Beiträge von Valeria Maximilla

    Für Schwester Valeria war die erste Wiederbegegnung mit der überfüllten, quirligen und nun auch unter der Augusthitze liegenden Urbs fast wie ein Schlag. Die letzte Zeit hatte sie ja nur in der ihr jetzt angenehm erscheinenden Zurückgezogenheit des Atrium Vestae verbracht. Sie war dankbar für den Liktor, obwohl sie der Menge gar nicht ausgesetzt war: Die Menschen vermieden ehrfurchtsvoll jeden Kontakt. Sie war auch froh, dass ihre verehrte Lehrerin, die Maxima, an ihrer Seite war. Hoheitsvoll wirkte sie.

    Schwester Valeria versuchte, sich an ihr würdevolles Schreiten anzupassen.

    "Es ist äußerst seltsam, so von den Menschen angesehen zu werden, wie sie es gerade tun", antwortete sie: "Als wäre man eine Götterstatue, nur eben aus Fleisch und Blut. Wo sollte ich am besten hingucken? Und ja, was lerne ich heute?"

    Die Frage kam, da Maximilla immer versuchte, gut aufzupassen. Manchmal hatte sie fast Kopfweh vom Mitdenken. Und es gab viel, auf das sie achten musste.

    Es war Maximillas erstes Erscheinen in der Öffentlichkeit seit ihrer Captio. Schwester Lartia und sie waren ganz in Weiß gewandet, trugen die suffibula, die langen viereckigen Schleier, die Kopfbinden und die festanliegenden Stolen. Wie immer fand Schwester Valeria, dass man sich in dieser feierlichen Kleidung auch nur gemessen und würdevoll bewegen konnte.

    Vor den beiden Priesterinnen schritten zwei Liktoren daher, freundliche ältere Männer, die Aedituus Cominiius Sporus ausgesucht hatte, und die sich nun im Hintergrund hielten.

    Nun näherten sich die Vestalinnen dem Brautpaar, und Valeria Maximilla lächelte einen Moment in sich hinein:

    Iulia Stella sah heute schön aus wie eine Göttin der Liebe und des Glücks.


    "Salvete Senator Florus Minor und liebe Iulia Stella", sprach Schwester Valeria: " Die gütige Vesta segnet euer Herdfeuer ....", und dann sagte sie etwas Besonderes für ihre Freundin:

    "So wie erst das Herdfeuer aus einem Haus einen gastlichen Ort macht, so macht erst die Liebe einer Gattin ein Haus zu einem Heim. Ich wünsche dir, dass Du Zeit deines Lebens das wärmende Licht für deine Familie bist. "

    "Jetzt gleich",sagte Maximilla und nahm das Tablett mit, sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, die Sklavinnen alles machen zu lassen: "Tut mir Leid, dass ich dich wieder verlassen muss. Aber ich hoffe sehr, dich bald wieder zu sehen, mit dem Flammeum geschmückt."

    Sie lächelte und streichelte kurz über Iulia Stellas Hand:

    "Vale bene liebe Freundin. Du darfst übrigens kommen und gehen. Tagsüber ist unsere Tür offen, uns tut ja niemand etwas. Abends müssen männliche Wesen freilich verschwinden - außer meinem Kater natürlich. Grüße den Florus Minor von mir. "

    Maximilla winkte noch einmal.

    Dann schritt sie in Richtung Bäckerei. Da sie nicht rennen durfte, hatte sie sich angewöhnt, pünktlich zu sein, meistens jedenfalls.

    Der Kater rollte sich bei Valeria Maximilla zusammen, doch sie schubste ihn etwas weg, da nachher ihr Dienst in der Bäckerei beginnen sollte. Sie würde sich zwar sorgfältig die Hände waschen, aber dennoch konnte ein Katzenhaar an ihrem Gewand haften bleiben und in die Bäckerei getragen werden. Das wollte sie nicht.

    Beleidigt maunzte Kersas auf und trollte sich.

