Dies Natalis Valeriani

  • Nachdem alle Arvalbrüder ihre Hände gewaschen bekommen hatten, streckte Durus als erster seine geöffneten Handflächen vor. Die Gebete würden nacheinander ablaufen, sodass man sie gut hören konnte. Und den Anfang machte selbstverständlich der Begründer des Kaisertums - auch wenn er von teils durchaus ehrenwerten Senatoren unter dem Vorwand der Wiederherstellung der Republik getötet worden war!


    Neben ihm stand ein Augustale mit einer Schriftrolle, der Durus das Gebet vorsagte, sodass die Gefahr von Hängern oder Vesprechern minimiert war. So hörte Durus jeden Satz, dann sprach er ihn selbst aus, woraufhin wieder eine Gehörpause entstand und so weiter.


    "O Divus Iulius, Schutzherr der Res Publica und des Imperium Romanum und aller Imperatores Caesares Augusti!


    Als Du noch auf Erden wandeltest hast Du die Res Publica gut geführt, die Grenzen unseres Imperium bis an den Rhenus erweitert. Du hast die grausame Geisel des Bürgerkriegs hinfortgeweht und die Verräter am Volk der Quiriten niedergestreckt, bis hin zum feigen Mord durch die Feinde Roms! Auch vom Himmel herab schenkst Du unserem Staat Huld und Segen und mehrst unsere Macht!"


    Während der Augustalis den nächsten Satz vorlas, blitzte bei Durus die Frage auf, ob Iulius Caesar den Senat möglicherweise ebenso vor den Kopf gestoßen hatte wie Valerianus jetzt. Und, ob er selbst vielleicht mit dem Gedanken spielte, zu einem solchen Feind Roms zu werden!


    Dieser Gedanke lenkte ihn so ab, dass der Augustale den Satz wiederholen musste, ehe der alte Tiberius mit fester Stimme weitersprach:


    "Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Steh ihm bei als himmlischer Ratgeber und schenke ihm ewigen Sieg, wie er auch Dir zuteil wurde, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und Nahrung!"


    Nun war der nächste an der Reihe: Ein Collega und Mitbruder, der ehrenwerte und hochdekorierte Atilius Bradua, hatte nun die Ehre, das Opfergebet für Divus Augustus zu sprechen. Mit öliger Stimme sagte er ziemlich flüssig und klar das Gebet von sich:


    "O Divus Augustus, Schutzherr der Res Publica und des Imperium Romanum und aller Imperatores Caesares Augusti!


    Als Du noch auf Erden wandeltest hast Du die Res Publica gut geführt, die Grenzen unseres Imperium erweitert. Du hast die schreckliche Zwietracht unseres Volkes beigelegt und die Res Publica wiederaufgerichtet nach den Sitten unserer Väter! Auch vom Himmel herab schenkst Du unserem Staat Huld und Segen und mehrst unsere Macht!


    Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Steh ihm bei als himmlischer Ratgeber und schenke ihm ewigen Sieg, wie er auch Dir zuteil wurde, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und Nahrung!"


    Durus blickte zum nächsten: Jetzt kam Diva Iulia Augusta an die Reihe, die berühmte Gattin des Divus Augustus, ehe es mit den nächsten Kaisern weiterging.

  • Potitus marschierte natürlich an einem Ehrenplatz in der Prozession mit. Dass er wegen dieser seltsamen Traditionen laufen musste, ärgerte ihn zwar ein wenig, aber immerhin hob er sich durch seine private Leibgarde ein wenig von den anderen Senatoren ab. Unterwegs grüßte er immer wieder in Richtung des Pöbels, wie es der Kaiser sicherlich auch getan hätte.


    Nicht nur dem Stellvertreter in religiösen Dingen, sondern auch dem allgemeinen stand aber schließlich bei Ankunft auf dem Palatin der Schweiß auf der Stirn. Warum hatte Augustus seinen Palast nur nicht in die Senke auf das Forum gebaut? Aber egal, glücklicherweise musste Salinator ja nicht sonderlich oft auf den Palatin, solange Valerianus nicht hier wohnte.


    Jetzt kam allerdings leider ein noch längeres Ritual, das zwar immerhin die Treue zum Kaiserhaus verdeutlichte, aber trotz allem geradezu endlos erschien. In diesen Augenblicken wusste der Praefectus wieder, warum er Valerianus nicht auch im Cultus Deorum vertrat, sondern das Feld diesem eingebildeten Patrizier überließ.

  • Aufmerksam, mit der aufrichtigen Intention, nichts von der Zeremonie zu verpassen – schließlich wäre es vielleicht doch ein bisschen peinlich, wenn er seinen Vespasianus verschwitzen würde – stand Piso nach der rituellen Vorbereitung seines Opfers da und horchte zu. Durus begann mit seinem Gebet an Iulius Caesar, und Piso fiel auf, dass der Mann verschlief, was der Augustale ihm vorsagte. Wobei Piso sich schon fragte, wozu man einen Augustalen brauchte. Er selber hätte das Gebet ja schon auswendig gelernt – soviel Verehrung für den, der zu den Größten aller Augusti zählte, und zwar Vespasian, den Piso ja in der Form einer Marmorbüste auch in seinem Arbeitszimmer stehen hatte, müsste schon drinnen sein.
    Durus brachte das Gebet doch noch ohne Fehler zu Ende, und es war nun an... wie hieß der Typ noch mal? Genau, Bradua oder so... auf jeden Fall, wie auch immer, der spulte nun sein Gebetchen an Augustus runter. Der Unterschied zwischen seiner Vortragung und der von Durus war deutlich. Der Flavier vertrieb den Gedanken aus seinem Hirn.
    Mittlerweile spürte auch er schon den Schweiß auf seinem Rücken. Oh, welch unschöne Schweißflecken das hinten auf seiner Tunika fabrizieren würde! Ein besonders niedriger Punkt in der Ästhetik des Piso! Aber da musste er nun durch, da gab es nichts. Denn schließlich wollte man ja wie ein gewissenhafter Priester erscheinen.
    Also machte er würdige Miene, und verpasste dankenswerterweise auch nicht seinen großen Moment. Übereifrig begann er , den Text, den ihm der Augustale vorlas, besonders laut zu intonieren. Sicher würde der gute Vespasian ihn erhören – es blieb ja innerhalb der Familie.


