In den Auenwäldern des Rhenus - Arwids Lager

  • Die Turma ritt voraus und erkundete die Umgebung, sie befragten die Bewohner der Dörfer, oft fragten sie umsonst. Doch ab und an erhielten sie einen brauchbaren Hinweis. Immer wieder wurden den marschierenden Kohorten Bericht erstattet, die entsprechend die Richtung in welche die Spuren führten einschlugen.


    Einen Tag marschierte die Armee geschlossen die Grenze hinab zu eben jenem Punkt auf welchen die Berichte deuteten. Dörfer, Höfe, Handelsposten, sie alle sollten Zeugen der Macht Roms werden und davon, was die erwartete die die römischen Soldaten erwachen ließen. Centurie um Centurie, Kohorte um Kohorte schlängelte sich in Kolumnen von marschierenden Soldaten die Heeresstraße hinab und zwang sämtlichen sonstigen Verkehr zum Halt, während sich die Kolonne aus Stahl, Muskeln und grimmiger Entschlossenheit ihren Weg bahnte.


    Die Hinweise wurden dichter. Inzwischen verdichteten sich auch jene, die auf ein Lager in einem Wald hindeuteten. Immer näher und näher kamen die Soldaten Roms ihrem Ziel und sie waren schon aus der Ferne zu hören. Die Füße, die im Gleichklang auf dem Boden trafen und durch ihre schiere Masse eben jenen zum erbeben brachten, der Gesang der Römer hallte durch die Ebenen und Wälder. Ja der römische Lindwurm fraß sich unaufhaltsam in die Gegend und die Straße entlang.

  • Zitat

    Original von Thula


    Ygrid hatte gewartet. Stunde um Stunde. Dabei hatte sie wieder mit sich selbst gehadert. Wie gerne wäre sie am Morgen mit den Männer fortgeritten. Aber nein, sie musste ja auf dieses Weibsbild aufpassen. Sie hatte am Abend zuvor genau beobachtet, wie sie Arwid Stück für Stück um den Finger gewickelt hatte. Als er sie schließlich in seine Unterkunft getragen hatte, hätte sie am liebsten schreien wollen. Dieses römische Flittchen nahm sich einfach alles! Ausgerechnet sie sollte jetzt auf sie aufpassen? Nur weil es Arwid verlangte? Wahrscheinlich hatte er es von Anfang an so geplant, sich von Thula verführen zu lassen. Aber was war mit ihr, warum sah er sie denn nicht? War sie nur Luft für ihn? Dabei hatte Ygrid ihm doch schon lange genug Signale gesandt, dass er es war, den sie begehrte! Ihre Eifersucht wuchs und allmählich erwuchs daraus ein wahrhaft perfider Plan.


    Als Thula endlich aus Arwids Hütte kam, fing sie sie kurz darauf ab. „God morgon, slyna! Kom , jag ska visa dig var du kan tvätta!“* Ygrids freundliches Gesicht verschleierte ihre wahren Absichten. Sie bedeutete der Sklavin, ihr zu folgen und gab ihr durch Gesten zu verstehen, dass sie sich waschen sollte. Keiner der Männer, die das Lager bewachen sollten, hielt Ygrid auf, als sie immer weiter in den Auenwald hinein lief. Hin und wieder sah sie sich um, ob ihr Thula auch noch folgte. Sie führte die Sklavin zu einem der Altwasser, welches gemächlich vor sich hin plätscherte. In Ufernähe war es nicht tief. Doch tief genug, um zu ertrinken, wenn man nicht aufpasste - oder geschupst wurde. Als sie längst schon außer Sicht- und Hörweite des Lagers waren, begann sich Ygrid ihrer Kleidung zu entledigen und bedeutete Thula, es ihr gleich zu tun. Dann wagte sie sich vorsichtig in das kühle Wasser des Flusses vor.

    * Guten Morgen, Schlampe! Komm, ich zeige dir, wo du dich waschen kannst!

  • Aber nicht nur das Lager kam mir so leer vor. Auch mein Schatten war verschwunden. Vielleicht hatte es Ygrid ja aufgegeben, mir ständig zu hinterherzulaufen. Aber wenn man vom Cerberus sprach, dann kam er auch sofort! Plötzlich stand sie vor mir. Ihr miesepetriges Gesicht von gestern war verschwunden. Anscheinend hatte sie heute gute Laune. Sie sagte etwas zu mir, was sich freundlich anhörte. Allerdings verstand ich kein Wort. Aber aus ihrer Handbewegung schloss ich daraus, dass sie mir zeigen wollte, wo ich mich waschen konnte. Da waren wir ja endlich einmal einer Meinung! Ich nickte ihr lächelnd zu und folgte ihr. Als ich dabei bemerkte, wie einfach es plötzlich war, das Lager zu verlassen, kam mir der Gedanke, dass dies nun meine Chance war, hier endlich wegzukommen! Ich hätte vor Freude in die Luftspringen können, aber nichts dergleichen ließ ich mir anmerken.


