Wenige Wochen später hatte ich ein Einladung von Prinz Jiénzĭ erhalten. Sie führte explizit auf, dass ich zum Tee in den Winterpavillon eingeladen sei. Nachdem ich mich bei Meister Cáo erkundet hatte, was man dazu anziehen sollte, kleidete ich mich in hellen Gewändern. Die Einladung war wohl privat gemeint. Meister Cáo war ebenfalls eingeladen. Ein Schwert nahm ich nicht mit, wohl aber ein kleines Geschenk. Ich hatte eine kurze Zusammenfassung der Politiká des Aristoteles in serischer Sprache verfasst. Das war einerseits eine gute Übung in dieser Sprache, andererseits hoffte ich, ihm so etwas für ihn Neues zu schenken.
Nach der üblichen Durchsuchung wurde ich in einen 'Garten' geführt. Das Wort war eine Untertreibung. Es war ein Park mit einem kleinen Bachlauf und einigen Teichen. An einem dieser Teiche stand ein Pavillon, zu dem ich geführt wurde. Als ich diesen betrat, erblickte ich Meister Cáo und verneigte mich, was dieser erwiderte. Kurz darauf betrat auch Prinz Jiénzĭ den Pavillon. Wir verneigten uns ordnungsgemäß und überreichten unsere Geschenke, dann deutete der Prinz uns, dass wir uns auf den Seidenkissen setzen könnten. Er selbst ignorierte den kleinen Thron und setzte sich ebenfalls auf ein Seidenkissen.
"Cáozĭ, Yúnzĭ, ich danke Euch für die Ehre, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Ich habe etwas Zeit und wünsche deshalb, mit Euch über Philosophie zu diskutieren. Ich wünsche keine Titel, sondern ein Gespräch zwischen Meistern, in dem jeder ehrlich und unverstellt seine Meinung nennt."
Während er sprach, brachten Diener Tassen und schenkten uns Tee ein.
Für mich war das sehr ungewöhnlich. Nachdem ich diese streng geordnete Gesellschaft immer besser verstand, überraschte mich der Prinz jetzt. Während ich noch grübelte, entrollte der Prinz mein Geschenk und überflog es. "Ah, Staatstheorie. Wollen wir hierüber diskutieren?"
"Warum nicht?" sagte Cáozĭ.
Auch ich hatte nichts dagegen einzuwenden. So sprach wieder Jiénzĭ. "Nun, dann schlage ich folgendes Thema vor: Was macht einen guten Herrscher aus?"
"Wenn Ihr gestattet, würde ich hier direkt mit einer Frage einhaken: Einen guten Herrscher welcher Staatsform?"
Nun sahen mich beide fragend an. "Könnt Ihr das erläutern, Yúnzĭ?" fragte Cáozĭ.
Es war ungewohnt und ehrte mich, dass beide mich als Meister ansprachen. So musste ich mich zusammenreißen, nicht fröhlich lächelnd hier zu sitzen, sondern lediglich höflich und sanft zu lächeln. "Gerne, Cáozĭ. Nach meiner Kenntnis gibt es sechs reine Staatsformen, die aber in dieser Reinheit nur selten auftreten. Es gibt zwei Staatsformen, in denen ein einzelner Herrscher alleine entscheidet. Diese sind die Monarchie und die Tyrannei. Dann gibt es..."
"Entschuldigt, mein Freund, aber wie unterscheiden sich diese? Warum zwei Staatsformen, die doch letztlich das Gleiche beschreiben: Die Herrschaft eines einzelnen?"
"Weil sie nicht gleich sind." Ich lächelte höflich und erklärte. "Bei der Monarchie herrscht der einzelne zum Wohle der Allgemeinheit. Bei der Tyrannei herrscht der einzelne nur zum eigenen Wohle."
