Beiträge von Quintus Flavius Flaccus

    Außerordentlich früh hatte Quintus sich heute morgen wecken und, noch reichlich schlaftrunken, von Aglaia, die er in letzter Zeit immer häufiger für sich beanspruchte, da er schlichtweg Gefallen an ihrer Nähe empfand, in eine naturfarbene Toga wickeln lassen. Dann hatte er, ob der frühen Uhrzeit und der damit verbundenen Tatsache, dass es auf Roms Straßen noch stockfinster war, nicht, wie in letzter Zeit fast durchwegs, Nestor, den greisen Griechen, mit sich genommen, sondern stattdessen einen stämmigen Germanen, der so aussah, als ob er auch in Handgreiflichkeiten sich gut bewähren würde können, wodurch der Spaziergang zur Villa Tiberia zwar gänzlich wortlos verlaufen war, der junge Flavier dafür jedoch auch nicht um Leib und Leben fürchten hatte müssen. Bei den Tiberiern angekommen, nannte er seinen Namen und sein Begehr, um sich sodann, in der Hoffnung, ob des bloßen Gewichts seiner Abstammung nicht allzu lange warten zu müssen, zu den übrigen Klienten und Bittstellern, die ungeachtet der frühen Stunde bereits sich versammelt hatten, zu gesellen. Nun jedoch hätte er sich wieder Nestor an seine Seite gewünscht, um sich die Zeit zu vertreiben, dachte er doch unter den übrigen Bürgern eher keinen ansprechenden Gesprächspartner finden zu können. Allerdings hoffte er ohnehin, die Angelegenheit zügig abwickeln zu können, um danach schnell noch zur Salutatio seines Tutors Purgitius Macer zu eilen und jenem in seinem Alltag als Consul zur Seite zu stehen.

    Eine Zwillingsschwester? Zwar hatte Flaccus bereits von diesem überaus seltenen Phainomenon gehört, und sogar selbst schon zwei Menschen mit eigenen Augen gesehen, die versichert hatten, am gleichen Tag geboren zu sein, und die selbe Frau Mutter zu nennen. Doch buchstäbliche Zwillinge, die einander ähnelten, wie ein Ei dem anderen, hatte er noch nie kennengelernt. Sofort entflammte die Neugier und der Wissensdurst des aufgeweckten Geistes des jungen Flaviers. "Tatsächlich? Also, selbst wenn die Götter sie nur mit einem Bruchteil des Charmes und der Anmut ihrer Schwester ausgestattet hätten ...", seine dunklen Augen trafen erneut das funkelnde Grün in Floras Antlitz, "... so wäre es doch ein Frevel, wenn ich sie nicht einmal persönlich kennen lernen dürfte." Nicht allein die Neugier jedoch war es, die den Flavier ein solches Treffen erhoffen ließ, auch des anregenden Eindrucks, den die junge Frau auf ihn erwirkte konnte er sich nicht gänzlich verschließen. Überdies, als Flora ihm auch noch bereitwillig erzählte, dass sie zwar noch niemandem versprochen war, dies aber, zumindest wenn es nach ihrer Mutter ging, nicht mehr allzu lange so bleiben würde. In der Tat mochte die Aurelia kaum jünger als der Flavier selbst sein, also durchaus in einem Alter, in dem die Hochzeit schon längst fällig war. Wenn sie Glück hatte, würde ihre Mutter ihren künftigen Mann nicht nur nach politischen Gesichtspunkten auswählen, sodass sie anstatt eines alten, verwitweten Konsularen möglicherweise auch einen jungen, vielversprechenden Mann in Erwägung ziehen würde. Letzteres wäre tatsächlich bereits ein ziemlicher Glücksfall, war doch allgemein eher das Gegenteil die gängige Praxis. Flaccus entging jedoch nicht, dass gerade dieses Thema der jungen Frau - verständlicherweise - etwas unangenehm schien, sodass er auf ein anderes auswich. "Gehst du gerne ins Theater?", fiel im spontan ein, denn er selbst tat das überaus gerne, wenngleich die Pantomimen oder gar der Mimus in Rom kaum mit dem griechischen Theater, das er in Athen kennen und lieben gelernt hatte, mithalten konnte.

    Kurz hielt Flaccus inne und lauschte in die Stille. Tatsächlich schien es, als ob der mächtige Beherrscher des Himmels, Zeus, das Werk des Hephaistos aus den Händen gelegt und wieder erbaulicheren Dingen sich zugewandt hatte, als die Sterblichen mit Blitz und Donner heimzusuchen. Lediglich das sanfte Geräusch leichten Regens meinte der Flavier noch zu vernehmen, doch mochte ihn hierin selbst sein scharfes Gehör ob der Zartheit des Klanges trügen. Flaccus erwiderte das Lächeln der Iunia. "Es ist spät geworden.", stellte er fest und in der Tat mochte es nicht mehr allzu lange bis zur cena dauern. Nun stand es zweifellos außer Frage, dass Axilla in einer Männertunika, mit überdies ziemlich zerstrubbelten Haaren wohl nur schwerlich an einer cena teilnehmen konnte, zudem sie vermutlich ohnehin auch bei den Iunii erwartet wurde, war doch anfangs nicht geplant gewesen, dass sie solange bleiben sollte.


    Flaccus erhob sich von seiner Liege und strich einige verrutschte Falten seiner Toga zurecht, ehe er einen Schritt auf Axilla zutrat."Danke für den schönen Nachmittag.", meinte er mit aufrichtigem Gesichtsausdruck. In der Tat war es die erste freundschaftliche Begegnung, das erste anregende Gespräch außerhalb des Familienkreises gewesen, das der junge Flavier nicht nur seit seiner Ankunft in Rom, sondern vielmehr seit seiner Abreise aus Athen geführt hatte, sah man von den Briefen an Xenophanes ab, die, wie geschrieben stand, ja halbe Gespräche waren. Nun stand Axilla vor ihm und Flaccus spürte den aufkeimenden Drang, durch eine Geste, eine Berührung das Gefühl der entsprossenen Freundschaft auszudrücken, das ihn beherrschte. Einen Moment noch zögerte der schlanke Flavier, ehe er sich endlich ein Herz fasste, und Axilla kurz freundschaftlich umarmte. Dann beließ er lediglich seine rechte Hand an ihrem Rücken, um mit der linken aus dem dichten Bücherwald nach draußen zu weisen. "Aglaia wird dich nach draußen bringen. Ich hoffe wir sehen uns wieder." Er lächelte sie an. Natürlich würden sie das. Dann blitzten seine Augen schelmisch und das Lächeln weitete sich zu einem Grinsen. "Die Tunika ...", begann er und blickte nochmals kurz an Axilla nach unten, " ... hat eindeutig Potential zu einer neuen Mode." Seine dunklen Augen blitzten, als er Axilla anlächelte. "Ich möchte, dass du sie behältst, vielleicht wird sie dir einmal ein Lächeln oder zumindest gute Erinnerungen schenken, wenn du sie mal findest..." Zumindest Flaccus selbst würde zeifellos eine Fülle an guten Erinnerungen von diesem Treffen bewahren. "Jetzt möchte ich dich aber wirklich nicht länger aufhalten." Er nickte Aglaia freundlich zu, die mittlerweile an die beiden jungen Menschen, kaum älter als sie selbst, herangetreten war. "Mögen die Götter deinen Weg behüten!", ein sanfter Druck mit der Hand an ihrem Rücken unterstrich seine Worte, ehe er sich löste und Flaccus einen Schritt zurücktrat.


