Beiträge von Galeo Seius Ravilla

    <-- RE: Taberna Palindromos


    Nach dem Gespräch mit Valerius Flaccus war Ravilla guter Dinge. Die Götter liebten ihn und sie hatten allen Grund dazu. Herausgeputzt wie stets, seinen in exotischer Pracht erstrahlenden Perser anbei, stieg Ravilla wenige Tage später aus der gemieteten Sänfte. Anaxis half seinem Herrn, korrigierte den Faltensitz der blütenweißen und heute nach Pfirsich duftenden Toga, ehe er für ihn an die Porta klopfte. Ravilla wartete einige Schritte im Hintergrund, bis Anaxis mit dem Ianitor alles geklärt haben würde. Im kühlen Morgenlicht glitzerte der Diamantstaub, der ihm auf Toga und Haar mit feinem Pinselchen gepudert ward. Er hoffte, dass der Valerius nach dem angenehmen Gespräch in der Taberna Palindromos seinen Worten Taten hatte folgen lassen, sodass die Flavier die Ankunft des ehrgeizigen Seius erwarten würden.

    "Salve", grüßte Ravilla mit einem strahlenden Lächeln. Selbst jetzt nach dem Essen waren seine Zähne makellos, da er Zahnstocher zu benutzen wusste und Anaxis ihn sofort von eventuellen Krümelchen in Gesicht und Kleidung befreite. "Aulus Furius Saturninus, welch langer und wohlklingender Name! Es ist mir eine Freude."


    Er reichte dem Mann die saubere und makellos manikürte Hand.


    "Wie unser edler Gastgeber schon sagte, soll mein Weg mich in höchste Sphären führen. Wie gut, dass die Götter meine Schritte heute in diese Casa lenkten zu seiner Gesellschaft!" Wenngleich der Mann zwar höflich, aber auch viel zu vorsichtig war mit allem, was er sagte. Bis jetzt hatte er keine brauchbare Information an Ravillas Ohr dringen lassen, doch vielleicht änderte sich das gerade, indem er ihm den Saturninus vorstellte. "Und welche Ambitionen verspürst du, Saturninus?"

    "Der Pontifex?" Ravilla legte die Finger unter das edle Kinn, doch nur vorsichtig, um nicht die zarte Puderschicht zu verschmieren und auch nur mit der Oberseite der Finger, um nicht das, was er künftig anfasste, einzupudern. Besonders bei Tisch fände er dies eine Unziemlichkeit, die allen hygienischen Wünschen widerspräche. "Oh, ich bin sicher, der gute Flavius wäre verzückt, mich kennenzulernen! Wie können wir das Treffen in die Wege leiten? Wirst du ihm schreiben oder soll ich so frei sein, bei ihm an die Porta zu klopfen und auf deine Empfehlung zu verweisen?"


    Er richtete das Augenmerk auf sein Gegenüber. "Doch sag, wen genau habe ich eigentlich vor mir, dass du den Pontifex Flavius zu deinen Bekannten zählst? Deinen Namen kenne ich nun, doch wer ist Tiberius Valerius Flaccus?"


    Ravilla bemerkte durchaus den Fauxpas, auf den der Quaestor ihn hinwies, ging aber darüber hinweg. Nicht bemerkte er indes, dass er mit seinem theatralischen Gebaren in dieser Runde etwas über das Ziel hinausschoss. Mit strahlendem Lächeln spießte er eines der neu herbeigebrachten gefüllten Eier auf, damit seine Finger sauber blieben.


    "Die Gens Seia hat etruskische Wurzeln. Mein Zweig hat sich allerdings schon vor einigen Generationen in Caesarea niedergelassen und dort zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Verbindungen in den Senat gibt es bisher leider keine. Ich bin der Erste, der den Cursus Honorum zu beschreiten gedenkt."


    Das Ei wanderte in seinen Mund.

    "Das sind sehr komplexe Themen. Offener Weise muss ich hier auf mein junges Alter verweisen. Bedenke, ich bin erst vor wenigen Wochen in Rom angekommen! Sicher, ich könnte dir einige der Probleme in Cappadocia darlegen, für deren Behebung ich mich gern einsetzen würde, da ich erlebt habe, wie den Menschen das Leben schwerer gemacht wird, als es sein müsste. Aber ich brauche dir nicht zu erzählen, welch komplexes Gefüge der römische Staatsapparat ist. Man kann nicht an einem Rädchen drehen, ohne andere zu beeinflussen.


