Beiträge von Tilla Romania

    Tilla blieb nicht lange auf dem Kletterbaum sitzen. Sicher, sie war traurig darüber, dass so viele auf einmal weggingen und dass sie die nächsten Nächte mehr oder minder alleine in den Schlafräumen der weiblichen Sklaven verbingen würde. Köchin Niki und die Sklavin Dina waren zwar noch da. Aber das war nicht dasselbe wie mit Siv oder Hektor zusammen zu sein. Langsam kletterte sie runter und schlug abermals den Weg zurück ins Haus ein. Ihre Füße trugen sie in den Schatten der Säule, wo sie sich zusammenkauerte und abermals die eine oder andere wehmütige Träne verdrückte. Sie saß zu weit weg, um alle und alles verstehen zu können, aber anhand der Gesten und Mimiken konnte sie sich einiges zusammenreimen.


    Als Hektor hinausging war sie versucht ihm nach draussen nachzulaufen. Leones massiger Körper würde sie daran hindern. Außerdem kam gerade Besuch, der laut und merkwürdig und komisch daher redete. Immer noch vom Gedanken besessen sich richtig von Hektor zu verabschieden, zog sie die ledernen Sandalen aus, liess sie hinter der Säule liegen. Leise und langsam erhob sie sich und schlich dem Eingang näher und näher. Der Besuch irritierte sie und sie war zu spät. Leone setzte sich gerade auf den Schemel. Auf den Lippen kauend hielt Tilla inne, versuchte eine Idee herzukriegen, wie sie Leone von der Tür weglocken konnte. Ablenkung schadet den meisten nicht. Nur wie und woher bekam sie Ablenkung her? Tilla bekam den Hauch einer Ahnung, dass in der Villa Aurelia nichts mehr so sein würde wie vorher.

    Si. Das 'A' steht für seinen Namen. bestätigte Tilla nickend und gebärdend. Der Kleine war ganz schön neugierig... aber irgendwie machte es auch Spaß einfach mal erzählen zu können wie es ihr nun nach dem Verkauf als Sklavin in eine Familie ging. So schlecht hatte sie es wirklich nicht getroffen. Bei ihnen geht es mir wirklich besser als auf der Straße. Wieder holte sie die Tafel hinzu, um zu schreiben. aurelii Der Herr ist ein Aurelier. Die Herrin eine Aurelierin. Sie hielt die Tafel Pumilio zum Lesen entgegen. Und warum wollen sie nichts mit dir zu tun haben? Nur weil du kleiner als sie bist? Du wirst bestimmt wachsen und dann so groß wie mein Herr werden.


    Lust zu einem Ausflug mit dem Knirps hatte sie, nur wieviel Zeit würde Prisca noch da drinnen im Haus verbringen? Tilla sah zur Sänfte zurück und stellte fest, dass Prisca immer noch nicht zurück beziehungsweise aus dem Haus getreten war. Und nun? Ihr Auftrag lautete warten, aber welche Art von warten? Vor der Sänfte bei den Leibwächtern? Innerhalb der Seitengasse? In Sicht- und Rufweite? Hm... grübelte sie. Wieviel Zeit ich habe weiss ich nicht. Und ob sie böse sein wird weiss ich auch nicht. Sie ist sehr gütig und hat gesagt, ich soll mir was kaufen. Etwas kaufen gegen die Traurigkeit. Konnte man das überhaupt? Sie spürte des Gewicht der vor kurzem erhaltenen Sesterzen in ihrem Beutel. Tilla sah nachdenklich die Seitengasse rauf und runter, hin- und her gerissen was sie tun sollte.


    Warte bitte... bedeutete sie Pumillio und lief zurück zur Sänfte, wo sie die Nachricht niederschrieb und die Tafel mit ihrem richtigen Namen hinterliess. Liebe Herrin, im Tempel der Sybille war so viel los, worüber ich nachdenken muss: die alte Frau, die den Tränenstein kennt und keine Antwort vom Orakel. Ich danke für Eure Sesterzen und bin unterwegs zum Apfelhändler. Ich komme sofort wieder. Wenn wir uns verpassen, dann bin ich längst auf dem Weg zur Villa. Verzeiht mir die Sandkörner-Minuten die ihr allein seid. Es dauert sicher nicht lange. Tilla Mit einem Lächeln legte sie die Tafel auf Priscas Kissen ab und rannte zu Pumillio zurück. Wo geht's lang? Sie schüttelte die Haare und strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Ein merkwürdiges Glücksgefühl durchströmte ihren Körper. Jetzt würde alles besser werden. Das spürte sie. Wenn sie sich da mal nicht irrte!

    Still führte sie den medicus durch die Gänge, bis vorne endlich angenehm helles Tageslicht zu sehen und leise Stimmen zu hören waren. Die Personen, die der Arzt sprechen wollten, waren tatsächlich anwesend. Mit einem leisen Räuspern machte Dina auf sich aufmerksam, verliess den Schatten des Hauses. "Entschuldigt, Herr und Herrin, die unerwartete Störung und Unterbrechung. Der medicus möchte Euch beide auf einmal sprechen." Dass er eben bei der kranken Tilla in den Schlafräumen der weiblichen Sklaven gewesen war, konnte er sicher selbst sagen. Dina machte sich insgeheim Sorgen um das kranke Mädchen. Mit einem Nicken schickte sie den Mediziner vor zu den Herrschaften. Langsam trat sie zurück und machte sich unsichtbar, wie es von ihr verlangt wurde.

