Großübung der Ausbildungseinheiten von Mogontiacum

  • "Kein germanischer Stamm ist den Römern im Formationskampf ebenbürtig", stellte Sabaco klar. "Das waren ja nicht einmal die Hellenen mit ihrer Phlananx. Auch die haben wir zu knacken gelernt. Wie? Mit Taktik."


    Iunius Rupa hatte zweifelsohne Kampferfahrung, doch bei diesem Punkt stieß er an seine Grenzen. Das war keine Schande, woher sollte er es als Tiro wissen. Er merkte nun den Unterschied zu seiner Zeit als Einzelkämpfer und den Möglichkeiten, die ein professionell agierender Verband bot.


    "Mit der Kavallerie in einen Trupp reinzureiten, der mit Speeren bewaffnet ist, ist Idiotie", erklärte er mit seiner charmanten und feinfühligen Art. "Von der letzten Verzweiflungstat einer ansonsten todgeweihten Gruppe abgesehen, kommt das nicht infrage."


    Etwa zehn Meter hinter dem Decurio hatten derweil einige Helfer einen eine Gruppe Strohpuppen in germanischen Lumpen aufgestellt, die wie ein Igel Speere mit Holzspitzen hielten. Während die äußeren Puppen das stumpfe Ende des Speers ins Erdreich "gerammt hatten", "hielten" die mittleren Puppen ihre Speere erhoben. Diesen Igel galt es zu knacken. Wenn man das Prinzip einmal durchschaut hatte, war es simpel.


    Die Helfer zogen sich zurück und der germanische Igel stand speerstarrend auf dem Campus. Sabaco sah an seiner Ausbildungsturma vorbei. "Ich habe euch jemanden mitgebracht ... Augen auf und lernt." Damit gab er in die Ferne des Campus ein Handzeichen. Hufgetrappel näherte sich.

  • Das Hufgetrappel wurde lauter, ein vollgerüsteter Reiter nahte auf einem goldgelben Falben, den Blick starr auf sein Ziel gerichtet. Er hielt im vollen Galopp auf die Strohpuppen zu und hob den Bogen auf Schulterhöhe, spannte die harte Sehne. Ein Einschlag erklang. Den Pfeil selbst hatte man kaum gesehen. Bevor Fango in Reichweite der Wurfspeere gekommen wäre, ritt er eine Kurve, die im Kreis um den germanischen Strohtrupp herumführte. Ein Pfeil folgte nun auf den anderen, zack, zack, zack und jeder traf. Freihändig zu reiten war schwierig genug, dabei noch zu zielen, ohne den Bogen zu verreißen, eine Meisterleistung, die selbst unter den Soldaten der Ala nur enige Spezialisten sicher beherrschten.


    Fango achtete trotz der gepolsterten Pfeilspitzen darauf, nur zu schießen, wenn er sich zwischen den Tirones und den Puppen befand. Niemand wollte im Gefecht ins Kreuzfeuer der eigenen Leute geraten, und in der Übung wurde keine Ausnahme gemacht. Die Pfeile kamen im Takt weniger Sekunden. Die Tirones mochten sich ausmalen, welch vernichtende Wirkung ein ganzer Schützentrupp auf die Germanen haben würde.


    Nachdem Fango seine Pfeile verschossen hatte, ritt er wieder davon, so wie es auch im Gefecht geschehen würde. Am Ende der Reihe zügelte er seinen Hengst und ließ sich heruntergleiten, einen gewissen Stolz in seinem Gesicht. Es gab nur eines, was er überdurchschnittlich gut konnte, und das war Schießen.

  • Die Tirones sahen sich Fangos Reit- und Kampfkünste an. Faustus nickte anerkennend zu den Fähigkeiten Fangos. Guter Mann für den Kampf gut geeignet, auf den konnte man sich verlassen. Wenn sie alle auch so gut ausgebildet werden würden, dann würde das der Ala guttun. Faustus rempelte Randolf in die Seite, weil dieser mit offenem Mund dastand und absolut verblüfft war. Tja Junge so ist das wenn ein Kämpfer sein Können zeigt. Der Iunier musste grinsen, denn nicht nur Randolf ging es so, sondern auch en meistens der anderen Tirones.


    Wobei Faustus aber nicht ganz übereinstimmte mit der Meinung des Decurio über die Kriegskünste der Germanen. Die Chatten besaßen einen großen Vorteil im Gegensatz zu den anderen Germanenstämmen sie verstanden Disziplin und auch die Nutzung einer passenden Gefechtstaktik. Er hatte früher schon das ein und andere Mal mit ihnen zusammen gekämpft und konnte sich noch lebhaft an ihre gemeinsamen Aktionen erinnern. Nun jedenfalls war sich Faustus im Klaren darüber, dass wenn er sich mit Chattenkriegern anlegen würde er immer eine Schippe mehr Vorsicht walten lassen würde. Manchmal hatte er sich gedacht, dass die Chatten ein geeignetes Material für römische Hilfstruppen sein könnten. Sie kämpften gerne und machten auch vor dem größten Gemetzel nicht halt.