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    "Narcissa?", fragte Flaccus nach, als sie ihren Namen fast beiläufig erwähnte. Vermutlich war das ihre Schwester, doch der junge Flavier hatte noch nicht das Vergnügen gehabt, sie kennen zu lernen. "Nicht nur deine Mutter ...", meinte er dann, "... auch ich bin am Land aufgewachsen, im Süden, wenn auch nicht so weit südlich wie du. Bei Paestum liegt das Landgut in dem ich geboren wurde, und in dem nun, nach dem Tod meines Vaters, nur noch meine Mutter lebt..." Langweilig hatte Flaccus das Leben am Landgut jedoch nie empfunden - zumindest, solange Nikodemos am Leben gewesen war. Dann hatte sich ohnehin schlagartig alles geändert und im Grunde war plötzlich gar nichts mehr da gewesen, was den jungen Mann noch bei Paestum, ja überhaupt in Italia gehalten hätte. Also ging's nach Athen, die einzige logische Konsequenz, berücksichtigte man alles, woran der Flavier Interesse hatte.


    Langsam bewegten sich die zwei jungen Menschen durch die gefüllten Straßen, der schlacksige junge Mann und die hübsche junge Frau an seiner Seite, umgeben von zwei stämmigen Germanen und einem greisen Griechen, den Flaccus sich als liebsten Begleiter für seine Spaziergänge ausgesucht hatte. Jener würde ihm in Gefahr zwar nur zweifelhaft beistehen können, doch war er wenigstens imstande, anregende Gespräche mit ihm zu führen, hatte er doch, seinem Alters zum Trotz, einen überaus schelmischen Humor bewahrt. Nun allerdings beugte er sich zu seinem jungen Dominus, und ... Nein, wohl eher umgekehrt. Nun also zupfte er Flaccus sachte an einem Zipfel seiner Toga und bedeutete jenem sich zu ihm hinunter zu beugen. Eine seltsame Aufforderung, der jener jedoch unverzüglich nachkam. Als ihm der greise Grieche ins Ohr flüsterte, formten die Lippen des jungen Mannes unweigerlich ein Lächeln ob der schelmischen Worte. Schon richtete er sich jedoch wieder auf und ging noch einige Schritte scheinbar unbeirrt weiter, ehe er sich zu Flora umwandte, die das kleine Schauspiel sicherlich beobachtet hatte. "Also...", begann er, sein offenherzigstes Lächeln auf den Lippen, "wir, also Nestor und ich..." er wies auf den kleinen Greisen zu seiner Seite, der ebenfalls ein fast väterliches Lächeln auf den Lippen hatte, "wir hatten uns gefragt...", er zögerte kurz, blickte den Alten an, doch dieser gab ihm nur einen ziemlich unsanften Schubs in die Seite, "... also, wir hatten uns jedenfalls gefragt, ob eine so anmutige Blume...", seine dunklen Augen trafen unmittelbar den Blick der funkelnden Smaragde, "... noch allein dem Boden auf, und dem Himmel unter dem sie wächst ...", Flaccus verweilte in der Metapher, " ... gehört, oder schon einem Sterblichen versprochen wurde..." Nun war es raus, auf reichlich komplizierte Weise hatte er nachgefragt, ob Flora schon einem Mann versprochen worden war, oder nicht. Einen Moment noch verweilte sein Blick in ihrem Antlitz, ehe er sich abwandte und lediglich bemerkte, wie ihm sachte auf den Rücken geklopft wurde. Denn bis zur Schulter des großgewachsenen jungen Mannes reichte der Arm des greisen Nestor nicht.

    Auch Flaccus war neugierig. Neugieriger wahrscheinlich, als der aufmerksame Beobachter aus der ernsten, würdevollen Erscheinung, um die der Flavier, seiner Jugend zum Trotz, bemüht war, vermuten würde. Denn auch er hatte in der Zeit seit seiner Ankunft in der Stadt viel zu wenige Bekanntschaften noch geschlossen, zu wenige von politischer aber auch zu wenige von persönlicher Relevanz. Zu sehr hatten ihn in den ersten Wochen der Kreis seiner Familie und später seine intensiven Studien, die er scheinbar ohne Unterlass betrieb, in Anspruch genommen. Nun jedoch kam der Winter, und so wie die Natur zu jener Zeit des Jahres sich auszuruhen schien von den Mühen der restlichen Zeit, so kam auch Flaccus gleichsam zur Ruhe und wandte mehr Zeit für persönliche Angelegenheiten auf, oder, um einfach ein bisschen durch die Stadt zu streifen. Sofern seine Pflichten im Cultus und bei Purgitius Macer das zuließen.
    "In zwei Tagen schon? Ich wollte eigentlich auch so bald als möglich aufbrechen, doch muss ich zuerst noch einige Angelegenheiten regeln, ehe ich mich losmache, um für ein paar Tage diesem ganzen Trubel hier...", in einer großen Geste wies er um sich und auf die rege dahinströmenden Menschenmengen, die, dem kalten Wind trotzend, die Straßen der Stadt bevölkerten, "... zu entkommen." Er erwiderte das Lächeln der jungen Frau aufrichtig. Ja, das erhoffte er sich von der Reise nach Mantua: den Kopf etwas freizubekommen, die Stadt endlich für ein paar Tage hinter sich lassen zu können, neue Erfahrungen zu machen und Bekanntschaften zu schließen. "Seit den Juni-Nonen...", erklärte er dann nach kurzem Kopfrechnen. In der Tat war er schon eine ganz schön lange Zeit in der Stadt, erst jetzt wurde er sich des Umstands bewusst. "Stammst du aus Tarentum?", fragte er dann nach und begann fast beiläufig zu sprechen: "Wenn von dort mich die Parzen fernhalten ungnädig, will ich den für seine bedeckten Schafe so angenehmen Galaesusfluß aufsuchen und die da beherrscht der Lakonier Phalantos, die Fluren. Jener ist's, der auf der Welt mir von allen lächelt, jener Winkel, wo nicht vor dem Hymettos der Honig weicht und wo da streitet mit dem grünen Venafrum die Olive, wo lang der Lenz, mild auch gewährt Jupiter den Winter; wo der Berg Aulon, Freund dem früchtespendenden Bakchos, nichts den Falernertrauben neidet." Gedanken des großen Horatius über die Gegend, jenes Poeten mit dem weit mehr als die gemeinsamen Namen den jungen Flavier verbanden. "Ein wundervoller Ort, oder?"

