"Aha, also eine gensbezogene Vendetta. An sich ja nichts außergewöhnliches. Aber diesen Disput in den Senat zu tragen, ist gefährlich, gerade jetzt, wenn die Dynastie tatsächlich geschwächt sein sollte. Wenn Kaiserhaus und Senat blockiert und handlungsunfähig wären .... dies wäre eine offene Einladung für jeden Mann mit höheren Ambitionen."
War dieser Salinator ein solcher Mann, oder war er es nicht. Solche Schwächephasen mussten nicht gleich das Staatsgefüge aushebeln, bei Leibe nicht, aber es begünstigte dies durchaus.
Selbst Mitglied der Decima? Warum erzählte er das dann alles so offen. Der Verdacht lag dann doch sehr nahe, dass er einen bislang neutralen, da bis dato zu ignorierenden Senator frühzeitig auf Livianus' Seite ziehen wollte, in diesem Streit. Daher sagte Geminus zu den beteiligten Personen an sich nichts. Sich zu früh und ohne Not, und ohne Wissen der Streitpunkte, auf eine Seite zu schlagen wäre unbedacht und vielleicht sogar fatal.
"Valerians gesundheitliche Schwächung zieht sich schon lange hin. Und wenn sie seine Urteils- und Tatkraft wirklich erheblich geschwächt haben sollte ... dann wundert es mich hauptsächlich, dass der alte Führungsstab der Ulpier, also Julians Männer, dies einfach geschehen ließen. Aber der Tod eines Kaisers wirft immer neue Würfel auf den Tisch. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Überzeugungen im Wind drehen. Wenn es also keine loyale Führungsschicht um Valerien mehr gäbe, die an die Ulpia gebunden ist und in deren Sinne Valerians momentane Schwäche kompensiert ....."
Geminus schweigt einige Momente.
" .... dann wäre alles möglich."
Er fasste sich wieder. Sein eigener Schockzustand über die möglicherweise vorliegenden Machtverhältnisse hatte ihn alle Vorsicht vergessen lassen, er hatte viel zu offen spekuliert. Er beobachtete Verus Gesichtsausdruck. War dies vielleicht ein Sondierungsgespräch größerer Art? Wurden bereits Koalitionspartner für einen Zustand nach den status quo gesucht? Wenn wirklich ein Vakuum der Macht entstanden sein sollte, dann würde alles ins Bild passen. Mehre wichtige Gentes, die sich im Senat befehdeten und einige mächtige Einzelpersonen, die sich weit aus dem Fenster lehnten, um Stärke und Einfluss zu zementieren. Alles schien auf eine solche Übergangsphase hinzudeuten. Und seine Lebensversicherung war stets die Nähe zur Gens Ulpia gewesen .... gäbe es diese aber nicht mehr, so wäre wohl alles verloren. Er musste schnellstens mehr Fakten zur Lage erhalten und vor allem möglichst neutrale Berichte und von verschiedenen Richtungen. Geminus Geist überschlug sich immer mehr, er wäre verloren, würde er sich zu schnell eine Seite aussuchen, aber auch, wenn er damit zu lange warten würde.
"Dass der Kaiser bereits tot sei? Das ließe sich aber doch schwerlich geheimhalten? Bei all den Bittstellern und Bediensteten um ihn herum. Und wäre er wirklich tot, dann hätte das sicher bereits jemand genutzt."
Es sei denn dieser jemand fühle sich noch nicht stark genug. Und würde mit der scheinbar kaiserlichen Autorität seine Position so lange ausbauen, bis er diese Verkleidung nicht mehr brauchte. Und wenn es so wäre, dann wäre ein Ort wie Misenum jedenfalls deutlich günstiger als Roma selbst. Der Senator fragte sich, ob er bereits paranoid wurde ...
"Plötzlich wurde der Kaiser krank? Meines Wissens hat er sie doch schon länger? Merkwürdige Gestalten in der Verwaltung? In wie fern? Urplötzlich ein neuer Praefectus Urbi eingesetzt? Er trat vorher also nicht in Erscheinung?"
Das würde zu einen entsprechenden jemand passen, der erst eine eigene Machtposition generieren müsste, bevor ...
"Der Praefectus Praetorio ist verschwunden, womöglich ermordet? Wirklich? Wann, wie, was weiß man darüber?"
Wäre dem so, dass wäre ein extrem besorgniserregendes Indiz. Die Garde war der einzig stichhaltige militärische Hebel nahe dem Herzens des Römischen Reiches. Und deren Praefecten verschwanden nie grundlos.
Der Praefectus Urbi? Um ihn schien sich diese düstere Wolke der Spekulation stetig zu verdichten. Er musste mehr über ihn erfahren und ihn dann kennenlernen, so, möglich. Und mit einigen anderen reden, doch wem konnte er dabei vertrauen? Alle Senatoren würden sich sicher ähnliche Gedanken machen wie er, aber keiner war durch seine Vorgeschichte so isoliert wie er.
"Ja, mir will scheinen, dass man diesen Salinator im Augen behalten sollte."