    Die Sklavin Dina nickte und entfernte sich von Tilla, ebvor sie wieder wach werden konnte. "Wie Ihr wünscht..." An der Tür nahm sie ihren unsichtbaren Freund Rollo wieder bei sich auf und warf ihm Blicke zu, dass er bloß still sein sollte. "Ich bringe Euch zur Terrasse..."

    Ein bisschen viel auf einmal? Sie kräuselte die Nase. Nun, es hörte sich nicht so danach an, vielleicht war es in der geplanten Ausführung ein wenig viel. Egal... sie konnte sich jedenfalls schon mal drauf freuen, wenn Hektor schon so sprach, als ob sie es wirklich machen würden. Tilla schenkte ihm ein breites Lächeln. Es hört sich jedenfalls gut an. meinte sie schlicht. Das Erholen gehörte eben zwischendrin mit dazu. Hektor musste laut seinen Worten schon wieder gehen. Tilla winkte ihm mit einer Hand nach und wandte sich dem Arzt zu. Salzige Luft? Äskulap und Apollo? Sie sollte noch Wochen im Bett liegen? Bevor sie etwas dagegen sagen konnte, trat Dina ein und überbrachte den Krug Wasser.


    "Hallo Tilla. Salve Medicus, ich bringe Euch zum Herrn oder zu Aurelia Prisca, wenn Tilla getrunken hat." Die Sklavin füllte einen Becher und half Tilla sich aufzusetzen und aus dem Becher zu trinken. Tilla trank den ganzen Becher leer und kuschelte sich nach dem Hinlegen ins Bettzeug hinein. Mal gucken, was die Möwen sagen, wenn sie mich wiedersehen. gebärdete sie bevor sie auch schon wieder einschlief. Dina schüttelte den Kopf und deckte Tilla sorgsam zu. "Sie träumt schon wieder von den Möwen." Nun wandte sie sich ganz an den Medicus, ignorierte ihren unsichtbaren Freund Rollo. Nach dem letzten Terz, den Matho wegen Tilla veranstaltet hatte, durfte mit Ausnahme von Hektor kein weiterer mehr den Schlafraum der weiblichen Sklavinnen betreten. Der medicus war natürlich eine besondere Ausnahme, da er hoffentlich die Lösung wusste, wie man die kleine Tilla gesund machte. "Zu wem wollt ihr gehen? Zu Marcus Corvinus oder Aurelia Prisca? Beide sind derzeit im Haus anwesend."

    Wenn Tilla hätte Gedanken lesen können, so wäre sie schon mehr als misstrausich geworden. Aber zu Pumillios Glück konnte sie keine Gedanken lesen. Der Junge sah sie so an, als ob er wirklich ihre Gesten verstand und schaute auch so drein, als ob er sie aufmerksam verfolgte. Von diesen Menschen, die ihre Gesten verstanden und ihr zudem noch fremd waren, gab es nur sehr wenige. Sie hatte bisher nur sprechende Menschen getroffen. Die stummen Sklaven in der Villa Claudier hatten sie fasziniert, da sie das gleiche Problem hatten wie sie: nämlich nicht sprechen zu können. Leider war sie den claudischen Sklaven nicht mehr begegnet, nicht mal außerhalb der Villa, wo es sicherlich Gelegenheiten gegeben hätte sich näher mit ihnen auszutauschen. Zum Beispiel darüber wie sie denn mit der Stummheit klar kamen und ob sie wie Tilla eine Zeichensprache zur Verständigung mit anderen Menschen entwickelt hatten. Sie kannte Minna und Fiona, aber dass diese die beste Quelle waren, die ihr mehr über die stummen Sklaven verraten konnten, wusste sie nicht eben weil sie nie gefragt hatte welcher Gens sie angehörten oder bei welcher Gens sie arbeiteten.


    Pumillios Flüstern geriet in Tillas Vergessenheit, vielleicht hatte er was anderes gemeint oder sie sich verhört. Sie sollte wirklich besser darauf achten, dass der blaukristallene Tränenstein unter ihrer Kleidung verborgen blieb. Für Lob war sie jedenfalls empfänglich. Das Erröten ihrer Wangen war unvermeidlich. Und dann auch noch Lob von so einem kleinen Knirps. Achneee, echt? Sie kräuselte die Nase und schüttelte den Kopf, als ob sie das Erröten abwerfen wollte. Kein Revier und keine Begleiter? Das kam ihr doch sehr bekannt vor. Er bestand immer noch darauf ihren Namen zu erfahren. Sollte sie? Schweigend holte die Tafel hervor und schrieb einen Namen auf, den sie einst wirklich besessen hatte: Mia Ob er lesen konnte? Tilla atmete tief ein und aus, hob sogar die Schultern und senkte sie, um schliesslich mit den Händen Äpfel in die Luft zu zeichnen und eine bestimmte Bewegung zu vollführen. Willst du immer noch Äpfel stibitzen gehen?


