einem Behältnis aufgefangen werden.
    "Sofian, wenn die Feuerwehr kommt und meine Bienen vollspritzen will, dann musst du sie daran hindern. Versprichst du das?" Hier konnte er alles wieder gut machen, was er vorhin versäumte.

    Für Angst hatte Sisenna Verständnis. Trotz hingegen mochte sie nicht, wenn andere außer ihr diesen zeigten. Sie blickte einige Atemzüge lang ihren Sklaven an und schien zu überlegen. Vielleicht gehörte der Trotz zu Sofian und er zeigte nun sein wahres Gesicht. Kein Stückchen Hilfsbereitschaft ließ er erkennen. Von Dienstbeflissenheit fehlte auch jede Spur, was aber an seiner neuen Rolle liegen konnte. Insgesamt hatte sie sich ein schöneres Verhältnis vorgestellt. Fast wäre sie die Tage zuvor auf die Idee gekommen, er könne so etwas wie ein größerer Beschützer sein. Natürlich konnte er kein Freund oder großer Bruder sein, das machte er ihr gerade klar. Er war ein Sklave ohne jede Bindung zu ihr.


    Sie mochte nicht, wie er mit ihr sprach, und wie er dastand, gefiel ihr auch nicht.
    "Dann geh jemand sagen, dass er Valentinus holen soll!", erwiderte sie und schaute anschließend weg. Sie machte deutlich, dass sie ihn erstens nicht mehr sehen wollte und zweitens, dass er schon bei ihrer ersten Aussage jemandem hätte Bescheid sagen können, der Valentinus herholte.
    Sie würde bei ihren Bienen bleiben, um aufzupassen, dass niemand mit einer Wasserkanone spitzte oder ihre Lieblinge anzündete.


    Zum Glück gab es ja noch anderes Personal, nämlich jenes, das ursprünglich die Bienen transportierte. "Iason, sorg dafür, dass die Markthalle geräumt wird und ich brauche eine Sesterze." Sie hielt die Hand auf. Ihr Geld trug sie nicht selbst. Zu schnell würde ein Dieb es ihr entreißen können. Das Geldstück legte sie auf den Bäckerstand, nahm sich eine Portion Kekse, setzte sich auf einen Schemel und aß, während sie wartete. Den Schemel stellte sie so, dass sie Sofian nicht ansehen musste.

    Wenn jemand Sisenna gefragt hätte, würde sie behaupten, die Zeit stünde still. Geräusche drangen verzögert zu ihr und ihr Geist arbeitete im Schonprogramm. Sie bemerkte die Reiter, aber ihr Bewusstsein befand sich in einem Zustand, in dem die Zeit keine übliche Konstante darstellte. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, bis sie die Worte des Praetorianers vernahm, was nicht bedeutete, dass sie deren Inhalt verarbeitete.
    Die ihr gereichte Hand bemerkte sie und da das Führen an einer Hand zu den Alltäglichkeiten ihres bisherigen Lebens gehörte, ergriff sie diese - langsam zwar und mehr mechanisch als bewusst, aber immerhin. Ihre Finger wirkten steif und fühlten sich kalt an. Diese unnatürliche Körpertemperatur resultierte aus dem Schock, der das Blut nur noch in ihrem Körperzentrum kreisen ließ, aber kaum noch in den Armen und Beinen. Sie ahnte nicht, dass sie in Kürze auf einem Pferd sitzen würde. Selbstständig laufen oder sich festhalten erschien eher unmöglich als durchführbar. Das Bedürfnis niederzusinken wurde immer stärker.


    Sim-Off:

    edit: So ist das Spiel. :)

    Zuerst sah Sisenna ihren Sklaven verblüfft an. Widersetzen kannte sie von keinem aus der heimischen Villa, oder sie bekam es nie mit. Recht schnell musste sie jedoch grinsen und brach schließlich in schallendes Gelächter aus. Als sie sich halbwegs beruhigt hatte, hielt sie sich noch immer beide Wangen, weil die von der langen Lachbeanspruchung schmerzten.


