Beiträge von Cnaeus Decimus Casca

    Es hatte mir recht gut getan, dass Valentina so sachte ihre Hand auf die Meine gelegt hatte. Ich seufzte ein wenig verhalten und betrachtete dann weiter das Spektakel, welches auf der Rednerbühne vor sich ging. Ich sollte wirklich vermehrt daran arbeiten, mir in Zukunft in Rom einen Namen zu machen. Nicht nur wegen Valentina und meiner Familie, sondern auch wegen der Kinder, welche ich hoffte in horrenden Mengen irgendwann einmal zu haben. So schön eine Ehe auch sein mochte, sie brachte doch Verpflichtungen mit sich, welche sich nicht in Oden und Lyrik auflösen ließen. Dass es momentan im Haus eine Sorge um Silas gab, war mir in diesem Moment vollkommen fern. Schließlich war dieser Anlass ja auch irgendwie dazu gemacht die alltäglichen Sorgen in den Hintergrund zu drängen und sich dem jetzigen Moment hinzugeben. Wenn es doch nur vollumfänglich funktionieren würde. Doch was man in die Welt hinaus sandte, das kam auch irgendwann zu einem zurück. Also lächelte ich nun und atmete mit geschlossenen Augen tief durch.


    Dann lauschte ich den Worten meiner Verlobten, welche meine Sklavin zu beruhigen versuchte, welche wohl in Bezug auf den verschwundenen Sklavin aufgewühlt war. Ausgerechnet Silas! Sollte er zurück kommen, würde ich ihn ins Gebet nehmen, auch wenn ich hoffte, dass er in einem heilen und gesunden Zustand sein würde. Sein Verschwinden konnte ich mir nicht erklären und irgendwie kratzte es schon an der Ehre sich vorstellen zu müssen, dass er mutwillig aus der Casa Decima entflohen war. War ich ihm ein solch schlechter Herr gewesen, dass der Junge meinte woanders sein Glück versuchen zu müssen? Noch einmal seufzte ich tief, während einer der Redner – ich wusste nicht, der wievielte es war – Rom als ein irdisches Elysium darstellte. Unter dieser Vorstellung musste ich grinsen, denn mein Bild dieser Stadt war ein vollkommen anderes.


    “Er weiß nicht, dass das eigentliche Elysium in Griechenland liegt!“, wisperte ich meiner Geliebten ganz leise ins Ohr. “Ich kann dir von zum Beispiel Piräus und Athen Geschichten erzählen….“ Kurz darauf traf es mich wie ein Schlag! In all dem Trubel hatte ich doch glatt vergessen meine liebe Mutter auf die Liste der geladenen Hochzeitsgäste zu setzen! Sicherlich würde sie nicht erscheinen, aber eine Einladung hatte sie allemal verdient. Mein Blick schwenkte nun zu Grian hinüber, die genussvoll die ihr dargereichte Erdbeere verspeiste. Die Farbe der Frucht passte gut zu ihren Lippen, wie ich feststellen musste. Ich lächelte der Sklavin zu. “Es scheint zu munden!“, stellte ich anschließend in den Raum, ehe ich mich räusperte. Irgendwie war es nicht gut, mich ständig dabei überraschen zu müssen, wie ich Grian anstarrte. Meine Hand streichelte nun weiter jene von Valentina. “Du wirst sehen! Nächstes Jahr werde ich nicht nur den Rednerpreis für dich gewinnen, sondern auch im Tempel weiter aufgestiegen sein.“ Ein wenig verschwöererisch waren diese Worte über meine Lippen gekommen. “Unsere Kinder werden sehr stolz sein!“ Um die Lemuren in meinem Geiste zu verdrängen, war meine Stimme dabei zu einem dunkeln Gurren herabgesunken, welchem dem eines balzenden Täuberichs nicht ganz unähnlich war. Sonderbar. Am liebsten würde ich nun mit Valentina heim gehen. Wegen der Kinder und dergleichen.

    “Nun gut,“ erklärte ich, nachdem Faustus nun meinte, dass seine Erkundigung nach Iulius Dives nicht so wichtig wären. Meine eigenen Gedanken hingen auch schon sogleich wieder bei der Hochzeit und der Gästeschar, die dazu zu laden war. Der Gedanke daran, die Kaiserin dabei begrüßen zu dürfen versetzte mich in Art gespaltene Stimmung. Auf der einen Seite wäre es ein Hochgenuss sie begrüßen zu dürfen, doch auf der anderen Seite riss sie den Standard der Hochzeit derartig in die Höhe, dass ich meine bisherigen Planungen noch einmal überarbeiten würde müssen. Nein, dann reichte kein guter Wein: Er musste exellent sein! Also hinterließ die Zustimmung meines Vatters zur Ladung der ersten Dame im Reiche zunächst einmal ein flaues Gefühl, welches noch übler wurde, als er auch noch meinte, dass die Casa Quintilia nicht repräsentativ genug wäre. Sogleich wollte ich heftig widersprechen, wie immer wenn jemand etwas über meine Verlobte vorzubringen hatte oder gegen irgendetwas, was ihr zuzurechnen war. Doch dann schluckte ich meine Einwände hinunter. Vielleicht hatte er ja recht.


    Die Vorstellung in einem Bestiarium zu ehelichen allerdings erschien mir so absurd, dass ich nun doch den Mund auftat: “Ich glaube nicht, dass ein solcher Ort etwas für Valentina wäre. Ich meine… sie liebt Tiere, aber derartiges… nein, ich denke nicht!“ Über den Ort der Hochzeit würde ich mir nun auch Gedanken müssen und unter dieser Aufgabe seufzte ich schon jetzt schwer und vernehmlich. Als mein Vetter meinte, er wäre die nächsten Tage nicht in Rom horchte ich jedoch wieder auf. Er wollte nach Ostia und in die Berge zum Jagen? Ich neigte mein Haupt ein wenig und sah ihn vielleicht ein wenig verständnislos an. Mein Zeitvertreib wäre dies nicht unbedingt, doch gegen ein paar Tage allein in der Casa hatte ich natürlich auch nichts. Die vergangenen Tage waren so randvollgefüllt mit ungewohnter Arbeit gewesen, dass ich mich nach einigen Abenden in Ruhe sehnte. Nur ein wenig Musik, ein paar Oden und eine gute, kleine Amphore vom besten Massiker der im Hause aufzutreiben war. Allein bei dieser Vorstellung ging es mir schon bedeutend besser. “Dann wünsche ich ein angemessenes Jagdglück!“, sagte ich fast schon ein wenig zu erleichtert klingend. “Ich werde derweil die Hochzeit weiter planen und… nun… das Haus auf Vordermann bringen lassen.“


