Beiträge von Aulus Flavius Piso

    Was dachte dieser Kerl eigentlich, ihn so anzufahren? Unhöflichkeit personifiziert! Auf Pisos Gesicht drückte sich Ablehnung aus. Warum um alles in der Welt schmiss er den Typen nicht einfach raus? Verdient hätte er es, schon alleine, damit er etwas Respekt vor Höherrangigen lernte!
    “Also, Verginius. Du bist ein Mann, dessen Namen ich noch nie gehört habe, auch wenn mir dein Gesicht vage bekannt vorkommt.“ Er runzelte die Stirn.
    “Dich soll ich zu Tiberius Durus geschickt haben? Ich bin mir ganz, ganz, ganz sicher, dass ich nie in meinem Leben einen Verginier zu ihn geschickt habe. Und ich habe auch noch nie einem Verginius Tricostus einen Brief geschrieben.“ Er kratzte sich am Hals. “Ich glaube, du verwechselst mich mit jemandem.“
    Oh Götter. Der Typ ging ihm auf die Nerven. Es war direkt unglaublich. Der Mann war wohl ein Naturtalent darin. Würde er sagen, er hätte früher Dontas geheißen, würde Piso wohl ein Licht aufgehen, aber es war einfach so, dass ihm der Name Verginius Tricostus nichts sagte. Wie sollte es dies auch?

    ”Natürlich sind sie das”, erwiderte Piso seinem Patron. “Da hast du sehr recht. Doch sollten solche Schaden auch vertragsrechtlich und nicht nur schadensersatzrechtlich zu klären sein. Ein Schaden, der aus einer Beziehung vertraglicher Natur entseteht, ist anders beschaffen als einer, der entsteht durch eine Beziehung, die aus der Sorgfaltspflicht entsteht. Daher würde es mir durchaus logisch vorkommen, wenn ein im Vertragsrecht geschädigter Käufer seinen Schaden auch durch das Vertragsrecht einklagen könnte, nicht über den Umweg des Schadensersatzes, wo er außer der Sorgfaltspflicht noch Kausalität und eine Schuld des Verkäufers etablieren müsste“, machte Piso, der sich hier durchaus in seinem Element zu fühlen begann. Natürlich nur, bis Hungaricus seine Worte in der Luft zerriss, was sich Piso freilich nicht unbedingt ersehnte.

    Piso stand auf und nickte dem Consul zu. “Herzlichen Dank. Mir ist eine Idee gekommen wegen des ersten Paragraphen; ich hoffe, du findest ihn nützlich, Ädil Aurelius. Du hast das Beispiel eines Pferdesattel gegeben, von dem du hinunterfällst und dich verletzt. Da habe ich mir gedacht, wieso solltest du dann nur auf Ersatz klagen können? Gewiss steht dir doch Schmerzensgeld zu. Und dann habe ich daran gedacht, dass nicht es wohl sinnig wäre, würde man die Haftung auf Waren beschränken, die gefährlich sind. Wenn ich mir ein Buch kaufe, dem die Seiten fehlen, oder einen Krug, der so schlecht gefertigt ist, dass er nach ein paar Tagen zusammenfällt, dann hat man mir doch auch Unrecht getan! Dann will ich als Konsument doch auch mein Geld zurück! Ich schlage vor, dass der bisher schon in der Lex Mercatus existierende Paragraph erweitert wird, sodass er aussagt, dass es vom Gericht als vertragswidrig gesehen werden soll, wenn man Betriebe oder Waren verkauft, die von nicht zufriedenstellender Qualität sind. Dann könnte man in einem weiteren Absatz hinzuschreiben, dass bei körperlichen Schaden, den Käufer aufgrund von nicht zufriedenstellenden Artikeln erleiden, ein Schmerzensgeld vom Verkäufer an den Verletzten zu zahlen ist. Apropos, wenn ein Artikel nicht dem entspricht, was der Verkäufer angibt, ist das auch klar ein Vertragsbruch und sollte nicht als Nichtigkeitsgrund geführt werden, sondern unter Paragraph eins als vertraglich verboten geführt werden. Zudem gibt es noch ein großes Problem, welches man oft sieht, und zwar, dass gestohlene Waren weiterverkauft werden. Da dieses Problem besteht, sollte, wenn dem Käufer seine erworbene Ware weggenommen wird, der Dieb dafür haften. Ich stelle mir es so vor, dass man im Gesetz einfach einfügt, dass es vertragswidrig für den Verkäufer ist, Waren zu verkaufen, die ihm nicht gehören.“ Er hielt kurz inne, dann nickte er. “Das war es von mir. Fürs Erste.“ Dann setzte er sich wieder.


