Woher stammte Terpander? Griechenland, da war ich mir sicher. Aber woher genau? Ich wusste es nicht, aber ich hatte eine Vermutung. Welche Götter hatte er angebetet? Ich wusste es nicht. Ich hatte ihn aber nie beten gesehen. Es war erschreckend, wie wenig ich wusste. "Er war Grieche. Ich vermute, dass er aus Lakonien stammt. Jedenfalls scheint mir da ein leichter lakonischer Akzent in seiner Sprache gewesen zu sein. Welche Götter er anbetete weiß ich nicht, habe ich ihn doch nie beten gesehen. Seiner Persönlichkeit nach bin ich mir aber sicher, dass er, wenn überhaupt, dann zu den griechischen Göttern sprach." Während ich sprach, ging ich langsam weiter. Es half mir, meine Gedanken zu sortieren. "Ich sollte eigentlich mehr über ihn wissen. Natürlich war er nicht mein Sklave, aber ich hatte mit ihm eine Reise von hier bis nach Mogontiacum hinter mich gebracht. Da hätte man sich gut unterhalten können. Nun muss ich improvisieren." Damals hatte ich mich noch nicht so dafür interessiert, was ein Sklave dachte und was für ein Mensch ein Sklave war. Nun war es mir wichtiger. Serica hatte mich verändert. Das merkte ich daran, dass es an mir nagte, nicht mehr über Terpander zu wissen. "Ich sollte Hermes bitten, ihn sicher in die Unterwelt zu geleiten. Und den Unsichtbaren und seine Frau Persephone darum bitten, ihm keine Qualen zu bereiten."
Beiträge von Aulus Iunius Tacitus
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Dafür, dass hier ein Stein herumlag, hätte Terpander dem für die Sauberkeit im Atrium verantwortlichen Sklaven sicher eine schallende Ohrfeige verpasst. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich das auch machen sollte. Und sei es im Gedenken an Terpander. Ich konnte am Gesicht des entsprechenden Sklaven erkennen, dass er den selben Gedanken hatte. Doch ich war nicht Terpander, und es erschien mir nicht angemessen. Mit Sporus konnte ich zu einem gewissen Maße mitfühlen. Ich mochte Terpander. Aber ich hatte gelernt, meine Gefühle im Griff zu haben, auch wenn es mir gerade sehr schwer fiel.
Ich winkte den Paedagogus heran. "Aias, kümmere dich um ihn," befahl ich mit ruhiger Stimme, während ich einen besorgten Blick auf Sporus warf.
"Ja, Herr," erwiderte Aias und ging zu Sporus. "Ruhig, Junge," sagte er beruhigend zu Sporus, "beruhige dich. Was würde wohl Terpander zu dir sagen?"
"Flenn nicht rum und reiß dich zusammen, das würde Terpander sagen," brummte Malachi, der ehemalige Gladiator und jetzige Custos Corporis. "Und eine Ohrfeige hätt's obendrein gegeben."
"Malachi, nicht jetzt!" zischte Aias, obwohl er wusste, dass Malachi nicht ganz falsch lag. "Der Junge leidet." Dann kniete er er sich neben Sporus und nahm ihn in den Arm. "Lass es raus, Junge, lass es raus."
Da ich das Gefühl hatte, dass die Lage erstmal im Griff war, ging ich zu Amytis. "Bitte, folge mir ins Peristylium. Dort können wir uns in Ruhe der Planung widmen. Um Sporus wird sich gut gekümmert, da habe ich keine Zweifel."
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Nachdem ich mit Amytis im Peristylium angelangt war, atmete ich tief durch und schloss für einen Moment die Augen, um mich ohne äußere Eindrücke zu fokussieren. "Mir fällt es nicht leicht, die Fassung zu bewahren. Aber wenn ich versage, dann läuft alles völlig aus dem Ruder. Terpander war streng, aber beliebt. Und von allen respektiert. Ich werde ihn sehr vermissen." Es fiel mir leichter, zu reden, während ich mich bewegte, und so ging ich langsam durch den Säulengang. "Eine Bestattung fällt aus, also muss ich andere Riten durchführen. Das verlangt bereits der Respekt gegenüber Terpander. Und, auch wenn ich selbst gefasst wirke... das täuscht. Ich brauche eine zweite Person, die mir hilft, eine würdevolle Zeremonie zu planen und abzuhalten. Mir ist bewusst, dass ich viel von dir verlange. Aber ich brauche im Moment Hilfe." Mir gefiel es nicht, dass dem so war, doch hatte ich gelernt, dass es keine Schande war, um Hilfe zu bitten. Auch der Edle bat um Hilfe, wenn er alleine nicht weiter kam.
