Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Das war natürlich eine gute Frage. Was würde ich tun, wenn sie unfreundlich zu Deandra waren? Ich überlegte eine Weile hin und her und entschloss mich schlussendlich dazu, eine Antwort zu geben, über die man schmunzeln musste.


    "Ich würde an der porta klopfen und mich bei Claudius Vesuvianus beschweren wollen, immerhin ist er der pater gentis. Wer wird eigentlich dein neuer Vater sein?"
    Fragend blickte ich Deandra an, als sie den Umstand mit der gens maior erwähnte. In der Tat, das würde ein Problem darstellen können. Ich dachte nach.


    "Naja, eine Bestechung würde vermutlich nicht den gewünschten Effekt bringen, sondern sie vermutlich noch mehr aufstacheln", erwähnte ich, während ich hinter ihrem Rücken eine meine Worte begleitende Geste machte, bei der mir auffiel, dass sie die gar nicht sehen konnte. Also ließ ich sie los und legte meine Stirn an ihre, lächelnd, weil ich ihr Mut machen wollte. Doch das Lächeln schwand recht schnell, als sie mir diese vermaledeite Frage stellte, so völlig aus dem Zusammenhang gerissen, so vollkommen unerwartet, dass sich mein Gesicht im ersten Moment in eine versteinerte Maske verwandelte, auf der noch die letzten Züge eines Lächelns eingemeißelt waren. Das vermeintlich schlimmste aber an dieser Frage war, dass ich über sie nachdenken musste und mir schnell klar wurde, dass das Verhältnis zwischen Deandra und mir schon immer etwas besonderes hatte und noch immer besonders war.


    "Es gab niemanden, der mein Herz je so berührt hätte wie du es tust. Und deswegen wird unser Verhältnis auch immer etwas besonderes bleiben, ob du nun eine Aurelia bist oder eine Claudia", sagte ich, in der festen Annahme, dass es das war, was sie hören wollte. Natürlich hatte es die ein oder andere Liebelei gegeben, aber etwas wirklich ernstes war nie dabei gewesen, zumindest nicht für mich. Ich dachte kurz an Flavia Arrecina, aber auch das war nur flüchtig gewesen, auch wenn es beinahe in etwas anderes ausgeartet wäre.


    Ich sah Deandra in die Augen und sinnierte über ihre zweite Frage nach. So behandelt wie sie...warum fragte sie so etwas? Mir fiel auf, dass ich eine Spur zu dicht bei ihr saß. Augenblicklich rutschte ich etwas zurück, vermutlich war das der die Frage auslösende Auslöser gewesen.


    "Wie meinst du das, so behandelt wie dich?" fragte ich sie trotzdem, vielleicht etwas tumb, aber einen Reim konnte ich ich mir auf ihre Frage nicht machen.

    Lange betrachtete ich Deandras Antlitz, um feststellen zu können, was hinter ihrer Stirn wohl vorgehen mochte. Ich konnte es weder ablesen noch an ihrem Verhalten feststellen, also hob ich innerlich die Schultern und seufzte langgezogen. Wir befanden uns in einer Situation, die für uns beide nicht einfach war. Ich neigte immer noch dazu, Deandra die Schuld dafür zu geben, versuchte aber, diesen Drang niederzukämpfen, war doch der Grund für das Verlassen ihrer Familie ein für sie wichtiger. Und was für ein Bruder wäre ich gewesen, wenn ich ihre Entscheidung diesbezüglich nicht repektieren würde? Ich tat mich lediglich schwer mit dem akzeptieren, aber auch hier schritt die Logik in mein Denken ein und sagte mir, dass es nicht mehr umzukehren war und ich den Umstand, das wir von nun an getrennt waren, nicht mehr Bruder und Schwester waren, besser akzeptieren sollte. Die Versicherung, auch weiterhin meine Schwester zu bleiben, schien zwar aufrichtig, aber wir beide wussten, dass dem nicht so war. Ich sah Deandra trübselig an und seufzte erneut. Erst, also sie von der neuen Familie sprach, hörte ich sehr genau hin.


    "Dann sind es die Claudier, nicht?" hakte ich nach. Eifersucht prägte meine Stimme und ließ sich nicht daraus vertreiben. Ganz gewiss würde sie neue Pflichten in diesem Haushalt haben. Die Besuche würden immer seltener werden, bis sie schließlich ihre alte Familie vergessen haben würde. Griesgrämig runzelte sich meine Stirn, während ich das dachte.