    [SIZE=7]Vertragsrechtlichen Gedankenfehler ausgebessert.[/SIZE]

    Oh Mann! Natürlich gab es keine Kommentare, weil niemand bei einem Ädil reinquatschen wollte, zumindest niemand, der noch nicht auf dieser Stufe war. Er räusperte sich. “Ähm, ich hätte noch was hinzuzufügen, darf ich sprechen?“ Er blickte den Consul an, darum heischend, dass man ihn Sprecherlaubnis gab. Er wollte doch wirklich nur noch einen kleinen Vorschlag machen! Oder zwei Vorschläge. Oder drei.

    Was Piso anging, so hatte durchaus er noch einen Kommentar zu machen, denn er hatte aus der Rede des Ädils noch etwas sehr Brauchbares herausgefiltert - etwas, was er als wirtschaftlich sinnvoll (sein Lieblingsausdruck für heute) erachtete. Aber es stand einem Pedarius wirklich nicht zu, etwas in den Raum zu werfen, während ein Ädil gerade sich eine Antwort überlegte.

    Da aber lächelte Piso, als die Worte der Mann aussprach. Denn es sprach Durus, alles wäre fein, und es sei nun geschafft. Pontifex zu sein, welch Wonne, von den Göttern bestätigt, und dem alles unterstand, was im Cultus Deorum Rang und Namen besaß. Bis auf Durus und die anderen Pontifices. Sowie dem Kaiser, wohlgemerkt, doch dieser zählte kaum, hatte doch in Misenum er seine Wohnstatt und hatte an den Tiberius alle Götterdienste devolviert.
    “Danke“, machte er nun, als er sich erhob, und unterdrückte jenes unerklärliche Gefühl in ihm, Durus um den Hals zu fallen und ihm ein Bussi zu geben für seine Dienste. Jawohl, das wäre ästhetisch gewesen, denn niemand, der seine annhaft dadurch bewiesen hatte, dass er Senator, Pontifex und Magister Arvalium war, musste seine Mannhaftigkeit noch beweisen!
    “Danke. Danke euch allen“, richtete er seine Worte an die Pontifices, die versammelt waren. “Zweifellos, Pontifices, werdet ihr hohe Erwartungen an mich haben, und, bei den Göttern, alles werde ich heransetzen, sie zu erfüllen, so wahr mir die Götter helfen.“ Er nickte dazu suggerierend. “Denn nie soll der Tag kommen, da ihr sagt, es war ein Fehler, Flavius Piso in eure Reihen zu kooptieren.“ Damit schloss er seine Minirede, die kaum den Namen verdiente.