    Wir waren ein ganzes Stück in den Wald hineingelaufen. Vor uns lag ein Nebenarm des Flusses, der scheinbar ideal dafür war, darin zu baden. Ygrid begann schon, sich auszuziehen. Da ließ ich mich nicht lange bitten! Hier waren wir vor den Blicken der Männer geschützt… und hier konnte wahrscheinlich niemand Ygrids Rufe hören, wenn ich davonlief.
    Aber zuerst wollte ich mich waschen, denn ich hatte es echt nötig! Mit meiner Zehenspitze testete ich die Temperatur des Wassers. Besonders warm war es ja nicht. Aber egal, Hauptsache ich war danach sauber! Ygrid war auch nicht zimperlich. Da ich ihr in nichts nachstehen wollte, folgte ich ihr ins Wasser. Anfangs war es tatsächlich ganz schon kalt, doch langsam gewöhnte ich mich daran.

  • Das kalte Wasser des Flusses machte Ygrid nichts aus. Sie war es gewohnt, sich mit kaltem Wasser zu waschen. Ein wenig überrascht war sie schon, als die Andere ihr nachkam.
    Die Germanin watete immer weiter hinein, bis ihr das Wasser hüfthoch stand. Dabei wirkte sie beinahe ausgelassen. Sie lachte und rief Thula zu, wie herrlich das Wasser sei. Nichts deutete darauf hin, was ihre wahren Absichten waren und dass ihre Fröhlichkeit nur gespielt war. Sie winkte Thula, damit auch sie sich noch weiter hineinwagte.


    Ygrid tauchte ein zweimal hinunter ins Wasser. Das kühle Wasser schärfte ihre Sinne, sie war hellwach und wusste genau, wie sie vorgehen musste. Sie ließ sich Zeit, viel Zeit. Dabei tat sie so, als wüsche sie sich. Sie musste einfach nur warten, bis die Andere näherkam.
    In einem Moment der Unachtsamkeit schlug sie zu. Blitzschnell packte sie Thula im Nacken und drückte sie mit aller Kraft unter Wasser. Wie lange noch leistete sie vergeblichen Widerstand, bis ihre umherwirbelnden Arme erschlafften? Wie lange dauerte es, bis das Leben aus entwichen war?

  • Endlich wieder waschen! Das war mein erster Gedanke. Der kleinen rothaarigen Göre gefiel das auch. Sie war wie ausgewechselt. Wieder sagte sie etwas, was ich nicht verstand. Dann sie winkte mir zu und ich traute mich weiter hinein in den Fluss, obwohl ich eigentlich gar nicht so gut schwimmen konnte.


    Ich begann mich zu waschen, so wie auch Ygrid es tat. Auch ich tauchte einmal unter, so dass meine Haare nass wurden. Das kühle Wasser rann über mein Gesicht, so dass es mir anfangs die Sicht nahm.
    Nie hätte ich geahnt, was dann geschah! Sie packte mich plötzlich und drückte mich nach unten. Erst wusste ich gar nicht, wie mir geschah. Meine Arme schlugen unter Wasser aus, um sie abzuwehren. Ich begann mir meinen Füßen mach ihr auszutreten, so dass ich zwangsläufig mein Gleichgewicht verlor. Nichts half und ich wusste, wenn es mir nicht gelang, sie bald aufzuhalten, dann war ich bald tot!
    Sie drückte mich weiter nach unten. Unablässig versuchten meine Hände nach etwas zu greifen. Schließlich bekam ich einen größeren Kieselstein zu fassen, der auf dem Grund des Flusses lag und schleuderte meinen Arm nach oben. Ich spürte, wie der Stein in meiner Hand etwas festes traf. Dann erschlafften ihre Arme, die mich nach unten drückten. Ich versuchte so schnell wie es irgendwie ging, wieder an die Oberfläche zu gelangen und schnappte erst einmal nach Luft.


    Ygrids Körper versank benommen in den Fluten. Ich hatte sie an ihrer linken Schläfe erwischt. Nachdem sie gerade versucht hatte, mich zu töten, hätte ich sie einfach verrecken lassen können. Aber das widerstrebte mir. Deshalb zog ich sie wieder nach oben und schleppte sie bis zum Ufer. Dort ließ ich sie einfach liegen, schnappte mir meine Sachen und rannte in meiner Panik davon, so schnell ich nur konnte. Als ich eine Weile gelaufen war musste ich mich stehenbleiben und wieder nach Luft schnappen. Ich fror und zitterte am ganzen Körper. Meine Kleider! Ich musste meine Kleider und die Schuhe wieder anziehen! Dann lief ich weiter, damit die Germanen mich nicht fanden. Irgendwann würden sie sicher nach Ygrid und mir suchen.