    Doch jetzt wartete er gespannt auf den Decurio was dieser mit ihnen weitermachen wollte. Der Mann war einfach nur gnadenlos hart und viele Soldaten litten darunter. Auf der anderen Seite aber waren genau die Dinge die er schulte überlebenswichtig und unverzichtbar wenn man als Soldat sde Ala alt werden wollte.

  • "Was wollte ich euch damit demonstrieren?" Sabacos Stimme hing den Tirones vermutlich schon zu den Ohren raus und ihm schmerzte der Hals, aber es musste sein. "Auf das kluge Zusammenspiel unterschiedlicher Truppenteile kommt es an. Es läuft am Ende immer auf das Gleiche hinaus: Wir sind in der Gemeinschaft stark. Eure Kameraden sind eure Lebensversicherung und ihr die ihre. Haltet zusammen, passt aufeinander auf, gewöhnt euch kräftezehrendes Rivalitätsdenken ab. Leicht gesagt, aber lasst es einfach."


    Er wies auf die gespickten Strohpuppen. "Außer Schützen haben wir noch die Möglichkeit, mit Schleudern und Wurfspeeren gegen solche nervtötenden Formationen vorzugehen. Und", er grinste böse, "mit schweren Geschützen. Die gefallen mir ja besonders, sie gehören jedoch nicht zur Grundausbildung. Für euch Tirones sind in dem Zusammenhang vor allem die Wurfspeere interessant. Aber Achtung: Die Wurfspeere der Reiterei sind nicht identisch mit den Pila der Legio!"*


    Er gab die Lanze einem der Helfer und griff sich einige Wurfspeere. Er demonstrierte, wie man sie kraftvoll in den Gegner schoss. Dabei ging er auf verschiedene Distanzen.


    "Lanze und Speer werden neben der Spatha eure wichtigsten Waffen sein. Darum üben wir den Umgang mit Lanze und Speer nun für den Rest des Tages." Er wies auf die Halterungen mit den Übungsspeeren. Hinter ihm bauten die Helfer nun Strohballen auf. "Erst die Lanze, mit der ihr zu den Übungspfählen geht. Dann, beim gemeinschaftlichen Wechsel, die Wurfspeere, die in den Strohballen stecken bleiben sollen. Geworfen wird von dieser Linie, die keiner überschreitet. Ausführung!"


    Sim-Off:

    *pila der Legio: Link, hastae der Ala: Link

  • Jetzt wurde es spannend, nach der Vorführung mit Pferd kamen die Tirones an die Reihe. Faustus schnappte sich eine Lanze und ging mit Randolf jeweils zu einem Übungspfahl um diesen zu malträtieren. Faustus begann mit gleichstarken Stoßbewegungen mit der Lanze den Pfahl zu bearbeiten. Hierbei ging er in Grundstellung mit in den Boden eingelegtem Lanzenhinterteil um dann die Waffe in einer zügigen Bewegung mit Schwung zum Stoß gegen dn Pfahl zu führen. Faustus lief nach kurzer Zeit bereits der schweiß den Rücken hinab, denn die Lanze stellte doch ein gewisses Gewicht dar bei gleichmäßiger Nutzung. So ging es vor und zurück. Während eines kurzen Blicks zu Randolf erkannte Faustus, dass dieser sich schwertat und die ungewohnte Bewegung ihm zu schaffen machte. Sein Gesicht war bereits rot vor Anstrengung und auch die anderen Tirones zeigten das sie doch eine große Anstrengung erlebten.


    Endlich kam das Zeichen zum Wechsel der Übungsteile und sie traten an die Wurfstation um mit den Wurfspeeren die Übung zu starten. Doch überraschenderweise gingen die meisten der ersten Würfe daneben und trafen nicht einmal ansatzweise die Strohballen. Es war einfach zum verrückt werden, was war nur los? So kam Faustus die Erkenntnis, dass durch die schweren Lanzen sich das Wurfverhalten aller Tirones verändert hatte und sie die benötigte Kraft falsch einsetzten. So nahm Faustus den Speer wieder ab und atmete entspannt durch um seine Energie wieder zu fokussieren. Randolf sah von der Seite zu was Faustus da anstellte und fragte ihn kurz: „Was machst du da? Hast du keine Lust mehr?“ Faustus musste nun grinsen und meinte nur knapp: “Warte ab ich zeige dir gleich was los ist und dann wirst du staunen.“ Und genau so kam es auch, nachdem er sich fokussiert hatte gelang der nächste Wurf schon viel besser und traf Speer auf Speer den Strohballen. Randolf hatte zugesehen und machte es Faustus nach und so klappte es auch bei ihm mit den Würfen. Es war eben alles ein erkennen der Situation und dann daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Und noch wichtiger war mit der eigenen Kraft so hauszuhalten, dass man lange genug durchhielt um den größten Schaden bei einem Feind anzurichten. Der Decurio lehrte einem viel auf seine unnachahmliche Art und Weise doch das Haushalten mit den eigenen Kräften musste jeder für sich erfahren. Jeder Soldat war für sein Leben selber verantwortlich und Faustus hatte sich fest vorgenommen es wieder heil aus dem Militär herauszuschaffen.