    Gut gelaunt und in der Begleitung lediglich eines einzigen Sklaven (des provisorischen Ersatzes für den noch nicht gefundenen Privatsekretär), gekleidet in eine naturfarbene Toga, eine kleine Wachstafel für etwaige Notizen im Bausch des sinus verborgen, gelangte Quintus an diesem kühlen Wintermorgen an die durchaus eindrucksvolle Porta der Domus Gentis Helvetiae. Die Fresken gefielen dem küstlerischen Gemüt des Flaviers durchaus gut, wenngleich sie in der Perfektion ihrer Ausführung etwas zu wünschen übrig ließen. Doch in dieser Hinsicht wurde den überhohen Ansprüchen des jungen Mannes kaum etwas gerecht. Ein Kopfnicken bedeutete dem mitgebrachten Sklaven vorzutreten und einmal kräftig anzuklopfen, was jener auch tat. Nun würde sich zeigen, ob er auch das Sprüchlein behalten hatte, das Flaccus ihm einzuprägen versucht hatte - die Sklaven waren schließlich auch nicht mehr das, was sie scheinbar mal gewesen waren. Poch. Poch. "Dominus Quintus Flavius Flaccus bittet um ein Gespräch mit dem ehrwürdigen Senator Titus Helvetius Geminus." Dass jener bereits zu Hause war, daran bestand kein Zweifel, denn die Senatssitzung, an der Flaccus unter der Obhut seines politischen Tutors, des Consuls Purgitius Macer teilgenommen hatte, war bereits vor geraumer Zeit zu Ende gegangen. Ob der Senator ihn allerdings auch sofort empfangen würde, war eine gänzlich andere Frage. Nichtsdestotrotz vertraute Flaccus, wie so oft, auf die Wirkungskraft seines Namens und wartete gespannt vor der Porta.

    Auch Flaccus nippt am angebotenen Becher. "Wie wahr, wie wahr!", beteuert er des Senators Einschätzung des Weines als ein Geschenk der Götter, war schließlich nicht alles letztendlich ein Geschenk der Götter? Die folgenden Worte des Matiniers, die Person des Furianus betreffend, ließ Flaccus unkommentiert, was hätte er auch erwidern sollen? Hatte Flavius Furianus zwar bei seiner Ankunft noch in Rom geweilt, war er nunmehr auf Corsica, wohin er sich, gezwungen durch eine Krankheit, zurückgezogen hatte. Zwar erwiderte der alte Senator auf die Frage des Flaviers einige Dinge, doch nichts, was jener nicht bereits wusste, vielmher schien er nun seinerseits den jungen Mann mit Fragen zu überhäufen. "Ich denke, er möchte die ehrwürdigen Männer des Senats darin bestärken, etwa die Patronage für Städte zu übernehmen oder durch andere Dinge das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für das Wirken des Senats stärken.", versuchte er die Frage knapp zu beantworten, und schloss schnell seine eigene an, ehe der Matinier auf den Gedanken kommen konnte, ihn zu unterbrechen. "Welche Städte, außer Tarraco sind es, um die du dich als Patron kümmerst?"

    Verwegenheit war wohl tatsächlich eine Charaktereigenschaft, welche die Götter dem jungen Flavier nur sehr spärlich zugeteilt hatten, wiewohl sich dies möglicherweise mit den Jahren ändern würde, zumindest hoffte er selbst, dass er, hatte er erst ein Jahr als tribunus militum gedient, etwas römischer und weniger griechisch geprägt erscheinen würde. Im Moment jedoch galt seine Liebe am ehesten noch den verwegenen Taten in den Epen und Liedern der Alten, doch auch hier rückte immer mehr die Liebeslyrik in den Vordergrund seines Interesses und stellte die Tapferkeit und den Mut so mancher Helden etwas in den Schatten. Hatte nicht schon Amor im Wettstreit mit Apoll bewiesen, dass seine Macht die des gewaltigen Schützen überragte, wiewohl es gerade jener Gott war, dem der junge Flavier als Führer der Musen, als Gott des Lichts und der Wahrheit der schönen Künste und der Musik besonders huldigte. Es mag also leicht verständlich sein, dass es keinesfalls politisches Kalkül war, das des Flaviers Interesse an der jungen Frau erweckte.


    Septima? Im Kopf des Flaviers schwirrten zahllose Namen umher, doch konnte er gerade jenen nicht einordnen und wurde somit in vollem Umfang den Worten seines alten Nomenclators gerecht, der ihn schon immer damit aufgezogen hatte, Flaccus wäre ohne ihn so hilflos wie ein am Rücken liegender Käfer. Gerade hier in Rom war der junge Flavier sich dessen wieder bewusst geworen, hatte er ihn Athen doch mittlerweile die Namen der wichtigsten Männer und Frauen einigermaßen im Kopf behalten, so hatte er sich bei seiner Ankunft in der ewigen Stadt tatsächlich wieder mit der schier unüberwältigbaren Aufgabe konfrontiert gesehen, endlose Namenslisten in sein Gedächtnis zu transferieren und sie, nach Möglichkeit, auch dort zu behalten. War jene Septima allerdings die Gattin des Aureliers, so hatte sie vermutlich auch die letzte Zeit an dessen Seite in Mantua verbracht, sodass sich der Flavier nur geringe Vorwürfe machen konnte, ihren Namen nicht einordnen zu können. Eines kleinen Grinsens konnte Flaccus sich jedoch nicht erwehren, als Flora erklärte, sie reise nach Mantua um der Gattin weibliche Unterstützung teilwerden zu lassen. Die war zweifellos nötig in einem Lager inmitten hunderter rauher Männer. Dem Soldatenleben hatte der junge Flavier nie viel abgewinnen können, außer dem Ruhm und der Ehre, die edle Taten am Feld mit sich brachten. Doch in seinen Augen konnte selbst das die Mühen und Strapazen kaum aufwiegen. "Wann werdet ihr denn aufbrechen?", fragte er nach, hauptsächlich um irgendetwas zu fragen, während er nach einem geeigneten Gesprächsthema suchte.