    "Aber Sofian, du musst doch keine Angst haben", sagte sie noch immer grinsend. In ihre Vorstellung passte es nicht, dass ältere mehr Angst als sie selbst zeigten. "Das ist auch ganz ungefährlich. Schau, die Bienen werden nur ihre Königin bewachen, sonst nichts. Sie bleiben bei ihr und wenn wir ruhig an die Sache herangehen, werden auch die herumfliegenden Bienen nichts machen. Ich weiß jetzt nur nicht, ob du aus lauter Angst vielleicht zu hektisch bist." Ihr Lächeln verschwand, sie dachte nach. Selbstvertrauen und eine innere Gewissheit in Bezug auf die Gutmütigkeit von Bienen gehörten zu einem gutem Imker dazu. Viele Tiere rochen Angst, aber ob das bei Bienen der Fall war, wusste Sisenna nicht. Sie selbst empfand keine Angst vor ihren Bienen, obwohl sie auch schon zweimal gestochen wurde. Beide Male ging die Schuld auf ihr Konto: Sie hatte eine Biene übersehen, als sie nach einem Saftglas griff, und der zweite Stich passierte, als sie sich auf eine Biene im Gras setzte.


    "Wenn du dich das nicht traust, müssen wir die Markthalle räumen. Jemand muss Valentinus holen und solange kann niemand einkaufen." Sie wartete ab, wie sich Sofian entscheiden würde. Normalerweise besaß ein Sklave keine Entscheidungsfreiheit, aber in diesem speziellen Fall musste er von sich aus wollen, wenn er ihr eine Hilfe sein sollte.

    Wahrscheinlich stand Sisenna bereits unter Schock als sie das Anwesen der Tiberier betrat. Wie anders sollte sie sonst reagieren, wenn kurz zuvor unsichtbare Graffitimaler Informationen aufgriffen, die Sisenna gerade erst in Form eines Auftrags an Sofian gerichtet hatte, der sie aber noch nicht ausgeführt hatte. Sisenna wusste zu dem Zeitpunkt nicht einmal, ob ihr Sklave schreiben und ihren Auftrag ausführen konnte. Trotzdem standen nun diese Buchstaben an der Grundstückswand. Ein Geist musste zwischen ihr und Sofian gestanden haben, als sie sprach und bevor ihr Sklave schrieb.

    Die Neugier auf das Anwesen diente als Schutz für ihre Psyche, weil sie das nicht Fassbare überlagerte und Sisenna weitergehen ließ. Der Anblick des Toten überforderte aber das angeschlagene Gemüt der kleinen Claudia. Sie starrte den leblosen Körper an - unfähig sich zu rühren.
    Irgendwann drangen Sofians Worte zu ihr, aber er schien fern. Sie fühle sich wie in dicken Nebel gehüllt, der nicht real existierte. Aus dem anfänglichen Würgen wurde ein Brechen, ein Schwall Flüssigkeit mit Bröckchen kam aus ihrem Mund. Sie beugte sich reflexartig vor. So gern würde sie weinen, stattdessen fing sie an zu zittern. Ihr Atem überschlug sich und sie bekam eine gräulich-bläuliche Hautfarbe. Unfähig zu denken, geschweige denn zu entscheiden stand sie wie eine Säule und reagierte nicht auf Sofians Worte.

    Gut so! Sofian hielt sie nicht zurück. "Das ist sogar eine ganz tolle Idee", widersprach Sisenna und nickte aus tiefer Überzeugung. Sie wandte sich dem Gang zu und schlich auf Zehenspitzen Richtung Porta. Begeistert bemerkte sie, wie ihr Herz vor Spannung laut klopfte. Sie liebte Spiele und dies war das bisher beste Abenteuerspiel ihres Lebens.
    "Komm", flüsterte sie Sofian zu.

    Es ging einfach den Augen und der Nase nach. Der Rauch war nicht zu übersehen, der Gestank nicht zu verdrängen. War das aufregend! Sisenna - obwohl klein von Statur - bückte sich, während sie auf das Anwesen zuschlich. Rauch schwebte in der Luft und vermutlich würde sie eher ihr Hüsteln verraten aus ein aufgerichteter Körper. Je näher sie kamen, umso größer wurde die Gewissheit.


