[Habitatio] Centurio Aulus Iunius Avianus

  • Bereits am Klang seiner Stimme wusste Sibel schon genau, dass „nichts“ nicht ganz der Wahrheit entsprach und dass sehr wohl etwas vorgefallen sein musste, was ihn nun dermaßen beschäftigte und er dafür lieber auf seinen Schlaf verzichtete. Daraufhin trat sie ins Arbeitszimmer ein und näherte sich seitlich seinem Schreibtisch, so dass sie ihn, und insbesondere sein Gesicht, nun besser sehen konnte. Ihre müden Augen sahen auf ihn herab und brachten ein mitfühlendes Lächeln für ihn auf. Sie kannte solche Situationen nur zu gut, wenn einem die Worte fehlten, um etwas auszudrücken, was schmerzlich war oder zu sehr belastete, als dass man es aussprechen konnte.


    Nachdem sie das Lämpchen auf dem Schreibtisch abgestellt hatte, legte sie sanft ihren Arm um ihn. Mit ihrer anderen Hand strich sie ihm durchs Haar. „Es ist nicht schlimm, wenn du es mir nicht sagen kannst… aber lass mich bitte für dich da sein,“ bat sie ihn und musste unweigerlich an ihren Ausflug zum Markt neulich denken. Da war auch sie verschlossen gewesen und er war um sie besorgt. Und im Grunde hatte sich daran auch noch nichts geändert, denn ihr Geheimnis trug sie immer noch mit sich herum, im wahrsten Sinne des Wortes...
    Zärtlich küsste sie ihn schließlich auf die Stirn, als wolle sie all seine Sorgen, die ihn plagten, von ihm nehmen.

  • Es war nicht so, dass er es ihr nicht erklären konnte oder wollte. Und vielleicht wäre es sogar gut, ihr davon zu erzählen, denn in der Vergangenheit hatte es ihm immer ein wenig die Last von den Schultern genommen, seine Sorgen mit ihr zu teilen. Doch eigentlich hatte Avianus einfach nur gewollt, dass sie sich ausruhte. Stattdessen dachte sie gar nicht daran, sich wieder ins Bett zu legen, kam auf ihn zu und spendete ihm Trost, wie seine Liebste es immer tat, wenn er es brauchte.
    Er lehnte sich etwas an sie, schloss zumindest einen Atemzug lang die Augen, gönnte sich die kleine Pause, die er sich schon gewünscht hatte, als er draußen durchs Lager gelaufen war. Natürlich genoss er ihre Nähe und Aufmerksamkeit, und suchte gleichzeitig nach einem Weg sich zu erklären, ohne ihr gleichzeitig dieselben Sorgen zu bereiten, die er gerade in sich trug.
    Als Offizier war es seine Aufgabe möglichst vor allen Eventualitäten gefeit zu sein. Doch immer wollte es ihm nicht gelingen, so wie heute eben. Und für den Fall, dass ihm etwas zustieß, hatte er ebenfalls keine Vorkehrungen getroffen. Nein, da musste erst sein Optio sterben, damit er aus seiner heilen Welt gerissen wurde, die er sich so gerne vorspielte seit Sibel bei ihm war, und darauf aufmerksam wurde, dass es einen als Soldat jederzeit erwischen konnte.
    "Ich hab' heute Nacht meinen besten Mann verloren", erklärte er schlicht, "Das ist alles." Und das war auch mehr als genug für eine Nacht. Er griff nach ihrer Hand, küsste sie flüchtig und zwang sich ein halbherziges Lächeln auf die Lippen.

  • Noch immer rätselte sie, was ihn so sehr bedrückte. Irgendetwas belastete ihn so schwer, wie sie es nur selten bei ihm erlebt hatte. Gerade jetzt, da er sie brauchte, wollte sie ihm so nah wie möglich sein. Und scheinbar war es auch das, was ihm in diesem Moment half. Er lehnte sich an sie, gegen ihren Bauch und ahnte wohl kaum, wie nah er in dem Moment diesem Etwas war, was in ihr heranzuwachsen begonnen hatte.
    Sibel wollte ihn jetzt auch auf gar keinen Fall weiter bedrängen und fragte nicht noch einmal nach, was dort draußen passiert war. Denn das schien so unglaublich, so unaussprechlich zu sein, dass die Worte dafür erst noch gefunden und sorgfältig abgewägt werden mussten. So verharrte sie einfach nur still bei ihm und streichelt weiter sein Haar.


    Nach einiger Zeit fühlte er sich dann doch imstande, jenes Unaussprechliche auszusprechen. Was auf den ersten Blick vielleicht so unscheinbar daherkam, hatte bei näherer Betrachtung doch eine enorme Tragweite. Sein bester Mann war verloren. Nur langsam drang diese Information zu ihr vor. Noch schien sie sich nicht wirklich ein Bild machen zu können. Einer seiner Männer – ein Mann, dessen Gesicht sie nicht vor sich sah, weil es in der Masse der Anonymität verborgen war, war verloren. Einfach weg! Tot. Tot?
    Natürlich drängte sich nun die Frage nach dem Wer auf. Doch sie stellte sie nicht. Stattdessen versuchte sie selbst dahinter zu kommen. Sein bester Mann, war doch der, dem er vertraut hatte und derjenige, auf den er sich immer hatte verlassen können.
    „Doch nicht etwa der Germanicus… dein Optio? Nein!“, brach es plötzlich aus ihr hervor. Nun sah sie ihn wieder vor sich. Den Mann, den sie an ihrem zweiten Tag in der Castra auf recht unkonventionelle Art kennengelernt hatte. Der sollte tot sein? Nein das konnte doch nicht sein! Er hatte doch nur so vor Kraft gestrotzt und war so erfahren, dass es ihm möglich war, jedem noch so bedrohlichen Angreifer die Stirn bieten zu können… genauso wie Avianus...
    Bei dieser Vorstellung drehte sich ihr Magen um. Sie fühlte, wie sich wieder die Übelkeit in ihr ausbreitete. Ein verlässlicher Indikator, wie sie inzwischen wusste, der ihr unmissverständliche anzeigte, wie ihr Körper nun reagieren würde. Nun half nur noch eins. Und zwar schnell! So leid es ihr in diesem Moment auch tat, sie musste sich von ihm lösen und rannte fluchtartig zur Tür hinnaus, um sich anschließend in der Dunkelheit zu übergeben.