    Eine gefühlte Ewigkeit blickte der schlanke junge Flavier sich um, von dem Gesicht eines Bruders in das das nächsten. Keiner der Brüder jedoch meldete sich zu Wort. Nun konnte man Schweigen wohl, wie es einst auch der große Arpinate getan hatte, als Zustimmung werten, doch wären dem Geschmack des jungen Mannes verbale Äußerungen durchaus willkommen gewesen. Als sich jedoch nichts dergleichen ereignete, blickte er etwas hilflos zu Tiberius Durus, dem wohl angesehnsten der Brüder.

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    Original von Caius Columnus


    Eine einzelne zarte Falte erstreckte sich über die gesamte Stirn des jungen Flaviers, die sich mit jedem Wort des Subauctors tiefer einzugraben schien. Im Grunde war er gewillt, sofort aufzustehen und zu fordern, zu einem Auctor geführt zu werden, doch irgendetwas - und das waren nicht seine guten Manieren - hielt ihn davor zurück. Womöglich war dieser Mann, so sonderbar er Flaccus auch anmutete, doch eine ergiebige Informationsquelle, doch das würde sich schon in Kürze offenbaren. Er brachte also die Wachstafel aus dem sinus seiner toga zum Vorschein, schnappte den Griffel und blickte Caius Colomnus an. Der war jedoch offenbar nicht gewillt, einfach loszuplaudern, sondern schien Namen hören zu wollen. Nun gut, dann sollte er Namen haben. "Nun, zum Beispiel Medicus Germanicus Avarus, was weißt du über ihn?", begann er, "Oder Lucius Annaeus Florus, Lucius Aelius Quarto ... kannst du mir etwas über diese Männer berichten?" Neugier sprach aus dem Blick des Flaviers, denn er war in der Tat neugierig, ob der GROSSE Caius Columnus ihm etwas über den momentanen Einsatz dieser Männer würde berichten können.

    Sie war also mit Aurelius Ursus verwandt, wenn auch nur entfernt, wie sie beteuerte. Als Flora sich bei den Worten des schlanken jungen Flaviers zu ihm umwandte, fiel jenem das erste Mal - zu benebelt war sein Empfinden bisher vom Zorn über diesen sonderbaren Plebejer gewesen - die Anmut der jungen Frau ins Auge, als ihre honigfarbenen Locken, vom kühlen Wind geführt, ihr zartes Antlitz umspielten. Wie kleine Smaragde blitzten ihre Augen daraus hervor und riefen in Flaccus die Erinnerung an ähnliche Augen wach, die ihn vor gar nicht langer Zeit allzu heftig in ihren Bann gezogen hatten. Er wandte sich ab, wiewohl der Anblick bezaubernd und faszinierend zugleich war, gleich einer Oase in der tristen grauen Wüste dieses regenverhangenen Herbsttages. Ihre nächsten Worte zwangen ihn jedoch bereits wieder den Blick auf sie zu richten, stellten sie ihm doch eine angenehme Versüßung der trockenen politischen Reise, die er erwartet hatte, in Aussicht. Ihre Befürchtung, das geplante Gespräch könnte so geheim sein, dass er ihr nicht davon erzählen würde können, ließ den jungen Flavier schmunzeln. "Nein, ganz und gar nicht.", beteuerte er lächelnd, "Es geht lediglich darum, im Auftrag des Consuls Purgitius Macer, eine kleine Erhebung über den öffentlichen Einsatz der ehrwürdigen Senatoren durchzuführen. Nichts allzu aufregendes.", fügte er hinzu, denn das war es tatsächlich nicht, wiewohl es ihm doch die einzigartige Möglichkeit gab, bereits vor seiner ersten Kandidatur eine Großzahl der amtierenden Senatoren persönlich kennenzulernen. "Aber was ist mit dir? Was führt dich nach Mantua?", erkundigte er sich dann neugierig und verkniff sich die Bemerkung, dass es doch weitaus ansprechendere Orte für junge Damen ihres Alters gab, um sich die Zeit zu vertreiben, als ein Legionslager.

    Früh am Vormittag, Flaccus hatte sich heute bereits bald nach der Salutatio von seinem Tutor Purgitius Macer verabschiedet, führte ihn sein Weg zur Porticus Miliarensis und dem Tempel seiner Ahnen. Wie verabredet erwarteten ihn dort bereits einige Sklaven mit den Opfergaben, frischen Äpfeln, Wein, feinen Gebäcken, kostbarem Weihrauch aus dem Osten und nicht zuletzt dem Opfertier, einem strahlend weißen, prächtigen und bunt geschmückten Lamm. Es war nicht das erste Mal, dass Flaccus den Tempel seiner Ahnen aufsuchte - er hatte den Göttern hier schon oft seit seiner Ankunft kleine Opfergaben dargebracht - doch es würde das erste blutige Opfer zu Ehren der Vorfahren werden. Und doch war der junge Flavier an diesem kalten Wintertag weit weniger aufgeregt, als bei dem letzten großen Opfer, das er im Tempel des kapitolinischen Iuppiter gefeiert hatte. Zum einen war der Rahmen hier weitaus intimer, wiewohl es Flaccus jedesmal aufs neue erstaunenswert erschien, wie viele Menschen den Tempel seiner Ahnen besuchten, zum Großteil wohl Klienten von Familienmitgliedern, zum anderen war auch das Opfer selbst nicht so groß, das Opfertier lediglich ein Lamm und nicht wie bei dem Opfer für den Diespater selbst, ein ganzer Widder. Es sollte also nichts schief gehen können, an diesem verheißungsvollen Tag, sodass Flaccus auch ruhig und bestimmt die Stufen zum Tempeleingang und der Säulenhalle erklomm, sicheren Schrittes, ein ernster Ausdruck zierte sein Antlitz. Zwischen den mächtigen Säulen angekommen, blickte sich der hagere junge Mann zwischen den mächtigen Säulen um, und vergewisserte sich, dass die mit den Gaben für das Voropfer ausgestatteten Sklaven ihm folgten. In der Tat waren ihm jene, in angemessenem Abstand mit demütig gesenktem Kopf gefolgt, während einer mit dem Lamm am Vorplatz des Tempels verblieben war. Tief sog der schlanke junge Mann die kalte Luft ein, ehe er sich wieder dem Tempeleingang zuwandte und eintrat.