    Um ein Gespür dafür zu bekommen, was realistisch ist und Sinn ergibt, muss ich mich einarbeiten und mit erfahreneren Leuten sprechen. Weshalb ich noch weit entfernt davon bin, konkrete Pläne vorzuweisen. Diese wären nichts anderes als Augenwischerei. Für den Wahlkampf freilich sicher nicht das schlechteste Vorgehen, aber es entspricht nicht meinem Stil. Ich möchte vielmehr gemeinsam mit meinem Patron und später meinem Magistrat ein vernünftiges und realistisches Konzept ausarbeiten, vielleicht im Rahmen eines Tirocinium Fori, eines, für das ich guten Gewissens einstehen und es dann auch verwirklichen kann.


    Kurzum - ich möchte meine Versprechen halten. Und da ich dafür noch nicht garantieren kann, verspreche ich nichts."

    "Deine Bekanntschaften werden es dir danken, denn mit mir setzt man auf Gold! Eines Tages werde ich mich daran erinnern, wer meine Freunde sind und wer mir half, den Weg hinauf zur Spitze zu erklimmen."


    Und Ravilla war bei aller Arroganz weder undankbar noch herzlos. Da Anaxis noch trödelte, griff er nun nach einer weiteren Dattel, um sich an ihrem zartschmelzenden Fruchtfleisch zu trösten, ehe er sich wieder aufrechter setzte, ermutigt von der Aussicht, welche Flaccus angedeutet hatte.


    "Zunächst wäre es meine Aufgabe, anderen zuzuarbeiten. Ein eigenes Programm ist nur bedingt möglich, anfangs ist es entscheidend, unter Beweis zu stellen, dass es sich lohnt, mein Engagement zu unterstützen. Insofern wäre das Programm meines Magistrats auch mein Programm, ehe ich daran denken kann, im mir gegebenen Rahmen etwas Eigenes auszugestalten. Schwimmen lernt man nicht an Land. Man muss ins kalte Wasser springen, um an andere Ufer zu kommen."


    Auch für ihn galten die Gesetzmäßigkeiten des politischen Aufstiegs, da gab Ravilla sich bei aller Selbstverliebtheit keiner Illusion hin. Noch stand er nicht einmal auf der untersten Stufe des anvisierten Weges und hatte einem Patron wenig mehr zu bieten als sein ansprechendes Äußeres, seinen Ehrgeiz und seine Wortgewandtheit.

    Der Kontrast war in der Tat bemerkenswert. Während Ravilla, dessen östliche Herkunft nicht zu übersehen war, bisweilen die Grenze zum Exzentrischen überschritt, präsentierte der Senator Annaeus sich bieder, fast langweilig, aber auch dazu geeignet, nirgends anzuecken, was einer geschickten Strategie entsprechen mochte.


    "Zeit habe ich mehr als mir recht ist, Senator. Natürlich ist mir daran gelegen, meinen künftigen Senatorenkollegen kennenzulernen. Die Gewässer möchte ich gern ausloten, wem liegt daran nicht? Ebenso suche ich nach einem Weg, meine Fähigkeiten sinnstiftend einzubringen. Wer könnte mir bessere Hinweise geben, als jemand, der bereits mit den Haien schwimmt? Die gefüllten Eier schmecken übrigens ganz ausgezeichnet."

    "Von aller Welt verlassen! Zwei Patroni haben mir ihre Gunst verwehrt, wenngleich es doch gut begann, und meine Freunde weilen im fernen Cappadocia! Was, wenn die nächste Wahlperiode sich genau so gestaltet wie die jetzige? Rom benötigt meine Expertise, Rom benötigt junges Blut, das in Flammen steht, Rom benötigt mich!"


    Dabei warf er theatralisch die Hände in die Luft, gar nicht bemerkend, dass er damit übertrieb. Einige Köpfe wandten sich nach ihm um, während eine Woge von Selbstmitleid ihn übermannte, der er nun ohne Hemmung Ausdruck verlieh.


