Kaiserkult

Aus Theoria Romana

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Der Kaiserkult, der in der Kaiserzeit selbstverständlicher Teil der Staatsreligion war, diente der Verehrung des regierenden Kaisers und seiner Ahnen. Damit trug er wesentlich zur Legitimation des Prinzipats bei, indem er eine Bindung zwischen den Reichsbewohnern und ihrem Herrscher aufbaute und ausdrückte.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung

Die Wurzeln des Kaiserkults liegen bereits im klassischen Griechenland, wo Wohltäter (Euergeten) bereits kultische Verehrung erhielten. Für ihr Wohl wurden Gebete, Opfer und Hymnen - oft im Rahmen eines Polis-Festes - dargebracht, teilweise sogar Heiligtümer, Altäre und Kultbilder errichtet. Die Verehrung eines Herrschers ist schließlich erstmals bei Lysandros, einem spartanischen Feldherrn greifbar, dem kleinasiatische Städte ab 404 v. Chr. jährliche Feierlichkeiten widmeten (die Hereia wurden in Lysandreia umgewidmet).

Deutlich verstärkt trat diese Praxis schließlich unter Alexander dem Großen auf, der nicht erst seit seiner Erklärung zum Pharao kultische Ehren erhielt, sondern vor allem in seinen neugegründeten Städten wie Alexandria in Ägypten als Schutzgott angerufen wurde. Daran knüpften auch seine Nachfolger, die Diadochen an, sodass sich der Herrscherkult im griechischsprachigen Osten weit verbreitete. Nach dem Auftreten der Römer in diesem Raum wurde diese Tradition weitergeführt: So verehrte man den Feldherrn Quinctius Flamininus nach der Schlacht von Kynoskephalai und dem damit verbundenen Sieg über Philipp V. 197 v. Chr. als Gott, ebenso weitere Feldherren und Statthalter. Zu diesen zählte auch Caesar, der im Rahmen der Bürgerkriege 48 v. Chr. in den Osten kam und schnell kultisch verehrt wurde.

Allerdings übertrug der spätere Dictator diese auch in den Westen und sogar nach Rom: 46 v. Chr. wurde seine Statue im Tempel des Romulus-Quirinus aufgestellt und "dem unbesiegbaren Gott" gewidmet, ihm zu Ehren richteten die Luperci Iulii die Ludi Quinquennales aus und 44 v. Chr. beschloss der Senat schließlich die Einrichtung eines eigenen Kultes in Rom. Ein Tempel für Iuppiter Iulius sollte gebaut werden, ein Flamen eingesetzt und der Monat Quinctilis in Iulius umbenannt werden. Durch die Ermordung Caesars kam es allerdings nicht mehr zu all diesen Maßnahmen.

Octavian gab sich dagegen weitaus zurückhaltender: Zwar ließ er 29 v. Chr. im Osten seine Verehrung zu - allerdings nur in Verbindung mit Roma - , doch verbot er diese für alle römischen Bürger. Diese - wie auch der gesamte Westen des Reiches - durften seit 12 v. Chr. lediglich den Genius Augusti verehren, was häufig in Verbindung mit den lares compitales geschah. Derartige Zurückhaltung betraf allerdings nicht seinen Adoptivvater, der als Divus Iulius zum Staatsgott (mit einem Tempel auf dem Forum Romanum) erhoben wurde und auf den er sich in seiner Titulatur mit divi filius bezog.

Bereits einen Monat nach Augustus' Tod konsekrierte man den ersten princeps aber am 17. September 14 n. Chr. ebenfalls. Dementsprechend setzte man ihn mit göttlichen Ehren bei, erklärte sein Haus auf dem Palatin zum Tempel, ernannte einen flamen divi Augusti, stiftete ihm Altäre und richtete die zahlreiche Kategorie:Feiertage wie die Ludi Palatini, die Augustalia etc. ein.