    "Du sagst mir doch, wenn sie dich nicht so aufnehmen, wie du es verdient hast, nicht? Ich würde ungemütlich werden", sagte ich. Kurz darauf stellte ich fest, dass ich mich anhörte, wie ein Junge, dem man das liebste Spielzeug fort genommen hatte. Doch ich sagte nichts, denn wie eben dieser kleine Junge fühlte ich mich, doch war es nicht das liebste Spielzeug, sondern der liebste Gefährte, den man mir nahm.


    Obwohl die Aufforderung zur Umarmung von ihr kam, wirkte sie irritiert und verwirrt, als ich sie schließlich an mich heranzog und umarmte. Es würde für lange Zeit die letzte Umarmung sein, das spürte ich einfach, auch wenn ich nicht sagen konnte, woher das Gefühl rührte. Meine Hände hielten Deandra, ich strich kurz über ihren Rücken und schloss dann die Augen, um mir ihren Geruch einzuprägen. Ihre Haare dufteten nach Rosen und nach ihrer Selbst, eine betörende Mischung, die jeden Mann um den Verstand bringen würde, wenn sie auch nur einen anderen als jenen Mann in Erwägung ziehen würde, wegen dem sie nun sogar dem Schoße ihrer Familie entfloh.


    Ich hörte seine Ausführungen mit einem Schmunzeln auf den Zügen, besah mir den ansehnlichen Stapel von tabulae auf seinem Schreibtisch und musste schließlich lachen, als ich mir den tobenden Zahlmeister vorstellte, wie er rasend vor Wut mit Wachstefeln um sich warf und wie ein Dreijähriger, der seinen Willen nicht bekommt, auf und ab sprang. Grinsend zwang ich mich zu einem einigermaßen angemessenen Verhalten zurück, konnte mich eines Schmunzelns jedoch nicht erwehren.


    "Na, das wollen wir ja nun nicht. Ich wusste gar nicht, dass die Legio über solch große Ausgaben nachdenken muss. Aber ich muss gestehen, dass ich von den Dingen die Legion betreffend auch rein gar keine Ahnung habe. Vielleicht sollte sich das eines Tages ändern, ich ziehe nämlich eine gewisse Zeit beim Militär in Erwägung."


    Nun berichtete der Präfekt von zwei persönlichen Dingen, die ihm wichtig waren. Ich hörte auch hier seinen Worten aufmerksam zu.


    "Du solltest deine Kandidatur öffentlich bekannt geben, wenn der Termin zur Wahl angekündigt wird. Es reicht leider nicht aus, mir deine Kandidatur mitzuteilen. Ich würde mir wünschen, dass du Mantua als Standort deiner legio vertrittst, solltest du gewählt werden", sagte ich offen. Damit war dieses Thema abgehakt, doch bei seinem zweiten Anliegen musste ich zuerst etwas nachdenken, ehe ich etwas sagen konnte.


    "Hm. Du suchst also ein leicht zu unterhaltendes, möglichst alleinstehendes Haus. Lass mich einen Moment nachdenken."


    In Gedanken ging ich verschiedene leer stehende Häuser durch, die den Kriterien des Mannes vor mir entsprachen. In der Tat fielen mir auch zwei oder drei Häuser ein, doch von einem wusste ich, dass es dringend eine Renovierung nötig hatte, von dem anderen wusste ich, dass es derzeit noch bewohnt war. Das dritte Haus jedoch konnte interessant sein.


    "Mir fallen spontan drei Häuser ein, doch ehe ich etwas genaueres sagen kann, möchte ich noch einmal nachsehen, ob sie überhaupt geeignet sind. Wärst du denn bereit, das Haus deiner Wünsche gegebenenfalls renovieren zu lassen?"



    Sim-Off:

    Entschuldige die ungeplante, lange Abwesenheit. Ich habe das mit der curia nun einfach noch reingenommen, obwohl es ja Schnee von gestern ist.

    Eines Morgens besuchte ich meinen Kollegen von nebenan. Ich hatte einige Zeit das Bett hüten müssen, denn eine schlimme Grippe hatte mich heimgesucht, was auch der Grund dafür war, dass ich nun nicht in der curia saß, wo ich eigentlich als duumvir hingehörte, um die Interessen Mantuas zu vertreten.