    Ich konnte nicht sagen, wie lange ich gelaufen war. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr und ließ mich erschöpft ins hohe Gras fallen.

  • Als Ygrid wieder das Bewusstsein erlangte, begann sie heftig zu husten. Ihr Kopf hämmerte so stark. Sie war kaum fähig, darüber nachzudenken, was passiert war und wo sie und dieses Miststück war. Ihre Finger hatten eine blutende Wunde an ihrer Schläfe ertastet. Das war es also. Etwas Hartes hatte sie am Kopf getroffen. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, was es war.


    Sie blieb noch lange am Ufer des Flusses liegen, da ihr immer wieder die Augen zufielen und sie sich nicht im Stande fühlte, aufzustehen. Aber sie musste aufstehen, sie konnte nicht hierbleiben! Alleine schon wegen der verdammten Sklavin, die ihr entwischt war. Sie sah sich nach ihren Sachen um. Sie lagen noch dort, wo sie sie zurückgelassen hatten. Die Germanin robbte dorthin und begann, sich ihre Tunika und die Hose wieder anzuziehen. Zu mehr war sie nicht mehr fähig.


    Die Sonne ging unter, die Nacht brach herein und ein neuer Morgen brach an. Yigrid wurde von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Wenn der neue Tag etwas Gutes gebracht hatte, dann war es die Tatsache, dass ihr Kopf nicht mehr so stark dröhnte. Auch der Schlaf hatte ihr geholfen, wieder neue Kräfte zu sammeln. Noch etwas wacklig auf den Beinen begann sie sich umzusehen. Sie musste sich erst wieder orientieren, da sie nicht mehr wusste, wie sie hierhergelangt war. Bevor sie sich aber wieder unter Arwids Augen wagen konnte, musste sie Thula wiederfinden. Sie versuchte Spuren zu finden, die die Sklavin vielleicht hinterlassen hatte. Dabei lief sie weiter in den Wald hinein.

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    Zitat

    Original von Centurio Legionis II


    Ygrid musste sich irgendwann eingestehen, dass sie die Spur der Sklavin verloren hatte, wenn sie sie denn überhaupt gefunden hatte. Inzwischen hatte sie sich vollkommen verirrt. Sie konnte auch nicht mehr abschätzen, welche Richtung sie einschlagen musste, um ins Lager zurückzukommen. Ernüchtert blieb sie stehen. Dabei drang ein seltsames Geräusch an ihre Ohren, welches sie nicht genau zuordnen konnte.
    Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wurde, folgte sie diesem Geräusch. Bald begriff sie, dass der Krach von Menschen stammen musste, Von sehr vielen Menschen. Ygrid durchstreifte weiter den Auenwald bis sie an dessen Rand gelangte.


    Unweit des Waldrandes verlief eine Römerstraße. Ihre Augen begannen sich zu weiten, als sie erkannte, was dort im Anmarsch war. Unzählige genagelte Sohlen von Legionärsstiefeln vermischt mit einem fremdartigen Gesang verursachten das Geräusch, was sie hierhergeführt hatte.
    Ygrid war wie versteinert und riskierte damit, dass sie entdeckt wurde. 'Renn Mädchen, renn!' spornte sie eine innere Stimme an, die sie fast schon zu spät erreichte. Endlich rannte sie davon. Sie musste ihren Bruder, Arwid und all die anderen warnen!

  • *~* Zur gleichen Zeit in Arwids Lager *~*


    Am Tag zuvor hatten Arwids Männer eine blutige Schneise der Verwüstung hinterlassen. Nicht nur Brigos Schweinehof hatten sie einen Besuch abgestattet. Auch das Dorf, in dem Arwids Männer um Mitstreiter geworben hatten, hatte viele Opfer zu beklagen, da sich die Dorfbewohner geweigert hatten, zu kooperieren. Nur die Frauen und Kinder, die nicht den Fehler begangen hatten, sich ihnen in den Weg zu stellen, hatten überlebt. Letztendlich hatten sie noch die Villa rustica, die sie am Tag zuvor ausgespäht hatten, überfallen und deren Bewohner niedergestreckt. Nur die Sklaven des römischen Gutshofes hatten überlebt. Die Germanen hatten ihnen mitgeteilt, sie seien nun befreit und könnten gehen. Viele von ihnen hatten sich ihnen angeschlossen und waren bei ihrer Rückkehr ins Lager freundlich aufgenommen worden.
    Am Abend hatte man ausgiebig gefeiert. Dabei war reichlich vom erbeuteten römischen Wein geflossen du mehrere von Brigos Schweinen verspeist worden. Lediglich das Verschwinden Ygrids und Thulas überschattete den feuchtfröhlichen Abend, als man festgestellt hatte, dass beide Frauen nicht mehr im Lager waren.