    "O Divus Vespasianus, Schutzherr der Res Publica und des Imperium Romanum und aller Imperatores Caesares Augusti!


    Als Du noch auf Erden wandeltest hast Du die Res Publica gut geführt, die Grenzen unseres Imperium erweitert, unser Reich von den Wirren blutiger Bürgerkriege befreit und die Finanzen des Reiches wiederhergestellt! Auch vom Himmel herab schenkst Du unserem Staat Huld und Segen und mehrst unsere Macht!


    Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Steh ihm bei als himmlischer Ratgeber und schenke ihm ewigen Sieg, wie er auch Dir zuteil wurde, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und Nahrung!"


    So, geschafft! Ohne auch nur den geringsten Fehler. Na, was sagte man denn dazu? Das bewies doch nur, wie eh schon immer, das Piso der Größte war. Mit einem unglaublich selbstgefälligen Gesichtsausdruck sah er hinüber zu seinem Nebenmann, der nun Titus anrief – gut, dass er zu beschäftigt war mit dem Gebet, um Pisos aufgeblasenes Geschaue zu sehen.

  • Ein verstorbener Kaiser nach dem anderen wurde im wahrsten Sinne des Wortes heruntergebetet und die Texte waren im Wesentlichem bei jedem gleich. Umso mehr kam es auf die Unterschiede an, aber auch hier schaltete Macer nach einer gewissen Zeit ab und verzichtete darauf, aus dem Tonfall in der Darstellung der einzelnen Lebensläufe eine tagesaktuelle politische Aussage ableiten zu wollen. Stattdessen dachte er daran, dass demnächst an der Academia Militaris wieder ein Kolloquium zum Examen Tertium anstand, in dem die Kaiser auch Thema sein würden. Allerdings ging es da weniger um ihre politischen Großtaten, sondern um ihre Stellung zum Militär. Während nun also weiterhin jedem der Genii ein Opfertier zugewiesen wurde, überlegte sich Macer, wie er die jeweilen Kaiser in die Prüfung einbauen konnte.

  • Folgsam an seiner Stelle der Prozession folgend, hatte auch der junge Flavius den Palatin erreicht. Ob seiner infantilen Konstitution war ihm der weite Weg vom Marsfeld bis hin zum Haus der Caesares weitaus beschwerlicher gewesen als den adulten Teilnehmern. Geklammert an jenen Urceus, den er mit sich zu führen die Ehre hatte und dessen glänzende Oberfläche von seinen mehr und mehr feuchten Händen verschmiert worden war, war es ihm schließlich gelungen, den Hügel zu erklimmen und zwischen zwei ihn an Körpergröße und wohl auch Alter überragenden Ministri seinen Platz eingenommen.


    Von dieser Position aus galt es nun die weiteren Opfer zu hospitieren, die den Divi Augusti gewidmet waren. Besonders freudige Erregung offerierte selbstredend die Verlesung der Oratio durch seinen Onkel Piso, der zudem gar den ersten Divus Flavius, den göttlichen Vespasian, anrief, dessen Kult auch in der Villa Flavia mit größter Hingabe praktiziert wurde und dessen Vita Manius Minor bereits wiederholt präsentiert worden war. Stolz erfüllte ihn trotz jeglicher Erschöpfung angesichts der Kenntnis der verwandtschaftlichen Verbindungen, die zwischen ihm und einer staatlichen Gottheit ein unverbrüchliches Band knüpften.

  • Wie überaus praktisch, dass es Augustales gab. Ahala hatte zwar im Vorfeld, dem Ernst und der Wichtigkeit der Situation angemessen, einige Stunden in den Thermen gegen die deutlich weniger spannende Büffelei seines Anteils an der heutigen Zeremonie geopfert, aber man konnte ja schließlich nie wissen. Die Sprache verschlagen konnte es einem schließlich aus den verschiedensten Gründen, auch wenn er besondere Risikofaktoren wie einen Vollrausch am Abend zuvor bewusst vermieden hatte. Kein Alkohol, keine Würfel, stattdessen mit Schriftrollen im eigenen Zimmer vergraben, welch überaus deprimierendes Szenario...
    Ahala unterdrückte einen Seufzer und warf einen unauffälligen Blick auf seinen Vorredner, um bloß nicht allen Mühen zum Trotz noch seinen Einsatz zu verpassen. Wo hatte er den Flavius seinerzeit noch gleich kennengelernt? Achja, beim Wagenrennen, damals mit Septima. Ein ganz netter Kerl, soweit der Tiberius sich erinnern konnte, war er nicht ein enger Freund von Archias gewesen, den Ahala wegen seiner Trink- und Spielfreudigkeit noch in guter Erinnerung hatte? Wieviel hatte er noch mal gleich verloren in jener Nacht in der Subura, als er mit dem Aelier und den beiden Iuliern um die Häuser gezogen war? Fast hätte Ahala über der Erinnerung an diese überaus unterhaltsamen Stunden seinen Einsatz verpasst, bekam dann aber doch noch rechtzeitig die Kurve, vielleicht weil der göttliche Titus, der in seinen irdischen Tagen auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit gewesen war, ein Einsehen mit ihm hatte. Ahala räusperte sich leicht, streckte die geöffneten Handflächen vor und bemühte sich um einen gebührend ernsthaften Gesichtsausdruck der seinem Vorredner hoffentlich in nichts nachstand, bevor er mit seinem Gebet begann.