    Auch Maximilla trank Rhodomeli:

    "Ich hoffe sehr, dass ich zu deiner Hochzeit gehen darf.", sagte sie. Vestalinnen waren zwar frei darin, Einladungen anzunehmen, doch für Schülerinnen galt das nicht:

    "Ich würde mich so darauf freuen, dich als Braut zu sehen. Und was sind danach eure weiteren Pläne? Florus wird doch in Roma bleiben und nicht wieder in die Provinz versetzt?"

    Maxi erinnerte sich noch gut daran, wie lange Iulia Stella auf ihn warten musste, als er in Germania war.

    Ja, Iulia Stella sprach wirklich wie eine Philosophin, und Maximilla war doch etwas froh, dass der Gedanke weg von der geschlechtlichen zur allumfassenden Liebe ging. Auch sie hatte ja Anteil daran: eigene leibliche Kinder würde sie nicht haben haben, sondern Roma selbst würde ihr Kind sein.

    "So schön wie du es mir gerade erklärt hast, solltest du es allen Damen erklären. Du wirst dich vor Anfragen nicht retten können.", sagte Maximilla. Es hatte gerade einmal gut getan, etwas albern zu sein, aber sie fand wieder zur Haltung zurück:

    "Es ist solch ein wunderbares Ziel. Hast du das Wort Roma mal umgedreht, dann kommt ein Amor heraus. Und Amor ist der Sohn der Venus. Bestimmt hat das einen tieferen Sinn."

    Das waren wieder Maxis eigene immer etwas krause Gedanken.


    Da kam eine Sklavin mit einem Tablett mit zwei Bechern Rhodomeli, einer Karaffe Wasser und weiteren zwei Bechern und einigen Küchlein in den Hortus. Herminia, die Aedita, hatte das alles geschickt, um Schwester Valeria und ihren Gast zu erfreuen.


    "Was möchtest du gerne?", fragte Maximilla und deutete auf die Sachen: "Schau, wie dafür gesorgt wird, dass es mir nie an etwas fehlt. Auch das ist eine große Liebe, und ich hoffe sehr, mich dessen würdig zu erweisen. "

    "Oh, die Liebe ja.", sagte Valeria Maximilla und errötete etwas; von einer Vestalinnenschülerin wurde ihrer Meinung nach erwartet, an solche Gedanken nicht einmal zu denken.


    Aber als sie nun Iulia Stella sagen hörte: ".... So wie ich das jetzt mit diesem Kater tue....und sah, wie sie das anmutige Tier aus Aegyptus hinter den Ohren kraulte, hielt sie es nicht mehr an sich und sie giggelte. In diesem Moment war sie wieder ein gewöhnliches junges Mädchen:

    "Du meinst...die Damen sollen ihre Ehemänner öfters hinter den Ohren kraulen?", fragte sie ganz unschuldig: "Auch du den Florus Minor? Und das möchtest du fördern?"


    Sie hoffte aber, dass ihre Freundin ihr ansah, dass sie nur Spaß machte, dennoch, die Vorstellung brachte sie nochmal zum Kichern.

    Valeria Maximilla überlegte und legte den Kopf schief:


    "Welche Ziele hat denn die Societas Veneris genau? Ich weiß, dass kein Kultverein Politik machen darf, aber ihr könntet doch auch wie eine Art Schwesternschaft seid.", meinte sie:

    "Kein Mann verachtet den Rat einer gescheiten Frau - zumindest wenn er auch gescheit ist, meine ich. Und wenn sich die gescheiten Frauen untereinander kennen und Freundinnen sind, dann wird vielleicht auch unter den Männern keine Feindschaft mehr bestehen. Auf diese Weise fördert ihr nicht nur amor sondern auch Frieden und Freundlichkeit.

    Also mich würde das begeistern.


    Nein, die Misener Cousine kenne ich noch nicht, denn das letzte gesellschaftliche Ereignis, an dem ich teilnahm, war die Hochzeit von Tribun Serapio und seit der Captio habe ich das Atrium nicht mehr verlassen. Wenn es sie interessiert, bringe sie doch einmal mit."