    Semiramis erwiderte gar nichts mehr. Und das war wohl gut, denn der Flavier mochte es nicht so sehr, wenn seine Sklaven aufmuckten. Und er hatte auch die Mittel, Maßnahmen zu setzen gegen insubordinate Sklaven. Das Loch im Keller der Flavier war ja in der Sklavenschaft bekannt. Berüchtigt, konnte man sagen.
    Und so war es auch kein Wunder, dass Semiramis seinen angetrunkenen Worten Folge leistete. Sie konnte nur verlieren, wenn sie das nicht tat. Und so konnte sich Piso nun am Anblick ihrer bloßen Brüste laben. Ah, wie schön sie waren. Rund und saftig. Wie schön es wäre, sie anzufassen. Aber davor scheute Piso dann doch zurück. Er hatte seiner Prisca treu zu bleiben! Denn wenn er sich an einer anderen verging, dann konnte er nur am Ende der Depp sein. Denn niemand reichte an sie hinzu! Auch nicht die Syrerin mit ihren üppigen Rundungen, deren schierer Anblick genug war, um ein Maß an Vernunft in ihm abzuschalten. Das war etwas, was das männliche Geschlecht gut beherrschte – zu glotzen und all das Blut, welches das Hirn benötigen würde, in sein Gemächt umzuleiten.
    Sein Augenmerk war tatsächlich so fixiert auf Semiramis und ihren Sexappeal, dass er die Traube, die ihn vor den Mund gehalten wurde, kaum bemerkte. Es war eine eher automatische Geste, dass er den Mund öffnete und sich jene hineinstopfen ließ. Der Traubensaft floss ihm über die Mundwinkel herab, während er bedächtig vor sich hinkaute, eine Bewegung, die untermalt war von den sachten Massagebewegungen der ewig duldsamen Phrima.
    Rücken, die hatten es Piso durchaus angetan, und so nahm er die Agen nicht von ihr, als sie sich umdrehte. Unten war der Po, und oben saß auf einem schwanenhaften Hals ein Wusch von schwarzen, seidigen Haaren. Mehr als genug war ein schöner Rücken, um einen Piso zu entzücken.
    Springen wir über Semiramis, von Piso zu Pulcher, dem es auch aus dem Mundwinkeln rann, doch war diese Flüssigkeit einer ominöseren Natur als der Traubensaft, der Pisos Lippen verkleckerte. “Oh, du bist eine Schöne... ganz besonders Schöne... lass mich dir streicheln...“ Er wollte schon seine rechte Hand ausstrecken, aber Astarte, deren punischer Namen untrügerisch ihre Herkunft aus der flavischen Sklavenzucht verriet, die auf Pulcher oben saß, ergriff jene. Es war kein Kunststück, Pulchers Arm zurückzuhalten, schließlich wusste jener in seinem Zustand ja kaum mehr noch, wie er hieß. Sie machte sich daran, ihm den Arm zu massieren, ohne dass er allzu laut protestierte, und zwinkerte Semiramis aufmunternd zu. Sie musste einfach nur brav weiter machen, bis sich die zwei Patrizier ins Koma gesoffen hatten, und dann würden sich die drei jungen Sklavinnen unauffällig zurückziehen können.

    Sim-Off:

    Verzeih die Verspätung.


    Er blickte seinem Vater kurz hinterher, mit undurchsichtigem Gesichtsausdruck, der nichts von den wütenden Gedanken, die in ihm schlummerten, verrieten, bevor er wieder auf seine Schwester schaute. Er konnte sich lebhaft vorstellen, dass sie viele Fragen hatte, Fragen, die ihr im Kopf umherschwirrten und sie wohl keine Ruhe ließen. Schließlich hatte sie ihre Familie hier in Rom noch nie beziehungsweise nur teilweise gesehen.
    So war es verständlich, dass sein Schwall an Worten sehr viele Fragen auslöste bei ihr. Vera? Vera, fragte sie. Er seufzte. “Flavia Vera. Meine Schwester“, machte er. “Unsere Schwester. Sie ist gestorben. Es ist schon einige Zeit her.“ Aber es tat immer noch weh. Oh Götter, tat es weh. Er hatte sie geliebt wie keinen anderen Menschen. Sie war das von seiner Familie gewesen, was ihm eine Familie erschienen war. Er schluckte, bevor er sich ein verzogenes Grinsen abrang. Er wollte ja Domitilla nicht verschrecken. “Du hast sie wohl nie kennen gelernt, hmm?“ Wenn der Name ihr nichts sagte, mochte das so sein. Er konnte sich nicht erinnern, ob sie jemals in Aquileia gewesen war.
    Er nickte langsam, als er hörte, dass die Zimmer schon hergerichtet waren. Sehr fein. Das war gut zu hören. Es war lobenswert, wenn die Sklaven spurten. Somit war das Thema für ihn abgehackt.
    Dann sprach Domitilla plötzlich darüber, wie es war, aus Aquileia herausgeholt worden zu sein. Man konnte Piso ein leichtes Lächeln ansehen. “Du scheinst eine Mutter zu haben, die sich viele Sorgen um dich macht...“, sagte er mit einer Stimmlage, die wohl verriet, dass er in Gedanken ein bisschen anderswo war, nicht hier im Atrium, wo seine Schwester vor sich hinkicherte. Das war er tatsächlich. Seine Gedanken waren geschweift zu seiner eigenen Mutter, Calpurnia Fausta. Er würde alles geben, wirklich alles, um zu wissen, wie sie ausgesehen hatte. Denn an ihr Gesicht konnte er sich nicht mehr erinnern.
    “Jaja... ach ja. Du kennst Rom noch gar nicht, hast du gesagt? Wir könnten ja mal die Tage einen Ausflug machen. Ich zeige dir dann alles, was es hier zu sehen gibt. Das wäre doch was, oder? Hmm?“
    Dies würde wohl nicht heute passieren, aber die nächsten Tage wäre das sicher machbar, wenn er sich mal einen Termin freischaufeln konnte.