    "O Divus Titus, Schutzherr der Res Publica und des Imperium Romanum und aller Imperatores Caesares Augusti!


    Als Du noch auf Erden wandeltest hast Du die Res Publica gut geführt, die Grenzen unseres Imperium erweitert, militärische Triumphe wie kaum ein zweiter gefeiert, und das durch Katastrophen heimgesuchte Volk mit beispielhaften Wohltaten bedacht! Auch vom Himmel herab schenkst Du unserem Staat Huld und Segen und mehrst unsere Macht!


    Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Steh ihm bei als himmlischer Ratgeber und schenke ihm ewigen Sieg, wie er auch Dir zuteil wurde, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und Nahrung!"
    War es das gewesen? Ja, scheinbar schon. Ahala fiel ein ziemlicher Stein vom Herzen, und er warf einen unauffälligen Blick hinüber zu seinem Adoptivvater. Ob der alte Herr wohl zufrieden mit ihm war? Heute abend hatte er sich seinen Wein aber wirklich verdient, zur Feier des Tages würde er auch ein paar Gläser auf den guten alten Titus trinken!

  • Natürlich war Durus stolz auf seinen Sohn, der hier sein erstes öffentliches Opfer vollzog (soweit er sich erinnern konnte)! So blickte er fast ein wenig zufrieden drein. Unterdessen wurden Diva Iulia, Divus Nerva und Divus Traianus angerufen. Dann endlich kam der letzte göttliche Kaiser an die Reihe: Divus Iulianus!


    "O Divus Iulianus, Schutzherr der Res Publica und des Imperium Romanum und aller Imperatores Caesares Augusti!


    Als Du noch auf Erden wandeltest hast Du die Res Publica gut geführt, die Grenzen unseres Imperium erweitert, die Wirren des Staates beendet und erneut Frieden aufgerichtet unter uns, wie auch unseren geliebten Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus hervorgebracht! Und vom Himmel herab schenkst Du unserem Staat Huld und Segen und mehrst unsere Macht!


    Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, Deinen Sohn, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Steh ihm bei als himmlischer Ratgeber und schenke ihm ewigen Sieg, wie er auch Dir zuteil wurde, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und Nahrung!"


    Als der alte Tiberier dieses Gebet hörte, musste er wieder daran denken, wie er dem alten Iulianus selbst begegnet war. Was für ein guter Kaiser er doch gewesen war - und was für eine schlechte Wahl er doch bei seinem Sohn getroffen hatte! Dessen Genius nun vollendete den Kreis der Göttlichen, vorgetragen von einem anderen Consular aus den Reihen der Arvalbrüder:


    "O Genius Valeriani, Beschützer unseres geliebten Imperator Caesar Augustus, des Pater Patriae!


    Du bewahrst unseren Kaiser, der die Geschicke unseres Staates wie ein Vater lenkt, vor aller Krankheit, schenkst ihm die Kraft, den ewigen Sieg, die Autorität, Frömmigkeit, Ehre, Gerechtigkeit und die Weisheit! Auch hast Du ihn mit Fruchtbarkeit gesegnet und den Bestand seines Geschlechts gesichert zur Erhaltung der Gens Ulpia und zum Frieden des Staates!


    Nimm unser gerechtes Opfer, diesen makellosen, weißen Stier an, das wir Dir, die wir Dir stets makellose und gerechte Opfer darbringen, am heutigen Tage anempfehlen! Segne unseren geliebten Princeps, den Imperator Caesar Augustus Gaius Ulpius Aelianus Valerianus! Schenke ihm Weisheit, Kraft und Stärke um seine Aufgabe zu erfüllen! Besonders gewähre ihm Gesundheit in dieser schweren Zeit, leite ihn an und gewähre ihm ein günstiges Schicksal, aufdass der Staat gedeihe und wir Dir auch in Zukunft gerechte Opfer darbringen mögen zu Deiner Ehre und zum Wohle des Kaisers!"


    Der Satz zur Gesundheit war aus besonderem Anlass eingefügt worden, ansonsten wurde aber sehr deutlich, dass der Genius des Kaisers fast auf einer Höhe mit den Divi Augusti stand, wie es Durus wieder einmal klar wurde. Allerdings würde der Genius wirklich einiges zu tun haben, wenn er Valerianus noch retten wollte! Wahrscheinlich hätte man besser zehn Stiere opfern sollen und gleich darum bitten müssen, den Kaiser schlicht zur Vernunft zu bringen!


    Während diese Gedanken Durus beschäftigten, blickte er hinüber zu dem fetten Stellvertreter des Mannes, dessen Genius hier verehrt wurde - o tempora, o mores!


    Beinahe hätte der Pontifex pro Magistro über diesen Gedanken die Fortsetzung des Rituals vergessen! Gerade noch rechtzeitig erinnerte ihn der ihm assistierende Opferschlächter allerdings daran, indem er ihn zeitgleich mit den vielen anderen fragte


    "Agone?"