    Als ich an der Tür einen Schatten wahrnahm, zuckten meine Blicke dorthin. Es war mein Sklave Muckel, der etwas abwartend dastand. Meine Stirn legte sich in Falten und ich sah seinen Finger, der mir andeutete, dass er mit etwas zu sagen hätte. Ich schaute zu Serapio zurück, räusperte mich und sagte dann: “Dann will ich dich nicht länger von der Anprobe abhalten!“ Bei den letzten Worten erhob ich mich schon und nickte meinem Vetter noch einmal freundlich zu. “Die Arbeit steht schon wieder vor der Tür und ich fürchte, sie wird sich nicht aufhalten lassen.“ Ein entschuldigendes Lächeln folgte. Dann schritt ich zur Tür hinüber und wendete mich noch einmal um. “Die Hochzeit wird grandios!“, versprach ich. “Doch jetzt muss ich….“ Unter diesen Worten deutete ich zur Tür und zuckte dann mit den Schultern, in der Hoffnung, dass dies noch einmal eine entschuldigende Geste ergeben würde. Alsdann war ich auch schon aus dem Tablinum und atmete tief durch. “Muckel!“, erklärte ich bestimmt: “Schau, ob wir noch Massiker im Keller haben!“ Den brauchte ich schon jetzt irgendwie, egal was mir nun noch mitzuteilen hätte.

    Während ich noch die Türe geöffnet hielt, lächelte ich (mal wieder) höchst freundlich und staunte noch immer darüber, dass ich in all dem Stress tatsächlich zu vergessen haben schien, dass diese Sklavin wohl ein Kleinod war. Gut, über ihre Kenntnisse und Fähigkeiten wusste ich nach wie vor überhaupt nichts, doch allein vom Anblick her musste doch etwas in dieser liebreizenden Person schlummern, was ihren Kaufpreis mehr als wert gewesen war. Was mir natürlich sofort ins Auge sprang war ihre Art und Weise sich fortzubewegen. Besonders der leichte Hüftschwung gefiel mir auf Anhieb und mein Lächeln wurde noch im eine Nuance wohlwollender. Ja, dies war eine Sklavin, die wohl gewählt gewesen war und ich konnte nur hoffen, dass sie letzten Endes Valentina, meiner Angebeteten, genauso gefiel wie mir. Dass die Sklavin bei meiner geliebten Verlobten wohl nicht mit Liebreiz und Hüftschwung ankommen würde, war mir durchaus bewusst, was mein Vorhaben, mehr über Grian zu erfahren nur umso bedeutender machte. Besonders auch, weil sie mich gerade so anstrahlte. Ich strahlte umgehend zurück, schaute ihr kurz nach, nachdem sie der Türschwelle entronnen war wie eine schwebende Nymphe und sich artig bei mir bedankte.


    “Natürlich!“, erklärte ich großvolumig auf ihren Dank hin, übertrat selbst die Schwelle und schloss die Tür hinter mir, ehe ich einen kleinen Moment stehen blieb und mir die Tunika am Bauch ein wenig glatt strich. Danach deutete ich in den Gang und setzte mich neuerlich in Bewegung, wobei ich eine geschäftige Miene aufsetzte. Noch einmal zogen sich meine Blicke über Grians Gestalt, dann zurück auf den Weg, der vor mir lag. “Man hat mir berichtet, dass du durchaus zu harter Arbeit in der Lage bist,“ hoffte ich das Gespräch möglichst unverfänglich zu beginnen. “Doch ist es natürlich mein Wunsch, deine Talente und dein Können nicht bei diversen Diensten zu vergeuden. Immerhin… nun ja..“, suchte ich flüchtig nach Worten, “...glaube ich fest daran, dass du gewisse Dinge kannst, die für einen Dominus von unschätzbaren Wert sein können….“ Nun hielt ich in meinen Worten doch noch einmal inne. Nicht, dass diese am Ende gar verfänglich wirkten und die Gedanken der Sklavin in eine Richtung lenkten, die für mich zwar vielleicht angenehm wäre, doch von mir gar nicht so gemeint waren. “Ich meine damit sowas wie… nähen oder heilerisches Wissen vielleicht? Vielleicht bist du ja auch ein guter Gesprächspartner… also… geeignet für die Konversation, wenn niemand sonst… also...im Hause ist?“


    Allmählich näherten wir uns nun den Gemächer, unter welchen sich auch das meine befand. Vor dessen Tür blieb ich neuerlich stehen, um Grian anzuschauen. Ich wusste sehr genau, dass hinter der Tür nach wie vor das Chaos herrschte. Zwar gab sich Nepomuk alle Mühe, es tagtäglich zu beseitigen, doch war ich auf der anderen Seite auch sehr bemüht, es spätestens bis zur Schalfensstunde wieder herzustellen. Dies geschah natürlich nicht mit Absicht, sondern einfach durch das Leben in einem Raum, welcher sowohl Schlaf- als auch Arbeitszimmer war.

    Dass mir mein Vetter seinen Respekt zollte, war wie Öl auf meine Mühlen und ich strahlte auf einen Schlag über das ganze Gesicht, während ich sogar recht stolz dabei lächelte. Der Kaiserin überhaupt zu begegnen war etwas, was ich mir wohl noch vor Jahren als ganz unmöglich erschien und nun stand ich auf der Liste ihrer Klientenschar, auch wenn ich zu meiner Schande gestehen musste, dass meine Patronin auf‘s Sträflichste vernachlässigt hatte. Bisher war ich noch gar nicht wieder bei ihr gewesen, um ihr meine Aufwartung zu machen, doch war ich der Meinung, noch von gar keinen großen Taten meinerseits berichten zu können. Doch das sollte mich eigentlich nicht aufhalten, weshalb ich es in Gedanken auch gleich auf die Agenda für die kommende Zeit setzte. Zu Serapios Worten nickte ich also mehr als nur geflisstentlich. “Nein, keine regelmäßigen Salutationes…,“ bestätigte ich also schnell. “Einmal im Jahr...“, murmelte ich weiter, während der imaginäre Stilus auf die ebenfalls imaginäre Tabula schrieb. Auch eine Ode würde im Bereich des möglichen sein. Ich würde sie für die Kaiserin ersinnen und höchst selbst vortragen, was übrigens auch eine gute Idee für meine Valentina wäre. Auch ihr würde ich ein Epos widmen, welches aus meiner Feder sicherlich mit etwas Wein und ein wenig Muße machbar sein würde. “Äh ja…!“, entfuhr es mir dann noch einmal unter einem kräftigen Nicken, als mein Vetter einen kometenhaften Aufstieg bei Einhaltung meiner Klientenpflichten prophezeihte.


