Beiträge von Aulus Iunius Tacitus

    Nachdem ich die Kreuzweg-Brüder verabschiedet hatte, zitierte ich Begoas zu mir.


    "Domine?" fragte er, als er die Bibliothek betrat.


    "Begoas, du wirst einen Brief zur Villa Aurelia bringen," sprach ich, während ich schrieb.


    "Ja, Domine."


    "Du weißt, wo die Villa Aurelia ist?"


    "Ja, Domine."


    "Gut."


    Ich schrieb den kurzen Brief zu Ende, faltete und siegelte und ihn und gab ihn Begoas.


    "Diesen Brief. Sofort."


    "Zur Villa Aurelia?"


    "Habe ich doch gesagt. Also los, der kommt nicht von selbst ans Ziel zur Villa Aurelia. Na los, Abmarsch!"


    Die erneute Erwähnung des Ziels war eine Vorsichtsmaßnahme von mir. Schließlich wollte ich auf Nummer sicher gehen, dass der Sklave mich verstanden hatte. Er verließ die Bibliothek eilenden Schrittes, während ich mir eine Wachstafel nahm, um Notizen zu meinem nächsten Kommentar zu machen.

    Ich rieb mir nachdenklich den Bart.


    "Ich frage mich, auf welcher Seite ich lieber stehen würde. Lukrativer wäre es sicher, Privatleute zu vertreten. In solchen Fällen würde ich aber ein Honorar ohne Bedingungen vereinbaren, und das schriftlich. So etwas macht man ja nicht auf Erfolgsbasis. Andererseits wäre es sicher auch reizvoll, im Sinne der Res Publica an der Abwehr solcher Klagen mitzuwirken. Dem entgegen würde aber der Alltag in der Administratio stehen. Da ist das Dasein eines freien Juristen deutlich vielseitiger. Das behaupte ich zumindest mangels besserem Wissen und auf Grund von Hörensagen."

    "Und was können die Juristen in der kaiserlichen Administratio bewirken, wenn die Leute die Büros einrennen? Wären da nicht die Cohortes Urbanae die bessere Truppe?"


    Ich überlegte mir gerade, wie ich wütenden, nicht ganz einflusslosen Personen gegenübertreten würde, deren Wasseranschluss gerade trocken gefallen war. Mit Gesetzen drohen war da sicher nicht hilfreich und würde die Leute wahrscheinlich nur noch wütender machen.

    "Die Priorisierung macht sicherlich Sinn. Als letztes geht den öffentlichen Brunnen das Wasser aus, nehme ich an?"


    Alles Andere würde den öffentlichen Frieden riskieren.


    "Das Thema Wasser ist gar nicht mal uninteressant, wenngleich ich als Jurist dort eher falsch aufgehoben wäre. Aber interessant ist es."

    "Ja, so habe ich den Praetor auch kennengelernt. Er erfüllt seine Aufgabe wirklich gut. Ich denke, das wird bei dir nicht anders sein."


    An meinem Tonfall war erkennbar, dass ich hier kein Kompliment machte, sondern schlichte Fakten von mir gegeben hatte.


    "Das sind gute Neuigkeiten für Rom. Und natürlich auch für dich, wobei ich mir die Leitung einer Baustelle auch recht spannend vorstelle. Vor allem bei einer so großen Baustelle. Die Theorie kenne ich natürlich, aber in der Praxis wäre das schon interessant. Nicht dauerhaft, aber einmal zum Abgleich von Theorie und Praxis. Die normale Arbeit eines Curator Aquarum ist vermutlich auch anspruchsvoll. Und eine verantwortungsvolle Position. Quiriten reagieren doch eher ungehalten, wenn ihre Wasserversorgung nicht funktioniert. Doch bisher kann zumindest ich mich nicht beschweren. Du machst also entweder etwas richtig oder zumindest nichts so gravierend falsch, dass ich es bemerken würde."


    Grinsend zuckte ich mit den Schultern.


    "Eigentlich ist es auch irrelevant, so lange mein Wasseranschluss funktioniert."

    "Danke der Nachfrage, Patrone. Die Geschäfte, wenn man es denn so nennen will, laufen gut. Oder sagen wir es so: Ich habe jetzt so ziemlich jedes verfügbare Mandat angenommen. So habe ich mir einen Namen gemacht. Und natürlich dadurch, dass ich die große Mehrheit meiner Fälle gewinne. Leider hat dadurch meine Arbeit an Kommentaren gelitten. Doch nun lasse ich es wieder etwas ruhiger angehen. Die größeren Fälle melden sich inzwischen bei mir. Außerdem glaube ich, dass der Praetor Urbanus ganz froh ist, mich nicht mehrmals täglich zu sehen."


    Ich grinste.


    "Gestern grüßte er mich bei meiner zweiten Verhandlung jedenfalls mit den Worten 'Oh nein, du schon wieder!' Allerdings lächelte er dabei. Übrigens soll ich dich vom Praetor grüßen. Er freut sich, das Amt an dich übergeben zu können."