  • Seine Bemühungen, ihr vorzugaukeln, im Grunde wäre doch alles in Ordnung – der Griff nach ihrer Hand, der Kuss, den er ihr auf die Finger drückte und auch der klägliche Versuch eines Lächelns – all das half nicht. Und spätestens als sie den Namen des Optios aussprach, ließ Avianus seine Hand gemeinsam mit ihrer auch wieder sinken, das Lächeln verblasste und er nickte kaum merklich. "Ja …"
    Sibel wusste besser Bescheid, als er erwartet hätte, und als sie so schockiert reagierte, wünschte er, er hätte gar nicht erst davon angefangen. Genau das war es doch, was er hatte verhindern wollen! Sie sollte nicht beunruhigt sein. Sie sollte sich keine Sorgen machen müssen.
    Plötzlich ließ sie ihn dann am Schreibtisch zurück und stürmte nach draußen. Es mussten wohl seine Worte gewesen sein, die sie dazu brachten. Hätte er doch nur weiter geschwiegen. Sie hatte ihn ja nicht einmal dazu gedrängt, etwas zu erzählen.
    Auch er sprang gleich von seinem Stuhl auf. "Sibel?", fragte er besorgt und folgte ihr durch die Habitatio. Die Tür nach draußen stand weit offen. Im Türrahmen blieb er stehen, erspähte Sibels Silhouette in der Dunkelheit und konnte gar nicht anders, als seine Trauer vorerst beiseitezuschieben. Dass es ihr gut ging, konnte sie ihm so oft erzählen, wie sie wollte, da war etwas, dass sie ihm verschwieg. Ihm schlug nämlich bereits der Geruch von Erbrochenem entgegen, als er auf sie zutrat. Etwas unbeholfen nahm er sie bei den Schultern.
    Warum erzählte sie ihm nicht endlich was los war, war die Frage die ihm auf der Zunge brannte.
    "Sibel, gehen wir wieder rein … soll ich einen Medicus holen?", fragte er stattdessen. Dabei ahnte er, auf die Art und Weise würde er vermutlich nie erfahren, was los war. Er hatte doch so schon genügend Sorgen, seit heute Nacht erst recht, die Sache mit Sibel, eine seiner größten Sorgen, wollte er endlich einmal vom Tisch haben, sodass er sich doch einmal überwand, einen etwas ernsteren Ton anzuschlagen, wenn auch nur aus Angst um sie:
    "Und erzähl mir nicht, dir geht es gut. Das hier ist alles, aber sicher nicht gut."

  • Noch immer stand sie keuchend vornübergebeugt und hielt sich mit einer Hand an der Außenwand der Habitatio fest, um nicht den Halt zu verlieren. Die Neuigkeit vom Tod des Optios, ihre Assoziation, dass das Gleiche auch Avianus passieren konnte und nicht zuletzt ihr Zustand hatte ihr alles abverlangt. Nun fühlte sie sich noch schlechter. Sie hatte Angst! Angst davor, dass Avianus etwas zustoßen konnte und Angst, was mit ihr gerade passierte. Sibel konnte nicht wirklich Freunde darüber empfinden, obwohl es doch eigentlich ein Grund zur Freude war. Das war es doch, was sie sich mit ihm gewünscht hatte! Dass sie eines Tages die Mutter seiner Kinder würde. Doch dass es ausgerechnet jetzt soweit sein sollte, passte so gar nicht in ihr Konzept. Zu all den Sorgen, die über Avianus nun hereingebrochen waren, kam nun auch noch ihre „frohe Botschaft“.


    Sie hatte ihn anfangs nicht bemerkt, da sie noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Doch nun, als er sie an ihren Schultern nahm, und seine Stimme so besorgt klang, wollten ihr die Beine einknicken. „Ein Medicus wird mir nicht helfen können,“ meinte sie verbittert und klang fast so, als leide sie an einer unheilbaren Krankheit. „Es tut mir so leid… ich… ich wollte es dir schon viel früher sagen…aber ich wusste nicht, wie.“ Sibel schluchzte verzweifelt. Vielleicht war nun nach ihrem Geständnis alles aus. Er würde sie vielleicht fortschicken oder ihr Vorwürfe machen deswegen. „Ich bin schwanger, Aulus! Es ist meine Schuld. Ich habe nichts unternommen, um es zu verhindern.“ Sie war den Tränen nah.