    Am Morgen danach, als es noch still im Lager war, da die meisten seiner Bewohner noch ihren Rausch ausschliefen, machte sich Einar auf die Suche nach seiner Schwester. Die Männer, die am Tag zuvor das Lager bewacht hatten, konnten ihm berichten, dass die beiden Frauen das Lager in nördliche Richtung verlassen hatten. Durch den teils unwegsamen Auenwald wollte er sich zu Fuß durchschlagen. Er verzichtete allerdings nicht auf sein Schwert. Es konnte ihm gute Dienste erweisen, um sich seinen Weg durch das Gestrüpp freizuschlagen.
    Nach einiger Zeit erreichte er die Stelle, an der die beiden Frauen gebadet hatten. An einem Blatt nahe des Ufers entdeckte er einige Tropfen Blut. Seine Sorge um seine Schwester stieg noch weiter. Etwas Schlimmes musste passiert sein!


    Er streifte weiter durch den Wald und rief dabei mehrmals Ygrids Namen. Doch niemand antwortete ihm. Plötzlich blieb er abrupt stehen. Ihm war, als hätte er etwas gehört. Tatsächlich! Ein Geräusch drang an sein Ohr, welches er nicht genau einzuordnen vermochte. Als er sich dem Waldrand näherte, erkannte er in dem Geräusch das Gestampf von hunderten römischer Legionäre und deren Rufen. Wenige Schritte weiter konnte er sie erspähen. Zunächst gebannt von diesem Anblick, beschloss er, das Lager zu waren. Doch dann entdeckte er seine Schwester. „Ygrid!“ rief er und rannte zu ihr.

  • Der Tross bewegte sich also durch die Wälder über die Straßen und wurde von den Berichten der Reiterei geleitet, dem Lager immer näher kommend.
    Die lauten Schritte und Befehle der Centurionen konnte man weithin hören. Natürlich würden die Männer im Lager gewarnt werden, doch egal, denn wo sollten sie hin. In die Stadt konnten sie nicht, dort wurden die Wachen von der Legio verstärkt. Über den Limes auch nicht, denn dort warteten die Chatten auf sie. Und hier in den Wäldern konnten sie sich zwar verstecken, doch auf kurz oder lang würden sie hier nicht mehr entkommen.


    "Centurio, gibt es neue Hinweise?" wandte ich mich an den alten Soldaten, der mir dir letzten Tage eine große Hilfe und Stütze war. Ich musste mir für ihn bei unserer Rückkehr eine Belohnung überlegen.

  • Gerade als der alte Centurio dem Tribun Rede und Antwort stehen wollte, kam einer der Meldereiter Angeritten. „Tribun, Centurio! Wir haben das Lager ausfindig gemacht.“ Schon war es der alte Centurio der mit einem kurzen Nicken zu dem Tribun Vinicius in den Kampfmodus überging. Der zweite begleitenden Tribun Cnaeus Veranius Cincinnatus nickte ebenfalls und schon gellten seine Befehle durch die Gegen. „Sechste Kohorte! Wir übernehmen den rechten Flügel. Die siebte nimmt unter Führung des Tribun Vinicius übernimmt den Linken Flügel. Die Turme geht frontal voran. Umstellt das Waldstück und auf Signal gehen wir voran. Wir treiben diese Barbaren zusammen in Richtung Fluss, dort sicherte die Classis Germanica den Fluss ab. Dieses Schweine haben keinen Chance.“
    Die Centurionen gaben die Befehle weiter und die Flügel der Kohorten entfalteten sie wie befohlen (in späteren Zeiten würde diese Taktik den Namen Hamburger Kessel bekommen). Als alle ihre Stellung eingenommen hatte folgte das Signal und die Soldaten Roms schritten voran in das Waldstück hinein. Meter um Meter fraß sich der römische Lindwurm in den Wald hinein. Ja man würde die Unruhestifter zusammentreiben, man würde sie abschlachten oder gefangen nehmen. Aber hier und heute würde keiner den Wald verlassen.
    Der alte Centurio gesellte sich nachdem er die Befehle umgesetzt hatte wieder an die Seite des Tribun. Er lief hinter seinen Männern neben dem Tribun her, das Gladius hatte er griffbereit. Ja er war bereit in den Kampf zu ziehen. Und er war bereit notfalls den Tribun mit seinem Leben zu schützen.