    "Inmitten von tausenden Menschen wandelt Ravilla auf steinigem Pfad allein! Was nützen ein Herz gleich einem Palast aus Gold, in dem jeder gute Römer einen Platz finden könnte und ein Verstand, vor dem die verstorbenen Denker aller Zeiten sich in Eintracht verneigen, wenn all dies nicht in wirksamem Handeln manifestiert werden kann?"


    Ravillas Hände beschrieben eine resignierte Kurve nach unten und ihr Besitzer sank in einem Anflug von Zermürbung in sich zusammen.

    Ein Quaestor! Die Götter mussten Ravillas Schritte an diesen Ort gelenkt haben. Er musterte sein Gegenüber, welches sich als Lucius Annaeus Florus Minor vorstellte, um sich das Antlitz und den dazugehörigen Namen einzuprägen. Ravilla würde versuchen, den Mann später für ein Gespräch zu gewinnen, einstweilen jedoch war dieser mit der Begrüßung der Gäste beschäftigt.


    "Hab Dank für die Gaben, teurer Florus, und mögen die Götter ihre Hände in behütender Manier über dich, deine künftige Ehe und dein Haus halten! So deine wertvolle Zeit es erlaubt, würde ich mich freuen, wenn wir später ein paar Worte miteinander wechseln, da ich den Cursus Honorum erstrebe."


    Anaxis nahm auf ein leichtes Handzeichen hin ein Geldsäckchen und eines mit Nüssen. Der Perser durfte darauf hoffen, dass sein Dominus ihm etwas abgab von jenen Gaben, denn geizig war Ravilla nicht. Ravilla wandte sich nun der jungen Dame zu.


    "Guten Abend auch, werte Iulia Stella. Mit eurer Verlobung hat sich augenscheinlich ein Paar von höchster Güte zusammengefunden! Die Anmut zweier Schwäne und möget ihr in ebensolcher Harmonie verbunden sein. Ich danke für das freundliche Willkommen und freue mich auf einen erbaulichen Abend in fabulöser Gesellschaft."


    Ravilla ließ sich von Anaxis am Tablett mit einem Glas von verdünntem Wein versorgen und gönnte auch seinem Sklaven zur heutigen Feierlichkeit ein solches, ehe er sich die Zeit mit den köstlichen Speisen zu vertreiben begann, bis sich jemand zum Gespräch einfände.

    Ravillas Lächeln verrutschte etwas. Noch war er kein mit allen Wassern gewaschener Senator, der die Maske in jeder Situation zu wahren wusste, sondern nur ein junger Mann mit gewaltigen Ambitionen und einem ebensolchen Ego. Mit beiden war er in Rom an seine Grenzen gestoßen, ein Umstand, der an Ravillas Stolz zu kratzen geeignet war. Zu verbergen mochte er das in diesem Moment nicht.


    "Nun, offen gestanden ..."


    Er entschloss sich nach kurzem Zögern, die unangenehme Wahrheit zur Sprache zu bringen, da eine Aufschneiderei oder gar Lüge an dieser Stelle nicht zielführend gewesen wäre. Ein exzentrischer Schnösel mochte Ravilla sein, doch war ihm sein künftiger Werdegang ein ernstes Anliegen, welches er in Perfektion zu erfüllen gedachte.


    "An die kommende Amtsperiode bin ich wohl ein wenig zu ambitioniert und unkoordiniert herangegangen. Als Vigintivir gedachte ich zu starten, doch ach! Die Höhe des Berges an Voraussetzungen gleicht jener des Olympos, den nur die Götter erreichen, und die steilen Anstiege sind bekanntlich auch die forderndsten. Jedoch", Ravilla hob den Finger, "aufgeschoben ist nicht aufgehoben und mein Herz ist jung. Die auferlegte Pause verschafft mir die Gelegenheit, mich auf die nächste Wahlperiode besonders vortrefflich vorzubereiten. Mich in der Urbs Aeterna umzuhören ob der Sorgen, Nöte und Notwendigkeiten soll dazugehören. Als Neuling bin ich darob noch nicht allumfassend im Bilde. Vielleicht möchtest du etwas zu Sprache bringen, jetzt, wo das künftige Ohr des Staates vor dir sitzt?"