Diesem Muster folgten die meisten seiner Nachfolger: Verehrung des Genius im Westen, göttliche Ehren im Osten und reichsweit nach dem Tod (betrieben durch den Nachfolger). Die als Apotheose bezeichnete Vergöttlichung wurde damit bis Diokletian zum üblichen Ritual nach ihrem Tod. Lediglich Tiberius, Caligula, Nero, Galba, Otho und Vitellius wurden davon ausgenommen (hauptsächlich wohl aufgrund ihres schlechten Verhältnisses zum Senat oder der Abgrenzungsbemühungen des Nachfolgers). Neben den Kaisern selbst erhielten aber auch weitere angehörige der kaiserlichen Familie diese Ehrungen, insbesondere ihre Ehefrauen. Dazu gehörten etwa Livia Drusilla, Drusilla, die Schwester Caligulas, Iulia, die Tochter des Titus, Ulpia Marciana, Matidia, die Schwiegermutter Hadrians, Maesa, die Großmutter des Severus Alexander und Domitilla, die Tochter Vespasians, aber auch die Väter Trajans (Traianus Pater) und Philippus Arabs' (Marinus), sowie einige Prinzen des Kaiserhauses wie Gaius Caesar und Lucius Caesar, Germanicus, Drusus oder Titus Flavius Caesar, der Sohn Domitians.

Organisation

Der Kaiserkult unterschied sich nicht wesentlich von den gewöhnlichen Götterkulten: Man errichtete ihnen (im Osten wie im Westen) Tempel, Altäre und Standbilder. Besondere Bedeutung erhielten dabei die Provinzialheiligtümer, an denen sich Vertreter aller Gemeinden zu bestimmten Feiertagen (etwa dem Weihetag des Heiligtums) versammelten und gemeinsam opferten, etwa der ara Romae et Augusti in Lugdunum, an dem die civitates aus ganz Gallia zusammenkamen. Ähnliche Zentralheiligtümer befanden sich auch in Tarraco oder Colonia Claudia Ara Agrippinensium (hier die ara Ubiorum). Diese Feierlichkeiten bildeten auch die Grundlage für die Provinziallandtage, die zu diesen Anlässen teilweise auch politische Debatten führten und einen eigenen Flamen für den Kult wählten. Neben diesem war aber häufig auch der Statthalter in Kulthandlungen eingebunden (z.B. die Abnahme der vota am 3. Januar) und fungierte oftmals sogar als Opferherr.

In Rom organisierte bereits Augustus eine Struktur für den Kaiserkult, indem er dem Kult der beiden lares compitales den genius Augusti hinzufügte. Die Magistri Vici, die die Aufsicht über diese Heiligtümer führten, übernahmen damit die Organisation der Kaiserfeste, über denen wiederum Funktionäre auf der Regio-Ebene standen. Darüber hinaus bildete sich ein Kultverein aus Senatoren, die Augustales, die ebenfalls an der Organisation und Durchführung der Kaiseropfer beteiligt wurden, aber auch traditionelle Sodalitäten wie die Arvales Fratres oder die Priestercollegia wurden fest in den Kult eingebunden. Als Spezialpriester der vergöttlichten Kaiser (und später auch des genius Augusti) setzte man schließlich auch einen Flamen ein, der wie seine Kollegen im Amt den apex und die toga praetexta trug.

Nach diesem Vorbild praktizierte man den Kult auch in den einzelnen Städten des Reiches. Hier bildeten häufig Freigelassene die seviri Augustales, aber auch Flamines und andere Priester wurden extra berufen, wobei sie häufig die Spitze einer kommunalen Karriere darstellten. Sie vollzogen die Verehrung in Tempeln, die zwar meist dem Augustus geweiht waren und daher Augusteum genannt wurden, allerdings auch Statuen der späteren Kaiser bis hin zum aktuellen Regenten beherbergten. Als Opferherren fungierten außerdem meist Magistrate oder andere Repräsentanten im Namen der gesamten Bürgerschaft (aus [[Narbo Martius sind etwa drei equites, drei libertini, drei coloni und drei einfache incolae (Einwohner ohne Bürgerrecht) bekannt, die jeweils Tiere, Wein und Weihrauch darbrachten).