    Tilla winkte dem Knirps, die Seitengasse ein Stückchen mit hinaufzugehen. Ich hatte beides, also Revier und Begleiter, ebenfalls nicht. Ich habe mich so gut wie möglich durchgeschlagen und versteckt, bis die Häscher des Sklavenhändlers mich plötzlich und unerwartet gefunden haben. Ich musste eine Nacht in einem Verschlag ausharren und wurde dann auf dem Sklavenmarkt verkauft. Es fand sich sogleich ein Käufer. Ein Mann, den ich selten sehe. Dunkelblonde Haare, braune Augen, elegante Kleidung. Dafür sehe ich die Herrin des Hauses und die anderen weiblichen Mitglieder und deren Besucherin viel öfter. Und einen Bart-tragenden Leibwächter, der heute sicherlich gerne mitgekommen wäre. fügte sie in Gedanken hinzu. Sie blieb stehen und sah Pumillio an. Ich frage mich heute immer noch, wie die Häscher von Titus Tranquillius mich in meinem Versteck finden konnten. Sie hob ihre Hände. Bist du ganz allein auf der Straße?

    Brav? Sie? Nein, eher arg traurig gewesen. Tilla nickte. Si, das war meine Herrin. erwiderte sie mit langsamen Gesten. Der kleine Junge schien sich auf ihr Spiel der Gesten einlassen zu wollen oder er hatte es irgendwoher gelernt. Sie ging zur Sänfte zurück und holte die Schreibtafel herbei, während sie dem plappernden Jungen zuhörte. Ihren eigenen Namen verriet sie nicht so schnell und den anderen Decknamen behielt sie nach der Erfahrung mit Lucanus ebenfalls noch für sich. Tilla nickte und schüttelte abwechselnd mit dem Kopf, versuchte zu bestätigen oder zu verneinen und zugleich eigene Fragen in seinen Fluß hineinzuquetschen. Nein, wir kennen uns wirklich nicht. Ja, ich kann nicht sprechen. Auf der Straße lebst du; so? Wo sind denn deine Begleiter? Die, die dir helfen dein Revier zu verteidigen? Sie schmunzelte über seine Versuche, sich größer darzustellen.


    Jupp.. es gibt Händler, die solche Äpfel und solche Äpfel verkaufen. Vielleicht hast du schlichtweg in den falschen Korb gegriffen? Die besten Äpfel sind immer in den mittleren Körben und in denen, die der Händler schnell erreichen und bedienen kann. erzählte sie ihm von ihren Erfahrungen bezüglich 'Äpfel stibitzen'. Die Leibwächter um sie herum verstanden eh nichts. Oder du musst den Händler länger beobachten und herausfinden, welche Körbe er besonders im Auge behält, die lohnen sich fast immer. Du musst aber flinke Finger und schnelle Beine haben. Prüfend musterte sie Pumillio. Bestimmt wog er ebensowenig wie sie als sie in die Villa Aurelia gekommen war.


    Was flüsterte er denn da? Tilla spitzte die Ohren. Unwillkürlich griff Tilla sich ihren Stein, der aus der Tunika hervorlugte und stopfte ihn zurück. Was guckst du so? Habe ich plötzlich so große Ohren auf dem Kopf? Oder mache ich so große Augen wie du? neckte sie ihn spontan und hüpfte einen Schritt zurück. Zeige mir doch den Apfelhändler und ich werde dir zeigen, wie man es richtig macht! Ihr Blick wanderte zum Haus und wieder zu Pumillio zurück. So schnell wie Prisca hineingegangen war, würde sie sicher nicht wieder herauskommen. Da konnte sie sich ruhig die Zeit vertreiben. Was ist? Zeigst du mir den Händler oder dein Revier?

    Aurelia Prisca verschwand in der Sänfte, demnach musste Tilla nun mit den anderen zu Fuß hinterher gehen. Mit gesenktem Blick wehrte sie die neugierigen Blick der Leibwächter ab und setzte sich in Bewegung. Unterwegs linste sie immer wieder mal auf die Tafel, sah nach, ob in der Zwischenzeit nicht doch noch ein Wort geschrieben oder zu lesen war. Nichts.. absolut nichts. Tilla fragte sich, ob sie die Frage falsch gestellt oder gar falsch formuliert hatte. Jedenfalls hatte sie doch noch etwas aus dem Tempel der Sybille mitgenommen. Nämlich die Bekanntschaft mit der alten Frau, die ihren Tränenstein schon einmal gesehen hatte. Das war doch recht wichtig zu wissen... auch als Bestätigung, dass der Stein nicht nur ein Stein war, wenn ihn so alte Frauen kannten. Oder lag sie mit ihren Gedanken verkehrt herum? In Gedanken vertieft und stetig zu Boden blickend, nahm sie ihre Umgebung kaum noch wahr.