  • Avianus hörte zu wie ihre Stimme immer weinerlicher wurde und dann endlich ein Geständnis aus ihr herausbrach, das ihn innehalten ließ, und er wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Na klar, es machte alles Sinn, ihr Verhalten und dass sie sich in letzter Zeit ständig schlecht fühlte. Hatte er nicht irgendwie etwas geahnt? Nein, nicht genug jedenfalls, denn er fühlte sich gerade vollkommen überrumpelt, obwohl er es hätte ahnen sollen. Er hatte sich ja schon gefragt, ob bei ihnen irgendetwas nicht stimmte, weil es bisher nie so weit gekommen war. Oder hatte sie ihm da nur nichts erzählt? Nein … nein, seine Gedanken machten sich gerade selbstständig. Außerdem sollte er etwas sagen. Irgendetwas.
    "Schwanger …? Ein … Kind?", brachte er noch irgendwie heraus. Krieg jetzt bloß keine weichen Knie, sagte er zu sich selbst, vor allem weil schon Sibel nicht richtig gerade stehen konnte. Er musste sich beruhigen. Sie musste sich auch beruhigen … Außerdem standen sie vor den Unterkünften und sie verkündete lautstark ihren Zustand – alles andere als günstig. Sanft zog er ihre Schultern hoch.
    "Wir sollten … wirklich nach drinnen gehen, Sibel", wiederholte Avianus. Sollte sie sich erneut übergeben müssen, könnte sie einen Eimer haben, aber hier draußen weiterzureden war eine denkbar schlechte Idee, egal wie spät nachts es auch sein mochte.
    "Komm …" Er schlang einen Arm um ihre Taille und schob sie neben sich her. Er hätte sie tragen können wie sonst so oft, stand aber selber merklich neben der Spur, und wenn er sich dabei blöd anstellte, passierte Sibel noch etwas. Ihr Geständnis hatte ihn gerade ein Vielfaches besorgter um sie werden lassen. Er dachte gar nicht daran, sie loszulassen, für den Fall das ihre Beine doch noch nachgaben. Außerdem stand sie mitten in der Nacht barfuß, nur in einer Tunika, vor den Baracken. Bestimmt fing sie noch an zu frieren, wenn sie länger hier draußen stand. Und einmal mehr standen ihr die Tränen in den Augen.
    Er brachte sie nach drinnen in den Wohnraum um sich dort mit ihr auf der Kline niederzulassen. Er setzte sich neben sie, während ihm immer noch die Worte fehlten. Sonst waren Schwangerschaften doch immer gut. Die meisten Leute freuten sich darüber. Er wusste, bei ihnen war es etwas anders als bei gewöhnlichen Paaren. Aber Sibel verunsicherte ihn noch mehr, als es ohnehin schon der Fall war. Sie hatte von Schuld gesprochen. Sie trüge Schuld daran … nicht nur, als würde sie sich nicht freuen. Es klang gerade so, als hielt sie es für einen großen Fehler.
    "Was meintest du mit … Schuld? Hättest du etwas … unternehmen wollen?" Ein wenig verpeilt fummelte er am Saum seiner Tunika herum. "Möchtest du es gar nicht?"

  • Sibel konnte das Entsetzen in seiner Stimme regelrecht spüren. Offenbar hatte sie ihn doch eiskalt erwischt, weil er wahrscheinlich im Traum nicht daran gedacht hatte, dass irgendetwas sie in ihrem unbesorgten Beisammensein stören könnte. Doch im Grunde war es die natürliche Folge daraus. Jedenfalls dann, wenn man nicht schon von vorneherein dafür sorgte, gewisse Gegenmaßnahmen zu treffen. Das hatte Sibel aber versäumt. Sie war einfach zu glücklich gewesen, als sie endlich einen Weg gefunden hatten, um miteinander leben zu können. Und selbst dann, als diese Beziehung während des Besuchs in der Casa Iunia ihren Ersten Dämpfer erhalten hatte, wäre Sibel nicht auf die Idee gekommen, um in irgendeiner Weise vorzusorgen.


    Avianus stellte sie vorsichtig wieder auf die Füße, legte seinen Arm um ihre Taille und begleitete sie wieder nach drinnen. Natürlich hatte er recht! Dieses Thema war viel zu prekär, um es hier draußen noch weiter zu erörtern.
    Währenddessen überschlugen sich Sibels Gedanken förmlich. Sie fühlte sich so hilflos. Ganz gleich, was sie tun würde, nie wäre es das, was ihr helfen könnte oder was sie tatsächlich wollte. Ein Kind zu erwarten, war doch eine wunderbare Sache. Zumindest dann, wenn man ein normales und selbstbestimmtes Leben führte. Für eine Lupa war eine Schwangerschaft wohl das größte Übel, was über sie hereinbrechen konnte, da sie über Wochen hinweg schlichtweg einen Verdienstausfall hatte. Eine Tatsache, die weder ihr noch ihrem Besitzer oder Zuhälter gefallen konnte. Jedoch waren diese Zeiten für Sibel endgültig vorbei. Trotzdem konnte sich keine Fröhlichkeit bei ihr einstellen. Denn noch immer war sie Sklavin, was für ihr Kind zur Folge hatte, dass es auch als Sklave zur Welt kam, wenn Sibel nicht noch vor der Geburt frei kam. Wenn sie aber dann frei war, konnte sie dann noch länger bei ihm bleiben? Hier bei ihm in der Castra?


    Im Wohnbereich ließ er sich mit ihr auf der Kline nieder. Beide schwiegen. Nur Sibel schniefte gelegentlich, weil sie leise vor sich hinweinte. Immer wieder versuchte sie sich mit ihrem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht fortzuwischen. Ständig aber kamen wieder neue Tränen hinzu.
    Endlich durchbrach Avianus sein Schweigen uns sagte etwas. Seine Frage war durchaus berechtigt. „Ich hätte etwas dagegen tun können, damit es nicht soweit kommt. Es gibt da Möglichkeiten, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Ein mit Salzlake oder Harz getränktes Schwämmchen. Aber das habe ich versäumt.“ Aber selbst jetzt noch gab es Möglichkeiten, um ihre Schwangerschaft vorzeitig zu beenden. „In der Stadt gibt es ‚Heilerinnen‘ der besonderen Art. Sie können Tränke mischen und damit alles rückgängig machen,“ ,meinte sie dann plötzlich. Es gab also doch noch einen Ausweg aus der Misere. Die Frage war nur, ob sie das wollte… nein, ob er das wollte! Und genau darauf zielte seine nächste Frage auch ab, ob sie das wollte.
    Sibel hob ihren Kopf an und sah ihn durch ihre verheulten Augen an. „Ich weiß es nicht, denn es ist doch auch gar nicht meine Entscheidung, ob ich möchte oder nicht. Natürlich hätte ich es gern, weil es von dir ist und ich mir das immer gewünscht hatte. Aber…“ Sie sprach nicht weiter, weil es für sie in diesem Moment einfach zu viel war, was sie ertragen konnte.