Im militärischen Bereich übernahm schließlich ein Offizier (oft ein Tribun oder Centurio) diese Aufgaben für ihre Einheit.

Kulthandlungen

Bei der Verehrung der Kaiser bediente man sich dabei möglichen Kulthandlungen, die auch bei den gewöhnlichen Göttern verwendet wurde. Grundlage war dabei häufig das traditionelle Bitt- und Dankopfer, die Supplicatio. Bei dieser erschienen die Teilnehmer häufig lorbeerbekränzt, es erfolgten Demutsgesten wie Verneigungen, das Füße-Küssen von Kultbildern o. ä. und meist nur Weihrauch- und Weinopfer, die dafür nicht selten von allen Anwesenden dargebracht wurden.

Opfer wurden entweder direkt dem genius oder divus (Vergöttlichten) dargebracht - in der Regel ein Rind (für den vergöttlichten Augustus sind mehrfach Stiere bezeugt) - oder man opferte anderen Göttern für das Wohl des Kaisers. Hier tritt insbesondere Iuppiter hervor, der allein oder gemeinsam mit der kapitolinischen Trias zu besonderen Tagen wie dem dies natalis angerufen wurde, aber auch andere Gottheiten konnten Opfer für das kaiserliche Wohl empfangen (bei Augustus etwa häufig Apollo, Mars und Neptun). Ebenfalls beliebt waren Personifikationen kaiserlicher Tugenden wie die providentia Augusti (Vorsehung), die clementia Augusti (Milde), die securitas Augusti (Sicherheit) oder fortuna redux (heimführendes Glück). Ebenso traten die Kaiseropfer häufig in Verbindung mit anderen Opfern auf, etwa mit den erwähnten lares compitales (vgl. Compitalia), salus publica (das öffentliche Wohl) oder Concordia. In ähnlicher Weise (aber wohl mit weniger Aufwand) wurden auch die nicht-regierenden Angehörigen des Kaiserhauses verehrt, wobei die Kaiserin häufig in Verbindung mit ihrem Gemahl auftauchte und dann weibliche Opfertiere erhielt. Zwar orientierte man sich auch beim Militär, in den municipia und Provinzen an dieser Praxis, jedoch waren die Opfergaben hier häufig weitaus geringer: So scheint etwa nur zum Geburtstag des Augustus ein Stier dargebracht worden zu sein, während die übrigen divinisierten Kaiser nur ein Kalb, die Kaiserinnen sogar nur Weihrauch und Wein dargebracht bekamen.

Im Zusammenhang mit Opfern oder auch anlässlich von Spielen fanden außerdem Prozessionen statt. Hierbei holte man die Statuen der vergöttlichten Kaiser gern aus den Tempeln, schmückte und ölte sie und führte sie in der pompa zum Opferplatz/dem Circus mit (ähnlich wie bei anderen Göttern auch auf Wägen). Neben Statuen aus Tempeln konnten aber auch verschiedene Vereine eigene Abbildungen besitzen und anlässlich von Prozessionen präsentieren (etwa die Berufsverbände der Viatoren in Rom). Außerdem dienten häufig auch goldene Stühle, clipei oder Standarten als Symbole für den Kaiser. Weitere Teilnehmer bzw. Träger der Bildnisse waren außerdem meist weiß gekleidet, trugen Schmuck und vermutlich Lorbeerkränze oder - besonders im Osten - goldene Kronen. Nicht selten finden sich auch bewaffnete "Ehren-Eskorten" für das Kaiserbildnis.

Schließlich lassen sich auch öffentliche Bankette und Spiele als Veranstaltungen des Kaiserkultes finden.

