Beiträge von Eretha

    Sie blickte sich kurz in dem Zimmer um, das ordentlich aufgeräumt schien, und welche sie wohl mit anderen würde teilen müssen - aber es bekümmerte sie wenig, hatte sie doch im Stamm auch nie ein eigenes Zimmer gehabt. Häuser ließen sich schlecht auf den Rücken eines Pferdes packen und in die Steppe mitnehmen ... so nahm sie ihr neues Quartier mit einem gleichmütigen Nicken auf, letztendlich hätten ihr auch eine Decke und der nackte Boden gereicht. "Wer schläft noch hier?" damit deutete sie auf die augenscheinlich 'belegten' Betten, bevor ihr Blick wieder Helena galt. Dann nahm sie eine entspannte, stehende Haltung an und schien darauf zu warten, dass ihre neue Herrin ihr erklären würde, was sie in der Zukunft mit ihr vorhatte.

    Sie nickte leicht, bevor sie sich ihrer neuen Herrin und deren Bruder anschloss, um ihr zu folgen, weg von dem schmierigen Händler, weg vom Forum, auf dem sie nur eine Ware war - und hinein in einen neuen Abschnitt ihres Lebens in der Gefangenschaft.

    "Sie heisst Lantara," sagte die Amazone und ihr Lächeln blieb für einige Momente lang bestehen, in der Erinnerung verhaftet, in der so vieles einfacher und klarer gewesen war. Die Erinnerung an die Weiten, die sie auf ihren Pferden durchquert hatten, das freie Wandern ohne Grenzen, den Respekt, denen ihnen ihre Waffen und ihr Waffenhandwerk verschafft hatten - es war vorüber, ein beendeter Teil ihres Lebens. Früher hatte sie zu fliehen versucht, und es war ihr auch für eine Weile gelungen. Bis sie erkannt hatte, was wirklich geschehen war, wieviel das römische Reich sie gekostet hatte - es war riesig, und ein entlaufener Sklave war stets ein Feind.


    "Sie führt den Stamm nun an, weil ich es nicht mehr kann. Ihre Kinder werden stark und klug sein, weil sie den richtigen Weg gehen," fügte sie noch an und die Weichheit verlor sich langsam auf ihren Zügen. Denn wenn der richtige Weg der in Freiheit war, dann lebte sie gerade den falschen. Den falschen Weg für eine Amazone. Vielleicht den richtigen für eine Sklavin. "Wenn ich Dich beschützen soll, werde ich trainieren müssen. Nicht alleine, gegen einen Gegner, der zu kämpfen versteht." Die Gedanken waren gesprungen, hangelten sich gleich zum nächstwichtigen Thema, das für den Augenblick bedeutend war.

    Aufrecht stand sie vor der Römerin, den Blick nach wie vor auf sie gerichtet, und lauschte ihren Worten nachdenklich. Dass diese Frau Feinde haben sollte, schien ihr fast nicht zu glauben, aber sie klang aufrichtig - und der dünne rote Streifen an ihrer Kleidung sprach dafür, dass sie eine wichtige Stellung in der römischen Gesellschaft einnahm, das hatte sie von einem ihrer vorherigen Herren gelernt. Dennoch wirkte die blonde Römerin auf sie nicht wie jemand, der so schlecht mit anderen Menschen umging, um erbitterte Feindschaft oder den Tod von der Hand anderer zu verdienen - so nickte Eretha nur sehr langsam und erklärte: "Wenn ich bei Dir bin, wird Dich kein Mann berühren, wenn Du es nicht ausdrücklich wünscht." Dass das Wort 'Mann' dabei einen ausgesprochen abfälligen Beiklang erhielt, war kaum zu überhören. Die Amazone klang ausgesprochen selbstsicher, trotz der entbehrungsreichen Zeit im Verkaufsbestand des Händlers, eine Sicherheit, die entweder aus dem sicheren Wissen um ihr Können oder aber reiner Selbstüberschätzung geboren sein musste.


    "Wenn Deine Kinder lernen wollen, kann ich sie auch lehren. Ich habe selbst eine Tochter," sagte sie schlicht und für einen Moment wirkten ihre Züge weicher, weiblicher - wie die einer Mutter, die an ihr Kind nach wie vor mit viel Wärme und Liebe denkt.