    "Age!"


    erwiderte Durus und kurz darauf auch die anderen Arvalbrüder, sodass die Hämmer niedersausten, Messer in die warmen Leiber der Rinder gestoßen wurden und das Blut spritzte. Es geschah wirklich selten, dass so viele Tiere auf einmal getötet wurden - heute war aber ein besonderer Tag und in dieser Situation des Staates war wohl jede Gottheit nötig, um ihn zu retten!


    Eine Zeit lang war die Luft nur erfüllt vom Spiel der Flöten, während man darauf wartete, dass die Stiere ausbluteten und geöffnet wurden. Hinter jedem der Arvales Fratres trat einer der staatlichen Haruspices hervor und bekam die Vitalia gereicht. Heute musste alles glatt gehen, denn eine Instauratio war an einem solchen Tag besonders teuer! Allerdings hatte der Staat für diesen Tag, an dem es besonders wegen der Abwesenheit des Kaisers wichtig war, das Volk nicht zu verunsichern, natürlich ein wenig nachgeholfen!


    Und so war es nicht verwunderlich, dass die Haruspices kurz darauf die Litatio ausriefen und damit das Startsignal für den Fortgang der Prozession gaben.


  • Nachdem die Haruspices die Innereien begutachtet hatten, begannen die Opferhelfer sofort damit, die ausgesuchten Teile in die Domus Augustana zu tragen, um sie dort auf dem Opferaltar vor dem Templum Divi Augusti zu verbrennen. Die Arvalbrüder und übrigen Prozessionsteilnehmer machten sich hingegen daran, die Prozession fortzusetzen:


    Die Priestercollegia machten wieder den Anfang, ihnen folgte nun die Statue des Genius Valeriani, geschultert von kräftigen Männern mit lorbeerbekränzten Häuptern. Auch die Divi Augusti wurden selbstverständlich mitgeführt, gefolgt von ihren jeweiligen Opferhelfern. Zusammen mit den übrigen Opfertieren marschierten auch die Opferhelfer für das Opfer an die capitolinische Trias, darunter Knaben, Staatssklaven und kaiserliche Freigelassene, die den Pontifices zu assistieren die Ehre hatten. Einige von ihnen trugen auch golden glänzende Standarten mit sich, die auch schriftlich das Wohl des Kaisers - besonders seine Gesundheit - erflehten, aber auch seine Wohltaten priesen und seinen besonderen göttlichen Schutz bezeugten.


    Erst danach schloss sich der Senat, dann die Equites und schließlich der Pöbel an, allesamt angeführt von Potitus Vescularius Salinator, der als Nicht-Priester nicht ganz den kaiserlichen Platz in der Prozession einnehmen durfte, allerdings zumindest gemeinsam mit den Consuln ganz vorn unter den Senatoren rangierte.


    Dieser prächtige Zug hatte nun allerdings nur noch einen kurzen Weg: Den Palatin hinab und auf die Via Sacra, die sich vorbei an den Tempeln der Venus und Roma, der Vesta, des göttlichen Iulius und der Concordia hinauf zum Capitolium schlängelte, vielleicht nicht zufällig dem Weg folgend, den auch siegreiche Feldherrn während des Triumphes beschritten.

  • Mit dem selben distanzierten Blick, den sie schon während der ganzen Zeremonie gepflegt hatte, schritt Romana in der Prozession einher, nur um sich ein Schmunzeln zu leisten, als der Zug am Palatin halt machte, damit dort den Göttern, die einst Kaiser gewesen waren, geopfert wurde. Die Gebete kamen hintereinander, und sie nickte befürwortend, als das Gebet für Claudius kam, der Mann, der gerne einmal von den Claudiern als Ahn bezeichnet wurde, auch wenn die komplexen Familienbeziehungen diesen Begriff etwas dehnen würden. Und gerne schützte auch der Claudier vor, nicht mit Caligula und Nero verwandt zu sein, obwohl jene eng verwandt mit Claudius waren... doch Claudia Romana verleugnete auch diese Kaiser nicht. Nero hatte immerhin mal etwas gegen diese Christenbrut, die Romana so hasste wie sonst nichts auf dieser Welt, unternommen!


    Ihre Augen lagen aufmerksam auf den Opfernden. Ein paar kannte sie, ein paar nicht. Durus kannte sie natürlich. Und auch seinen Adoptivsohn Ahala hatte sie schon kennen gelernt. Und da, da war auch der eine Flavier, ein Spinner, so glaubte Romana, aber Septemvir, was seine Reputation in ihren Augen halbwegs rettete. Nun, wie dem auch sei – denn nun floss Blut. Blut zu Ehren der Götter. Romana war kein zimperliches Frauenzimmer, es freute sie, dass der Lebenssaft für die Götter floss, und die Beziehungen zwischen den Menschen und den Göttern stärkte. Ach, wie sie diese Rituale liebte!


    Der Zug ging dann weiter. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zum Tempel der Vesta, als sie daran vorbeizogen, und richtete sich wieder nach vorne, als die den Kapitol erreichten. Mittlerweile schwitzte auch Romana unter ihrer Vestalinnentracht – sie würde einiges geben, um zumindest die Palla ablegen zu können. Aber es war nun einmal die Tracht der Vestalinnen. So hieß es, Zähne zubeißen und durch. Für den Kaiser, ihren „Vater“ (auch wenn sie in ihrem Herzen niemand anderen als Claudius Menecrates je als wahren Vater akzeptieren würde, sie war viel zu sehr Claudierin dafür), würde sie das sicher noch tun können!