    Die Rache ward vollzogen und Ravilla der gerechte Zorn ausgetrieben. Unfähig zu jedwedem Tadel, entspannt bis auf die Tiefen seines Seins, lag er in jedem Muskel erschlafft auf der Liege, in eine weiche Decke gehüllt und umsorgt. Stille und Frieden. Selbst das unangenehme Zwiebeln der Haut nach der Enthaarung spürte er nur noch als eine gleichmäßige Wärme, die zum allgemeinen Wohlbefinden ihren Anteil leistete. Ravilla entfiel gar, dass er Charislaus aufgetragen hatte, am Ende der Behandlung zu seinem Wohlgefallen zu musizieren und zu tanzen und im Anschluss auch noch Anaxis herzurichten, da ihm die übermüdeten Augen zufielen.


    "Du musst ein Vermögen gekostet haben. In jedem deiner Finger wohnt ein Gott. Danke", sprach er leise, ein selten von ihm an einen Sklaven gerichtetes Wort, ehe er einschlief.

    "Hab Dank."


    Huldvoll betrat Ravilla das Anwesen, welches sich im festlichen Glanz präsentierte. Anaxis vermochte trotz seines hellenischen Namens nicht, das Erbe seines Blutes als Nachfahre persischer Plünderer zu verbergen, denn er erspähte sogleich die auf einem Tischlein angerichteten Gaben. Der Blick seiner schwarz umrandeten Augen fraß sich an den Beutelchen fest, deren unregelmäßige Form eine Münzfüllung erahnen ließ.


    Ravilla jedoch hielt den Blick aufrecht, auf der Suche nach dem Hausherrn. Dieser stand mit einer Frau an der Seite, die vermutlich die geschätzte Gattin war, im fackelbeleuchteten Atrium, um die Gäste zu empfangen und die Sklavenschar zu dirigieren. Ravilla schwebte regelrecht auf die beiden zu.


    "Salvete! Was für ein ziervolles Arrangement, welch sympathische Gastgeber. Mein Name ist Galeo Seius Ravilla."


    Der heutige Tag war Ianus geweiht, dem Gott des Anfangs und des Endes. Und Ravilla fand, dass er am Anfang eines großartigen Jahres stand!

    Anhand des geschmückten Hauses und der offenen Porta vermochte Ravilla zu erkennen, das die Gegenwart von Gästen erwünscht ward. Herausgeputzt wie er sich zu präsentieren wusste, den nicht minder in orientalischer Schönheit erstrahlenden Perser im Gefolge, gedachte Ravilla die Gelegenheit zu nutzen, um neue Bekanntschaften zu schließen. Den etwas ratlos erscheinenden Herrn passierte er.


    "Salve. Du bist auch auf dem Weg zur Feier, wie ich sehe? Es sei dir gestattet, an meiner Seite zu wandeln."


    Es wirkte weniger trist, wenn man zu zweit erschien (den Sklaven zählte er nicht mit). Und so nahte er dem wachhabenden Ianitor, schenkte diesem ein strahlendes Lächeln seiner mit natürlichen Bleichmitteln geweißten Zähne und grüßte ihn höchstselbst.


    "Galeo Seius Ravilla mein Name. Salve. Ich erscheine in der Absicht, diese Feierlichkeit mit meiner Gegenwart zu beglücken."

    Mit spitzen Fingern pickte Ravilla eine der Datteln vom Teller, drehte sie, um sie einer Betrachtung zu unterziehen, ehe die gustatorische Überprüfung folgte.


    "Vorzüglich", sprach Ravilla, nachdem er herunter gekaut hatte, während auf seiner Zunge die letzten Geschmackseindrücke wirkten.


    Mit einem Wink schickte er Anaxis hinfort, um weitere Speisen zu ordern, damit nicht er allein beim Gegenüber kostete, sondern dieses ebenso bewirtet wurde. Zudem ließ sein Magen ein flaues Gefühl verlauten, welches auf Hunger hindeutete. Indes die Datteln des Valerius zu verwenden, dies Loch zu stopfen, würde ihn der Unhöflichkeit schuldig machen.


    "Mein Weg wird mich in die Hallen der Curia Iulia führen. Dafür verließ ich Cappadocia und begab mich hierher."