    Damit hatte ich auch das erledigt. Wenn einen ein Prätor schon einmal um etwas bat, erfüllte man es natürlich auch.


    "Und natürlich habe ich noch den Fall, den ich für Titus Aurelius Romanus bearbeite. Aber auch dort ist es aktuell zumindest für mich etwas ruhiger geworden."


    So viel wollte ich eigentlich gar nicht reden.


    "Und wie sieht es bei dir aus, Patrone? Ich hoffe, dass du wenigstens ein wenig Ruhe vor dem Sturm hast, zwischen Wahlkampf und Amtsantritt."

    In letzter Zeit war ich stets recht kurz angebunden bei den Salutationes, da ich reich mit Mandanten gesegnet war. Falls man denn von "Segen" sprechen konnte. Viele Fälle waren ziemlich langweilig und die Mandanten zugleich sehr fordernd, man könnte auch sagen ziemlich impertinent, doch gehörte das zum Dasein eines Advocatus dazu. Zumindest war ich zunehmend gefragt, was ich einerseits auf meinen Kommentar, andererseits aber auch auf meine Erfolgsbilanz in der Basilica Ulpia zurückführte. Doch heute hatte ich mir den gesamten Tag frei gehalten. So mein Patron ein längeres Gespräch führen sollte, war ich also diesmal durchaus dazu bereit.


    Ich wartete geduldig in der Schlange, bis mich Ursus zu seinem Herrn vorließ.

    Ich stand auf und reichte beiden die Hand.


    "Gut, dann wäre dieses Geschäft rechtsgültig."


    Dann geleitete ich sie zur Porta und verabschiedete mich, wobei ich ihnen Fortunas Segen bei der Suche wünschte.

    Ich nickte und füllte die Münzen wieder in den Beutel zurück, den ich daraufhin den Männern reichte.


    "Dann wäre mein Teil des Geschäfts erledigt. Sobald ihr Informationen habt, solltet ihr diese unverzüglich mit mir teilen. Wenn ihr Galeo Curtius Collantinus gefunden habt, könnt ihr ihn jederzeit in dieses Haus bringen. Ich werde mich dann um die nötige Gastfreundschaft kümmern und meinen Mandanten informieren."


    Während ich noch einmal auf den Wein deutete, sprach ich.


    "Möchtet ihr noch Wein?"

    Ich nahm einen Schluck. Kurz darauf kam ein weiterer Sklave mit einem Beutel herein. Er stellte diesen klimpernd auf den Tisch, der mir am nächsten stand.


    "Danke, du kannst dich entfernen."


    Der Sklave nickte kurz und ging, während der Sklave, der für die Bewirtung zuständig war, selbstverständlich blieb.


    Ich ging zu dem Tisch und stellte meinen Glasbecher ab. Den Beutel entleerte ich auf den Tisch, wobei sich etliche goldene Münzen ergossen. Konzentriert ordnete ich diese zu Stapeln zu je zehn Aurei. Ich hatte genau sechs Stapel vor mir und machte einen Schritt zurück, wobei ich auf den Tisch deutete.


    "Möchtet ihr zur Sicherheit noch einmal nachzählen? Auch wenn ich mich noch nie verzählt habe, bin ich doch auch nicht unfehlbar."


    Natürlich verzählte ich mich nicht, aber so konnte ich ihnen die Möglichkeit geben, selbst nachzuzählen, ohne dass es als Misstrauen erschien.

    Ein Sklave brachte ein bronzenes Tablett mit zwei gläsernen Karaffen, einer mit Wein und einer mit Wasser, sowie drei Glasbechern, herein und stellte es auf einem Tisch ab. Dann brachte er jedem der Anwesenden einen Becher und goss Wein und Wasser ein. Ich hatte mich für einen sehr guten Rotwein entschieden.


    Ich hob meinen Becher ein wenig an.


    "Auf eine erfolgreiche Suche."

    Ich nahm den Becher entgegen und betrachtete den darin befindlichen Aufguss. Der Geruch war auf jeden Fall nicht abstoßend. Allerdings entschied ich, es noch etwas abkühlen zu lassen.


    "Nun, leider haben uns unsere Vorfahren nicht den Gefallen getan, uns ihre Gedanken zur Mancipatio zu überliefern. Allerdings frage ich mich, da sie älter als die Zwölf Tafeln zu sein scheint, ob unsere Vorfahren damals überhaupt schon etwas schriftlich festgehalten hatten. Denn auch die Schrift muss zuerst einmal entwickelt werden. Wie bei jeder Entwicklung, bedarf es dazu der Notwendigkeit, des Nutzens, oder der Zeit und Gelegenheit. Wobei wir dann bei der Spekulation wären, was die Altvorderen wann gemacht haben. Und die ist ohne schriftliche Aufzeichnungen noch unsicherer als die Spekulation, was sie gemeint haben."