  • Avianus machte ihr keine Vorwürfe, dass sie nicht daran gedacht hatte eine Schwangerschaft zu verhindern. Er selbst hatte sich damals im Gespräch mit Seneca noch gefragt, weshalb sie nie schwanger geworden war, sie später aber nie darauf angesprochen. Sibels Botschaft hatte also ihr Gutes, ganz egal was sie von dem Kind hielten, denn so wussten sie zumindest, dass mit ihnen in der Hinsicht alles in Ordnung war. Er sah auf.
    "Natürlich ist es auch deine Entscheidung. Ohne dich funktioniert das alles doch gar nicht. Wenn du es gar nicht wolltest … was sollte ich dann allein mit einem Kind?", warf er ein und deutete damit schon an, dass es nicht sein Wunsch war, dass das Ungeborene in ihr starb. Seine Einstellung half allerdings nichts, wenn Sibel dabei nicht auf seiner Seite stand. Er hatte doch keine Ahnung von solchen Dingen, noch dazu wäre er praktisch nie da. Alles was er tun könnte, wäre eine Amme zu bezahlen und ihr das Kind in die Hand zu drücken, damit es dann mehr oder weniger ohne Eltern aufwuchs, wenn Sibel es überhaupt austragen würde. Umso erleichterter war er, dass sie es gar nicht loswerden wollte. Er legte einen Arm um sie und zog sie zu sich. Mit der anderen Hand griff er nach ihrer und strich ihr mit dem Daumen sanft über den Handrücken. Sie sollte sich beruhigen.
    "Wenn du es möchtest, dann machen wir das, Sibel. Dann kriegen wir das hin, hörst du? Irgendwie machen wir das." Er gab ihr einen Kuss auf die Haare. Er Vater? Vater. Wie seltsam sich das anhörte. Daran müsste er sich erst gewöhnen. "Es wird nicht einfach, das weiß ich. Du wirst nicht mehr hier wohnen können und meine Sklavin wirst du auch nicht bleiben können. Aber wir kriegen das auf die Reihe."
    Dann hätte er eben eine Sorge mehr. Erst recht, wo er erst heute daran erinnert worden war, wie schnell es vorbei sein konnte, wenn man nur den kürzesten Augenblick lang unaufmerksam war. Manchmal reichte auch schon Pech. Auch dafür gab es aber ein Lösungen. Ein Testament eben, das sie absichern würde, oder Seneca, den er zweifellos um Hilfe bitten könnte.

  • Er war ihr nicht böse und machte ihr auch keine Vorwürfe. Nein, im Grunde reagierte er so, wie Sibel es insgeheim gehofft hatte. Er nahm sie in den Arm, drückte sie an sich und küsste ihr Haar. Zwar würde er noch einige Zeit brauchen, bis er die Neuigkeiten wirklich verdaute hatte, aber er sah dem ungeborenen Kind positiv entgegen, auch wenn er das nicht explizit gesagt hatte. Dennoch wollte Sibel auch darüber Klarheit haben. Es sei auch ihre Entscheidung, hatte er ihr gesagt. Wenn sie es wollte, dann sollte, dann würden sie es eben so machen, hatte er bestimmt. Aber was war mit ihm selbst? Sie wurden nämlich das Gefühl nicht los, dass er dies alles nur wegen ihr sagte. „Ich möchte dieses Kind gerne haben, Aulus. Und natürlich werde ich mich um es kümmern, wenn es erst einmal da ist. Aber die Frage ist, willst du das auch? Willst du es wirklich?“ Noch konnte sie sich ihn als Vater gar nicht wirklich vorstellen. Womöglich ging es ihm da nicht anders. Doch würde er zu seinem Kind stehen? Es wäre dann zwar frei, aber sie wusste auch, es würde nicht sein legitimes Kind sein. Es würde auch niemals seinen Namen tragen. Doch könnte er es lieben? Und was war dann, wenn er sich eines Tages dann endgültig von ihr lösen musste, weil sie ihm und seiner Karriere im Weg stand? Wo würde dann ihr Kind stehen?


    Inzwischen hatte er auch das ausgesprochen, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte. Sie würde fortgehen müssen. Auch wenn sie dann frei war. Aber was bedeutete das schon, wenn sie dann wieder getrennt waren? „Aber ich will nicht weg von dir! Wo soll ich denn dann hin? Ich will nicht ohne dich leben! Bitte schick mich nicht weg!“ Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Wenn er ihr keine Vorwürfe gemacht hatte, machte sie sich nun welche. Durch ihre Unachtsamkeit hatte sie alles verspielt. Sie sah es schon genau vor sich: Sie uns das Kind in einer kleinen dunklen Insula - allein. Darauf wartend, dass er sie besuchte, wenn er denn Zeit dazu fand. Und wenn er dann eines Tages nicht wieder kommen würde?