    Eine Karriere war nun immerhin etwas, was ich unbedingt verfolgen sollte. Allein schon Valentina zuliebe, die sich nicht mit einem kleinen Besitzer eines Sägewerks, einer Tonstrina und Vorsteher eines gebeutelten Tempels zufrieden geben sollte. Wenn sie über das Forum ging sollte man schließlich sagen: „Schau, da ist die Frau des angesehenen Decimus Casca!“ Das würde auch der Kinderschar zugute kommen. Während meine Gedanken also noch in der glorreichen Zukunft festhingen, war Vetter Serapio aber schon weiter. Nämlich bei Iulius Dives, dessen Frau und ihr Verscheiden er erwähnte. Zuvor hätte sich mein wohlmeinender Magister auf das Land zurück gezogen, doch was zwischen ihm und seiner Gattin vorgegangen war…. Ich stutze kurz und verzog nachdenklich meine Lippen, doch das allein half mir keineswegs eine profunde Antwort herauszubringen. Also schaute ich meinen Vetter etwas unverhohlen an und zuckte zur gleichen Zeit mit den Schultern. “Keine Ahnung!“, gab ich dann meine Unwissenheit bekannt und räusperte mich dann. “Ich meine, ich weiß es nicht wirklich… eigentlich...äh...eher gar nicht. Aber…..ich könnte Caesoninus bei seinem Erscheinen fragen… ich meine er ist mit ihm… also...auch sein Vetter…?“ Im Anschluss an meine verlorenen Worte holte ich tief Luft. “Ich werde ihn natürlich auch zur Hochzeit einladen. Also Caesoninus und auch den Iulius Dives….“ Kurz dachte ich nach, ehe mir die nächste Frage in den Sinn kam: “Sollte ich die Kaiserin auch einladen?“ Fragend schaute ich Serapio entgegen.

    Ich lächelte und lächelte, während Grian auf sich warten ließ. Philodemos eilte sich wohl auch nicht gerade, also blieb noch ein wenig Gelegenheit, den Küchensklaven auf die Finger zu schauen. Da wurde Knoblauch geschnitten, Brote in den Ofen geschoben, in Schüsseln gerührt und eben die Schafshälfte bearbeitet, wobei ich einen Moment lang noch andächtig zuschaute. Dabei entkam mir sogar das ein oder andere Seufzen, ehe ich dann und wann einer jungen Küchenmaid zulächelte und mein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Dass ich anwesend war, brachte die Menschen wohl dazu, sich ein wenig mehr ins Zeug zu legen und den Klatsch und Tratsch zu unterbrechen, was eigentlich schade war. Doch früher oder später würde man mir diesen eh zutragen. Das hieß, sofern ich eines Abends wieder dem Müßiggang frönen konnte, was wohl noch eine Weile hin sein würde. Immerhin war Serapio wieder im Haus und eine Verlobungsreise wollte geplant werden. Abgesehen davon gab es auch Arbeit im Tempel und in der Societas.


    Mittlerweile merkte ich nicht einmal mehr selbst, dass meine Finger auf die Tischplatte der Anrichte zu trommeln begannen. Doch jede Wartezeit hatte wohl einmal ein Ende. Endlich sah ich meine neue Sklavin durch die Türe kommen und ich richtete mich sogleich wieder zu meiner vollen Größe auf. Das Lächeln war zwar aus meinem Gesicht mittlerweile gewichen, doch nun war es wieder da. Ich hatte vollkommen vergessen, wie hübsch die junge Frau, welche ich auf dem Markt erstanden hatte, anzusehen war. Wohlwollend betrachtete ich sie also, bis sie vor mir stand und mich begrüßte. Zwar hatte sie eine schlichte Tunika an, die von der Arbeit ein wenig befleckt wirkte, ganz so wie auch restliche Spuren in ihrem Gesicht verrieten, doch war dies ein gutes Zeichen von ehrlicher Arbeit, die sehr schätzte. Besonders, wenn sie aus der Küche kam!


    “Ja, ich wollte dich sehen!“, bestätigte ich ihr und ließ meine Blicke dabei von ihren Füße hin zu ihrem Haupte schweifen. Sie war sogar noch hübscher, als ich sie in Erinnerung hatte. Und ihre Stimme klang sehr angenehm. Vielleicht ein wenig kess, doch war kein Grund zum Griesgram zu werden. “Ich hatte in der letzten Zeit so viel zu tun, dass ich beinahe vergessen habe, dass du nun … nun ja… zu mir gehörst!“ So begann ich also meine Rede. “Doch du hast eine Beschäftigung gefunden.“ So weit so gut. Ich nickte zu meinen eigenen Worten und deutete dann mit einer leichten Handbewegung zur Tür, die hinaus in den Gang führte. “Ich denke, es wäre endlich an der Zeit, dass wir beide uns unterhalten und deinen wahren Fähigkeiten auf die Schliche kommen….“ Ohne auf die Reaktion der Sklavin zu warten, setzte ich mich schon mal in Bewegung und war so frei, ihr sogar die Tür aufzuhalten, damit sie der Küche ebenso entschlüpfen konnte wie ich.

    Als Serapio die vorgezogenen Flitterwochen anbrachte und sie lediglich „nett“ nannte, hob sich eine meiner Augenbrauen empor. Immerhin fand ich selbst diese Idee geradezu grandios und ich konnte es kaum erwarten. Doch Einwände waren nicht angebracht, denn schließlich war ich es ja gewesen, der meinem Vetter die Verlobte schier abspenstig gemacht hatte und an seiner Statt in den Hafen der Ehe einlaufen würde. Unter allen Dingen in meinem Leben war Valentina wohl die größte Eroberung und ganz dazu gemacht, sich wohl ebenso als großer Feldherr zu fühlen. Was waren da schon einige Posten, mit denen ich nun betraut war und die neben jenen meiner Famila sowieso recht kümmerlich wirkten. Dennoch konnte ich nicht umhin, Caesoninus als Kontrahenten darstellen. Natürlich nur um mein Selbstwertgefühl ein wenig zu polieren und aufzuschneiden. Gerade bei Serapio erschien mir das besonders wichtig. Für mein Ego natürlich. “Oh! Wir kämpfen!“, sagte ich deshalb frei heraus und machte eine Geste mit meiner Hand, die zur Faust geschlossen war. Dazu lächelte ich ölig und hoffte nebenbei, dass mein Vetter das alles Caesoninus natürlich nicht erzählen würde.