    Piso war nicht so weltfremd, dass er nicht wusste, was Verus‘ Worte bedeuteten. Verus hatte die Hoffnung komplett aufgegeben. Tja. So etwas passierte. Und wenn Verus so schnell die Flinte ins Korn warf, konnte es mit der liebe nicht so weit her sein. Piso seufzte als nur verständnisvoll und nickte. “Manchmal, mein lieber Titus, arrangieren die Götter es auch so, dass nicht alles nach unseren Wünschen geht, obwohl sie es gut mit uns meinen – denn sie können wohl in ihrer Größe sehen, dass es nicht unbedingt gut ausgehen muss. Schau das Problem einfach mal so an, titus. Wer weiß, wozu es gut ist. Weißt du was?“ Er griff ihm mit der vorsichtigsten aller vorsichtigen Berührungen an die Schultern. “Schon einmal an eine Vernunftehe gedacht? Eine Arrangierte? Ja, ich weiß, ich weiß, das klingt ganz ordinär. Aber immerhin würde deine Frau da wohl nicht verlangen, dass du keiner hinterherschaust. Vielleicht triffst du durch die Gnade der Götter ja damit dein Glück?“, versuchte er seinem Freund das zu suggerieren, was für ihn selber nie in Frage käme.

    Es dauerte eine Weile, bis endlich, endlich Piso das Atrium betrat. Man konnte ihn für seine Verspätung kritisieren, aber zumindest konnte man ihm zu Gute halten, dass er überhaupt kam. Denn so spät am Abend war eigentlich nichts mehr los. Zumindest sollte dies nicht der Fall sein.
    Nun aber war es so, dass der Abend für Piso ruiniert war und demenstsprechend sein Gesicht etwas länglich war. Missmutig blickte er den Verginier an. “Salve, Verginius“, machte er. Er schien sich wohl weder an das Gesicht noch an den Namen zu erinnern. Letztes war wohl nicht verwunderlich, denn schließlich hatte der Mann das letzte Mal Dontas geheißen. Und auch Ersteres war wohl verzeihlich, schließlich sah Piso viele Gesichter, besonders, seit er Senator war.
    “Du wolltest mich sprechen?“ Mit einer schnellen Geste zog er seine wallende Toga etwas über seine Schulter und ließ sich auf einer Kline nieder, fragend Tricostus anschauend.

    Piso kicherte, als er die Zurechtweisung seiner Frau hörte. “Was der sich denken wird? Keine Ahnung, aber ich gebe keinen Deut darauf. Was heute wichtig ist, meine Liebste, das sind wir beide.“ Ach, die Versuchung, ihr nochmal die Nase anzustubsen, war sehr groß, aber zu weit musste man Diverses ja auch nicht treiben, nicht wahr? Er gab sich also, während er das Formelle regelte, ein bisschen weniger als verrücktes Huhn, sondern als seriöser Senator, zufrieden mit seinem Kopf nickend, als der Schreiber tat, wie es ihm gewiesen wurde. Ließ die Feder des Mannes über das Papier kratzte, zuerst seinen und dann Priscas Namen aufs Pergament brachte, dann zwei Daten und die Beschreibung der Hochzeitsart, konnte Piso fühlen, wie sein Herz in ihm ein wenig schneller schlug. Endlich malte der Schreiber den letzten Buchstaben auf das Pergement, besiegelte damit Pisos und Priscas Heirat und zauberte ein Lächeln auf Pisos Mund.