    [SIZE=5]Morri[/SIZE]

  • Noch bevor Einar oder Ygrid das Lager erreichen konnten, war es einem der wachhabenden Männern aufgefallen – dieser Krach, der immer lauter wurde und direkt auf sie zusteuerte. Geistesgegenwärtig hatte er Arwid und so viele Männer wie möglich geweckt. Im Angesicht der drohenden Gefahr war das ganze Lager schnell auf den Beinen. Das Chaos drohte auszubrechen. "Wir müssen hier weg! Sofort", rief einer der Männer. Die Frauen packten verängstigt das Nötigste zusammen. "Zurück über den Limes!"", rief ein anderer.
    Im Gegensatz zu allen anderen, schien Arwid der Einzige zu sein, der Ruhe bewahrte, ja fast abgeklärt wirkte. Schnell scharten sich seine Männer um ihn. Auch Thorbrand trat an seinen Anführer heran. Er sollte entscheiden, was nun zu tun war. "Wir können nicht über den Limes!", war alles, was Arwid ihm entgegnete. "Aber was sollen wir jetzt tun? Hier warten, bis sie uns abschlachten?" rief ein anderer. Arwid sah ihn mit festem Blick an. "Wir wären erledigt, sobald wir den Limes überquert hätten. Falls wir das überhaupt schaffen. Oder was glaubt ihr, was eure Stammesgenossen mit uns tun werden, wenn Rom seine Verbündeten in die Pflicht nimmt?" Nachdem er in etlichen chattischen Dörfern gewesen war und mit den Ältesten gesprochen hatte, konnte sich Arwid gut vorstellen, dass die Chatten ihr Bündnis mit den Römern nicht aufs Spiel setzen würden. Nicht für einen Haufen von Abtrünnigen!
    Es stimmte, sie mussten etwas tun, wenn sie hier nicht im Lager einfach abgeschlachtet werden wollten. Ehrenvoll sterben, das war es, was Arwid als erstes in den Sinn kam, denn er wusste, wie aussichtslos die Lage war. "Es gibt keinen Ausweg, Brüder! Dann lasst uns kämpfen!", rief er.

  • Am Tag zuvor nach Thulas Flucht...


    Ich blieb im Gras liegen und rührte mich nicht mehr. Wie durch ein Wunder kam niemand, um mich zu suchen. Es wurde dunkel, aber ich blieb dort, wo ich war. Es war meine Angst, die mich hier festhielt. Meine Erinnerungen an meine damalige Flucht, als ich noch ein Kind gewesen war, nahmen wieder Gestalt an. Hoffentlich gab es hier keine wilden Tiere! In meiner Vorstellung war es das Schlimmste, von Wölfen angefressen zu werden.
    Schließlich kam die Nacht und mit ihr die Schreie von Füchsen, Eulen und sonstigem nachtaktiven Getier. Ich tat kaum ein Auge zu, so groß war meine Angst. Aber irgendwann übermannte mich einfach die Müdigkeit und ich fiel in einen traumlosen Schlaf.


    Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens waren es dann, die mich weckten. Wenn ich nicht hier im Dreck, mitten in der Wildnis gelegen hätte, dann hätte dieser Tag vielleicht ein guter Tag werden können. Aber so räumte ich ihm wenig Chance ein.
    Ich wagte es, mich aufzusetzen und über das hohe Gras zu linsen. Der Wald lag still vor mir, hinter mir und auch neben mir. Ich begann zu sinnieren. Es war schon seltsam, dass uns niemand gesucht hatte. Ob Ygrid noch lebte? Wenn nicht, dann hatte sie es sich selbst zuzuschreiben! Diese dämliche Göre! Warum hatte sie das nur getan? Sie hätte mich um ein Haar ertränkt! Doch viel wichtiger war es, zu überlegen, was ich jetzt tun sollte. Nachdem ich gestern einfach nur losgerannt war, hatte ich voll die Orientierung verloren. Aber hier sitzen zu bleiben war auch keine Lösung!
    Ich stand auf und lief vorsichtig durch das hohe Gras und das Gebüsch. Als sich vor mir plötzlich zwei Vögel aus dem Gras erhoben, weil ich sie durch mein Kommen aufgeschreckt hatte, blieb ich erschrocken stehen und brauchte erst wieder einen Moment, bis ich weiter gehen konnte. Um mich war wieder Stille eingekehrt. Nein, ich hörte etwas. Etwas was unmerklich lauter zu werden schien, weil es anscheinend langsam auf mich zu kam. Wie verwurzelt blieb ich stehen, um zu horchen. Es waren menschliche Laute, vielleicht Rufe. Irgendwie kam es mir bekannt vor. Diese Rufe… Roma invicta…? Das mussten Legionäre sein! Und ihr Ziel war mit Sicherheit das Lager der Germanen. Ich lief los in die Richtung, aus der die Laute kamen. Aber dann blieb ich abrupt stehen. War denn klug, einfach auf die Soldaten zuzurennen? So wie ich im Augenblick aussah, würden die mich doch glatt für eine von den Germanen halten und mit mir kurzen Prozess machen. War es nicht besser, sich im Wald versteckt zu halten, bis alles vorbei war?