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Das machte alles schwieriger. Ich hatte das Gefühl, dass ich Sporus die schlechte Nachricht irgendwie schonend beibringen musste. Ich wusste nur nicht, wie. Und so nickte ich nur kurz und lächelt höflich. "Danke für deine Ehrlichkeit, Sporus."
Daraufhin ließ ich die Sklaven wieder antreten und ließ noch bis Mittag die synchrone Verbeugung üben, auch wenn ich gedanklich nicht ganz anwesend war. Fehler nahm ich dennoch wahr und korrigierte sie.
Als ich dann die Mittagspause anordnete, in der die Sklaven wieder gut versorgt wurden, begab ich mich selbst in die Bibliothek. Ich suchte nach einem bestimmten Werk, das ich aus Serica mitgebracht hatte. Im Prinzip war es eine ganze Sammlung. Ich musste nicht lange suchen, bis ich die Sammlung fand, deren Bücher aus Bambusstreifen in Seide gehüllt waren. Die Aufschrift 禮記, "Buch der Riten" war es, die ich suchte. Innerhalb der Sammlung suchte ich das Buch mit der Aufschrift 喪大記, "Größere Aufzeichnung der Trauer-Riten". Doch waren dort keine Riten für verstorbene Diener verzeichnet. Die tiefen Grundsätze konnte ich vielleicht für die Situation verwenden, aber mehr nicht. Die römischen Sitten gaben mir ebenfalls keine Hinweise, denn Sklaven waren wie Sachen bewertet und daher gab es keine Bestattungsriten für Sklaven, an die sich ein Herr halten sollte. So schlug ich ein weiteres Buch nach... Das erste Buch aus der Sammlung, 曲禮上下, "Regeln der Schicklichkeit". Es war die Grundlage von allem in Serica. Ich las mir den ersten Eintrag selbst vor. "Qū Lǐ yuē: 'Wú bù jìng, yǎn ruò sī, ān dìng cí.' Ān mín zāi!" Mit Respekt sprechen, ernsthaft sein, ruhig und bestimmt sprechen. Das soll dem Volk Frieden bringen. Ruhig packte ich die Bücher wieder in ihre seidenen Hüllen, bevor ich mich aus der Bibliothek ins Atrium begab. Es waren fast zwei Stunden vergangen.
"Mir ist etwas dazwischen gekommen. Deshalb habt ihr für den Rest des Tages und für morgen frei. An der Bezahlung eurer Herren ändert sich dadurch natürlich nichts. Holt die zwei Aurei für eure Herren bitte beim Maiordomus ab." Noch bevor alle gingen, deutete ich Amytis und Sporus, noch zu bleiben. Als alle fremden Sklaven gegangen waren und nur noch die iunischen Sklaven, sowie Amytis und Sporus vor Ort waren, ließ ich alle im Atrium versammeln.
"Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen kann, deshalb bin ich geradeheraus." Meine Stimme war ruhig und fest. "Terpander, der geschätzte oberste Sklave meines guten Verwandten Iunius Scato und deshalb auch oberster Sklave dieses Haushalts, ist auf dem Weg zurück nach Germanien auf einem der Alpenpässe durch einen Felssturz verschüttet worden. Er hat nicht überlebt. Ihr habt für den Rest des Tages und für morgen frei. Dennoch erwarte ich, dass alle, die ihn gekannt haben, sich heute Abend hier einfinden. Ich werde die Riten des Andenkens persönlich leiten, auch wenn es keine festgeschriebenen Riten gibt." Ich konnte bei den meisten einen schockierten Gesichtsausdruck feststellen. Bei einigen sah ich auch Tränen, was es mir nicht leichter machte. "Sporus, es steht dir frei, bis heute Abend hier zu bleiben." Dann wandte ich mich an Amytis. "Amytis, ich benötige eine Person, die nicht persönlich betroffen ist, um mich zu unterstützen. Ich wäre dir persönlich dankbar, wenn du mir diesen Gefallen erweisen würdest."
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Dass er meine Schwester nicht kennengelernt hatte, war bedauerlich, aber nicht seine Schuld. "Zu schade, aber das lässt sich nicht ändern." Mehr konnte ich dazu nicht sagen. Immerhin war ich es auch gewesen, der sich auf eine Reise in ferne Länder begeben hatte. Als er Terpander erwähnte, ließ mich an eine Nachricht denken, die ich noch nicht gelesen hatte. Die Wachstafel war mit einem Dokument versehen, das auf Terpander hingewiesen hatte. "Danke für deine ehrlichen Antworten."