    "Salve Albinus! Einen schönen guten Morgen. Na, was liegt an? Ich hätte einige Dinge mit dir zu besprechen. Zum einen geht es um einen Tempelbau, zum anderen um ein Straßenfest."

    Zitat

    Original von Lucius Aelius Quarto
    “Salve Marcus Aurelius Corvinus! Bitte, setz dich.“, begrüßte der Magister Domus Augusti seinen Besucher mit freundlicher Miene.


    Das Lächeln wich jedoch sachlichem Ernst, als er anschließend fragte: “Inwieweit ist die Wahl eines neuen Comes eine Angelegenheit, wegen der du den Imperator Caesar Augustus behelligen möchtest? Von welchem Comes reden wir überhaupt, dem der Regio Italia?“


    Ich folgte der Aufforderung des magister und setzte mich auf den mir dargebotenen Stuhl.
    "Ja, es geht um den comes der curia Italia, derzeit ist dies noch Aelius Callidus. Das lex de administratione Italiae sagt aus, dass der neue comes in der curia gewählt werden muss. Nun, eine solche Wahl gemäß dieses lex wurde durchgeführt, doch kam es zu einem Remis. In dem gleichen lex ist vermerkt, dass bei einem Gleichstand der Kandidaten der ehrenwerte imperator einen der beiden Kandidaten zum comes ernennt. Und deswegen bin ich hier und ersuche eine Audienz."

    Ich klopfte auch hier an und wartete, bis mir Eintritt gewährt wurde. Hernach trat ich ein und trug mein Anliegen vor.


    "Salve, mein Name ist Aurelius Corvinus, ich bin vicarius principis curiae und möchte gern mit dem Kaiser sprechen. Es geht um die Wahl des neuen comes und ist eine dringliche Angelegenheit."



    Sim-Off:

    Zu dieser Zeit war ich noch Mitglied der curia, ich möchte diese Handlung nur noch zu Ende führen.

    Der Schmerz hätte genauso gut von einem pilum herrühren können, das mir jemand mitten ins Herz gestoßen hatte. Für einen Außenstehenden mochte es nichtig sein, mein Verhalten vollkommen überzogen aussehen, denn Deandra weilte schließlich noch unter den Lebenden und ich würde sie jederzeit besuchen können. Trotzdem, sprach der Trotz in mir, trotzdem hatte ich sie verloren, vielleicht für immer. Wie viele neue Brüder mochte sie in ihrer neuen Familie haben, wie viele neue Verwandte, denen sie ihre ganze Liebe entgegenbringen würde. Ich war dann nur noch ein Bekannter, vielleicht ein Freund, ein netter Junge, mit dem sie irgendwann einmal Spaß gehabt hatte, der es nun aber nicht mehr wert war, dass man ihn einen Bruder nannte! Oh ja, wie sehr steigerte ich mich in diese Gedanken herein, wusste ich doch selbst spätestens in jenem Moment, da Deandras Worte an mein Ohr drangen, dsas sie vollkommen absurd waren.


    Unendlich langsam hob ich den Kopf und blickte meine...Deandra aus traurigen Augen an. Wie sie dort saß, wie sie mich ansah, wie sie sprach... Ich liebte ihr ganzes Sein in diesem Moment so sehr, dass es für mich kaum mehr zu ertragen war, still zu stehen oder in diesem Raum zu verweilen. Dennoch, ihr um Verzeihung bittender Blick, der Hoffnungsschimmer hinter ihren hübschen Augen und das unausgesprochene Versprechen, mich nicht allein zu lassen, niemals, bewegten mich dazu, nicht fluchtartig den Raum zu verlassen, sondern mich herumzudrehen und zu einem der Stühle zu schlurfen, auf dem ich mich verkehrt herum niederließ, mit Blick zu Deandra. Die Scherben der zerbrochenen Karaffe lagen wie ein Mahnmal zwischen uns. Ich dachte über mein Verhalten nach, während sich Stille im raum ausbreitete.


    Schließlich hielt ich es auch auf diesem Stuhl nicht mehr aus, erhob mich und machte einen Bogen um die Scherben und die verschüttete Flüssigkeit, um vor Deandra stehen zu bleiben und ruhig auf sie herunter zu sehen.