    Währenddessen im Lager


    Philiscus, einer der Sklaven, die sich am Tag zuvor ihren Befreiern angeschlossen hatten, trat aus der Menge hervor zu den Männern, die sich um Arwid geschart hatten und erhob laut seine Stimme: „Halt! Es gibt einen Ausweg!“ Es war ihm gelungen, die Aufmerksamkeit der Männer zu erlangen. Schließlich hing sein Leben und das aller anderer Sklaven davon ab! „Es gibt vielleicht einen Ausweg, wenn wir uns beeilen und sofort losziehen! Als ihr den Rhenus überquert habt, ist euch sicher diese markante Erhebung in der Landschaft aufgefallen. Ein scheinbar einzelnstehender Berg. Die Römer nennen ihn Mons Iovis. Er ist nicht ganz einen Tagesritt entfernt von hier. Auf ihm befindet sich eine alte keltische Höhensiedlung mit einer hohen Befestigungsmauer. Das Oppidum wurde vor ewigen Zeiten von seinen Bewohnern verlassen. Aber vielleicht kann es uns Schutz bieten.“ Philiscus war in der Gegend aufgewachsen und kannte sie in und auswendig. Als Junge war er mehrmals auf dem Berg gewesen und hatte ihn zusammen, mit dem Sohn seines damaligen Herrn erkundet. Die hohen Mauern des Oppidums, die nur an einigen Stellen eingestürzt waren, waren ihm im Gedächtnis geblieben. Die Leute, die um den Berg lebten, hatten ihm damals berichtet, die Höhensiedlung sei noch vor dem Eintreffen Caesars verlassen worden, da deren Bewohner von den Germanenstämmen jenseits des Rhenus immer stärker in Bedrängnis geraten waren. Welch Ironie des Schicksals wäre es, wenn nun dieses Oppidum diesen Germanen Schutz bieten würde!

  • Zitat

    Original von Arwid
    Einar
    ...
    Er streifte weiter durch den Wald und rief dabei mehrmals Ygrids Namen. Doch niemand antwortete ihm. Plötzlich blieb er abrupt stehen. Ihm war, als hätte er etwas gehört. Tatsächlich! Ein Geräusch drang an sein Ohr, welches er nicht genau einzuordnen vermochte. Als er sich dem Waldrand näherte, erkannte er in dem Geräusch das Gestampf von hunderten römischer Legionäre und deren Rufen. Wenige Schritte weiter konnte er sie erspähen. Zunächst gebannt von diesem Anblick, beschloss er, das Lager zu waren. Doch dann entdeckte er seine Schwester. „Ygrid!“ rief er und rannte zu ihr.


    Einar hatte seine Schwester fast eingeholt. Ygrid war zurück in den Wald gerannt. Beinahe wäre sie über eine Baumwurzel gestolpert, konnte sich aber gerade noch an einem starken Ast festhalten. Sie sah sich um und erblickte ihren Bruder, der ihr gerufen hatte und nur noch wenige Schritte hinter ihr war. "Wir müssen zurück, die anderen warnen!", rief sie mit gehetzter Stimme. Kaum hatte sie das gerufen, musste sie feststellen, dass die Römer ebenfalls den Weg hinein in den Wald genommen hatten und ihnen bereits ganz dicht auf den Fersen waren und sie sie direkt vor sich hertrieben. Einar griff nach dem Arm seiner Schwester und riss sie mit sich. "Nein! Komm mit!", rief er. Ausnahmsweise folgte diesmal seine Schwester und widersetzte sich seinem Wort nicht, wie sie es sonst so gerne tat.
    Sie mussten einen Unterschlupf finden, wo die Römer sie nicht fanden, um dann zu versuchen, aus dem Wald zu fliehen, wenn die Soldaten sich das Lager vornahmen. Er hoffte nur, die anderen hatten noch rechtzeitig das Lager verlassen können. Sonst waren sie verloren! Gegen diese Übermacht der Römer hatten sie keine Chance.
    Einar schob sie vor sich her. Seine rechte Hand umklammerte sein Schwert. fest entschlossen, das Leben seiner Schwester zu beschützen. Immer wieder sah er sich um, ob ihnen jemand folgte.