    Beinahe prallte sie gegen den Sänftenträger, als die Sänfte zum stehen kam. Tilla hielt die Tafel fest, sah sich blinzelnd um. Wo war sie denn jetzt gelandet? Das Schild entdeckte sie trotzdem. CcC? Hm? Was sollte das bedeuten? Wenn sie das Schild gedanklich nach links drehte sah das so aus wie drei Pferde ohne Reiter, von denen das kleinste in der Mitte zwischen den beiden großen Pferden lief. Tilla schüttelte innerlich über sich selbst lächend den Kopf und wagte es kaum wirklich die Mundwinkel nach oben zu heben. Der Besuch des Orakels beschäftigte sie doch zu sehr. Prisca rief nach ihr...


    Tilla lief zu ihr rüber und legte die Tafel neben die Ältere in die Sänfte hinein um beide Hände frei zu haben. Kleid richten. Immer noch wunderte sie sich darüber, warum es denn so schwer war es selbst zu tun. Nunja... ihre Hände schossen nach vorne und begannen ihre Arbeit. *zupfrichtzupfglättzupfneufaltzupf* "Nun mach dir mal nicht zuviele Gedanken, hörst du! Alles hat einen Sinn. Da bin ich mir sicher. Hier hast du ein paar Sesterzen! Kauf dir davon was immer du möchtest." Huh? Tilla zog ihre Hände von Priscas Kleid zurück und spürte bald darauf das Gewicht von fünf Sesterzen in den Handflächen. Sich kaufen, was sie wollte? Meinte die Ältere das ernst? Tilla schloß die Finger um die Münzen, gab ein knappes Nicken zurück. Reicht es für ein Pony? fragte sie sich selbst und setzte eine unschuldige Miene auf.


    Plötzlich stand ein kleiner Junge bei ihnen und sagte ein Sprüchlein auf. Immer noch ziemlich verdutzt über Priscas Geste mit den Münzen sah sie mit an, wie der Junge auch eine Münze abbekam. Wieder nickte Tilla ihrer Herrin zu, dass sie hier warten sollten. Schloß sie damit auch den jungen mit ein? Tilla musterte ihn von unten bis oben. Erkannte in ihm ein Gesicht welches Jahre später in einem Film für Kinder über den Bildschirm flimmern würde. Der Titel hiess 'K. allein zu Haus'. Aber das wusste Tilla nicht, sie konnte nicht in die Zukunft schauen, wie sie eben erfahren hatte. Sie hob ihre freie Hand und zeigte fünf Finger an, zeichnete fünf Kreise in die Luft. Fünf. Ich habe mehr als du. Sie betrachtete ihn noch einmal, runzelte die Stirn. Kenne ich dich? gebärdete sie nach dem Verstauen der fünf Münzen in ihrem Beutel unterm Umhang. Du warst immer in der Nähe des Apfelhändlers... fügte sie hinzu. ...der aus den Kisten gefallenen Äpfeln wegen.

    Sie starrte an der alten Frau vorbei ins Leere und hielt die Tafel an ihre Brust gedrückt fest. Die Träne fiel nicht auf Tillas Tunika hinunter, denn sie wurde aufgefangen von einer warmen Hand die zudem ihre Wange berührte und streichelte. Eine lang vermisste Erinnerung stieg in ihr auf. Sie kannte lediglich die Hand der alten weisshaarigen Frau, die sie damals getröstet hatte. Tilla neigte aus dem Impuls der Erinnerung heraus ihren Kopf dieser warme Hand entgegen und genoß mit nun geschlossenen Augen diese Berührung auf der Wange. Sie dauerte nicht lang, aber es war gut diese Berührung zu spüren. Für Tilla schien die Zeit stehen zu bleiben, so kam es ihr jedenfalls vor. Bleib da... bei mir. bettelte sie in Gedanken.


    "Komm jetzt Tilla! Wir haben noch einiges zu erledigen! Nur die Götter allein wissen, warum sie dir diesen Blick auf dein Schicksal verwehren, Tilla." Priscas Stimme zerriss den für Tilla so kostbaren Moment. Das stumme Mädchen öffnete die Augen und hob die eigene Hand, um sich selbst an der Wange zu berühren. Was für eine Geste! Sie verabschiedete sich mit einem Knicks von der alten Frau und wanderte Prisca hinterher. Auf dem Weg zurück ins warme Sonnenlicht verdrückte Tilla überwältigt von den Erinnerungen und Gefühlen noch die eine oder andere Träne, wischte sie allesamt vom Gesicht. Den Tränenstein verstaute sie zurück an seinen Platz unter dem Tunikakragen. Entgegen aller Gewohnheiten drehte sie sich mitten im Ein-Ausgang zwischen den Säulen stehend um und winkte der alten Frau. Bestimmt hatte die alte Frau, die aus dieser Entfernung kaum noch richtig zu erkennen war, ihr Bestes gegeben. Tilla drehte sich um und folgte Prisca die Treppe hinunter. Der Weg war vor dem Besuch des Orakels schon angekündigt worden... es sollte noch der Markt besucht werden. Tilla seufzte bedrückt auf und kuschelte sich tief in ihren Umhang hinein.