    Sie zuckte nicht, als die Römerin ihre Verletzungen berührte, aber in ihrer Wange spielte ein Muskel, der verriet, dass es schmerzhaft sein musste, dort berührt zu werden - aber sie wehrte sich nicht, wich nicht einmal aus, sondern blickte Helena nur stumm entgegen, ihre Worte annehmend. Ihre neue Herrin wirkte freundlich, schien sich Gedanken um sie zu machen, aber wer wusste schon, wie lange diese Sorge anhalten würde? Es gab auch Römer, die Sklaven aus verschiedenen Herkunftsorten sammelten, um sich an ihrem Anblick zu erfreuen - solche Geschichten hatte sie sehr wohl ebenfalls vernommen. Menschen zu sammeln, wie Gefäße, es erschien ihr seltsam widersinnig, aber auch das gehörte zu ihrem Eindruck, dass sie die Römer wohl nie verstehen würde.


    "Ich danke Dir," erwiederte sie auf griechisch und streckte sich etwas, die Muskeln an Beinen und Armen entspannend, endlich wieder. Es tat wohl, den Körper langsam aber sicher reagieren zu fühlen, nicht mehr eingesperrt zu sein. Ihr letzter Herr hatte sie zum Latein gezwungen, und sie hatte damals begonnen, diese Sprache zu hassen, wie so vieles, was man ihr aufgezwungen hatte, um sie 'römischer' zu machen, einschließlich den Leib ihres Herrn. "Was wird meine Aufgabe in Deinem Haus sein?" fragte sie schließlich, die Erinnerungen fortwischend. Was zählte, war das Jetzt und Hier.

    Der Marktsklave zögerte kurz und blickte vergewissernd zu Helena, bevor er ihrem Befehl folgte - auch er hatte die Gerüchte über die Amazone gehört, und es reichte ihm zu sehen, dass sie kräftige Arme hatte, dass ihr Körper mehr der eines Kriegers war denn der einer Frau, wie man sie sich allgemein vorstellte. "Die Lüge erwächst nur dort, wo man sie braucht, um Ehrgeiz zu befriedigen, herangescharrten Besitz zu verteidigen oder den eigenen Gelüsten nachzugehen. Mein Volk kennt keinen Besitz," sagte sie schlicht, noch immer auf Griechisch, das ernste Gesicht hätte in diesem Augenblick auch einer Priesterin gehören können, so würdevoll formulierte sie die Worte. "Du hast mich gekauft, also diene ich Dir." Damit neigte sie den Kopf tief vor der Römerin, nicht aber vor deren Bruder, diesen hatte sie kaum mit einem Blick bedacht, als richte sich all ihr Sinnen und Streben im Augenblick auf die Frau vor ihr.


    Der Marktsklave hatte die Ketten gelöst, etwas offenbarend, was sie bisher verdeckt hatten - wund geriebene Hand- und Fußgelenke, die durch die dicken Spangen verschwunden waren, aber wirkten, als hätte sie diese nicht den ersten Tag getragen. "Ich danke Dir." Diesmal hatte sie das Lateinische benutzt, das sich seltsam rauh und kratzig anhörte gegen den weichen, wohlmodulierten Klang des Griechischen aus ihrem Mund - ein Unterschied wie Tag und Nacht.

    Die Amazone blickte ernst in das Gesicht ihrer neuen Herrin, die dunklen Augen spiegelten eine Vorsicht wieder, die man wahrscheinlich häufig bei Sklaven finden mochte - noch dürfte es schwer sein einzuschätzen, an wen sie geraten war, auch wenn diese Römerin freundlich wirkte. Doch auch Freundlichkeit war kein Dauerzustand, das hatte Eretha schmerzlich genug lernen müssen. Nicht alle ihrer Narben waren aus der Zeit vor ihrer Versklavung, und ihr gesundes Misstrauen eines Kriegers war dem Misstrauen gegen die ganze Welt gewichen.