    "Es tut mir leid."


    Warum nur hörte sich meine Stimme so an, als sei sie nicht meine, sondern die eines alten Mannes, der seiner Frau am Sterbebett die letzte Bitte abschlug? Ich verschloss die Augen vor meiner Selbst und setzte mich neben Deandra, diesmal als Freund und nicht mehr als Bruder. Da ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen, die genauso rastlos waren wie ich selbst, legte ich sie locker ineinander.


    "Was du tun kannst? Ich weiß nicht. Das ist... Du bist doch immer noch meine Schwester, egal was irgendjemand auf irgendein Papier geschrieben hat. Warum trifft es einen immer dann so sehr, wenn man selbst betroffen ist? Es tut weh, Deandra. Du lässt mich allein, du lässt uns allein. Bitte sage mir, dass deine neue Familie dich gänzlich willkommen heißt. Sie wissen nicht, was ich an dir habe und was ich mit deinem Fortgang verliere", sagte ich zuerst normal, doch unwillkürlich verlagerte sich der Ton ins Flüstern hinein. Den letzten Teil begleitete eine hilflose Geste, mit der ich eine unbeugsame Haarsträhne aus ihrem Gesicht zurückstrich.

    Als ihr Atem mein Ohr streifte, war ich plötzlich froh, am Morgen eine toga gewählt zu haben, statt einer tunica. Stets hatte ich mich nach dem Sinn der unzähligen Falten gefragt, doch nun hatte ich ihn ergründet, den Sinn, der hinter den Falten lag - oder er darunter? Ich schmunzelte aufgrund meiner eigenen Gedanken und wandte den Kopf in jenem Moment, in dem Arrecina meinen Hals mit ihren verheißungsvollen Lippen streifte. Ich war weit entfernt davon, meine Sinne schwinden zu fühlen, doch etwas bemerkte ich schon: die Gier, die so stark ansteig, dass ich es kaum mehr aushielt, hier neben ihr auf dem kühlen Pflaster der römischen via zu stehen, so unendlich weit von einem lauschigen Plätzchen entfernt und die Villa zugleich nur wenige Straßen entfernt liegend. Ich sah Arrecina an, und etwas in ihrem Blick versetzte mich in eine Art Trance, in der ich kurz nach ihrer zierlichen Hand griff und meine Finger über ihre zarte Haut rinnen ließ. Trotz der Hitze dieser Begegnung keimte in mir etwas auf, das sich nicht wegdrängen ließ. Arrecina war eine Patrizierin, die augenscheinlich versprochen war. Was würde sie erwarten, wenn der Mann, der sie ehelichen würde, herausfand, dass sie nicht mehr jungfräulich war? Nun, eigentlich konnte mir das gleich sein. Andererseits war ich in gewisser Weise auch ein Mann von Ehre. Ich wirkte mit einem Male angespannt und nachdenklich, grübelte ich doch darüber nach, ob ich mir egoistisch nehmen sollte, was sie mir darbot, oder ob ich sie schützen sollte vor sich selbst. Wie alt mochte sie sein? Beinahe eine Dekade unterschied uns. Die Trance fiel von mir ab, und auch andere Wogen glätteten sich. Wenn jemand erfahren würde, wer ihr die Unschuld geraubt hatte? Würde dann ihr Vater vor mir stehen und mich maßregeln? Gab es vor dem Gesetz eine Strafe, die darauf stand? Ich verhielt mich wie der Junge, der ich einst gewesen war, schalt ich mich gedanklich. Arrecinas Hand lag noch in meiner, doch ich führte sie zu ihr zurück und ließ sie dann los.


    "Flavia Arrecina, du bist eine beeindruckende Frau, die vermutlich einzigartig ist in Rom. So verlockend das Angebot auch klingt, das du mir machst, so wenig kann ich es annehmen. Ich fühle mich geehrt und bin beeindruckt, doch ist es nicht rechtens, dir etwas zu rauben, das du niemals mehr zurück erlangen kannst. Gern begleite ich dich noch auf deinem Wege, doch fürchte ich, dass er nicht dorthin führen wird, wo du sein Ende vermutest."