    Sie schien wohl die richtige Bank anvisiert zu haben, denn die beiden miteinander redenden Frauen kamen auf sie zu. Nur war kein Tisch vorhanden, auf dem sie die Getränke abstellen konnte. Und noch schnell einen herschleppen?? Nee.. dass kam nicht in Frage. Da würde sie platt sein. Den Korb herzutragen war schon anstrengend genug gewesen. Kurzerhand hockte Tilla sich vor die Bank, holte ein kleines Tischtuch, welches sie für einen Tisch vorgesehen hatte und deckte damit die Mitte der Bank ein.


    Dann nahm sie die Becher heraus und füllte sie mit süßem Saft. Von welcher Frucht hatte Niki ihr nicht verraten. Sie kräuselte die Nase und schnupperte.. hm.. was konte das wohl sein? Die Frauen kamen immer näher. Tilla stand wieder auf und stellte die Obstschale in die Mitte, links und rechts fanden die Becher ihren Platz. Und bloß wie konnte sie den fehlenden Tisch ausgleichen, wenn die Frauen deswegen von der Bank essen mussten? Nach einer Idee suchend sah sie sich um. Tilla entfernte sich und kam mit einer Handvoll frühblühenden Blumen zurück, die sie auf die Tischdecke legte. So, das war doch wohl ausreichend genug, um den Herrinnen die neue Idee 'Auf der Bank sitz und von der Bank ess' schmackhaft zu machen, oder? Der weissen Statue aus Marmor, die in der Nähe stand, wollte sie es nicht unbedingt nachmachen, diese stand still auf ihrem Sockel und hielt etwas in der Hand. Also, mit Stillstehen auf einem Fleck sammelte man auch nicht wieder die fehlende Kraft ein, wenn man lange krank gewesen war, fand Tilla.

    So schnell kam sie nicht auf die Beine wie sie es gewohnt war. Dafür kam ihr jemand anderes entgegen. Es war eine zierliche Frau, die Tilla noch nie gesehen hatte. Sie sah fremdartig aus, aber dieser erste Eindruck wurde auch schon von der Art und Weise überdeckt, dass sie eines ihrer Walnüsse gefunden hatte. Zögernd streckte Tilla ihre Hand aus, nahm die Nuss entgegen und versuchte ein Lächeln zu fabrizieren. Bei ihr unbekannten Personen tauchte ihr Lächeln selten auf. Ein kurzes Nicken musste für den Moment und diese erste Begegnung ausreichen. Siv kam zu ihnen und entdeckte die Papyrusrolle. Gespannt wie ein Bogen wartete Tilla auf ihre Reaktion und atmete erleichtert auf. Es gefiel der Germanin sehr. Wusch... ihre Haare kamen durcheinander. Tilla lächelte Siv vergnügt an und nickte zu ihren Worten. Si.. das Hörnchen, ehm... Nusshörnchen und dazu die Walnüsse für zum Zerbeissen. Ja, sie erinnerte sich noch gut daran, dass Siv die Nüsse mit ihrem Kiefer knacken konnte.


    Siv stellte ihr die zierliche Frau vor. Tilla konnte nicht anders, nickte knapp und wandte sich Siv wieder zu. Ich wünsche dir eine gute Reise. Sie würde es mit Sicherheit schade finden, dass Siv nun gleich weg war. Besser sie brachte die Verabschiedung ganz schnell hinter sich, bevor die Tränen kamen. Tilla umarmte Siv spontan um die Taille herum, drückte sich für einen Moment an sie bevor sie sich von ihr löste. Ein letztes Lächeln.. dann wandte sie sich um und trabte zu Hektor der auf der Bank saß. Ihm legte sie ein kleines Päckchen in meerblauem Stoff hin. Wenn er es auspackte, würde er einen kleinen unbemalten Delphin aus Holz finden. Tilla schluckte und winkte ihm einen schlichten Gruß zu. Anschliessend war Ursus dran, aber er war nirgendswo zu sehen. Auf den Lippen kauend entschloß sie sich sein Geschenk in einer Kiste zu verstauen und dann aus dem Staub zu machen. Gedacht, getan, bald ruhte die blaue hölzerne Mini-Truhe zwischen den Gegenständen die er offenbar mitnehmen wollte. Auch dieses Stück hatte sie in blauen Stoff eingeschlagen. Tilla schluckte hart und schlug den Weg zum Kletterbaum im Garten ein. Jetzt ein paar Momente für sich haben und die Wehmut der Abschiede ertragen.

    Ein aufmunterndes Nicken. Die alte Frau sprach keine weiteren Worte. Langsam senkte Tilla ihren Blick zur Tafel hinunter, öffnete sie stückweise und hielt beim Anblick der leeren Schreibfläche den Atem an. Keine Antwort? Kein Schicksal? Tilla atmete aus und blinzelte mit den Augen: sie träumte diesen Anblick sicher nicht. Die Fläche auf der Tafel war vollkommen leer. Ihre Zeichnungen der Delphine und Haie, Stute Luna und die Münzen befanden sich auch nicht mehr darauf. Einfach nur leer, ganz und gar eine leere Fläche.