  • Die gesamte Prozession erreichte die Kuppe des kapitolinischen Hügels und es dauerte eine geraume Weile, bis dass endlich alle Gruppen an den ihnen zugewiesenen Plätzen angelangt waren - jene, die kein namhaftes Amt oder eine angesehene Position in Rom inne hatten, mussten sich in die hinteren Reihen drängen oder auf der Straße vom Forum her ausharren. Fachkundig dirigierten die Opferhelfer den Ochsen, welcher dem Iuppiter bestimmt war, durch die Menschen hindurch bis vor den Aufgang zu dessen Tempelteil hin, die beiden Kühe je an die Seiten vor Iunos und Minervas Heim, um die Tiere dort mit den Führungsseilen an den in den Boden eingelassenen, ehernen Ringen zu befestigen. Unterdessen traten auch drei Pontifices aus der Gruppe des Collegium vor, um je ihren Platz an den Opferaltären einzunehmen - Cornelius Scapula neben den Ochsen, Sestius Gallius neben die Kuh für Iuno und Flavius Gracchus neben jenes Tier, das Minerva bestimmt war. Die symbolische Reinigung, die Pontifex Cornelius als Opferherr begann, indem er einen Pinsel aus Pferdehaar in eine Schale voll Wasser tunkte und damit die ihn Umstehenden besprengte, wurde von seinen Collegae über beinahe die gesamte Breite der Zuschauer vor dem Tempel fortgeführt. Sodann trat ein Herold einige Stufen zum Tempel empor, wandte sich der Menge zu und forderte mit lauter Stimme:
    "Favete linguis!"*
    Von weiteren, am Rande postierten Herolden wurde der Ruf weiter getragen, bis dass endgültig Ruhe in die Menge einkehrte und zu jeder Seite hin zwei tibicines mit ihrem leisen Flötenspiel begannen, um den Opferherren die Konzentration auf ihre Arbeit zu erleichtern.


    Cornelius, Sestius und Flavius zogen je eine Falte ihrer Toga über ihren Kopf und Cornelius Scapula vor dem Altar des Iuppiters begann den Ritus.
    "Iupiter Optimus Maximus, Höchster und Größter,
    Allschaffender und allwissender König!
    Deine Gunst, Iove, erbitten wir
    für das Wohl unseres geliebten Imperators,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    Iupiter Optimus Maximus, Glückverheißender!"

    Aus einer ihm dargereichten, goldenen Schale voll Weihrauch nahm der Pontifex eine Hand voll von diesem und streute sie auf die eherne Schale neben dem Altar, in welcher bereits die Kohlen für das Opferfeuer glommen. Sogleich erhob sich der graufarbene, nach Olibanum, Sternanis und Salbei duftende Rauch empor und verhüllte für einige Augenblicke den Blick auf Cornelius.


    Währenddessen trat auch der Pontifex Sestius Gallius hervor, intonierte seinerseits die Bitte an Iuno.
    "Iuno, gütige Mutter, Höchste und Größte,
    Allgebärende und alliebende Königin!
    Deine Gunst, Iuno, erbitten wir
    für das Wohl unseres geliebten Imperators,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    Iuno, wohlwollende Schirmherrin Roms!"

    Auch dieser streute eine Räuchermischung - Süßholz, Ahornharz und getrocknete Feigenblätter - über das Kohlebecken neben dem Altar, aus welchem ebenso wohlduftende Rauchschwaden empor zum Himmel leckten.

    Den Abschluss der Voropfer für die Götter vollzog schlussendlich Flavius Gracchus am Altar der Minerva.


    MFG

  • Unter der Falte seiner Toga, welche über seinem Haupte lag, blickte Gracchus über die Köpfe der Senatoren und Zuschauer hinweg in die Ferne, auf einen diffusen, blassblauen Punkt am endlosen Horizont, als er seine Hände ein wenig zur Seite hin breitete, die Handflächen zum Zenit gerichtet, um mit sonorer Stimme die Bitte an Minerva vorzutragen.
    "Minerva, Hüterin des Wissens, Staatslenkerin,
    Sieg..verleihende und allweise Göttin!
    Deine Gunst, Minerva, erbitten wir
    für das Wohl unseres geliebten Imperators,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    Minerva, weise Führerin des Staates!"

    Ein schmächtiger Junge trat heran, allfällig ein oder zwei Jahre älter als Gracchus' Sohn, und reichte ihm mit ehrfurchtsvollem Blicke die Schale an, in welcher Myrrhe, Muskatnuss und Fichtenharz gemischt waren. Da aus dem ersten Griff ihm beinah die Hälfte der Räucherung aus der Hand zurück in die Schale entglitt, griff Gracchus noch ein zweites Mal in diese, dass die dünnen Fäden aus Rauch aus dem Opferfeuer zu Minervas Ehren alsbald sich intensivierten und eine ebenso dichte Wolke sich durch die Luft hin ausbreitete wie aus den Schalen neben Cornelius und Sestius. Hinter den Pontifices gaben nun die Calatores jenen Camilli, welche seit Beginn des Festaktes an der ara pacis beinahe ununterbrochen die urcei trugen, das Zeichen vorzutreten - unter ihnen auch Manius Gracchus Minor.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Noch einmal zog der Zug weiter, den Palatin wieder hinunter und zum Capitol wieder hinauf. In der Schar der Senatoren, die dem Zug folgten, lief auch Macer wieder die Strecke mit und fragte sich, ob es wirklich eine so geschickte Idee der Vorfahren gewesen war, sich auf sieben Hügeln anzusiedeln. Rein prozessionstechnisch war dieses Rauf und Runter nämlich ziemlich umständlich und erforderte eine Menge Kondition. Andererseits war man das in Rom ja ohnehin jeden Tag gewohnt und soweit er den Überblick hatte, gab es zum Glück auch keinen Feiertag, an dem man auf alle sieben Hügel rauf musste.