    Kersas, der graugefleckte Kater hopste auf die Bank und wollte sich von den jungen Frauen streicheln lassen.

    Valeria Maximilla lächelte vergnügt:

    "Ja, ich habe davon gehört. Und du warst Opferhelferin bei der Equiiria, nicht? Du sahst bestimmt schön aus mit dem offenen Haar, doch wie ich dich kenne, hattest du nur Augen für deinen Florus. Und die Veneralia mit all den Mädchen und Frauen, das ist so ein heiteres Fest. Hast du denn bereits Mitglieder für die societas gewinnen können?"


    Sie wies um sich: "Wir sind von Schönheit und Wohlstand umgeben, da hast du recht. Ich liebe das Atrium, und es fehlt uns an nichts.

    Aber noch glücklicher als diese Annehmlichkeiten machen mich der Dienst für Vesta und für Roma.

    Ich hatte früher immer Sorge, dass ich nichts zustande bekommen würde, weil ich so ungestüm und ungeschickt bin. Und meine Bildung ließ ja auch zu wünschen übrig, weil ich gerne hierhin und dorthin gelaufen bin und ein Schwung neuer Kücken mich mehr als der Inhalt der Schriftrollen interessiert haben. Nun renne ich gar nicht mehr, ich schreite nur noch. Und ich versuche, mich zu konzentrieren und nicht so herumzuspringen mit meinen Gedanken.

    Denn nun muss ich ganz und gar für meinen Dienst da sein, da mich die Göttin auserwählt hat. "

    Das Mädchen nickte eifrig:

    " Etwas, das wirst du lustig finden: Ich werde wirklich jeden Morgen wie ein Püppchen angezogen, da hätte mir meine Pflegemutter was erzählt, so die Hände in den Schoss zu legen. Aber Herminia, das ist die junge Frau, die dir die Tür aufgemacht hat, macht es gerne, es ist eine Ehre, sagt Schwester Decima.

    Schwester Decima, die Maxima, ist meine Lehrerin, sie ist sehr klug und streng, aber auch lieb. Willst Du meinen Stundenplan sehen?"

    Sie zog eine Wachstafel aus ihrem Gewand und zeigte sie mit einem raschen Blick auf die horologia ex aqua, die große Wasseruhr im Garten, denn sie wollte keinesfalls zur nächsten Einheit spät kommen:

    Valeria Maximillia (bis auf Widerruf fortan gültig)


    Aufsichtsperson Aufgabe Zeitraum
    Titus Cominius Sporus - Aedituus Vestae Reinigung des Atrium Vestae Mo - Do (vormittags)
    Decima Messalina - Sacerdos Vestalis Unterricht - Theorie Mo - Do (nachmittags)
    Decima Messalina - Sacerdos Vestalis Unterricht - Praxis Fr (ganztags)
    Papiria Occia - Sacerdos Vestalis Hilfsgeschäfte (Einkauf, Besorgungen usw.) unter Aufsicht Sa
    Freizeit, jedoch kein Ausgang So (vormittags)
    Nero Rupilius Cerretanus - Fictores virginum Vestalium Dienst in der Bäckerei So (nachmittags)

    "Schau, jede Minute ist verplant.", sagte sie, aber sah sehr zufrieden aus.

    Der Garten - Besuch von Iulia Stella


    Hier befindet sich der Innenhof des Atrium Vestae, welchen man Atrium oder Peristylium nennt. Der Innenhof beinhaltet einen Garten, den letzten Überrest des Lucus Vestae, des heiligen Horts der Vesta, der im Laufe der Zeit vom Haus der Vestalinnen überbaut worden ist. Entlang des Innenhofes verlaufen mehrere Wasserbecken – nicht parallel, sondern hintereinander, in unregelmäßigen Abständen. Im Atrium befinden sich Statuen von den großen Obervestalinnen, die in regelmäßigen Abständen errichtet sind und den Garten verzieren.

    ....Porta >>>


    Hier an diesen schönen Ort mit blühenden Blumen und plätscherndem Wasser, an dem man sich weit fort von der Hektik der Urbs fühlen konnte, brachte Schwester Valeria ihre Besucherin. Sie hoffte, Herminia würde eine Sklavin mit Erfrischungen schicken, das tat sie bestimmt, so liebevoll wie sie war.