    Unvermittelt umfing ihn die gewaltige, heilige Atmosphäre des Tempels in gewohnter Weise, der Geruch verbrannter Harze, das flackernde Licht unzähliger Öllampen in der Halle der geweihten Stätte. Auf das kleine Becken mit frischem, kaltem Wasser herantretend gewöhnten sich die Augen des jungen Flaviers langsam an das dämmrige Licht des Raumes. Langsam ließ er seine Hände in das Becken sinken, der glatten Oberfläche des klaren Nasses entgegen. Fast schreckhaft ob der tatsächlichen eisigen Kälte des Wassers zuckten die Spitzen der schlanken Finger des Flaviers kurz zurück als sie in Berührung des Wassers kamen, welches nunmehr in zitternden Kreisen kleine Wellen über die vormals ebene Fläche schlug. Einen Augenblick zögerte Flaccus, schien seinen Geist auf die Geschehnisse fokussieren zu müssen, ehe er die Hände bestimmt zu einer flachen Schale formte und gänzlich in das eisige Nass tauchte. Dann benetzte er auch sein Antlitz und reinigte sich gänzlich um das folgende Opfer in würdiger und rechter Weise vollziehen zu können. Die tropfenden Hände trocknete er fast beiläufig in den Falten seiner Toga ehe er eben jene in einer langsamen Bewegung über sein Haupt zog und weiter in das Innere des Heiligtums trat. Gemessenen Schrittes durchquerte Flaccus die cella und erreichte so die marmornen Bildnisse seiner Ahnen, voll Glanz und Gloria, Zeugen einer besseren Zeit. Demütig ob der Zeugnisse der einstigen Macht seiner Familie senkte der junge Flavier das Haupt und verharrte einen Moment in regungsloser Stille. Dann richtete er sich wieder zu voller Größe auf und wandte sich zu den Sklaven um, die ihm hierher gefolgt waren, und ihn nun mit den mitgebrachten Gaben umringten. Zunächst nahm er den Weihrauch entgegen, eine kostbare Sorte aus dem fernen Orient, den östlichen Provinzen, außerordentlich in ihrem Wohlgeruch und ihrer Exquisität. Aus flacher Hand ließ er die Körner auf die glühenden Kohlen der Feuerschalen zu Seiten des Altares rieseln, sein Blick richtete sich hingegen empor zum Antlitz der Statuen, deren bekränzte Häupter nunmehr von duftenden Rauchschwaden verhüllt und auf mystische Weise verklärt wurden. Die Handflächen gen Himmel gerichtet, begann der schlanke junge Mann zu sprechen.


    "Oh ihr Ahnen, Götter, Stammväter der flavischen Gens, die ihr die Wege der Sterblichen schützend beschirmt, die Taten der Frommen mit Erfolg krönt und die niederträchtig Handelnden ins Verderben stürzt! Ich, Quintus Flavius Flaccus, Sohn des Cnaeus Flavius Flaccus Spross eurer Gens, Abkömmling eures Blutes stehe vor euch um meine Bitten vorzutragen und euren Ruhm durch Opfer zu mehren. Ich habe euch immer treu gedient und so bitte ich: Nehmt meine Gebete an!"


    Wieder wandte der junge Mann sich um und nahm nun die patera mit Wein entgegen. Einige Tropfen ließ er zunächst auf den Boden des Tempels fallen, wo sie den kalten Stein benetzten und zerronnen, dunkle Flecken hinterlassend, Vorboten des schon bald fließenden Blutes. Den Rest des Weines goss er in die am Altar bereitstehenden Schalen, ehe Flaccus die nunmehr leere patera wieder den Sklaven überreichte und stattdessen die Früchte und das Gebäck entgegennahm und auch sie auf dem Altar niederlegte, bevor er erneut seine Stimme erhob.


    "Ihr Ahnen, die ihr über uns wacht, unsere Schritte lenkt und beschützt, hört mich an! Um eure Gunst zu erbitten rufe ich euch an. Haltet auch weiterhin eure Hand schützend über unsere Familie, lasst nicht zu, dass böse und niederträchtige Intrigen den strahlenden Glanz der Gens beschmutzen. Wacht über uns am Tage und in der Nacht, beschützt uns und straft unsere Feinde. Nehmt diese Gaben an, die ich euch darbringe: wohlschmeckenden Wein, frische, köstliche Früchte und zarte Kuchen zur Ehre eures Namens."