    Solcherlei Gedanken vertrieben im übrigens bestens die Zeit, bis das nächste Ziel erreicht war und wieder Opfertiere in Position gebracht wurden, um diesmal mit den passenden Gebeten der Göttertrias dargebracht zu werden. Noch einmal verstummten die Gespräche der Zuschauer, während die Priester zu ihren Gebeten ansetzten.






    KOMMANDEUR - ACADEMIA MILITARIS ULPIA DIVINA
    PRINCEPS FACTIONIS - FACTIO RUSSATA

  • Noch schier zahllose weitere Opferprekationen schlossen sich an jene zu Ehren der flavischen Kaiser an, dann erst erfolgte die eigentliche Opferung. Obschon der junge Flavius bereits wiederholt Zeuge der Tötung eines Stiers geworden war, ebenso anderer Opfertiere, verschreckte es ihn stets aufs Neue. Insonderheit jenes grässliche, eruptive Krachen, das bei dem Auftreffen des Malleus auf den Os Frontale das Flötenspiel durchstieß, evozierte eine abscheuliche kutikulare Anserinität, stets aufs Neue verbunden mit einem schreckhaften Zusammenzucken. Das anschließende überströmende Blut hingegen machte den Knaben ebenso beklommen wie degoutiert, sodass er stets genötigt war, seinen Blick abzuwenden von den Victimarii, die Fleischhauern gleich den tierischen Lebenssaft auffingen. Erfreulicherweise musste Manius Minor sich allerdings in diesem Falle nicht in zu großem Maße inkommodieren dank der Possibilität, gen zu Boden zu blicken und damit lediglich der Geräuschkulisse des Opferbetriebes ausgesetzt zu sein.


    Kaum war das uferlose Hinschlachten all jener makellosen Wesen vollendet, setzte die Prozession allerdings ihren Weg fort, diesmal zurück in die Niederungen des Forum Romanum, gleichwohl nur um einem weiteren beschwerlichen Anstieg zu folgen hinauf zu dem Ort, an dem, wie Manius Minor wusste, der Kult des Iuppiter Optimus Maximus praktiziert wurde, was ihn zum religiösen Zentrum der Urbs Aeterna machte. Freilich musste der junge Flavius dennoch die zahllosen Höhenmeter zwischen Tempel der Concordia und der Trias Capitolina überwinden, was erneut mit größten Mühen und einem weiteren Tribut kindlichen Schweißes verbunden war.


    Hinter seinem Vater fand der Knabe seinen zugewiesenen Platz, der ihm einen eminenten Blick auf das Tempelgebäude, dessen güldne Schindeln den Glanz der Sonne reflektierten, gewährte, aber auch auf die Kulthandlungen, die Manius Maior heute zu vollziehen hatte. Demgemäß verharrte Manius Minor dienstbeflissen in besonders demonstrativer Andacht, was seinen winzigen Auftritt an diesem Tage um ein Haar ernstlich disturbiert hätte, hätte ihn nicht ein Calator durch mehrfach Antippen seiner Pflicht erinnert.


    Eiligen Schrittes trat er vor, näherte sich seinem Vater von rechts, in der einen Hand eine Schale, in der anderen den Urceus haltend. Ob der zahlreichen Menschen, die sich hinter ihm auf dem Capitol verteilten und zweifelsohne mit scharfem Blick jede seiner Regungen verfolgten, erkannte der Knabe allerdings zu seinem Entsetzen, dass seine Hände zitterten, wodurch gar das Wasser in seiner Kanne hin- und herschwappte. Während er seinem Vater dieses endlich über die Hände goss, war es somit unvermeidlich, dass das vergoldete Metall wiederholt die Hände seines Vaters berührten, zu allem Überfluss jedoch auch ein nicht unbeträchtlicher Teil des Wassers über die Ränder der Schale trat, um den gepflasterten Tempelvorplatz zu benetzen.
    Welch eine Ernüchterung! Schon seit Tagen hatte der junge Flavius diesen Augenblick sorgsam präpariert und nun unterlief ihm diese Infelizitiösität! Weder Komplexität, noch Intellekt war mit dieser Obliegenheit verbunden gewesen, doch in seiner Lethargie war es ihm gelungen, sie doch auf derartig defizitäre Weise zu erfüllen! Die entfärbte und versteinerte Miene, die dem Betrachter erscheinen mochte, als sei sie der Medusa ansichtig geworden, dokumentierte wohl klarer als jedes Wort der Bestürzung die mentale Verfassung des Knaben.
    Befangen und völlig enerviert wandte er sich endlich, den Kopf in Scham gesenkt, wieder zu den übrigen Camilli und ging seinem perfekten, stets souverän und in seinen Diensten makellosen Vater, der zweifelsohne ebenso desillusioniert war wie er selbst, aus den Augen.

  • Nachdem Durus seinen Part an diesem Feiertag erledigt hatte, fühlte er sich gleich viel entspannter. Dennoch lag noch immer ein gewisser Weg vor ihm: Bereits der Abstieg bereitete ihm schließlich so viel Mühe, dass er einen seiner Calatores herbeiwinkte, damit dieser ihn ein wenig stützen konnte. Allerdings rächte sich dennoch der lange Weg, den er bereits gegangen war: Während sie das Capitol erklommen, begann nämlich ein dumpfer, pochender Schmerz in seinem Bein immer stärker zu werden - doch der alte Tiberier wäre nicht Pontifex pro Magistro geworden, wäre er nicht zäh! So biss er die Zähne zusammen und legte ohne fremde Hilfe die letzten Passi bis zu seinem Platz während des Trias-Opfers zurück.