    "Das ist die Villa der Tiberia", flüsterte sie über die Schulter hinweg, denn hinter sich vermutete sie Sofian. "Das ist toll!" Sie meinte natürlich nicht die Zerstörung, sondern die große Chance für sich und ihre Bienen."Sieh nur den Garten! Ich möchte da rein." Sie zeigte auf die Grundstücksmauer. "Der Eingang liegt ein noch Stück weiter." Sie tippte mit den Zeigefinger geradeaus voraus in die Luft und kicherte. Selten hatte sie so viel Spaß und Abenteuer erlebt. Kein ihr bekanntes Spiel bot so viel Aufregung.
    Dann kam ihr eine entscheidende Idee.
    "Sofian, bevor wir uns drinnen umsehen, möchte ich, dass du etwas schreibst. Du kannst doch schreiben, oder?" Sie blickte fragend, sprach aber schnell weiter, denn sie konnte es im Augenblick nicht gebrauchen, sollte Sofian nicht der Schrift mächtig sein.


    "Schreib bitte an die Mauer neben der Eingangspforte gaaanz groß: Ich möchte das Grundstück kaufen! Unterschrift Claudia Sisenna." Sie klatschte in Vorfreude mehrmals in die Hände, wobei sie sich bemühte, nur wenig Geräusche dabei zu machen.
    Mit den Gedanken bereits bei der Besichtigung, betrat Sisenna das Anwesen und blieb stehen. Das Lächeln verschwand langsam, während sie den Blick schweifen ließ. Schwarze Mauern, ein eingestürzter Dachstuhl, Glas geborsten, verkohlte Stofffetzen flogen durch die Luft, bis der Wind sie sanft absetzte. Unmittelbar neben dem Stofffetzen lag ein Körper im Schmutz. Es sollte längst nicht der einzige sein.
    Ekel kroch ihr wie eine Nacktschnecke die Kehle nach oben. Sie schluckte mehrfach, bevor sie begann zu würgen.

    Sisenna erwartete Sofian bereits in der Tür. Sie zog ihn ins Zimmer und drückte mit beiden Händen das Türblatt, bis das Schloss schnappte. "Ich habe einen Plan", raunte sie, so als könne irgendwer verbotener Weise mithören. Sie zeigte zum Fenster. "Du siehst doch den Rauch. Da brennt was ganz Großes. Ich denke, es ist ein Haus." Sie sah in verschwörerisch an und nickte.
    "Wir zwei schleichen jetzt aus der Villa und sehen nach, welches Haus da brennt. Du weißt doch, ich suche ein Grundstück, aber ein Garten ohne Haus und dazu ganz in der Nähe wäre noch viel besser. Wenn ich weiß, wem das Haus gehört, dann kann ich..." Was sie genau konnte, wusste sie zum jetzigen Zeitpunkt selbst nicht. Vielleicht konnte sie die Eigentümer fragen, zu welchem Preis sie verkaufen. Eventuell konnte sie auch ihren Onkel fragen, ob der verhandeln wollte. Vielleicht wurde das Grundstück ohnehin verkauft. Auf alle Fälle wollte sie die Erste sein, die wusste, was da los war.


    Sofian musste ja eigentlich machen, was sie ihm auftrug. Ein Restzweifel blieb jedoch, ob er ALLES mitmachen würde. "Komm!", flüsterte sie und öffnete vorsichtig die Tür. Sie lugte in den Gang und wartete, dass Sofian nachkam.

    Ihre Fassung schwand, als Sofian meldete, die Bienen sind los. Die Augen wurden vor Entsetzen immer größer, dabei interessierte sie die zerstochene Bäckerin nicht im Mindesten.
    "Meine Bienen!", rief sie besorgt, drehte sich um und rannte ohne Verabschiedung hinaus. Sie sprang die Treppen mehr hinunter als das sie ging und stürmte Richtung Markthalle. Menschen kamen ihr flüchtend entgegen und vereinzelte Bienen.
    "Sie wehren sich doch nur", schrie sie den Flüchtenden entgegen. "Weil ihr nicht ruhig seid, sind sie es auch nicht."
    Sie hob hilflos die Schultern und ließ sie resigniert sinken. Im Augenblick kam sie nicht in die Halle. Sie musste warten, wenn sie nicht überrannt werden wollte.