  • Wirklich? Es war schwierig eine klare, eindeutige Antwort zu geben, wenn man nebenbei noch all die Sorgen und Ängste im Kopf hatte, wie es bei ihm gerade der Fall war. Er wusste ja nicht einmal, ob er als Vater überhaupt taugte. Nein, das war noch gar nicht genug. Avianus hatte nicht einmal selbst miterlebt, was Väter eigentlich so machten. Er hatte selbst nicht einmal einen gehabt. Aber für sie sorgen, mit den Mitteln die er hatte, so gut er konnte, das würde er zweifellos machen. Alles für sie tun was in seiner Macht stand, das könnte er. Und vielleicht dachte er viel zu kompliziert. Wenn er seine Optionen herunterbrach und sich entscheiden musste, dazwischen ob ihr gemeinsames Kind starb, noch bevor es zur Welt kam, oder lebte und die Chance bekam, die verrückte Geschichte seiner Eltern zu hören oder einfach nur glücklich zu sein, dann fiel ihm die Wahl plötzlich ganz leicht.
    Ja, er wollte es. Denn es war nicht das Kind, das er fürchtete oder nicht wollte, es war die Frage, wie ihre Zukunft aussehen würde. Er wusste nicht, was er machen würde und wie er alle Probleme lösen würde, aber er wollte es. Vielleicht war es unverantwortlich und blöd, so zu denken, kam es ihm. Dennoch, sie hatte gefragt, was er wollte und er war ihr eine Antwort schuldig. Er blickte in ihre verheulten Augen hinab und versuchte sich mehr oder minder erfolgreich an einem Lächeln.
    "Ja, Sibel. Es ist unser Kind. Deines und meines. Stell dir das mal vor. All die Dinge die passiert sind … all das Glück das wir hatten, dass wir an diesem einen Abend zusammen sein konnten und das dabei raus kam … ist das nicht verrückt?" Nachdenklich ließ er die Hand, die er zuvor um sie gelegt hatte, hinunter auf Sibels Bauch sinken. "Es sieht vielleicht nicht danach aus, und das tut mir leid … es ist mitten in der Nacht, einer meiner Männer ist gefallen und ich habe noch hundert andere Sorgen im Kopf … aber ich freue mich. Wirklich, Sibel", versuchte er sich zu erklären. "Nur kannst du hier nicht bleiben, hörst du? Ich werde mich um euch kümmern, aber hier in der Castra wird das nicht funktionieren, du weißt das. Ich schicke dich nicht weg, Sibel. Ich werde nur einen anderen Platz für dich suchen, einen Platz wo du bleiben kannst, und ich werde so oft nach dir … nach euch … sehen wie ich nur irgendwie kann. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht." Er war nun mal Soldat, was sollte er tun? Die einzige Chance, aus den Baracken der Mannschaften herauszukommen, war der Ritterstand, und der würde im Prinzip auch nichts einfacher machen.
    "Vielleicht kannst du in der Casa Iunia unterkommen, wir werden sehen. Ich habe noch nichts davon gesagt, aber meine anderen Verwandten wissen inzwischen von dir ..."

  • Schon eine Weile bevor sie Avianus ihre Schwangerschaft gebeichtet hatte, wusste Sibel bereits, dass große Umbrüche auf sie zu kamen. Nicht nur, dass sie in wenigen Monaten Mutter sein würde, nein alles würde sich ändern. Doch wozu war das alles gut, wenn Avianuns dieses Kind eigentlich gar nicht wollte? Es gab so Vieles, was ihr Angst gemacht hatte und weswegen sie es immer weiter vor sich hergeschoben hatte. Doch nun gab es kein Zurück mehr. Der Zeitpunkt, da sie sich ihm hatte offenbaren müssen, war wahrlich nicht der glücklichste gewesen. Eigentlich hatte Avianus schon genug im die Ohren. Nun musste er sich auch noch mit einem weiteren beschäftigen. Wahrscheinlich hätte sie sogar Verständnis dafür gehabt, wenn er sich nicht auf das Kind gefreut hätte, sondern es als weitere Belastung gesehen. Doch es kam ganz anders!


    Sibel war eine große Last von den Schultern genommen worden, als er sich für das Kind aussprach. Es sollte ihr gemeinsames Kind werden. Auch wenn sie genau wusste, welche Konsequenzen es haben würde, war sie in diesem Moment überglücklich und dankbar. Sie wischte ihre Tränen weg und umarmte ihn. „Ja, es ist kaum zu glauben, und er macht es mir auch nicht leicht. Fast jeden Morgen, seit gut einem Monat schon, wird es mir übel wenn ich aufstehe“ meinte sie und lächelte endlich wieder ein bisschen dabei.
    Sie wusste genau , wie schwer es ihm fallen musste, ihr nun seine Freude zu zeigen. Ausgerechnet in dieser Nacht, in der sein Optio gestorben war. Deswegen versuchte sie, nicht mehr zu weinen und ihm keine Szene mehr zu machen. So konnte sie ihm im Augenblick am besten helfen.
    Auch wenn das, was er ihr noch sagte, nicht gerade das war, was sie hören wollte, versuchte sie gefasst zu bleiben. Sie nickte erst nur stumm, als er ihr sagte, dass sie nicht länger bei ihm in der Castra bleiben konnte. Auch wenn sie dann keine Sklavin mehr war, hatte sie keinen Grund, sich darüber zu freuen. Er würde für sie und das Kind eine Unterkunft finden und sie dort von Zeit zu Zeit besuchen. „Ja, das verstehe ich,“ sagte sie leise und ließ ihre Augen sinken. Er sollte nicht die Traurigkeit in ihrem Gesicht sehen müssen.
    Bei seiner nächsten Bemerkung aber hob sie ihren Blick wieder und ah ihn entgeistert an. „In die Casa Iunia?“ Die Erinnerungen, die sie mit diesem Ort verband, waren nicht gerade die besten. Aber offenbar hatte er nun auch dem Rest seiner Familie seine Liebschaft zu seiner Sklavin gestanden. „Deine Verwandten? Sie wissen jetzt alle von mir?“, fragte sie zaghaft. „Und?... Wie denken sie darüber?“