    Auf einer kleinen Bank nahm Maximilla Platz, hielt sich aufrecht und legte eine Hand vor sich in den Schoss, die andere leicht auf Stellas Arm:

    "Wie geht es deinem Verlobten Florus Minor?", fragte sie: "Haben die Auguren euch schon einen glücksbringenden Tag für eure Hochzeit genannt? Und was macht die Societas Veneris? Ihr hattet gewiss während dieser Tage viel zu tun? Sind viele Matronen gekommen?"

    Grußwort einer Priesterinschülerin:



    Te Amata capio…. Dich Geliebte ergreife ich...


    Ich heiße Valeria Maximilla. Ich war ein ganz gewöhnliches Mädchen.

    Ich spielte mit Puppen und dachte, dass ich eines Tages heiraten würde.

    Aber die große und gütige Göttin Vesta hat mir ein anderes Schicksal bestimmt.

    Ich wurde zur Schülerin der Vestalinnen berufen.

    Die Vestalinnen hüten die heilige Flamme Roms. Niemals darf sie erlöschen.

    Der Kaiser selbst brachte mich zu den Schwestern.

    Mein langes Haar wurde abgeschnitten und in den Lotosbaum im Atrium gehängt

    Alles ist nun anders für mich.

    Mein Dienst ist streng, doch ich lerne viel und was ich tue, ist für viele Menschen wichtig.

    Ich bin jetzt Schwester Valeria, Discipula Vestalis



    Bist auch Du berufen, Roms Göttern zu dienen? Dann komm....

    Maximilla nutzte ihre freien Stunden dazu, etwas innerhalb des Atrium spazieren zu gehen - das Wetter war gar zu schön. In geringem Abstand folgte ihr der Kater Kersas. Da Katzen stille Tiere waren, hoffte sie darauf, dass seine Anwesenheit nicht stören würde - wenn ja, dann würde Schwester Decima ihr das sagen, und Kersas würde wieder in die Casa Valeria zurückkehren. Ihre zahme Krähe hatte Maximilla nicht mitgebracht, denn Krähen waren laut und machten eine Menge Unfug.


    Als sie nun hörte, dass Herminia mit jemandem sprach, hob sie den Kopf und erkannte ihre Freundin Iulia Stella. Maximilla lächelte erfreut. Früher wäre sie auf die Freundin zugerannt und hätte sie umarmt - mittlerweile bewegte sie sich gemessen, um weder zu stolpern noch sich schmutzig zu machen oder sonst ein Chaos zu verursachen, was ihr früher mit Leichtigkeit gelungen war.

    Sie streckte beide Hände aus: "Herminia, danke dir für das Öffnen der Tür.", sagte sie, sie hatte die immer so gefällige und freundliche Herminia sehr gerne: "Die Besucherin hier ist meine Freundin Iulia Stella. Ich freue mich so, dass Du Zeit gefunden hast, Stella ! Willkommen im Atrium Vestae. Lass uns in den Garten gehen und etwas plaudern."


    >>> Hortus

    Rupilius Cerretanus, der für die Schwesternschaft die Botendienste erledigte, brachte folgenden Brief:


    Ad

    Iulia Stella

    Domus Iulia

    Roma


    Salve meine liebe Stella, ich habe mich sehr über deinen Brief gefreut. Ist es nicht wunderbar, wie die Götter unser Schicksal gefügt haben?

    Ich habe immer Sonntags Freizeit und zwar ab der vierten bis zur sechsten Stunde. Mittlerweile haben die Gärtner den Garten des Atrium Vestae sehr schön hergerichtet und der Frühling ist da. Wenn Du Zeit findest, würde ich mich über deinen Besuch freuen. Wir könnten einen Spaziergang zwischen den Blumen machen.