    "Du solltest Dich lieber fragen, ob Du mir vertrauen willst," erwiederte die Amazone auf griechisch, das sie mit sehr weichem, melodischem Klang sprach, einem Schmeicheln gleich, fast wie ein Streicheln - und deutlich wärmer klang als das kratzige Latein des Händlers. Ihre Stimme mochte einen an weite Landschaften unter brennender Sonne erinnern, an eine Freiheit, die man fühlen, greifen konnte. "Denn letztendlich kann man keinem Menschen vertrauen. Wenn Du wissen willst, ob ich fliehen werde, wenn Deine Aufsicht nachlässig wird, dann sage ich Dir, dass sich dies danach richten wird, wie Du mich behandelst. Du wirst von mir nur die Wahrheit hören, ob sie angenehm ist oder nicht." Es war nicht schwer zu erraten, warum diese Sklavin als widerborstig galt - die meisten Römer hätten sie für diese Rede wohl auspeitschen lassen.

    "Ah, Du versüsst mir den Tag ausgesprochen sehr," schwelgte der Händler, als er den Beutel mit den Sesterzen in den Händen hielt, bevor er ihn in einer blitzartigen Geschwindigkeit unter seiner Tunika verstaute, als hätte er nie existiert, im Austausch dafür erhielt Rediviva Helena die Besitztafel der Sklavin. Zufrieden grinsend stapfte er auf das Podium, auf dem die Sklaven angebunden waren, und machte mit Hilfe des Marktsklaven die dicken Ketten der Amazone los. Er war sie los! Der Fluch der Götter wendete sich endlich auf andere, die sich das auch noch freiwillig ins Haus holten - ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Dass die Römerin die Amazone nicht in die Arena schicken wollte, kam ihm zwar komisch vor - seiner Ansicht nach taugte das widerborstige Biest für nichts anderes mehr - aber das war ab jetzt ein PAL. Ein Problem Anderer Leute.


    Überhaupt nicht wiederborstig ließ sich Eretha in den schweren Ketten zu ihrer neuen Besitzerin führen und blickte ihr direkt und offen entgegen, jedoch auch jetzt kam kein Wort über die Lippen der Amazone, als hätte sie zu ihrem Verkauf genau so wenig zu sagen wie zuvor zu den Anpreisungen des schleimigen Händlers.

    "Vierhundertzwanzig, also abgemacht!" sagte der Händler schnell und wandte sich schon wieder in die Richtung seines Standes, wohl wissend, dass die beiden Römer ihm folgen würden. Er winkte eifrig einem der Marktaufseher zu, anzeigend, dass er ein Geschäft gemacht hatte und wohl einen der Sklaven des Marktes brauchen würde, um es zu vollenden.
    "Eretha ist ihr Name, Eretha die furchtlose Amazone!" Jetzt, da er sie sicher verkauft hatte, konnte er sich auch wieder die Mühe machen, sie ein bisschen farbiger zu präsentieren. "Aus dem tiefsten Südosten, aufgewachsen beim Reitervolk der Amazonen, und sie kämpft vor allem mit dem Schwert und dem Bogen ... in der Arena wird sie euch sicher Ehre machen," beeilte er sich zu versichern, dann trat einer der Sklaven der Marktaufsicht an seinen Stand und blieb abwartend stehen.


    "Für ihren Transport sollte gesorgt sein, dieser Bursche hier sieht mir kräftig genug aus, um sie in Ketten im Zaum zu halten," damit deutete der Händler auf den Sklaven der Marktaufsicht, der tatsächlich die angepriesene Statur hatte. Nun konnte für den Händler der Höhepunkt des Aufeinandertreffens kommen - die Übergabe der Ware gegen die geforderten Sesterzen. Fast taten ihm diese verrückten Römer leid, die sich in Zukunft mit der Amazone würden herumschlagen müssen ...