  • Avianus konnte sich ein Lächeln ebenfalls nicht verkneifen, als sie von dem Kind bereits wie von einer kleinen Person sprach, fühlte sich gleichzeitig aber etwas hilflos. Er konnte da sein, sie trösten, ihr zur Seite stehen, ihr kaufen was auch immer sie wollte oder brauchte, aber ihr direkt helfen, ihr Übelkeit oder Schmerzen nehmen, das konnte er nicht. "Du weißt ja … wenn es etwas gibt, das ich tun kann, dann sag' es einfach."
    Dieses Kind würde ihnen in Zukunft sicher sehr viel mehr schwer machen. Dabei sickerte die Erkenntnis in ein paar Monaten, so die Götter es erlaubten, einen kleinen Sohn oder eine kleine Tochter zu haben, immer noch erst zu ihm durch. Sibel wusste schon längst davon, sie hatte schon Zeit gehabt sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen. Und er? Er saß da, hatte gerade erst davon erfahren, und innerhalb weniger Minuten eine Entscheidung getroffen, deren Folgen er sich gar nicht recht ausmalen konnte. Und trotzdem war er irgendwie froh darüber. Zumindest bei einer Sache war er sich nach wie vor sicher: Irgendwie würden sie es auf die Reihe kriegen.


    "Es ist alles gut. Das Gespräch verlief recht entspannt", antwortete er. Im Gegensatz zu der Diskussion, die Seneca hatte führen müssen. Bei ihm selbst hingegen hatte Axilla zunächst so gelacht, dass sie ihren Wein verschüttet hatte. Avianus lächelte, sowie er sich an die Sorgen erinnerte, die er sich erst gemacht hatte. Jetzt musste er allerdings Sibel berichten, was er ohne ihr Einverständnis bereits bestimmt hatte und ihr womöglich nicht gefallen könnte. Sein Ausdruck wurde etwas düsterer.
    "Ich habe mit meiner Cousine Axilla bereits darüber gesprochen, dich eventuell in die Casa zu bringen. Ich weiß, wie sich das für dich anhören muss … aber ich wollte das alles noch einmal mit dir besprechen, es dir erklären und fragen, was du davon hältst." Er schenkte Sibel entschuldigende Blicke. Jetzt blieb ihnen im Grunde gar keine andere Wahl mehr. "Wir werden noch einmal hingehen, damit meine Cousine Axilla dich kennenlernen kann. Aber du brauchst dir deswegen keine Gedanken zu machen, sie will nur wissen, wen sie sich ins Haus holt." Die schwangere Freigelassene ihres Vetters. Davon wusste Axilla bisher nichts. Doch hatte sie selbst schon in seiner Gegenwart davon gesprochen, was wohl das Beste wäre, sollten aus seiner Beziehung Kinder entstehen. Das beruhigte ihn ein wenig. Nur Sibel musste er noch überzeugen.
    "Mir ist das wirklich wichtig, Sibel. Ich wüsste keinen besseren Ort, wo ich dich sonst hinbringen könnte. Dort wärst du versorgt, bräuchtest keine Hausarbeiten zu machen und du wärst nicht allein, falls etwas passiert."

  • Vor dem Apell noch kam Avianus endlich dazu, die Nachricht an die Germanicer zu verfassen, wozu er während der letzten, wenig erholsamen Nacht ja nicht gekommen war. Engere Familienmitglieder hatte Antias in Rom keine gehabt, soweit er wusste, sodass er die Nachricht schlicht an den Hausherrn der Germanici adressierte und auf übermäßige Gefühlsduselei verzichtete, letzteres auch, weil ihm der Abschied schon so schwer genug fiel.



    Centurio Aulus Iunius Avianus Medico Germanico Avaro senatori s.d.


    Es tut mir aufrichtig leid, diese Nachricht überbringen zu müssen, und auch unsere Einheit trifft dieser Verlust schmerzlich: In der gestrigen Nacht ist der Optio Titus Germanicus Antias ehrenvoll im Dienst gefallen.
    Den Hergang dieses Unglücks möchte ich, trotz aller Trauer, nicht vorenthalten: Laut Bericht der ihn begleitenden Soldaten, wurden sie während einer routinemäßigen nächtlichen Patrouille auf Unruhen in den Straßen aufmerksam. Der Optio Germanicus Antias und ein Contubernium Soldaten schritten ein, wobei der Optio von einem der Schläger überrascht und niedergestreckt wurde.
    Trotz eines zügig erfolgten Transports ins Valetudinarium konnten unsere Ärzte nicht mehr helfen.


    Zumindest ein kleiner Trost ist es vielleicht zu wissen, dass der Verantwortliche bereits zur Rechenschaft gezogen wurde und auch seine Gefährten festgenommen werden konnten.


    Gemeinsam mit dieser Nachricht wird euch der Leichnam überstellt, sodass seine Familie Abschied nehmen und ein pflichtbewusster Soldat Roms angemessen beigesetzt werden kann.


    Vale bene.


    Aulus Iunius Avianus
    CENTURIO COHORTIUM URBANARUM
    COHORS XII · CENTURIA III



  • Sibel nickte. „Ja, das werde ich.“ Im Augenblick erlebte sie eine Achterbahn der Gefühle. Zum einen war sie froh darüber, von Avianus nicht allein gelassen zu werden. Sie würde sich auf ihn verlassen können und er würde ihr helfen, wenn sie Hilfe brauchte. Andererseits war da diese Traurigkeit, in Zukunft nicht mehr in seiner Nähe sein zu können. Ein wenig schwang auch die Angst vor ihrer Zukunft mit und auch der weitere Verlauf der Schwangerschaft. Wer würde ihr bei der Geburt beistehen? Es passierte immer wieder, dass Komplikationen eintreten konnten, die das Leben von Mutter und Kind gefährdeten.