Schnellen Schrittes begab ich mich zur Porta, wo der Ianitor die Wachstafel und das Schriftstück verwahrte. Ich sah mir zuerst das Schriftstück an, das ein etwas zerknittertes, aber von Scato gesiegeltes Stück Papyrus war und recht mitgenommen aussah. Es wies Terpander als Sklave von Scato aus und gestattete ihm, sich frei im Imperium zu bewegen, ohne als flüchtig zu gelten. Ich kennte solche Schriftstücke. Sie fanden sich bei im Auftrag ihres Herrn reisenden Sklaven. Warum war das hier? Und ohne Terpander? Und so schlecht gepflegt? Also öffnete ich die gesiegelte Wachstafel. Ich las eilig den Text. Der Absender stand deutlich darauf, ein Römer aus Forum Claudii Augusti. Der Empfänger war eigentlich Scato, aber adressiert an die Domus Iunia in Rom. Nunja, konnte vorkommen. Also der Inhalt... Felssturz am Summus Poeninus... mehrere Personen verschüttet... Papyrus gefunden... unter Geröll und Bergschutt... Ich erfasste die Worte und schließlich auch die Bedeutung.
Kurz wies ich den Ianitor an, das Schreiben nicht zu lesen und es niemandem zu geben. Ich sah in Richtung Sporus und versuchte einzuschätzen, wie er wohl zu Terpander gestanden hatte. Er hatte ihn zumindest auf der Reise von Mogontiacum nach Rom kennengelernt. Hatte er ihn gut gekannt? Und wie würde er die Nachricht aufnehmen? Ich wusste es nicht, wollte aber auch keine unnötige Unruhe aufkommen lassen. Ohne irgendeine erkennbare Emotion ging ich dann wieder zu Sporus. "Ich habe dich eben einfach so stehen lassen, weil mir etwas in den Sinn gekommen ist, das ich fast vergessen hatte und nicht schon wieder vergessen wollte. Wo waren wir noch gleich? Terpander hatte dich begleitet, richtig? Da er nicht hier ist, gehe ich davon aus, dass er sich wieder auf den Rückweg nach Mogontiacum gemacht hatte. Korrekt?" So konnte ich das Schreiben besser einschätzen.
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"Ja, das ist er wohl," antwortete ich. "Wann bist du abgereist? Weißt du, wie es meiner Schwester Matidia geht? Ist sie gesund?" Man konnte mir anmerken, dass ich hier über eine Person sprach, die mir sehr viel bedeutete.
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Die fast perfekt synchrone Verbeugung zeigte, dass die Übung erfolgreich war. In meinen Gedanken dankte ich Prinz Jiénzĭ. Seine Worte rekapitulierte ich noch einmal. Wenn Strenge, Disziplin und Eifer nicht helfen, dann versuche es mit Humor. Mein Freund lag richtig, wie ich jetzt feststellen konnte. "Píng shēn," befahl ich mit sanfter Stimme und zu meiner Überraschung klappte auch das Aufrichten ziemlich synchron. "Sehr gut, das nenne ich Fortschritte."
Ich ließ eine knappe Stunde lang immer wieder die synchrone Verbeugung wiederholen. Es klappte immer besser. Deshalb hatten sich alle eine Pause verdient. "Bevor unsere Konzentration nachlässt, machen wir eine kleine Pause." Ich gab Begoas ein Zeichen, damit er schwarzen Tee und Honig hereinbrachte. Ich erhielt meinen Tee natürlich in einer serischen Porzellanschale.
Während ich meinen Tee trank, winkte ich Sporus zu mir. "Ich habe eine Frage an dich, wenn du gestattest. Mein Verwandter Iunius Scato in Mogontiacum hatte einen Sklaven mit dem Namen Sporus zur Pflege, wenn man es so nennen will. Kennst du ihn zufällig? Der Name Sporus ist nicht so häufig, deshalb frage ich mich, ob ihr euch kennt."
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Amytis sah heute irgendwie etwas unzufrieden aus. Doch war das für mich erst einmal unbedeutend. Die Vorbereitung auf die Audienz war alles, was zählte.