    Ja, es kostete mich Anstrengung, diese Worte zu sagen. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen, und wenn ein Aurelier eine Entscheidung traf, so konnte man ihn meist schwer wieder davon abbringen.

    Ich wusste nur zu gut, was Vesuvianus mit dieser Aussage meinte, nickte verstehend und ließ mich etwas tiefer ins Wasser rutschen. Lange würde ich nicht mehr hier drinnen bleiben können, bereits jetzt war die Haut an Füßen und Händen aufgequollen und wässrig.


    "Dies ist auch der Grund, aus dem ich erwäge, mich zuerst im Militär zu engagieren, ehe ich mich für den cursus honorum entscheide. Ich sehe das genauso wie du, Claudius, ein Senator, der keine gewisse Zeit beim Militär nachweisen kann, ist für mich jemand, der fehl am Platze ist. Es kursiert derzeit ein Gerücht, dass die gängige Praxis überarbeitet werden und genau dies miteinbezogen werden soll. Sollte es geändert werden, würde ich das sehr begrüßen.
    Wie funktioniert die Zuteilung zu einem Ausbilder während der Grundausbildung?"




    Sim-Off:

    Entschuldige die nicht geplante Abwesenheit

    In Sachen curia und in Funktion des vicarius kam ich nun also an diesem officium an und erbat mir Einlass. Als mir dieser allerdings verwehrt blieb mit der Auskunft, beim magister domus augusti um eine Audienz zu bitten, wandte ich mich um und suchte eben jenen in seinem officium auf.

    Das Spiel der Frauen beherrschte meine Schwester perfekt, das musste man ihr lassen. Sie betrachtete jede noch so kleine Unebenheit meines Gesichts mit einer den Frauen eigenen Muße und gleichwie einer aufmerksamen Schärfe, die ich bisher nur in Deandras Blick entdeckt hatte. Vielleicht war sie auch niemand anderem zuteil außer ihr. Wie sie schließlich die Lider niederschlug und eine leichte Unsicherheit einstreute, verwirrte sie mich nun ihrerseits. Eine schreckliche Vermutung keimte in mir auf wie ein vom Frühlingswind umwogter Samen in feuchter Muttererde, wuchs rasch zu einer Gewissheit und schoss zu einem Baum der Erkenntnis empor. Ich konnte nicht anders, ich musste den Blick von ihr abwenden, um nachzudenken und nicht dabei ihr Gesicht zu sehen, das mich traurig wie verwirrt zugleich ansah.


    Deswegen waren Vater und Mutter so still. Deswegen tuschelten die Sklaven über Deandra. Deswegen packte sie ihre Sachen und deswegen verhielt sie sich so, wie sie sich in diesem Moment verhielt. Langsam senkte ich meinen Kopf. Wie konnte es nur sein, dass es alle wussten außer mir? Warum hatte sie mir nicht eher davon erzählt? Und warum hatten Vater und Mutter sich nicht in der Lage gesehen, es mir zu erzählen, ehe ich es von Deandra selbst erfahren musste? Meine Hände ballten sich zu hilflosen Fäusten. Hatte ich zuerst noch angenommen, dass es sich um einen Mann drehte und sie deshalb packte, hatte ich noch angenommen, dass sie zu schockiert über die dunkle Seite meiner Selbst war, wusste ich nun, was meine Schwester damit meinte, wenn sie sagte, dass sie nicht mehr meine Schwester sei. Diese Erkenntnis schnürte mir die Kehle zu und ließ mich frösteln. Seit ich denken konnte, war Deandra meine große Schwester gewesen. Sie hatte mich geneckt und ich hatte ihre Streiche gedeckt. Wenn Vater erzürnt gewesen war, hatte ich alles auf mich genommen, um sie zu decken. Und nun ging sie freiwillig? Wegen mir?


    "War ich denn ein so schlechter Bruder", nuschelte ich mehr zu mir selbst als zu Deandra in die Hände, in denen ich mein Gesicht barg, mit gekrümmtem Rücken und sitzend wie ein alter Mann, so unendlich müde und doch von so großem Schmerz erfüllt in diesem Moment, dass es mit der Beherrschung vorbei war.