    Das Stehen war schließlich wesentlich angenehmer und als die Pontifices sich die Hände waschen ließen (wobei sich der junge Gracchus allerdings etwas ungeschickt anstellte, wie Durus leicht amüsiert bemerkte), klang das Pochen langsam wieder ab, sodass der alte Tiberier fast ein wenig fröhlich dreinblicken konnte.

  • Nachdem Pontifex Cornelius seine Hände gereinigt und mit dem weichen mallium latum getrocknet hatte, tunkte er die Fingerspitzen des Zeige- und Mittelfingers der rechten Hand in eine Schale voll mola salsa und strich die weißfarbene Paste über Nasenwurzel und Stirn des dem Iuppiter geweihten Ochsen, rieb kurz seine Finger noch einmal sauber, ehedem er sein Opfermesser zog und dem Tier über die wollene Decke auf seinem Rücken strich und diese entfernte.
    "Iupiter Optimus Maximus, Höchster und Größter,
    Quell der Fülle, allmächtiger Herrscher!
    Zu Deinen Ehren geben wir diesen Ochsen, Iove, Dir zur Freude,
    dass Dein Glanz herabscheine auf unseren geliebten Imperator,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    dass Dein Wohl und Heil ihm gilt, unserem Kaiser!
    Darum Iuppiter, Glückverheißender, höre unser Gebet,
    nimm diesen Ochsen Dir zur Ehre, Iuppiter,
    und gib wohlwollendes Heil dem Imperator Caesar Augustus
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    mit Frieden Göttlicher, und notwendigem Wohlstand."


    Als die Worte allmählich verklangen, vollzog Pontifex Sestius von den Senatoren aus gesehen zu Cornelius' Rechten ebenfalls die Weihe mit mola salsa und die rituelle Entkleidung der Iuno zugedachten Kuh.
    "Iuno, gütige Mutter, Höchste und Größte,
    Quell allen Lebens, allmächtige Herrscherin!
    Zu Deinen Ehren geben wir diese Kuh, Iuno, Dir zur Freude,
    dass Dein Glanz herabscheine auf unseren geliebten Imperator,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    dass Dein Wohl und Heil ihm gilt, unserem Kaiser!
    Darum Iuno, Allgestalterin, höre unser Gebet,
    nimm diese Kuh Dir zur Ehre, Iuno,
    und gib sorgsames Heil dem Imperator Caesar Augustus
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    mit Frieden Göttliche, und notwendigem Wohlstand."


    Mit einem kurzen Blick zur Seite hin übergab er die Handlung des Ritus an Flavius Gracchus am Altar der Minerva.



    MFG

  • Während Pflicht und Ehre für Gracchus bei diesem Ritus durchaus sich in der Waagschale hielten, Insekurität ihm vorwiegend nur durch die Imponderabilien seines Geistes erwuchs, so war die Anwesenheit seines Sohnes nicht nur Ehre für diesen, sondern gleichsam Antezedens immensen väterlichen Stolzes, gleichwohl indes auch väterlichen Unbehagens und Unruhe, fürchtete Gracchus doch weitaus mehr in Gegenwart seines Sohnes einen Fauxpas zu begehen als etwa dies vor der versammelten Senatorenschar zu tun. Nicht nur ob dieser Beklommenheit zitterten seine Hände leicht als er sie unter den Krug führte, welchen Minor mit all seiner kindlichen Kraft über die Schale hielt, und als das eisig kalte Wasser seine Haut berührte, zuckte er ob der unvermittelten Kälte ein wenig, dass seine Hände mehrmalig mit dem nicht minder kühlen Metall kollidierten. Augenscheinlich ob dieser Unzulänglichkeit seines Vaters aus Konzentration und Gleichgewicht gerissen, konnte auch Minor nicht mehr verhindern, dass ein wenig Wasser auf den Boden schwappte - und als Gracchus sah, wie das Antlitz seines Sohnes ob dieser durch seinen Vater evozierten, kleinen, privaten Blamage versteinerte, spürte er in seinem Herzen einen scharfen Stich der Erkenntnis, dass die Defizienz seines Vaterseins in nichts der seiner sonstigen Existenz hernach stand. Indes war in diesem Augenblicke kaum Gelegenheit für existenziellen Trübsinn, noch parentale Reue, denn während Minor ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen zurück trat, reichte ein weiterer Knabe das weiche mallium latum an, dass Gracchus seine Hände daran konnte trocknen, derweil gleichsam suchte sich zurück auf das Opfer zu konzentrieren, denn würde ein tatsächlich grober Fehler ihm unterlaufen, so würde dies zweifelsohne Stimmen laut werden lassen, welche eine öffentliche Provokation des Imperators ihm würden vorwerfen, allfällig gar mehr, erwachsen aus dem alten, noch immer schwelenden Zwist zwischen Flaviern und Aeliern. Sorgsam strich Gracchus ein wenig der weißen Paste aus Salzlake und Dinkelschrot über den Nasenrücken der Kuh bis zwischen deren rot- und weißfarben geschmückte Hörner, zog hernach das Opfermesser über die dorsula und nahm diese vom Rücken des Tieres, weihte die Kuh der Minerva, an den altehrwürdigen Gebetsworten sich entlang hangelnd wie an einem Rettungsseil.
    "Minerva, weise Lenkerin staatlicher Geschicke,
    Quell allen Wissens, allmä'htige Göttin!
    Zu Deinen Ehren geben wir diese Kuh, Minerva, Dir zur Freude,
    dass Dein Glanz herabscheine auf unseren geliebten Imperator,
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    dass Dein Wohl und Heil ihm gilt, unserem Kaiser!
    Darum Minerva, Mannigfaltige, höre unser Gebet,
    nimm diese Kuh Dir zur Ehre, Minerva,
    und gib gütiges Heil dem Im..perator Caesar Augustus
    Gaius Ulpius Aelianus Valerianus,
    mit Frieden, Göttliche, und notwendigem Wohlstand."