Da sich niemand mit Fragen meldete, blieb mir nur noch eins zu sagen. "Qǐng xínglǐ." Alle verbeugten sich. Aber synchron war es nicht wirklich. Manche hatten offensichtlich Muskelkater und taten sich schwer. Andere versuchten, auf ihre Nachbarn zu achten, was dann zu der kleinen, aber bemerkbaren Verzögerung in ihrer Verbeugung führte. Jede einzelne Verbeugung für sich genommen sah aber akzeptabel aus. "Píng shēn!" Und auch das war nicht synchron. "Sieht so aus, als wären wir noch nicht richtig wach, hmm?" Ganz leicht verengten sich meine Augen. "Also schön, dann wollen wir einmal aufwachen. Stehen wir doch einmal einbeinig. Alle ziehen das linke Bein hoch." Ich selbst machte genauso mit. "Schön auf dem rechten Bein stehen. Und mit dem linken Zeigefinger die Nasenspitze berühren." Auch das machte ich genauso, wie es die Sklaven taten. Wir sahen jetzt alle ziemlich bescheuert aus, was ich an Malachis Gesichtsausdruck erkennen konnte. Der ehemalige Gladiator kämpfte gegen ein Lachen an. "Und jetzt wechseln wir das Bein. Alle aufs linke Bein stellen und mit dem rechten Zeigefinger die Nasenspitze berühren." Ich selbst kämpfte auch dagegen an, grinsen zu müssen. Aber die Übung forderte Konzentration. Und das war es, was ich erreichen wollte. Konzentrieren, Hirn einschalten. "Gut, und jetzt stellen wir uns alle wieder in Grundstellung auf und atmen gemeinsam. Tief einatmen, tief ausatmen, einatmen, ausatmen. Sehr schön. Alle wach? Qǐng xínglǐ."
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Ich ließ den Nachmittag über weiterhin die Verbeugung üben und beendete das am späteren Nachmittag, als sich ernsthafte Anzeichen von Erschöpfung bei den Sklaven zeigten. Danach versorgte ich noch alle mit einem Abendessen und verabschiedete sie bis zum nächsten Tag. Ein paar Sklaven baten mich bei ihrem Abschied um die zwei Denare, weil sie sich sicher waren, dass sie meinen Ansprüchen auf Dauer nicht gerecht werden würden. Ich akzeptierte deren Entscheidung und entließ sie aus meinen Diensten. Vermutlich hatten sie verständnisvolle Herren, denn sonst wären sie nicht freiwillig gegangen. Nachdem alle fremden Sklaven die Domus Iunia verlassen hatten, widmete ich mich noch meinen Schwertübungen, bevor ich mich kurz vor Mitternacht zur Ruhe bettete.
Der nächste Tag begann wie der vorangegangene. Die gemieteten Sklaven trafen alle bei mir ein und als schließlich alle vollzählig waren, war es an der Zeit, sie angemessen zu begrüßen. "Salvete. Das war gestern sicher nicht das, was ihr erwartet hatte. Dennoch freue ich mich, noch so viele von euch hier zu sehen." Ich zählte kurz durch, ob alle vollzählig waren. Neunzehn waren noch übrig, so viele, wie es nach den gestrigen Abmeldungen sein sollten. Dann verneigte ich mich, was durch die Sklaven erwidert wurde. "Wer hat Muskelkater im Rücken?" fragte ich freundlich mit einem sanften Lächeln, woraufhin einige Hände nach oben gingen. "Das habe ich erwartet. Gut, heute geht es nicht mehr darum, die Verbeugung lange zu halten. Heute geht es darum, dass alle synchron sind. Alle verbeugen sich zur gleichen Zeit und mit gleicher Geschwindigkeit. Das wird nicht ganz einfach, aber deshalb üben wir ja." Damit es keine Missverständnisse gab, sprach ich noch Amytis an. "Amytis, du wirst heute deinen Platz in der Reihe einnehmen. Den Überblick werde ich alleine behalten müssen." Dann schweifte mein Blick über alle. "Gibt es Fragen?"
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Als Amytis sich auf Griechisch bedankte, huschte kurz ein Lächeln über mein Gesicht. Ich aß noch den Reis aus meiner Schüssel, während ich die Sklaven beobachtete. Als alle fertig gegessen hatten, gab ich Begoas ein Zeichen, dass er allen Anwesenden je eine Tasse schwarzen Tee geben sollte. "Das ist hóngchá," erklärte ich auf Grund der fragenden Blicke. "Etwas bitter, aber es wirkt belebend. Das wird uns helfen, über den Nachmittag zu kommen." Dass es in Rom unbekannt und deshalb quasi unbezahlbar war, erwähnte ich nicht. Ich hatte ja ein paar Säcke aus Hàn mitgebracht. Das würde eine Weile halten. Nach dem Teetrinken gab ich noch allen die Möglichkeit, sich auf der Latrine zu erleichtern, bevor es dann weiterging.