    Faustus machte sich aber auch Sorgen um seine Hilda. Irgendwie hatte er ein merkwürdiges Gefühl das ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Er hoffte ihr ging es bei den Iuniern soweit gut und sie würde Ruhe und Frieden finden. Es war schon verrückt, dass er der Einzelgänger jetzt an dieser Germanin hängengeblieben war. Und dann auch noch mit ihrem schlimmen Schicksal. Doch vielleicht war genau das was Faustus brauchte, jemandem dem es noch schlechter ging in seiner Zerrissenheit als ihm selber. Und so verspürte er mit der Zeit doch eine gewisse Zuneigung zu diesem kleinen Persönchen das ihr Schicksal selber in die Hand genommen hatte um nicht in dieser grausamen Welt unterzugehen. Anscheinend wollte er aber auch nicht von ihr lassen, wenn sie ihn mit ihren großen kindlichen Augen ansah.

  • Die Tirones übten, bis die Sonne unterging. Kein Abendrot an diesem grauen Tag, doch die Gesichter und Herzen glühten. Sabaco war zufrieden. Das sagte er ihnen beim Appell.


    „Ihr habt euch gut geschlagen. Feierabend für heute. Den Abend und die Nacht verbringt ihr hier im Lager, damit ihr den Unterschied zwischen Stand- und Marschlager merkt, bevor es Ernst wird.


    Ihr habt keine Betten, sondern nutzt einen Übungsschild mit Fell als Unterlage, wie das auch im Einsatz unterwegs der Fall wäre. Statt Latrinen steht euch ein Donnerbalken zur Verfügung. Keiner benutzt die Wildnis, sonst wird das bei über tausend Mann bald eklig und Krankheiten breiten sich aus. Es gibt keine Therme, keine beheizten Räume und wir haben Winter, aber ihr werdet euch trotzdem gründlich waschen. Alle Abläufe werden beibehalten. Nur das Kochen übernimmt diesmal die Legio für uns, das hat euch das Schleppen des Proviants erspart. Essen gibt es im Horreum. Wir sehen uns morgen früh. Abite.“

  • Na toll, keine Zelte und keine Therme um sich ordentlich nach den Übungen dem Schweiß entfernen zu lassen. Man sah den Tirones regelrecht die Begeisterung darüber in den Gesichtern an. Randolf und Faustus aber grinsten sich gegenseitig an, denn als Germane war man es gewohnt im kalten Winter zu überleben. So sammelten die beiden ihre Ausrüstung zusammen und bauten ihre Schilder zu brauchbaren Lagerstellen zusammen. Wie üblich wurden die Waffen gereinigt und vom Flugrost entfernt, so dass diese wieder voll einsatzbereit waren. Danach bewegten sie die beiden Soldaten in Richtung Fluss um sich dort mit nacktem Oberkörper zu waschen. Das Wasser war saukalt und selbst als Germane war es nicht angenehm doch ertragbar. Einige ihrer Kameraden begannen auch sich mit Widerwillen zu reinigen und es gab dabei mehr als nur einen Fluch auf den Lippen. Ein wichtiger Aspekt beim Militär war tatsächlich die Körperreinigung, sowie das erledigen von Bedürfnissen. Alles hatte feste Abläufe und Vorgaben um die Soldaten gesund zu halten und nicht gefährliche Seuchen entstehen zu lassen während der militärischen Operationen. Als Germane war die Körperreinigung ebenfalls wichtig, vielleicht in einem nicht so großen Rahmen wie beim römischen Militär, doch jeder Krieger war sich bewusst das gewisse Abläufe einzuhalten waren.