    Eine Drehung nach rechts bildete den Abschluss des Gebetes und ein letzter Blick ins Antlitz der Bildnisse unterstrich die flehentliche Bitte des jungen Flaviers ,ehe er sich umwandte und aus der göttlichen Atmosphäre des Tempels hinaus an den kühlen Wind des Winters trat. Noch immer stand der bei dem Lam verbliebene Sklave im Tempelhof und harrte des Fortgangs der Opferhandlungen. Flaccus selbst schickte sich an, durch die Säulen hindurch die Stufen des Tempels hinabzusteigen, um das Opfer zu vollenden. Wiewohl ohnehin keine übermäßig lauten Handlungen im Hof des Tempels im Gang waren, erscholl ein bestimmendes: "Favete linguis.", als Flaccus an den Altar und das davor im kalten Wind zitternde Lamm herantrat. Lediglich die sanften Klänge der tibicines und fidicines erfüllten nun noch die Luft, und erlaubten dem hageren jungen Mann sich gänzlich auf die notwendigen Opferhandlungen zu konzentrieren. Zunächst nahm jener die mola salsa und bestreute damit, ganz wie es Sitte war, das Opfertier und den culter. Auch ein Kännchen mit Wein nahm er zur Hand und goss den blutroten Inhalt über das strahlend weiße Fell des Lammes, dessen Opferschmuck nun von flinken Händen rasch entfernt wurde. Nun ergriffen die schlanken Hände des Flaviers das Opfermesser und er beugte sich über das Haupt des Tieres, um einen Strich, von der Stirn entlang über den Rücken zu ziehen. War dies geschehen, breitete der hagere Flavier seine Arme aus und richtete Hände und Haupt gen Himmel, eine mächtige, ehrfurchtgebietende Erscheinung. "Oh ihr Ahnen der flavischen Gens!", mit starker Stimme sprach er und seine Worte hallten durch den Tempelhof, "Hier steht Quintus Flavius Flaccus, Sohn des Cnaeus Flavius Flaccus Abkömmling eures Blutes, Spross eurer Familie um eure Größe und Macht zu preisen! Ihr mächtige Männer, Götter, Ahnherren unserer Familie, seht dieses Tier an: Ein reines, makelloses Lamm, ein wahrhaft würdiges Opfer! Haltet eure Hand schützend über unsere Familie und unterstützt vor allem mich, der ich euch heute dieses Opfer darbringe, auf meinem politischen Weg, auf dass ich eines Tages eurem Vorbild und dem Namen unserer Gens gerecht werde und hohe Ehren im Dienst für Rom erringe!" !" Eine Wendung nach rechts schloss das Gebet ab und Flaccus ergriff erneut das Messer. Etwas Besonderes sollte an diesem Tag geschehen, denn Flaccus gedachte, ganz den Sitten der Alten folgend, das Opfer eigenhändig zu vollbringen. Er trat also nahe an das zitternde Tier heran, ergriff es am Haupt, legte die kalte Klinge des Messers an den strahlend weißen Hals des Lammes, zögerte einen kurzen Augenblick, ehe er mit einem schnellen Schnitt die blutführende Ader durchtrennte. Stoßweise spritzte das Blut aus der Wunde, über die schlanken Finger des Flaviers, auf den hellen Stoff der Toga, wo es rostige Flecken hinterließ. Eine schnell herbei gereichte Schale fing einen Teil des austretenden Blutes auf und Flaccus hielt den nunmehr nur noch schwach zuckenden und Augenblicke darauf gänzlich erschlafften, leblosen Körper des Lammes noch einige Momente am Haupt, ehe er ihn zu Boden sinken ließ, nur um schon kurz darauf selbst neben dem Tier auf die Knie zu sinken und die Innereien zu begutachten. Über alle Maßen sorgfältig und mit der, dem jungen Flavier in so außergewöhnlichem Maße eigenen akribischen Genauigkeit, prüfte Flaccus jedes einzelne Organ, drehte und wandte es in seinen nunmehr bluttriefenden Händen - die strahlende Toga war schon längst von den rostfarbenen Malen des Opfers übersät – auf dass ihm auch nicht die kleinste Unförmigkeit, der unscheinbarste Defekt entging. Dennoch schienen die Ahnen ihrem eigenen Fleisch und Blut gewogen zu sein, denn die Eingeweide widerstanden in ihrer Makellosigkeit dem prüfenden Blick des Flaviers, sodass dieser, nachdem das letzte Stück, gedreht und gewendet und aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln begutachtet worden war, sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und mit fester Stimme verkündete: "Litatio." Nun brachte er Stück für Stück die wichtigsten Organe, unter ihnen Leber, Lunge und Herz zum Altar, um sie zu verbrennen und sie somit in göttliche Sphären zu transferieren. Der größte Teil des genießbaren Fleisches würde später in der Küche der Villa zubereitet werden, doch darum sollten sich die Sklaven kümmern. Flaccus selbst hingegen harrte konzentriert aus, bis auch das letzte Stück vollständig von den Flammen verzehrt worden war, ehe er in einer Schüssel mit klarem Wasser, die einer der Sklaven ihm demütig entgegenstreckte, seine blutigen Hände säuberte. Als auch dieses geschehen war, machte der junge Mann sich wieder auf den Heimweg zur Villa. Zwar war er dem verwegenen Ausdruck, den seine blutbefleckte Toga zweifellos bewirkte, durchaus nicht abgeneigt, doch widersprach der Umstand, nicht in Ordnung und strahlender Reinheit gekleidet zu sein, seinem ordnungsliebenden immer nach Perfektion strebenden Gemüt, sodass zweifellos eine frische Toga her musste - falls sich das überhaupt noch auszahlen würde, denn der Mittag war mittlerweile weit überschritten, komplexe Opferhandlungen forderten einfach ihre Zeit, und die cena würde er in wenigen Stunden auch in einer schlichteren synthesis einnehmen können.

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    Original von Aurelia Flora


    Noch einmal zuckte Flaccus mit den Schultern und meinte: "Die Wege des Schicksals sind unergründlich. Oft entpuppt sich eine scheinbar herbe Niederlage schon bald auf diffizile Weise als Erfolg." Eine Lebenserfahrung die der junge Flavier nur allzu oft schon gemacht hatte. Auf die Bemerkung bezüglich des in nahezu astronomische Höhen gesteigerten Preises erwiderte Flaccus nichts. Im Grunde hatte er selbst sich noch nie um finanzielle Fragen kümmern müssen. Das Geld ... war einfach immer da gewesen, sowohl in Paestum, als auch in Athen und noch vielemehr hier in Rom. Dennoch war es wohl seine Vernunft gewesen, die ihn vor wenigen Augenblicken davon abgehalten hatte, weiter zu bieten, da der Preis bereits deutlich über dem Wert der Sklavin lag. Zwar mochte Flaccus ein schlechter Verlierer sein, doch er war intelligent. Sollte dieser Plebejer nur sein Geld für Sklaven aus dem Fenster werfen, er selbst würde nicht aus blosser konkurrenter Rivalität unvernünftig handeln.


    Dann allerdings stellte die Aurelia sich vor und erst jetzt wurde dem Flavier gewahr, dass er selbst bisher völlig darauf vergessen hatte. Man konnte fast meinen, Rom beraubte den jungen Patrizier gänzlich seiner gepflegten Umgangsformen. Ein leichtes Nicken andeutend, schlich sich also ein freundliches Lächeln auf seine Lippen. "Es wäre mir eine große Freude. Ich bin Quintus Flaccus aus der gens der Flavier.", stellte er sich selbst vor, während er sich langsam in Bewegung setzte, um den Ort seiner schmählichen Niederlage hinter sich zu lassen. "Also bist du mit Aurelius Ursus verwandt?", fragte Flaccus nach, hauptsächlich um erstmal ein Gespräch zu beginnen, und weil eben jener Aurelier ihm spontan in den Kopf geschossen war. "Ich werde nämlich schon in wenigen Tagen nach Mantua aufbrechen, um ein Gespräch mit dem Senator zu führen.", erklärte er seine Nachfrage.

    Allmählich schienen sich die Wogen des sonderbaren Gesprächs zwischen den beiden jungen Menschen zu glätten, gleich den Wellen des gewaltigen Ozeans hinter einem Schiff, das sie kühn befahren, langsam sich wieder senken zu endloser Weite, ein Spiegel den Gestirnen. Nach seiner eigenen Lieblingsstelle gefragt, runzelte der Flavier einen Moment die Stirn. Eine Lieblingsstelle? Konnte es so etwas überhaupt geben, in einem Werk, das, gleich einer Schatztuhe tausende und abertausende Kostbarkeiten, in ihrem Wert und ihrer Einzigartigkeit nicht voneinander zu trennen, enthielt? Er würde wohl einfach einen der funkelnden Diamanten herausgreifen und ihn im warmen Licht der Öllämpchen, die mittlerweile in der flavischen Bibliothek entzündet worden waren, zum glänzen bringen. Leise hob er zu singen an. Füllte den Raum mit dem Strahlen des Edelsteins, den bunten Bildern der Worte, dem Rhymthmus der Verse, der Anmut der Melodie.