    "Du bist ein vielmals kluger Mann, aber auch einer, der sehr sparsam sein möchte," versetzte der Händler und erwürgte den geizigen Römer im tiefsten Inneren seiner aus allen Poren lächelnden Seele insgeheim und mit wachsendem Genuss. "Glaube mir, für vierhundertzwanzig kommen wir beide noch gut aus dem Geschäft heraus, denn vierhundert wäre wahrhaftig ein Schleuderpreis, mit dem ich mich hier nicht mehr sehen lassen kann - und vielleicht habe ich das nächste Mal ein paar Ägypter dabei!" lockte er den Römer, oder besser, er versuchte es zumindest. Der Verkaufsabschluss rückte näher, das konnte er in seinem Inneren fühlen - und dann hätten diese Römer das Biest auf dem Hals, nicht mehr er - er wurde sie los und bekam dafür auch noch Sesterzen, einen besseren Handel konnte es nicht geben.

    Ha! Er hatte sie an der Angel, das Feilschen hatte begonnen - jetzt durfte nur kein Fehler gemacht werden, und er wäre die lästige Amazone los. Dass es überhaupt Leute gab, die sich das anscheinend auch noch freiwillig antun wollten, konnte der Händler kaum verstehen, denn er bereute inzwischen jeden Moment, den er sie bisher bei sich hatte haben müssen, aber wenn Römer etwas wollten, dann sollten sie es schließlich auch bekommen ... händerudernd blieb er vor Callidus stehen und machte einen Gesichtsausdruck der tiefsten Verzweiflung. "Aber Herr, ich muss auch an mein Geschäft denken! Was sollen die Leute denken, wenn ich Dir eine Sklavin so billig gebe? Sie glauben, ich bevorteile Dich und kaufen nie wieder bei mir!"


    Er lief fuchtelnd einen Halbkreis um Callidus und wirkte wie die perfekte Impersonifikation der Verzweiflung - diese Rolle hatte er schließlich auch lange genug einstudiert. "Ich biete sie dir für vierhundertsechzig an, aber nur, weil Du wie ein kluger Mann wirkst, der nicht weiter erzählen wird, dass ich sie Dir so billig abgegeben habe!"

    Innerlich alle Römer samt deren Enkel, Urenkel und Ururenkel verfluchtend, warf der Händler einen Blick auf seine Sklaven, die zum einen dekorativ, zum anderen feixend herumstanden - was ihn allerdings noch sehr viel mehr beunruhigte, war das Lächeln der Amazone. Er hatte sie bisher noch nie lächeln sehen, und dass sie es jetzt gerade tat, war irgendwie unheimlich - ein Lächeln, das dem so manches gewöhnten Mann doch einen kleinen Schauer über den Rücken jagte.


    Er wandte sich um und lief hinter dem römischen Paar her, bei dem er vermutete, dass sie Geschwister waren - ein Ehepaar hätte sich wohl anders gebärdet. "So wartet doch! Verschenken kann ich sie natürlich nicht, denn es wäre mein Ruin, eine Sklavin ohne einen Preis herzugeben, aber ich kann euch natürlich entgegenkommen, wenn ihr Interesse habt!" Schweiß stand ihm auf der Stirn, als sei er das warme Klima des Südens nicht wirklich gewöhnt, oder aber wegen irgend etwas gerade ziemlich erschreckt worden. "Für fünfhundert Sesterzen soll sie euer sein!"

    Der Händler schnappte unwillkürlich nach Luft. Dieser Römer fragte ernsthaft IHN danach, wieviel er zahlen würde, um die Amazone loszuwerden?! Die Augen weiteten sich merklich, es war klar, dass er mit so einer Frage nicht gerechnet hatte - aber dann schüttelte er schnell den Kopf.
    "Sie ist eine gute Kämpferin, und ich bin mir sicher, dass ich für sie einen anderen Kunden finden werde, wenn ihr sie nicht wollt - denn so viel Kampfkraft wird in der Arena immer gern gesehen. Derzeit sollen kämpfende Frauen ja in Mode kommen, vor allem in Rom." Das war ja wirklich die Höhe, was bildeten sich diese Römer eigentlich ein? Dass ihnen die ganze Welt gehörte? Hinter ihm stand die Amazone indes da und feixte ziemlich deutlich, war ihr doch das Erschrecken ihres Händlers nicht ganz entgangen - und sie wusste sehr genau, dass es ihm sehr schwer fallen würde, sie an den Mann zu bringen.