    “Sehr fein gemacht, mein Guter“, machte Piso, als der Mann fertig war, gerade so, als wäre Piso der Ältere von den beiden, dabei war Piso noch nicht einmal Dreißig und der Typ vor ihnen hatte schon mehrere Jahre auf dem Buckel. Es musste frustrierend sein, Jüngere so an sich vorbeiziehen zu sehen.


    “Vale!“, machte er zum Beamten hin und wandte sich von ihm ab. Das Zimmer war eh zu klein, als dass man hier auf Dauer existieren konnte. Als Kavalier (zumindest dann und wann) machte er freilich seiner Angebeteten die Türe auf, während sie das Officium verließen. “Nun“, wandte er sich an seine Frau und legte ihr ganz undezent einen Arm und die Schultern. “Wir können auf den Markt gehen, ja, können wir. Wenn du magst. Aber einen anderen Vorschlag, hmm, den hätte ich freilich.“ Er beugte sich zu ihr hin, damit kein anderer ihr Flüstern vernehmen konnte. “Wir können ja mal dein Bett ausprobieren.“ Es war eine legitime Frage, schließlich waren die Hochzeitsnächte des Paares bisher nur in Pisos Zimmer abgelaufen. Und, wie es Sitte bei den Römern war, hatten Frau und Mann getrennte Räume, auch wenn die Betten breit genug waren, um zwei Leuten Platz zu bieten, sodass Ehepartner auch mal „auswärts“ übernachten konnten.


    [SIZE=7]EDIT: Gebt mir Farbe...[/SIZE]

    Piso musste zähneknirschend innerlich zugestehen, dass Octavius Recht hatte. “Es stimmt wirklich. Tatsächlich stünde, wenn 60 Prozent der Senatoren den Auctor als unliebsam empfinden würden, jener Gruppe die Möglichkeit offen, um eine Gesetzesänderung durchzusetzen, die es ihnen erlaubt, den Auctor mit einfacher Mehrheit loszuwerden. Also gut, ich stimme der 60%-Marke zu.“ Mehr hatte er zu der Sache dann auch nichts mehr zu sagen, und beschloss, restliche Kommentare den Großköpfigen des Senates zu überlassen.

    Tatsächlich hatte Piso eine Meldung zu machen. Er hatte sich angehorcht, was Iulius Centho so sagte, und hatte sich beschlossen, ein Gegenargument zu konstruieren.
    “Patres Conscripti, ich für meinen Teil halte die Vorgabe eine Dreiviertelmehrheit für die Entlassung eines Auctors für sinnvoll. Schließlich handelt es sich um ein festes Amt, dass einen hohen Grad von Unabhängigkeit voraussetzt. Um diese Unabhängigkeit zu gewährleisten, muss sicher gestellt werden, dass der Posten ausreichend fest ist; nicht, dass sich eine Gruppe von Senatoren allzu leicht zusammenschließen kann, um den Auctor durch ihre Stimmen zu gefährden, und ihn somit zwingen, nicht Schlechtes und nur Gutes über sie, die Mitglieder besagter Interessensgruppe, zu schreiben. Von daher halte ich, wie gesagt, eine Dreiviertelmehrheit, also eine höhere Hürde, für eine Entlassung durchaus adäquat.“