    Dann ging es um den Kaiser, der sich offenbar nicht nur bester Gesundheit erfreute, sondern auch scharfsinnig, huldvoll und mit einem Blick für das Detail ausgestattet war. Zu jedem dieser Worte nickte ich geflissentlich und schaute überaus interessiert drein. Umsichtig war er auch. “Mögen Sie am Ende der hundert Jahre, ihn zu einem der ihren machen!“, legte ich dann noch nach, ehe mich Serapio auf die Kaiserin ansprach, deren Klient ich nun war. Recht stolz richtete ich mich wieder auf, wobei mein Grinsen natürlich nicht aus meinem Gesicht wich. “Oh ja, ich hatte die Ehre auf einer Feierlichkeit der Flavier ihr zu begegnen. Wir haben uns vor vortrefflich unterhalten und offenbar war es mir gelungen einen guten Eindruck zu machen!“, gab ich von mir. Natürlich ohne zu erwähnen, dass auf derselben Feierlichkeit sich mein Leibsklave geradezu permanent übergeben hatte müssen. “Sie ist eine wundervolle Person!“, ließ ich folgen. “Und ebenso scharfsinnig und huldvoll wie ihr Gatte.“ Mein Grinsen ging in ein Lächeln über. “Ich sollte sie öfter einmal aufsuchen. Ich meine…. Als Klient… ahm… hat man ja auch gewisse Verpflichtungen!“

    Wir waren eine ganze Weile auf der Via Appia unterwegs gewesen, doch letzten Endes konnten wir in Capua ein vorübergehendes Heim nehmen. Die Sklaven, welche wir mitgenommen hatten fühlten sich recht wohl. Besonders auf Leibwächter hatte ich nicht verzichten wollen, zumal ich ja auch gedachte, meiner Geliebten reichhaltige Geschenke zu machen und wir deshalb jemanden brauchten, der kräftig genug war, um all die Truhen auf die Karren zu laden, welche uns in Bälde wieder nach Hause bringen sollten. Doch noch war es nicht so weit. Beileibe nicht! An diesem Tag war der Abend der Abende. Das Meer glitzerte im roséverbrämten Sonnenlicht, deren Ursprung gerade malerisch rot den Horizont am Ende des Ozenas küsste. Malerisch. Ein Feuerchen brannte, das gewünschte Körbchen stand neben mir im Sand und ich hatte meinen Arm eng und vertraulich um meine Valentina gelegt. Lange hatte es gewährt, doch nun würde endlich alles gut werden! Noch ehe die Sonne versank wäre sie mir mir verlobt, weshalb ich sie nun verliebt anschaute und ihr am liebsten einen Kuss auf die lieblichen Lippen gesetzt hätte.


    Vergessen war die etwas überstürzte Abreise und der Radbruch am Karren, den wir auf dem Weg erdulden hatten müssen. Doch am Rande des Weges ließ es sich trefflich ein wenig campieren und schwärmen. Natürlich hatte ich eine der schönen Geschichten zum Besten gegeben, um möglichst viel Kurzweil eintreten zu lassen und ein paar Anekdoten über die alten Könige Roms und mythologische Gestalten waren ein gutes Mittel. So empfand ich es zumindest. Doch nun waren wir hier und ich räusperte mich ein wenig. So weit weg von Rom und von allen Verwandten war ich ganz der Mensch, der ich immer hatte sein wollen. Besonders mit meiner Geliebten an meiner Seite fiel es mir nicht schwer. “Ich hoffe dir gefällt dieser Teil des Strandes,“ sagte ich, während ich auf‘s Meer deutete. “Ich denke, man könnte meinen, dass sich aus den Fluten sogleich Neptun mit seinem Gefolge erheben könnte, um uns zu begrüßen.“ Ich ließ ein liebes Lächeln folgen. In der Tat hatte ich einen der Bediensteten voraus geschickt und ihm horrende Strafen angedroht, sollte er keinen romantischen Ort finden. Doch eigentlich hatte er ganz gute Arbeit geleistet und hier waren wir ungestört. Nur etwas weiter entfernt waren noch einige Fischer dabei, welche aus einem malerischen Dörfchen in Strandnähe stammten, ihre Netze zu flicken. Doch sie beachteten uns kaum.

    Noch einmal hatte ich meine Blicke schweifen lassen, doch in dem Küchendunst war meine neue Sklavin keineswegs zu entdecken. Also trat ich kurzentschlossen noch einige Schritte vor, bis ich beinahe an der Anrichte stand, an welcher Philodemos nun dabei war recht erstaunt zu sein und mich zu betrachten. Mürrisch und wenig guter Dinge, wie immer. Doch war es schön, dass sich manches im Leben eben nicht änderte, was auch eine gewisse Sicherheit in sich barg. Keinen Moment später wurde mir von dem schlaksigen Küchenburschen eröffnet, dass die Gesuchte wohl noch draußen war, um Abfälle zu beseitigen. “Nun gut,“ seufzte ich heraus. Danach ließ ich eine wedelnde Handbewegung folgen, um dem jungen Mann zu bedeuten, dass er seinem Vorschlag nachkommen, und Grian holen konnte. Während ich mich auf die kleine Wartezeit innerlich vorbereitete, stützte ich mich mit einer Hand auf der Anrichte ab und schaute mich weiter um, wobei mein Blick an einer Schafshälfte hängen blieb, die frisch abgezogen von einem Haken an der Decke baumelte. Ein Sklave war gerade dabei, dicke Fleischstücken davon zu lösen. Irgendwie schwebte in meinem Hinterkopf herum, dass frischer Hoden eines solchen Tieres ungemein die männliche Potenz befeuern sollte, was mich – ungelogen – einen Moment reizte. Immerhin stand ich kurz vor meinem Eheglück und träumte von fruchtbarer Mehrung der Zweisamkeit, doch schreckte ich letzten Endes doch davor zurück, diese Speise an mich heran zu lassen. Statt also irgendeine unüberlegte Anweisung zu geben, lächelte ich fröhlich in die Runde und wartete einfach ab, bis meine Sklavin von draußen wieder nach drinnen kam.