    "Einen Reigen auch schlang der hinkende Feuerbeherrscher,
    Jenem gleich, wie vordem in der weitbewohnten Knossos
    Daidalos künstlich ersann der lockigen Ariadne.
    Blühende Jünglinge dort und vielgefeierte Jungfraun
    Tanzten den Reigen, an der Hand einander sich haltend.


    Schöne Gewänder umschlossen die Jünglinge, hell wie des Öles
    Sanfter Glanz, und die Mädchen verhüllte zartes Linnen.
    Jegliche Tänzerin schmückte ein lieblicher Kranz, und den Tänzern
    Hingen goldene Dolche zur Seite an silbernen Riemen.


    Kreisend hüpften sie bald mit schöngemessenen Tritten
    Leicht herum, so wie oft die befestigte Scheibe der Töpfer
    Sitzend mit prüfenden Händen herumdreht, ob sie auch laufe;
    Bald dann hüpften sie wieder in Ordnungen gegeneinander.


    Zahlreich stand das Gedräng' um den lieblichen Reigen versammelt,
    Innig erfreut; es sang unter ihnen ein göttlicher Sänger
    mit der Harfe sein Lied. und zwei nachahmende Tänzer im Kreise
    Stimmten an den Gesang, und drehten sich in der Mitte."


    Ein Moment der Stille kehrte ein, nachdem die letzten ionischen Verse, wohl nicht von ebenso perfekter Aussprache wie jene der Iunia, jedoch erfüllt mit Energie, Emotion, mit Wehmut, Sensucht und Strahlen erfüllt verklungen waren. Ein fast verschmitztes Lächeln schlich sich auf die Lippen des jungen Faviers. "Wohl nicht so heroisch wie deine ...", meinte er leise.

    Flaccus Trat also in das Officium ein und fand sich tiefer in demselben auch schon dem Curator in persona gegenüber. "Salve.", grüßte er ihn, "Ich danke dir, dass du einen Augenblick deiner kostbaren Zeit erübrigen kannst ...", ließ er seine Höflichkeit spielen, während er auf die Einladung wartete, sich zu setzen.

    Falerner? Hatte er da richtig gehört? Dieser Wein war exquisit sondergleichen und im ganzen Imperium gerühmt. Selbst ein wenig davon zu bekommen galt als enorme Herausforderung. Natürlich, wer konnte da nein sagen. "Falerner bitte.", machte Flaccus also, als er sich neben dem Senator nieder ließ. "Flavius Furianus. Natürlich.", kurz kramte der junge Mann in seinem Hirn herum, "Also, unsere Großväter waren Brüder.", erklärte er die verwandtschaftliche Beziehung also auf möglichst einfache Weise, um sodann gleich zur Sache zu kommen, schließlich gedachte er nicht, dem Senator mehr seiner kostbaren Zeit als nötig zu rauben. "Ich leiste im Moment ein Tirocinium Fori bei dem Consul Purgitius Macer. Er ist es auch, in dessen Auftrag ich heute gewissermaßen hier bin.", erklärte der Flavier zunächst die Umstände seiner Anwesenheit. "Ich möchte mich ein wenig über deinen öffentlichen Einsatz erkundigen. Ich habe gehört du warst Proconsul von Hispania und bist noch immer sehr mit der Provinz verbunden ....?", leitete der Flavier das Gespräch ein.

    Staunend hatte Flaccus die Veränderungen, die in der flavischen Villa scheinbar über Nacht von statten gegangen waren, zur Kenntnis genommen. Zwar waren ihm die Festlichkeiten der Saturnalien durchaus nicht fremd, den Brauch jedoch, überall kleine Zweige mit Naschereien aufzuhängen und das Haus auch sonst ganz strahlend herauszuputzen, kannte er nicht. Zu Hause, am Landgut bei Paestum waren die Saturnalien bedeutend schlichter ausgefallen, hatten dort die Sklaven doch einfach gemeinsam mit ihren Herren die cena eingenommen und sich von Freien bedienen lassen. Auch im Haushalt des Polykarpos in Athen hatten die Sklaven zu den Kronien leidglich gemeinsame Symposien mit der Familie gehalten. Hier jedoch schien das Fest, allein was die Zahl der Sklaven anging, durchaus größer dimensioniert zu sein, wiewohl Flaccus inzwischen bemerkt hatte, dass hier in der Villa ohnehin alles größer dimensioniert war, als er es kannte. Als er schließlich ins Atrium gelangte fiel im sofort ein Umstand ins Auge, der seinem ordnungsliebenden Geist grob widersprach. Hing doch einer der zahlreichen Zweige mit Naschereien ziemlich schief an der Wand und störte so den ansonsten harmonischen Gesamteindruck auf derbe Weise. Fast schon hätte Flaccus einen etwas abseits stehenden Sklaven mit wenig freundlichen Worten dazu verdonnert hier Ordnung zu schaffen, als er im letzten Moment gerade noch der Tatsache eingedenk wurde, dass ja Saturnalien waren. Also trat er selbst an den ungeliebten Zweig heran und versuchte ihn in dessen ursprünglicher Position wieder festzumachen, auf dass er sich erneut in ordentlicher Weise in das Gesamtbild einfügen möge. War diese Tat erst vollbracht, hielt ihn jedoch nichts mehr im Atrium und er folgte vielmehr dem Klang der Gespräche ins Triclinium. Obgleich bei Flaccus Eintreten in den Raum nicht mehr die selbe ehrfürchtige Stille wie unmittelbar zuvor einkehrte, wandten sich doch einige Köpfe zum Eingang hin, wo der junge Flavier ein freundliches "Bona Saturnalia!" vernehmen ließ. Keine Frage, die alten Traditionen mussten geehrt werden und so würde heute eben einmal der lange vergangenen goldenen Zeit gedacht werden, als unter Saturns Herrschaft alle Menschen in Bruderschaft miteinander lebten und die Erde alles hervorsprießen ließ, was man zum Leben brauchte. Den angebotenen Weinbecher nahm Flaccus entgegen, wusste er doch um die Schätze der flavischen Weinkeller, aus deren gleichsam sprudelnden Quellen zu solchen Festen die köstlichsten Tropfen geschöpft wurden. Zumindest in der Imagination des Flaviers entstand ein solches Bild, hatte er schließlich im Grunde keine Ahnung, wie die Keller tatsächlich aussahen, lagen jene doch für gewöhnlich in der Obhut der Sklaven. Sich aufmerksam umblickend entdeckte Flaccus den augenscheinlich in seinen Wein vertieften Gracchus, in dessen unmittelbarer Nähe er sich dann auch selbst niederließ, wiewohl den Blick immer noch schweifen lassend, ob er nicht auch irgendwo Aglaia, die hübsche Sklavin entdecken konnte.