    Die Tafel rutschte aus ihren Händen, aber Tilla fing sie wieder auf, bevor sie den Boden erreichen und in viele Teile zerbrechen konnte. Nach der ersten Überraschung blickte sie Aurelia Prisca aus ihren dunklen Augen, sich ganz durcheinander fühlend, an. Und nun? Die Frau hatte den Weihrauch bekommen und keine Antwort mitgebracht. Keine Antwort auch eine Antwort? fragte sie sich selbst und die anderen beiden Frauen mit einem lautlosen Flüstern. Eine Träne perlte über ihre Wange hinunter bis zum Kinn, wo sie hängenblieb und sich ganz langsam daran machte der Schwerkraft nachzugeben, um irgendwann auf Tillas Tunika zu tropfen. Es war kein schönes Gefühl so in der Luft zu hängen, zu schweben zwischen Nichts und Sein, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Fallen und Platzen, zwischen Überraschung und Ernüchterung.

    "Tilla? Wie wäre es, wenn Du für die Damen etwas zu trinken und vielleicht auch etwas Obst holen würdest?" drang Ursus Stimme zu ihr hinüber. Tilla spähte zu den drei Erwachsenen hinüber. War das ein Scherz oder ein Auftrag? Mhm.. Ursus meinte es wohl ernst und er erwähnte ein Essen. Der junge Mann verliess die beiden Frauen, ging auf die Villa zu. Tilla rappelte sich auf die Füße und schlich Ursus auf Umwegen hinterher. Sie musste wohl wieder etwas verpasst haben.. ein Essen? Für wen oder warum? Nya, vielleicht konnte Köchin Niki ihr das beantworten?


    Mit dem Weidenkorb, den sie normalerweise für die Aufgabe des Kerzen auswechseln benutzte, kehrte Tilla zurück in den Garten und stellte fest, dass die Frauen sich vom Platz bewegt hatten. Sie stand still und lauschte in alle Richtungen... ah.. da hinten. So rasch ihre Kräfte es zuliessen eilte Tilla hinterher und stellte den gefüllten Korb zwischendurch auf dem Rasen ab. Das Tragen der Mitbringsel war sowas von anstrengend. Tilla biss die Zähne zusammen, hob ihn wieder hoch und erreichte Prisca und Clara mit einem DingDingDing.. Die Frauen waren in ihr Gespräch vertieft und da hinten war eine Sitzbank. Bis dahin trug Tilla den Korb und war erleichtert, als sie ihn endlich abstellen konnte. Etwas außer Atem lehnte sie sich an die Lehne der Bank und wartete ab was nun passieren würde. Das Getränk schwappte in der kleinen Amphore hin und her...

    Hektor sah sie an. Tilla blickte stumm zurück und spürte die Hand des Docs auf ihrem Gesicht. Still schweigend liess sie ihn wie beschlossen gewähren, da sie derzeit alles tun würde, um wieder gesund zu werden und bald das Bett verlassen zu können. Ein stummes Nicken von ihr bestätigte, dass die Salbe angenehm kühlend war. Gut, es ist gut. 'sprachen' ihre Hände, welche wieder auf die Bettdecke hinunter fielen.


    Mit der einen Hand umklammerte sie ihren Stein und hielt ihn einfach nur in der Hand fest. Sie schluckte und bemerkte die trockene Kehle. Durst. Kann ich was trinken haben? Nur zu verständlich, dass sie durstig war, das stete Schwitzen war schuld. Wieder wanderte ihr Blick zu Hektor. Ein Haus am Meer? Das Traumhaus gar? versuchte sie zu scherzen, was ihr grad so gelang. Ein Zelt wie die Flavier. Blaues Tuch. Schwimmen gehen. Sonnenaufgang gucken. Brühe essen. Luna reiten. Haie sind weg. Die Delphine sind da. Wenn sie denn schon mal wach war, Tilla würfelte durcheinander was ihr gerade an Gedanken zum Strand einfiel, oder durch den Kopf ging. Ein Ausflug zum Meer. Eine Aussicht, die ihr sehr gut gefiel. Möwen gucken. Muscheln sammeln.

    Wieder einmal war es die Köchin Niki, die die die neuesten Nachrichten parat und lautstark beim Frühstück verkündete. Siv würde weggehen und mit ihr noch andere Mitglieder aus der Sklavengemeinschaft. Tilla fand das sehr schade und hatte sich so einige Gedanken gemacht, was sie den Fortgehenden spontan mitgeben konnte. Ob Siv denn wiederkommen würde, konnte die Köchin Niki ihr nicht beantworten. Da musste sie schon Siv selber fragen. Fest umklammerte sie die Rolle Papyrus, die sie in ihrer Hand trug und in der anderen Hand hielt sie einen Beutel, in dem sich die Dinge für die übrigen befanden. Tilla hielt Kurs auf das atrium, den Ort der Verabschiedung und spähte um die Ecke. Na sowas, Siv tanzte durch den Raum!