    Natürlich hatte sie ihr Unbehagen ihm gegenüber nicht verbergen können, als der die Casa Iunia erwähnt hatte. Doch er konnte sie beruhigen. Offenbar hatten ihm seine Verwandten ihretwegen keine großen Vorwürfe gemacht, was an sich schon erstaunlich war.
    Sibel versuchte, gefasst zu bleiben. Im Grunde bleiben ihr nicht mehr viele Optionen. In der Casa Iunia wäre sie nicht allein, was durchaus von Vorteil war, wenn ihre Schwangerschaft erst einmal vorangeschritten war. In irgendeiner Insula würde sie über kurz oder lang vereinsamen und vielleicht noch all ihren Mut verlieren.
    Avianus versuchte ihr seinen Vorschlag so schmackhaft wie möglich zu machen und sie wusste auch, dass dies wohl das Beste für sie und ihn war. Schließlich nickte sie, auch wenn ihr bei der Sache nicht ganz wohl war. Letztendlich waren seine Verwandten für die Fremde und unterschwellig fürchtete sie, ihre Vergangenheit könne sie wieder einholen. Doch vielleicht war ein erstes Treffen ganz gut, um diese Leute besser kennenzulernen und sich selbst ein Bild zu machen, wie sie über sie dachten. „Na gut, wenn du meinst.“ Doch eines beschäftigte sie weiterhin. „Wie soll ich denn deiner Cousine gegenübertreten. Ich meine, wie soll ich sie ansprechen.“ Beim Zusammentreffen mit Seneca hatte sie sich diese Frage schon gestellt. Da Avianus über ihn wie von einem Freund gesprochen hatte, war es ihr nicht allzu schwer gefallen, ihm relativ freundschaftlich zu begegnen. Doch bei seiner Cousine war sie sich ganz unsicher. Für sie war sie nur eine Sklavin, in die sich ihr Cousin verleibt hatte.


    „Wusstest du eigentlich, dass du nicht der einzige bist… warst, der sein kleines Geheimnis hat?“, begann sie plötzlich nach einer Weile. Ihr war wieder Morrigans Bemerkung während ihres Besuches eingefallen. „Dein Optio, er hatte auch eine Freundin.“ Die arme Apolonia! Was würde sie jetzt nur tun ohne ihn?

  • Eine etwas enthusiastischere Antwort wäre ihm lieber gewesen. Die, die er bekam, ließ ihn vermuten, dass sie dem Treffen nur seinetwegen zustimmte, nicht, weil sie den Vorschlag für gut befand. Und Avianus saß da und fragte sich, was sie sich stattdessen von ihm gewünscht hätte. Dass er hier bleiben musste, war klar, dass sie es nicht konnte ebenso. Und nicht nur wäre ein Platz im Haus seiner Gens so ziemlich das Beste, was er ihr bieten könnte, andere Möglichkeiten waren noch dazu verdammt rar. Aber sie stimmte zu. Mehr konnte er vermutlich nicht erwarten, nicht nach all dem Stress heute Nacht.
    Wie er ihre Frage beantworten sollte, da dachte er erst einen Augenblick nach. In erster Linie, weil er nicht sicher war, ob er sie richtig verstand. Man sprach Leute generell mit ihrem Namen an. Soviel war schon mal klar. Und Sibel brauchte Axilla ganz bestimmt nicht mit Domina oder ähnlichem anzusprechen.
    "Wenn du sie anfangs einfach Iunia Axilla nennst, kannst du nichts falsch machen", antwortete er und hoffte einfach, Sibels Frage war damit beantwortet. Ob seiner Cousine auch ein Axilla reichte, würden sie dann ja sehen. "Du wirst das schon richtig machen." Am besten machte sie sich keine großen Gedanken darüber. Es ging schließlich nur um ein kleines Kennenlernen und notfalls wäre er auch noch dort, falls er Axilla da vollkommen falsch einschätzte.


    Avianus wollte gerade andeuten, dass sie sich wieder hinlegen sollten, um wenigstens noch ein wenig Schlaf zu bekommen, da machte Sibel eine Bemerkung, die ihn die Stirn runzeln ließ.
    "Hatte er? Woher weißt du das?", fragte er sichtlich überrascht zurück, nicht einmal, weil Antias ein Mädchen gehabt hatte, das war ja gar nicht mal ungewöhnlich bei Soldaten, sondern eher weil Sibel scheinbar zum Teil mehr über seine Leute wusste als er. Warum sie ihn aber so direkt darauf ansprach und vor allem Antias' Fall mit seinem verglich und es ein kleines Geheimnis nannte, machte ihn etwas neugierig. "Was für eine Freundin denn?"

  • „Iunia Axilla…“, echote sie nachdenklich. Wie einfach es doch schien. Sie konnte es gar nicht glauben, dass es so einfach ein sollte. Aber sie würde es schon richtig machen, meinte er. Sibel war allerdings davon noch nicht ganz so überzeugt. Sie musste nur an das Zusammentreffen mit Seneca denken, um zu wissen, dass sie es eben nicht immer richtig machte.
    Sie versuchte zu lächeln, aber das ging mächtig daneben. „Du wirst doch bestimmt dabei sein? Ich meine bei dem Gespräch.“ Die Vorstellung, sich allein seiner Cousine stellen zu müssen, machte ihr Angst. Natürlich würde alles davon abhängen, wie Iunia Axilla sich ihr gegenüber verhielt. Ob sie sie akzeptierte oder in ihr nur die Sklavin sah. Aber vielleicht machte sie sich auch einfach wieder viel zu viel Sorgen, wie immer, wenn eine Veränderung in ihrem Leben nahte. Außerdem war es schon spät. Wenn sie darüber schlief, sah es danach vielleicht anders aus.