    Man hätte meinen können, ein doppeltes Sesterzenzeichen würde in den Augen des ändlers aufleuchten, als er den Disput der beiden still verfolgte - es zahlte sich meistens aus, wenn man den Kunden ein wenig zuhörte und auch dieses Mal bewahrheitete sich diese alte Händlerweisheit vollkommen. Wenn sie sich nicht auf einen Sklaven einigen konnten, vielleicht wurde er gleich beide los - natürlich zu einem geharnischten Preis, versteht sich, denn dieses Mannweib von Amazone hatte ihm schon einiges an Ärger bereitet.


    "Beide sprechen und verstehen das Lateinische, und sie spricht auch Griechisch, wenngleich sie bisher die Sprache der Bildung bisher nur verwendet hat, um lästerlich zu fluchen," zählte der Händler eifrig beider Vorzüge auf. "Wenn ihr euren Ruf in der Arena mehren wollt, so wären beide eine gute Wahl - ich biete auch spezielle Preise, wenn jemand gleich zwei Sklaven nehmen möchte." Der Köder war ausgelegt, nun musste man nur noch den Fisch ins Netz gehen lassen. "Ihr könntet beispielsweise zu jedem Anlass eine passende Begleitung wählen, manchmal ist ein männlicher Sklave passender, manchmal ein weiblicher die bessere Wahl," radebrechte er die Möglichkeiten herunter und behielt seine Kundschaft genau im Blick. Wer von beiden war derjenige, der am Ende bezahlen würde?

    "Einen Ägypter kann ich Dir leider nicht mehr anbieten, dominus die sind sehr beliebt und gehen allzu schnell weg, da ist der Nachschub derzeitig auch leider sehr schwierig. Aber wie wäre es mit Lachlan hier?" Er deutete auf einen großen Mann mit sonnenverbrannter, heller Haut, dessen feuerrotes Haar ihn als einen Briten oder Kelten auswies. Dieser drehte sich gerade einmal mehr herum, damit der Römer seine Muskeln besser begutachten konnte - er konnte von der Statur her auf jeden Fall den gewünschten Posten einnehmen, war er doch in etwa doppelt so breit wie Callidus selbst gebaut. Der Kelte wirkte, als hätte man einen Schrank auf seiner Brust abstellen können, ohne ihn ins wanken zu bringen.
    "Er war einst der Anführer eines aufrührerischen Stamms von Kelten, die immer wieder gegen die ruhmreichen Armeen Roms anzukämpfen versuchten - natürlich versagten sie, aber anstatt sich zu unterwerfen, gingen sie lieber in Gefangenschaft, so stark im Geiste ist dieser Mann!" pries der Händler den Sklaven in den höchsten Tönen an.


    Als Helena jedoch die Sprache auf Eretha brachte, verfinsterte sich das Gemüt des klebrig wirkenden Verkäufers deutlich und er schüttelte den Kopf. "Nichts als Sorgen bereitet mir dieses Weib! Sie ist eine Amazone, eine der furchtbarsten Kämpferinnen, die ich jemals gesehen habe. Siehst Du ihre Ketten, domina? Die stärksten die ich habe können sie kaum halten, so störrisch ist sie, und gibt man ihr eine Waffe in die Hand, versucht sie einen zu töten. Sie wurde weit im Osten gefangen, als sie mit ihrem Stamm gegen einen Trupp Parther kämpfte und diese besiegte - wenn Du eine gute Kämpferin für die Arena willst, ist sie sicher eine gute Wahl!" Er wirkte durchaus, als wolle er dieses Weib loswerden, das ihn - aller amüsanter Imitation von eben noch zum Trotz - mit gefletschten Zähnen anblickte und anscheinend kurz davor war, vor ihm auszuspucken.

    Man sagt Sklavenhändlern ein besonderes Talent nach - dass sie mögliche Kunden selbst schon in einem Abstand von mindestens zwei Rufweiten erkennen und dann ansteuern können. Die Wirklichkeit verhielt sich jedoch, wie bei so vielen nachgesagten Eigenschaften, komplett anders: Für einen Sklavenhändler war einfach jeder mit teuer aussehender Kleidung oder aber römischen Standesinsignien ein potentieller Kunde. So dürfte es kaum erstaunen, dass der Händler, sobald er Helena und Callidus erspäht hatte, alsbald auf die beiden zuwieselte und begann, den Segen aller möglichen Götter, ob nun römisch, ägyptisch oder von noch weiter her, auf sie herab zu rufen.