    Randolf und Faustus aber begaben sich wieder zu ihrer zukünftigen Lagerstelle und sammelten mit den anderen Tirones ihres Zimmers gemeinsam Holz für ein Lagerfeuer das stetig am Laufen gehalten werden konnte um eine gewisse Wärme auch die Nacht über zu erhalten. Denn das hatte der Decurio nicht von ihnen verlangt auf ein Lagerfeuer zu verzichten, somit war für die Gemeinschaft ein gemeinsames Feuer zum Warmhalten etwas Existentielles. Nachdem sie genug Feuerholz zusammengetragen hatten begaben sich die die beiden auf die Suche nach dem Essenempfang und stolperten eine Zeitlang durch das Lager. Endlich hatten sie die Essensausgabe gefunden und stellten sich in der Schlange der Wartenden an. Sie hatten ihre Schüsseln dabei und bekamen als sie an der Reihe waren einen ordentlichen Schöpfer einer Art dickflüssigen Eintopfs in ihre Schüsseln. Es duftete gar nicht so schlecht und vor allem war der Eintopf heiß und mit Fleischstücken durchsetzt. Welche tolle Überraschung richtiges Fleisch. Da hatte die Legion für diese Übung sich nicht lumpen lassen. Randolf und Faustus setzten sich auf einige lose rumstehenden Kisten und schlürften schmatzend und mit Heißhunger ihren Eintopf. „Was meinst du Randolf holen wir uns noch eine zweite Portion? Die Legion scheint ja ordentlich für uns gekocht zu haben.“ Randolf nickte dazu und schmatzte genießerisch an seinem Löffel um ihn ein letztes Mal abzuschlecken. „Hm ja ich hole mir auf jeden Fall etwas.“ Damit war alles gesagt und eine zweite Runde Essenfassen war eingeläutet worden. Mit vollen Bäuchen gingen die beiden müden Krieger zu ihrem Lagerplatz und bereiteten sich für den Schlaf vor. In der Zwischenzeit hatten ihren anderen Kameraden bereits ein Feuer entzündet das nun im Wechsel überwacht und befeuert wurde. Die müden Tirones schlossen schon bald ihre Augen um in den wohlverdienten Schlaf zu sinken.

  • Ravilla verbrachte seine erste Nacht in einem Zelt. Heulend rüttelte der Wind an den Planen, ließ die Ösen und Haken der Sturmleinen klirren. Trotz der Feuerschale fror der Tribun erbärmlich, bis man ihm heiße Steine, eingewickelt in Tücher, unter die Decke schob. Die Nässe und der Wind waren es, welche die Kälte klamm durch alle Kleider kriechen ließ. Als der Weckruf durch das Lager hallte, hatte der Tribun kaum ein Auge zugetan. Schweigend widmete er sich der dampfenden Waschschüssel, die man ihm vorbereitet hatte. Auch Kleidung und Panzer fanden angewärmt ihren Weg auf seine kalte Haut. Mit keinem Ton hatte Ravilla verlauten lassen, wie sehr das Wetter an ihm zehrte, nicht geklagt und nicht gejammert, doch schienen die Tribuni lativlavii für ihre Befindlichkeiten bekannt zu sein, so dass man in aufmerksamer Sorge für sein Wohlergehen plante.


    «Einen wunderschönen guten Morgen», flötete er in bitterer Selbstironie seinem Kollegen, dem ritterlichen Tribun Saltius Philippus zu, als er sich mit steifen Gliedern zu ihm gesellte. Der Morgennebel kroch weiß über den Campus, wo die Soldaten vor ihren jeweiligen Offizieren zum Appell antraten. Nun, es war nicht an Ravilla, den Appell abzuhalten, so dass er sich am Rande hielt. Lernend nur verfolgte er die Ereignisse, ein recht stiller, wenn auch auffällig anzuschauender Koordinator im Hintergrund, denn die Ausbildung der Tirones würde nie in seinen Aufgabenbereich fallen.

  • Die Großübung verlief reibungslos. Die neuen Rekruten erfuhren in sicherem Rahmen, welche Strapazen es bedeutete, in einem Marschlager zu hausen. Sabaco war wichtig, sie so nah wie möglich am Ernstfall auszubilden und nicht allein in grauer Theorie oder nachgestellten Idealsituationen. Sie litten, sie bluteten, sie schwitzten, und manch einer geriet erstmalig an die Grenzen seiner Selbstbeherrschung, als Sabaco sie einen Tag um den anderen endlos marschieren ließ. Lange Märsche verschlissen nicht nur den Körper, sie zehrten in ihrer endlosen Monotonie auch am Verstand.


    Am Ende jedoch hatten sie alle Pflichtmärsche absolviert und jede einzelne Waffengattungen mindestens einmal in der Hand gehabt. Mit diesem neuen Wissen im Gepäck und reich an Erfahrungen kehrte die Ausbildungsturma nach mehreren Tagen heim in die Castra, um den regulären Ausbildungsbetrieb fortzusetzen.

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