    Piso lehnte sich zurück und lauschte. Seine Gesichtszüge veränderten sich kaum, als er zuhorchte. Aber was geschah, war, dass er Notizen machte auf seiner Wachstafel. Viele kleine Notizen, minutiös und säuberlich, in schräger Schönschrift. Er blickte dann und wann auf, dann und wann schüttelte er sachte seinen Kopf. Und dann endlich endete Avianus mit dem seltsamen Chaos, welches er da ausbreitete.
    Macer befürwortete ihn gar, doch dann fuhr der große Jurist Vinicius Hungaricus dazwischen und zerfetzte Avianus‘ Werk auf eine Weise, dass es eine Freude war. Piso bemühte sich, ein Schumnzeln nicht auf seine Lippen gleiten zu lassen, als er die sauber formulierten Bedenken von Hungaricus hörte, die entlarvten, was dies war – das Werk eines Laien.
    Er erlaubte sich, als Pedarius auch das Wort zu ergreifen.
    “Ich würde nur noch gerne ein paar Kleinigkeiten hinzufügen zu der Analyse des Vinicius Hungaricus, Punkte, die ich gerne herausstreichen möchte.
    Zu Paragraph Eins. Dies ist ein wertvoller Gedankenanstoß, finde ich, die Bedenken von Senator Vinicius Hungaricus kann ich nicht teilen. Ja, es wird schwierig für den Verkäufer sein, Beweise zu finden, dass das Produkt schon beim Kauf mangelhaft war, aber dies ist das Problem des Käufers, nicht des Gesetzgebers – im Zweifel müsste das Gericht herausfinden, welche Version der Geschichte wahrscheinlicher ist. Bei Paragraph Eins wäre es übrigens sehr gut, wenn klar gemacht werden würde, dass solche Mängel Vertragsbrüche darstellen würden, denn das Wort verboten impliziert für mich eher ein strafrechtliches Vergehen, und ist eine etwas ungeschickte Wortwahl in diesem Zusammenhang. Das Wort „vertragswidrig“ würde mir viel eher passen, denn dies würde bedeuten, dass ein Verkäufer von mangelhaften Sachen oder ein Betrüger die Sanktionen des Vertragsrechtes zu tragen haben. Ich komme darauf zurück.
    Den ersten Absatz von Paragraph 3.1 sehe ich als Ruin für das wirtschaftliche Leben Roms. Wieviele Leute, Patres Conscripti, können schreiben? Wir sind alle literat, doch der Mann auf der Gosse, der seinem Sohn seine Schusterei übergeben will, ist das nicht – wie soll er ein Dokument aufsetzen? Analphabeten würden somit ausgeschlossen werden von der Übergabe von Betrieben. Natürlich könnten sie sich Schreiber suchen, aber dies wäre eine große Bürde, vor alem, da sie unnötig ist. Ich wäre dagegen, eine Förmlichkeit bei der Übertragung von betrieben festzuschreiben, denn ihr Sinn erschließt sich mir einfach nicht.
    Den dritten Teil von Paragraph 3.1 sehe ich insofern als bedenklich an, als dass hier Vertragsnichtigkeit, implizierte Klauseln und das zivilstrafrechtliche Delikt der falschen Angabe zusammengemischt werden. Aber, und das möchte ich betonen, dies gibt sehr anregende Gedankenanstöße. Ich denke, es wäre besser, wenn diese Sachen in spezifischen, segregierten Paragraphen behandelt werden würden.
    Zu Paragraph Drei sage ich nichts, Sentor Vinicius hat schon alles erörtert.
    Paragraph Sechs hat an sich ein enormes Problem. Die Vorstöße von Senator Aurelius sind hier sehr gut, doch denke ich, eine staatliche Sanktion hier sollte hier vorgeschrieben werden, denn hier handelt es sich um Straftaten. Sagen wir, 1000 Sesterzen für eine Form von unlauterem Wettbewerb, 500 für eine andere.
    Insgesamt wäre ich für eine Umformulierung der gesamten Lex.
    Und zwar sollte im ersten Paragraphen geklärt werden, was verboten, das heißt, vertragswidrig ist. Zusammen mit einer Erläuterung, was solch ein Vertragsbruch für den Verkäufer bedeutet. Vertragsbruch würde natürlich bedeuten, dass der Verkäufer nicht nur die Schuld zu tragen hätte, wenn ein Unrechtsbewusstsein vorlag, sondern dass strikte Kausalhaftung besteht. Dies wäre kommerziell sinnvoll, denn so würde auch ein fahrlässiger Händler haften müssen, und insgesamt würde bei den römischen Konsumenten ein größeres Vertrauen in den Handel unter römischem Recht erweckt werden.
    Einfach nur Ersatz würde ich übrigens für zu wenig halten als Remedium – ich denke, der Käufer sollte auch auf Reparatur, Kostenerstattung oder Erstattung von Kostendifferenz zwischen dem Wert des mangelhaften Produktes und dem Kaufwert klagen können, je nach dem, was für ihn wirtschaftlich sinnvoller wäre.
    Auch sollte ein Paragraph sich damit beschäftigen, wann ein Handel nichtig ist – zum Beispiel, wenn eine bestimmte und ausgewählte Ware ohne die Schuld der Vertragspartner verschwindet, in etwa durch Diebstahl oder durch Verderbung.
    Ich denke, zum Abschluss, eine bessere Struktur für die Lex Mercatus wäre, wenn dies basierend auf den Gedankenanstößen von Senator Aurelius eingebracht wird, eine Umstrukturierung und Erweiterung mit je einem Paragraph zu implizierten Vertragsklauseln und Remedien für den Bruch einer dieser Vertragsklauseln, die das Gesetz in jenen Vertrag hineininterpretieren würde—das wäre eine Erweiterung von Paragraph Eins--, einem Paragraphen, der ausführt, wann Händel nichtig sind, und einem zur Bestrafung unlauteren Wettbewerbes, wobei ich mir fast denke, Letzteres als Straftat gehört in den Codex Iuridicalis.“