    Die Trauer und Enttäuschung ließ sich nicht fortschieben, aber sie ließen sich in Wut verwandeln. Eine Verwandlung, die ich in diesem Moment nur zu gern zuließ, schützte sie mein tiefstes Inneres doch vor dem bedrohliche Knacks, der mich in eine tiefe Depression gestürzte hatte. Mit einem Ruck sprang ich recht unedel vom Bett auf und durchquerte den Raum, bis ich vor der kleinen Sitzecke zum Stehen kam, auf deren Tisch eine Obstschale und eine Karaffe mit kühlen Getränken zum Verweilen einluden. Inzwischen atmete ich heftig, hatte jedoch noch immer kein Wort gesagt. Das holte ich nun nach. Ich drehte mich wutentbrannt herum und starrte Deandra aus den Augen des Zerberus an.


    "Du lässt dich adoptieren, einfach so? Wie kannst du nur, Deandra! Ist dir denn nicht mehr wichtig? Weißt du denn nicht mehr, dass wir beide...dass du und ich einmal unzertrennlich gewesen sind? Beim Iuppiter, und nun gehst du...du gehst wegen ihm? Du verlässt deine Familie, kehrst allen, die dir lieb sind, den Rücken, nur um vor dem zu flüchten, was du niemals bekommen wirst?" donnerte ich.

    "Was glaubst du, wie es Vater dabei geht? Wie es Mutter dabei geht? Wie es MIR dabei geht? Ist dir das denn alles gleich? Hast du denn nicht einmal den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen? Wie lange weißt du das schon? Seit ich aus Germanien zurück bin, verhalten sich Familie und Haushalt anders. Ich Narr habe nach dem Grund gerätselt, nun weiß ich ihn. Verdammt!"


    Nun war es um die Karaffe geschehen. Das letzte Wort schrie ich aus vollem Halse, von Beherrschung war nichts mehr zu spüren, lediglich blinde Raserei erfüllte mich und verschleierte meinen Blick fürs Wesentliche. Die Karaffe landete mit einem lauen Peitschenknall mitten im Zimmer und bildete zusätzlich zu dem imaginären Abgrund nun auch eine deutlich sichtbare Grenze zwischen Deandra und mir. Es schien mir, als sei heute der Tag der Bekenntnisse in diesem Raum. Und mit diesem Gedanken kehrten Trauer und Enttäuschung mit voller Wucht zurück und milderten die scheußliche Wut auf ein erträgliches Maß ab. Noch immer heftig atmend schleppte ich mich zur Tür, öffnete sie jedoch nicht, sondern stützte mich rechts und links am Rahmen ab, um den Kopf nach unten hängen zu lassen. Eine Haltung, die so gar nicht eines Patriziers würdig war, doch in diesem Moment war mir das gleich. Ich war nichts mehr als ein Bruder, der seine Schwester verloren hatte und zugleich doch nicht. In dieser Stellung verblieb ich.

    Ja, mich gibt es noch.
    Nachdem mich mein Monitor so kläglich im Stich gelassen hatte und ich auf die Schnelle keine andere Lösung als eine Neubestellung fand, war ich nach Weihnachten nun auch knappe zwei Wochen im Urlaub - und das, ohne mich abzumelden.


    Ich bitte alle, die meine Abwesenheit direkt oder indirekt betroffen hat, um Entschuldigung. Jetzt werde ich mich reinlesen und dann wieder einsteigen. Danke für eure Geduld.


    Corvinus

    Ich hatte eine Versammlung anberaumt, bei der wieder einmal geübt werden sollte. Diesmal allerdings war es um einiges wichtiger, dass alle vollzählich erschienen, denn in wenigen Tagen sollten die agonalia stattfinden, zu ehren des sol indigens. Hier waren die salii collini ein wichtiger Bestandteil, deswegen heute noch einmal überprüft werden sollte, ob jeder Schritt saß, ob die Abfolge allen klar war und ob jeder sodalis bereit war, vor den Söhnen Roms und seinen Töchtern die Riten zu vollziehen.


    "Salvete sodales", sprach ich gut gelaunt.
    "Sind schon alle anwesend oder warten wir noch auf einige Nachzügler?"

    Deandra erschien einen Moment abwesend zu sein, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Ich musterte sie dabei und musste feststellen, dass sie irgendwie anders wirkte. Nur was an ihr anders war, das wusste ich nicht zu sagen. War es eine Spur Bitterkeit um die Mundwinkel herum? War der Glanz ihrer Augen matter als sonst?