    Sie sah Siv mehrere Momente lang zu und erspähte die wenigen Habseligkeiten, die auf dem Boden lagen. Mhm.. wenn Siv mit Tanzen beschäftigt war, so konnte sie ihr doch die Rolle noch zustecken, oder? Tilla gefiel auch die Melodie, welche Siv summte. Mit langsamen Bewegungen schlich sie hinter der Säule hervor und nahm nach einigen Metern auf dem Boden Platz. Behutsam nahm sie den Beutel auf den Schoß und knüpfte den Knoten auf. Die papyrus-Rolle musste ja irgendwie da rein gelangen. Hoffentlich würde Siv das Bild mögen?! Still lächelte Tilla vor sich hin und schmunzelte. Es war die bildliche Lösung dieses Rätsels, welches Niki ihr aufgetragen hatte. Unten drunter hatte sie sciurus vulgaris hingesetzt. Das Eichhörnchen saß auf dem Kletterbaum, den Tilla sich als Rückzugsort auserkoren hatte, wenn ihr alles zu viel wurde. Zu dem Bild hatte Tilla etwas aus der Küche stibitzt. Sie konnte die fünf Walnüsse nicht mit der ganzen Faust umfassen. Sie rollten ihr davon.

    Sie kuschelte sich in die Decke hinein und liess es zu, dass Hektor ihr ihre Tränen wegwischte. Ein bisschen Sand klebte in ihren feuchten Haaren, aber das machte ihr im Moment nichts aus. Vielleicht würde der Wind und die Sonne mithelfen ihre Haare zu trocknen. Immer noch linste sie aus den Augenwinkeln zu Hektor rüber, machte sich gefasst, was er zu den letzten gebärdeten Sätzen sagen würde. Keiner der Aurelier wusste von der Zeit, die sie vor dem Eingefangen werden verbracht hatte. Einzig Rutger Severus hatte ihre fingerflinke Geschicklichkeit am eigenen Leib miterlebt und war ziemlich überrascht gewesen sie ausgerechnet bei den Aureliern wieder zu finden. Tilla sah die Haare des großen Blonden vor sich. Zu Rutger Severus fiel ihr ganz schön viel ein. Er glaubte mich zu kennen und da hatte er gar nicht so unrecht. Garms Grimm hat er gesagt und mir noch einen Namen gegeben: Irrwisch. Severus kann lesen. Er kann zwar nicht so gut klettern, dafür weiss er aber ganz viele Geschichten über den Gott mit dem Hammer und den goldenen Pferdewagen. Er hat durch mich Siv kennengelernt und wozu er die Münzen brauchte hat er nie erwähnt. Ich hab ihn seit den Saturnalien nicht mehr gesehen... und hier hab ich ihn nicht gesehen.


    Hektor, der neben ihr saß, fing an zu sprechen, rubbelte sie ab. Tilla setzte den Kopf auf die Arme, die ihre Knie umschlangen und zugleich die Decke festhielten, ab und blickte aufs Meer hinaus. Ja... er hatte recht. Es gab soviele Dinge, an denen sie sich erfreuen konnte. Sie spähte zu Luna rüber, konnte sie unter den vielen Pferderücken nicht erkennen. Aurelia Prisca kam auch zur Sprache. Tilla sah Hektor an. Nein, ich kenne den Grund nicht. Er hat ihr einen Armreif in einer Kiste und ein grünes Kleid geschenkt. Manchmal bekommt sie Rollen aus Papier und lächelt beim Lesen so seltsam. Jetzt bringt er sie hierher zum Meer heraus. Dann kamen die Dunklen dazu, doch die Hellen helfen mir und ihnen. In seinem Zelt hängt ein blaues Tuch, so blau wie mein Stein. Was soll das alles nur bedeuten? Wer ist das überhaupt? Wie ist sein Name? platzte sie wie ein Wasserfall mit ihren Beobachtungen und Fragen heraus.


    Sie fand es gut drüber 'reden' zu dürfen anstatt wie bisher alles für sich zu behalten. Ja, der große Blonde. Ich hatte ihn schon vergessen gehabt. Da tauchte er plötzlich in der Villa auf und überbrachte mit Bridhe die Kiste und das Kleid für die Herrin. Seine hellen Haare waren es, die mich wieder errinnern liessen. Er hatte ganz schön viele Münzen in seinem Beutel und das war gut, um Essen und Trinken kaufen zu können ohne verjagt zu werden, weil man uns nicht gerne in der Nähe der Waren sieht. Er heisst Severus. Beim Fest im Garten und bei den Flaviern war er auch dabei. Ich habe mich zweimal weggeschlichen, um ihm eine Nachricht mit Treffpunkt für die Beutelübergabe zu geben. Das hat beides gut geklappt. Ihr habt nicht mal gemerkt, dass ich weg war... nicht einmal Matho. Die dunklen Haare störten doch sehr. Wie als ob sie wieder im einsamen Versteck war nahm sie ein Stück der Decke zwischen die Zähne, riss den Stoff ein Stück weit auseinander und schliesslich ganz ab. Mit flinken Bewegungen band sie sich die offenen Haare zu einem wilden Busch am Kopf zusammen. Du kennst ihn. fügte Tilla hinzu, sah Hektor direkt an.