    Mit diesen Worten schwieg er wieder.


    [SIZE=7]EDIT: Winzige Umformulierung im vorletzten Paragraphen, damit der Satz nicht allzu wirr aussieht.[/SIZE]

    Piso grinste, voller Vorfreude auf seine Hochzeit. Sie seinem neffen gegenüber duchzukauen bedeutete doch im Grunde nur, sie schon im Vorhinein zu begehen, und das war doch das Beste ohnehin!
    “Dazu werden wir keine Bücher brauchen. Weißt du, Minimus, viele Gesetze zur Heirat sind nicht in einen Codex hineingeschrieben. Trotzdem gelten sie. Das heißt Gewohnheitsrecht. Jeder Priester kennt diese Gesetze, und man kann diese Sachen auch nachlesen. Aber ich erkläre es dir mal.“
    Er dachte kurz nach. Einen Ansatz zu finden war nicht schwer. “Ich und Prisca werden sine manu und per usum heiraten. Die meisten heiraten so. Weißt du, was das bedeutet?“, fragte er, denn es konnte ja sein, dass dem so war.

    Piso sog mit einem einzigen tiefen Atemzug die Luft durch seine Nase sein, ließ das Aroma sich in seinen Nasenlöchern entfalten und in sein hirn hineinsickern. Rosen roch er, Lavendel roch er, und Prisca roch er. Er roch Seide, er roch gutes altes römisches Holz, er roch sogar noch den Duft der Duftwässerchen der Damen, die mit ihrem Freudenzug mitmarschiert waren. Er roch alles. Es war der Geruch seiner Hochzeitsnacht.
    Aulus, mein Mann, ist es wirklich wahr, fragte Prisca ihn, und Piso nickte. Langsam, bedächtig, mit einem undeutbaren Lächeln auf seinen Lippen. Oh ja, sie war nun seine Ehefrau. Seine Frau. Er konnte es in seinen Gedanken gar nicht oft genug wiederholen. Seine Frau. Hahaha. Venus sei Lob und Dank. Tatsächlich würde er ihr, wenn alles nach Plan ging, morgen eine Libatio spenden.
    Wenn alles nach Plan ging. Denn selbst in Piso drinnen, tief drinnen, spürte er das erbarmungslose und würgende Gefühl, welches man als Versagensangst kannte. Würde er halten können, was Prisca sich von ihm versprach? Würde er sie schwängern können?
    Was, wenn das hier alles in einer Katastrophe endete? Was, wenn sich das altbekannte Sprichwort „wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“ sich bewahrheiten würde? Nichts auszudenken!
    Und so war der Herzrhythmus, den Prisca hörte, als sie ihren Kopf an seine Brust presste, relativ schnell. Der Flavier schlang seine Arme um seine Ehefrau und ließ sie gewähren.
    “Es ist wahr“, flüsterte er zurück. “Es ist wahr. Es ist passiert. Wir sind nun Mann und Frau, eins. Nichts und niemand kann uns mehr trennen.“ Seine Worte, behutsam in ihre Ohre gewispert, beruhigten ihn selber sehr. Ja, da war jetzt etwas Festes, etwas Gesetzliches. Etwas, was sie verband, und was nicht mehr so einfach zu lösen war. Es war wundervoll. Ganz und gar wundervoll.
    Ihr Mann. Ja, das war er. Wenn jetzt in Zukunft jemand fragte, ob denn Aurelia Prisca verheiratet wäre, würde die Antwort sein, ja, und zwar mit Senator Aulus Flavius Piso. Man stellle sich nur das enttäsuchte Gesicht des hypothetischen zukünftigen Fragestellers vor! Doch Piso wollte nicht drüber nachdenken, vielleicht schaffte er es ja mal einen Abend lang, keine böswilligen Gedanken durch sein Gehirn schießen zu lassen.