    Darüber, dass ich wie ein überdrehter Schwärmer dastehen könnte, machte ich mir überhaupt keine Gedanken, denn wie immer trieben mich meine voluminösen Worte dahin und unter Garantie der absoluten Sicherheit glaubte ich natürlich – wie immer – jedes einzelne davon! Doch Eros, so wie es mein Vetter sagte traf es nicht ganz. Zwar mochte er mit Gaia und anderen aus dem Chaos entstanden sein, doch war der der jünglinghafte Gott für mich nurmehr ein Bildnis für eben das, was ich mir selbst unter der wahren Liebe vorstellte. Diese war doch das erstrebenswerteste auf der Welt und kam keineswegs aus chaotischen Zuständen. Viel eher aus einem lebendig klopfenden Herzen mit einem festgelegten Rhythmus. Chaos, wenn man es so wollte, kam für mich erst mit der Liebe. Oder danach. Doch darüber wollte ich nun gewiss nicht nachdenken. Zu Serapios melancholischer Feststellung, in welcher er seine mir unbekannte iberische Großmutter zitierte, entlockte mir ein fast schon mitleidiges Nicken. “Dabei ist die Liebe doch ein Feuer, welches man am lodern halten sollte!“, stellte ich vielleicht schon ein wenig persönlich beleidigt klingend fest. “Ähnlich dem Feuer der Vesta!“


    Die Frage, wohin wir unsere Verlobungsreise zu tätigen gedachten holte mich aus meinen Höhenflügen zurück in die Gegenwart. “Was würde sich besser eignen als Campania felix?“, quoll es aus mir hervor. “Valentina habe ich gesagt, ein Besuch in Ostia wäre besonders schön, doch ich habe mich dazu entschlossen, sie mit einer Reise nach Capua zu überraschen!“ Mein Gesicht strahlte wieder. “Wir werden dort das Amphitheater besuchen und dann an die Küste reisen, wo wir beiden uns das Eheversprechen geben werden.“ Wie ich es so aussprach konnte ich Valentina und mich schon deutlich am Strand erblicken. Mitten im schönen Sonnenuntergang. Vielleicht bei einem Feuer und den zauberhaften Klängen einer Kithara. Ein wenig Gesang und ein wenig Lyrik… Ich seufzte wieder selig und dieses Mal besonders intensiv, da mit mein Vetter bezüglich der Finanzierung der Hochzeit so vortrefflich beruhigte. Zwar passte es mir nicht völlig, den Beginn meiner Ehe aus dem Familienvermögen zu bestreiten, doch durfte ich mich natürlich auch nicht lumpen lassen, zumal allein Caesoninus bei seinem Fest schon so trefflich vorgelegt hatte. Und dann erst die Verlobungsfeier von Serapio selbst. Bitterkeit beschlich mich, wenn ich daran dachte, dass meine Valentina ihre decimische Ehe dürftiger finden sollte, als die ihre erste decimische Verlobung mit meinem Vetter!


    Als Serapio noch meinte, dass die Geldsorgen in Bälde ganz entschwinden würden, horchte ich noch einmal auf. Meine Blicke schweiften auch sogleich zu der Truhe, auf die mein Vetter deutete. “Oh!“, entfleuchte es mir promt, als er nun auch verkündete, dass der Kaiser ihm ein Gardetribunat zugesagt hatte. Meine Blicke schwenkten zurück. “Ich meine...Oh...das ist schön!“, beeilte ich mich dann zu sagen. “Meine aufrichtige Gratulation dazu!“ Wie immer, wenn jemand aus meiner Familie es schaffte mir zu zeigen, dass ich selbst wohl nie mehr sein würde als maximal ein „kleiner Bruder“ oder „der hinkende Casca“ wühlte etwas in mir auf. Irgendwie fühlte es sich stets wie Unzufriedenheit an über die eigenen Unzulänglichkeiten, die mich nun schon über Jahre von sämtlich möglichen steilen Karrieren abgehalten hatten. Woran es lag galt es noch zu herauszufinden.


    Wahrscheinlich wollten mich die Götter einfach in anderer Hinsicht beschenken und es half – gerade in diesem Moment – ungemein, mir vor dem inneren Auge das liebliche Antlitz von Valentina auszumalen. In sanften, warmen Tönen! “Oh, im Tempel läuft es hervorragend! Ich bin geradezu rund um die Uhr beschäftigt. Stell dir vor. Wir dachten erst, es würde eine Seuche grassieren, doch es war nur verdorbenes Fleisch, von dem eine Hochzeitsgesellschaft gegessen hatte.“ Ich lachte ein wenig gehässig, auch wenn das Spektakel im Tempel durchaus keine schöne Angelegenheit gewesen war. “Im Moment sind wir auf der Suche nach einem Dieb, welcher die Opfergaben entwendet,“ ließ ich noch folgen. “Und auch in der Societas läuft es gut. Zur Zeit bin ich Stellvertreter des Magisters Iulius Dives. Doch ich bin mir sicher, dass Iulius Caesoninus nicht zögern wird, mir diesen Posten zu entreißen.“ Wieder seufzte ich. “Aber so ist es auf den Pfaden der Götter wohl nicht anders als auf den Pfaden der Legionen. Das Erreichte muss verteidigt werden! Und dazu bin ich wild entschlossen! Deshalb meine Abwesenheit in der Casa in der letzten Zeit.“ Dann fiel mir noch etwas ein: “Iulius Caesoninus wird uns übrigens bald besuchen. Er hat einen vortrefflichen Sklaven, der sich hervorragend mit Wein auskennt. Wie ich bereits sagte. Der Mann ein ist ein Faszinosum!“ Da meine Vorliebe für Wein wohl weitläufig bekannt war – zumindest in diesem Haus – konnte es wohl kaum verwundern, wenn ich auf diesen besonders viel Wert legte zur Hochzeit. “Du warst also beim Kaiser!“, kam ich dann auf zuvorige Thema zurück. “Und...ist er wohl auf?“ War das Neid in meiner Stimme? Ich hoffte nicht.

    Gänzlich in Gedanken stand ich während das Spektakulum seinen Verlauf nahm neben meiner Verlobten. Baldigen Verlobten! Dabei fühlte ich mich wie jemand, der der einem Wurm gleich unter dem Boden her herbeigekrochen war. Da ich dieser Empfindung auf die Schliche kommen wollte, da sie wohl aus dem Innersten stammte, in das mein Verstand noch keinen Einblick besaß, sinnierte ich vor mich hin, während ich vollkommen unbewusst meiner Valentina immer wiederkehrende schmachtende und verliebte Blicke zuwarf. Allein wie sie die Erdbeere aß, wie sie aussah. So schön wie eine Bachnymphe und ebenso grazil. Alle Worte rauschten dabei an mir vorbei und auch die Kaiserin, deren Anwesenheit Jubelrufe provozierte, ließ mich vollkommen versunken. Vielleicht hätte ich als Mann der Worte ebenso auf dem Podest stehen und Epen hervorbringen sollen, doch hatte mich die Arbeit von den schönen Worten abgehalten und das Gefühl des Wurm-Seins von einer Anmeldung abgehalten. Hin und wieder schwenkte mein Blick zu Serapio, dem strahlenden Helden der Familie, der er in meinen Augen war und wie immer, wenn ich ihn erblickte, tauchte auch aus der Ferne das Bild meines Bruders auf, der stets der Erste und niemals der Letzte war. Das war wohl eher doch ich mit meinem nachgezogenen Bein und meinem Gehstock, der mich stets begleiten musste.