    Endlich lichtete sich der Menschenstrom und sie zwängte sich durch. Instinktiv suchte sie nach dem Bereich, der leer sein würde. Der Bäckerstand fiel ihr ins Auge und über ihm, an einem Balken, hing eine Traube Bienen. Zwar schwirrten genug Bienen herum, die Schwarm und Königin verteidigen wollten, aber der Hauptanteil hielt sich bei der Königin auf, weil ihr Überleben das des Schwarms sichern würde. Auf einzelne Bienen konnte ein Schwarm verzichten, nicht aber auf seine Königin.


    "Sofian, wir müssen das jetzt alleine schaffen. Ich habe schon einmal gesehen, wie Valerius das macht. Du suchst dir jetzt Kleidung mit langen Ärmeln. Hier liegt ja genug rum." Womit Sisenna Recht hatte, denn die Stände im Umfeld waren verwaist. "Außerdem einen durchsichtig gewebten Stoff, den du dir über den Kopf legst, und Handschuhe. Dann brauchen wir einen Hocker zum Draufstellen, einen Besen und eine Schüssel." Nun musste sie warten, bis Sofian so weit war. Besorgt blickte sie nach oben. Sie fürchtete nicht, dass die Bienen weiterzogen, denn sie hingen exakt über einer reichhaltigen Nahrungsquelle.
    "Kein Alleingang. Immer nur das machen, was ich dir sage", wies sie ihn ruhig an. Ihre großen Augen unterstrichen die Wichtigkeit ihrer Aussage.

    Die Geschichte hörte sich nicht gut an, das fand selbst Sisenna. Sie kannte bisher nur einen Teil der Vorkommnisse. Auch wenn sie bei dieser ausführlicheren Schilderung nicht alles verstand, alleine weil Sofian stockend sprach, als es um seine Schwester ging, ahnte sie eine schlimme Verletzung. Sisenna fragte sich, ob seine Schwester wohl daran sterben konnte. Vergewaltigung, das Wort würde sie sich merken und später danach fragen.


    Als Sofian seinen Abschlusssatz sprach, riss er Sisenna aus dem Nachdenken. "Sofian!" 'Was machst du denn da?', fügte sie in Gedanken an. Sie blickte von ihrem Sklaven zu dem Wachmann.


    "Wir verlangen gar nichts", beeilte sie sich zu versichern. "Ich möchte dieses Unrecht melden und diese bösen Männern anzeigen. Ich bin ganz sicher, dass diese Männer verfolgt werden und ich freue mich schon darauf, wenn sie ihre Strafe dafür bekommen." Dann fiel ihr ein, sie wusste nicht einmal, was diese Männer erwartete. "Was für eine Strafe bekommen sie eigentlich? Ja, und dann möchte ich natürlich erfahren, wo die Familie meines Sklaven hingekommen ist. Ich möchte sie zurückholen."

    Das Anwesen der Claudier prägte den gesamten Nordwesthang des Mons Esquilinus. Nur ein Stück weiter westlich, auch am Westhang des Esquilin, lag das Anwesen der Tiberier. Sisenna kannte das Grundstück, es besaß auch einen schönen Garten.


    Immer wieder lief sie heute zu ihrem Fenster. Ihr Blick hing seit mehr als einer halben Stunde an einer Rauchsäule, die fett und dunkel gen Himmel strebte. Anfangs hielten sich die Rauchschwaden noch in Grenzen, mittlerweile beherrschten sie die gesamte westliche Sicht. Sisenna wusste genau, was da brannte. Die Häuser standen in ihrem Wohnbezirk nicht dicht, denn sie gehörten reichen Familien und besaßen weitläufige Gärten. Um welches Haus es sich genau handelte, wusste sie natürlich nicht, aber dass eine gesamte Villa in Brand stand, musste Sisenna niemand erklären. Da brannte also etwas weg und übrig blieb ein Garten... Als diese Erkenntnis reifte, schrillten ihre Alarmglocken. Ihr Herz fing an zu schlagen, der Atem flog. Jetzt musste sie nur schnell genug handeln.


    "Sofian!" Ihre Stimme kippte fast über vor Aufregung.

    Die Bilanz war miserabel: Zwei reiche Männer, die Grundstücke besaßen, halfen Sisenna nicht. Der dritte half auch nicht, aber der, weil er nicht wusste, wie. Nicht mal einen Tipp gab er ab. Das heißt, einen Tipp gab es schon, aber nicht die Hilfestellung, wie der realisiert werden konnte. Langsam glaubte Sisenna, man wolle ihr nicht helfen. Keine Liste, kein Name, nichts. Wären nicht die schwirrenden Bienen, die Rufe fremder Menschen und die Nachfrage des Aedils, wäre sie womöglich ärgerlich geworden. All das lenkte sie aber ab.