    Als nun alle Opfer den Göttern geweiht waren, traten die Opferstecher mit ihren Äxten vor die Tiere hin, und je zwei victimarii, ausgestattet mit einer sacena - der Opferaxt, postierten sich an die Hinterläufe. Jene Männer waren von kräftiger Statur - unter den Ärmelsäumen der einfachen Tuniken spannten sich deutlich ihre Muskeln -, wiewohl Meister ihres Handwerkes, durfte doch gerade an diesem Tage nicht riskiert werden, dass eines der Tiere nicht im ersten Augenblicke bereits starb, ob dessen gar zur Seite hin ausbrach, was einem schlechten Omen würde gleichkommen. Die cultrarii fixierten die Schlächter, und einer von diesen hinter dem Ochsen des Iuppiter fragte mit lauter Stimme das obligatorische "Agimusne?", auf welches Pontifex Cornelius in seiner Rolle als oberster Opferherr das "Agite!" ertönen ließ. Ein Kaskadieren der Schlachtung hätte nach Gracchus' Auffassung weitaus ansehnlicher sich dargeboten, doch um die Opfertiere nicht unnötig in Unruhe zu versetzen wurde sie möglichst simultan an allen drei Altären ausgeführt. Kräftig holten die Männer hinter den Tieren mit ihren Beilen aus, schwangen sie weit über ihre Köpfe und schlugen in die Hinterläufe ein, dass bis in die vorderen Reihen der Zuschauer das Knacken der Knochen zu hören war. Nur Herzschläge ihnen hernach folgten die cultrarii am Kopfende, trieben die scharfen Klingenblätter der Äxte in die Kehlen der Rinder, die in schockartiger Starre kaum nur ihr Ende realisierten, nurmehr perplex die Augen aufrissen und für einen winzigen Augenblick noch ihrem Tode entgegen blickten, während aus den offenen Wunden an ihrem Halse das Blut hervorspritzte. Während der letzte Hauch der Lebendigkeit aus ihnen schwand, knickten auch die Vorderläufe ein, senkten die massigen Körper ruckartig zur Erde sich hinab und schlugen dumpf auf dem Grunde auf. In dunklem Rot legte der Kranz aus Lebenssaft sich um die Leiber der Rinder über den Stein, sickerte in die Rinnen des Pflasters, und färbte die formlosen Konturen immer weiter aus. Die Schlächter indes störten sich nicht am Vergehen des Lebens, nicht an dem blutigen Rot, knieten neben den Leibern hernieder und öffneten professionell mit großen Messern die Bauchdecken der toten Ochsen. Einer um den anderen entfernte die vitalia aus den Opfertieren und gab sie auf eine große, ovale, vergoldete Platte, bis dass an jedem Altar alle Stücke bereit lagen. Mit graver Miene traten sodann drei Haruspices heran, die Gesichter halb im Schatten ihrer Togafalten verborgen, und untersuchten die Innereien ausgiebig, ganz so als würden sie tatsächlich nach Makeln Ausschau halten, obgleich das Ergebnis dieser Opferung längstens feststand.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Selbst einen Göttervater vermochte ein wohl zelebriertes, feierliches Opfer zu Ehren der göttlichen Trias in eine besondere Stimmung zu versetzen, auch wenn er dererlei Ereignisse schon häufig gesehen hatte. Mit angemessener Würde hatte er die Geschehnisse an diesem Tag von Anfang an verfolgt. Jetzt, wo die Zeremonie ihren Höhepunkt erreichen sollte, sollte aber auch seine geliebte Gattin auftauchen, sonst verpasste sie wieder das wichtigste. Er räusperte sich vernehmlich in der Hoffnung, dass sie dies hören würde.

  • "Jajaja, ich komm ja schon."


    Keineswegs gehetzt, sondern elegant, wie es sich für die oberste Göttin gehörte, erschien sie an der Seite ihres Göttergatten.


    "Na schau, da ist ja noch gar nichts passiert. Da hätte ich mir noch die Haare ordentlich machen können." Mit der rechten Hand schob und drückte Iuno ein paar Locken zurecht, die selbstredend kunstvoll aufgesteckt waren.

  • Sowohl durch den Fleiß der Menschen als auch das Erscheinungsbild seiner Göttergattin war Iuppiter milde gestimmt, so dass er nur sanft den Kopf schüttelte.


    "Schatz, es ist schon eine Menge passiert. Die Sterblichen geben sich hier schon den ganzen Tag lang große Mühe und sind schon weite Wege gegangen."


    Andächtig lauschten die beiden dann den vorgetragenen Gebeten zu ihren Ehren und auch dem für Minerva.


    "Schade, dass Minerva das nicht sieht. Wo war sie gleich nochmal?"

  • Mit der bloßen Hand fächerte Iuno sich etwas Luft zu. "Die Sterblichen können das ja machen, die haben ja auch nicht so viel zu tun wie ich." Immerhin hatte sie als oberste Göttin die größte Verantwortung zu tragen.


    "Minerva? Puh!" Etwas gespielt legte sie überlegend die göttliche Stirn in Falten. "Ach, irgendwo in der Ägäis, frag mich nicht. Sie hat übrigens eine Postkarte geschickt."

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