  • Ihr Anführer hatte ihnen zugerufen, dass sie kämpfen sollten. Die meisten begrüßten diese Entscheidung, obwohl es ihnen bewusst sein musste, dass dieser Kampf aussichtlos war. Doch dann meldete sich einer der befreiten Sklaven zu Wort, der ihnen erst am Tage zuvor mit ins Lager gefolgt war. Gab es doch noch eine Chance, aus dem Lager zu entkommen und damit auch dem sicheren Tod?
    Arwid hörte sich an, was der Mann zu sagen hatte. Eine Höhenfestung, einen Tagesritt von hier entfernt. Er konnte sich an den markanten Berg noch erinnern. Es wäre sicher reizvoll gewesen, einen Ausweg zu haben. Zu wissen, dass alle, die ihm und seiner Idee gefolgt waren, auch morgen noch in Freiheit leben konnten. Die Realität aber sah anders aus. Die Römer waren bereits in den Wald eingedrungen und waren nicht mehr fern. Man konnte ihr Geschrei bereits hören. Es war nur noch eine Frage der Zeit.
    Er trat auf den Mann zu und legte ihm mit einem gequälten Lächeln seine Hand auf die Schulter. "Ich danke dir für deinen Vorschlag, aber ich fürchte, dafür ist es bereits zu spät." Dann wandte er sich noch einmal zu seinen Anhängern. "Wer von euch das Lager noch verlassen will, soll es jetzt tun. Allen anderen rufe ich zu, greift zu euren Waffen und kämpft gut!"
    Ein kurzer Moment lag Stille über dem Lager. Nur einige wenig suchten das Weite. Alle anderen machten sich bereit. Trotz der ausichtslosen Lage herrschte keine gedämpfte Stimmung unter den Männern und Frauen. Sie waren zu allem bereit. Wenn sie schon in den Tod gehen sollten, dann wollten sie so viele Römer wie möglich mitnehmen.

  • Zitat

    Original von Narrator Germaniae


    Die Soldaten kamen immer näher und näher und mein Plan mit dem Verstecken wollte auch nicht so richtig aufgehen. Ganz gleich wo ich auch schaute, ich fand kein geeignetes Versteck. Ich rannte vor den herannahenden Soldaten davon, wahrscheinlich direkt auf das Lager zu. Dann änderte ich wieder meine Richtung und lief quer, mitten durch das dichteste Gebüsch. Der Zweig eines großen Busches schlug mir direkt ins Gesicht und hinterließ eine fiese Schramme auf meiner Wange. Immer wieder verhedderten sich meine Haare oder die wollene Tunika, die man mir statt meiner Kleidung gegeben hatte. Mehrmals stolperte ich und fiel hin. Meine Knie mussten inzwischen schon ganz blutig gewesen sein. Inzwischen konnte ich auch nicht mehr einschätzen, aus welcher Richtung die Stimmen kamen. Ich hatte den Eindruck, sie waren vor mir, hinter mir und auch links und rechts von mir. Eigentlich wusste ich gar nicht, wohin ich noch sollte. Meine Angst wuchs mit jedem Schritt. Und dann passierte, was irgendwann passieren musste! Plötzlich stand ich direkt vor ihnen und erschrak. Ich weiß nicht, wie viele Soldaten es waren. Ein Reiter führte sie an, begleitet von dem alten Centurio, den ich ab und an schon mal gesehen hatte. Moment mal das Pferd kam mir bekannt vor… aber weiter konnte ich im Augenblick nicht denken. Mit aufgerissenen Augen, versuchte ich zurückzuweichen, stolperte aber und fiel wieder hin.
    „Scheiße,“ fluchte ich leise.
    „Bitte, tut mir nichts!“, bettelte ich und sah die Soldaten verzweifelt an, die nun direkt vor mir standen. Meine flehenden Blicke wanderten hin und her. Wieder fing ich mit meinen Augen das Pferd ein. Endlich wurde mir klar, woher ich das Pferd kannte. Es war das Pferd meines Dominus! Ich schöpfte ein wenig Hoffnung. Massa war hier! Massa… „Massa… Massa! ...Massa!" Immer lauter wurden meine Rufe, bis ich schließlich laut schrie. Ich schickte ein Stoßgebet zu allen Göttern, die ich kannte. Hoffentlich hörte er mich!