"Bildet mal einen Halbkreis mit euren Stühlen. Ich will euch etwas erklären." Nachdem alle im Halbkreis saßen, nahm ich in einem Stuhl im Zentrum des Halbkreises Platz, so dass mich alle sehen konnten. "Ich mag euch recht streng erscheinen. Das ist richtig, weil ich mir leider keine Geduld leisten kann. Um geduldig zu sein, muss man Zeit haben. Leider weiß ich nicht, wie viel Zeit wir haben, bis ich die Einladung zur Audienz erhalte. Also muss ich, leider, ungeduldig und sehr streng sein. Deshalb sind wir auch mehr als die zwölf, die ich brauche. Ich werde diejenigen auswählen, bei denen ich am ehesten glaube, dass alles so perfekt wie irgend möglich funktioniert. Echte Perfektion wird ein Mensch nie erreichen, aber wir sollten versuchen, so nah wir möglich heranzukommen." Ich machte eine kurze rhetorische Pause. "Warum mir das wichtig ist, werdet ihr euch sicher fragen. Ich wurde vom Kaiser von Hàn zum Beamten im dritten Rang ernannt. Das ist ein sehr hoher Rang und dieser Rang soll dazu dienen, dass ich als Gesandter von einem Kaiser zu einem anderen Kaiser die nötige Autorität habe. Und es gehört zu meiner Aufgabe, die Geschenke nach serischem Ritus zu übergeben. Natürlich bin ich der einzige hier in Rom, der diese Riten kennt. Wem sollte also auffallen, ob sie korrekt ausgeführt werden oder nicht?" Wieder machte ich eine rhetorische Pause. "Nun, ganz einfach. Mir würde es zum Beispiel auffallen. Ich habe aber einen Befehl auszuführen, und ich werde ihn ohne erkennbaren Makel ausführen. Denn auch der ewige Himmel und die Götter der Welt sehen uns, und sie sehen, ob ich einen Fehler zulasse. Wie könnte ich je wieder nach Hàn zurückkehren, wenn ich mich vor mir selbst schämen müsste? Nein, es ist keine Option, hier nachlässig zu sein. Ein Befehl ist ein Befehl. Die Riten sind die Riten. Nachlässig zu sein, nur weil es niemand bemerkt, das bedeutet, dem Chaos Tür und Tor zu öffnen. Denn es beginnt mit kleinen Nachlässigkeiten, bis man sich daran gewöhnt. Ohne es zu bemerken, nimmt man dann auch größere Nachlässigkeiten hin und immer größere. So wird es dann unmöglich, die Ordnung der Welt zu fördern. Bin ich mir selbst gegenüber nachlässig, dann bin ich auch anderen gegenüber nachlässig. Wenn ich bei der Erledigung einer Aufgabe nicht die nötige Sorgfalt zeige, dann zeige ich sie auch nicht bei anderen Aufgaben. Selbstdisziplin sorgt dafür, dass man sich selbst verbessert. Und wenn man sich selbst verbessert, dann verbessert man irgendwann auch seine Umgebung. Die Orte, die Menschen. Wenn alles und jeder in einen guten Zustand gebracht wird, dann kommt die Welt in Ordnung. Und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gibt es keine Kriege mehr und keine Verbrechen. Und alle werden genug zum leben haben und niemand wird mehr unfrei sein. Ich hoffe, dass ihr nun besser versteht, warum wir das alles hier machen."
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Ich wagte es nicht, den Namen der Stadt auszusprechen, weil ich bei allen Versuchen, Parthisch zu sprechen, versagt hatte. Doch wusste ich es zu schätzen, dass sie mich korrigiert hatte. "Danke," sagte ich mit einer angedeuteten Verneigung. Dass meine Vermutung bestätigt wurde, und ihre Eltern keine Sklaven waren, betrübte mich, wenngleich ich es nicht zeigte. "In Hàn gibt es sehr viel weniger Sklaven als hier. Die allermeisten von ihnen sind verurteilte Verbrecher im Staatsbesitz oder Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Und fast alle werden irgendwann freigelassen. In dieser Hinsicht ist Hàn zivilisierter als Rom." Auch, wenn ich zu Beginn noch ganz klar zu Amytis sprach, waren meine letzten Worten nachdenklich, leise und eher an mich selbst gerichtet. In diesem Moment hatte ich, nicht zum ersten Mal, ernsthafte Bedenken, was das Versklaven freier Menschen betraf, die sich nichts zu Schulden kommen gelassen hatten. Dass ich Amytis in diese Kategorie einordnete, mochte naiv sein. Immerhin kannte ich sie nicht. Doch konnte ich sie mir zumindest nicht als Kriminelle vorstellen. "Die Moirai haben dir einen schlechten Faden gesponnen. Hoffen wir, dass er im Laufe deines Lebens besser wird." Diese Worte meinte ich ernst, was vor allem aus der Art, wie ich sie sprach, erkennbar war. Schließlich verbeugte ich mich leicht, während ich leise "Danke für das Gespräch, Amytis," sagte.