    Sie drehte sich zu Sofian um, der in diesem Moment den Sprechsaal wieder betrat.


    "Was hast du herausgefunden?", fragte sie, noch immer weitgehend gefasst. Einen Bienenschwarm einfangen, konnte sie selbst nicht. Für alles besaß sie Helfer und Angestellte, und für diesen speziellen Fall, dass eine Altkönigin ausschwärmte, um der jungen Nachfolgerin Platz zu machen, gab es einen Spezialisten in ihrem Betrieb. Der allerdings sollte zu Hause bleiben, weil zur Ausflugzeit mehrere Stöcke unter Beobachtung bleiben mussten.

    Sisenna kniff ein Auge zusammen, während sie darüber nachdachte, mit welcher Formulierung sie die besten Chancen auf eine Verfolgung hätte. Sie fürchtete sich vor dem Lügengesicht, aber ihre Erfahrung zeigte, dass die Wahrheit manchmal weniger Erfolg versprach als eine abgewandelte Wahrheit. Sie beschloss, eine abgewandelte Wahrheit nicht als Lüge zu werten und hoffte so, dem befürchteten Lügengesicht zu entkommen.
    Sie blieb in der Sänfte sitzen, während sie sprach. Vielleicht kam noch eine Aufforderung, in das Lager zu folgen, vielleicht ging aber tatsächlich alles am Tor abzuwickeln.


    "Salve", grüßte sie freundlich - mit einem Anflug an ungespielter Schüchternheit. Soldaten nötigten ihr Respekt ab. "Das ist mein Sklave Sofian." Sie zeigte auf Sofian. "Sein Vater und seine Schwester wurden...", sie stockte kurz, "... geraubt." Sie hätte so gerne 'MIR geraubt' gesagt, aber das wäre eine glatte Lüge und wollte nicht über ihre Lippen. Dabei stünden die Chancen am besten, wenn Eigentum entwendeten worden wäre.
    "Sofian gehört mir", betonte sie nochmals. "Seine Familie gehört zu ihm, also damit auch zu mir. Außerdem ist er Augenzeuge. Er wird an meiner Stelle die Männer und den Vorfall beschreiben. Ich möchte die Schwester und den Vater zurückhaben." Das war jetzt keine Lüge, sondern entsprach absolut der Wahrheit, wenn auch das Wörtchen 'zurück' sich aus Versehen in den Satz geschmuggelt hatte, denn Sisenna besaß die Familie vorher ja nicht. Sie lächelte und niemand konnte ihr anderes nachweisen.
    Kurz hielt sie inne. Als sie realisierte, dass das Lügengesicht nicht kam, sprach sie selbstbewusst weiter.


    "Sofian, schildere dem Soldaten wann, wo und wie alles passiert ist."

    Ein Summen drang an Sisennas Ohr, das hier nicht hergehörte. Bienen fielen ihr ein, aber es könnte auch Schmeißfliegen sein. Oft genug stank es in Rom. Wer wusste schon, was alles für Abfälle in der Markthalle anfielen und wo die entsorgt wurden.
    Suchend blickte sie sich um, bis sie eine vorbeifliegende Biene erkannte.


    "Bienen? Wieso?" Zuerst schloss sie aus, dass es sich um ihre handeln könnte. Ihre Bienen saßen in einem Tongefäß und die Produkte des Marktes lockten alle möglichen Fliegen, Wespen und Bienen an. Allerdings würden diese vereinzelten Insekten dann auch im Markt herumschwirren und nicht im Verwaltungsbereich. Besorgt nahm sie weitere Bienen wahr und im Augenwinkel auch Sofians abwehrende Armbewegung.
    "Meine Bienen?", fragte sie ungläubig. "Nicht danach schlagen. Bienen tun nichts, solange sie sich nicht bedroht fühlen." Sie blickte zum Aedil, weil sie immer noch auf die Antwort wartete, während ihre Sorge stieg.