    “Aber nimm noch dein Flammeum ab“, mauschelte er ihr noch zu. Dann löste sie sich von ihm, und er konnte wieder ihr Gesicht erschauen, in ihrer ganzen Pracht. Was für eine wunderwunderwunderschöne Braut. Hach, wie sehr er sie liebte. Vielleicht würde er mit ihr alt werden können. Ja, wer wusste, was möglich war! Bei den Göttern, er hatte eine Frau! Vielleicht bald Kinder! Und folgerichtig formte sich schon ein weiterer Gedanke in seinem Kopf. Bei den Göttern, vielleicht werde ich ja jetzt ein guter Mensch! Einer von der Art von Mensch, der nicht seine Untergebenen behandelt wie Dreck, der seine Mitmenschen tolerant behandelt und nicht ständig mit seinen ästhetischen Empfindungen belästigt, ein Mensch, auf den Prisca stolz sein konnte!
    Es war ein komplett irrer Gedanke, und er schlug bei Piso ein wie ein Blitz. Vielleicht werde ich ja jetzt nun, mit Priscas Liebe, jemand anderer, jemand besserer. Wie wundervoll wäre das! Nun, ob sein Vorsatz morgen auch noch bestehen würde, stand in den Sternen, aber eines wusste Piso. Jetzt gab es endlich jemanden, den er absolut und immer um sich hatte, der ihn liebte. Und zwar seine Frau.
    Aus irgendeinem Grund musste er an seine Mutter denken, jene Frau, die durch die Hand seines Vaters ums Leben gekommen war, als er 5 Jahre alt gewesen war, auf eine Weise, die ein Flavier sich auch nur erlauben durfte, solange ein Verwandter Kaiser war. Sie wäre sicher stolz gewesen, auf ihn, seinen Sohn, so, wie sein Rang nun war – ein Senator, ein verheirateter Mann, und in ein paar Tagen ein Pontifex. Dazu noch Magister der Arvalbrüder.
    Langsam rutschten seine Hände herab, zu ihrer Taille. Groß war die Versuchung, die eine Idee zu weit nach unten rutschen zu lassen, um die Griffigkeit ihres Gesäßes zu erproben, aber er ließ es dann doch sein, mit dem festen Vorsatz, diese Spezifität der wieblichen Anatomie noch in angemessener Zeit zu erkunden.
    Was gab es nun zu tun, stattdessen? Ach ja, Gürtel. Der eine Knoten da. Seine Hände wanderten hin. Verharrten. Schienen unschlüssig. Piso verkniff sich einen allzu konzentriert klingenden Laut des Murrens uns beschloss, auf Geratewohl den Knoten zu bearbeiten.
    Gut. Er fand ein Ende und zog daran, doch nur mit dem Resultat, dass sich der Knoten noch weiter zuschnürte. Piso hob die rechte Augenbraue – er konnte einfach nicht anders, es waren die flavischen Gene – und ertastete sich einen anderen Zipfel des Knotens, der ihn aber auch nicht weiterhalf. Mit einem unglücklichen Gesicht, welches ein wenig an den treuherzig-naiven Ausdruck eines jungen Welpen erinnern mochte, blickte er Prisca an.
    “Ähhhhm… Prisca? Was genau… öh… muss ich da... ziehen? Dies in einer romantischen Stimmlage zu sagen war ein wahres Kunststück, und Piso war sich alles andere als sicher, dass selbiges funktioniert hatte.