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"Parthisch also. Ehrlicherweise spreche ich kein Wort dieser Sprache. Mein Freund Arpan hingegen hat die Sprache halbwegs verstanden, auch wenn er Skythe ist. Ich frage, wie es ihm gerade geht." Dabei dachte ich an Arpan, den ich sehr zu schätzen gelernt hatte. "Den Ort Dinavar kenne ich nicht. Zumindest erinnere ich mich nicht. Ich bin über Dura Europos und Babylon bis ans östliche Ende des Partherreichs, nach Margus... Margusch..." ich zog entschuldigend die Schultern hoch. "Parthisch liegt mir wirklich nicht. Die Seleukiden nannten den Ort Antiochia in Parthien. So bin ich jedenfalls durch das Partherreich gereist, bevor ich anschließend durch Kuschana weiter nach Osten reiste. Leider kam ich nicht dazu, mir allzuviel anzusehen. Die Karawane, mit der ich reiste, hatte kein Interesse an Stadtführungen." Kurz zeigte ich ein Lächeln. Dieses Lächeln war anders, als das höfliche Lächeln, welches ich zu zeigen pflegte. Es war ein ehrliches Lächeln, erinnerte ich mich doch gerne an die Reise zurück. Dann kam mir wieder in den Sinn, was Amytis gesagt hatte, oder eher, wie sie es gesagt hatte. "Deine Eltern sind keine Sklaven, oder?" Kurz hielt ich inne, bevor ich hinzufügte "Du brauchst die Frage nicht zu beantworten, falls du sie als zu persönlich empfindest."
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Ich noch mehrfach die Verbeugung üben. Die Form wurde besser, doch merkte man auch, dass bei vielen die Kraft nachließ. Als es dann Mittag war, ordnete ich eine Pause an. Der ältere Sklave, für den sich die junge Sklavin eingesetzt hatte, bat mich, ihn zu entlassen. Ich bat ihn, noch am Mittagessen teilzunehmen und mir danach mitzuteilen, wie er sich entschieden hatte. Wie sich zeigte, hielt er an seiner Entscheidung fest. Auf Grund seiner Selbsterkenntnis gab ich ihm einen zusätzlichen denarius als Peculium.
Als Mittagessen gab es leicht gesalzene puls aus Emmer. Dazu gab es Schüsseln mit Gemüse, Früchten, Honig und Gewürzen, so dass sich jeder seine puls nach eigenem Gusto anrichten konnte. Unter anderem gab es Datteln und als Gewürze standen auch gemahlener Koriander, Zimt und Pfeffer zur Verfügung. Ich selbst erhielt eine Schüssel mit Reis, den ich mit ein wenig Zimt verfeinerte. Die Sklaven erhielten je einen Löffel zum Essen, während ich meine Speise mit bronzenen Essstäbchen zu mir nahm, wenngleich mir bewusst war, dass Reis traditionell eigentlich mit der Hand gegessen wurde.
Ich hatte Stühle ins Atrium bringen lassen, damit sich die Sklaven setzen konnten, um ihren Rücken zu entlasten. Während wir speisten, winkte ich Amytis zu mir, weil mir endlich eine Erkenntnis gekommen war. "Amytis, ich denke die ganze Zeit schon über deine Sprachmelodie nach. Irgendwo hatte ich diesen Klang schon einmal gehört. Ist das ein leichter skythischer Akzent? Vielleicht Parthisch?"
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Ich nickte Sporus zu. "Gut so." dann wandte ich mich an alle. "Macht euch keine Gedanken darum, ob ihr synchron, also alle gleichzeitig, seid oder nicht. Das Ziel für heute ist die korrekte Haltung bei der Verbeugung. Um den Rest kümmern wir uns in den nächsten Tagen. Dabei werden wir auch eure Muskeln aufbauen, damit die Verbeugung problemlos eine Weile gehalten werden kann. Qǐng xínglǐ!" Dabei ging ich wieder ans Ende der ersten Reihe.