Dass daneben auch private Kulthandlungen vollzogen wurden, zeigen Kultstatuen in Privathaushalten, aber auch die offizielle Ausgabe von Opfergaben an bestimmten Tagen, die zu Hause zum Wohl des Kaisers darzubringen waren. Schließlich schwor man im Alltag auch gern beim genius Augusti, wobei Eidesbruch hier besonders streng bestraft wurde.

Festkalender

Der kaiserliche Festkalender, der insbesondere für das Militär fest vorgeschrieben war (vgl. das Feriale Duranum aus Aegyptus), lud einerseits traditionelle römische Feiertage mit Ehrungen der Kaiser auf, schuf andererseits aber auch eigene Feiertage, die häufig tradiert und von späteren Machthabern übernommen wurden. Einige Beispiele seien hier erwähnt:

  • 3. Ianuarius: Vota pro salute principis: Bei dieser reichsweiten Feier wurden Gelübde zum Wohl des Kaisers abgelegt. Dazu opferten in Rom die Arvalbrüder der kapitolinischen Trias und dem salus publica, seit Nero außerdem dem divus Augustus, der diva Augusta und dem Divus Claudius am Tempel des Augustus auf dem Palatin.
  • 23.-24. September: Dies natalis Augusti: Zum Geburtstag des Augustus fanden ebenfalls reichsweit Feiern statt, an die sich neben Opfern oftmals Spiele anschlossen. In Rom opferten die Arvalbrüder am ersten Tag auf dem Capitol, am zweiten am Tempel des Augustus jeweils einen Ochsen, während etwa in Narbo Martius dem numen Augusti nur am ersten Tag ein Tieropfer, am zweiten ein Wein- und Weihrauchopfer dargebracht wurde.
  • Dies natalis Principis: Zum Geburtstag des regierenden Kaisers fanden ebenfalls reichsweite Feiern statt. In Rom opferte man auf der kapitolinischen Trias, salus publica, Concordia und dem Genius des Kaisers, wobei Iuppiter einen Stier, der Genius einen Bullen und alle übrigen Gottheiten eine Kuh erhielten.
  • Dies natales des Kaiserhauses: Zu den Geburtstagen der Kaiserinnen und Prinzen fanden in Rom üblicherweise ebenfalls Tieropfer an Iuppiter oder die kapitolinische Trias statt, gelegentlich ebenfalls in Verbindung mit Concordia oder dem Genius des Gefeierten. Für Livia ist hierbei etwa eine Kuh überliefert, wobei zugleich ein Ochse für Augustus dargebracht wurde.
  • Dies natales divorum: Die Geburtstage der vergöttlichten Kaiser wurden vermutlich mit weniger Aufwand begangen als die des regierenden. Hierbei genügte zumeist wohl eine supplicatio mit Weihrauch und Wein.
  • Jahrestage im Leben des regierenden Kaiser (dies imperii, Übernahme der fasces, Anlegen der toga virilis, Consulatum, Titelvergabe (z.B. pater patriae, Gedenken an siegreiche Schlachten): Diese Feiern entsprachen wohl im Aufwand etwa den Geburtstagen der kaiserlichen Familie und wurden entsprechend mit supplicationes oder Tieropfern begangen. Hierbei konnte auch zugleich der salus publica, der Felicitas oder dem genius populi Romani (Genius des römischen Volkes) geopfert werden.
  • Adventus principis: In den einzelnen Städten des Reiches fanden auch Feiern zum Jahrestag des ersten Eintritts des Kaisers in die Stadt statt.


Literatur:
Drexler, W.: Kaiserkultus, in: Roscher, W.H. (Hrsg.): Lexikon der Griechischen und Römischen Mythologie, Bd.2: Leipzig 180 ff, S. 901-919.
Fishwick, Duncan: The Imperial Cult in the Latin West. Studies on the Ruler Cult of the Western Provinces of the Roman Empire, Bd. II/1, Leiden u.a. 1991.

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