    Vale bene deine Freundin Maxi ( Schwester Valeria)


    Sim-Off:

    Komm wann immer du Zeit findest :)

    3260-valerius-maximus-1-jpg Lucius Valerius Maximus


    Lucius Valerius, der sich hatte überreden lassen, seinen Neffen Tiberius Valerius Flaccus in eine Taberna zu begleiten, schloss sich den Roma Aeterna - Rufen an.

    Eigentlich war er nur zur Captio seiner Tochter Valeria Maximilla nach Roma gekommen. Ansonsten hielt er sich am liebsten in seiner abgelegenen Villa Rustica in der Nähe von Aquae auf.


    Aber nun, da er das erste Mal seit langer Zeit wieder junge Römer kunstvolle Reden in seiner Muttersprache halten hörte, bewegte ihn das und milderte seinen strengen Sinn.

    Gewöhnlich sehnte er sich nach den alten Tagen eines Cato, und dachte, dass schon warme Bäder ein Zeichen der Verweichlichung und damit unrömisch wären. ( Auch Maximilla hatte als Kind sich nur kalt waschen dürfen.)

    Aber vielleicht waren die modernen Zeiten doch nicht so schlecht.

    Vielleicht war die Jugend von heute auch nicht nur dekadent.

    Sie schien ja noch mehr im Kopf zu haben als Wagenrennen, den Circus, Gewänder aus Importseide und den Erwerb von exotischen Sklavinnen. Sie sprach immer noch wie echte Männer vom Tiber, stolze Quiriten.


    Lucius Valerius entschied sich dafür, nicht wieder ganz abgelegen zu hausen. Er würde vielleicht seine Stadtwohnung in Mogontiacum beziehen.


    Tiberius war heute der arbiter, mal sehen, zu welcher Entscheidung die Gäste kämen.

    Abschied


    3260-valerius-maximus-1-jpg Lucius Valerius Maximus


    Lucius Valerius - Maximus war ein alter überlieferter Cognomen der Gens Valeria, da man ihn aber zu leicht mit dem militärischen Titel verwechseln konnte, ließ er ihn sehr oft weg- war noch einmal gekommen, um sich von seiner Tochter zu verabschieden.

    Er würde die weite Reise nach Germania antreten, da der Frühling hereingebrochen war.

    Als er sein Mädchen sah, in Weiß gewandet, ganz einer fremden Welt zugehörig, war er gerührt, aber er hasste Sentimentales.

    Er hatte Maximilla mit kräftiger Kost, ohne Müßiggang, dafür mit Landluft und Lektüre von Cato maior großgezogen, und er hoffte, dass dies Früchte getragen hatte: Pflichtbewusstsein und Haltung erwartete er.

    Da Schwester Valeria ihr Priesterinnengewand trug, verzichtete er auf eine Umarmung, nicht einmal ein Händedruck gab er ihr.

    "Lebe wohl, Valeria Maximilla. Mach mir keine Schande.", mahnte er: "Ich werde alle zuhause grüßen, besonders Adalheidis."

    Adalheidis war die Liberta, die sich hauptsächlich um das Kind Maximilla gekümmert hatte. Ihr Verhältnis war enger als das zur leiblichen Mutter.

    Schwester Valerias Gesicht wurde weich: " Bitte grüße sie.", sagte sie leise: "Und gute Reise dir Vater. Ich bin ja angekommen."


    Einen Moment schauten sie sich an, Schwester Valerias braune Augen versenkten sich in seine blaue.


    "Das ist gut.", sprach Lucius: "Das Du angekommen bist, meine ich. Wölfchen nehme ich übrigens mit nach Hause. Dein Hund gehört nicht in eine Stadt."

    "Das ist gut.", antwortete seine Tochter, um den großen grauen Wolfshund hatte sie sich gesorgt, da niemand ihn so gerne haben würde, wie sie es getan hatte.


    Lucius Valerius nickte, hob die Hand zum Gruß und ging.


    Valeria Maximilla stand im Innenhof und hob ebenfalls die Hand. Sie war einen Moment lang voller Liebe, auch wenn diese Liebe nie viele Worte oder Zärtlichkeit umfasst hatte.