    Doch vorerst stand noch ein anderes Thema im Raum. Offenbar hatte Avianus absolut nichts davon gewusst, dass es auch für den Germanicer jemanden gegeben hatte, der ihm viel bedeutet hatte. „Ja, hatte er. Ich hatte es vorher auch nicht gewusst, doch Morrigan hatte so eine Bemerkung gemacht, als ich sie kürzlich besuchte. Sie hatte sich so für uns gefreut und meinte dann, dass Apolinia, sie hat früher auch im Lupanar gearbeitet, und ihr Optio vielleicht auch eines Tages… so wie wir zusammenleben könnten.“ Wie traurig, dass daraus nun nichts mehr werden konnte. Wieder wurde ihr bewusst, welches Glück sie doch hatten und wie unbedeutend doch mache Probleme waren. Für Apolonia und Antias war dieses Glück heute Nacht feige ermordet worden.
    „Wir dürfen Apolonia nicht im Ungewissen lassen. Jemand muss es ihr sagen!“ So schwer diese Aufgabe auch war, doch sie sollte nicht warten und warten, um dann am Ende zu glauben, er hätte sie verlassen.

  • "Wenn du nicht auf dem Gegenteil bestehst, ganz bestimmt", wollte Avianus sie beruhigen. Selbstverständlich wäre er dabei. Er hatte ja geahnt, dass Sibel bei einer Unterhaltung mit Axilla unter zwei Augen nicht wohl wäre, ganz davon abgesehen, dass es ihm bei dem Gedanken nicht anders ging. Sibel und Axilla allein lassen? Bestimmt nicht. Nicht aber, weil er den beiden nicht vertraute, sondern eher weil sie ein wenig … speziell waren. Die eine empfindlich und die andere ohne Scheu, anderen offen ihre Meinung zu sagen. Da war er lieber dabei, um notfalls abzubrechen, wenn etwas schief lief. Und schon alleine, weil er auf keinen Fall wollte, dass das Gespräch in dieselbe Richtung lief wie jenes mit Seneca.


    Als Sibel ihm von Antias und Apolonia erzählte, meldeten sich die Sorgen, die er sich zuvor im Arbeitszimmer gemacht hatte, wieder zurück. Ein Soldat, der sich in eine Lupa verliebte und fiel, bevor das Ziel, ein gemeinsames Leben, erreicht war. Wie schnell doch ihre Geschichte eine ähnliche Wendung nehmen könnte. Einmal nicht ganz bei der Sache zu sein reichte aus, einmal zu langsam sein, einmal eine Situation falsch einschätzen. Und das wäre es dann gewesen. Allerdings würde dann nicht nur Sibel ihn verlieren, da war auch noch das Kind, für das er sich eben erst entschieden hatte. Nein, niemals sollte ihre Geschichte dasselbe Ende nehmen, dachte er zwar, dennoch wusste er, es lag nicht nur in seiner Hand. Noch sehr viel dringender musste er jetzt dafür sorgen, dass seine Liebste abgesichert war. Sibel dagegen hatte vorerst ganz andere Sorgen ...
    "Ja, er würde das bestimmt wollen, … also dass jemand es ihr sagt. Wenn du weißt, wo sie sich aufhält, lässt sich das bestimmt einrichten.", stimmte Avianus ihr nachdenklich zu, " Aber ich denke, wir sollten uns jetzt erstmal hinlegen."

  • Grrrr Mit knirschenden Zähnen stapfte Avianus nun schon das 2te mal die Barracken ab und stand nun wieder am Anfang der Strasse. Da gibts keine XII Cohorte und schon gar nicht die III. Centurie grummelte er in seinen nichtvorhandenen Bart.


    Kurz Luft holen ermahnte er sich und atmete tief ein. Dann....als ward er vom Blitz getroffen, die Erleuchtung. Wie wärs wenn du einfach den Centurio suchst der für dich zuständig ist. Der hat sicher irgendwo seine Hütte, Idiot


    Nun stand er auch schon vor dem Habitat des Centurios und klopfte ungeniert an dessen Türe.


    POCK POCK

  • Dass er neue Milites in seiner Centuria würde begrüßen dürfen, hatte Avianus längst erfahren. Sogar deren Namen hatte er teilweise bereits auf seinem Schreibtisch liegen. Nur wann genau diese Milites eintreffen würden, konnte er nicht wissen. Der an der Tür klopfende Besucher kam also unerwartet, wenn auch zu einem günstigen Zeitpunkt - der Optio war noch wegen einer Patrouille unterwegs und der Centurio erst vom Exerzierplatz zurückgekehrt -, weshalb der Centurio nicht wie sonst so oft, etwa wenn er einen seiner Männer zu sich schicken ließ, ein einfaches "Herein" durch die geschlossene Tür rief, sondern sich persönlich erhob und dem ihm unbekannten Gesicht, wie er anschließend feststellte, öffnete. Den jungen Mann sah er zwar zum ersten Mal, aber dass er weder kein Vorgesetzter war, sagte ihm ein kurzer, musternder Blick.
    "Salve, was kann ich für dich tun?", fragte er deshalb, in der nun geöffneten Tür stehend, ganz formlos.

  • Centurio Iunius Avianus? Matinius stand mit einem kleinen Fragezeichen über dem Kopf vor der Türe.


    Miles Matinius Avianus meldet sich vor Ort. Versetzt von der Legio I aus Mantua. Erwarte Befehle wie auch Zuweisung des Quatiers. brüllte Avianus schon fast heraus und stand gerade als Gerade.


    Hoffentlich war das nun der Richtige sonst geh ich heim dachte er sich.

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