Sodann wird der erste Redner der Pro-Seite aufstehen und uns erklären, warum das Imperium sich aufzehren wird, wenn es sich weiter ausdehnen wird.
Ich grüßte erst einmal all die, die ich kannte. Dann trat ich als Erster vor, da mir Seius Ravilla den Vortritt ließ.
Ich trug nur eine schmucklose, wollweiße Toga, das Ehrengewand des Civis, und ich vertraute auf das, was man unter Schauspielern als Bühnenpräsenz bezeichnete: Die Gabe eines Mannes, vorzutreten und nur durch seine Gegenwart für Stille zu sorgen, so dass Gemurmel verstummte und sich alle Augen auf ihn richteten.
Hinter mir stand der furische Sklave Andreas und zwar aus dem Grund, weil er in der Lage war, alle möglichen Rechnungen ohne Abacus im Kopf auszuführen.
Ich schwieg und würde nichts sagen, bevor nicht absolute Stille herrschte.
Erst als der Saal so ruhig war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören, gab ich Andreas einen Wink, der zog aus seinem Beutel eine – Schweinsblase, die er aufblies….und aufblies, bis sie zerplatzte.
Der Knall ließ alle zusammenfahren, manche lachten.
Ich machte eine weitere Kunstpause, bis erneut Stille herrschte, bevor ich begann:
„Verehrte Anwesende“, meine Diktion war langsam, ja lässig, doch ich wusste, dass meine Stimme trug:
„Aristoteles selbst sprach, und diesen Gedanken hat Tullius Cicero in seinem Werk Definibus bonorum et malorum* aufgegriffen, von der zweiten Natur, nämlich der Sphäre des Menschen, die durch Handeln entsteht. Geschaffener Raum, die chora, vermittelt zwischen Ideen und Sinnenwelt und gibt Platz für das Werdende und Vergehende, schreibt Platon im Timaios.
Zweifellos ist unser Imperium selbst solch ein Raum? Etwas Werdendes und Vergehendes.
Etwas, das in sich zusammenfällt, wenn es nur genug aufgeblasen wird? Etwas, das sich verzehrt, wenn es sich weiter ausdehnt, weil es sich nämlich überdehnt, so wie jene bedauernswerte Schweineblase?
Es steht fest, dass Gebilde der zweiten Natur sich in genau solchen Grenzen wie die der ersten bewegen müssen, sollen sie sich durch den Umfang nicht selbst aufzehren .
Trotz aller Liebe zu der Philosophie der Griechen, ich bin Primicerius der kaiserlichen Kanzlei und damit ein Mann von Fakten und Zahlen.
Werfen wir einen Blick auf die Außengrenze jenes Gebildes, dass wir unser Imperium nennen; auf den heutigen Ist- Zustand wohlgemerkt; die Schlussfolgerungen für die Zukunft wird meinen verehrten Zuhörern nicht schwer fallen, da die Zahlen für sich sprechen.
Und ja, ich befinde mich ganz und gar im Jahre 871 ab urbe condita.
Allein die Außengrenzen umfassen mehr als 3375 römische Meilen **. Sie werden von 10.000 Verwaltungsplanstellen kontrolliert und circa 30 Legionen sichern sie.
Die jährlichen Einnahmen betragen ungefähr 250 Millionen Denare für die Staatskasse...."
Wieder eine Pause, mal sehen, ob ich die Aufmerksamkeit hatte, ich hob nun eine Hand und senkte meine Stimme, als teile ich mit der Menge ein Geheimnis:
"Nur allein die Militärausgaben betragen Jahr für Jahr jedoch 200 Millionen Denare."***
Ich deutete auf meinen Sklaven: „Andreas?“
„Das sind 8 von 10 Teilen, Dominus, achzig Prozent****“, erwiderte dieser.
„Von je zehn Denaren Einnahmen gehen ganze acht nur in die Sicherung der Grenzen. Jetzt schon! “, wiederholte ich und tat so als sei ich erschüttert:
„Die Unterhaltung des Heeres verzehrt jetzt wieder, was das Reich generiert. Daher steht unzweifelhaft fest, dass sich das Imperium ganz und gar aufzehren wird, wenn es sich weiter ausdehnt. "
Ich klopfte Andreas kurz auf die Schulter; ein Schluck Wein wäre jetzt nicht schlecht.
Sim-Off:* Vom höchsten Gut und vom größten Übel ** ca. 5000 km *** Zahlen aus"Der Preis der Sicherheit" Mitte 2. Jrh. n. Chr.
****Zumindest die Griechen kannten so etwas ähnliches