    Sie wusste nicht einmal, ob sie ihren Vater je wiedersehen würde.

    Aber ganz im Inneren wusste sie auch, dass das nicht mehr von großer Bedeutung war.

    Ihr Leben gehörte der großen Göttin Vesta, der Schwesternschaft und der Flamme, die nie erlöschen durfte.


    Maximilla war sehr beeindruckt von der verschlossenen Tür, hinter denen die Testamente all der bedeutenden Männer aufgehoben wurden. Aber als sie erfuhr, dass jemand die Regeln gebrochen hatte, spürte sie, wie sich ihr die kleinen Härchen an den Armen aufstellten.

    "Jemand hat gewagt, hier bei uns einzudringen?", fragte sie fassungslos: "Wer hat so etwas Fürchterliches getan, Schwester Decima?"

    Sie konnte sich nur vorstellen, dass demjenigen die frevlerische Hand verdorren musste wie ein Zweig an einem absterbenden Baum:

    "Wenn ich den Schlüssel aufbewahren müsste und jemand wollte ihn mir wegnehmen, würde ich für ihn sterben.", erklärte sie ernst. Schwester Valeria war noch jung genug, um pathetisch zu sein.


    Gehorsam drehte sie sich um. Die ehrwürdigen Staatspenaten und das Palladion, sie kamen aus einer Zeit, die schon lange Vergangenheit war und vielleicht gerade deswegen so eindrücklich. Nicht Prunk und Gold machten das Göttliche kostbar, sondern seine altehrwürdige Präsenz. Ob schon Romulus hier gestanden war? Und natürlich Augustus, der Unvergessenste aller Kaiser, der zu den Unsterblichen erhoben worden war - aber ja, die Maxima hatte es gesagt: Zumindest Letztgenannter war hier, wo auch sie, die kleine Schwester Valeria stand, schon gewesen.


    Sie setzte sich auf die Sitzbank in die Nähe des Feuers und wagte kaum zu atmen vor Ergriffenheit.

    Das Männer nicht über Nacht bleiben durfte, wusste Schwester Valeria; dies war der Grund, warum sie nicht einmal gefragt hatte, ob sie den jungen Remigius, ihren Lieblingssklaven, von Zuhause mitbringen durfte. Sie nickte und versuchte sich so hinzustellen, dass sie den Mitschwestern nicht im Weg stand,

    Penus - hier dürfen nur Vestalinnen, der Augustus und der Pontifex pro magistro - wer mag das denn sein? hinein - dachte sie. Und Aedes, da stehen wir gerade, alle Priesterinnen. Und das Atrium Vestae, der den Vorhof des Tempels bildet, hier dürfen tagsüber alle ohne Waffen rein. Das beantwortet meine Frage, ob ich Besucher empfangen darf. Da brauche ich nicht fragen, die Sache ist eher, dass ich gar nicht viel Zeit habe.

    Sie dachte an den Berg vollgekritzelter Tabulae, die auf ihrem Tisch in ihrem Cubiculum auf das Studium warteten.


    Doch jetzt still, schalt sie sich, denn sie war hier, um genau aufzupassen, wie die verantwortungsvolle Aufgabe des Neuentzündens des Feuers der Vesta vor sich ging.


    Schwester Decima, die die neue Maxima war, ging zwischen den einzelnen Schwestern hin und her. Sie wirkte ruhig, gesammelt und würdevoll. So viel Verantwortung und dennoch hatte sie noch Zeit gefunden, Maximilla etwas zu erklären! Wie gut sie war!

    Da durfte man ihr keine Schande machen und die Gedanken los lassen wie eine Horde kreischender Spatzen.


    Schwester Valeria konzentrierte sich, um alles zu behalten.

    Heute war ein Brief von Iulia Stella gekommen und Schwester Valeria las ihn mit großer Freude, obwohl sie auch aus Gründen der Disziplin auf den nächsten freien Sonntagvormittag warten wollte, um ihrer Freundin zu antworten:


    Valeria Maximilla

    Atrium Vestae


    Liebe Maximilla, mir geht es gut und es freut mich zu hören, dass es dir auch gut geht.