"Dann ist die Tyrannei eine schlechte Staatsform," sagte nun Jiénzĭ, "denn sie stört die Harmonie und die Ordnung. Der Herrscher muss das Mandat des Himmels innehaben. Das erhält er aber nur, indem er mit Tugend und Sittlichkeit herrscht. Herrscht er aber mit Tugend und Sittlichkeit, stellt er sich selbst hintenan und nützt dem Volk. Der Herrscher muss deshalb menschlich und gerecht sein, oder er wird das Mandat des Himmels verlieren. Ohne Mandat des Himmels aber darf er vom Volk gestürzt werden und das Volk darf sich einen besseren Herrscher suchen."
Diese Einstellung zur Herrschaft erstaunte mich, doch das zustimmende Nicken von Cáozĭ zeigte mir, dass es wohl eine konsensfähige Einstellung war. Während ich nachdachte, erkannte ich, dass es sich hier um einen Kern der Lehren des Meisters Kǒng handelte. Ich hatte es bisher nicht erkannt, doch nun wurde es mir klar. Die Ordnung wächst von unten nach oben, und der Höchste hat die meiste Verantwortung, die gesamte Ordnung aufrecht zu erhalten, damit alle eine vollkommenes Leben erreichen können.
"Yúnzĭ? Könnt Ihr Jiénzĭ folgen?" fragte Cáozĭ.
"Ja, ja, das kann ich. Mir ist nur gerade etwas Wichtiges klar geworden."
"Und das wäre?"
"Was Ihr gerade beschrieben habt, ist die perfekte Monarchie."
Jiénzĭ verneigte sich leicht, bevor ich weiter dozierte. "Doch gibt es nicht nur diese Staatsformen. Es gibt auch die Aristokratie, bei der eine Gruppe von Menschen, die von den anderen Menschen dadurch hervorgehoben werden, dass sie in mindestens einer Eigenschaft besser sind. Es können Adlige sein, weil sie eine bessere Geburt hatten. Es können aber auch reiche Menschen sein, weil sie bessere Kaufleute sind."
Jiénzĭ beugte sich vor und lächelte. "Oder Gelehrte, weil sie eine höhere Bildung haben?"
Nun verneigte ich mich kurz. "Ganz genau. Tatsächlich hat Plátōn den idealen Staat als ein Gebilde gesehen, das von Gelehrten regiert wird. Dabei ist aber nicht ganz klar, ob es sich um eine Gruppe oder einen einzelnen handeln soll."
"Der einzelne hat den Vorteil der schnelleren Entscheidung, doch die Gruppe hat den Vorteil der Diskussion einer Entscheidung."
"Doch kann eine Diskussion auch zu einem nachteiligen Ergebnis führen, wenn sich jemand durchsetzt, der auf einem Irrweg ist."
"Das kann aber auch bei einem einzelnen passieren."
"Wohl wahr. Nun, Yúnzĭ, und wie sorgen die Herrscher in einer Aristokratie für das Allgemeinwohl?"
Da war ich also wieder gefragt. "Danke für die Frage, Cáozĭ." Der Angesprochene verneigte sich kurz, dann sprach ich weiter. "Es ist doch so, dass sie ihre herausgehobene Stellung nutzen, um das, was sie auszeichnet, zum Vorteil der Menschen zu nutzen und die Menschen zu motivieren, ihnen nachzueifern. Ein Gelehrter wird dafür sorgen, dass gerechte Gesetze entstehen und den Menschen Bildung ermöglicht wird, ein reicher Kaufmann wird dafür sorgen, dass unternehmerischer Mut ausgezeichnet wird und alle gut bezahlt werden, der Adlige wird dafür sorgen, dass alle ein gutes Einkommen aus dem Land erhalten und die Menschen bei entsprechender Leistung selbst in den Adelsstand aufsteigen können."
Cáozĭ lächelte. "Ich danke für Eure Erläuterungen, mein Freund, und stimme Euch zu. Und wie nennt Ihr den Staat, in dem die Elite nur an sich selbst denkt?"
"Oligarchie."
Nun meldete sich Jiénzĭ wieder zu Wort. "Ich glaube, eine Systematik zu erkennen. Zuerst ein einzelner, dann eine Gruppe, als letzte Ebene muss dann die Gesamtheit folgen, also das ganze Volk."