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Natürlich hatte ich es mitbekommen. "Píng shēn!" rief ich laut vernehmbar. Und nachdem sich alle aufgerichtet hatten, ging ich zu Sporus und stellte mich direkt vor ihn. "Weiter geradeaus blicken," sagte ich mit ruhiger, emotionsloser Stimme. "Du warst nicht synchron. Das ist nicht schlimm, dafür üben wir. Aber du hast gesprochen, ohne, dass ich dir das Wort erteilt hätte. Erste und einzige Warnung. Verstanden?"
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Ich nickte Amytis zu. "Gut, sehr gut."
Inzwischen fingen die ersten an, zu zittern. "Euer Verstand sagt euch, dass ihr nicht mehr könnt. Euer Verstand sagt euch, dass ihr euch aufrichten solltet. Glaubt mir, euer Verstand irrt sich. Ihr habt noch Reserven." Genau beobachtete ich, wie immer mehr Sklaven gegen die Ermüdung ihrer Muskeln ankämpften. "Nur noch ein wenig länger." Ich ließ noch ein paar Augenblicke verstreichen, bevor ich laut und deutlich die erlösenden Worte sprach. "Píng shēn!" Alle richteten sich wieder auf, manche schneller, manche langsamer. "Gerade stehen!" befahl ich. "Den Rücken gerade halten!" Dabei schritt ich die erste Reihe wieder ab und korrigierte hin und wieder die Haltung. Als ich am Ende ankam, blickte ich noch einmal über die Reihe. "Pause!" Man konnte die Erleichterung auf den Gesichtern sehen. Und bei einigen auch Zweifel, ob sie es schaffen würden. "Trinkt einen Schluck Wasser, esst etwas Obst. Versucht, eure Muskeln zu entspannen. Wir werden das heute noch ein paar Mal wiederholen. Eure Muskeln müssen passend aufgebaut werden."
Eine junge Sklavin kam auf mich zu und meinte, dass ich zu viel verlangen würde. Der ältere Sklave neben ihr hätte starke Rückenschmerzen gehabt. Das gab mir eine Idee. Kurz flüsterte ich Begoas etwas zu, der daraufhin in Richtung der Unterkünfte der Herrschaften verschwand. Nach kurzer Zeit kam er mit meinem prachtvollen serischen Schwert zurück. Ich stellte mich in etwas Abstand zu den Sklaven hin. "Alle mal herschauen, ich muss euch etwas zeigen. Mir wurde gesagt, dass ich zu viel verlangen würde. Seid gewiss, dass ich nichts verlange, was ich selbst nicht auch beherrsche." Ich zog das Schwert aus der Scheide, die in den Händen von Begoas blieb. Das goldene Rautenmuster auf der Klinge glänzte im Licht. In einer fließenden Bewegung stellte ich mich auf mein linkes Bein, während ich das recht Knie anzog, bis mein rechter Fuß auf Höhe des linken Knies war. Gleichzeitig streckte ich den linken Arm seitwärts aus, wobei Zeige- und Mittelfinger der linken Hand zusammenlagen und nach oben zeigten, während die restliche Hand eine eine Faust war. Den rechten Arm hielt ich so, dass das Schwert über meinem Kopf nach links zeigte und auch meinen Blick richtete ich nach links. Ich verharrte in dieser Pose, auf einem Bein, für fast zehn Minuten. Ja, nach fünf Minuten zitterte ich auch leicht und Schweißperlen formten sich auf meiner Stirn, doch blieb mein Gesicht gelassen und der Blick war stur auf ein Ziel knapp einen passus vor meiner linken Hand gerichtet, wenngleich dort nur Luft war. Am Ende stellte ich in einer fließenden Bewegung meinen rechten Fuß wieder auf den Boden, während ich den linken Arm zurückzog und mein Schwert in der rechten Hand so drehte, dass es von hinten an meinem rechten Arm lehnte. "Ich verlange nicht, dass ihr auf einem Bein steht. Ich verlange nur eine Verbeugung. Wenn ich so etwas schaffe, werdet ihr doch wohl eine Verbeugung schaffen, oder?" Als Begoas mir die Schwertscheide präsentierte, steckte ich die Klinge mit einer fließenden Bewegung wieder zurück. Er brachte die Waffe wieder außer Sichtweite und an ihren Platz in meinem Cubiculum zurück und kam anschließend mit einem Baumwolltuch zu mir. Ich nahm das Tuch und tupfte mir den Schweiß von der Stirn, um es anschließend mit einem "Danke" und einer kaum merklichen Verbeugung wieder an Begoas zu reichen.