    "Sofian, geh nachsehen, ob alles in Ordnung ist." Sie meinte natürlich ihre Bienen vor der Basilica. "Und gib mir Bescheid, schnell." Sie mochte sich nicht ausmalen, wenn diese Bienen doch zu ihrem Schwarm gehörten. Wie sollte sie diese wieder einfangen? Wer würde alles nach ihnen schlagen? Wie viele würden sterben? Sie machte sich einzig Sorgen um ihre Bienen, alles andere durchdachte sie aktuell nicht.

    Sisenna folgte dem hilflosen Blick des Aedils. Sie verstand aber nicht, wieso Sofian die Lösung sein sollte, deswegen sah sie wieder zu Flavius. Seine Antwort kam zögerlich und auch inhaltlich gefiel sie ihr nicht. "Du weißt es also nicht", wiederholte sie kraftlos. Denn selbst wenn Alexandria zufällig stimmte, es nützte ihr nichts. Sie wusste nicht einmal, wo der Ort lag. Wie sollte sie ihre Bienen dorthin bekommen und den Honig zurück?
    Sie verstand außerdem nicht, warum ihr der Aedil angeblich nicht besser helfen konnte als jeder andere. Er kümmerte sich um die Märkte. Betriebe mussten bei ihm an- und wieder abgemeldet werden. Das wusste Sisenna genau, weil sie ihre Bienenzucht selbst angemeldet hatte. Deswegen müsste er eigentlich wissen, ob Alexandria stimmte oder nicht. Vielleicht gab es im Augenblick keinen Händler, der Grundstücke verkaufte, schon möglich. Warum aber formulierte er es nicht so?

    "Was mache ich denn jetzt? Und woher weiß ich, wer überhaupt Grundstücke hat, die er verkaufen könnte?“ Das Risiko, als Kind von Privatverkäufern übers Ohr gehauen zu werden, war groß. Wollte der Aedil das wirklich empfehlen?



    Während Sisenna um eine Lösung bat, bahnte sich vor der Basilica ein Drama an. Die Bienenkönigin ließ sich zwar für den Transport in eine beengte Röhre stecken, aber als das Flugloch gleich nach der Ankunft bei der Basilica Iulia geöffnet wurde, entstand Unruhe in der Röhre. Die Königin suchte seit ihrem Auszug aus dem heimischen Bienenstock eine Bleibe, wo Platz genug für den Bau von Waben für die Aufzucht von Arbeiterbienen und für die Bevorratung mit Honig war. Die Transportröhre eignete sich dafür nicht, deswegen flog die Königin kurz nach der gründlichen Inspektion der Röhre aus. Der Schwarm folgte ihr.


    Im Erdgeschoss der Basilica Iulia befand sich eine Markthalle. Diverse Verwaltungen, so auch der Sprechsaal der Aedile, lagen ein Stockwerk darüber. Angelockt von den fruchtigen Dürften diverser Obstsorten, kehrte der Schwarm Bienen in einem Bogen zur Basilica zurück, nachdem die Königin den dünner werdenden Nektarduft noch rechtzeitig bemerkte. Sie steuerte im direkten Anflug auf den Eingang zur Markthalle zu und schlüpfte zwischen den Marktbesuchern hindurch. Tausende Bienen folgten ihr.


    Erschrocken sprangen Personen zur Seite, eine Frau schrie, ein Kind fing an zu weinen, weil es geschubst wurde. Der Bienenschwarm drehte eine Runde und ließ sich am Balken über dem Bäckerstand nieder. Einzelne Bienen fielen nach unten, kamen wieder auf die Beine und verkosteten eine Cremefüllung für Teigtaschen. Die Bäckerin wedelte mit den Händen, um die Bienen von ihrer Ware zu verscheuchen. Kein Kunde würde Teigwaren mit Bienen als Belag kaufen, und prompt wurde sie gestochen.
    Die Bienen hingegen stellten schnell ein reichhaltiges Nahrungsangebot fest und begannen mit ihrem Schwenzeltanz, der den bei der Königin verbliebenen Arbeiterinnen die Richtung zur Nahrungsquelle anzeigte. Weitere Bienen fielen in gezieltem Flug über die Gebäckauslage her.


    "Kann mir jemand helfen?!", rief die Bäckerin. Sie hielt sich die anschwellende Hand und sorgte sich um ihr Geschäft.