Ich lächelte und verneigte mich kurz. "Korrekt. Doch gibt es auch hier zwei Formen. Es gibt die Demokratie, bei der schon wegen seiner Menge der ungebildete Pöbel die Herrschaft ausübt. Das führt aber dazu, dass den Leistungsträgern genommen wird und unter den Besitzlosen aller Besitz verteilt wird, ohne dass es zu einer Verbesserung der Gesellschaft kommt. Und dann gibt es die Politie. Diese schafft einen gerechten Ausgleich zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen, zwischen den Eliten und dem einfachen Volk. Sie funktioniert, indem die Ämter der Herrschaft von denen besetzt werden, die in der Mitte der Gesellschaft sind. Weder reich, noch arm. Weder extrem gebildet, noch extrem ungebildet. Denn wer Maß und Mitte in allem hält, der ist ausgeglichen, gerecht, menschlich und tugendhaft. Die Ämter werden nur auf Zeit besetzt und vom ganzen Volk gewählt. Gesetze werden von den Amtsinhabern vorgeschlagen und durch das ganze Volk bestätigt, wobei die Eliten genauso viele Stimmen haben sollten, wie der Rest."
"Das hört sich für mich sehr kompliziert an," gab Cáozĭ zu bedenken.
"Es ist auch kompliziert. Dennoch hat Aristotélēs diese Staatsform als die beste angesehen."
Jiénzĭ sah nicht überzeugt aus. "Yúnzĭ, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so eine Staatsform geeignet ist, um ein großes Reich zu regieren."
Da hatte er einen validen Punkt. "Nun, die Lehre der sechs Staatsformen wurde für Stadtstaaten entwickelt. Und selbst dort wird man oft Mischformen antreffen."
"Und welche Staatsform hat Dàqín?"
Das war gar nicht so einfach zu beantworten. "Naja... ursprünglich war es eine Mischform aus Politie und Aristokratie. Jetzt hingegen ist es eher eine Mischform aus Monarchie und Aristokratie, obwohl die ursprüngliche Verfassung sich offiziell nicht geändert hat."
"Die ursprüngliche Form verstehe ich ja, aber wie soll die jetzige Form aussehen? Ich kann mir das nicht vorstellen."
Ich versuchte, es zu erklären. "Wir haben zusätzlich zur ursprünglichen Form einen einzelnen Herrscher hinzugefügt. Der kann auch ohne die Amtsträger Gesetze erlassen, für Ordnung sorgen und schlechte Entscheidungen der Amtsträger zurücknehmen. Dafür haben wir die Volksabstimmungen schon ewig nicht mehr durchgeführt. Trotzdem ist die Herrschaft zum Nutzen des Volkes."
"Ah, jetzt verstehe ich," sagte Cáozĭ.
"Und die Aristokraten werden vom, sagen wir, Kaiser, ernannt?"
"Ja und nein. Ernannt ja, aber zuvor werden sie von den anderen Amtsträgern gewählt. Und sie müssen auch beim Volk zustimmungsfähig sein."
"Ihr habt also ein sehr kompliziertes System vereinfacht, indem es immer noch kompliziert ist, aber notfalls ein Einzelherrscher dafür sorgen kann, dass irgendwann eine Entscheidung getroffen wird und alle Interessen gewahrt werden?" Jiénzĭ lachte.
Das hatte er recht gut auf den Punkt gebracht. "Im Prinzip ja. Und wie ist die Regierung in Hàn aufgebaut?"
"Sehr einfach. Der Sohn des Himmels herrscht."
"Das ist so nicht ganz richtig, Jiénzĭ," sprach Cáozĭ. "Der Sohn des Himmels steht dem Staat vor und sorgt dafür, dass Tugend und Gerechtigkeit herrschen. Aber er herrscht nicht allein. Er ernennt Gelehrte zu Beamten, die sich um die Regierungsgeschäfte kümmern. Dazu wählt er die höchsten Beamten aus, die zugleich auch die fähigsten Beamten sein sollen. Die wiederum wählen die nächsthöchsten Beamten aus und so weiter. Es mögen zwar häufig auch Adlige Beamte werden, aber das liegt darin, dass Adlige sich es öfter leisten können, zu lernen anstatt zu arbeiten."