    Sie zuckte mit den Schultern und sagte etwas, das mich verwirrte. Zuerst hielt ich es für einen Scherz, lachte kurz auf und schüttelte den Kopf, doch dann sah ich den Blick und blinzelte irritiert. Auch das Lachen verschwand recht schnell von meinen Zügen. Cicero hatte auch schon solche seltsamen Bemerkungen gemacht. Ich setzte mich gerade hin und taxierte Deandra mit prüfendem Blick.


    "In Ordnung, ich kann ja verstehen, dass du nicht billigst, was ich dir erzählt habe - aber du bist immer noch meine Schwester, auch wenn du eben noch gesagt hast, dass du es nicht mehr sein willst. Und du wirst immer noch hier wohnen. Irgendwie ist hier seit einiger Zeit sowieso etwas faul. Vater und Mutter ziehen lange Gesichter, Cicero ist missgelaunt und wenn ich frage, weichen mir alle aus. Also...was hast du vor, beim Iuppiter? Willst du schon wieder verreisen?"

    Ich wollte widersprechen. Unschön waren diese Aktivitäten keinesfalls. Sie waren ebenso schön und befriedigend, wie wenn man das Lager mit einer Frau teilte. Vertrauen, Begierde und Leidenschaft - das, was die fleischliche Liebe zwischen Mann und Frau ausmachte, machte auch die Liebe unter Männer aus. Aber ich wollte Deandra nicht noch mehr verunsichern, indem ich ihr das erzählte. So behielt ich es für mich und sagte auch nichts zu den Worten, die sie an mich richtete. Meine zukünftige Frau... Ich schmunzelte ob der Vorstellung, eine Frau zu finden und schließlich auch noch zu heiraten, und schüttelte den Kopf.


    "Meine zukünftige Frau... Ach Deandra, wahre Liebe kommt nicht oft vor und in einer Ehe wirklich selten. Ich weiß nicht...vermutlich sollte ich froh sein, wenn ich überhaupt eine angemessene Ehe führen werde, irgendwann. Ob sie nun auf Liebe basiert oder nicht. Naja. Lass uns nicht mehr darüber reden, wenn es dir nicht behagt."


    Einen Moment sann ich meinen Gedanken nach, dann zuckte ich unmerklich die Schultern und deutete mit einem Seufzer auf die beinahe leeren Schränke.


    "Und was hast du mir zu beichten, Schwesterchen?"

    Sie weinte. Und das löste in mir den Großer-Bruder-Reflex aus, denn wenn kleine Schwestern weinten, musste man sie trösten. Deandra war zwar älter als ich, aber sie war trotzdem meine kleine Schwester, wenn auch nur körperlich gesehen. Einen kurzen Moment nur ertrug ich den Anblick, dann schloss ich meine Augen und Deandra in die Arme. Beruhigend über ihren Rücken streichend sprach ich.


    "Das ist wohl ein Teil von mir, Deandra. Sei nicht traurig, bitte."
    Ich mochte solche Situationen nicht, einfach aus dem Grund, dass ich nicht gut trösten konnte. Schon gar nicht, wenn ich selbst ständig über den Sachverhalt nachdachte, den andere zum Weinen brachte. Ein leiser Seufzer kam über meine Lippen. Ich führte Deandra zum Bett und setzte mich gemeinsam mit ihr darauf, sie nicht aus den Augen lassend. Dann sagte sie, dass ich nicht mehr ihr Bruder sei. Es tat unglaublich weh. Aber da vermutlich jeder einmal etwas im Affekt sagte, was er nicht so meinte, verzichtete ich darauf, diese Aussage für bahre Münze zu nehmen und schob die Enttäuschung weit von mir.


    "Ich bin doch immer noch der, der ich war als ich wiederkam aus Griechenland. Was uns verändert, sind Erfahrungen, die wir machen, und die Meinungen der Menschen, die uns nahe stehen. Bis vor wenigen Minuten hast du noch anders über mich gedacht. Ich habe mich in dieser Zeit nicht verändert, es sei denn, mein Bart ist rapide gewachsen..." versuchte ich einen vermutlich schlechten Scherz. Dass sie das so sah wie sie es sah, versetzte mir einen Stich, aber ich bereute nichts und wollte es auch nicht einfach sagen, ohne es ehrlich zu meinen.