    Der Kontrast konnte größer kaum sein, war Cappadocia doch als hinterwäldlerisch bekannt und böse Zungen hatten gar verlauten lassen, ihr Stolz, Caesarea, sei keine Stadt. Überfordert war Ravilla bisweilen von der Vielfalt der Eindrücke und Menschen, doch nahm er an, sich daran noch zu gewöhnen. Auch daran, dass zwei Patroni ihn unerwartet hatten hängen lassen ...

    "Sehr erbauliche Lokalität, in der Tat!"


    Ravilla wechselte den Platz, erfreut ob des Gesprächsangebots, um die Distanz zu verkürzen, welche die Worte zum Ohr zu überbrücken hatten. Erneut korrigierte Anaxis den Sitz seiner Toga, ehe er reglos Aufstellung nahm, und Ravilla, der dies kaum merkte in Anbetracht der Gewohnheit, richtete sein Augenmerk auf sein Gegenüber.


    "Galeo Seius Ravilla, sehr erfreut!" Ravilla, noch nie von Schüchternheit geplagt, ergänzte sogleich in vertraulichem Ton: "Diese Stadt genießt noch nicht lange den Genuss meiner Gegenwart."


    Was seine etwas aufdringliche Art und Weise erklärte, ohne den Grund explizit herauszukehren - Ravilla versuchte, Bekanntschaften an einem Ort zu schließen, an welchem er als Fremder unter Fremden wandelte. Zwar war er nun als Provinzrömer offenbart, doch wer wusste schon, ob für jenen Valerius nicht dasselbe galt? Nun, vielleicht würde er es sogleich erfahren.

    Natürlich folgte Ravilla, das Antlitz steinern vor Arroganz, die ihm im momentanen Zustand nicht ganz zu Gesichte stand. Anaxis hatte er fortgeschickt, er benötigte keine zwei Sklaven auf einmal für dieses Anliegen und Charislaus sollte büßen und nicht seinen reinblütigen Perser herumscheuchen wie einen gewöhnlichen Haussklaven.


    "Ich gestatte dir, meinen Leib aus diesem unmanierlichen Zustand zu befreien und seine Schönheit wieder ans Licht zu kehren!"


    Sim-Off:

    Leg los, Chari. :D

    Wie erbaulich. Wie adrett!


    Ravilla hatten seine Schritte noch nie bis nach Achaia geführt, doch inmitten Roms fand sich ein kleines Abbild dieser fernen Provinz, von welcher einige behaupteten, sie - und nicht etwa Rom - sei die Wiege der Zivilisation. Zumindest in Sachen Innenarchitektur verstanden die Hellenen ihr Handwerk. Entzückt ließ Ravilla den Blick seiner dunklen Augen über die Dekorationselemente schweifen, erfreute sich am dezenten Duft feinen Räucherwerks, der seine edle Nase umschmeichelte, und ließ die Klänge der Musik seine Ohren erquicken.


    Der Sklave Anaxis, kaum weniger herausgeputzt als sein durch die Räumlichkeit lustwandelnder Herr, lotste diesen an einen Tisch, an welchem noch eine Sitzmöglichkeit zur Verfügung stand. Ravilla glättete die blütenweiße Toga und ließ sich nieder, sogleich von fleißigen Sklavenhänden in seinem Äußeren korrigiert, ehe Anaxis sich einige Schritte hinter seinem Herrn positionierte, um auf Anweisungen zu warten. Ein Mann saß bereits hier, was Ravillas Gefallen erweckte, denn was nützte es, ein aufsteigender Stern zu sein, wenn es niemanden gab, der dessen Strahlen erblickte?


    "Was für eine erstaunliche Lokalität", sprach Ravilla an diesen gewandt. "Sie scheint mir neu, oder mein Auge ward bislang von Blindheit getrübt."


    Seine plaudernd hervorgetragenen Worte waren der Absicht entsprossen, das Gemüt seines Gegenübers zu inspizieren. Ein mürrisches Brummen würde den jungen Mann dazu verleiten, sich einen seiner Gegenwart empfänglicheren Gesprächspartner zu erwählen, doch hoffte er, dass ein kleiner Plausch sich hier ergeben möge.