"Ihr habt also einen Beamtenstaat mit einem Kaiser als Oberhaupt?"
"Ja, aber der Kaiser erbt die Herrschaft."
Nun sprach wieder der Prinz. "Er kann sie aber auch für sich und seine Nachkommen verlieren, wenn er das Mandat des Himmels verliert."
"Indem er ein Tyrann ist und kein Monarch?"
"Ja. Indem er unmenschlich ist, ohne Tugend und ohne Gerechtigkeit."
Ich trank meinen Tee. Das war doch eine sehr fordernde Diskussion gewesen. Mein Serisch war zwar ziemlich gut geworden, aber auf dem Niveau musste ich viel überlegen, um die Worte zu verstehen und selbst zu formulieren.
"Ist Euch eigentlich aufgefallen, dass wir über Staatsformen diskutiert haben und dabei zugleich festgestellt haben, was gute Herrscher ausmacht?" Cáozĭ trank nun auch seinen Tee, während Jiénzĭ und ich ihm zustimmten.
Mir war noch etwas aufgefallen. "Was ich besonders interessant finde, ist, dass sowohl hier als auch in meiner Heimat, die tausende Meilen entfernt ist, Philosophen auf sehr ähnliche Eigenschaften eines guten Herrschers gekommen sind."
"Das scheint mir das natürliche Ergebnis zu sein. Wenn die Natur eines guten Herrschers so zu sein hat, dann wird sie überall so sein. Wie im Osten, so im Westen."
Auf einen Wink von Jiénzĭ betraten Diener den Raum und brachten jedem einen Glasbecher, der nur zu einem kleinen Teil mit einer scharf nach Alkohol riechenden Flüssigkeit gefüllt war. Ich betrachtete den Becher neugierig. Das sah doch aus wie...
"Becher aus Dàqín," sagte Jiénzĭ und hob seinen Becher, was wir ihm gleichtaten. "Ich dachte mir, Ihr freut Euch, etwas aus Eurer Heimat zu sehen, Yúnzĭ."
Ich hätte nicht gedacht, dass Glas so weit gehandelt wurde. Und im Nachhinein hätte ich vielleicht auch eine Ladung Glas mitnehmen sollen. Das war hier sicher teuer.
Wir leerten unsere Becher in einem Zug, was ziemlich im Rachen brannte.
"Jiénzĭ, darf ich Euch um einen Gefallen bitten?" fragte ich, während die Diener die Gläser wieder füllten.
"Wenn es nicht unangemessen ist, gerne," erwiderte der Prinz.
"Für die Aussprache meines Namens gibt es mehr als eine Schreibweise. Wie würdet Ihr ihn schreiben?"
Der Prinz hob seinen Becher, woraufhin wir unsere ebenfalls hoben und alle die Gläser leerten. Dann ließ er sich Papier und einen Pinsel bringen und kalligraphierte meinen Namen.
云玉
Ich betrachtete die Kalligraphie. "Wolke und Jade?"
Jiénzĭ lächelte. "Ihr seid wie eine Wolke, über alle Länder von West bis Ost ziehend, und im Versuch, alles zu überblicken. Doch vergesst dabei nicht, im großen Ganzen auch die Details zu sehen. Und Euer Verstand ist kostbar und rein wie Jade. Doch bedenkt stets, dass die Welt und die Menschen nicht immer rein sind und man am Boden auch mit Schmutz rechnen muss. Betrachtet diese Kalligraphie als Geschenk. Sie möge Euch stets darin erinnern, wer und was ihr seid. Glaubt mir, ich habe eine gute Menschenkenntnis."
Ich nahm die Kalligraphie an mich und verneigte mich tief. "Ich danke Euch, Jiénzĭ."
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, tiefer in die Details der Staatsformen und der idealen Herrscher nach westlicher und östlicher Auffassung zu gehen. Und wir tranken neben Tee auch immer wieder von dem Schnaps, auch wenn der ein echt furchtbares Gebräu war. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, doch war ich auch froh, als wir uns abends voneinander verabschiedeten und nach Hause gingen.