    Auch an diesem Tag war er dabei, denn der Herbst steckte in den Knochen meines Knies und ließen meinen jugendlichen Schwung in den Habitus eines Greises übergehen. Zumindest, wenn ich lief. Zumindest war mein Gehstock schön, denn ich hatte ihn mit einem neuen Knauf versehen lassen. Doch dies war nicht alles, was recht neu war. Auch Grian war es noch für mich und es war mir nicht entgangenen, dass etwas zwischen ihr und Serapio schwelen musste. Was es war, war mir noch nicht bekannt und vielleicht war es auch gar nicht so wichtig. Aus der Ferne winkte ich dann der Kaiserin zu, deren Klient ich immerhin war, nur um dann seufzend wieder meine Blicke auf Valentina zu setzen, wobei mir fast entging, dass Caesoninus die Rostra betreten hatte. Danach folgte Flaccus.


    “BRAVOOO!“, rief ich dann laut und deutlich, nachdem er geendet hatte, ohne eine Notiz vom Inhalt genommen zu haben. Noch immer war ich mit dem Wurm-Gefühl befasst und irgendwie hatte es etwas mit Serapio zu tun. Meinem Bein und meinem Bruder und irgendwie auch mit der Großartigkeit und erbrachten Leistungen, an welchen es mir immernoch mangelte. Doch dafür hatte ich etwas anderes: Die Liebe meines Lebens und eine Zukunft im Glück. “Nächstes Mal werde ich den Rhetorenwettstreit für dich gewinnen!“, raunte ich meiner Angebeteten ins Ohr und ich wagte es sogar, ihr zaghaft auf die Schulter dabei zu fassen. Es war der Moment, in welchem meine Sklavin Grian sie angesprochen hatte. Das wurde mir erst jetzt bewusst. Doch was sollte es schon.

    Den Moment des Schweigens quittierte ich mit einem recht gewollt wirkenden stoischen Gesichtsausdruck. Dieser währte so lange, bis Serapio meinte, dass ich mich verändert hätte. Wirklich? Die unaufgeregte Miene verzog sich hin zu einem beglückten Lächeln, ohne dass ich dies bewusst so entschieden hätte. Ein Lob, und genauso fasste ich es auf, hatte bei mir immer diese oder eine ähnliche Wirkung. Doch dann, schon bei den nächsten Worten meines Vetters, schürzten sich meine Lippen. Wieso sollte Verliebtsein keine Basis für eine Ehe sein? Meine Stirn runzelte sich, während der Mann im Hausherrensessel ein wenig resigniert wirkte. Natürlich war mir durchaus bewusst, dass eine Ehe vor allem ein Vehikel war, um standesgemäße Nachfahren hervorzubringen, die Titel, Geld und Würden mehr oder weniger erbten und so manch einer handelte unter diesem selbsterwählten Joch auch genauso, doch war ich mir sicher, dass in mir drin nicht ein solcher Mann wohnte. Mein Herz war frisch und jugendlich und es schlug nicht, um irgendwann einmal in Bitterkeit stille zu stehen. “Das denke ich sehr!“, entkam es mir, als Serapio nun meinte, dass Valentina mit mir wahrscheinlich besser dran wäre.


    Dann machte sich Erleichterung breit, als mein Vetter meinte, meinem unvergleichlichen Glück nicht im Wege stehen zu wollen. Ein gedehntes Ausatmen meinerseits machte deutlich, dass mir ein Felsen von meinem Innersten rollte. Zugleich entließ es auch die nervöse Anspannung aus meiner Körperhaltung. Wäre da nicht dieses „Aber“ gewesen. Zu den folgenden Worten nickte ich geflissentlich. Es lag mir nämlich sehr fern, meine Angebetete unglücklich zu machen. Auch dass die Ehe schnell vonstatten gehen sollte, kam mir sehr gelegen. War doch die Reise an die Küste schon mehr oder weniger geplant und die Vorfreude auf ein paar entspannte Tage, mit Blick auf die Weiten des Horizonts über den Wassern, mit nicht mehr als einem Körbchen voller Obst und meiner Geliebten, ungebremst.


    Wieder atmete ich durch. “Keine Sorge, Vetter!“, gelobte ich erneut. “Ich halte die Liebe durchaus für die stärkste Kraft zwischen zwei Menschen und vielleicht auch zwischen den Menschen und der Unendlichkeit.“ Während ich sprach geriet ich wohl ins Schwärmen, denn mein Blick wurde wohl etwas weicher und meine Stimme wattesamt und getragen. “Was, wenn nicht die Liebe sollte ewig bestehen und ein Fundament für den Tempel sein, den die Menschheit je gekannt hatte? Die Verbindung zweier Menschen, welche sich aufrichtig schätzen und verehren und die für sich in guten und schlechten Stunden einstehen?“ Ein Seufzer folgte. “Folgte nicht auch Orpheus der Eurydike in die Unterwelt? Ein Band, das den Tod überdauert und somit eines Mannes wahres Werk auf Erden sein kann? Wie könnte ich Valentina unglücklich machen wollen? Ein Blitz möge ich erschlagen, sollte ich dies jemals tun! Ich werde sie auf Händen tragen und für sie den Mond auf den Erde holen, würde sie ihn haben wollen!“ Ich strahlte nun wieder. “Die Abreise für unsere Verlobungsfeier steht kurz bevor und ich war bereits so frei und habe einige Dinge auflisten lassen, welche für eine Eheschließung benötigt werden. In Kürze wird mich ein Weinspezialist aufsuchen. Nur das Beste!“ Dann fiel mir jedoch noch etwas ein. “Sofern ich es mir leisten kann...“ Diese Worte verloren sich nun doch etwas in meinem nicht vorhandenen Bart. Zwar war ich immer gut gekleidet und ließ es an rein optisch an nichts vermissen, doch im Grunde waren meine Finanzen im Moment recht schwächlich, sodass sie gegen Monatsende stets ihre Kraft aushauchten.