    Ich grinste kurz und nahm ich einen Schluck Tschai. Das Gebräu war bitter, aber doch irgendwie lecker. Faszinierend.


    "Abseits aller Spekulation kann ich natürlich froh sein, dass unsere Vorfahren uns ihre Gedanken zur Mancipatio nicht hinterlassen haben. Sonst hätte ich keinen Kommentar dazu schreiben können."

    Ich nahm ebenfalls Platz.


    "So lange wir auf den Wein warten, können wir die Zeit sinnvoll nutzen. Euch fehlt noch eine Beschreibung der gesuchten Person. Der Mann heißt Galeo Curtius Collantinus. Er ist mittelgroß, mit kurzem weißen Haar und einem ebenso weißen Bart. Wenngleich er aus Massilia stammt, spricht er mit Sicherheit keinen lokalen Dialekt."


    Dessen war ich mir auf Grund Coiras Lateinkenntnissen sicher.


    "Ihr könntet nun zu Recht einwenden, dass diese Beschreibung auf ziemlich viele ältere Römer zutrifft. Doch zwei Dinge, die zu einer deutlichen Einschränkung des Personenkreises führen sollten. Er trägt ein Amulett in Form eines Radkreuzes. Das sollte nur auf sehr wenige Bürger zutreffen. Und er sucht selbst jemanden. Seine Tochter. Obwohl er sicher vorsichtig ist und sie als seine Schülerin bezeichnen wird. Sie ist eine junge Frau, eher klein, mit blauen Augen und braunen Haaren."


    Bevor hier wieder seltsame Vermutungen aufkamen, sprach ich weiter.


    "Keine Sorge, sie ist in Sicherheit und es geht ihr gut. Mein Mandant beschützt sie, so gut er kann."

    Ich betrat die Bibliothek mit den beiden Kreuzweg-Brüdern und räumte ein paar Schriftrollen weg, so dass jeder einen freien Sitzplatz hatte. Natürlich war die Toga etwas unpraktisch für solche Tätigkeiten, aber das kümmerte mich wenig. Kurz zog ich meine Toga wieder zurecht und deutete auf die freien Stühle.


    "Bitte, setzt euch. Es wird noch etwas Wein gebracht. Man soll ja nicht behaupten, dass ich meine Geschäftspartner nicht angemessen bewirte. Das Geld wird auch abgezählt und gebracht werden."

    "Ja, der bin ich."


    Ich lächelte stolz. Der Name meines Gesprächspartners kam mir bekannt vor und ich schloss kurz die Augen, um mich zu konzentrieren. Dann fiel es mir ein.


    "Und du bist nicht rein zufällig der Tiberius Valerius Flaccus, der die wirklich hervorragend verständlich geschriebene Einführung in das römische Recht verfasst hat?"

    Das Wort kannte ich nicht, also versuchte ich, den Wortklang einzuordnen.


    "Tschai? Nie gehört. Ist das ein indisches Wort?"


    Auf die Frage, ob man mich gesehen hatte, überlegte ich kurz. Ganz unbekannt kam mir das Gesicht zwar nicht vor, doch verband ich auch keine mir bekannte Person mit dem Fremden.


    "Nun, ich kann mich auch nicht entsinnen, dir jemals vorgestellt worden zu sein. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit durchaus gegeben, dass du mich schon einmal gesehen hast. Am wahrscheinlichsten in der Basilica Ulpia, da ich gerade dabei bin, mir einen Namen als Advocatus zu machen. Aulus Iunius Tacitus."


    Ich streckte höflich lächelnd meine Hand aus.

    Ich hatte den Tag fast komplett in der Basilica Ulpia verbracht. Drei Prozesse an einem Tag, zwei gewonnen, einen verloren. Keine schlechte Bilanz, aber auch keine perfekte Bilanz. Die erfolgreich vertretenen Mandanten hatten mir ein recht gutes Honorar gewährt. Nun wollte ich mich ausnahmsweise nicht den Rest des Tages mit dem Studium juristischer Fachliteratur oder dem Verfassen derselben beschäftigen. Mein Studienfreund aus Alexandria, Quintus Betucius Firmus, hatte mir irgendwann einmal diese Taberna empfohlen. Vom Ambiente her fühlte ich mich fast wieder wie in Alexandria. Außer, dass ich hier, so wie es sich für einen Advocatus, der gerade vom Gericht kam, gehörte, die Toga trug, während ich in Ägypten fast immer auf meine Toga verzichtete.


    Da ich niemanden kannte, ging ich erst einmal zum Wirt und bestellte einen Becher attischen Wein. Während ich wartete, sah ich in den Becher des müde aussehenden Gastes neben mir. So etwas hatte ich noch nicht gesehen.


    "Salve, ich möchte nicht stören, aber was trinkst du da?"