    Jemand wartet auf mich im Garten?Dingding. Wegen Hektor?Dingding. Tilla nickte bestätigend, stiess ihr Glöckchen an und fragte sich gleichzeitig, wo eigentlich das goldene Glöckchen war, welches sie einmal von Prisca geschenkt bekommen hatte. Heute trug sie nur eines der silbernen Glöckchen, die sie von dem Herrn des Hauses von Marcus überreicht bekommen hatte. Später würde sie, wenn sie ein Quentchen Zeit hatte, es in ihrer Truhe heraus suchen gehen.


    Prisca verstand sie und wollte mit ihr in den Garten zurück gehen, kam auf sie zu. Tilla legte die Hand auf die Türknauf, um die Tür für sie zu öffnen und blieb stehen. Mit unsicherem Blick sah sie zur ihr auf, lauschte ihren Worten und bekam ein Lächeln. Es ging um ihre Krankheit. Tilla erinnerte sich nicht gerne daran zurück, aber wer tat das schon? Sie lächelte zaghaft. Danke, mir geht es wieder gut. Stimmt, die Reise ans Meer stand noch aus. Wenn sie daran dachte, rieselten warme Schauer über ihren Rücken. Ja, ich finde es gut, dass der Arzt da war, er und seine Medizin hat mich wieder gesund gemacht und alle anderen haben mich gesund gepflegt, damit ich wieder aufstehen und laufen kann.


    Davon, dass Hektor auf Reisen sein würde, wusste sie noch nichts. Es überraschte sie ein bisschen, dann würde ja die Reise ins Wasser fallen. Aber weit gefehlt! Prisca wollte noch mal zum Meer. Sie bekam einen Nasenstüber und rieb sich die Nase. Mit der Herrin ans Meer reisen, das hatte doch auch was. Tilla schloß die Tür zum cubiculum hinter sich und bemühte sich den Anschluß zu Prisca zu halten. Was hatte sie bloß sich nur für unnötige Gedanken gemacht?! Die Herrin war immer noch nett und freundlich zu ihr.

    Tilla hatte dank dem schnellen Schritts der Herrin und ihrer noch nicht vorhandenen Kraft ein wenig Mühe mit der Älteren mitzuhalten und stiess etwas später auf dem Kiesweg trabend zu der Gruppe hinzu. Sie sah, dass die zwei Damen und auch Ursus schon tief im Gespräch waren. Laut der Informationen von Ursus ging es um Hektor und sie befürchtete immer noch ein bisschen, dass der Bartträger etwas angestellt hatte! Na, nun sind sie ja vereint, dachte sie sich und setzte sich in bescheidener Entfernung am Rande des Kiesweges auf den Rasen, um sich vom Gehen auszuruhen. Mit einem leisen dingdingding ihres Glöckchens teilte sie mit, dass sie noch in der Nähe war. Man sie also nur nochmal zu rufen brauchte, wenn etwa ein weiterer Auftrag erfolgen sollte. Mit mäßigem Interesse spitzte sie ihre Ohren und widmete sich dem Neubinden der Sandalenschnüre.

    Ich bin immerzu müde. klagte Tilla flüsternd in Hektors Richtung. Mir tut alles weh. Unter der Decke wechselnd und dauernd kalt und heiss. Ein Arzt hier bei ihr? War sie so arg krank? Müde blinzelnd blickte sie zwischen Hektor und dem unbekannten Mann hin und her. Was machte der Arzt denn da? Die Neugier in ihr erwachte. Sie strengte sich verbissen an, um auf die Seite sich drehen zu können, um besser zuschauen zu können. Der Arzt erwähnte eine Salbe und Tee, den sie trinken sollte. Nur zu gerne wollte sie diese Mittelchen annehmen, hauptsache wieder gesund werden. Sie hatte die Nase voll vom Fieber und dieser Mattigkeit, die sie beinahe lähmte.


    Der Doc sprach über das Meer. Tilla fielen dazu die Möwen ein, sowie die Hellen und die Dunklen. Ja! Schwimmen gehen. Sonnenaufgang gucken. Brühe essen. Luna reiten. trug Tilla sich an den Ausflug errinnernd zu dem Thema bei und gähnte herzhaft. Kaum klappte sie den Mund zu begann sie erneut zu frieren. Das Gesicht verziehend kuchelte sie sich in die Bettdecke und liess den Schüttelfrostanfall über sich ergehen, bis er wieder vorbei war. Gleich würde ihr wieder warm sein und so war es auch. Tränen der Erschöpfung rollten über ihre blassen Wangen. Tilla streckte die Hand nach Hektor aus. Die Hitze soll weggehen... bat sie ihn. Ich will nicht durch den Schleier.. zum Tod passieren. Noch nicht. Mit der anderen Hand suchte sie nach ihrem Tränenstein, der ihr am schwarzen Lederband vom Hals hängen sollte, um sich mit dem Ertasten seiner vertrauten Form ebenfalls zu trösten.