    [...] - Ein paar Tage später



    Nun waren schon einige Tage vergangen, in denen ich beinahe vergessen hatte, dass dank mir ein Neuzugang in der Casa weilte. Grian hieß die Sklavin, welche ich auf dem Markt erstanden hatte und mit der ich mich, bis auf einen kleinen Plausch beim Sklavenhändlerstand, kaum unterhalten hatte. Immerhin deuchte mir noch, dass sie recht hübsch war, was einem Mann wie mir natürlich sofort ins Auge gestochen war, doch was sie genau für Fähigkeiten in ihr neues Heim brachte, hatte ich schon wieder fast verdrängt. Also machte ich mich auf den Weg, hinaus aus meinem Cubiculum und nach einer gepflegten Morgentoilette, ehe mich mein Weg in den Tempel und in die Societas führen sollte. Noch immer war ich erpicht darauf, das Haus schnell zu verlassen, da mir wenig daran gelegen war, meinem Vetter über den Weg zu laufen, der aus der Ferne in die Heimat zurückgekehrt war und für mich somit noch mehr den Nimbus eines weitgereisten, ehrenhaften Übermenschen über sich trug. Außerdem stand noch ein Gespräch aus, in welchem ich mich ihm stellen musste, um zu erklären, dass ich seine Verlobte zu ehelichen gedachte. Ein Grund mehr, sich jede Menge Beschäftigungen zu suchen, die einen trefflich ablenkten.


    Somit eilte ich nun durch die Gänge, in einer äußerst hübsch gepflegten Tunika mit reich besticktem Saum, darüber einen leichten, blau gefärbten Umhang, der mit einer raffinierten Fibel auf meiner Schulter befestigt war. So umwehte mich eilig der Stoff auf meinem Weg zu den Sklavenunterkünften, in welchen ich die neue Sklavin aufzufinden gedachte. “Wo ist Grian?“, wollte ich von einem anderen Sklaven wissen, der sich gerade im Gang an mir vorbei drücken wollte. Phildemos, der Küchenjunge war es, der wie immer mürrisch dreinschaute und nun beinahe so tat, als hätte ihn eine Haselmaus vor ihrer Zubereitung noch gebissen. Er deutete auf die Küche und knurrte sich etwas über das bartlose Kinn. Ich selbst straffte mich und betrat die Culina, wo Grian wohl an diesem Tag eine Arbeit finden sollte. In der Tat roch es bereits nach allerlei Speisen, vor allem aber nach gebratenem Fleisch, was mich nur wenig lockte. “Ist Grian hier?“, wollte ich dann vernehmlich wissen und ließ meine Blicke schweifen. Wohlwollend, so hoffte ich. Mit der Sklavenschaft des Hauses hatte ich nämlich bisher wenig Probleme gehabt. Oftmals, in den Mußestunden behandelte ich sie wie meinesgleichen, was eindeutig den Vorteil der Beliebtheit und das Wissen über das Gemunkel im Hause mit sich brachte. Andererseits brachte man mir wohl nicht den Respekt entgegen, den ein peitscheschwingender Dominus zu erwarten hätte. Doch wie auch immer! “Grian?“, fragte ich noch einmal.

    Nach Maximilla und Scaeva bitte ich nun aus zeitlichen Gründen darum, ALLE meine IDs (der Spielleitung bekannt) ins Exil zu schicken.


    Alle bis auf Casca. Mit ihm werde ich erstmal wieder reinkommen nach der langen Zeit der Abwesenheit. (Zum wieder warm werden).

    Vielleicht war das mit dem „in Erwägung ziehen“ doch ein wenig untertrieben gewesen. Immerhin brannte in mir ja nach wie vor die wilde Leidenschaft, die zur Vorsicht herunter gedrosselt wohl doch eher zu kümmerlich wirkte, um der Wirklichkeit zu entsprechen. Doch immerhin hatte ich es ja sofort bemerkt. Außerdem wollte ich meinem lieben Vetter keine Unentschlossenheit vorgaukeln. Aber wie er so dasaß in diesem Sessel… nun denn. Zwar glaubte ich nicht, dass mir gleich von ihm der Kopf von den Schultern gerissen wurde, doch konnte ich nicht völlig aus meiner Haut, die bisweilen doch ein wenig dünn war. Besonders an Stellen, welche vom Selbstbewusstsein nicht so gut erreicht wurden. Wie gut, dass Serapio es sofort bemerkte und anmerkte, dass ich mich eines anderen Gesichtsausdruckes befleißigen sollte. Das tat ich auch sofort und untermalte meine Blicke mit einem hoffnungsfrohen Grinsen. Ein Grinsen, welches einen Hauch breiter wurde, als mein Vetter mir eröffnete, dass seine Wahl für Valentina eher von der Vernunft geprägt gewesen war und nicht von stürmischer Liebe, wie es bei mir der Fall war.


    Er sprach sogar von einem Ehejoch, während mein Herz in inniger Freude herzhaft klopfte, wenn ich an die Kinderschar dachte, die ich mit Valentina herzustellen gedachte. Allein ihre Augen, ihre Blicke, ihr Charme und ihr Liebreiz brachten mich zum Dahinschmelzen. Sie in Kinderaugen wieder zu finden war für mich wie Nektar, der überreichlich aus voll erblühenden Kelchen tropfte.


    “Nun ja, ich dachte, also ich wusste nicht, wie du… ich meine...“, kam es aus mir noch immer ein wenig verhalten hervor, während ich Serapio auch weiterhin betrachtete, der aufrecht und ehrwürdig dasaß. Ein weit gereister Mensch, geschunden durch viele Meilen und Kämpfe, welche er wohl mir sich selbst und anderen bestritten hatte. Zur Gänze kam ich also keineswegs umhin ein gewisses Maß an Ehrfurcht zu empfinden, doch wusste ich auch, dass mein Maß gemessen an anderen eher groß war wie ein Fass, wobei andere wohl eher eine kleine Amphore davon besaßen. Dennoch hielt ich seinem Blick stand, richtete mich noch ein wenig weiter auf und wurde dann absolut feierlich. Noch ehe ich es recht versah, schwebte meine Hand über meinem Herzen. “Vetter!“, begann ich getragen. “Valentina ist die Liebe meines Lebens und ich würde eher in der Wüste verschmachten, als einen weiteren Tag ohne sie sein zu wollen! Ja, ich schwöre bei Iuppiter, seinem Stein und Iunos Stab, dass ich es in aller Ehrhaftigkeit aufrichtig meine! Allein der Gedanke an Valentina bringt mein Herz zum Singen und mein Innerstes in die höchste Form der… also...ahm...“ An dieser Stelle suchte ich mit der freien Hand wedelnd nach den passenden Worten. “...Schwingung...“, beendete ich meinen Satz. “Wir wollen eine kleine Verlobung und wir sprachen bereits über die Hochzeit. Ich kann es kaum erwarten!“ Ich nickte getragen zur Bestätigung, ehe ich anfügte: “Und Valentina auch nicht!“