    Ich habe mich sehr gefreut, dass du vor deiner Captio noch kurz mit mir gesprochen hast. Es ist für mich eine unglaubliche Freude, dass ich eine Discipula der Vesta zu meinen Freundinnen habe zählen dürfen. Ich weiss, du hast nun neue Freundinnen, aber das macht mir nichts aus.


    Du wirst es kaum glauben, aber auch ich werde mich hoffentlich bald etwas mehr dem Götterdienst widmen können. Ich habe beim Kaiser darum gebeten, als neue Magistra der Societas Veneris eingesetzt zu werden. Das erscheint mir nur als richtig, wo doch Venus so grosszügig dafür gesorgt hat, dass Florus und ich uns nicht bloss gefunden, sondern auch über so viele Jahre im Herzen behalten haben. Ausserdem ist Venus sowohl für die Iulii, also auch die Annaei eine der Schutzgottheiten. Es ist also nichts mehr als richtig, dass ich mich so engagieren möchte. Doch die Entscheidung liegt beim Kaiser. Ich bin richtig nervös vor meiner Audienz bei ihm.


    Meine freie Zeit nutze ich in der Tat mit dem Weben meiner tunica recta und dem Knüpfen meines Haarnetzes, denn die Verlobung ist offiziell im Register eingetragen. Es sind nun nur noch wenige Tage, bis die Amtszeit von Florus als Quaestor endet und er danach hoffentlich vom Kaiser in den Senat berufen wird. Dann endet die lange Wartezeit definitiv und wir werden unser neues Leben gemeinsam beginnen. Du wirst deine Antworten also schon bald an die Domus Annaea senden müssen, damit sie mich auch erreichen.


    Ich hoffe sehr, dass du deine Tiere zu dir holen darfst. Du hast so eine spezielle Verbindung zu ihnen, da kann ich mir nicht vorstellen, dass Vesta dies nicht möchte. Doch bei dem straffen Plan, von dem du mir geschrieben hast, wirst du wohl kaum viel Zeit für sie haben. Ich wünsche mir, dass es dir gut geht und du die Freude, welche ich in deinem Brief herauslesen konnte, noch lange behalten kannst.


    Mit ganz lieben Grüssen und der Hoffnung auf eine Antwort, Iulia Stella


    Maximilla freute sich über das Glück von Stella. Das sich die junge Frau auch dem Dienst an einer Göttin widmen wollte, war wunderbar, sie wollte sie umbedingt selbst fragen, was sie da alles zu tun hatte. Sie hoffte sehr, die Freundin bald begrüßen zu dürfen.

    Valeria Maximilla hörte genau zu.

    Als sie von Kaiser Vescularius hörte, schauderte sie es ein bisschen. Vesta sei Dank hatten ihre Eltern damals nicht in Roma gelebt, und sie selbst war noch viel zu klein gewesen, um davon etwas mitzubekommen.

    "Die Vestalinnen gibt es auch schon länger als die Augusti, da können sie nicht seine Töchter sein.", meinte sie. Maximillas Gedankengänge waren manchmal kraus und folgten eigener Logik.

    Der Caesar Augustus war zumindest zu ihr während der Vorbesprechung und der Captio selbst sehr nett gewesen.

    Interessiert betastete sie die Mola Salsa, die ihre Lehrerin ihr reichte. Salz war es und ein Getreidemehl ? Schrot? Auf die Bäckerei freute sie sich schon.

    Aber als Schwester Decima erwähnte, dass sich die Maxima nicht wohl fühlte, schaute sie sie recht unglücklich an. Sie hatte die so würdevolle oberste Vestalin lieb gewonnen, bei aller Strenge ging etwas Mütterliches von ihr aus, das in der Valeria Vertrauen weckte:

    "Hoffentlich geht es ihr bald wieder besser.", sagte sie und beeilte sich, all das Neue auf ihre Tabulae zu schreiben.


    Sim-Off:

    Maximilla begibt sich heute in den Tempel wie angeordnet.