    Dass die gesamte Situation auf Axilla wohl ziemlich verstörend wirken mochte kam Flaccus erst viel zu spät in den Sinn, wiewohl er sich nun in Gedanken dafür schalt nicht früher daran gedacht zu haben. In der Tat war es nämlich reichlich unrömisches Verhalten, das er soeben an den Tag gelegt hatte und welches, würde er in Zukunft nicht krampfhaft genau Acht geben, seine Pläne, als vir vere Romanus sich dem römischen Volk zu präsentieren durchaus gefährden konnte. Die Spuren seines Athenaufenthaltes waren wohl noch allzu deutlich in Flaccus verankert, als dass er den harten, unempfindsamen Römer in Rüstung, der wohl, soviel glaubte er inzwischen durchaus über Axilla zu wissen, eher ihr Typ zu sein schien, überzeugend hätte spielen können. Noch waren sie das, denn schon in wenigen Jahren, hatte er selbst erst sein Militärtribunat abgeleistet, würde er sich wohl gänzlich anders präsentieren können. Nun jedoch galt es vermutlich Schadensbegrenzung zu betreiben und den Versuch, zu retten, was noch zu retten war, zu initiieren. Die einzelne kleine Träne war glücklicherweise ohnehin bereits verschwunden, sodass es lediglich galt, einen ernsthaften Gesichtsausdruck aufzusetzen und das Thema nicht weiter zu berühren. Ohnehin bot sie ihm ja in zuvorkommender Weise auf seine Frage hin, wieso sie ausgerechnet die schreckliche Szene von der Schändung des toten Hektor ausgewählt hatte, die Möglichkeit dieses Rettungsseil zu ergreifen und den Dialog gleichsam auf eine allgemeine, viel unpersönlichere Ebene zu heben. Ihre erste Aussage ließ ihn leicht die Stirn runzeln. Sie fand es schön? Nun, es sollte ja durchaus Menschen geben, die Spaß daran hatten, anderen beim Leiden zuzusehen, warum sonst waren die Amphitheater sonst bei den Spielen immer zum Bersten gefüllt? Ja es sollte sogar Menschen geben, die es anregend fanden, selbst anderen Menschen Leid, etwa in Form von Schmerzen, zuzufügen, doch dass es jemand als schön empfinden konnte, wenn einem tapferen Helden die rituelle Bestattung verwehrt und sein Leichnam auf grausame Weise geschändet wurde, konnte Flaccus sich nicht so recht vorstellen. Noch dazu wo Hektor ja der tapferste Held der Trojaner und damit der Stammväter des römischen Volkes gewesen war!


    Als der junge Flavier also, die Stirne tief gerunzelt, versuchte, Axillas Standpunkt zu verstehen, verbesserte sie sich selbst und meinte, dass sie die Begebenheit vielmehr als heldenhaft empfand. Seine Stirn lichtete sich etwas, während Flaccus immernoch versuchte ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Denn er selbst konnte der Schändung eines Leichnams im Grunde gar nichts heldenhaftes abgewinnen. Der Kampf und Tod des Rossbändigers waren wohl zweifelhaft heldenhaft gewesen, doch dann leblos herumgeschleift zu werden war im Grunde nur entwürdigend. Nun sagte Axilla allerdings etwas durchaus Interessantes, das Flaccus aufhorchen ließ. Sie schuf einen Konnex zwischen dem Leid, das einem Helden widerfuhr und der Größe seines Heros. Eine interessante Vorstellung, die dem Flavier so noch nicht in den Kopf gekommen war. Für ihn hing die Größe eines Heroen, seine Heldenhaftigkeit und der unsterbliche Ruhm, der ihm von der Nachwelt zuteil wurde, vielmehr von der Tugendhaftigkeit seiner Taten, von seiner edlen Gesinnung und Rechtschaffenheit, ja schlussendlich von seiner Ergebenheit in sein fatum ab. Noch bevor er allerdings diesen Einwand erheben konnte, sprach Axilla weiter und tat ihre persönliche Vorliebe für den Priamossohn gegenüber dem Peliden kund. Dem allerdings konnte Flaccus beipflichten und so nickte er eifrig. "Ja, er ist schließlich der Schützling Apolls.", pflichtete er ihr bei, als ob das genug wäre, nicht bedenkend, dass sie ja nicht um seine persönliche Affinität zu dem Gott wissen konnte.

    Die Bibliothek. Ja, das war wohl, wenig verwunderlich, auch für Flaccus der erste Ort gewesen, den er so richtig kennengelernt hatte. Erfreut hatte er schon bald nach seiner Ankunft in Rom und bei den Flaviern festgestellt, dass die Bibliothek der Villa überaus gut bestückt war, ja weitaus besser sogar, als die eigene Bibliothek am Landgut bei Paestum, wo er seine Kindheit verbracht hatte, wiewohl die wenigen, größtenteils philophischen Schriften, die er selbst aus Athen mitgebracht hatte, in der flavischen Bibliothek noch nicht vertreten gewesen waren, und sich somit als Bereicherung durchaus gut eingefügt hatten. Den Garten der Villa allerdings hatte auch er erst in einem zweiten, einem genaueren Kennenlernprozess sich erschlossen, allerdings, je genauer er ihn ausgekundschaftet hatte, auch in ähnlicher Weise zu lieben gelernt.


    Flaccus trat näher und ließ sich schließlich auf die steinerne Bank neben Domitilla nieder. "Und, gefällt dir, was du siehst?", fragte er, wenngleich die Antwort wohl ohnehin voraussehbar war. Wer schließlich konnte sich selbst der herbstlichen Schönheit eines solchen Gartens schon verschließen? Dennoch brauchte es einen lockeren Einstieg ins Gespräch, schließlich konnte er die junge Flavia ja nicht gleich mit allen möglichen Fragen bombardieren, die ihm womöglich in den Kopf schossen.