    Seit einiger Zeit war nun schon Serapio zurück und irgendwie hatte ich nicht anders gekonnt, als diesen Umstand dazu zu nutzen, mich anderweitig zu befassen als mit den herkömmlichen Dingen in der Casa. Laue Abende bei Fackelschein und gesellig mit Sklaven im Garten bei einem Brettspiel, trunkene Betrachtungen über das Leben und Muse, welche von der Philosophie und allgemeinen Lebenfreude getrieben wurden und ihren Niederschlag auf dem ein oder anderen Pergament fanden, gehörten nun der Vergangenheit an. Zum einen wollte ich mich natürlich nicht als Müßiggänger präsentieren, zum anderen – so musste ich mir früher oder später eingestehen – war es der Umstand, dass meine Geliebte nun einmal Serapios Verlobte gewesen war. Ein Umstand, der mir bisweilen doch schon ein wenig unbehaglich war, zumal ich stets im Hinterstübchen meiner Geisteskräfte halbwegs gewiss war, dass der Held der Familie, weit gereist und hart erprobt, nun ohne sein Lieb dastand, da ich es ihm während seiner Abwesenheit abspenstig gemacht hatte. Bereuen tat ich es selbstverständlich nicht, denn ich war verliebt wie am ersten Tag. Schon am Morgen galt mein erster Gedanke Valentina und ich lächelte in mein Kissen. Der zweite Gedanke allerdings galt dann auch schon gleich meinem Vetter, was mich mich dann stets aus dem Bett und aus dem Haus trieb. Überhaupt hatte mich Serapio letzter Tage selten gesehen. Die Societas und der Tempel forderten ihren Tribut.


    Dass im Tempelbezirk beinahe eine Seuche grassierte, welche sich aber am Ende dann doch als das Resultat einer Hochzeitsgesellschaft, welche verdorbenes Fleisch zu sich genommen hatte herausstellte, kam mir da gerade recht. Auch dass einige Opfergaben des Öfteren verschwanden und der Dieb noch immer nicht gestellt war hielt mich an der Arbeit. Doch das alles konnte den Lauf der Dinge natürlich nicht stoppen und früher oder später musste ich mich stellen. Heute schien dieser Tag zu sein und ich saß Serapio gegenüber und besprach mit ihm – weltmännisch, wie es sich gehört, nur ab und an ein wenig an meinem Kragen der viel zu hoch geschnittenen Tunika für dieses Wetter zupfend und ein bisschen meine Hände auf meinen Knien abreibend – einige wichtige Angelegenheiten. Bis dann die Pause kam und die Frage, auf die ich zwar gewartet, aber nicht unbedingt herbeigesehnt hatte. Also, wie war es nun mit Valentina?


    Während ich noch mein Gegenüber, welches auf dem Hausherrensessel platziert war, der einige Zeit nun doch verwaist gewesen war, zuckte ich nun doch zusammen. Vielleicht sogar ein wenig verdächtig. “Oh….,“, entkam es mir prompt. “Nun ja….also...ich denke...nun ja….“ Zu meinem Leidwesen gesellte sich nun ein etwas verschämtes Grinsen in meinen geradezu ertappt wirkenden Gesichtsausdruck. “Also...wir sind wild entschlossen...die Ehe… ja...in Erwägung zu ziehen. Weil… also…,“ Die Worte tropfen wie schwerer Honig aus meinem Mund, nur leider schmeckten sie weder süß noch irgendwie lieblich. Valentina hatte es nicht verdient, dass ich so herumstammelte, nachdem ich nun doch schon ein recht anständiges Gespräch geliefert hatte. “Ich bin fest entschlossen sie zu ehelichen!“, gab ich mir dann auch körperlich den entscheidenden Ruck und sah Serpaio dabei sogar direkt in die Augen. Vielleicht nicht unbedingt herausfordernd, aber doch eindringlich, wie ich hoffte. Auch wenn die Schultern noch hingen und meine Hände wieder über den feinen Stoff der Tunika über meinem Knie schabten.

    Hallo ihr lieben. Aufgrund von Krankheit bin ich leider einige Zeit ausgefallen
    Ich denke, ich brauche noch eine Woche, dann bin ich wieder anwesend und bereit für Taten. Entschuldigt, dass ich mich jetzt erst melde.

    [Blockierte Grafik: https://abload.de/img/quixvfjao.jpg]


    Quix konnte nun nichts mehr viel tun, um den Wunsch seines Herrn zu erfüllen, denn die Quintilia trat schon aus eigenen Stücken näher. Als sie meinte, dass sie mit seinem Herrn reden würde, nickte der junge Mann eilig. “Danke, Domina!“, sagte er dann und folgte ihr etwas verhalten.


    Ich selbst stand strahlend da und lächelte schließlich meinem Augenstern entgegen. “Valentina!“, entkam es mir dann. Ich hob ihr mein Arm als Geste des absoluten Willkommens entgegen – schließlich hatte sich schon so lange sehnsüchtig auf sie gewartet – wendete den gleichen Arm dann aber gen Iulia Stella. “Darf ich dir Iulia Stella vorstellen?!“, sagte ich. “Sie ist eine Nichte des Gastgebers!“ Freudig blickte ich nun auch wieder Stella entgegen. “Das ist meine baldige Verlobte Quintilia Valentina!“ Ich winkte einen Sklaven heran, welcher gerade in der Nähe stand und ein Tablett mit Weinbechern in den Händen hielt. Dass sich mein Sklave Quix nicht an die Vereinbarung gehalten hatte, mir Bescheid zu geben, damit ich meiner Geliebten entgegen eilen konnte, traf mich in diesem Moment nicht sonderlich schwer. Dennoch konnte ich nicht umhin dem jungen Mann einen tadelnden, ja, fast schon verständnislosen Blick zuzuwerfen, der dieser auf den Boden schauen ließ. Wirklich zürnen tat ich ihm aber nicht, denn schließlich war er nun aufgegangen, mein Augenstern, was mehr zählte als ein zuvoriger Plan.