Anschließend ging ich zu dem Tisch mit dem Wasser und nahm mir, so wie es die meisten Sklaven auch getan hatten, einen Becher mit Wasser, den ich in kleinen Schlucken austrank, um anschließend wieder an meinen Platz vor den Sklaven zu gehen. "Die Pause ist vorbei, alle wieder aufstellen. Amytis, stell dich bitte wieder neben die zweite Reihe." Ich gab allen einen kurzen Moment, bis sie wieder an ihrem Platz waren, und sagte dann laut "Qǐng xínglǐ!"
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Nach dieser Zustimmung aller ging ich an die Seite der ersten Reihe, so dass ich alle in einer Reihe stehen sah. Gleichzeitig signalisierte ich Amytis, sich so neben mich zu stellen, dass sie die zweite Reihe so im Blick hatte, wie ich die erste. Nachdem sie an ihrem Platz war, rief ich deutlich vernehmbar, aber nicht so laut, dass man es als unangenehmes Schreien wahrnehmen würde "Qǐng xínglǐ!" Dabei zog ich die letzte Silbe etwas in die Länge. Nachdem ich geendet hatte, verbeugten sich alle nach vorne, auch wenn dort niemand stand. Es war sogar halbwegs synchron.
Sorgsam blickte ich über die erste Reihe. Ich erkannte, dass sich jemand zu gering verbeugte. Und ich erkannte, dass drei Rücken bei der Verbeugung nicht gerade waren, sondern gebogen. Zunächst ging ich zu dem Sklaven, der sich nicht tief genug verbeugte. Mit sanftem Druck auf seine Schultern sorgte ich dafür, dass er sich tiefer verbeugte, bis die richtige Tiefe erreicht war. "Genau so bleiben. So ist es richtig," sagte ich mit ruhiger, sanfter Stimme. Dann ging ich zum ersten Sklaven, der den Rücken nicht richtig streckte. Ich drückte den Rücken etwas durch und legte gleichzeitig meine andere Hand auf sein Brustbein, damit dieser Teil nicht tiefer hinab gedrückt wurde. Irgendwann war der Rücken gerade. "So bleiben. Du musst diese Muskeln," dabei tippte ich auf Rückenmuskeln, "anspannen." Bei den anderen beiden wiederholte ich dieses Vorgehen.
Langsam ging ich die Reihe entlang und betrachtete jeden einzeln. Hier und da korrigierte ich die Haltung. Mit der Zeit fiel es den meisten Sklaven schwerer, die Verbeugung zu halten. Das merkte ich daran, dass ich mehr korrigieren musste. "Wie sieht es in der zweiten Reihe aus, Amytis?" fragte ich ruhig.
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"Gut. Nachdem das geklärt ist, müssen wir natürlich auch zu einem geordneten Ende der Verbeugung kommen. Die Anweisung hierzu lautet píng shēn. Das bedeutet wörtlich in etwa Körper aufrichten. Wie bei dem Befehl zur Verbeugung warten wir auch hier einen halben Atemzug nach dem Ende der Silbe shēn und richten uns dann wieder auf. Ich erwarte, dass danach jeder gerade steht, so wie ich jetzt, und den Blick nach vorne richtet." Dann wandte ich mich an die Sklavin. "Amytis, du wirst dich nicht mit verbeugen, sondern dich seitlich neben die zweite Reihe stellen und darauf achten, wie sich alle in der zweiten Reihe verbeugen. Wenn du siehst, dass jemand den Rücken nicht gerade hält, sich zu tief oder nicht tief genug verbeugt, wirst du hingehen und die Haltung kontrollieren. Ich werde mich in gleicher Weise um die erste Reihe kümmern und direkt neben dir stehen, falls du Fragen hast." Dabei schenkte ich ihr ein kurzes, freundliches Lächeln. Anschließend schweifte mein Blick über alle Anwesenden und ich fragte "Gut, wollen wir mit dem Üben anfangen?"
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"Nein, nachdem lǐ zu Ende gesprochen wurde." Ich dachte kurz nach. "Ich zeige euch, was ich meine. Bitte jetzt nicht verbeugen. Qǐng xínglǐ." Ich wartete einen halben Atemzug, bevor ich mich formvollendet und nicht zu schnell verbeugte. Als ich mich dann wieder erhob, fragte ich in die Runde "Haben es alle verstanden?"
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Ich sah zu Sporus. "Du hast eine Frage? Bitte, erhebe dich und sprich frei heraus."