    Ravilla, nunmehr frisch zurechtgemacht und sauber eingekleidet nach seiner nächtlichen Odyssee, sank darnieder wie ein gefällter Baum, nur dass nicht seine Glieder barsten wie Äste, da die Landung auf weichen Decken und Kissen erfolgte. Dunkelheit umfing ihn, Träume vom entsetzlichen Pluto und der trauernden Zwiebelprinzessin. Beide Gestalten verschmolzen am Altar des Gewölbes zu der noch viel schöneren und schrecklicheren Gestalt, die ihn vertraut aus dunklen Augen ansah, vorwurfsvoll, liebend und in unvergleichlicher Herrlichkeit: Seia Fusciana.


    "Mein Bruder, hast du mich schon vergessen?", schluchzte sie.

    Ravilla, ins Mark erschüttert, griff ihre weißen Hände, um sie innig zu küssen. "Wie könnte ich dich je vergessen, o zartestes aller Täubchen? Würde es doch bedeuten, mein Herz herauszunehmen und an einem anderen Orte als dem des Körpers liegenzulassen! Den dort wohnest du, sicher in meiner Brust, und bist stets bei mir auf allen Wegen."

    "Liebst du mich noch immer?", hauchte sie mit bebenden Lippen, worauf Ravilla ihre Hände noch fester mit seinen Fingern umschloss.

    "Auf immerdar", schwor er im Tone eines unbrechbaren Eides.

    "Doch wie kann ich dir glauben, nachdem ich dich mit der anderen sah?", fragte Fusciana, die Lippen wie glänzende Kirschen, und betrachtete den Bruder durch den Schleier tränenfeuchter Wimpern.

    Ravilla rang sehr mit sich, denn diese Worte bereiteten ihm untröstliche Qual. "Was verlangst du, Fusciana, meine Göttin?"

    Sie drehte ein wenig den Kopf, doch antwortete nicht. Schweigend nur blickte sie neben ihn. Wie Nebel in der Morgensonne verblasste ihre Gestalt. Ein kalter Hauch strich zwischen Ravillas Fingern entlang, dort wo er soeben noch ihre Händchen liebkost hatte.


    Entsetzt fuhr Ravilla aus dem Schlafe, weil seine Schwester verging, das Traumgespinst noch lebendig manifestiert im schlaftrunkenen Geiste und starrte in die Richtung, in die Fusciana soeben noch geblickt hatte - dort lag, reglos und kalt auf dem Nachttisch, der Dolch. Der schwarze Ritualdolch, der nach dem Blute der Tiberia Stella hungerte! War das Fuscianas Wunsch? Sollte er die andere Frau tilgen, welche seinem Herzen allzu nah gekommen war?


    Was waren dies für Gedanken, er wurde verrückt!


    Entsetzt scheuchte Ravilla den Anaxis aus dem Schlaf, der das unheilbringende Eisending in schwarzen Stoff schlagen und mit Weihrauch und Silber in eine Truhe sperren musste, ehe der Herr wieder schlafen konnte.

    Da der Wahltermin nun veröffentlicht ward, trafen die ersten Kandidaten ein, um ihre Schreiben einzureichen. Der über die Maßen aufgetakelte persische Sklave des Seius Ravilla gab ebenfalls ein Schreiben seines Herrn ab:


    Ad

    Consul Iullus Curtilius Victor

    Haus des Consuls

    Roma

    Roma, PRIDIE ID DEC DCCCLXX A.U.C.

    (12.12.2020/117 n.Chr.)


    Kandidatur zum Vigintivirat


    Verehrter Consul,


    diese Zeilen schreibt dir Galeo Seius Ravilla, Sohn des Volusus Seius Victor. Ich bitte darum, mich auf die Liste der zur Wahl stehenden Vigintiviri einzutragen und mir in den ehrwürdigen Hallen des Senats Redezeit zu gewähren, um den Patres conscripti meine Kandidatur zu verkünden.


    Mögen die Unsterblichen deine Wege schützen.


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    "Natürlich sollst du."


    Ravilla sah nicht ein, warum Charislaus den anderen Sklaven fragte, wenn der Herr, den es zu umsorgen galt, doch in seiner ganzen ruinierten Pracht vor ihm stand.


    "Spute dich, Junge!"


    Zur Unterstreichung seiner Eile klatschte Ravilla mehrmals in die Hände.