  • Die Speculatores hatten einen Legionsverband gemeldet, der sich in ein Waldstück bewegte.
    Varro nickte den beiden verstehend zu und rieb sich das Kinn.
    er warf einen Blick zurück auf die Turma. Sie waren gerade einmal 20 Mann. Zudem war ein Waldgebiet nur bedingt geeignetes Kampfgebiet für einen Reiter.
    Seine Gedanken wogen ab Na schön,...bringt uns mal dorthin. Wir werden sehen ob wir da etwas ausrichten können.
    Die Speculatores zogen ihre Pferde herum und die Turma folgte im gestrecktem Galopp.
    Kurz darauf hob Gundalf den rechten Arm und wies nach rechts auf ein größeres Waldstück, welches sie mit ihren Männern wohl kaum taktisch einkreisen konnten.
    Da kamen einige Gestalten aus dem Dickicht...ganz offensichtlich keine Legionäre.
    Varro sah Ocella an Was immer die Kameraden da aufgestöbert haben,...fang die Burschen da hinten ein, nimm dir 10 Mann mit,...aber Ocella,?!...lass sie leben!

  • Ocella grinste Varro an und entgegnete Ich tue mein Bestes!...und ab! Wie schon tausendmal geübt preschte Ocella davon und die 9 Equites hinter ihn preschten hinterher. Er gab kurze Handzeichen und sie formten ein weites U.
    Die Gestalten blieben stehen, gestikulierten in ihre Richtung.
    Ocella zog die SPatha und hielt sie hoch. Die Equites folgtem seinen Bespiel. Wer auch immer sie heranpreschen sah musste sich nun entscheiden. Zurück in den Wald oder ...

  • [Blockierte Grafik: http://fs5.directupload.net/images/180312/dvj9yixg.jpg]


    Einar


    Reiter! Es waren Reiter, die sie verfolgten. Wenn Einar richtig gezählt hatte, waren es mindestens zehn berittene Soldaten. Gegen diese Übermacht hatte er keine Chance! Der einzige Weg, wie er und Ygrid hier lebend herauskommen konnten, war noch tiefer in den unwegsamen Wald hineinzulaufen. Denn dort hinein konnten ihnen die Reiter nicht so einfach folgen. Daher drängte er seine Schwester, noch weiter zu gehen, möglichst in die Hecken. Doch ausgerechnet jetzt gewann Ygrids hitziges Temperament wieder die Oberhand "Nein, lass uns hier weg! Du blöder Idiot! Merkst du denn nicht, dass sie uns in eine Falle treiben wollen?" Ygrids Einwand war höchstwahrscheinlich sogar berechtigt, denn im Wald musste es bereits nur so von Soldaten wimmeln.
    "Nein! Verdammte Axt! Du tust jetzt, was ich die sage!" Um ihr zu verdeutlichen, wie ernst es ihm war, schob er sie grob mit der Hand weiter vorwärts. Wieder sah er sich um. Die Reiter waren inzwischen ganz nah. Der Germane stellte sich seinen Feinden und hielt dabei sein Schwert drohend vor sich. Noch einmal wagte er einen versichernden Blick zurück zu seiner Schwester. Sie hatte endlich seine Worte befolgt. Wenn er schon sich nicht retten konnte, doch dann wenigstens seine Schwester!

  • Ocella beschrieb mit seinen Equites eine astreine Schleppe. Varro ließ einen Keil anreiten und im strammen Galopp jagten die Männer hinter Varro auf die Schleppe zu, die sich mit ihrer Ankunft öffnete, und sich zu beiden Seiten dem Keil anpasste. Was da auf die Leute zukam war ein trampelnder, Stahlblitzender grimmiger Doppelkeil.
    Varro nickte einen grinsenden Ocella zu, der mit ihm die Spitze bildete. Es gab ein dumpfes Geräusch als sie diesen Kerl mit den lustigen Zöpfen rammten und umrissen. Er blieb im tiefen Gras liegen, während die Turma auf Varros Zeichen den Anritt stoppte und in Pfeilschußweite in Linie vor dem Waldstück Aufstellung nahm.
    Die Pfeile einlegen. Mal sehen ob sie mit erhobenen Händen herauskommen. Ocella reckte sich ein wenig im Sattel. Wie immer ging auch dieser Anritt ein wenig in den Rücken und vor allem aufs Gemächt.

  • Das war ein mustergültiger Ritt. Varro war zufrieden. Sein Pferd bebte unter ihm, fast so als wollte es weiter und in den Wald hinein. Er klopfte ihm beruhigend auf den Hals und musterte das Waldstück. Um es vollends einzukreisen war die Turma zu klein. So machte er das Beste aus der Sache und ließ die Männer einen Kette bilden. Mit 5 Pferdelängen Abstand postierten sie sich mit Blickrichtung Wald. Die Pfeile lagen auf den Sehnen, es würde bei Bedarf keinen Wimpernschlag dauern bis sie in Richtung Wald flogen.
    Vorne im Gras lag der Körper des niedergerittenen Germanen,...er regte sich nicht.

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