    "Vielleicht wollen die edlen Herrschaften an diesem wundervollen Tag meine Auswahl mit freundlicher Aufmerksamkeit studieren? Ich bin mir sicher, für jeden Geschmack und für jede Tätigkeit einen passenden Sklaven bieten zu können - Ludus hier zum Beispiel wäre ein perfekter ianitor, er versteht vier Sprachen und an ihm kommt niemand so schnell vorbei, der nicht das Haus betreten darf!" Beredt deutete der Händler, bei dem selbst die Worte irgendwie klebrig klangen, auf einen der Nubier, während die anderen Männer sich reckten und versuchten, wie es ihnen aufgetragen war, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Als der Händler gerade nicht hinsah, passierte jedoch noch etwas - Eretha, die wild blickende Frau mit den ausgesprochen dicken Ketten, imitierte übertrieben gespielt den Gang des Händlers und ließ ihn dadurch noch sehr viel lächerlicher wirken, als er es ohnehin schon war. Irgendwer nebenan lachte.

    Ein anderer Händler, ein anderer Tag ... zumindest war dieser fähig, das Lateinische so zu benutzen, dass man sich nicht unmittelbar davon belästigt fühlte, auch wenn der breitschultrige, mit viel Öl im halblangen Haar ziemlich klebrig aussehende Händer in der erstaunlicherweise sauberen Tunika die ebenso schmeissfliegenartige Vehemenz besaß, sich an einen potentiellen Kunden zu kleben und diesen so lange nicht in Ruhe zu lassen, bis er die Waren nicht mindestens einmal angesehen hatte. Wobei hier die Ware aus ausgesprochen gut genährt und kräftig wirkenden Menschen bestand, deren Muskeln hier zum Verkauf stehen sollten. Man hatte sich sichtlich Mühe gegeben, die teils dunkelhäutigen, teils hellhäutigen Menschen mit Öl und einem sauberen Haarschnitt so ansprechend wie möglich zu präsentieren, um einen guten Preis zu erzielen, und das Geschäft des Händlers lief an diesem Tag nicht schlecht. Er hatte bereits zwei Nubier verkaufen können - zu einem Preis, der zehn arme Familien mindestens ein Jahr lang in Rom gut hätte leben lassen können - und war guter Hoffnung, auch noch einen recht wild blickenden Germanen los werden zu können, da doch einige vorbeiflanierende Römerinnen gerade auf diesen ein Auge geworfen zu haben schienen.


    Die Person, die aus der Reihe der muskelbepackten Menschen herausstach, war eine Frau, die allein mit ihrem vor Wut strotzenden Blick schon einige Käufer fern gehalten hatte. Ihr schwarzes Haar hing ihr zwar gebürstet, aber nun wieder vom Staub Spaniens bedeckt ins Gesicht, die dunklen Augen funkelten so wild, als sei sie ein eingesperrtes Tier - und obwohl sie gegen die anderen Männer deutlich schmaler, wenngleich nicht schmächtig, sondern eher zäh wirkte, war sie es, welche die dicksten und stabilsten Ketten von allen trug. Auf ihren bloßen Armen und Schenkeln waren einige dünne, helle Narben auf der tief gebräunten Haut zu sehen, und ihre Haltung mochte einem geübten Kämpfer verraten, wessen Ursprungs diese Narben sein mochte - sie musste selbst schon gekämpft haben, trugen doch auch altgediente Soldaten oft an genau jenen Stellen Spuren vergangener Kämpfe. Eretha schwieg, doch ihr Blick sprach deutlich von dem, was sie denken mochte: Dass dieser Ort nichts war, wo sie länger verweilen würde, wenn sie es nicht müsste, und auch, dass die Todesarten, die sie sich für den Händler insgeheim ausmalte, alle der grausamen und schrecklichen Art angehörten.